Was Anarchist*innen in der Wissenschaft machen sei ihnen überlassen

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Eine Antwort auf Ben’s Text „Die vierfache (Zweck)Entfremdung wissenschaftlicher Arbeit“, erschienen in der GAIDAO #77

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #78 / Juni 2017

von Mona Alona

In seinem knappen Beitrag in der letzten Gaidao (#77) stellte Ben am Ende die Frage: „Was machen Anarchist*innen im Wissenschaftsbetrieb?“. Die sehr berechtigte Frage wirkt auf mich allerdings rhetorisch. Ben’s Darstellung lässt darauf schließen, dass er für sich die Antwort schon weiß: nichts.

Dabei spricht er ja selbst von einem Dilemma in dem Menschen mit radikalen Vorstellungen und Ansprüchen stecken, wenn sie gezwungen sind, ihre Lohnarbeit zu verkaufen und dies an staatliche Institutionen tun – ein Thema, welches mich und manche*n andere*n – ob direkt oder indirekt – sicherlich schon schwer zu schaffen gemacht hat und möglicherweise lebenslang begleiten wird.

Dabei finde ich es falsch, dass Ben diesen Widerspruch einseitig aufzulösen versucht, indem er – meiner Ansicht nach – ein fundamentalistische Position durchscheinen lässt, insofern er andeutet: Nichts. Punkt. Wobei ich wiederum überhaupt nichts gegen Prinzipien habe und es absolut wichtig finde, wenn wir welche entwickeln und hochhalten. Ein Prinzip ist jedoch etwas anderes als ein Dogma: Es ist eine selbstgewählte Position und Richtung, die der Begründung bedarf und der mensch selbst gerecht werden muss im Gegensatz zum Dogma, dem, „was eben einfach so ist“.

Nun liefert Ben ja auch Begründungen, was aus anarchistischer Perspektive problematisch am Wissenschaftsbetrieb ist. Wissenschaft ist Lohnarbeit, das ist richtig. Die Idee, dass Lohnarbeitende eines Tages einen Generalstreik durchführen und damit die Verhältnisse über den Haufen werfen könnten halte ich allerdings für einen Mythos aus dem 19. Jahrhundert, auf den ich deswegen auch gar nicht weiter eingehen möchte.

Zweitens, schreibt Ben, dienen Wissenschaftler*innen zumeist dem Staat. Dies ist nur teilweise der Fall. Wissen ist genauso ein Produkt auf dem Markt, welches unter krasser Konkurrenz gehandelt wird. Unternehmen haben ihre wissenschaftlichen Abteilungen und kaufen neue Forschungsergebnisse ein, vergeben sogar Förderungen und so weiter. Ben bezieht sich hier also offensichtlich nicht auf „den Wissenschaftsbetrieb“ im Allgemeinen. Sonst müsste er sich ja auch damit auseinandersetzen, warum beispielsweise Physiker*innen – im Dienste der Wissenschaft aber im kapitalistischen Wissenschaftsbetrieb – an neuen Waffensystemen forschen, Biolog*innen die Gentechnik voranbringen, Chemiker*innen mit Nanotechnologien experimentieren und so weiter. Nahe liegt, dass vor allem Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen gemeint sind.

Dies lässt auch sein drittes Argument vermuten, wenn er schreibt, sie erarbeiteten für Staat, wie Lehrer*innen, vorrangig seine Legitimation. Sicherlich richtig. Wohl aber nicht vorrangig. Es geht dem Staat auf jeden Fall darum, Wissen zu produzieren. Wissen ist ja auch an sich nichts Gutes. Die Frage ist also, wer das Wissen produziert, welche Interessen dahinter stehen und welcher Art das Wissen ist. Ist es staatlich produziertes Wissen, soll es der Legitimation des Staates dienen und Staats-Bürger*innen erzeugen, aber ebenso auch deren Arbeitsmarktfähigkeiten. Das interessante bei Wissen ist, dass es zwar mit bestimmter Absicht produziert wird, seine Verwendung aber sehr schlecht kontrolliert werden kann. Das heißt es ist durchaus möglich, dass wir beispielsweise in der Schule etwas lernen, womit wir uns später gegen das (staatliche) Schulsystem richten können. Deswegen halte ich Bens Aussagen bis hier her als Gemeinplätze, die alle nicht weiter spektakulär und diskussionswürdig sind.

Spannend ist dann eher noch sein viertes Argument, nämlich das „Wissenschaftler*innen“ sogar die Funktion hätten Kritik zu üben um damit das Gesellschaftssystem weiter zu entwickeln und am Leben zu halten. Hier wird sehr deutlich, dass Ben sich eigentlich auf Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen bezieht, was seinen indirekten Schluss, „der Wissenschaftsbetrieb“ im Allgemeinen sei pauschal abzulehnen für mich unglaubwürdig macht. Dabei ist sein Argument ja stichhaltig: „Unsere“ Gesellschaft legitimiert sich, indem sie Kritik an ihr zulässt. So wie einer der beschissenen Bundeswehr-Werbeslogans ja allen Ernstes lautet: „Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst“. Das ist Kacke, klar. Denn es handelt sich um eine Verschleierung von Herrschaftsinteressen. Dennoch ist es wichtig, Unterschiede in politischen Systemen anzuerkennen. In der Türkei wurden in den letzten Jahren unter anderem massenhaft Wissenschaftler*innen entlassen. Wahrscheinlich gehören sie teilweise noch nicht mal direkt der sogenannten Gülen-Bewegung oder kurdischen Organisationen an. Stattdessen nimmt der autoritäre Staat wahr, dass Wissenschaftler*innen, eben weil produktives Denken oft mit kritischem Denken einher geht, teilweise ein staatsgefährdendes Potenzial besitzen.

