Über das Pseudonym

Lesedauer: 4 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Paradox-A / Dez. 2017

von Paradox-A

Verdeckt das Pseudonym den bürgerlichen Namen, so verdeckt der bürgerliche Name die bruchstückhaft und durch vielerlei Einflüsse, Eindrücke und Auseinandersetzungen gewordene Persönlichkeit – jene Identität, welche als historisch-kontextuelle Fiktion der Einheit des Selbst konstruiert wird. Und die fortwährend zu konstruieren ist, lastet in der bürgerlichen Gesellschaft auf den Einzelnen doch der stetige Druck in der Anonymität der individualisierten Massengesellschaft eine kohärente und den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechende, sich auch in ihrer Abweichung immer an diesen orientierende, Erzählung des eigenen Lebensweges dar zu bieten, nicht zu Letzt, um die eigene Besonderheit gegen die graue und diffuse Allgemeinheit zu behaupten.

Schließlich kann die spezifische Ausformung der eigenen Existenz nie sinnhaft vor den einordnenden und wertenden Blicken der konkreten Anderen und ihrer Verinnerlichung im sich rechtfertigenden und beschreibenden Bewusstsein begründet werden, fände sie nicht in Abgrenzung zu jenen und den vorfindlichen Konglomeraten jeweiliger psychischer Flickenteppiche statt. Vollzogen werden daher jene exzentrischen Prozeduren, die paradoxerweise vorgeben, Äußerungen einer wirklichen und auf mystischen Weise ursprünglichen Innerlichkeit darzustellen, welche durch Ausgrenzung und Leugnung der ungeahnt vielgestaltigen Potenzialität der eigenen Seinsweise die nackte Tatsache verschleiern, dass es keinen plausiblen Grund für unsere individuellen Leben und die Annahme ihrer Einzigartigkeit aus sich selbst heraus gibt.

Weniger krampfhaft und anstrengend ließen sich jene zur Erlangung von Handlungsfähigkeit notwendigen und bisweilen in spielerischer Hinsicht höchst interessanten Identifizierungen vollziehen, wäre die Gesellschaft weniger schnelllebig, die verbreiteten Normen weniger strikt, die verinnerlichte Herrschaft weniger durchdringend und rigoros, die äußerlichen Sanktionierungen psychisch weniger schmerzhaft und die individuelle wie auch kollektive Zukunft nicht dermaßen prekär und angsteinflößend. Statt des Wenigers der eingeschränkten, gemaßregelten, duckmäuserischen, konformen Person würde eine Qualität wachsender, fließender, offener, veränderungs-lustiger und selbstlos-selbstsicherer Eigenheit zur Entfaltung gelangen, welche aufgrund ihrer unverstellten Erfahrung Mensch durch, mit und in Anderen zu sein, jenen ihre Andersheit zugestände; sie zu achten und zu schätzen wüsste. Somit darf der Kampf um die Emanzipation des Individuums nicht als individueller missverstanden werden, sondern gelingt augenscheinlich nur, wo die verstörende Begegnung mit dem Anderen das zusammengezimmerte und reduzierte Selbst zur Öffnung und Infragestellung verleitet, verführt und ein Begehren nach seiner Überschreitung weckt. Zudem ist die Emanzipation der Individuen nicht ohne ihre materiellen Voraussetzungen denkbar und zu verwirklichen, die Allen zu gewährleisten der Anspruch einer lebenswerten und vernünftigen Gesellschaft sein muss.

In diesem Sinne dient das Pseudonym, wenn nicht zum direkten Schutz vor Gewalt an der eigenen Person, zunächst lediglich zur Infragestellung derselben, zweitens zur Verwirrung Dritter sowie drittens als Verweis auf die Prozesshaftigkeit der schriftstellerischen und sonstigen Tätigkeiten. Seine Multiplizierung kann als Vorgang der bewusst vollzogenen Defragmentierung als auch der Selbst-Relativierung verstanden werden, speist sich jedoch gleichwohl aus einer Eigendynamik des versuchenden Entwurfs eines heterogenen und darum widersprüchlichen Akteurs. Aus dieser Paradoxie erklären sich Distanzierungen als Versuche, sich in einer einerseits spektakulären, andererseits zynischen Umgebung selbst ernst zu nehmen.

