Unter Neurechten – ein bedrückendes Essay

Lesedauer: 10 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #79 / Juli 2017

von Simone

In der literarischen Verarbeitungen der eigenen Vergangenheit stellt der Autor seine Erfahrungen mit einem Kreis der faschistischen „Neuen Rechten“ in Chemnitz dar. Diese bildeten 2002 eine Schülerburschenschaft, gründeten die neurechte Zeitung „Blaue Narzisse“ und gewannen später großen Einfluss als faschistische Intellektuelle, unter anderem auf den völkischen Flügel der AfD unter Björn Höcke sowie die Identitäre Bewegung. Um die Erneuerung des Faschismus zu verstehen, sind Orte und Zeiten zu begreifen, in denen er sich unter einem anti-emanzipatorischen Willen organisiert. Wenn wir uns als ihre grundlegenden Feinde positionieren wollen, gilt es auch die Faschos zu ernst zu nehmen…

Lebensphasenabschnittsumbruchsbedingt komme ich derzeit nicht umhin, über meine eigene Entwicklung und Vergangenes nachzudenken. Reflektierte Menschen sind geschichtliche Wesen, verstehen sich also in ihrem Gewordensein und in den Herausforderungen, die sich für sie im Leben und in ihrer Zeit stellen. Weil sich Zeiten, Räume und Verhältnisse im Wandel befinden, gilt es dauerhaft zu rekapitulieren, was Vergangenes war und wie es zu deuten sei, um vernünftiges Handeln im Hier und Jetzt anzustoßen. Was sich geändert hat sind die politischen Landschaften in den Krisen der neoliberalen globalisierten Herrschaftsordnung in den letzten Jahren. Die autoritäre, antiliberale und antidemokratische Alternative mit ihren neofaschistischen Elementen zeichnet sich klar am Horizont ab und ficht die alte Hegemonie an.

Im selben Zuge gelingt es den emanzipatorischen Kräften nicht, sich zu organisieren und eine nennenswerte politische Schlagfertigkeit zu entwickeln. Die Erzählungen einer möglichen anderen, einer besseren und menschlicheren Welt freier, gleicher und solidarischer Menschen, die nicht statt, sondern wegen ihrer Unterschiedlichkeit friedlich koexistieren können versiegen, verkommen zu hohlen Phrasen und schließlich zu ironisch gemeinten rhetorischen Versatzstücken. Weil ja inzwischen alles ironisch und so halb gemeint ist… Wo ist der Glaube und die Hoffnung auf die Möglichkeit des qualitativen Sprungs in die nächste Zeit? Wo sind die vereinigenden Momente, die das soziale Wachstum der Menschheit zusammenbringen? Wo ist das, was Gustav Landauer „Geist“ genannt hat, der Verbundenheit ohne staatliche Herrschaft und hierarchische Ordnungen stiftet (Landauer 1977: 40-54); wo sich Einzelne als Teil eines Ganzen begreifen und eben deswegen Besondere sein können, ohne deswegen „Volk“ zu werden?

Von dieser skeptischen und mystischen Warte aus, die Michael Löwy als „romantischen Antikapitalismus“ (Löwy 1997: 40) bezeichnet hat, werfe ich einen Blick auf den Faschismus meiner Zeit, auf die Begegnungen, welche für mich selbst von Bedeutung waren. Schließlich sind es die persönlichen Bezüge, die Beziehungen zu meinen Feinden welche – ob gewollt oder nicht – meine Feindschaft zu ihnen begründen. Und die es darum zu erfassen und ergründen gilt, um den Kampf nicht als abwehrenden, von Angst getriebenen Reflex, sondern in selbstbewusster Aktion aufnehmen zu können.

Damit befinde ich mich gewissermaßen schon auf dem Weg zu den, sich als „konservativ“ und „nonkonform“ verstehenden Gründern der faschistischen Schülerzeitung „Blaue Narzisse“. Ohne hier auf die genaueren Umstände einzugehen, bin ich Felix Menzel, Benjamin Jahn Zschocke und Johannes Schüller begegnet, welche sich mit anderen am 09. November 2002 in Chemnitz zur „Schülerburschenschaft Theodor Körner“ zusammengerottet hatten. Das Datum der Pogromnacht wirkt programmatisch und als fiktionale Umkehrung des Eindrucks der Anschläge auf das World Trade Center im Jahr zuvor. Selbstverständlich hatte dieses Ereignis auch bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen und markierte weltpolitisch durchaus einen erschütternden Wendepunkt. Meine eigenen Schlüsse daraus waren jedoch deutlich andere, als jene Verstörungen und Verschwörungen, welche bei den Neurechten im Zuge der Destabilisierung des westlichen, vermeintlich liberalen und demokratischen Herrschaftsarrangements, auftraten.