Es ist verdammt wichtig, das es Menschen gibt, die auch innerhalb dieses System – und ich würde sogar sagen, auch innerhalb staatlicher Institutionen – Kritik üben und kritisches Denken pflegen. Ob sie dabei Anarchist*innen sind oder nicht, spielt für mich dabei erst mal keine Rolle, sondern an welchen Orten Menschen stehen und wie sie da für eine bessere Gesellschaft wirksam werden können. Dies einfach wegzuwischen halte ich für unheimlich blauäugig und gefährlich. Vor allem offenbart sich bei Ben, stellvertretend auch für andere Genoss*innen, eine problematische Sehnsucht nach einer reinen Position, die bezogen werden könnte. Die Sehnsucht nach Klarheit und Reinheit ist dabei jedoch meiner Wahrnehmung nach einfach die Kehrseite der Zeit der Beliebigkeit, in der wir lieben. Wir müssen den Dingen auf den Grund gehen. Das bedeutet, wir müssen endlich lernen in Widersprüchen zu denken und sie auszuhalten. Ja, Ben hat Recht, Wissenschaft ist Lohnarbeit. In diesem Sinne ist sie also gar nicht von ihrem angeblich „eigentlichen“ Zweck entfremdet, wie seine Überschrift behauptet. Ihr Wesen besteht darin, das Wissen Ware ist. Dies ist es aber zu unterschiedlichem Grad und wir können Wissen rausholen und für uns und die Allgemeinheit nutzbar machen. Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen dienen auch der Legitimation des Systems und ihre Kritik ist zumeist zahnlos oder nur das Alibi, die mahnende Stimme, damit die Herrschenden weitermachen können wie gehabt. Ja sicher! Dennoch sollten wir darauf sehen, wo überhaupt kritisches Denken bestehen bleibt und gepflegt wird. Und dass Noam Chomskys Bücher mit dessen höherem Alter zunehmend unkritischer wurden mag ja stimmen. Spricht dies aber deswegen einfach dagegen, das er als Professor seinen Kram macht und damit wahrscheinlich doch etliche Personen inspiriert und ihr kritisches Denken geschult hat? Und das auf jeden Fall weit über die Grenzen einer engen politischen Szene hinaus?

Da ich selbst nicht im Wissenschaftsbetrieb arbeitete, kann ich Bens abschließende Frage nicht beantworten, was Anarchist*innen darin zu tun haben. Deswegen sollten wir welche fragen, die da drin stecken. Was machen Anarchist*innen als Maurer*innen, Krankenpfleger*innen, Schauspieler*innen, Programmierer*innen oder Hartz-4-Abhängige? Bei welchem Lohnarbeitsberuf finden sich die Widersprüche von denen Ben spricht denn nicht; wenn auch jeweils auf unterschiedliche Weise?

Im Hintergrund richtet sich Ben doch tatsächlich gegen die größte Illusion: Nämlich gegen jene, dass eine Lohnarbeit möglich und auch sinnvoll wäre, die keine Widersprüche für Anarchist*innen mit sich brächte. Im Wissenschaftsbetrieb der Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen wird diese Illusion genährt, weil dort Menschen tatsächlich kritisch denken können und dafür Geld bekommen. (Und sich dafür den Arsch aufreißen und sich selbst ohne Ende verraten und verkaufen, damit sie überhaupt mal einen Beitrag plazieren können, den jemand beachtet.) Gegen diese Illusion gilt es sich zu richten. Und überhaupt auch gegen die Vorstellung, dass kritisches Denken hauptsächlich seinen Platz in Universitäten hat. Selbst wenn dem so wäre, sollten wir es von dort rausholen und uns aneignen! Dennoch ist es doch jeweils an allen Einzelnen zu entscheiden, welche Wege sie gehen.

Wenn jemand von uns als Wissenschaftler*innen arbeiten will und sich als Anarchist*in versteht – warum denn nicht? Die Person braucht Kohle. Die Person muss sich mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten irgendwie arrangieren, um durchzukommen. Die Person hat auch andere Möglichkeiten (z.B. sich den Buckel krumm zu schuften oder auf der Straße zu leben), aber es ist doch auch wichtig und legitim, dass sie zum Teil verwirklichen kann, worauf sie einfach Bock hat. Diese Tätigkeiten kann sie nämlich dazu nutzen, Ressourcen, Wissen und so weiter raus zu holen und anderen, sowie auch der anarchistischen Bewegung, zugänglich zu machen. Vom Wissenschaftsbetrieb zu sprechen, ist dabei was ganz anderes, als beispielsweise vom Militär. Doch selbst dort wäre es richtig, die Leute nicht zu verurteilen, sondern mit ihnen in Kontakt zu kommen und sie zu fragen, ob sie was für die soziale Revolution tun können und wenn ja was. Im Zweifelsfall wird dies wohl auf ihre Desertion hinauslaufen – warum sollten sie dann aber nicht ein paar Waffen und Fähigkeiten mitnehmen? (Was jedoch fast ebenso unwahrscheinlich ist, wie mit einem Generalstreik den Kapitalismus zu überwinden)

Und die Widersprüche, diese schrecklichen Widersprüche – ja keine Ahnung, die gilt es auszuhalten! Es gilt sie nicht aufzulösen und zu vereinfachten mit pauschalen Antworten, sondern aufrecht zu halten! Für mich bedeutet die soziale Revolution mit der Sehnsucht nach der besseren Gesellschaft und Ideen, wie es dahin geht, in Widersprüchen zu denken und zu handeln. Oder bin ich mit dieser Position eine kritische Reformistin? Bin ich deswegen eine Pseudo-Anarchistin?