Zur Aktualität von Charles Fourier – Spätaufklärer und Frühsozialist

Lesedauer: 21 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Paradox-A / März 2014

von Jonathan Eibisch

I Eine Entdeckung, welche die Welt verändern würde

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Als großherziger, nachdenklicher und sehnsüchtiger Mensch beschäftigen Sie sich Jahre ihres Lebens damit, ein Rezept für einen Verjüngungstrank zu finden. Auch wenn Sie nie Chemie studiert haben, experimentieren Sie privat mit verschiedensten Zutaten und Verfahren, weil sie der brennende Wunsch nicht los lässt, die Formel diesen Tranks zu finden, welcher ewige Jugend bescheren würde. Es geht Ihnen dabei gar nicht um sich selbst, sondern um die ganze Menschheit, welche davon augenscheinlich profitieren würde. Oder: Sie arbeiten an der Erfindung einer Zeitmaschine, wenngleich sie nie Physik studiert haben. Sicherlich, Sie haben über verschiedene Theorien dazu gelesen und sich verschiedene technische Fähigkeiten angeeignet. So sitzen Sie also in einer Garage und schrauben an diesem monströsen technischen Apparat herum, mit der festen Überzeugung, kurz vorm technischen Durchbruch zu sein, welcher das Leben der ganzen Menschheit, quasi die komplette existente Welt vollständig verändern würde.

Und dann – Gott weiß warum, wahrscheinlich, weil ER es so verfügt hat – geschieht es: Sie finden das Verfahren, den Verjüngungstrank herzustellen, Sie entdecken die Zeitmaschine! Das Unvorstellbare wird wahr und der Beweis ist also erbracht. Doch im Moment Ihrer Erfindung explodiert das chemisches Labor und die Zeitmaschine schmilzt zu einem hässlichen Klumpen zusammen. Sie haben selbst gesehen, dass der Trank wirkt, dass die Maschine funktioniert, und können die Verfahren zur Herstellung oder die Bauanleitung in allen Einzelheiten beschreiben – nur bräuchte es eines erneuten Beweises ihrer Erfindung in der Praxis, wozu ihnen die Mittel fehlen. Verzweifelt schlagen sie wild um sich und raufen Sie sich die Haare. Dann aber besinnen Sie sich, setzen sich an den Schreibtisch und beginnen einfach nur zu schreiben.

Ähnlich könnte es dem sozialwissenschaftlichen Vordenker Charles Fourier gegangen sein, der bis zu seinem Lebensende von seinen alles verändernden Entdeckungen absolut überzeugt war und erfolglos auf einen reichen Gönner wartete, der seine Vorstellungen in einem Großexperiment umsetzen würde. Nur, dass sich Fourier nicht mit solchen Lächerlichkeiten wie Verjüngungstränken oder Zeitmaschinen beschäftigte. Ersteres eine mittelalterliche alchemische Idee, letzteres eine technische Utopie der Moderne, galt Fouriers fanatisches Interesse einer umwerfenden Vorstellung, die mit ihm und anderen Protagonisten in seiner Zeit entstehen musste: Der Gestaltbarkeit und konkreten Einrichtung der menschlichen Gesellschaft mit keinem geringerem Ziel als der Verwirklichung des universellen Glücks jeden einzelnen Mitgliedes im Verbund mit anderen; in sogenannten Phalanstèrien oder ländlichen Assoziationen.

In seinen Schriften gehen bis ins letzte Details ausgearbeitete utopische Entwürfe der zukünftigen Gesellschaft einher mit zeitkritischen Diagnosen zu verschiedensten Themen, vermeintlich wissenschaftliche Abhandlungen mit scharfen Polemiken gegen seine Kritiker und theoretisch-schriftstellerischen Konkurrenten. Wer Fourier mit Interesse liest, zweifelt erst an dessen, ab einem gewissen Punkt aber unweigerlich an seinem eigenen Verstand – dann nämlich, wenn die Leserin voll Entsetzen begreift, dass Fourier seine Ausführungen vollkommen ernst meint und dafür Argumente aneinanderreiht, welche in seinem System absolut logisch erscheinen müssen.

Im wahrsten Sinne des Wortes geben Fouriers Abhandlungen uns einen Vorgeschmack auf die ’neue industrielle und sozietäre Welt‘, nach deren Verwirklichung das Zeitalter der Harmonie anbrechen wird, wo die Meere nach Limonade schmecken, Süßigkeiten das Hauptnahrungsmittel bilden und sich eine Mahlzeit bei Reichen aus 30 Gängen zusammen-setzt, während Arme sich mit zehn begnügen müssen. Fourier versucht uns zu bezirzen und für die neue Gesellschaftsordnung in Assoziationen zwischen 1620 und 2000 Personen zu verführen, so wie Menschen im allgemeinen sich ja weniger aus Vernünftgründen, denn aus ihren Leidenschaften dazu entschließen, bestimmte Verhältnisse einzugehen. Die zukünftige Gesellschaft soll uns anmachen, unsere Begierde wecken: unsere Begierde danach, dass all unser Begehren erfüllt werden mögen. Gilt es in der bürgerlichen Gesellschaft zwar logischerweise, aber von der Natur her völlig zu Unrecht, als pervers, sexuelle Befriedigung darin zu erfahren, der Partnerin lediglich die Füße zu kitzeln oder sich als sechzigjähriger Mann in einem Kleinkindkostüm von einer Domina leicht den Hintern versohlen zu lassen, wird sich über dieses Bedürfnis in der künftigen freien neuen Liebeswelt niemand mehr wundern. Stattdessen wird mit vollem Eifer darauf hingearbeitet, dass jeder Mensch seine spezifische Befriedigung erfahren kann. Gearbeitet wird ohnehin sehr viel werden, sodass die überbordende Produktion bisweilen gedrosselt und neue Formen der Steigerung des Konsums ersonnen werden müssen, um all die Güter loszuwerden, die nicht für Profitinteressen, sondern für ihren Gebrauch produziert werden. Allerdings aber wird die Arbeit – völlig unvergleichbar mit der heutigen Zeit – eine anziehende, freudige und spannende Tätigkeit sein, die nie langweilig wird, weil die glücklich Assoziierten alle zwei Stunden in einer anderen ‚Serie‘, einer Gruppe von 30-50 Menschen mit einer Tätigkeit beschäftigt sind, sodass sie wöchentlich in mindestens 30 solchen Gruppen zu tun haben.