Den Fuchsberg am Steinbruch im Zeisigwald, wo sie sich an den Wochenende zum saufen getroffen hatten, lernte ich später selbst ganz gut kennen. Schon eine lauschige Ecke im Mischwald, in der man besoffen seinen romantischen Gedanken nachhängen kann. Dieses Waldeck steht damit tatsächlich im starken Kontrast zur oft grauen Tristesse und den rauen Umgangsformen, die Chemnitz sonst auszeichnen… Die jungen konservativ-revolutionären Saufbrüder verstiegen sich ihrerzeit ins Gedichtelesen, schreiben, diskutieren. Und dann provozierten sie. Der rechte Anwalt Martin Kohlmann, der zu dieser Zeit auch erst 25 Jahre alt, aber schon zweidrei Jahre im Stadtrat war, muss einen beträchtlichen Eindruck auf die Jungs gemacht haben. Dass er Republikaner und ab 2009 die Leitfigur von des rassistischen „Pro Chemnitz“ war, war das eine. Seine Funktion als rechter Netzwerker ist dabei wesentlich unsichtbarer aber in diesem Kontext wohl umso bedeutender.

2004 wurde dann erstmalig die Blaue Narzisse herausgebracht. An die genauen Umstände kann ich mich nicht mehr erinnern. Das ist ja auch einer der Gründe, dass ich nun überhaupt darüber schreibe, um ein weniges vom Erlebten festzuhalten. Jedenfalls landeten die Jungfaschos damit einen riesigen Treffer und auch an meinem Gymnasium entfachte sich eine größere Debatte darum. In der zehnten Klasse sammelte ich Flyer der Burschis ein und brachte sie – brav und demokratisch wie ich damals eingestellt war – zum Direktor, der versprach diese Umtriebe auf dem Schirm zu behalten. Sicherlich ist es etwas geschmacklos, dieses Wortspiel zu bringen, aber man könnte sagen, in ebenjenen Jahren wo das sogenannte „NSU-Trio“ in Chemnitz im Untergrund lebte und dort Sparkassen ausraubte, schlug die Blaue Narzisse auf einer anderen Ebene ein wie eine Bombe. Zumindest bei jenen Schülern, die sich selbst als rechts ansahen und einen gewissen Leidensdruck spürten, den sie durch romantischen Schleim und klare Ansagen bedienen lassen wollten.

Die neurechten Faschisten waren aus anderem Holz als Blood&Honorar-Skins geschnitzt. Ihre Waffen waren wirklich Worte, aber solche hinter denen nicht weniger Gewalt und Menschenverachtung stand als bei den ganzen Schlägernazis. Was Felix Menzel und die anderen wollten, war präzise Angriffe auszuführen und sich in den Kampf gegen die liberale Demokratie zu begeben. Ihre literarischen Erzeugnisse und politischen Kommentare waren damals wie heute weder von besonders guter noch von besonders schlechter Qualität. Ich persönlich empfinde die meisten ihrer Texte als enorm verkürzt. Sie arbeiten mit Falschaussagen und verstehen ihre Gegenstände oftmals nicht tiefer gehend, was auch gar nicht ihr Anspruch ist. Insgesamt sind ihre Artikel nicht besonders klug. Darum ging es aber gar nicht. Denn dies hielt sie nicht davon ab, mit rechthaberischem und nahezu fanatischem Stil ein vermeintlich klares Weltbild zu konstruieren. Was sie, ihre Autoren und deren Ideologie auszeichnete war und ist, dass sie sich ernsthaft als deutsche Elite verstanden, die aus ihrer kollektiven Kränkung herauskommen wollte um eine Art hierarchische und neofeudale Ständegesellschaft zu errichten.

