Moderner Sozialbandit oder politischer Aktivist?

Lesedauer: 69 Minuten

Eine Untersuchung der Autobiographie Lucio Urtubias anhand Eric Hobsbawms Konzeption von Sozialbanditen

zuerst veröffentlicht in: Paradox-A / Apr. 2015

von Jonathan Eibisch

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
2 Sozialrebellen und Sozialbanditen nach Eric Hobsbawm
2.1 Der Entstehungshintergrund des Forschungsgebietes und Hobsbawms Vorgehensweise
2.2 Zur Charakterisierung von Sozialrebellen und Sozialbanditen
2.3 Die Entwicklung eines Schemas der Sozialbanditen
2.3.1 Die Dimension sozialer Positionierung
2.3.2 Die sozialstrukturelle und sozialpsychologische Dimension
2.3.3 Die politisch-weltanschauliche Dimension
2.4 Exkurs zu den ‚Exproriatoren‘
3 Zur Arbeit mit der Autobiographie „Lucio Urtubia. Baustelle Revolution“
3.1 Zur wissenschaftlichen Arbeit mit (Auto-)Biographien
3.2 Darstellung und Einordnung der Autobiographie Lucio Urtubias
4 Analyse der Autobiographie Lucio Urtubias nach dem Schema Eric Hobsbawms
4.1 Ein Arbeiter und politischer Aktivist mit vielfältigen Beziehungen
4.2 Von der aktiven Armut zum individualistischen Aktivismus
4.3 Anarchistische Moral, rationalisierte Rebellion und klandestine Organisation
4.4 Die individuelle Enteignung als Taktik revolutionärer Kleingruppen
5 Fazit
Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Sozialrebell, Geldfälscher, Bandit, moderner Robin Hood – die Liste der Titel mit denen Lucio Urtubia beehrt wurde, ist lang. Sein Leben ist ein Spiegel der revolutionären Bewegungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.“ – So steht es im Klappentext der Autobiographie des spanisch-französischen Anarchisten, welcher vor einigen Jahren mit seiner Lebensgeschichte an die Öffentlichkeit getreten ist. Die bereits gesponnenen Mythen um den einfachen Fliesenleger wurden somit auf eine nachvollziehbare Grundlage gestellt und dieser außergewöhnliche Lebensweg für die Geschichte dokumentiert. Diese Arbeit widmet sich der Analyse der Auto-biographie Urtubias[1] unter dem Gesichtspunkt, ob dieser in verschiedener Hinsicht, der Be-schreibung von Sozialbanditen im Sinne Eric Hobsbawms gerecht wird. Der marxistische Sozialhistoriker Hobsbawm beschäftigte sich ausgiebig mit verschiedenen Formen sozialer Rebellion und kam zu dem Schluss, dass das „Phänomen Sozialbanditen […] der Vergangen-heit“[2] angehört.

Nach den von ihm entwickelten Kriterien soll seine eigene Aussage überprüft und gefragt werden: Inwiefern kann das Leben Lucio Urtubias, geschildert in seiner Autobiographie, als das eines Sozialbanditen im Sinne Hobsbawms gelten? Dies ist eine offene Frage, denn wenn-gleich spontan schon einige Assoziationenen zum spezifischen Lebensweg Urtubias dafür zu sprechen scheinen, ihn als Sozialbanditen zu benennen, stellt sich bei näherer Betrachtung her-aus, dass keineswegs klar ist, was diese genauer auszeichnet. Vielmehr bewegt sich die Konzep-tion Hobsbawms in einem theoretischen Spannungsfeld, welches darum verschiedene Interpre-tationen ermöglicht und kein eindeutiges Schema festlegt, nach dem eine Analyse vorgenom-men werden könnte. Somit braucht es eine weite Auslegung der Konzeption von Sozialbandit-en, zu der Hobsbawm auf den zweiten Blick an verschiedenen Stellen Anlass gibt. Die Autobio-graphie des Anarchisten Urtubia zu analysieren, ist etwas anderes als jene Banditen (bzw. die Mythenbildung über sie) zu diskutieren, welche Hobsbawm als Beispiele untersucht – dazu verändern sich in der Moderne die gesellschaftlichen Bedingungen zu schnell und zu grund-legend. Aus diesem Grund ergibt die Fragestellung nur Sinn wenn angenommen wird, dass die Motive, die Haltung, der Habitus von Sozialbanditen in sich transformierenden Gesellschaften gerade durch den Wandel der Zeiten und ihrer Bedingungen erhalten bleiben, aber neue Formen annehmen.

Die geschichtswissenschaftliche und soziologische Untersuchung einer Autobiographie gewinnt ihr Interesse insbesondere daran, wenn anhand des Lebensweges einer einzelnen Person auch und gerade die historischen Verläufe nachvollzogen und erklärt werden können in welchen er begangen wird. Urtubia wechselt zeitlich, räumlich und strategisch die Kontexte, verkörpert biographisch also selbst Entwicklungen, in denen er sich orientieren und bewegen muss; die er aber auch mitzugestalten anstrebt: Vom Agrarkapitalismus hin zur großstädtischen Industrie-gesellschaft; von der ländlichen Umgebung im Spanischen Navarra hin zu den Möglichkeiten und Anforderungen der Metropole Paris; von ‚affektiven‘ Diebstählen hin zu Banküberfällen und dann professionellen Fälschungen; von delinquentem Verhalten aus Notwendigkeit und Gerechtigkeitsempfinden zur bewussten Überschreitung der Gesetze mit linksradikalen Zielen – dies sind die Kontextverschiebungen, welche historische Entwicklungen anhand einer sehr spezifischen Lebensgeschichte nachvollziehbar machen können. Mit diesem Hintergrund wird eine Diskussion um Kontinuität und Wandel des Phänomens Sozialbanditentum und seiner Konzeptionierung möglich.

Im Folgenden werden dazu zunächst der Entstehungshintergrund der Konzeption von Sozial-banditentum bei Hobsbawm beleuchtet, das Phänomen eingeordnet, seine Kriterien dargestellt und mit dem Ziel diskutiert, ein brauchbares Schema für die Analyse der Autobiographie Urtubias zu entwickeln. In einem längeren Zwischenteil wird ein Ansatz zur wissenschaftlichen Arbeit mit Autobiographien entwickelt, welcher zur Selbsterzählung Lucio Urtubias hinführt. Diese wird dann im vierten Teil dieser Abhandlung mit Hobsbawms Schema des Sozialbanditen konfrontiert und diskutiert, woraus auch Schlüsse in Bezug auf die Anwendbarkeit desselben gezogen werden können.

Der Wahrheitsgehalt der Ausführungen Urtubias in seiner Autobiographie kann in dieser Unter-suchung nicht überprüft werden, jedoch ist es erforderlich, sie in den jeweiligen historischen Zusammenhängen zu sehen und – über die literarische und narrative Inszenierung von Authentizität hinaus – ihre Glaubwürdigkeit und Plausibilität anzunehmen. Jenes gelingt nur, wenn auch ein Bild der Person Urtubias mitgedacht wird, wenngleich dennoch vorrangig die Inhalte seiner Erzählung behandelt werden sollen und tiefergehende psychologische Charakter-studien nicht vorgenommen werden.

Damit klingt aber schon an, dass eine Herausforderung dieser Arbeit darin liegt, verschiedene wissenschaftliche Perspektiven – namentlich geschichtswissenschaftliche und soziologische – locker miteinander zu verknüpfen, vergleichbar einer Sozialgeschichte, welche aber ihre indivi-duelle Ausprägung anhand eines spezifische Lebenswegs in den Fokus rückt. Der Spagat zwischen Soziologie und Histiographie, zwischen individueller und gesellschaftlicher Ebene, zwischen Hobsbawms wissenschaftlicher Pionierarbeit auf dem Gebiet sozialer Rebellion und der intentionalen Autobiographie eines Anarchisten ist eine Herausforderung, deren Bewältig-ung möglich wird, wenn eine recht unkonventionelle Herangehensweise gewählt wird. Hinsichtlich dieser weisen sowohl Hobsbawms als auch Urtubias – sehr unterschiedliche – Perspektiven eine interessante Parallele im Umgang mit Geschichte auf, mit deren jeweils eigenwilliger Deutung, sie hier in einem produktiven Konflikt zusammen gebracht werden sollen. Der Titel „Moderner Sozialbandit oder politischer Aktivist?“ ist in diesem Zusammen-hang zu sehen, denn wie sich herausstellen wird, sind es eben die Ambivalenzen, Uneindeutig-keit und Widersprüche, die bei der wissenschaftlichen Analyse eines Gegenstandes Spannung versprechen, was umso mehr für Autobiographien gilt.

2 Sozialrebellen und Sozialbanditen nach Eric Hobsbawm

2.1 Der Entstehungshintergrund des Forschungsgebietes und Hobsbawms Vorgehensweise

Für die Überlegungen zu und einer Konzeption von „Sozialbanditen“ waren die Studien Eric Hobsbawms wichtige Anstöße und gelten als Pionierarbeit einer Geschichte von unten.[3] Hobsbawm selbst schreibt in seiner Autobiographie, dass sein erstes Buch Primitive Rebels[4] „in ein Gebiet fiel, über das ich mir zuvor wenig und über das sich tatsächlich überhaupt noch niemand Gedanken gemacht hatte“[5]. Für einen orthodoxen marxistischen Historiker war es seinerzeit keineswegs selbstverständlich, sich nicht mit der Arbeiterbewegung selbst zu beschäftigen,[6] sondern mit ihren (vermeintlichen) Vorformen.[7] Dabei gibt er ganz freimütig zu, dass sein persönliches Forschungsinteresse sich aus seinem unmittelbaren Kontakt mit den Themen der sozialen Rebellion speiste: „Im wesentlichen fußt dieses Buch auf meinen häufigen Reisen nach Spanien und Italien in den fünfziger Jahren, zwei Länder, mit denen seither mein Leben und die Wege meiner Veröffentlichungen verbunden waren“[8]. Hobsbawm beschreibt seine erste Reise nach Spanien, direkt nach Ausbruch des Bürgerkrieges 1936, durch welche er unvermittelt und zunächst nur sehr kurz mit der ‚typischen Brutstätte‘ von Sozialrebellen in Kontakt kommt: dem Spanischen Anarchismus.[9] Diese Begebenheit und die Lektüre von Gerald Brenans The Spanisch Layrinth[10] als eine der ersten theoretischen Überlegungen zu den sozialen und politischen Hintergründen des Spanischen Bürgerkrieg hinterließen bei ihm einen tiefen Eindruck.[11] Literarische Werke zu dieser Thematik wurden schon früher verfasst, wie George Orwells Mein Katalonien von 1938[12] und viele weitere sollten folgen, so beispielsweise 1972 Hans Magnus Enzensberger Roman Ein kurzer Sommer der Anarchie[13], welcher das Leben der anarchistischen Leitfigur Bueanventura Durruti darstellt. Auch als geschichtswissenschaftliches Forschungsthema erlebte der Spanische Bürgerkrieg in den 1980er Jahren geradezu einen Boom.[14] Bei Hobsbawms Studienreise nach Spanien 1951 unter der autoritären Diktatur von Franco war dies allerdings aus naheliegenden Gründen noch nicht der Fall:

„Spanien hatte den Bürgerkrieg nicht vergessen, und die Besiegten, auch wenn sie machtlos und ohne Hoffnung waren, hatten ihre Meinung darüber nicht geändert. […] Das Spanien unter Franco in den frühen fünfziger Jahren war ein Regime, das auf dem Prinzip des Philosophen Thomas Hobbes‘ gründete: die schlimmste, aber wirksame politische Macht ist besser als gar keine Ordnung. Das Regime überlebte trotz seiner wahrgenommenen Ungerechtigkeit und seiner allgemeinen Unbeliebtheit […] nicht so sehr wegen seiner Macht und seiner Bereitschaft, die Bevölkerung zu terrorisieren, sondern weil niemand einen zweiten Bürgerkrieg wollte.“[15]