Solcherlei utopische Gedanken, die in Fouriers Schriften bis in die letzten Winkel entfaltet werden, stehen auf komplizierte Weise verbunden neben einer bis heute seriösen und treffenden Kritik an der Institution der bürgerlichen Ehe, der ‚Verlogenheit‘ des Handelns, der schlechten Organisation der Wirtschaft, der sozialen Frage, namentlich in Bezug auf die Armut, sowie der ‚philosophischen‘ Moral, welche den gesellschaftlichen Zustand erschafft, rechtfertigt und fortdauern lässt. Beobachtet, deutet und brandmarkt Fourier mit scharfem Blick die Probleme seiner (und unserer?) Zeit, kann er ihre tieferen Ursachen und inneren Zusammenhänge dennoch nicht ergründen, auch wenn er mit einer Art protosozialwissenschaftlichen Perspektive, einzelne Themen im gesellschaftlichen Zusammenhang sieht. Und so kommt es, dass er seiner Verachtung gegenüber Chinesen, Juden und Engländern ebenso Ausdruck verleiht, wie seinen Gedanken, aufgrund derer er bis heute Achtung erfahren sollte; unter anderem jenem, dass das Maß der Freiheit der ganzen Gesellschaft jenes der Emanzipation der Frauen sei. Oder der Forderung eines Rechtes auf Arbeit, auf anziehende, menschenwürdige Arbeit, zur Garantie eines Mindesteinkommens, welches die Voraussetzung sozialen Glücks und des Nutzens der, nach der französischen Revolution nur formal gewährten, Freiheit aller darstellt. Neben ständigen Einwürfen, in welchen Fourier idiosynkratisch seine eigene Genialität feiert und sich, nicht mehr bloß narzisstisch sondern megalomanisch, als neuen Messias offenbart, spricht aus seinem Werk eine tiefgründige Liebe zum Menschen, welche er mitleidig als Produkte der Gesellschaft ansieht. Insbesondere zeigt sich dies in seiner liebevollen Betrachtung und Beschreibung von Kindern, die in der Phalanstère in Horden auf kleinen Ponys reiten und altruistisch die unangenehmen Aufgaben übernehmen werden. Selbst hatte Charles Fourier nie Kinder, wurde aber zum Vater eines Ansatzes antiautoritärer Pädagogik.

II Von vernünftiger Organisation, freier Liebe und Limonadenmeeren

Um einen Einblick in die weite theoretische Beschäftigung Fouriers zu geben, sollen nun einige Kerngedanken Fouriers angerissen werden. Was aus seiner Perspektive alles hoch systematisch und logisch geordnet dargelegt ist, lässt sich für den Leser an vielen Stellen nicht leicht im Zusammenhang nachvollziehen. Große Bedeutung für spätere Theoriebildung hat seine Kritik an der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft, welche in seiner Epoche im Entstehen begriffen ist. Sind seine Analysen verkürzt oder unzulänglich, erfuhr er trotz seiner schriftstellerischen Exzesse wohlwollende Würdigung zum Beispiel durch Friedrich Engels, Karl Marx, Moses Hess und August Bebel. Letzterer, Gründungsfigur der sozialdemokratischen Bewegung, widmete Fourier eine vieldiskutierte Schrift, welche seinen Gedanken im deutschsprachigen Raum zur Verbreitung verhalfen, wenngleich die Fourieristen, die sich explizit auf diesen beriefen, selbst in Frankreich, nie mehr als eine kleine ideologische Sekte bildeten.

Die Theoriebildung erfolgt entlang beziehungsweise parallel zur Kritik der bestehenden Gesellschaftsordnung. Allem vorangestellt sei dabei, dass Fourier zwar nicht radikal, aber doch fundamental, die vorfindliche Ordnung für schlecht hält. Sein erstes Hauptfeld der Kritik bezieht sich auf den ‚Handel‘ und die schlechte Organisation der Wirtschaft, welche zu Überproduk-tion führte, während andere Menschen hungern mussten. Anders als viele andere erkannte er dabei, dass ein Zusammenhang zwischen dem Überfluss der einen und der Armut der anderen bestehe, weswegen die industrielle Gesellschaft noch wesentlich mehr als jene früherer Epochen zu kritisieren wäre, da sie potenziell alle Mittel bereitstelle, um jedem Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Jedoch führten Spekulation, ‚Betrug‘ und die maßlose Gier der Reichen zum Leben in Armut für viele und die schlechte Einrichtung der Wirtschaft zeige sich nicht zuletzt in den regelmäßigen Wirtschaftskrisen, welche kein sinnvolles Produzieren nach Bedürfnissen, sondern sogar die irrationale Vernichtung von Gütern bewirkten.

Erstrebenswert ist für Fourier keine völlig gleiche Gesellschaft, sondern eine, welche allen Menschen ein Existenzminimum gewährt und zwar dadurch, dass sie einen gerechten Anteil am von ihnen erwirtschafteten Reichtum erhalten. Ausgehend von den Untersten in der Gesellschaft fordert er Arbeit für alle, was auf den starken Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Armut und die völlige Durchsetzung der Lohnarbeit auch schon in der Frühphase des Kapitalismus‘ hindeutet. Auf der einen Seite gibt es die notwendig Arbeitssuchenden, auf der anderen hingegen die Bezieher von Einkommen ohne seriöse Arbeitsgrundlage: Spekulanten, reiche Bezieher von Zinsen und Renten, ‚betrügerische‘ Händler, sowie all ihre Handlanger: Beamte, Polizisten, Soldaten und Gefängniswärter, deren es in der künftigen Welt kaum mehr bedürfe, und welche vom möglichen Wohlstand der gesamten Gesellschaft zehrten.