Dies ist der Wahn, der die Mitglieder der Theodor-Körner-Burschenschaft vereinte, den sie über die Blaue Narzisse und den Autoren, die sie dafür gewinnen konnten, verbreiteten. Damit kreierten sie einen neuen alten Stil und belebten die Denkformen der konservativen Revolution wieder. Ihre Minderwertigkeitsgefühle fanden somit Kompensation im falschen Bewusstsein, verkannte Elite und gleichzeitig Ausgestoßene zu sein, bis ihre Zeit kommen würde. Die durch die liberale Gesellschaft Vereinzelten; vom kapitalistischen Versprechen Enttäuschten; von der Gleichmacherei des real existierenden Sozialismus Abgestoßenen, fanden sich zusammen und entwickelten einen gemeinsamen Kampfeswillen. Gepaart mit Vorstellungen einer streng hierarchischen Ordnung und der ekelhaften Überhöhung der Fiktion Nation konnten sie sich als autoritäre Rebellen formieren und damit Vorreiter des heutigen Rechtsrucks werden indem sie beispielsweise die „Identitäre Bewegung“ aufbauten. Dieses ideologische Konglomerat ist im eigentlichen Sinne als „faschistisch“ zu bezeichnen.

Ihren Raum hatte die Jungburschis in in einem riesigen Block zwischen Zwickauer Straße und passenderweise der Reichsstraße zwischen Bandproberäumen und Ateliers angemietet. Auf irgendeiner höheren Etage war dann die Eingangstür zu den Räumen. Als sie sich öffnete, direkt gegenüber, am Ende einer längeren Tafel, befand sich ein riesiger Kotzfleck. Dieser hätte an markanter Stelle gut als Platzhalter für ein faschistisches Symbol dienen oder das eigene Logo der Burschenschaft bilden können. Mir blieb das sehr eindrücklich in Erinnerung. Aber ich will den Eindruck nicht überstrapazieren. Zur gleichen Zeit trafen sich die Punks auf der anderen Seite des Kassbergs abends im Schlosspark, kotzten in die Hecken und warfen ihre Bierflaschen in den Teich.

Es war nur ein einziges Mal, das ich dort war. Ich war sehr jung, offensichtlich naiv und ähnlich wie die Burschies von romantischen Vorstellungen erfüllt, die ich in dieser Zeit ebenfalls in der Produktion von literarischem Schleim kanalisierte. Wahrscheinlich auf dem Rückweg nach dem Treffen mit jemandem der Blauen Narzisse war es wohl Menzel mit dem ich ein Gespräch über ökologische Themen hatte. Geprägt von seinen Erfahrungen im völkischen „Bund heimatreuer Jugend“ erläuterte er mir, dass die verhasste Grünen doch nur ökologische Gedanken predigen würden, während echte Naturverbundenheit nur durch gemeinsames Wandern und Zelten in der Natur erfahrbar werden würde. Er lud mich ein, mitzufahren, was ich glücklicherweise nicht tat, wie ich ihm auch sonst nie wieder persönlich begegnet bin. Zu schnell hatte sich herum gesprochen und wurde mir auch selbst klar, dass die blaue Narzisse ein faschistisches Blatt war. Weil ich seine Schwester kannte, die sich gegen „Rechtsextremismus“ und für „Demokratie“ engagierte, erfuhr ich später allerdings immer wieder mal was von Johannes Schüller. Ihn habe ich als verkorksten Eigenbrötler in Erinnerung behalten der jedoch wie seine Kameraden seine rechte Laufbahn weiter verfolgt hat. Mehr noch als die anderen hatte er sich in eine literarische Traumwelt und -zeit geflüchtet, die seinem Weltschmerz Ausdruck verlieht.