Auch das Forschungsgebiet, welches hier im Zentrum steht, die Sozialrebellen, stellte zu dieser Zeit einen grauen Flecken dar. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe, welche 20 Jahre nach der Erstveröffentlichung erschien, konstatiert Hobsbawm, dass die Erforschung der Thematik seither fortgeschritten ist und die Überarbeitung vieler Kapitel notwendig wäre.[16] Die Studien zum Sozialbanditentum wurden von Hobsbawm selbst vertieft und in Bandits (1969)[17] veröffentlicht. Wenngleich alle von Hobsbawm behandelten ‚archaischen Sozialbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert‘, wie die ‚Mafia‘, die ‚Lazzarettisten‘, ‚andalusischen Anarchisten‘, der ‚Bauernkommunismus‘, ‚großstädtische Mob‘ oder die ‚Arbeitersekten‘ mit jenem der Sozialbanditen als einem Phänomen dieser Kategorie zu tun haben, ist es daher sinnvoll hauptsächlich auf den weiterführenden Studien zu ihnen, also der Konzeption aus Die Banditen, aufzubauen. Darin werden auch zwei wesentliche Änderungen der ursprünglichen Ansichten Hobsbawms diskutiert. Einerseits will er die Symbiose zwischen Sozialbanditentum und primitiven, ‚millenarischen‘ Bewegungen stärker betonen; andererseits sieht er die Notwendigkeit, dass Klischee vom ‚edlen Banditen‘ um jene Formen der ‚Rächer‘ und der ‚Heiducken‘ zu ergänzen.[18]

Hobsbawm gibt zu, dass seine Quellen vorrangig Balladen und Gedichte darstellen, weswegen sie den Ansatz der ‚Geschichte von unten‘ widerspiegeln. Der einzige Abschnitt, welcher auf unmittelbare Forschung zurückgeht (wobei dies auch hauptsächlich verschiedene orale Quellen sind, die Hobsbawm selbst versammelte), ist das achte Kapitel des Buches.[19] Um an dieser Stelle schon vorzugreifen soll die Vermutung geäußert werden, dass jene dort beschriebenen ‚Exproriatoren‘ im Grunde genommen als ein eigener, weiterer Typus von Sozialbanditen angesehen werden müssen, ohne den die später folgende Untersuchung der Autobiographie Lucio Urtubias nicht zielführend wäre. Insofern diese in der Phase der untergegangenen Republik und der Etablierung des Franco-Regimes einsetzt, ist anzunehmen, dass Banditentum als ‚primitive Form sozialen Protests‘[20] in der Nähe zu politisch oppositionellen Bewegungen zu suchen ist, da beide von den herrschenden Mächten kriminalisiert werden und sich in diesem Rahmen illegaler Methoden (beispielsweise Schmuggel, Fälschungen, Enteignungen oder Entführungen) bedienen. Auf seine Forschung rückblickend stellt sich Hobsbawm die Frage, ob ihn ein engerer Kontakt zur oppositionellen spanischen Intellektuellen „zu einem schärferen Sinn für Realitäten“[21] in der damaligen Zeit verholfen hätte. Auf widersprüchliche Weise bejaht und verneint er diese Frage zugleich, wobei davon auszugehen ist, dass er durchaus genauere beziehungsweise differenziertere Informationen hätte erhalten können und zwar aus drei Gründen: Erstens weil es zahlreiche britische Rückkehrer der sogenannten Internationalen Brigaden gegeben hatte, zweitens weil die anarchistische Bewegung in Großbritannien relativ stark war[22] und drittens weil es Gruppen von Spaniern im Exil gab, die auf republikanischer Seite gekämpft hatten oder später flohen. Dass Hobsbawm kaum in Kontakt mit „politisch informierten Personen“ aus Spanien kam, kann also für sein damaliges Forschungsvorhaben durchaus als problematisch angesehen werden, gerade weil er sich stark auf orale Quellen bezog. Nichts desto trotz ist es als bedeutender geschichtswissenschaftlicher Beitrag anzusehen, wenn Hobsbawm Studien zur neueren spanischen Geschichte anstellte, während die Diktatur Francos seit zwölf Jahren bestand und erst 26 Jahre später freie Wahlen stattfinden würden. In seiner Selbsterzählung heißt es dazu:

„Da Spanien in seiner Geschichte erstarrt zu sein schien, ohne dass sich daran etwas ändern würde, war es ein ungewöhnlich gefährliches Terrain für Beobachter und Analytiker von außen. Die übermächtige Gegenwart einer scheinbar unveränderlichen Vergangenheit – einschließlich der letzten Jahrzehnte – verbarg die inneren und äußeren Kräfte, die im Begriff standen, das Land in den kommenden Jahrzehnten tiefgreifender und unwiderruflicher umzuformen als fast jedes andere Land Europas.“[23] [24]

Gerade aufgrund dieser Pionierleistung konnten andere Forscher sich an Hobsbawms Thesen abarbeiten, sie kritisieren und erweitern, was auch im Kontext neuerer politischer Entwicklungen – wie der Studentenbewegung in den sechziger Jahren – „zur Überraschung des Autors“ geschah, wenn Studenten sich selbst als eine Bewegung im Sinne der Sozialrebellen begriffen und der Soziologe Alain Tourain einen systematischen Zusammenhang andeutete.[25]

2.2 Zur Charakterisierung von Sozialrebellen und Sozialbanditen

Nach der kurzen Einführung in den Entstehungshintergrund von Hobsbawms Beschäftigung mit und bevor seine genauere Konzeption von Sozialbanditen dargestellt wird, soll ein Blick darauf geworfen werden, wie er diese in Verbindung mit anderen ‚archaischen Sozialbewegungen‘ und allgemein charakterisiert.

Alle derartigen Bewegungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Übergangsphänomene darstel-len, die – durchgesetzt und verwaltet durch den modernen Staat – auftreten, wenn sich agrarische Gesellschaften mit Feudalherrschaft zum Industriekapitalismus entwickeln.[26] Dabei entsprechen sie aber nicht jenen Grupperierungen und Strömungen, welche gemeinhin als ‚frühe Phasen‘ moderner sozialistischer Bewegungen angesehen werden, wie Gesellenvereinigungen, Maschinenstürmern, Jakobinern oder utopischen Sozialisten (Wobei anzunehmen ist, das auch hier gewisse Schnittpunkte existieren). Das eigentlich Befremdliche oder Überraschende an den Sozialrebellen ist, dass in der Moderne und als Reaktion auf diese in bestimmten Kontexten ‚chiliastische‘ bzw. ‚millenaristische‘[27] Bewegungen entstehen, welche man eher im Mittelalter vermuten würde.[28] Bei der Bewegung der ‚Lazzartettisten‘ ist die religiöse Herkunft noch deutlich sichtbar, insbesondere am andalusischen Anarchismus will Hobsbawm aber nach-weisen, dass diese kollektiven Denkformen und Gefühlswelten „eine ziemlich anspruchsvolle Form von archaischer Rebellion [… darstellen], eine höhere Stufe, sowohl ideologisch als auch in Bezug auf seine Mobilisierungs- und Aktionsfähigkeit; gemessen an lokalen oder individuellen Formen sozialer Rebellion wie z.B. Banditentum“[29], weil sie auch ausgefeiltere Vorstellungen sozialer Veränderung hervorbringen.[30] Diese treten eben gerade bei Modernisierungsprozessen auf, welche die traditionelle gesellschaftliche Struktur und soziale Ordnung oft radikal umwälzen.

Ein Paradoxon besteht darin, dass die Menschengruppen, welche sich ‚archaischen Sozialbewegungen‘ anschließen, dies in Reaktion und in Abwehr jener Umwälzungsprozesse tun, deren Ursache und Verläufe sie nicht begreifen und als ‚präpolitische‘ Menschen nicht verstehen können, weil sie einen niedrigen Bildungsgrad haben und in der Regel auch Analphabeten sind.[31] Sie wurden nicht in die kapitalistische Welt hineingeboren, sondern erleben ihren verstörenden Einbruch oder Ausbruch, bei dem alles „Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige […] entweiht [wird], und die Menschen […] endlich gezwungen [sind], ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen“[32]. Sie leben also in der Welt einer sich ausbreitenden kapitalistischen Moderne, deren Sogwirkung sie sich nicht entziehen können, welcher sie zugleich von ihrer Mentalität und ihrem Verhalten her doch nicht wirklich angehören (können).[33] Mit der Durchsetzung verschiedener wirtschaftlicher Entwicklungen, effizienterer Kommunikationsmethoden, einer öffentlichen Verwaltung etc. würde aber das Banditentum – und dies ließe sich wohl sinngemäß auch auf die anderen Formen der Sozialrebellen übertragen – nachweislich verschwinden.[34] Modernisierungsprozesse vollziehen sich aber mit Sprüngen nach vorn und zurück über lange Zeiträume und in unterschiedlicher politischer Ausgestaltung.[35] Nach Hobsbawm sind seine Beschreibungen von ‚primitiv‘ und ‚archaisch‘ nicht misszuverstehen, denn die „behandelten Bewegungen haben eine beachtliche historische Entwicklung hinter sich, […] sie gehören alle zu einer Welt, die schon lange den Staat […], Klassendifferenzierung und Ausbeutung […] und selbst Städte kennt.“[36] Sie bestehen vorwiegend aus „bäuerlichen“ Gruppen, gleichzeitig heißt das aber nicht, dass es sich a priori und alleine um Bauern handeln muss.[37] Zusammengefasst kann also gesagt werden, dass Hobsbawm die „Anpassung von Volksbewegungen an eine moderne kapitalistische Wirtschaftsweise“[38] betrachtet, wobei sie in Formen der Vergesellschaftung wie beispielsweise in Spanien, deren Entwicklungen durch Diskontinuitäten, Verwerfungen und der Ungleichzeitigkeit politischer und wirtschaftlich-sozialer geprägt sind,[39] besondere Herausforderungen und Widersprüche zu bewältigen haben.

Mit diesen Hintergrundannahmen über ‚archaische Sozialbewegungen‘ betrachtet Hobsbawm nun das Phänomen der Sozialbanditen näher. Grundlegend hierbei ist, dass es sich bei ihnen um Einzelpersonen oder Gruppen handelt, die von der (ländlichen) Bevölkerung allgemein nicht als Verbrecher angesehen, während sie von Obrigkeit und Staat aber als solche verfolgt werden. Es handelt sich um Figuren, welche sich ‚zwischen‘ Rebellen, Geächteten und Räubern befinden, d.h. sie gehören weder zur organisierten Unterwelt des professionellen Berufsverbrechertums, noch stellen sie politisch motivierte Widerstandskämpfer dar, sind aber auch nicht lediglich sozial Ausgegrenzte.[40] Dieses theoretische Spannungsfeld der Uneindeutigkeit von Sozialbanditen begründet das Nachdenken und wissenschaftliche Interesse an ihnen, birgt aber gleichzeitig auch die Schwierigkeit sehr verschiedener Interpretationsmöglichkeiten einzelner Phänomene, welche mit dem Konzept von Sozialbanditen untersucht werden können.[41] Zweifel-los ist hierin auch ihr Mythos begründet, aus der einfachen Bevölkerung zu stammen, mit dieser verbunden zu sein und stellvertretend für die anderen – d.h. also im Sinne ihrer Interessen – gegen die Ungerechtigkeiten der Reichen und Mächtigen aufzubegehren und durch ihren Wider-stand wieder gerechte und faire Beziehungen zwischen Menschen zu ermöglichen.[42] Banditentum selbst ist keine soziale Bewegung, kann aber ein Teil von ihnen sein, sie symbolisch darstellen oder ihnen in ihrer Ermangelung als ‚Ersatz‘ dienen.[43]

Zweitens legt Hobsbawm Gewicht auf die Aussage, Sozialbanditentum als allgemeines und globales Phänomen anzusehen, welches zu verschiedenen Zeiten und an unterschiedlichen Orten auftreten kann, wenn sich die angedeuteten Modernisierungsprozesse vollziehen:

„Vor allem ist diese Gleichmäßigkeit der Erscheinungsformen nicht eine Folge kultureller Diffusion, sondern ein Spiegelbild von Situationen, die in verschiedenen bäuerlichen Gesellschaften einander ähneln, sei es in China, Peru, Sizilien, in der Ukraine oder in Indonesien. […] [E]s scheint in allen Typen menschlicher Gesellschaft vorzukommen, die sich in der Entwicklungsphase [hin zur Moderne] befinden.“[44]

Relevanz hat das Phänomen der Sozialbanditen in soziologischer Hinsicht also, weil darüber Aussagen über grundlegende strukturelle Veränderungen in der Vergesellschaftungsform möglich werden.[45] Aus diesem Grund ist es Hobsbawm auch möglich den Zeitraum des Phänomens einzugrenzen. So geht er davon aus, dass der Höhepunkt „in vielen Teilen der Welt“ im 19. und 20. Jahrhundert lag, während es in den „meisten Teilen Europas […] vermutlich zwischen 1500 und 1800 seine größte Zeit gehabt“[46] hat. Zu diskutieren ist, ob auch eine Eingrenzung auf „ein bis zwei Generationen möglich sein“[47] sollte oder ob Sozialbanditentum – in einem weitem Verständnis als spezifisches und latentes widerständiges Verhalten sozial deklassierter Gruppen – in verschiedener Gestalt Ausdruck findet, die etwas anderes beinhalten, als das bestimmte Menschen in die Berge oder Wälder gehen, um Reiche oder Fremde zu überfallen.