Dies ist grob die ökonomische Dimension Fouriers Kritik, welche aber mit seiner Kritik der bürgerlichen Ehe insofern verknüpft ist, als dass diese Wirtschaft und Gesellschaft in kleinste, ökonomisch widersinnige wirtschaftliche Einheiten (die einzelnen ehelichen Haushalte) aufteile, wo Produktion und Konsum in gemeinschaftlichen Formen doch viel sinnvoller und ressourcensparender geschehen könnte. Die Ehe ist grundsätzlich eine unnatürliche Verbindung, da Menschen unmöglich gezwungen werden könnten, ein halbes Leben lang denselben Partner, dieselbe Partnerin zu begehren. Wie es Fourier aus dem, was er im alltäglichen Leben der Menschen sieht beurteilt, scheint es hingegen eher die Regel zu sein, dass das sexuelle Begehren sich eher kurzfristig auf eine bestimmte andere Person richtet, während man mit dieser nach einer Phase sexuellen Kontakts aber genauso in freundschaftlicher Beziehung stehen könne. Beziehungsweise sei es genauso normal, zur gleichen Zeit mit mehreren Menschen eine sexuelle Beziehung zu pflegen, die in ihrer Intensität und Dauer jeweils durch-aus sehr unterschiedlich sein können, wobei die Pflege der Kinder eigentlich als eine gesellschaftliche Aufgabe betrachtet werden müsse. Die bürgerliche Ehe sei keine liebevolle Liaison, die auf Sympathie und gegenseitiger Anziehung beruhe, sondern eine Zwangsverbindung, bei welcher es vielmehr um eine Anziehung des Geldes, also dem Streben nach einem ökonomisch potenten familiären Unternehmen, ginge. Neben dem vorprogrammierten permanenten Betrug, gehe dieses Verhältnis vor allem zu Lasten der Frauen, welche keinem Beruf nachgehen könnten und in völliger Abhängigkeit ihrer Ehemänner dahinvegetieren müssten, während ihnen gleichzeitig das Ausleben ihrer Sexualität viel weniger gestattet sei, als den Männern.

Diese beiden Themen, die Kritik am Handel und den ökonomischen Verhältnissen, wie auch der bürgerlichen Ehe und Unterdrückung der Frauen, eint Fouriers Kritik an der Moralphilosophie und der neu entstehenden politischen Ökonomie. Erstere diene dazu, die berechtigten und natürlichen Leidenschaften (Passionen) der Menschen, worunter Fourier Triebe, aber auch Vorlieben und Interessen versteht, zu unterdrücken anstatt ihre Befriedigung zu ermöglichen und zu fördern. Nahezu allen Philosophen von der Antike bis zu seiner Zeit sei gemeinsam, dass sie die Vernunft gegen die Leidenschaften ins Feld führten, im Sinne ihrer Unterdrückung, Verdrängung, ihrer Mäßigung, Regulierung oder der Verlagerung ihrer Erfüllung ins Jenseits. Dabei handele es sich in allen Fällen um Doppelmoral, da die moralischen Verbote, Empfehlungen oder Konventionen mit Argusaugen in ihren Geltungsbereich bewacht würden, während sich die Leidenschaften im Verborgenen in pervertierter und exzessiver Form Bahn brächen. Was die ökonomischen Wissenschaften angeht, hält sie Fourier im Grunde genommen für die institutionalisierte wissenschaftliche Legitimation der falschen wirtschaftlichen Einrichtung der Gesellschaft. Ihre grundsätzlichen Annahmen zum Beispiel in Bezug auf Knappheit der Ressourcen, die Preisbildung oder die Konkurrenz hätten mit der Realität nichts zu tun und wären nicht aus ihr entwickelt worden. Trotz aller Gedankengebäude, welche sich Moralphilosophen und Ökonomen errichtet haben, wäre es ihnen nie gelungen, das Problem der sozialen Frage im entferntesten Sinne zu lösen, geschweige denn überhaupt zu behandeln. Dies trifft ebenfalls auf die politischen Wissenschaften zu. Schon aufgrund dieser Tatsache müssten sie daher verworfen werden und bräuchte es neue Ansätze, neue Fragestellungen und Methoden zur Erfassung gesellschaftlicher Prozesse und Verhältnisse. Wenn auch nicht ausgereift, zeigt sich hierbei Fouriers Bedeutung für die spätere Entwicklung der Sozialwissenschaften, was einen Friedrich Nietzsche und Karl Marx inspirieren konnte.

In einem dialektischen Denkprozess von Kritik und eigenen Annahmen entfaltet Fourier seine Theorie, bei welcher hier lediglich drei Aspekte anklingen sollen. Zunächst wäre da seine ‚Theorie der vier Bewegungen‘, welches der Titel seines ersten Werkes ist. Vereinfacht gesagt gäbe es in der Welt die Kategorien der mechanischen, der organischen, der animalischen und der sozialen Bewegungen. Verständlicherweise ist letztere lediglich in der menschlichen Gesellschaft zu finden. Was jedoch vollkommen überrascht, ist, dass Fourier diese als den anderen Bewegungen vorgeordnet und diese bestimmend ansieht. Dies bedeutet konkret, dass der gesamte Kosmos die menschliche Gesellschaft in ihrer Struktur nachahmt und der Mensch den Mittelpunkt des Universums bildet. Weil die Gesellschaft nun aber schlecht eingerichtet sei, wäre die Umwelt den Menschen auch in vielerlei Hinsicht feindlich, was an den zahlreichen Widrigkeiten zu sehen wäre, welche die Menschheit umgeben. Interessant ist, dass Fourier nicht von der Vorstellung einer ursprünglichen Natur ausgeht, von welcher sich der Mensch entfremde – für die Vorstellung eines vermeintlich besseren Naturzustandes kritisiert er dabei zum Beispiel Rousseau – sondern behauptet, das jede Gesellschaft eine ihr entsprechende Natur erzeuge. Der Mensch als Mittelpunkt und Maßstab der Welt, dem Gott die Welt in bester Absicht zur Verfügung gestellt hat, nämlich, damit sie in jeder Hinsicht zur Erreichung seines Glückes dienen solle, wird somit zum Schöpfer seiner eigenen Lebensumstände. In der eigenen Verantwortung der Menschheit liegt es von daher, eine ihr genehme Welt zu erzeugen, wobei es ihr um die sinnvolle Einrichtung der Gesellschaft zu tun ist.

