Anarchistisches Denken als kritiklose Gedankenspielerei?

Lesedauer: 7 Minuten

Originaltitel: Wie anarchistisches Denken zu kritikloser Gedankenspielerei und idealistischer Absurdität verkommt – keine Provokation

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #87 / März 2017

von Mona Alona

Auf der facebook-Seite von Peter Seyferth[1] findet sich ein Vortrag, welchen er auf einem sozialwissenschaftlichen Workshop am 19.01. in Gießen hätte halten wollen. Der Titel lautet „Eine moderne Theorie des klassisch-anarchistischen Staats. Analyse, Vorschlag und Provokation“. Als Letztere wirkt Seyferths Vortrag hauptsächlich aufgrund des flachen Niveaus seiner Argumentation, die – sicherlich gut verpackt – in politikwissenschafltichem Gewand präsentiert wird. Die theoretischen Grundlagen der Anarchistischen Pogopartei wirken vergleichsweise tiefgründiger. Um dies nachzuvollziehen ist auf die Gesamtaussage und Betrachtungsweise Seyferths einzugehen. Er entfaltet den Strang, mit Crispin Sartwell die Illegitimität moderner Staates zu belegen, weiterhin Kriterien der Legitimität sozialer Ordnungen nach David Beetham darzustellen, auf Revolutionsvorstellungen im klassischen Anarchismus einzugehen, um schließlich zu begründen, warum es einen „anarchistischen Staat“ geben müsste oder sollte. Seyferth scheint der Ansicht zu sein, dass letzte Aussage orthodoxe oder einfach überzeugte Anarchist*innen provozieren soll. Dies möchte er offensichtlich eher zum Selbstzweck als um zum Nachdenken oder zur Diskussion anzuregen, schließlich verkennt er die zugrundeliegenden und schon oft diskutierten Fragestellungen, nämlich des anarchistischen Umgangs mit Macht, Gewalt und Zwang in revolutionären Situationen oder bei Versuchen der Etablierung und Aufrechterhaltung einer sozialen Ordnung, die den Anspruch hat, „herrschaftsfrei“ zu sein. Für einen anarchistischen Wissenschaftler, der sich jahrelang um sinnvolle Beiträge und Diskussionen um Anarchismus bemüht hat, ist diese Herangehensweise meiner Ansicht nach äußerst befremdlich. Seine Überlegung zu einem „anarchistischen Staat“ sind nicht provozierend, sondern absurd.

In der Manier politisch-philosophischer Vertragstheorien konstruiert Seyferth idealistisch seine Gedankengänge in einem „Was wäre wenn“-Modus, der schon aus diesem Grund letztendlich nichts weiter bleiben kann, als eine indifferente Überlegung zu einem beliebigen Gegenstand. Dabei lehnten die klassischen Anarchist*innen das vertragstheoretische Denken von Thomas Hobbes über John Locke zu Jean-Jacques Rousseau ab[2] [3], wie sie auch heute die Debatten politischer Philosophie seit John Rawls größtenteils für rein spekulativ halten würden. Und zwar aus dem Grund, dass Vertragstheorien – sei es in ihrer konservativen, liberalen oder republikanischen Variante – stets die Notwendigkeit eines Staates begründen und dazu von einem „modernen“ (im Sinne einer geschichtlichen Phase) Verständnis voneinander abgeschnittener Individuen ausgehen. Stattdessen sind diese als immer schon soziale Wesen zu begreifen – Eine Vorstellung oder vielmehr Erfahrung, welche Menschen zwar zu allen Zeiten machten, die sich aber schlecht dazu eignet zu begründen, warum sie ihrer eigenen Beherrschung zustimmen würden. Zudem kommen Vertragstheorien ohne eine ontologische (= „Wesens-mäßige“) Bestimmung des Menschen als „natürlicherweise böse/gewalttätig“ (Hobbes) oder „ursprünglich gut/aufklärungs-fähig“ (Rousseau) nicht hinaus – moralische Kategorien, welche ebenso ihrer Zeit verhaftet bleiben.