2.3 Die Entwicklung eines Schemas der Sozialbanditen

Mit den bisherigen Darlegungen von Hobsbawms Konzeption der Sozialbanditen werden nun einzelne Aspekte näher beleuchtet und vertieft, um ein Schema zu umreißen, nach dessen Kriterien eine Untersuchung der Autobiographie Lucio Urtubias möglich wird. Für diese Vorgehensweise wesentlich ist, dass es nicht darum geht, Annahmen von Hobsbawm auf ihren vermeintlichen ‚Wahrheitsgehalt‘ zu überprüfen, sondern diese als Anlass zu nehmen, ihre anwendbaren Kernaussagen herauszuarbeiten. Gerade weil Hobsbawm nicht den Anspruch der absoluten wissenschaftlichen Fundierung seiner Darstellung erhebt, sondern eher eine Debatte anregen und grundlegende Vorschläge zur Fassung des Phänomens der Sozialbanditen machen wollte, ist diese Herangehensweise mit der seinen vereinbar. Deswegen wird auf eine umfangreiche wissenschaftliche Diskussion über Forschungen zu Sozialbanditen selbst an dieser Stelle verzichtet.

Drei maßgebliche Dimensionen eines Schemas von Sozialbanditen können nachgezeichnet werden: Das Verhältnis von ihnen zur (unterdrückten) Bevölkerung, zu ihren Gegnern und den Machthabenden als Dimension sozialer Positionierung (I); die ursprünglichen und weitergehenden Motivationen der Sozialbanditen aus ihrer sozialstrukturellen und sozial-psychologischen Verortung heraus (II); ihre politisch-weltanschaulichen Einstellungen und Entwürfe, d.h. ihre Vorstellungen von Gesellschaft und ihr Verhalten dazu, sowie ihre Einordnung in das Spannungsfeld zwischen Revolution und Reform. Dass die Bedingungen des zeitlichen und räumlichen Kontextes, aus welchem sie hervorgehen, stets mitzudenken sind, ist bereits angeklungen. Gesondert eingegangen werden soll auf die von Hobsbawm beschriebenen ‚Expropriatoren‘.

2.3.1 Die Dimension sozialer Positionierung

Wie schon gezeigt wurde, sind Sozialbanditen mit größeren Teilen der Bevölkerung, vor allem den Bauern, verbunden und werden von ihnen nicht als gewöhnliche Verbrecher wahrgenommen. Darüber hinaus haben sie aber auch Kontakt zu den jeweiligen Eliten.[48] Im sechsten Kapitel von Die Banditen beschreibt Hobsbawm die Stellung von Räuberbanden, welche sich einerseits außerhalb der Sozialordnung bewegen und andererseits keineswegs frei von ihrer Umgebung sind. „Ihre Bedürfnisse und Aktivitäten, ja, ihre bloße Existenz setzen sie vielmehr mit dem üblichen sozioökonomischen und politischen System in Beziehung.“[49] Die Gründe dafür werden oft übersehen, sind jedoch recht naheliegend: geraubte Güter müssen verkauft, Waffen und dergleichen gekauft werden. Somit treten Banditen mit Händlern als „Mittelsmännern“ in Kontakt und sind mit den sie umgebenden ökonomischen Strukturen eng verwoben. Sie tragen „zur Akkumulation lokalen Kapitals bei, welches sich fast stets eher in den Händen seiner Parasiten befindet, als dass es zu seiner freien Verfügung stünde.“[50] Als Armer und Krimineller stellt er sich selbst in Gegensatz zur Hierarchie und je „erfolgreicher er als Bandit ist, um so eher ist er sowohl Repräsentant und Held der Armen als auch Glied im System der Reichen.“[51]

Alleine aufgrund der Tatsache, dass Räuberbanden bewaffnet sind, stellen sie ein politisches Gewicht dar, mit dem gelegentlich Abkommen geschlossen werden, die partiell auch für bestimmte Unternehmungen von Grundherren oder dergleichen, beispielsweise gegen die zentralstaatliche Gewalt, in Dienst genommen werden können,[52] Darum ist es auch möglich, dass Anführer von Sozialbanditen in ihren verschiedenen Beziehungen eine eigene Art Politik betreiben, was hauptsächlich in Situationen geschieht kann, wo ein Machtvakuum herrscht, die Macht der offiziellen Regierung nur gelegentlich durchgesetzt wird und sie bei der ländlichen Bevölkerung nicht unbedingt als legitimer gilt als bewaffnete Banden.[53] In diesem Sinne können sie als teilweise integrierter Akteur im politischen Gefüge von Agrargesellschaften auftreten und werden von Herrschenden sogar protegiert, wie es auch Legenden berichten[54] – allerdings in jedem Fall nur solange bis eine staatlich organisierte kapitalistische Ordnung durchgesetzt wird und damit kontinuierlichere und dauerhaftere Gewinne realisiert werden können.[55]

Jedoch sind Sozialbanditen eben nicht wie gewöhnliche Verbrecher ein politischer Akteur unter anderen, sondern befinden sich im Widerstand. Reiche, fremde Eroberer, Unterdrücker und Störer der traditionellen Ordnung sind ihre Gegner.[56] Was zunächst einfach klingt, ist jedoch ein komplizierter Sachverhalt, denn auch eine Beziehung der Gegnerschaft ist ein wechselseitiges und deswegen auch dynamisches Verhältnis, wenngleich der Einfluss auf ihre Ausgestaltung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen abhängig ist. Dies begründet auch den Mythos der Sozialbanditen als Menschen, die die ihnen auferlegte soziale Position nicht akzeptieren, sond-ern gegen sie rebellieren, sich gewissermaßen selbst ermächtigen, um auf die Definition der herrschaftlich strukturierten Beziehungen Einfluss zu nehmen. Ganz unbewusst, wahrscheinlich auch ungewollt, aber gleichzeitig davon profitierend, symbolisieren Sozialbanditen somit den Traum einer gerechten Gesellschaft.[57] Ob sie darüber hinaus auch für Emanzipationsprozesse stehen, welche sich immer auch durch die Subjekte selbst vollziehen, bliebe zu diskutieren. ‚Durch die Subjekte selbst‘ in doppeltem Sinne: dadurch, dass Menschen aktiv handelnd auf die Gestaltung ihrer Umwelt- und Existenzbedingungen Einfluss (zurück)gewinnen und dadurch, dass dieser Prozess sie selbst in ihrer Subjektivität verändern wird.

Hobsbawms Beschreibung dessen, was hier soziale Positionierung der Sozialbanditen genannt wurde, ist in vielerlei Hinsicht plausibel. Allerdings kann seine Überlegung kritisiert werden, Sozialbanditen würden per se die Unterstützung ‚ihres‘ bäuerlichen Milieus erfahren. Eher ist anzunehmen, dass auch die „Agrargesellschaften“ weitaus komplexer sind, als sie Hobsbawm darstellt, wofür es viele gute Gründe gibt.[58] Die dabei mitschwingende orthodox-marxistische Annahme, ‚primitive‘ Gesellschaften seien völlig homogen, deswegen könne von einer gleichen gesellschaftlichen Position, ein ähnliches ‚objektives‘ Interesse festgestellt werden, welches – wenn auch mangels Bewusstsein darüber verzerrt – Bauern dazu brächte, Sozialbanditen zu unterstützen, ist zu kurz gegriffen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass es auch innerhalb einer bäuerliche Gesellschaft verschiedene Gruppen, zum Beispiel in der Form von Familienclans, gibt, die unterschiedliche Ansichten darüber haben, ab welchem Punkt und in welcher Gestalt Sozialbanditentum als legitim, moralisch gerechtfertigt und unterstützenswürdig angesehen wird. Für die Entwicklung eines brauchbaren Schemas muss hier ein differenzierterer Blick Anwendung finden, so wie er sich auch in Hobsbawms Betrachtung der ambivalenten Beziehung zwischen Sozialbanditen und lokalen Eliten andeutet. Zumal die sozial randständige Positionierung der ‚Briganten‘ in der agrarischen Gesellschaft keineswegs eine rein selbst gewählte ist, sondern genauso durch diese auferlegt wird.[59] Dies führt zu ihrer sozialstrukturellen und sozial-psychologischen Verortung.

2.3.2 Die Sozialstrukturelle und sozialpsychologische Dimension

„Der einzelne Bandit ist weniger ein politischer oder sozialer Rebell – geschweige denn ein Revolutionär – als vielmehr ein Bauer, der die Unterwerfung verweigert und sich dadurch von seinen Schicksalsgenossen unterscheidet. Oder noch schlichter: es sind Leute, die sich von dem für Ihresgleichen gewöhnlichen Schicksal ausgeschlossen sehen und deshalb dem Banditentum, der Ächtung und dem ‚Verbrechertum‘ in die Arme getrieben werden.“[60]

In dieser Beschreibung wird angedeutet, dass ein ganzes Bündel an Ursachen dazu führt, dass Menschen Sozialbanditen werden. Aus verschiedenen Gründen werden sie in diese Situation ‚getrieben‘,[61] gleichzeitig müssen sie aber deswegen nicht zwangsläufig Banditen werden, sond-ern haben verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen. Dies soll nicht bedeuten, dass es sich dabei um ‚bewusste‘ Entscheidungen handelt, sondern eher, dass bestimmte Persönlichkeits-merkmale, verknüpft mit verschiedenen Erfahrungen (Rachegedanken aufgrund erfahrenen Unrechts und ähnlichem), dahin führen.

Sozialstrukturell müssen die „mobilen Randgruppen“ der – wesentlich starren – Agrargesellschaft untersucht werden. Überbevölkerung, Landlosigkeit und Armut zwingen das „unbeschäftigte Landproletariat“ dazu, nach anderen Einkommensquellen außerhalb der Landwirtschaft zu suchen, wobei sich die dafür nötige Handlungsfreiheit in aller Regel bei männlichen Jugendlichen „zwischen Pubertät und Ehe“ befindet.[62] Auch – und vielleicht gerade – in der engen Agrargesellschaft sind nicht alle integriert oder fliehen vor den ihnen auferlegten Zwängen von Leibeigenschaft, Institutionen, Gefangenschaft oder einer an sich undefinierten Stellung.[63] „Soldaten, Deserteure und Abgerüstete“ spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, weil sie die soziale Hierarchie gefährden; des weiteren sind aber auch jene mobilen Berufsstände wie Hirten, Fuhrleute und Schmuggler von Bedeutung, die sich größten-teils abseits von befestigten Ansiedlungen aufhalten.[64]

In sozialpsychologischer Hinsicht nennt Hobsbawm Charaktermerkmale, die mit einer Tendenz zur individuellen Rebellion verbunden sind, wie Hartnäckigkeit, Widerspenstigkeit und eine gewisse Kampfeslust, verbunden mit einem Hang zur Gewalttätigkeit. Zudem beschreibt er auch Gruppen ’nonkonformistischer Armer‘, welche jedoch mit ihrer ‚individuellen Empörung‘ „ein Produkt der allgemeinen Lethargie der Armen [sind und damit] die Ausnahme [darstellen], die die allgemeine Regel bestätigt“[65] anstatt ein Symbol der Revolution zu sein. Dabei wird wieder ihre Nähe zur organisierten Kriminalität deutlich, welche wie andere Gewerbe und Gruppen zu den gesellschaftlichen Außenseitern gehört, dort eigene Sprachen und Kodes entwickelt und sich ideologisch als ‚anti-konformistisch‘ versteht. Was Sozialbanditen aber auszeichnet ist, dass sie „das Wertesystem einfacher Bauern, einschließlich deren Frömmigkeit und deren Misstrauen gegen ‚outgroups’“[66] teilen und sich eben auch in dieser Beziehung ihre Verwurzelung in der lokalen Bevölkerung ausdrückt. Hobsbawm nimmt an, dass Menschen die Sozialbanditen werden im Gegensatz zu Berufsverbrechern weniger charakterliche Neigungen dafür haben.