Bis zu diesem durchaus progressiv und verständlich, verlässt Fourier spannenderweise den Raum des ‚gesunden Menschenverstandes‘, denn mit vernünftigerer Ordnung (wobei als vernünftig gilt, was ein ungehindertes Ausleben der Leidenschaften ermöglicht), verändern sich auch die anderen Bewegungen. Das bedeutet, dass sich das Klima weltweit erwärmt und die nördlichen Breitengrade angenehme Temperaturen von Andalusien annehmen. Auf diese Weise wird der Anbau von Zuckerrohr günstiger als der von Weizen. Die vormals feindlichen Tierarten werden dem Menschen freundlich und nutzbar, sodass Anti-Löwen Wagen und Anti-Haie Schiffe durch das Limonadenmeer ziehen. Die anderen Planeten verharren nicht mehr in ihrem reservierten Abstand, sondern kommen der Erde näher um sich mit Anbruch eines neuen Zeitalters mit ihr zu paaren und neue Himmelkörper zu zeugen. Schließlich wäre nicht einzusehen und auch nicht vorstellbar, warum die Genussfähigkeit des Menschen mit seinem Tode erlöschen sollte, sodass es auf der Hand liegt, dass er nach dem irdischen Tod auf andere Planeten übersiedelt, wo er seinen Lebenszyklus auf höherer Ebene durchleben wird. Allerdings, so muss hier festgehalten werden, währt der Zustand der Harmonie lediglich 40000 Jahre und entwickelt sich dann im selben Verlauf wieder zurück.

Selbstverständlich sind Fouriers Berechnungen genau und dennoch weiß er, dass er zu seinem historischen Zeitpunkt kurz vor dem qualitativen Sprung in das neue, das fünfte Zeitalter der Menschheit ist, welches er offensichtlich allzu gerne noch erleben möchte. Diese Entwicklung ließe sich befördern, wenn nur eine Versuchsphalanstère gegründet würde, welche innerhalb weniger Jahre schon die halbe Menschheit von ihren Vorteilen überzeugt haben würde. Fouriers Anhänger wiesen ihn allerdings darauf hin, dass sich ein Förderer seiner Versuchsphalanstère wohl eher würde blicken lassen, wenn er sich in künftigen Abhandlungen mit seinen esoterisch anmutenden Spekulationen zurückhalten würde. Auch wenn Fourier dieser Empfehlung Folge leistete ist es wohl aber wahrscheinlicher, dass er Vorwürfe in der Richtung, er betriebe esoterische Spekulation entschieden von sich gewiesen und lediglich auf die logische gedankliche Entwicklung seines Systems nach den von ihm entdeckten Prinzipien der vier Bewegungen verwiesen hätte.

Als Zweites wäre die bahnbrechende Entdeckung zu nennen, welche Fourier gemacht zu haben glaubte und welche wahrscheinlich seine grundlegendste Annahme darstellt: das Prinzip der ‚leidenschaftlichen Anziehung‘, welches er selbst als den ’sozialen Kompass‘ bezeichnet, nach dem die gesellschaftliche Ordnung zu strukturieren sei. Die Idee dahinter wirkt simpel: Menschen schließen sich nicht aus der Notwendigkeit für ihr individuelles Überleben zusammen, während sie sich sonst in einem fiktiven ‚Naturzustand‘ Feind wären, sondern, weil sie eine naturgegebene Attraktion zueinander empfinden, das heißt, gemeinsame Interessen teilen. Je nach Interesse und Vorlieben finden sich Menschen in Gruppen, was allerdings temporär, in Bezug auf die jeweilige Tätigkeit, das jeweilige Interesse der Gruppe geschieht. So kann ein Individuum wie beispielsweise ein Charles Fourier in den Gruppen der Blumenzüchter, der Katzenliebhaber, der Sozialtheoretiker, der Erzieher und vieler anderer freiwillig und so lange es ihm beliebt Mitglied sein. Viel genauer jedoch wäre er Mitglied der Gruppen der Züchter von Tulipa dasystemon, der Liebhaber von Chartreux-Katzen, der megalomanischen frühsozialistischen Sozialtheoretiker, sowie der antiautoritären Erzieher, welche Kinder schon früh in kleinen Horden organisieren wollen.

Die Mitgliedschaft in den verschiedensten Gruppen, je nach ganz eigenem Geschmack und Interesse, ermöglicht somit einen gesellschaftlichen Zusammenhalt, in welchem alle Menschen miteinander direkt und indirekt verbunden sind. Auf wundersame Weise führt das Verfolgen der rein individuellen Leidenschaften zu einer Beförderung des gesamtgesellschaftlichen Wohles. Anders als bei liberalen Theoretikern kann das jedoch nur in einer richtig eingerichteten Assoziation möglich werden, da nur diese eine absolute Entfaltung der Leidenschaften garantiert, ohne ihr moralische Restriktionen aufzuerlegen. Auch entwickelt Fourier Gedanken um Konkurrenz, besser gesagt, Wettbewerb, welcher umso härter einsetzt, je näher sich die Gruppen in ihrem Interesse, zum Beispiel bei der Tulpenzucht sind. Dieser zielt aber keineswegs auf eine Profitsteigerung ab, sondern auf eine preisgekrönte Verschönerung und Verfeinerung des gemeinschaftlichen Lebens. Damit ist nicht gesagt, dass sich alle Menschen mögen. Wäre dies der Fall, könnte Fouriers System nicht funktionieren, denn ganz im Gegenteil ist die Antipathie ebenso Quelle produktiver Betätigung und gäbe es zu wenig Unstimmigkeiten und Zwistigkeiten, müssten sie befördert werden. Jedoch – das ist entscheidend – gleichen sich alle denkbaren Charaktere mit all ihren spezifischen Vorlieben in der Phalanstère auf perfekte Art und Weise aus. Dieses „umwerfende und verborgene Naturgesetz“ erkannt zu haben, schreibt sich Fourier auf die Fahne und offenbart es in seiner „Gutmütigkeit“ dem Rest der Menschheit. Damit er sich jedoch nicht dem Vorwurf der „Ungenauigkeit“ aussetzt oder Leserinnen zu „falschen Schlüssen“ kommen, hat er schon einmal alle denkbare 1620 Charaktere nach 12 Grundleidenschaften berechnet.