Die faschistischen Verbindungen waren bindend und prägend die jugendliche Sturm-und-Drang-Phase, in der sich die Neurechten politisiert hatten. Entgegen der von ihnen wahrgenommenen allgemeinen verbreiteten Beliebigkeit, Lauheit, Halbheit und Verweichlichung hatte es sich in Chemnitz zum début de siècle eine Gruppe Jugendlicher zur Aufgabe gemacht, eine autoritäre Gesellschaftsvorstellung zu verwirklichen und alle in Jahrzehnten erkämpften sozialen Rechte zu vernichten. Ach Chemnitz! – ironischerweise heute wieder „Stadt der Moderne“ genannt. (Von einigen wurde die Selbstbezeichnung im Sinne von „Chemnitz, statt der Moderne“ ausgelegt.) In gewisser Weise verkörpert die Stadt und die Zeit in der ich dort lebte, jedoch tatsächlich jene Moderne zu Beginn des letzten Jahrhunderts, wo faschistische Bewegungen als Reaktion auf die demokratische Massengesellschaft und dementsprechend auch als Teil von ihr, entstanden. Auf jeden Fall ließe sich diese Analogie auch auf andere Städte beziehen. Ich kann und will aber nur von dem berichten, wohin ich einen Bezug habe. Zeit und Ort waren eigenartig in Chemnitz zu Beginn des Jahrtausends. Da war Altes und Gescheitertes, doch das Jetzige schien nicht von Dauer und wirklich nicht der Ernst der Herrschenden sein zu können. Und das Ganz-andere hatte seine Nischen gesucht und sich darin zurückgezogen. Und ich? In der sechsten Klasse trat ich in den Pausen den Putz von den Wänden der vergammelten Ersatz-Schule und stromerte danach eine Weile in den alten Fabriken umher. Das war Chemnitz: Eine richtige Stadt, in der aber aus kindlicher Perspektive nur wenige richtige Menschen lebten, da gefühlt die Hälfte der Menschen im Rentenalter zu sein schien. Chemnitz war gebrochen, roh und verbittert. Die Moderne schien wo sie ihre Anfänge hatte, ein Ende genommen und sich verlebt zu haben. Dieses gefühlte Vakuum wollten die Neurechten füllen. Dieser Erfahrungsraum war jedoch auch jener für mein Aufbegehren und meine Sehnsucht nach der besseren Gesellschaft, die ich heute als anarchokommunistisch bezeichnen würde. Hinzu kommt aber noch die Ablehnung und der Versuch der Überwindung der Moderne. Diese bildet den einzigen Schnittpunkt zwischen neurechter Ideologie und der Gedankenwelt des romantischen Antikapitalismus‘. Man kann auch viele andere und schöne Geschichten von Chemnitz erzählen. Hier drängt sich aber auf, das negative und erschreckende in den Vordergrund zu stellen.

Wie diese Geschichte der Neuen Rechten, die – ob ich möchte oder nicht – mit der meinen zu Teilen verknüpft ist, weiter ging, wäre an anderer Stelle von anderen Menschen auszuführen. Hier darstellen wollte ich nur einen kleinen Auszug, der mit meinen begrenzten Kenntnissen verknüpft ist. Menzel schreibt für die Sezession und Schüller für ein rechtes österreichisches Blatt. Benjamin Jahn Zschocke malt und fotografiert für die faschistische Kunstzeitung „Tumult“. Sie und die vielen anderen Neurechten, die ich nicht kenne, schufen sich 2013 in Dresden ein „Zentrum für Jugend, Identität und Kultur“. Ein Jahr später begannen Pegida und die Jahre xenophober, rassistischer Gewaltexzesse, die ihresgleichen suchen und nun schon wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein gestrichen werden. Es sind die sich selbst als „intellektuell“ verstehenden neuen Rechten, welche den faschistischen Tendenzen der krisenhaften bürgerlichen Gesellschaft Ausdruck, Stimme und Fahrtrichtung verleihen. Sie mit Nazis zu vergleichen greift in der Tat zu kurz. Verstanden werden muss das Wesen des Faschismus und die Zeit in welcher er sich politisch organisieren kann.

Bei der Niederlegung dieser Erinnerungen stellen sich mir unweigerlich äußerst belastende Fragen: Zunächst jene nach den größeren Zusammenhängen, der verworrenen Zeit in der und das Herrschaftssystem in dem ich lebe. Dann die, ob sich die faschistischen Tendenzen weiter durchsetzen und unser und mein Leben zunehmend einschränken und verunmöglichen werden. Um aber nicht darin hängen zu bleiben, daran zu verhaften, was war, was ist, frage und sehne ich mich nach den emanzipatorischen gesellschaftlichen Alternativen, nach der Welt in der viele Welten Platz haben. Und ich sehne mich danach, dass meine Gefährt*innen und ich die Phase der Ironie, des Zynismus und des vereinzelten und diskontinuierlichen Durchhangelns überwinden, ihre Fuchsbaue verlassen, ihre Angst in Wut wandeln und diese mit einer neuen Hoffnung verbinden können. Dies sind meine Gedanken, um den Faschismus, aber endlich auch die emanzipatorischen Bewegungen ernst zu nehmen und einen Anspruch mit ihnen verbinde, dem ich gerecht werden möchte. Darum formuliere ich auch eine Sehnsucht und ein Begehren nach der ganz anderen, der besseren Welt, in der alles für alle ist und alle gleich sind, in ihrer Unterschiedlichkeit und in ihrer Würde.