Diese Annahme ist allerdings zu verwerfen, da Persönlichkeitsmerkale erst im Zusammenhang mit sozialstrukturellen und sonstigen Bedingungen, sowie Erfahrungen zu bestimmten Lebens-wegen führen. Weiterhin kann an Hobsbawms Darstellung auch kritisiert werden, dass er unterschwellig eine Romantisierung des Banditentums reproduziert, welche für die wissenschaftliche Erfassung des Phänomens nachteilig ist. Und es ist anzunehmen, dass die individuellen Motive des jeweils untersuchten Sozialbanditen insgesamt noch vielfältiger sind als beschrieben, sodass das gemeinsame Auftreten der genannten sozialstrukturellen und sozialpsychologischen Faktoren bei bestimmten Menschen keineswegs den Schluss zulässt, dass sie unter bestimmten Bedingungen zwangsläufig zu Sozialbanditen werden.[67]

2.3.3 Die politisch-weltanschauliche Dimension

Hobsbawm zufolge sind Banditen „Aktivisten und nicht etwa Ideologen oder Propheten, von denen man sich neue Visionen und Pläne für soziale und politische Organisationen erwarten kann“[68]. Wenn überhaupt gesagt werden kann, dass sie einer politischen Programmatik folgen, dann jener des „revolutionären Traditionalismus“. Auf vielfältige Weise und gelegentlich sehr wirkungsvoll wehren sie neue Formen der Unterdrückung ab, lehnen sich gegen Unrecht auf, kämpfen für gerechte und faire Beziehungen zwischen Armen und Reichen, Herrschern und Unterdrückten.[69] Sie „träumen von einer Welt, die anders wäre: einer Welt der Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit, einer gänzlich neuen Welt ohne Übel“[70], wobei dieser Traum zu-meist eine ferne Hoffnung bleiben muss, bis auf die wenigen Ausnahmefälle, wenn „die Gesamtstruktur der bestehenden Gesellschaft […] tatsächlich im Zusammenbruch begriffen zu sein scheint“[71] und Sozialbanditen zu Revolutionären werden, was sie aber nicht zwangsläufig vor anderen Gruppen auszeichnen. Denn sie „protestier[en] nicht gegen die Tatsache, dass die Bauern arm und unterdrückt sind, sondern dagegen, dass sie manchmal ganz besonders arm und unterdrückt sind. Man erwartet von Banditenhelden nicht, dass sie eine Welt brüderlicher Gleichheit schaffen können. Sie können nur Unrecht gutmachen und beweisen, dass man hin und wieder die Unterdrückung auch umkehren kann.“[72] Weil sie aufgrund von Modernisierungsprozessen aus der vorherigen gesellschaftlichen Ordnung herausgelöst werden, richtet sich ihr Widerstand gegen diese und den Fortschritt und somit können sie gewissermaßen als anti-modern bezeichnet werden (was nicht bedeutet, dass sie deswegen anti-emanzipatorisch sein müssen).[73]

Von einiger Wichtigkeit ist Hobsbawm die Unterscheidung von revolutionären und reformistischen Bewegungen, was für die Untersuchung ihrer Strategien und Organisationsformen wichtig wäre. Im Spannungsfeld zwischen Revolution und Reform[74] rechnet er Sozialbanditen deutlich der letzteren zu, weil sie die gesellschaftlichen Bedingungen nicht wirklich verstünden und darauf lediglich destruktiv reagierten. Weiterhin könnten sie aus strukturellen Gründen keine wirksame Guerillaorganisation hervorbringen und aufgrund ihrer traditionalistischen Ideologie würden sie keinen transformierenden Einfluss auf die gesellschaftlichen Verhältnisse nehmen, sondern müssten in der neuen Phase untergehen oder mit der Unterdrückung verschmelzen. Wenn es zu revolutionären Erhebungen kommt, könnten sie darin eine gewisse Rolle spielen, indem sie Bauernaufstände fördern oder als Hilfstruppen dienen – eine permanente Organisationsform revolutionärer Bauern wären sie jedoch nicht.[75]

Bei dieser Beschreibung hat Hobsbawm offensichtlich – ganz im Gegensatz zu vielen anderen seiner Beispiele – konkrete Erhebungen im Sinn, wie jene der Machnowschtschina (1917-1922), jener ukrainischen anarchistischen Bauernrebellion, welche sich sehr erfolgreich gegen die zaristischen Expansionsfeldzüge erhob und schließlich von den Bolschewisten besiegt wurde, mit denen sie zuvor verbündet war.[76] In einer völligen Verkennung seiner eigenen analytischen Annahmen und der historischen Situation schreibt Hobsbawm, die Machno-Bewegung wäre als eine Organisation von Banditen von Beginn an zur Niederlage verdammt gewesen und die „Zukunft“ läge bei den „politischen Organisationen“, d.h. den autoritären Kommunistischen Parteien.[77] An dieser Stelle tritt deutlich ans Licht, wie unsachlich Hobsbawm mit seinen eigenen Begriffen umgeht, wie vorurteilsbeladen er empirische Phänomene darstellt, wenn sie seinen willkürlichen Setzungen, was als „revolutionär“ oder „reformistisch“ zu gelten hat, nicht entsprechen. Im Grunde genommen offenbart sich hier paradigmatisch die ganze Absurdität des sogenannten ‚wissenschaftlichen Sozialismus‘ als dessen treuer Anhänger sich Hobsbawm auf jeden Fall in dieser Zeit sah.[78] Romantisiert er an anderer Stelle unterschwellig das Sozialbanditentum, wo er es anhand einzelner Personen oder kleiner Gruppen beschreibt, wirkt Hobsbawm hier auf die Kriminalisierung einer bäuerlichen politischen Bewegung hin, welche zeit-weise bis zu 50000 permanent bewaffnete Partisanten zählte und die damit begann im Sinne der sozialen Revolution mittels eines Rätesystems alle politischen und gesellschaftlichen Strukturen neu zu organisieren.[79] Dies ist selbstverständlich etwas völlig anderes, als wenn Sozialbanditen in revolutionären Situationen lediglich „kampftüchtige Truppen und kampftüchtige Anführer“[80] werden.

Nach dem ersten Triumph der revolutionären Bewegung werden „Aktivisten des Banditentums wiederum ihre Außenseiterrolle am Rande der Gesellschaft einnehmen, um sich den letzten Verfechtern eines alten Lebensstils und anderen ‚Konterrevolutionären‘ anzuschließen, die in zunehmender Hilflosigkeit Widerstand leisten“[81], schreibt Hobsbawm und impliziert damit, dass radikale revolutionäre Gruppen mit der Durchsetzung der Hegemonie einer bestimmten politischen Strömung von dieser fallengelassen und als Banditen diffamiert werden, um ihre Bekämpfung zu rechtfertigen. Im Weiteren stellt er Überlegungen dazu an, unter welchen Um-ständen sich Banditen (bezeichnenderweise spricht er hier nicht mehr von „Sozialbanditen“) in moderne Revolutionsbewegungen integrieren lassen. Dies sei partiell möglich, wo politische Ziele in ihren Begriffen ausgedrückt und sie vor allem durch das persönliche Verhalten von Revolutionären überzeugt würden, wenn sie sich mit diesen in ähnlicher Interessenlage verbunden fühlen. Dies gilt insbesondere dort, wo eine nationale Befreiungsbewegung sich gegen ausländische Unterdrückung richtet.[82] Aus strukturellen Gründen jedoch könnten sie keine größeren Einheiten ausrüsten und kontrollieren, geschweige denn gesellschaftlichen Alternativen anbieten und somit operierten sie an den Rändern der politischen Struktur aber nicht gegen diese.[83]

2.4 Exkurs zu den ‚Exproriatoren‘

Es wurde bereits erwähnt, dass eine genauere Darstellung der drei von Hobsbawm ausgemachten Typen von Banditen aufgrund des Umfanges der Arbeit aber auch für die Untersuchung der Autobiographie Lucio Urtubias nicht zielführend ist. Stattdessen lohnt es sich aber, näher auf das achte Kapitel aus Die Banditen einzugehen. Wenn die ‚Expropriatoren‘ als ‚Quasi-Banditen‘ bezeichnet werden und ihre Beschreibung als „ideologische Banditen“[84] sich im Grunde genom-men von ‚edlen Räubern‘, ‚Rächern‘ und ‚Heiducken‘ zumindest soweit unterscheidet, wie diese Typen untereinander verschieden sind, könnten sie auch als eine eigene Variante des Sozialbanditentums aufgefasst werden. Warum Hobsbawm sie nicht als solche aufzählt, ist unklar. Die genauere Betrachtung der Aktivisten, welche individuelle Enteignungen als Strategie anwenden, ist für diese Arbeit aus zwei Gründen sinnvoll: Erstens wurden derartige Umverteilungsaktionen als Musterformen sogenannter Direkter Aktionen von Anarchisten auch in Spanien propagiert und angewendet, weswegen bei Lucio Urtubia eine inhaltlich-politische Nähe zu ihnen an-zunehmen ist. Zweitens wählt Hobsbawm als Fallbeispiel eines Expropriatoren den katalonischen Guerilla-Kämpfer und Schmuggler Francesco Sabaté Llopart alias „Quico“ (1915-1960). Zufälligerweise war genau dieser berühmte und verfolgte Individualanarchist in seiner Zeit des klandestinen Exils in Frankreich bei Lucio Urtubia untergetaucht, sodass sich beide wahrscheinlich circa zwei Jahre eine Wohnung teilten. Dabei teilte Sabaté Urtubia viel seines Wissens und seiner Gedanken- und Gefühlswelt mit, was diesen sehr prägte.[85] Insofern stellt Sabaté ein direktes personales Verbindungsglied zwischen Hobsbawms Forschung und der Geschichte Lucio Urtubias dar.

Hobsbawm stellt den Gedanken in den Raum, die Enteignungstaktik sei möglicherweise auf Blanqui und Bakunin zurückzuführen, wobei er im selben Zuge feststellt, das „Raubzüge zur Versorgung von Revolutionären mit nötigem Nachschub“[86] im Grunde genommen in allen kriegerischen Auseinandersetzungen vorkommen. Insofern stellen sie keine „Erfindungen“, sondern einen ganz ursprünglichen Aspekt kriegerischer Auseinandersetzung dar, welcher unter einer kapitalistischen Privateigentumsordnung eine spezifische Gestalt und Bedeutung gewinnt. Ein wesentliches Kennzeichen der individuellen Enteignung besteht aber darin, dass sie nicht in einer konkreten Kriegssituation durch ein Heer in der Form einer Plünderung, sondern durch kleine Gruppen im latenten gesellschaftlichen Konflikt ausgeübt wird. Guerilla-Bewegungen seien bisweilen ebenfalls gezwungen, sich ähnlicher Taktiken zu bedienen wie Sozialbanditen: des Schmuggels, Fälschungen, Terrors, der Spionage und eben Enteignungen.[87]

Bei dieser Feststellung wird Hobsbawms befremdliche Trennung zwischen Revolutionären und Sozialbanditen einmal mehr schwammig, denn zumindest teilweise sind Taktiken auch mit bestimmten Inhalten, Vorstellungen und dem Habitus[88] von Menschen verknüpft, die sie an-wenden. Deswegen sind sie in der Regel keineswegs ‚irrationaler‘ oder ‚unpolitischer‘ als andere Formen revolutionärer Tätigkeiten. Entscheidendes Kriterium ist, dass der Raub um einer politischen Sache Willen vorgenommen wird und sich somit gleichzeitig symbolisch gegen die kapitalistische Herrschaft, verkörpert im Geld und den Banken, richtet. Weil das Leben und die Taten Sabatés exemplarisch geschildert werden, muss er als ein bestimmter Typus eines frei-geistigen und aktivistischen Revolutionärs angesehen werden. Hobsbawms Aufzählung von zehn weiteren Bandenmitgliedern[89] zeigt große Parallelen zur sogenannten „Bonnot-Bande“ auf, der nachgesagt wird, sie hätte 1911/1912 in Frankreich und Belgien die ersten motorisierten Banküberfälle überhaupt unternommen. Die Organisationsform dieser anarchistische Strömung des ‚Illegalismus‘,[90] ist eine Gruppe mit einer überschaubaren Anzahl sich untereinander persönlich kennender Aktivisten, deren unterschiedliche Fähigkeiten sich ergänzen und die jeweils aus freier Entscheidung an den gemeinsamen Unternehmungen mitwirken, welche sie im Idealfall auch kollektiv planen. Derartige Strukturen sind für die von Hobsbawm beschriebenen Expropriatoren auch anzunehmen. Verbunden sind sie durch die geteilte Ideologie des Anarchismus, welche Hobsbawm als faszinierende aber mehr oder weniger irrationale ‚Idee‘ darstellt.[91]