Schließlich entwickelt Fourier, wie schon mehrfach angeklungen, eine ausgefeilte Theorie über die Konstruktion, Funktionsweise und Architektur ‚ländlicher Assoziationen‘ oder ‚Phalanstèrien‘. Wie ein Kind beim konzentrierten Bauen von Lego-Welten, wie ein Konstrukteur am Reisbrett, wie ein stolzer und zärtlicher Besitzer eines riesigen Puppenhauses oder wie ein Spieler des berühmten Computerspiels „Die Sims“ geht er dabei vor und erschafft seine Welt für seine Menschen, auf das ihnen nichts als Glück beschert sein solle. Verschiedenste Aufgaben gibt es in den Phalanstèrien zu erfüllen, verständlicherweise viele von jenen in der Zivilisation, nur wesentlich ausgefeilter, angenehmer, wechselhafter als in dieser. Es mutet äußerst seltsam an, dass Fourier trotz unglaublichster Umgestaltung des menschlichen Zusammenlebens dennoch davon ausgeht, dass es auch in der sozietären Lebensform mindestens fünf verschiedene Einkommensklassen geben wird, was er mit der Notwendigkeit der Unterschiedlichkeit der Menschen begründet.

Wirkliche Herrscher gibt es in den Phalanstèrien jedoch nicht, sondern lediglich leitende Beamte, die über Fragen von Aussaat und Ernte und dergleichen bestimmen sowie ‚Prunkbeamte‘, deren Aufgabe es ist, glänzende Feste zu organisieren und mit allerlei Symbolen das soziale Zusammenleben zu repräsentieren. Darüber hinaus wählen sich die einzelnen Serien jeweils Vertreterinnen – ganz gleichberechtigt Frauen, Männer oder Kinder – um die Gemeinschaft oder den Austausch von Gütern zu organisieren. Die einzelnen Phalanstèrien stehen miteinander in Austausch und im friedlichen Wettstreit. Sollte es wirklich einmal zu ernsteren Auseinandersetzungen kommen, ziehen große Heeren auf – und entsenden ihre besten Köche und Gourmets um ihre Zwistigkeiten in einem kulinarischen Wettstreit miteinander auszutragen. Ansonsten jedoch bleibt es friedlich und von der Welthauptstadt Konstantinopel aus wird weise regiert – was es in der Harmonie noch zu regieren gibt, wo sich alles selbst organisiert und selbst reguliert, lässt Fourier jedoch offen. Harmonie bedeutet jedoch nicht, dass alle unsere Wünsche wahr werden. Nein, weiterhin gibt es, wenn auch selten, Enttäuschungen über eine misslungene Arbeit, darüber, dass ein Partner nicht die gleiche Anziehung empfindet oder Wut über einen verlorenen Wettkampf. Abgesehen davon, dass dies für die Produktivität der Assoziation und den sozialen Zusammenhalt in ihr notwendig ist, steht einem enttäuschten Mitglied dann eine Glückssträhne zu, für deren Zustandekommen die Gesellschaft verantwortlich ist. Die Phalanstère-Gemeinschaft ist in einem einzigen Gebäude untergebracht, welches vierstöckig und ungefähr 600 Meter lang ist. Die einzelnen Verbindungsgänge zwischen verschiedenen Gebäudeteilen, sowie jene zu anderen Phalanstère sind überdacht und klimatisiert, sodass sie gegen alle Wetterereignisse schützen. Das zur phantastischen Phalanstère noch eine Kirche und einen Exerzierplatz gehört, ist für Fourier ebenfalls klar.

III Ein Aufklärer der ganz eigenen Art im sogenannten Zeitalter der Vernunft

Nachdem schon allerlei von Fouriers Gedanken dargelegt wurde, versteht es sich von selbst, dass sie – unabhängig ihrer Plausibilität – in ihrem zeitlichen Kontext verortet werden müssen, um für uns zumindest nachvollziehbar zu werden. Charles Fourier lebte von 1772 bis 1837, erlebte also die Französische Revolution und ihre umwälzenden Nachwirkungen, welche als praktische politische Konsequenz der Aufklärung und damit auch als ihr Höhepunkt gilt, direkt mit. Das sich die Gesellschaft vollständig verändern könne, dies vielleicht sogar zwangsläufig tun würde, war insofern keine verrückte Vorstellung Fouriers, sondern ein prägendes Erlebnis in seiner Biografie. Insbesondere im Feld der Literatur entstand in Gegnerschaft zur ‚klassischen‘ Aufklärung die Romantik, wobei die sogenannte Gegen-Aufklärung mit ersterer parallel verlief. Was aber war Fouriers eigene Position in Bezug auf diese dominante Denkweise seiner Zeit, der schon im Vergehen begriffenen, Epoche der Aufklärung?

Im Gegensatz zu den Romantikern konstruiert Fourier keine Bilder einer vermeintlich besseren Vergangenheit. Die Romantiker wendeten sich dem Gefühl zu und man könnte meinen, Fouriers Betonung der Leidenschaften vollzieht diese Bewegung mit. In der Tat grenzt er sich von einer Überbetonung der Vernunft ab, meint jedoch das maximale menschliche Glück konkret verwirklichen zu können, wenn die Gesellschaft nur vernünftig eingerichtet werden würde. Hierbei offenbart Fourier auch einen Zukunfts- und Fortschrittsoptimismus, welcher ganz dem aufklärerischen Gefühl folgt. Eine Aufklärung, die sich als Erleuchtung, als Erhellung, versteht, ist ganz im Sinne Fouriers. Ja, in der Tat, er möchte seine unglaublichen Erkenntnisse weitergeben, welche in ihrem System absolut Sinn ergeben. Fourier möchte die Menschen ehrlich und wirklich erhellen und weiß, dass er selbst der Lichtbringer ist – weil ihm diese Aufgabe nun einmal von Gott zukam.