Aus diesem Grund kann ich aber auch die bohrendste, die intimste Frage in diesem Zusammenhang angehen: Bestand die Möglichkeit, dass ich im geteilten Raum, der geteilten Zeit in Chemnitz und meiner eigenen Begegnung mich zu irgendeinem Zeitpunkt auf die faschistische Seite geschlagen hätte? Wo war ich auf Tuchfühlung? Wohin hätte mich meine eigene Sehnsucht danach, dass kein Stein auf dem anderen und alles alles anders werden sollte, treiben können? Warum kommen überhaupt welche Begegnungen zu Stande, beziehungsweise wie zufällig sind sie? Darüber abschließend zu urteilen, will ich mir im Gegensatz zu meiner Geschichtslehrerin der 9. Klasse nicht anmaßen. In voller Lautstärke und dennoch krächzend behauptete sie, sie, nein, niemals sie, hätte sich von den Nazis kleinkriegen lassen. Damals, unter Hitler. Eher wäre sie ins KZ gegangen. Die Widerlichkeit dieser Aussage wird nun aber erst daran deutlich, was für eine autoritäre Arschkuh sie selbst war. Sie war eine der Personen, die uns mit Sicherheit kein Leben in Freiheit gelehrt und mir selbst die Lust am Lernen ordentlich versaut hat. Wahrscheinlich lehrte sie noch nicht mal Demokratie. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie eine derjenigen gewesen wäre, die ihre Schulkinder auf den ersten Weltkrieg vorbereiteten und ihnen empfahlen, sich gleich zu Beginn freiwillig zu melden…

Um auf die Frage zurück zu kommen: Ausschließen kann ich nichts, sondern nur feststellen, wie ich heute geworden bin. Und dies hatte wohl mannigfaltige Gründe. Was ich aber ebenfalls zutiefst verinnerlicht habe ist der Glaube an die unbedingte Gleichwertigkeit allen menschlichen Lebens, die ich meine zu spüren und erfahren zu haben. Dieser ist jedoch der Ausgangspunkt dafür, dass ich diese Gesellschaft ablehne und den Faschismus als ihren grauenvollsten Auswuchs begreife. Diesen grundlegenden ethischen Wert habe ich mir nicht erarbeitet, sondern ich habe ihn aufgesogen und in ihm gelebt. Was ich mir aber erarbeitet habe und regelmäßig erkämpfen muss, ist, daran festzuhalten, nicht zynisch und ironisch zu werden, sondern mit der Hoffnung ernst zu machen und sie – wie immer von mir selbst ausgehend, aber im Zusammenhang mit den anderen seiend – zu verwirklichen. In diesem Sinne ende ich diesen Gedankengang mit einem Gedicht von Erich Mühsam:

Mensch sein

Trotz allem Mensch sein. Mensch bei allem bleiben
und seinen Menschen nicht verkümmern lassen,
wenn selbst die Sterne schon im Dunst verblassen,
geängstigt von dem Spuk, den Menschen treiben.

Mensch sein heißt nicht in Duldsamkeit verweiben.
Menschen sein erlaubt, befiehlt den Feind zu hassen.
Mensch sein heißt Unrecht bei der Gurgel fassen
und es mit jedem Keim zu Staub zerreiben.

Trotz allem Mensch sein, wär’s auch mit dem Messer!
Demo dem, der Menschen tötet sein verkündigt:
Vergossnes Blut fließt durch Gewissenssiebe.

War vor der Bluttat deine Seele besser,
so hast du dich am Menschentum versündigt.
Rein bleibt der Mensch, der Blut vergießt aus Liebe.