Ein wichtiger Punkt ist das Handeln aus eigenen moralischen Erwägungen heraus, welches bei Sabaté, Urtubia und Anarchisten generell einen großen Raum einnimmt. Hobsbawm beschreibt hierzu das soziale und moralische Milieu, in welchem Sabaté aufwuchs. Es handelte sich um die Situation in Katalonien vor, während und nach dem Spanischen Bürgerkrieg, bei dessen Ausbruch Sabaté 21 Jahre alt war. Ein „politisch bewusstes Leben“ führte dort mit hoher Wahrscheinlich zum anarchistischen Weltbild, welches in der polarisierten historischen Situation, wie andere politische Ideen auch, das persönliche Engagement der Anhänger forderte, dabei aber insbesondere das eigenmächtige Handeln betonte. Inwiefern bestimmte Weltanschauungsfragmente zur Rechtfertigung moralisch fragwürdiger Handlungen wie beispielsweise der Ermordung von Polizisten oder dem Platzieren von Bomben in Konsulaten im Sinne „politischer Rationalisierungen“[92] dienen, ist eine andere Frage. Auf der anderen Seite scheint es, dass Sabaté aufgrund moralischer Prinzipien – welche keineswegs willkürlich gesetzt sind, sondern in vielerlei Hinsicht Anknüpfungspunkte an verbreitete Vorstellungen ‚der Bevölkerung‘, ins-besondere der Armen haben – keinen festgesetzten Dogmen folgte und stattdessen jede Situation beziehungsweise jedes Vorhaben moralisch neu bewertete. Die Behauptung und Inszenierung von moralischer (anstatt theoretischer, strategischer etc.) Überlegenheit ist es, woraus das anarchistische Weltbild generell und im beschriebenen Kontext seine Anziehungskraft bezieht und auch in den Kategorien ‚einfacher‘ d.h. tendenziell unterdrückter und armer Menschen aus-gedrückt werden kann sowie zumindest teilweise diesen entstammt.[93] In diesem Zusammenhang kann die These aufgestellt werden, dass je weniger eine gesellschaftliche Schicht auf politische, ökonomische, militärische oder kulturelle Hegemonie Einfluss hat, sie sich desto stärker auf moralische Argumente beziehen muss.[94]

3 Zur Arbeit mit der Autobiographie „Lucio Urtubia. Baustelle Revolution“

3.1 Zur wissenschaftlichen Arbeit mit (Auto-)Biographien

Die Beschäftigung mit (Auto-)Biographien bringt aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive einige Schwierigkeiten mit sich, handelt es sich doch stets um Versuche der Einordnung und Fassung der Lebenswege von Personen, welche aus den unterschiedlichsten Gründen als dokumentationswürdig erachtet werden. Dabei wird kaum ein Leben „Gegenstand einer Biographie, weil es so bunt an äußeren Ereignissen ist. Stattdessen wird dem Leben eines Menschen in der Regel dann eine Biographie gewidmet, wenn dieser sich durch sein Tun irgendwie hervorgetan hat.“[95] Dass diese Versuche niemals einer Person im Ganzen gerecht werden können, immer Auszug-hafte Episoden erzählen, bei welchen Kohärenz und Sinn im Nachhinein konstruiert werden, was je nach Intention des Autors oftmals unbewusst oder absichtlich äußerst verzerrt geschieht, ist das eine Problem.[96] Andererseits stellt sich auch die Frage, wie es möglich ist, insbesondere Autobiographien als seriöse historische Quellen zu betrachten, insofern sie über Zeitabschnitte Aufschluss geben, in welchen die Autoren gelebt haben, d.h. je nach Einstellung und Intention die historischen Vorgänge interpretieren und sich dazu positionieren.[97] „Dabei existiert das Biographische keineswegs unabhängig von gesellschaftlichen und kulturellen Regeln, von Habitus, sozialem und kulturellem Milieu“[98], sondern ist in diesen verwurzelt, durch „geprägte Vorstellungen von Entwicklung, Ganzheit und Chronologie“ motiviert und an Identitätskonstruktion beteiligt, worin Bernhard Fetz potenziell einen „Spielraum des Biographischen“ innerhalb bestimmter Zusammenhänge sieht.[99] Es liegt in der Form von (Auto-)Biographien begründet, dass sie subjektive Schilderungen darstellen und nur gelegentlich wissenschaftlichen Anspruch erheben. Das Interesse an Biographien liegt im Versuch begründet, historische Verläufe aus dieser zu erfassen und dadurch eine ‚Wahrheit‘ von Person und Geschehnissen durch ihre spezifische (Selbst-)Interpretation aufscheinen zu lassen – insofern sie mit Sozialgeschichte kontextualisiert werden.[100] „Die biographische Wahrheit lässt sich nicht auf einen Begriff bringen, sie ist ein relationales Gebilde, sie entsteht zwischen der biographischen Erzählung, ihren Objekten und den Lesern jeweils neu.“[101]

Zwischen Biographien und Autobiographien gibt es wesentliche Unterschiede, welche an der Position des Sprechers festgemacht werden, wobei Autobiographien tendenziell ein modernes Phänomen darstellen, welches mit dem Aufstieg und der Krisenhaftigkeit des Bürgertums als Schicht und mit Prozessen der Individualisierung verknüpft ist.[102] [103] Autobiographien gelten als stärker zeitgebunden, bedienen sich Authentifizierungsstrategien, während bei Biographien die Rolle, Motivation und Haltung des Autors zusätzlich bedacht werden muss und von der Antike bis zur frühen Neuzeit eher exemplarische Lebensläufe als jene ‚großer Männer‘ dargestellt wurden,[104] die somit auch oft zur Herrschaftstypologisierung beitragen.[105] Im Folgenden soll explizit von Autobiographien geschrieben werden, auch wenn sich deren theoretischer Hintergrund genauso vom Gegenstand der Biographie ableitet.

Einen breiten Raum in der neueren wissenschaftlichen Diskussion um Biographie nehmen Fragen zum Begriff des Subjektes ein, denn das Leben wird nicht nur dokumentiert, sondern gerade durch autobiographische Zeugnisse geschrieben und eingeschrieben.[106] Trotzdem sich der Subjektbegriff stark im Wandel befindet,[107] hält sich dennoch hartnäckig die Vorstellung eines ‚Kerns‘ oder einer ‚Substanz‘ personaler Identität,[108] deren Festschreibung und unreflektierte Behandlung durch – teilweise „theorieresistente“ – Autobiographien stark in der Kritik stehen.[109] [110] Für eine wissenschaftliche Betrachtung ist es wichtig, sich mit dieser Thematik zu beschäftigen, jedoch sollen an dieser Stelle nur die relevanten Einsichten vorgestellt werden, welche Doris Kolesch festhält: (1) Weil Welt (auch) durch Sprache konstituiert wird, muss ein Bewusstsein für die potenzielle Tragweite und Auswirkung einzelner Aussagen entstehen; (2) Die Wahrnehmung von Personen und Ereignissen durch ihre Zeitgenossen stellt einen konstitutiven Bestandteil derselben dar; (3) Da es immer wieder neue Interpretationen unter veränderten Umständen geben wird, müssen gerade die geringen Abweichungen in Erzählungen etc. Beachtung finden; (4) Sinnstiftungsprozesse haben mediale und materielle Bedingungen, deswegen muss nicht nur was, sondern auch wie etwas gesagt wird, angeschaut werden.[111]

„Das Paradox der Biographie besteht darin, dass erst die Inszenierung von Authentizität den biographischen Effekt erzeugt.“[112] Mit dieser Aussage wird deutlich, dass das Überzeugende an Autobiographien, nämlich die gefühlte Nähe zur dargestellten Person im Sinne ihrer Authentizität, ein Eindruck ist, welcher nicht ursprünglich vorhanden ist, sondern inszeniert und suggeriert wird. Dafür bedarf es der Vorstellungskraft der Rezipienten wie auch ihrer Empathie, mit denen biographisches Verstehen als Selbstvergewisserung erst möglich wird.[113] In Verbindung mit einem kritischen Sprachbewusstsein und der Fähigkeit zur Quellenkritik ist das Imaginäre aber nicht mit Fiktion oder Fälschung gleichzusetzen, sondern verweist auf die Fabrikation und Konstruktionsarbeit, welche allem Kulturellem zu Grunde liegt.[114] So entziehen sich Individuen letztendlich wesentlich stärker als historische Ereignisse der Verifikation durch kritische Auswertung und „das macht ihre geschichtliche Freiheit aus. Doch sind Widersprüche ebenso wenig einfach da, wie es widerspruchsfreie, authentische biographische Quellen gibt. Sie müssen vielmehr dem Quellenmaterial durch Interpretation, Kritik und Kommentar abgerungen werden“[115].

In ihrer Studie Erzählungen vom Anderssein. Linksterrorismus und Alterität[116] gelingt Gudrun Schwibbe mit der Verbindung verschiedener wissenschaftlicher Ansätze eine aufschlussreiche Untersuchung einiger Narrationen von RAF-Angehörigen. Da sie auf das linksradikale Milieu der 1970/80er eingeht, um den Prozess vom sozialen ‚Anderssein‘ zum kollektiven ‚Anders-werden‘ mit seinen politischen, psychologischen und kulturellen Implikationen beschreibt, lässt sich die Vermutung aufstellen, dass zumindest einige Aspekte ihrer theoretischen Herangehens-weise auch geeignet sind, um die Autobiographie Lucio Urtubias zu untersuchen. Mit einem inhaltlich-hermeneutischen Zugang thematisiert sie identitätsbildende Aspekte im Zusammenhang mit der zugewiesenen/empfundenen/gewählten Andersheit von Personen, welche sich eine ‚resistance identity‘ zuschreiben. Ihr sprachlich-formaler Ansatz soll hier nicht erläutert werden. Bedeutsam hingegen ist der funktionale Zugang, denn Erzählen als soziales Geschehen ist „mit der Intention verbunden, bei Rezipienten bestimmte Wirkungen zu erzielen. Auch narrative Identitätskonstruktionen dienen nicht allein der Selbstvergewisserung oder dem Wunsch nach einer umfassenden Persönlichkeitsentfaltung, sondern sie stehen in einer kommunikativ-funktionellen Beziehung mit anderen.“[117] In diesem Zusammenhang ist vor allem der narrative Prozess des Rechtfertigens wichtig, mit welchem Subjekte Normverletzungen sinnhaft erklären. Dies kann geschehen durch Leugnen der Verantwortung, des Schadens, des Opfers, eine ‚Verurteilung der Verurteiler‘ oder die Berufung auf höhere Loyalitäten.[118]

Um bei der Rechtfertigung zu bleiben, hat diese die Funktion das eigene Handeln zu legitimieren und somit für Verständnis oder eine Verbreitung der spezifischen Weltanschauung des Autobiographen zu werben. Im Fall von politischen Autobiographien kann daher in gewisser Hinsicht auch von einem Anteil von ‚Propaganda‘ ausgegangen werden. Die Funktion der Subjektkonstituierung für die betreffende Person wurde im Sinne der narrativen Selbsterzählung als Sinnstiftung und Kohärenznachweis schon angedeutet. Autobiographien behandeln als historische Quellen immer Vergangenes und verweisen durch ihre spezifische Deutung auf die Zukunft. Deswegen übernehmen sie eine Modellfunktion für das individuelle moralische Handeln ihrer Rezipienten, welche ihr eigenes Handeln in sich immer wandelnden kulturellen und historischen Formationen im Vergleich und in Abgrenzung vom Autobiographen reflektieren, definieren und begründen.[119]

Für die Geschichtswissenschaft übernehmen Autobiographien die Funktion eines kulturellen Gedächtnisses. Sie können als „Gegengewicht“ zur Struktur- und Sozialgeschichte verstanden werden und verweisen somit auf ein kollektives Gedächtnis. Die sogenannte Annales-Schule der Geschichtswissenschaft hatte Biographien nicht mehr als Medium der Historiographie an-gesehen, sondern sich auf ‚exakte Methoden‘ anderer Geisteswissenschaften berufen. Jacques Le Goff, welcher in ihrer Tradition stand, relativierte diesen Ansatz jedoch und sagt nach Fetz aus, dass die Geschichte bei der Biographie als Lebenserzählung „nicht in dieser Erzählung gefangen bleiben [darf]. Struktur und Erzählung seien kein Wiederspruch für den Historiker […]. Eine Biographie zu schreiben bedeutet nicht, ein Ereignis nach dem anderen zu erzählen, vielmehr sei die Biographie das Resultat vorangegangener Problemlösungen.“[120] Die große Anzahl heutiger Autobiographien wäre demnach auch ein Anzeichen für die zögerliche Überwindung der dominierenden Elitenerzählungen. Wolfgang Pyta stellt die Bedeutung von Biographien in der heutigen Geschichtswissenschaft unter Nachzeichnung konstruktivistischer Einflüsse und in Verbindung mit Sozialgeschichte dar. Dass es eine Interdependenz von strukturellen Zwängen und individuellen Entfaltungsmöglichkeiten gäbe, sei inzwischen ein Gemeinplatz. Wesentlich sei aber der Aspekt von (gesellschaftlichen) Krisen für die bestimmte Personen spezifische (und interessante) Bewältigungsstrategien fänden.[121] Hierbei kommt der Begriff von Generation ins Spiel, deren Charakterisierung durch besondere historische Brüche gekennzeichnet ist.[122]

3.2 Darstellung und Einordnung der Autobiographie Lucio Urtubias

Es liegt auf der Hand, dass für die Nachvollziehbarkeit einer detailieren Untersuchung der Autobiographie Lucio Urtubias deren teilweise Kenntnis vorausgesetzt ist. Gleichwohl über-steigt es diese Arbeit und ist es nicht ihr Ziel, Fakten aus dieser aneinander zu reihen und eine umfassende Zusammenfassung zu liefern. Dennoch ist ein grober Überblick von Nöten, welcher anhand der vorherigen Abhandlung über die Theorie der Autobiographie gegeben werden soll.