Doch das Licht der Erkenntnis lässt sich nur von den Suchenden sehen, von jenen, die sich erleuchten lassen wollen. Auch hier geht Fourier ganz mit den Aufklärern d’accord wenn er Geschaftsveränderung nicht durch politische Revolution, sondern durch die freiwillige Einsicht der Menschen erreichen will. Die Französische Revolution und ihre Auswüchse wurden von Fourier verabscheut, weil sie ihm einerseits viel zu brutal und darin auch irrational war während sie ihm was die gesellschaftliche Veränderung anging, nicht weit genug ging. Wenn die Französische Revolution aber als logische politische Folge aufklärerischer Gedanken angesehen wird (ohne, dass alle Aufklärer diese direkt herbei geschrieben hätten), so kann Fourier als ultra-aufklärerisch angesehen werden. Schließlich hielt er an der Idee der vernünftigen Überzeugung selbst dann fest, als andere daran schon längst resigniert waren und sich entweder ins Private zurückzogen, sich mit den Verhältnissen arrangierten indem sie als Intellektuelle Teil der politischen Klasse wurden (beziehungsweise es ohnehin schon waren), oder nach politischer, teilweise gewaltsamer, Umsetzung ihrer Gedanken strebten.

Jedoch kritisiert er die Auswüchse der politischen Revolution auch konkret anhand ihres eigenen Anspruchs, die Trias Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit zu verwirklichen. Statt dieser ideologischen Phrase herrsche nämlich de facto Hunger, Zwang und Polizei, wobei die hohle Proklamation der Menschenrechte ohne das Recht auf Brot und Arbeit nutzlos und eine Täuschung sei. An dieser Stelle wiederum verlässt Fourier den Rahmen aufklärerischen Denkens und muss als post-aufklärerisch angesehen werden, der das Scheitern aufklärerischer Ideen miterlebt, seine Schlüsse daraus zieht und insbesondere aufgrund seiner sozialen Ansichten gemeinhin als Frühsozialist gilt und gelten kann.

In diesem Zusammenhang kann Fouriers Denkweise auch als eine Wendung vom aufklärerischen, eher ‚idealistischen‘, zu einer Vorform ’sozialistisch-materialistischen‘ Denkens betrachtet werden. Wenngleich die Kategorien Idealismus und Materialismus mit Vorsicht zu genießen sind, spielen sie doch eine Rolle um den historischen Umbruch gedanklich nach zu vollziehen. Es geht Fourier eben nicht lediglich um Aufklärung und die Verbreitung von Erkenntnissen, sondern darum, dass der Wert einer Erkenntnis darin liegt wenn er dazu dient, zur konkreten Verwirklichung des sozialen Glücks auf Erden zu schreiten. Anders als zum Beispiel bei Thomas Morus, dessen Insel ‚U-topia‘ als Denkanstoß zur Kritik und Weiterentwicklung der bestehenden Gesellschaft gedacht war, ohne jedoch jemals zu implizieren, die praktische Verwirklichung dieses bewussten Gedankenspiels zu betreiben, geht es Fourier tatsächlich um den Aufbau einer ersten Versuchsphalanstère, welche als lebendes Beispiel die Menschen überzeugen soll. Dieses Projekt kann jedoch nur gelingen, wenn die individuell unterschiedlichen, ganz materiellen Bedürfnisse, Wünsche und Leidenschaften der Menschen ihre volle Berechtigung erfahren – und zwar ohne schlechtes Gewissen, polizeiliche Restriktionen und ohne den Mangel, welcher dies für viele verhindert.

In seiner Ablehnung der mit der Aufklärung entstehenden ökonomischen Wissenschaften, Moralphilosophie und generell neuen Moralvorstellungen, distanziert sich Fourier von dieser. Er wird zum Kritiker des aufklärerischen Wertewandels, ohne deshalb zu suggerieren, dass es früher besser gewesen sei. Er wird zum Kritiker der Zivilisation aufgrund Nichtverwirklichung ihres Potenzials zur Weiterentwicklung. Dabei wiederum vollzieht er gerade die Aufklärung in sich, nämlich nach Kant, den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Sicherlich sind Menschen für einen Großteil ihrer Unwissenheit oder irrationalen Denkweisen nicht verantwortlich zu machen – für den Anteil, den sie beeinflussen können aber schon. Hierbei erweist sich Fourier, der nie studierte, sich aber autodidaktisch und mit Begeisterung verschiedenste Wissensfelder erschloss, Instrumente erlernte, Blumen züchtete und vieles mehr an leidenschaftlicher Betätigung fand, als Mensch, der die Aufklärung absolut ernst nimmt und das, was er lernt und glaubt verstanden zu haben, auch umsetzen und weitergeben will. Dass er dabei teilweise hoch kreative Gedankengänge verfolgt und zu äußerst befremdlichen Schlussfolgerungen kommt, kann ihm insofern nicht als nicht-aufklärerisch angelastet werden. Ebenso ist bei ihm der Gedanke vertreten, dass Vernunft die Gesellschaft verändern und Einzelne aus ihrer Dumpfheit befreien kann. Hinzu tritt für Fourier allerdings die Forderung nach einem Ausleben der Leidenschaften, was für ihn, wie schon erwähnt, gleichbedeutend mit einer vernünftigen Organisation ist. Rein logisch gesehen tut es der Vernunft dabei keinen Abbruch, wenn sie mit anderen logischen Systemen nicht kompatibel ist oder dem vorhandenen common sense widerspricht.