Eben darum ist es kein Wunder, dass sich Seyferth in abstrakten Überlegungen zu einem „anarchistischen Staat“ verheddert. Entgegen seiner eigenen vorherigen Beschäftigung[4], verkennt er vollständig das der Staat ein Verhältnis darstellt und deswegen weder einfach zerschlagen noch übernommen werden kann. Diese Ansicht vertraten übrigens auch viele der klassischen Anarchist*innen, auf deren Revolutionstheorien sich Seyferth bezieht. Selbstverständlich wollte zum Beispiel Bakunin den Staat zerstören, Kropotkin hoffte auf grenzen-überschreitende Gegenorganisationen und Landauer wollte ihn überwinden, indem Menschen andere Beziehungen eingehen. Dabei verstanden sie jedoch die Geschichtlichkeit und darum historische Kontingenz moderner Staaten, die mit brutalen Mitteln gegen die – ebenso dumpfen und gewaltsamen – aristokratischen Feudalordnungen erst im 19. Jahrhundert vollends durchgesetzt wurden. Unter anderem durch Kolonialisierung, Imperialismus, dann einerseits zur Einhegung der Befreiungsbewegung andererseits selbst von diesen forciert, wurde die Form des Nationalstaates bis in die 1950er/1960er allen Ländern der Erde aufgezwungen. Trotz dieser recht neuen Herrschaftsform, wurde der moderne Staat als immerwährende Institutionen dargestellt, ohne die halbwegs friedliches menschliches Miteinander überhaupt nicht möglich wäre – unabhängig davon, dass die strukturelle Barbarei die Kehrseite jener „Zivilisation“ ist, welche moderne Staaten behaupten aufrecht zu erhalten, beschützen und kriegerisch exportieren zu müssen. Für Bakunin ist der Staat „eine geschichtliche, vorübergehende Einrichtung, eine verschwindende Form der Gesellschaft, […] aber er hat keineswegs den schicksalsbestimmten und unwandelbaren Charakter der Gesellschaft, die jeder Entwicklung des Menschentums vorangeht“[5]. Bakunin muss heute gegen Bakunin gewendet werden: Auch die Form der Gesellschaft ist selbstverständlich keineswegs „schicksalsbestimmt“ und „unwandelbar“ – eine Beschreibung, welche verwendet wird, um Staat als Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse zu interpretieren, die nicht „naturgemäß“, sondern unter der absolutistischen und dann bürgerlichen Herrschaftsform im modernen Staat (d.h. nach bestimmten herrschenden Interessen) organisiert werden. In einer heute überholten, aber vom Ansatz her nicht unsachlicheren Argumentation als jener seiner Zeitgenoss*innen, arbeitet Kropotkin heraus, wie sich Gesellschaftlichkeit im Zusammenhang mit dem zivilisatorischen Fortschreiten der Menschheit entwickelte und veränderte[6]. Der Staat sei deswegen eher ein blockierender Fremdkörper in der Entwicklung der Menschheit, der sich überleben würde, vergleichbar mit der Vorstellung von Marx, dass die Eigentumsverhältnisse die Entfaltung der Produktivkräfte gehindert hätten und deswegen gesprengt wurden[7]. Aus heutiger Perspektive zeigen sich dabei äußerst ambivalente Entwicklungen zwischen veränderter Erneuerung und beständiger Transformation moderner Staatlichkeit. Das heißt das Prinzip oder Herrschaftsverhältnis „Staat“ wird in einem Ensemble verschiedenster transnationaler, internationaler oder nationaler Institutionen reproduziert, staatliche Logiken und Funktionen werden auch in formell nicht-staatliche Institutionen (NGOs) verlagert, sowie die Organisierung staatlicher Institutionen nach Marktlogiken im Neoliberalismus vorangetrieben. Nicht zu Letzt reproduziert sich der Staat durch die Herrschaftssubjekte, welche er formt und die sich deswegen kaum eine nicht-staatliche Organisation der sozialen Ordnung vorstellen können.