Wenn angenommen wird, dass autographische Zeugnisse zu Teilen individuelle Bewältigungsstrategien und Problemlösungen für gesellschaftliche Krisenerscheinungen darstellen, kann ge-fragt werden, welche dies im Fall Urtubias sind. Insofern zu Beginn des Buches das gesellschaftliche Klima und die spezifische familiäre Konstellation geschildert wird, in welche Urtubia hineingeboren wurde, kann zunächst die Situation des Gebietes Navarra als eine dauerhaft krisenhafte verstanden werden. Agrarkapitalistische Verhältnisse, aber auch entstehende Industrie, ein relativ hohes politisches Bewusstsein der mehrheitlich armen Bevölkerungsgruppen, aber auch der bedrückende Konservatismus des regionalistischen Karlismus, verweisen auf eine ausgeprägte weltanschauliche Polarisierung.[123] Unter anderem wurde Urtubias Vater inhaftiert und verließ das Gefängnis mit sozialistischer Überzeugung.[124] Zweitens setzt sich die angespannte Situation fort und spitzt sich im Spanischen Bürgerkrieg zu, den Urtubia im Alter von fünf bis acht Jahren erlebt und dessen Ausgang die Familie als Unterlegene in Verhältnisse großer Armut, verstärkter Ausbeutung und politischer Unterdrückung stößt. Zeitweise leiden sie Hunger und der Vater stirbt an einer heilbaren Krankheit, weil kein Geld für Medikamente da ist. Dies sind Schlüsselerlebnisse Urtubias, welche er ausgiebig schildert und aus deren Bewältigung sich seine Lebensmaximen ableiten.[125] Seine Flucht nach Frankreich und der Aufbau eines Lebens im Exil ist sicherlich auch eine Erfahrung, die insbesondere einen jungen Menschen sehr prägen. Die verschiedenen Phasen seines Aktivismus können als permanente Lösungsversuche gesellschaftlicher Problematiken gefasst werden, welche ihren stärksten Aus-druck drittens an der historischen Wegmarke des Mai 1968 finden, bei welchem er aktiv war.[126]

Im Selbstzeugnis können verschiedene Abschnitte der Rechtfertigung, in Reflexion über die eigenen Handlungen ausgemacht werden. Um nur ein Beispiel zu zitieren:

„Diese Enteignungen waren der einzige Weg, den wir als Revolutionäre hatten, um an die Mittel für unsere Aktivitäten zu kommen. Es ist nicht gerade schön, Leben oder Freiheit unter diesen Bedingungen aufs Spiel zu setzen. Eine Enteignung konnte außer Kontrolle geraten, zu Gewalt und Toten führen. Und das geschah auch bei einigen Aktionen. Mir ist das nie passiert, aber wenn es geschieht, ist es nichts Positives. Allerdings war es in jenen Jahren relativ einfach, in einer Bank eine Enteignung vorzunehmen.“[127]

Aber auch andere, ganz alltägliche Handlungen erläutert er und propagiert damit durchweg seine Anschauungen in einem überzeugenden, aber nicht aufdringlichen Stil. Dies betrifft ins-besondere ein Lob auf die Arbeit, Einfachheit und ‚aktive‘ Armut, die Rechtschaffenheit, Anständigkeit und Überzeugung mit welchen er seine eigenen Tätigkeiten, sowie die seiner ‚Freunde‘[128] beschreibt und an deren Maßstäben er Menschen bemisst:

„Und da sie nun schon mal den Direktor der Banco de Bilbao entführt hatten, forderten sie auch Geld. Das finde ich normal, die Leute brauchten Geld, sie verlangten es ja nicht, um damit in Urlaub zu fahren. Die jungen Aktivisten, die diese Aktion durchführten, handelten richtig, aus humanitären Idealen und ohne materielle Interessen. Sie erreichten mit ihren politischen Forderungen die gewünschte Öffentlichkeit und am Ende wurde der Bankier freigelassen, ohne Schaden genommen zu haben.“[129]

Gerade die vehemente und wiederholende Betonung der ‚Normalität‘ seines Denkens und Handelns deutet darauf hin, dass dieses eben nicht dem der durchschnittlichen Bevölkerung entspricht und der Legitimation bedarf. Überdeutlich zeigt sich ein Schwarz-weiß-Schema, nach dem Urtubia Freunde und Feinde benennt und die Welt in gute und schlechte Menschen einteilt, was er allerdings nicht an ihre soziale Herkunft knüpft. Dabei zeigt sich eine dringende Notwendigkeit der Verortung des eigenen Standpunktes, wie sie den Erfahrungen existenzieller Unsicherheit entspringt. Dennoch stellt er selbst auch Veränderungen seiner Ansichten fest[130] und gehört eindeutig einer früheren Generation an, als jener der postmateriellen Werte. Auf paradoxe Weise erscheint so gerade seine beharrliche Selbstdarstellung als ’normal‘, einfach, schlicht und bescheiden als eine Besonderheit, die ihn auszeichnet und welche Grund genug für seine ‚rebellischen‘ Ansichten ist. Seine widerständige Identität verlangt aber keiner expliziten Glorifizierung der eigenen Stellung als Befreier der Menschheit, Heilsbringer, Held oder der-gleichen. Eine Profilierung über seine Handlungen weist er im Gegenteil streng zurück.

Eben dies gibt der autobiographischen Erzählung ihren hohen Gehalt an ‚inszinierter‘ Authentizität, mit welcher Urtubia auch bei Lesungen auftritt.[131] Ohne auf stilistische Details einzugehen, wird dies in einer direkten und unmittelbar ansprechenden Sprache deutlich, welche eine gewisse Freundlichkeit eines alten und gesetzten Mannes durchscheinen lässt.[132]

Für postmoderne Theorien von Subjektivität hätte Lucio Urtubia sicherlich kein Verständnis, geht aber wiederum nicht explizit von einem Wesenskern seiner selbst aus, sondern leitet seine Ansichten und Einstellungen ‚materialistisch‘ von seiner historisch-gesellschaftlichen Prägung ab ohne sich irgendwelcher religiösen Begründungsfiguren zu bedienen. Insofern stellt er seine Selbstinterpretation in den Kontext sozialgeschichtlicher Umstände in Ergänzung von Zufallsbegegnungen auf persönlicher Ebene wie jenen mit Sabaté oder seiner späteren Frau Anne etc., so wie Urtubia sich auch insgesamt (bewusst) über die Menschen definiert, mit denen er sich verbunden fühlt. Lediglich gegen Ende findet sich eine eigene philosophische Überlegung über „die Utopie und das Unmögliche“[133], welche stark existenzialistischen Charakter aufweist und an Albert Camus denken lässt. Situationistisch gefärbte Kommentare zur Achtundsechziger Revolution geben dabei Zeugnis von seiner Prägung durch französische anarchistische Intellektuelle: „Aber mehr als das Brot fehlt uns die Phantasie. Wir müssen auf-wachen und unsere Phantasie spielen lassen. Schluss mit dem Ausruhen, das Leben ist Aktivität, es ist ein Privileg, das man bis zum letzten Tropfen ausnutzen muss […]“[134].

Bleibt die offen zu haltende Frage, was das dokumentationswürdige am Leben Lucio Urtubias ist, weswegen seine Autobiographie nicht nur jene irgendeines Privatmenschen darstellt, sondern als aufschlussreicher historischer Untersuchungsgegenstand gerade aufgrund seiner subjektiven Erzählung von allgemeinem oder auch wissenschaftlichem Interesse ist. Man könnte seine Besonderheit in dem großen Coup sehen, durch professionelle Fälschungen der Traveller-schecks der Citi-Bank und ein entsprechendes klandestines Netzwerk diese gigantisch überlegene Macht punktuell geschlagen zu haben – woran Urtubia offenbar einen ganz wesentlichen Anteil hatte.[135] Fast beeindruckender scheint aber noch seine Beharrlichkeit und die Konsequenz zu sein, mit welcher er phasenweise verschiedenen illegalen politischen Tätigkeiten nachging und durch Glück und Kontakte fast immer der Polizei entwischte, während er mit mühevoller Arbeit über die Jahre sogar ein kleines Unternehmen aufbaute (in welchem freilich wiederum vorrangig illegale politisch Verfolgte arbeiteten).[136] In wissenschaftlicher Hinsicht, aber auch ganz allgemein, werden diese Erzählungen meiner Ansicht nach erst interessant, wenn sie als repräsentativ für bestimmte Zeiten, Verhältnisse, Haltungen und Gruppen verstanden werden und darüber vermittelt zur eigenen Positionierung beitragen.

4 Analyse der Autobiographie Lucio Urtubias nach dem Schema Eric Hobsbawms

Nun soll die Untersuchung der autobiographisch festgehaltenen historischen Sachverhalte in Anwendung des Schemas von Hobsbawm erfolgen. Dazu ist es naheliegend, themenbezogen vorzugehen, also einzelne autobiographische Momente miteinander zu verknüpfen, um grundsätzliche Tendenzen im Lebensverlauf Lucio Urtubias aufzuzeigen. Dabei wird zwischen dem spanischen Kontext seiner ländlichen Herkunft und dem großstädtischen von Paris, in welchem er die längste Zeit seines Lebens verbrachte, hin und her gewechselt. Dies ist insofern eine Herausforderung, als dass eine chronologische Abhandlung eben aufgrund ihrer hergestellten Kohärenz für die Leser nachvollziehbarer und auch gewohnter erscheint. An dieser Stelle wird den Dimensionen nachgegangen, welche oben als soziale Positionierung, sozialstrukturell/ sozialpsychologisch, politisch-weltanschaulich, sowie von den ‚Expropriatoren‘ von ausgehend Hobsbawm entwickelt beziehungsweise abgeleitet wurden.

4.1 Ein Arbeiter und politischer Aktivist mit vielfältigen Beziehungen

Ist ein wesentliches Merkmal der Sozialbanditen, dass sie mit größeren Teilen der (ländlichen) Bevölkerung verbunden sind, kann bei Urtubia festgestellt werden, dass er sich äußerst stark mit der Arbeiterklasse identifiziert.[137] Darunter versteht er nicht vorrangig das Industrieproletariat, sondern zunächst eine Verwurzelung im ländlichen Milieu, wobei dies für ihn im städtischen keinen Unterschied macht, es somit um den Grundwiderspruch von Kapital und Arbeit, von Herrschenden und Ausgebeuteten geht.[138] Bernecker schreibt vom Fehlschlagen der Industriellen Revolution in Spanien, trotz „dieses deutlichen Anwachsens der industriellen Arbeiterschaft setzte die Arbeiterbewegung nicht im Industriebereich, sondern im nach wie vor deutlich dominierenden Agrarsektor ein. […] Seither lässt sich der Zusammenhang zwischen Arbeiterbewegung und Anarchismus bis zum Ende des Bürgerkrieges […] in der spanischen Geschichte weit deutlicher greifen als in allen anderen europäischen Gesellschaften.“[139] Der Gedanke einer Klassenzugehörigkeit kam erst mit der Arbeiterbewegung selbst auf, welche ins-besondere durch das Wirken der anarchosyndikalistischen CNT in Navarra und im nahegelegenen und stärker industrialisierten Baskenland[140] weite Verbreitung hatte. Mit diesem wurde Urtubia dann aber hauptsächlich erst in Paris durch katalanische Arbeitskollegen bekannt gemacht.[141]

„Wir waren zwar arm, und in der Ribera de Navarra auch sehr konservativ und religiös, aber es gab auch einige Fabriken und viele Menschen, die über die großen Ideen des Fortschritts, des Sozialismus und des Anarchismus nachdachten und dafür kämpften. Damals wurden in einem Staat, der ärmer und weniger industrialisiert war als Frankreich, Ideen in die Praxis umgesetzt, die wir dort geerbt hatten, speziell der revolutionäre Syndikalismus und Anarchosyndikalismus.“[142]