In dieser Beziehung ist auch Fouriers starkes Plädoyer für eine exakte Sozialwissenschaft zu sehen, die er selbst zu praktizieren glaubt. Sozialwissenschaft soll mit mathematisch Prinzipien vorgehen und es scheint, dass Fourier sich hierbei auch von Gedanken seines Zeitgenossen Friedrich W. J. Schelling hat beeinflussen lassen, wie er auch von Isaac Newton zutiefst inspiriert worden ist. Seine beiden wissenschaftlichen Hauptprinzipien bestehen dabei in dem des ‚absoluten Zweifels‘, das heißt letztendlich des Anzweifelns aller gesetzten ‚Wahrheiten‘, auch der Zivilisation selbst, und im Prinzip der ‚absoluten Abweichung‘, worunter Fourier versteht, sich von den ‚unsicheren Wissenschaften‘ fernzuhalten, um sich Problemen zuwenden zu können, welche von diesen überhaupt nicht in den Blick genommen werden. Hingegen übertreibt Fourier seinen erfrischenden Ansatz wiederum dergestalt, als dass er neben der Empirie auch die Phantasie als Erkenntnismethode gelten lassen will, was am deutlichsten in seinen unglaublich bildhaften, teilweise bizarren Analogien und Assoziationen zu Tage tritt. Sein ursprünglich fast naturwissenschaftlicher Ansatz wird überreizt, indem er Erkenntnis unmittelbar aus menschlicher Wahrnehmung ableitet, was in einen ausgefallenen Sensualismus mündet, der einem Modell rationalen Denkens fernstehen muss und sich von diesem ja auch bewusst distanziert, insofern unter Rationalität verstanden wird, was lediglich bestehende Erkenntnisse affirmiert. Jedoch kann Fourier auch an dieser Stelle nicht vorgeworfen werden, sich nicht in aufklärerischer Tradition zu befindet, da zum Beispiel der Philosoph Étienne Bonnot de Condillac ganz ähnliche Ansichten vor ihm vertrat. Das, was Fourier auszeichnet und für die heutige Leserin teilweise so absurd erscheinen lässt, ist lediglich, dass er seinen Ansatz konsequent durch hält – was dem menschlichen Alltags-verstand allerdings bisweilen zuwiderlaufen muss. Wer ihn deswegen schnell als unseriösen Träumer oder Wahnsinnigen mit Feder und Papier abtut, anstatt ihn zunächst in seinem spezifischen Kontext zu verstehen versucht, offenbart deswegen lediglich eine kleingeistige und unhistorische Haltung. Das es aber auch in seiner Zeit ein Außenseiter war, steht dabei außer Frage.

Nach dieser Diskussion des Verhältnisses Fouriers zur Aufklärung und dem Versuch der Verortung in seiner spezifischen historischen Phase wird deutlich, dass beides äußerst schwer zu bestimmen ist. Einerseits ist Fourier ganz Kind seiner Zeit, da er diskutierte Gedanken aufgreift, sich mit verschiedensten aktuellen Themen beschäftigt und sie auf seine Weise interpretiert und assoziiert. Auf der anderen Seite aber schwimmt er auch gegen den Strom, indem er weder im Lager der eigentlichen Aufklärer, noch dem der Gegen-Aufklärer und Romantiker seinen Platz hat, sich aber auch nicht mit den ‚Politikern‘, welche aufklärerische Gedanken verwirklichen wollen, anfreunden kann. Fourier ist ein geistiger Handwerker der mit seinem in sich logischen System eine neue Wirklichkeit konstruiert, welche sich jedoch nicht selbst genügsam sein will, sondern eindeutig nach ihrer praktischen Verwirklichung strebt. Dass seine Ideen, zumindest in ihrer konkreten Ausformulierung, in ‚der Realität‘ sicherlich scheitern würden, hindert nichts daran, dass er mit seiner naiven Art diese konsequent in Frage stellt, was er auf der Grundlage der Bedienung seines eigenen Verstandes tut. Deswegen ist Fourier nicht irrational, auch nicht unrealistisch, sondern über-rational und sur-realistisch – wofür ihn der Schriftsteller und Theoretiker des Surrealismus André Breton ehrt.

IV Eine Frage von Vernunft und Wahnsinn

Der Volksmund weiß bekanntlich zu sagen, dass Genie und Wahnsinn nahe beieinander liegen und so wäre es ein Leichtes, diese Weisheit auf den Autodidakten Charles Fourier anzuwenden. Tatsächlich jedoch liegen die Dinge wesentlich komplizierter, denn was der Laie als ‚zu hoch‘ und für sein Leben als irrelevant empfindet, muss er zur Beurteilung den jeweiligen Expertinnen überlassen. Die Expertise selbst, ihr Zustandekommen als Funktion in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, ihre Institutionalisierung in einem von Machtverhältnissen und Konflikten durchzogenen Gemeinwesen, wird von Fourier hinterfragt. Sein grundsätzlicher Zweifel an den Erkenntnismethoden der Experten seiner Zeit verbunden mit einer Art des Aufsaugens des von ihnen generierten Wissens sowie der vielfältigen, widersprüchlichen Eindrücke, die auf diesen feinfühligen Menschen einströmten, machen Fouriers bizarre Ambivalenz aus. Fourier war kein Experte und sah sich selbst nicht als solcher, woraus er auch gar keinen Hehl machte; er sah sich als Prophet an. Würden Psychologen die geistige Welt des Frühsozialisten betrachten, könnten sie sicherlich mit Leichtigkeit viele Passagen darin als von einem – im diagnostischen Sinne – Wahnsinnigen gedacht und beschrieben identifizieren. Da Persönlichkeit aber stets im Austausch mit der und in Reaktion auf die Umwelt entsteht, kann uns der surrealistische Blick des Charles Fourier sehr viel über dessen Zeit und unseren eigenen Umgang mit Rationalität in einem vermeintlich so aufgeklärten Zeitalter sagen.