Dahingehend offenbart Seyferth seinen Idealismus in der problematischen Übertragung klassischer Revolutionsvorstellungen auf die heutigen gesellschaftlich-politischen Verhältnisse. Das Modell der „Befreiung“ eines bestimmten Territoriums muss aus verschiedenen Gründen als überkommen angesehen werden – zumindest, wenn nicht viele weitere Dimensionen des Freier-Werdens mitgedacht werden. Als Problem präsentiert Seyferth, dass eine wie auch immer geschaffene dauerhafte autonome Zone sich gegen Staaten wehren müsse, welche sie bedrohen und in die Staatlichkeit zurückzwingen würden. Weiterhin wäre sie gezwungen, funktionierende Institutionen für einen großflächigen sozialen Zusammenhang aufzubauen – die Seyferth sich allein aufgrund der organisatorischen Herausforderungen nur staatlich strukturiert vorstellen kann. Daraufhin würde dann eine „anarchistische Gesellschaft“ zwangsläufig selbst eine staatliche Form annehmen müssen. Diese Überlegung als Neuheit hinzustellen finde ich äußerst merkwürdig. Denn sie stellt sich bei allen Versuchen staatsferne, autonome Räume zu schaffen seit Jahrzehnten – und zwar nicht als abstrakte Gedankenspielerei, die sich für besonders clever hält, sondern als Frage der politischen Strategie und bis hin zur unmittelbaren Notwendigkeit des (würdevollen) Überlebens, denken wir an Hausbesetzungen, den Platzbesetzungen während des Arabischen Frühlings, die Landlosenbewegung in Brasilien, die Zapatistas in Chiapas, die Aktivist*innen im Cyberspace usw.. Historische Revolutionsmodelle ahistorisch auf heutige Bedingungen zu übertragen um dann festzustellen, dass sie – rein hypothetisch – auf einen „anarchistischen Staat“ hinauslaufen würden, ist kein Beitrag für eine Weiterentwicklung anarchistischer Theorie und fällt weit hinter die konkreten Erfahrungen radikaler Bewegungen der letzten Jahrzehnte zurück. Neben der misslungenen „Provokation“ scheint Seyferth deswegen auch der Bezug zur anarchistischen Bewegung zu fehlen. Spannend wären hingegen wissenschaftliche Untersuchungen und ernsthafte Fragen, wie beispielsweise: Wie können staatsferne Räume mit emanzipatorischen Inhalten gefüllt und nach egalitären und solidarischen Prinzipien organisiert werden? Warum bleiben Menschen zu weiten Teilen ideologisch im Bewusstsein und affektiv/emotional in ihrem Begehren an staatliche Strukturen verhaftet? In welchen Fällen wird aus anarchistischer Perspektive die Anwendung von Gewalt und Zwang als legitim und erforderlich erachtet? Wie wurde/wird dies konkret begründet? Wie lässt sich das Denken in kleinen, konkret-utopischen und lokalen Projekten mit jenem nach gesamtgesellschaftlichen Veränderungen sinnvoll verknüpfen? Wie kann Revolution heute sachlich begriffen und beschrieben werden?