Auch wenn beispielsweise die Schmugglertätigkeit weit verbreitet gewesen war,[143] fand der Franquismus in Navarra im Gegensatz zu den meisten anderen Regionen Spaniens breite Unterstützung in der Bevölkerung.[144] Insofern kann also eher weniger davon ausgegangen werden, dass rebellische Aktivitäten bei der Mehrheit der lokalen Bevölkerung auf Zustimmung stießen. Traditionell anders sah die Lage beispielsweise in Katalonien aus. Dennoch gab es auch in der Zeit der Franco-Diktatur und insbesondere entgegen ihres Endes eine Vielzahl oppositioneller Untergrundaktivitäten, auch in Navarra.[145] Letztendlich lässt sich daher keine eindeutige Tendenz einer Unterstützung oder Ablehnung für politische Aktionen wie individuelle Enteignungen durch den größeren Teil der Bevölkerung nachweisen, wenngleich eine generelle Sehnsucht nach einem Sturz von Franco wohl recht weit verbreitet war. Vom französischen Kontext und den späteren Jahren um und nach 1968 meint Hobsbawm zu erkennen, dass „Operationen einer Stadtguerilla […] sehr viel leichter zu organisieren [seien] als die einer Landguerilla, weil sie sich nicht auf die Solidarität oder das stillschweigende Einverständnis der Massen zu verlassen brauchen, dafür aber die Anonymität der Großstädte, die Kaufkraft des Geldes und ein Minimum an zumeist aus den Mittelschichten stammenden Sympathisanten für sich nützen können.“[146] Dieser Aussage ist zumindest dahingehend zuzustimmen, dass sowohl die Angewiesenheit auf breite Unterstützung im städtischen Kontext nicht notwendigerweise besonders hoch sein muss und darüber hinaus in den 1970ern/1980ern sicher auch nicht war, was auch mit den ungleichen Zugängen zum politischen Prozess, Ressourcen, Kontakten und öffentlicher Meinungsbildung zusammenhängt.

Aufgrund Urtubias konsequenter Ablehnung von Herrschaft könnte gemutmaßt werden, dass er keine Kontakte zu Eliten[147] pflegte. In einer Beziehung der Abhängigkeit stand er jedenfalls nicht und wurde von Mächtigen nicht regelrecht für deren Zwecke benutzt. Allerdings trifft Hobsbawms Aussage über die Sympathien einiger Mittelschichtsangehöriger zu, wenn Urtubia beispielsweise seine Bekanntschaft mit dem Astronomen und Wissenschaftler Arnaud Chastel schildert.[148] Sein berühmter Anwalt Roland Dumas, dessen gelungene Verteidigung ihn wahrscheinlich vor jahrelangen Haftstrafen bewahrte, wurde später gar Außenminister der Regierung Mitterand.[149] Weiterhin war er mit dem juristischen Berater der französischen sozialistischen Regierungen Louis Joinet bekannt, welcher Urtubia sogar zur Besichtigung eines Regierungsgebäudes einludt und dem er keineswegs mit Verachtung sondern tiefer Freundschaft begegnet.[150] Der berühmte Fotograph und Künstler Henri Cartier-Bresson organisierte eine Fotoausstellung in dem von Urtubia in hohem Alter aufgebauten sozialen Zentrum.[151] Außerdem hatte Urtubia offenbar Kontakt zur kubanischen Botschafterin, welche für ihn ein Treffen mit Che Guevarra einrichtete, bei dem er erfolglos die Idee vortrug, massenhaft Dollarnoten zu fälschen, wobei er sich des ungleichen Verhältnisses klar ist und meint: „Wir waren nur ein paar Banditen, die machten, was sie konnten, ohne Mittel. Aber die kubanische Regierung hatte Tausende Leute auf der ganzen Welt, sie hatte überall Banken, und ihr wurde überall auf der Welt Sympathie entgegengebracht.“[152] Das Selbstbewusstsein, als ‚Bandit‘ mit einer Regierung zu verhandeln ist beachtlich – zumindest wenn man in Kategorien funktionierenden bürgerlichen Rechts denkt. In diesem Sinne kann also, am deutlichsten durch die Bekanntschaft mit Louis Joinet nachgewiesen werden, dass Urtubia als Sozialbandit durchaus Kontakt zu Eliten hatte, wenngleich diese wohl eher als Gegeneliten zu gelten haben.[153]

Für die soziale Positionierung ist auch die Bestimmung der Gegner oder Feinde von Bedeutung. Allen voran ist dabei Urtubias abstrakter Erzfeind Francisco Franco quasi als Verkörperung des Bösen zu nennen. Im Grunde genommen ist die konkrete Personifizierung des politischen Geg-ners für das Denken Urtubias typisch, wobei anzumerken ist, dass Franco wohl weithin als ein Feindbild einer besiegten antifaschistischen Generation galt. Jedoch bekam Urtubias Familie und die ihnen weltanschaulich Verbundenen die Folgen des Franco-Regimes unmittelbar zu spüren. Tatsächlich lassen sich ungeheuere Vergeltungsmaßnahmen, Racheakte und brutale Ausbeutung der Besiegten auf republikanischer Seite nachweisen.[154] General Franco steht insofern, unabhängig von der spezifisch anarchistischen Weltanschauung Urtubias, für jene gesellschaftlichen Kräfte, welche die Emanzipation verhindern und bekämpfen: die faschistische Falange, die katholische Kirche,[155] das Militär. Die konkrete Erfahrung der Feindschaft zu diesen Institutionen und Gruppen spiegelt sich umgekehrt in der Utopie von ihrer Abschaffung wider: „Wir haben keine Alternative, als den Weg […] nämlich das Leben eines revolutionären Arbeiters [einzuschlagen], der an eine brüderliche Welt in gesellschaftlicher Harmonie glaubt, ohne Militär, ohne Staat, ohne Religion […]“[156].

Als ein weiteres Feindbild können die stalinistisch geprägten Kommunisten gelten. Sie tragen insofern zur Verortung der sozialen Position bei (und nicht einfach in weltanschaulich-politisch-er Hinsicht), als dass Urtubia ihre Politik und Interessen als konträr zu den seinen beschreibt und zwar als „weder links noch sozialistisch“[157]. „Sie waren für uns noch schlimmer als der Nazismus, denn der war von Anfang an unser Feind gewesen. Der Kommunismus [sic!] dagegen war der größte Betrug aller Zeiten, er war für uns viel schwieriger zu bekämpfen.“[158] Immer-hin beschreibt auch Bernecker diese kollektive Erfahrung, denn die „eigennützige Politik der Sowjetunion und die verlogene Haltung der Westmächte, deren ökonomische Interessen bei Franco letztlich besser aufgehoben waren als bei einer zunehmend von Kommunisten beeinflussten Volksfrontregierung, sind wesentlich für den Untergang der spanischen Republik mitverantwortlich.“[159] Hobsbawm sieht diesen Sachverhalt – auch im Jahr 2011 noch – freilich anders herum, nach ihm „schien die kommunistische Linie, insofern sie die Logik des Antifaschismus repräsentierte, überzeugend und realistisch zu sein. Welche Alternative gab es denn zur kommunistischen Politik, den Spanischen Bürgerkrieg auszufechten? Die Antwort muss damals wie heute lauten: keine.“[160] An dieser Stelle ist nicht der Ort einer Debatte ideologischer oder strategischer Auseinandersetzungen. Fest steht, dass beide Seiten nicht nur verbal gegeneinander vor-gingen, sondern Urtubia 1968 auch einen Angriff von Stalinisten erlebt[161] und zu einem unbestimmten Zeitpunkt bei der Fälschung einer kommunistischen Zeitung beteiligt war.[162]

Schließlich müssen noch zwei weitere Gruppen zur sozialen Positionierung in den Blick genommen werden. Erstens die Polizei, zweitens ‚wirkliche‘ Kriminelle. Was erstere angeht, schildert Urtubia verschiedene Repressionserlebnisse, welchen er eine lange Zeit seines Lebens ausgesetzt war. Er spricht von Abhörmaßnahmen, Observation, Verhören, Hausdurchsuchungen[163] und Gefängnisaufenthalten,[164] was Hassgefühle impliziert. Dennoch betrachtet er Polizisten in ihrer staatlichen Funktion und schreibt, dass bei einer Überwachung baskischer Flüchtlinge, dennoch auch deren Anerkennung durch die Zivilpolizisten wahrgenommen wurde und sie daraufhin von „Stolz und Genugtuung erfüllt“ waren.[165] Umso mehr lässt sich aus dieser Beschreibung eine respektvolle Beziehung der Gegnerschaft ableiten.

Bemerkenswert erscheint Urtubias Verachtung für die organisierten Kriminellen, denen er sich doch eigentlich zumindest aufgrund seiner Tätigkeiten in gewisser Hinsicht verbunden fühlen müsste. Nur in einer Szene kommt ein Kontakt zu ihnen vor, nämlich beim Bericht von einem Waffenkauf in Marseille, wo es unter den „Zigeunern“ [sic!] eine „Abrechnung“ gegeben hatte: „Uns war das völlig gleichgültig, wir wollten ja nur bei ihnen kaufen. Wenn sie sich stritten, wenn der eine dem anderen die Kunden wegschnappte, oder warum auch immer, dann war uns das egal. Aber als wir ankamen, hatte es eine Schießerei zwischen ihnen gegeben, sodass wir fast nichts kaufen konnten außer einer kleinen Knarre.“[166] Daran, dass es auch Gründe gibt, weswegen Kriminelle zumindest teilweise in diese Situation getrieben werden, verschwendet Urtubia in diesem Zusammenhang keinen Gedanken, wenngleich er an anderer Stelle das Gefängnissystem als infantil, barbarisch und unsinnig beschreibt und meint, dass der Knast für die Armen da wäre.[167]

4.2 Von der aktiven Armut zum individualistischen Aktivismus

Bisher wurden viele sozialstrukturelle Elemente genannt, die zur Erklärung der autobiographisch geschilderten Erlebnisse Lucio Urtubias dienen. Zu nennen wäre seine (nicht nur relative) Armut, teilweise Phasen des Hungers, die harte Ausbeutung der republikanischen Besiegten oder auch der verhinderbare Tod seines Vaters, bei welchem er zum ersten Mal in Erwägung zieht eine Bank zu überfallen, um an das Geld für Medikamente zu kommen. Diese schmerzlichen Erlebnisse sind durchaus Erfahrungen konkreten Unrechts, die das Verlangen nach Rache und gesellschaftlichen Veränderungen plausibel erscheinen lassen.[168] Aufgrund des allgemeinen Mangels „lernten wir uns durchzuschlagen, mit unseren eigenen Mitteln zu fliegen. Er hat aus uns interessierte Wesen mit dem Wunsch nach sozialem Fortschritt gemacht. Deshalb glaube ich auch weiterhin, dass Armut revolutionär sein und Reichtum uns müde und schläfrig machen kann.“[169] Wie bereits oben angeklungen, begreift Urtubia seine eigene Haltung und Motivation eben gerade aus seiner erfahrenen soziostrukturell bedingten Lage und resümiert: „Wie schlimm ist es doch für die, die schon angekommen sind, wenn sie geboren werden. Ihnen bleibt nichts mehr zu tun, nichts mehr zu entdecken. […] Wir dagegen, die wir weiterkommen und neue Horizonte entdecken wollen sehen uns gezwungen, in unserem Inneren nach etwas zu suchen, von dem wir gar nicht wussten, dass es dort vorhanden ist: die Kraft und der Antrieb vorwärtszugehen […]“[170]. Auch die schulische Ausbildung für die armen Bevölkerungsschichten beschreibt Urtubia als sehr schlecht,[171] sieht aber auch hier Zusammenhänge und ist der Überzeugung, dass es ohne Bildung keinen Fortschritt gibt und sie deshalb für alle zu erreichen sei.[172] Andererseits aber hätten gerade seine Unwissenheit und ‚Blindheit‘ dazu geführt, dass er sich in bestimmte Aktionen gestürzt hat[173] – gewissermaßen als instinktive Rebellion gegen die ungerechten und schwer zu durchschauenden Verhältnisse.