Bei einem Studium Fouriers kann es nicht darum gehen, Genie und Wahnsinn zu trennen, sich entweder auf die Seite der Ablehnung oder der Zustimmung zu seiner Lehre zu schlagen oder einige kluge, inspirierende Gedanken aufzugreifen, andere aber als Schriftstellerei beziehungsweise Unsinn abzutun. So gewöhnungsbedürftig dies zunächst zu sein scheint, aber die völlige Emanzipation der Frauen ist im fourier’schen Denken nicht weniger verrückt oder unwahrscheinlich wie das Limonadenmeer. Ganz von seiner Welt und ihren Eindrücken eingenommen, lebt und denkt Fourier als ein Mensch des Zukünftigen, des Noch-nicht-Seienden, wie Ernst Bloch es formulierte.

Die Menschheit hat seit Anfang des 19. Jahrhunderts mit ihrer vermeintlichen Rationalität in gigantischem Ausmaße in die Welt eingegriffen und sie gestaltet. Mit der Irrationalität eines auf Profitinteressen beruhenden Wirtschaftssystems erwärmt sich dabei inzwischen stetig auch das Klima auf diesem Planeten – nicht allerdings im Sinne Fouriers, der 1829 (!) annahm, dass die sozietären Gesellschaften ressourcenschonend und klimafreundlich produzieren würden. Die bürgerliche Ehe hat sich überraschenderweise als erstaunlich stabiles und beliebtes Konzept erwiesen, welches sich unter anderem angesichts permanent gestiegener Anforderungen an die individuelle Lebensgestaltung (Flexibilität, Mobilität, Unsicherheit etc.) aber als schwer zu verwirklichen darstellt – Fouriers Kritik daran ist aber nach wie vor stimmig. Auf der anderen Seite ist die Gesellschaft im 21. Jahrhundert so liberal wie nie zuvor, wenn mittels Internet das Wissen um abweichende Sexualpraktiken massenhafte Verbreitung findet, während es zu Fouriers Zeiten dekadenten aristokratischen und großbürgerlichen Kreisen vorbehalten war. Inwiefern dies aber Zeichen einer größeren Befriedigung sexueller Wünsche oder gerade von deren Versagung plus ihrer moralischer Verurteilung ist, mag der Leser selbst beurteilen. Nebenbei sei konstatiert, dass die Nahrungsmittel der Mehrheitsbevölkerung in den modernsten der heutigen Industrieländer an Qualität wirklich zu wünschen übrig lassen und den Gourmets der Phalanstèrien der reinste Graus wären. Auch was Erziehungsfragen angeht, muss die geläufige Begründung einer als notwendig behaupteten Handlung mit „weil man das eben so macht“, dem kindlichen aufmerksamen Geist eher Schaden zufügen, denn sein Interesse und seine eigenen Leidenschaften fördern.

Kurzum, die Behauptung an dieser Stelle ist, dass uns Fourier auch heute noch einiges sagen, uns mit seiner unkonventionellen Denkweise inspirieren und zum Hinterfragen des Vorfindlichen anstiften kann, wobei Paul Feyerabend ihn sicherlich als einen „theoretischen Anarchisten“ angesehen hätte. Denn welchen objektiven Standpunkt man sich auch immer einredet zu beziehen, in jedem Fall ist es auch wahr, dass die Gesellschaft heute nicht vernünftig, sondern verrückt eingerichtet ist. Statt uns in Diskussionen um die Frage was normal, moralisch richtig oder rational ist zu verlieren, könnten wir uns auch einfach wie Fourier es tat die Frage stellen, was dem Menschen dienlich ist und gut täte. Aus unserer alltäglichen Umgebung lässt sich da schon vieles ableiten, der Austausch mit anderen darüber und der kollektive Versuch der Umsetzung einiger kleiner Unvorstellbarkeiten würde uns einen anderen Zugang zur Welt eröffnen.

Sicherlich, wenn Verrückte an die Macht kommen, so warnen uns die Immer-Besserwisser, deren Phantasiefeindschaft soweit reicht, dass sie selbst das Offensichtlichste nicht mehr in den Blick bekommen, dann geschieht großes Unheil. Gerade dies jedoch, macht den kindlich-naiven Fourier so sympathisch: dass er in keiner Zeile schrieb, die Macht übernehmen zu wollen, in einer Zeit, wo „Politik“ in jeglicher coleur und die teils brutale vermeintliche Verwirklichung aufklärerischer Gedanken nicht weniger als deren Bekämpfung, das zentrale Thema waren. Dieser Wahnsinnige, der Utopist Charles Fourier, strebte danach die Menschen von der Möglichkeit einer glücklichen Organisation der Gesellschaft durch ein Versuchsprojekt zu überzeugen, von dem sich jede und jeder selbst ein Bild würde machen können. Seine einzigen Waffen waren Feder und Tinte und seinen Kampf mit der Irrationalität der ihn umgebenden Welt trug er in Polemiken auf Papier aus. Es gibt genug gute Gründe an dieser Welt verrückt zu werden, zum Beispiel als Handelsreisender mit anzusehen, wie eine ganze Schiffsladung Reis im Atlantik versenkt wird um den Preis nach oben zu drücken, während Menschen zur gleichen Zeit im selben Frankreich Hunger leiden müssen. Allemal sympathischer erscheint darum Fouriers Denken und Verhalten als jenes der Menschen, die bei klarem Bewusstsein und im Namen der „rationalen“ Notwendigkeit anderen täglich direkt oder indirekt Gewalt antun, was die Grundlage der Zivilisation ist, in welcher wir heute leben.


Literatur

  • Bebel, August, Charles Fourier – sein Leben und seine Theorien, Stuttgart 1921.
  • Breton, André, Ode an Charles Fourier: Surrealismus und utopischer Sozialismus, Berlin 1982.
  • Feyerabend, Paul, Wider den Methodenzwang, Frankfurt a.M. 1986.
  • Lenk, Elisabeth, Einleitung, in: Adorno/Lenk (Hrsg.), Charles Fourier, Theorie der vier Bewegungen, Frankfurt 1966.
  • Schmidt am Busch, Hans-Christoph (Hrsg.), Charles Fourier, Über das weltweite soziale Chaos. Ausgewählte Schriften zur Philosophie und Gesellschaftstheorie, Berlin 2012.