Seyferth mag einwenden, dass ich seinen Spaß am abstrakten Denken nicht verstehe. Das tue ich tatsächlich nicht, weil er mit seinem Denken als anarchistischer Wissenschaftler in der Verantwortung steht, gute Fragen aufzuwerfen und Erklärungsversuche zumindest zu wagen. Stattdessen dreht er sich mit seiner – meiner Ansicht nach absurden – These vom „anarchistische Staat“ auf ziellose Weise im Kreis. Wie alle Politikwissenschaftler bleibt er – zumindest in diesem Vortrag – im Rahmen bürgerlichen Denkens gefangen. Seyferth sagt in Anschluss an Sartwell: „Es wäre ein Fehler der Anarchisten, sich bei ihrer Kritik am Staat nur auf die Argumente und Meinungen der anarchistischen Klassiker und Revolutionshelden zu berufen und diese damit zu Autoritäten zu machen. Soll der Anarchismus ideologisch ansteckend werden, muss er sich auf den staatsfreundlichen Diskurs einlassen, um ihn wirkungsvoll angreifen zu können. Ich habe aber heute etwas anderes vor, denn auch die modernste und aktuellste Staatskritik genügt nicht. Der Anarchismus muss auch konstruktiv sein, er kämpft nicht gegen etwas, sondern für etwas“[8]. Sicherlich ist eine aktuelle Staatskritik nicht einfach zu formulieren, wenn sie fundiert sein soll. Auf den staatsfreundlichen Diskurs lässt sich Seyferth – entgegen seiner Behauptung – mit seinem bürgerlichen Denken ein, greift ihn damit jedoch nicht an. Selbstverständlich sollte der Anarchismus konstruktiv sein und für die Anarchie kämpfen. Eben weil jene für die Verwirklichung bestimmter gesellschaftliche Verhältnisse und Institutionen steht, sind diese negativ als nicht-staatliche, nicht-kapitalistische und nicht-patriarchale, positiv als freiheitliche, gleichberechtigte und solidarische zu beschreiben. Dies ist keine ideologische oder dogmatische Behauptung, sondern eine herrschaftskritische Perspektive. Entschließen sich Anarchist*innen (möglicherweise aus guten Gründen) dazu, in revolutionären Umbrüchen, Herrschaftsmethoden anzuwenden und an Herrschaftsinstitutionen zu partizipieren, hören sie auf solche zu sein, weil sie ihre grundlegenden Ansprüche aufgeben. Damit wird schließlich auch veranschaulicht, dass es nicht weiterbringt, anarchistische Bewegung als singulär und nicht im Zusammenhang mit verschiedenen anderen Akteuren zu betrachten. Mir geht es dabei nicht darum, die „Reinheit“ anarchistischer Positionen oder Prinzipien zu bewahren und politische Herausforderungen zu verweigern, sondern lediglich um die Definition dessen, was Anarchismus ist. Einen Staat will er definitiv nicht aufbauen.


  • [1] https://www.facebook.com/Dr.phil.PeterSeyferth/videos/374705359662327/
  • [2] Vgl. Degen/Knoblauch, Anarchismus. Einführung, S. 74f.
  • [3] Dabei beziehe ich mich auf Thomas Hobbes, Der Leviathan (1651), John Locke, Zwei Abhandlungen über die Regierung (1689) und Jean-Jacques Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag (1762). Für ihre jeweilige Zeit mögen zumindest Locke und Rousseau interessante und diskussionswürdige Gedanken gehabt haben, weswegen sie nicht umsonst zu den Klassikern politikwissenschaftlichen Denkens zählen. Sie waren logischerweise Denker ihrer jeweiligen Zeit, über welche immer schwer zu erfassen ist, noch schwerer aber, über sie hinaus zu denken. In Abgrenzung zu ihnen entstand anarchistisches politisches Denken.
  • [4] Seyfarth, Peter (Hrsg.), Den Staat zerschlagen!, Baden-Baden 2015.
  • [5] Bakunin, Michael, Der Kampf gegen die Gesellschaft, in: Rammstedt, Grundtexte zur Theorie der Gewalt, S. 47f.
  • [6] Kropotkin, Peter, Die historische Rolle des Staates, in: Panther, Teo (Hrsg.), Der Staat, Münster 2008 [1896], S. 16.
  • [7] Marx, Karl/Engels, Friedrich, Manifest der Kommunistischen Partei, Stuttgart 2009, S. 25.
  • [8] https://www.facebook.com/Dr.phil.PeterSeyferth/videos/vb.275336042932593/374705359662327/?type=2&theater; Minute 5:30.