Wird die bürgerliche Identität enttarnt, macht sich ihr Träger angreifbar: Zunächst vor staatlich-polizeilichen Instanzen und Wutbürger*innen, welche eben jene subversive Ent-Subjektivierung mit Misstrauen beobachten und gegebenenfalls zu verfolgen geneigt sind; dann aber auch vor den als Genoss*innen antizipierten und adressierten Anderen, die sein Spiel durchschauen und als solches verabscheuen mögen oder nun ihre – sicherlich berechtigte – Kritik anbringen wollen. Dabei jedoch verkennen beide Seiten die inhärente Vielfalt des betreffenden Subjektes, reduzieren und kategorisieren es. Um seiner habhaft zu werden unterstellen sie die ent-stellte Kohärenz, machen den ohnehin schwierigen Versuch seiner Pluralisierung zu Grunde und ebnen seine – doch nur bürgerlichen Maßstäben folgende – Exzentrik wieder ein, die keineswegs eine Herausstellung zum Ziel hatte, sondern lediglich Möglichkeiten ihrer Darstellung ausfindig machen wollte. Schließlich scheint auch die Hoffnung auf eine geregelte und als sicher imaginierte materielle Absicherung gefährdet, wird offenbar, welchen inkohärenten, inkonsequenten und häretischen Zeichensalat jemand – und sei es viel früher – fabriziert hat.

All dies sprich also für die pseudonyme Tarnung und sei sie so minder professionell vollzogen, wie der Dilettantismus mit dem seine Produkte durch frei assoziierende Methodik entstanden. Und welcher damit selbst wiederum eine spezifische – wenngleich keine einzigartige – Form von Professionalität zu sein beansprucht. Die Offenlegung multipler Pseudonyme kommt dem religiösen und/oder juristischen Selbstoffenbarungseid gleich und fügt damit zusammen, was als Zusammengehörigkeit nur Anerkennung finden kann – und sei es in Kritik und Verachtung, die sich zumindest auf eine wirkliche Person zu beziehen scheint, diese dadurch reflektieren und eine Versicherung ihrer Existenz ermöglicht. Der Künstler schwankt dazwischen, sich einen Namen zu geben und seine Benennung abzuwehren, er provoziert die Auseinandersetzung und scheut sie zugleich. Je nach persönlichem Geschmack, Distinktionsbedürfnis und politischer Situation variiert dabei wiederum der Umgang in Bezug auf die Verwendung des bürgerlichen Namens.

Etwas anderes als das Pseudonym ist der Kampfname, der für ein bestimmtes Programm und eine relativ klar umrissene, damit stets aber auch imaginierte, politische Gemeinschaft steht, auch wenn sie fortwährend in der Formierung begriffen ist (Es sei denn der Kampf ist zu Ende, dann aber auch seine Namen). Der Kampfname kann Stärke und Entschlossenheit oder auch Ironie und Gebrochenheit zum Ausdruck bringen. In jedem Fall verdeutlicht sich in ihm seine stets widersprüchliche Bezugname auf ein Kollektivsubjekt, dessen Heterogenität widergespiegelt und darin bestimmte Position bezogen wird. Kampfname und Pseudonym können jedoch auch zusammenfallen; ebenso auch mit dem bürgerlichen Namen. Damit verdeutlichen sie einen selbst gewählten Abstand, der in der Würde der Person begründet liegt, sich von sich selbst distanzieren und neu formieren zu können, um sich wiederum in neue Auseinandersetzungen zu begeben. Schließlich davon zu unterscheiden ist der Aktionsname, welcher nach Vollendung des selbst gesuchten oder freiwillig übernommenen Auftrages geschreddert wird.

Nicht als lauter empfunden wird in der Regel, wenn das gewählte Pseudonym augenscheinlich einer anderen Geschlechtsidentität entspricht, als sein*e wahrnehmbare*r Träger*in – mit dem entsprechenden Körper und Verhaltensweisen. Dass mit dem Akt der Benennung durch Andere zugleich eine spezifische Zuschreibung von Geschlechtsidentität verbunden ist, die auf die subjektive Erfahrungs- und Lebenswelt als auch das Gefühl der*des Träger*in gar nicht einzugehen beabsichtigt, da ihre Urteile aufgrund der Unsicherheit über die eigene Seinsweise im Vorhinein feststehen, wird dabei oftmals ausgeblendet.