Bernecker schreibt, wie der von Hobsbawm dargestellte ‚klassische Sozialbandit‘ in Spanien Mitte des 19. Jahrhunderts bei der Durchsetzung des Agrarkapitalismus sehr genau in dieser Form vorgekommen ist, was seine Darstellung untermauert. So herrschten lange Zeit „die vielfältigsten marginalen Formen von Volksunzufriedenheit vor: Banditentum, Kriminalität, Bettelei, Sozialdelinquenz. […] Diebesbanden operierten unbehelligt, und die Zahl der Einzel-banditen die die Großagrarier erpressten, war Legion. Diebstahl, Erntezerstörung, aber auch Morde an Reichen häuften sich in aufsehenerregendem Maße.“[174] Ein Zusammenhang mit der Pauperisierung der Landbevölkerung, aus welcher auch zahlreiche große Aufstände resultierten, kann hier direkt nachgewiesen werden. Ganz nach Hobsbawms Beschreibung entwickelten die Banditen im agrarischen Spanien aber keine gesellschaftlichen Zukunftsentwürfe, blieben ganz mit der Landbevölkerung verbunden, arbeiteten teilweise mit Lokalhonoratioren zusammen und wurden von den Bauern als Helden und Freiheitskämpfer bewundert.[175] Seit den zwei bis vier Generationen vor Urtubia haben sich die gesellschaftlichen Bedingungen definitiv geändert. Unter anderem wurde der Zentralstaat und sein Zugriff durchgesetzt, was sich an der Abschaffung der Sonderrechte für das Baskenland und Navarra im Jahr 1876 ablesen lässt.[176] Andererseits entstand aber in diesem Zeitraum auch eine große und einflussreiche Arbeiterbewegung, welche zu einer Anhebung des Bewusstseins und der Politisierung von Arbeitskämpfen führte.[177] Zusammengefasst ist die These hier, dass sich die frühen Lebensbedingungen Urtubias in eine lange Geschichte der Unterentwicklung und Deklassierung einordnen lassen. Unter anderem der Verlauf und die Folgen des Bürgerkrieges führten zu einer Verarmung und gerade die ländliche Region, aus welcher Urtubia stammt, schien sich nur sehr zögerlich zu entwickeln.[178] Somit kann davon gesprochen werden, dass er in die Delinquenz getrieben wurde und einer ‚mobilen‘ gesellschaftlichen Randgruppe angehörte.

Hinzu kommen aber auch einige eher individuelle Begebenheiten. So musste sich Urtubia mit 23 Jahren nach einer Liebschaft verstecken, floh nach Frankreich und wurde dort festgenommen. Als er zum Militärdienst eingezogen wurde, begann er mit vielen anderen im großen Stil Staatseigentum zu entwenden – unter anderem, damit seine Mutter ihre Schulden abbezahlen konnte. Als die Sache entdeckt wird, wird er gewarnt, desertiert und flieht nach Paris.[179] Diesen Schritt konnte Urtubia gehen, weil er keine eigene Familie zu ernähren hatte, jung und arbeitsfähig war. Auf der anderen Seite aber verwehrt er sich einer Selbstbeschreibung als gesellschaftlich Randständiger, sondern betont seine ‚Normalität‘, was er wiederum aber auch funktional betrachtet, denn verschiedene Kontakte zur Ausübung nicht-legaler Aktivitäten „haben nicht diejenigen, die am Rand der Gesellschaft leben, sondern Leute die mitten im Arbeitsprozess stehen, das ist klar. Wenn du arbeitest, hast du Kontakte und siehst Leute, vor allem in einem Beruf wie meinem, wo du in Wohnungen gehst und streichst, Teppichboden und Fließen verlegst.“[180] Urtubia verfügt insofern über ein ausgeprägtes politisches Denken und weiß um systemische Zusammenhänge. Für ihn spielt die Kategorien von ‚Gerechtigkeit‘ eine grundlegende Rolle, wenn er beispielsweise die Bestrafung durch Gefängnisse eine Form der ‚Rache‘ der Herrschenden darstellt.[181] Dies weitergedacht, kann davon ausgegangen werden, dass er von seiner ländlichen Herkunft das Wertesystem der ‚Bauern‘ weitgehend teilt und sich insofern auch bewahrte, als das er naheliegenderweise im Exil starken Bezug zur Gemeinschaft spanischer Flüchtlinge beziehungsweise den Ausgewanderten hatte. Sein Wertesystem entwickelte sich durch Kontakte in einem anarchistischen Zentrum der CNT in Paris wesentlich weiter, aber sicherlich nur, weil es dort auch Anknüpfungspunkte fand.[182]

Insofern gewinnt das ursprünglich eher affektuelle delinquente Handeln Urtubias mit einem diffusen Verständnis gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse eine reflektierte politische Sprache und den entsprechenden Ausdruck in gezielten ‚politischen‘ illegalen Aktivitäten. Diesen Denk- und Handlungsspielraum bewahrt er sich, weil ihm trotz Sympathien die Ideen beispielsweise der CNT nie passen und er sich eher auf den ‚Individualisten‘ Sabaté beruft.[183] So erklärt Urtubia auch, warum er sich – wenngleich er „nicht sehr schlau“ gewesen sei – den-noch in „die ganzen Aktivitäten gestürzt“ hätte: „All dies lässt mich an das Utopische denken, an die Handlungen, für die es keine Erklärungen gibt und die trotzdem von den Armen aus-geführt und gelebt werden. Die Intellektuellen maßen sich häufig an, das erklären zu wollen, was ich unerklärlich nenne.“[184] Hieran zeigt sich die Verwurzelung in der Mentalität des sogenannten ‚einfachen Volkes‘, wobei ein leidenschaftlicher Individualismus mit einem intensiven Gemeinschaftsbewusstsein zusammentreffen und zu einen ’sozialrevolutionären Idealismus‘ verschmelzen.[185] Dessen politisch-weltanschauliche Voraussetzungen und Folgen werden nun betrachtet.

4.3 Anarchistische Moral,[186] rationalisierte Rebellion und klandestine Organisation

Oben wurde beschrieben, dass Hobsbawm davon ausgeht, Sozialbanditen seien „Aktivisten“ von denen keine neuen Visionen für sozialen oder politischen Organisationen ausgehen und ihre politische Programmatik entspreche, wenn es hochkommt, einem ‚revolutionären Traditionalis-mus‘, d.h. einer Rebellion und Abwehr von neuen Formen der Unterdrückung. Die Auflehnung geschieht demnach, um gerechte und faire Beziehungen wieder einzurichten, Unrecht wird gerächt oder wieder gut gemacht, die Hoffnung auf eine ‚heile Welt‘ bleibt abstrakt und dem-nach entwickelt sich keine Perspektive in Hinblick auf die Neueinrichtung gesellschaftlicher Verhältnisse. Wie gezeigt wurde, weist Bernecker nach, dass die von Hobsbawm beschriebene Form des Sozialbanditentums in Spanien Mitte des 19. Jahrhunderts tatsächlich weitverbreitet war. Insofern Lucio Urtubias Denkweisen anhand dieser Merkmale überprüft werden soll, muss von ihnen abstrahiert werden, da der Kontext nicht der gleiche ist.

Bereits thematisiert wurde die starke Fixierung Urtubias auf Rechtschaffenheit und sein streng-es moralisches Denken insgesamt. Jenes führt zu einer reduzierten Vorstellung der Verhältnisse, welche jedoch zugleich die (selbstermächtigende) Handlungsfähigkeit in ihnen begründet. Hier-für auszugsweise:

„Sicher, wir haben bei unseren Protesten nur sehr selten hundertprozentig recht. Aber andererseits ist die Liste der Nötigungen, Betrügereien und Verbrechen der Politiker endlos, und sie kommen, wenn überhaupt, nur durch Zufall oder versehentlich ans Licht. Wir müssen einsehen, dass wirkliches Recht nicht existiert und auch nicht existieren kann. […]

Von einer Bank eine bestimmte Menge Geld zu beschaffen, mit Intelligenz und ohne Gewalt, das scheint mir nichts Schlechtes, denn wir alle wissen, was Banken sind. Für alles gibt es einen Ausgleich. Auf der einen Seite der skrupellose Missbrauch der Banken, auf der anderen Seite unsere Aktionen, mit denen wir das Geld zurückholen, das sie uns abnehmen.“[187]

Ob „wir alle wissen was Banken sind“, ist zweifelhaft, auch wenn das Urtubias Ansicht nach auf der Hand liegt. Deutlich wird hier das Verhältnis von Reichen und Armen, wobei die einen die anderen permanent ausbeuten. Die rebellische Aktion liegt in der partiellen Umkehrung dieses ungleichen Verhältnisses und ist zunächst nicht von seiner Aufhebung motiviert. Dies ist jedoch sehr voraussetzungsvoll, weil die Unterwerfung auch eine strukturelle und ideologische ist. Arbeitslosigkeit und Sozialstaat würden die Menschen beispielsweise „benebeln“ und „ruhigstellen“.[188] Dagegen könnten Menschen alles erreichen, wenn sie dazu den Willen, Mut und Idealismus aufbrächten[189]: „Wo ein Wille ist, ist immer auch ein Weg für Unterstützung und solidarische Arbeit. Heute haben die Leute mehr Geld als früher, aber viel weniger Willen, das glaube ich zumindest.“[190] Diese voluntaristische Vorstellung verkennt, dass sich Unterdrückungsverhältnisse (zumal in der durchgesetzten Moderne) weitgehend komplexer darstellen, als dass das bloße Aufbegehren dagegen ihre Abschaffung ermöglichen würde. Andererseits kommen gesellschaftliche Verhältnisse freilich nicht ohne, auch individuelle, Motivation in Bewegung und mit dieser Annahme betrachtet Urtubia die verschiedenen ‚antiimperialistischen‘ links-radikalen Gruppierungen:

„Alle hatten ihre Gründe zu kämpfen, alle hatten ihr Ideal. Sie kämpfen gegen Militärdiktaturen, die franquistische oder die Diktaturen in Amerika. Und alle diese Gruppen wurden von sämtlichen Regierungen als Terroristen angesehen. Für mich waren sie keine Terroristen, sondern Idealisten, deren wichtigster Beweggrund die Rebellion gegen die Tyrannei war, der Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit. […] Für alles muss man zahlen, alles hat seinen Preis. Der Preis für die Emanzipation, die manche Leute nicht einmal zu schätzen wissen und nicht wollen, und der Preis für bestimmte Akte der Zerstörung, die für den Aufbau dieses Ideals notwendig sind, ist verdammt hoch.“[191]

In gewisser Hinsicht betrachtet Urtubia die linksradikalen Aktivitäten also als Teil eines politischen ‚Spieles‘ mit Gewinnen und Verlusten, an dessen Grenzen operiert werden könne, wenngleich seine Regeln akzeptiert werden müssten. Worum es geht, ist der „Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit“ und die allgemeine Emanzipation der Menschheit entgegen die verschiedenen Formen der „Tyrannei“. Bei genauerer Betrachtung werden die Kategorien bürgerlichen Rechts gerade zu ihrer Aufrechterhaltung unterminiert, wenn Militärdiktaturen errichtet und von ausländischen Mächten unterstützt werden, staatliche Geheimdienste gegen Dissidenten vorgehen und die Bevölkerung terrorisiert wird. In diesem Sinne erscheint die Gegenwehr, welchen den Rahmen bürgerlichen Rechts sprengt, logisch und legitim und könnte trotz ihrer vermeintlichen Radikalität letztendlich die bestehende Form der Vergesellschaftung gerade bestätigen.

Aus Urtubias Perspektive wird ‚der‘ staatlich organisierte Kapitalismus nicht als Totalität begriffen,[192] sondern die Alternative zu diesem steht ihm relativ klar vor Augen, auch wenn er sie nicht umfassend ausmalt. Dass die Vorstellung von ‚alternativer‘ Vergesellschaftungsformen keinen wirklichen Raum in der Selbsterzählung einnehmen, hängt damit zusammen, dass es Urtubia deutlich zu sein scheint, worin diese bestehen. Sie werden nicht benannt, weil sie sich der Benennung entziehen und eine konkret erfahrbare Praxis und Haltung darstellen, beispielsweise in Begriffen der ‚Solidarität‘ und ‚gegenseitigen Hilfe‘.[193] Dazu erscheint der Weg wieder-um auch naheliegend, unter anderem in der Selbstverwaltung der Arbeiter „ohne Vermittler und kapitalistische Arbeitgeber“[194]. Bei dem Gedanken an die Verwirklichung dieser Vorstellungen geht es Urtubia dementsprechend auch um konkrete historische Verläufe, wenn er schreibt in „Spanien hatte die Welt für eine wirkliche Transformation, für die Selbstverantwortung der Menschen, für den wahren Sozialismus gekämpft. Und in Spanien war all dies durch die stalinistischen Verbrechen und Lügen zerstört worden.“[195]

Es gibt für Urtubia Bewegungen, welche diese Ideale verkörpern, namentlich die anarchistischen. Die Frage, ob aus der Autobiographie eine Art Antimodernismus herausgelesen werden kann, ist tendenziell zu verneinen. Dies zeigt sich an Urtubias Beschreibung seiner familiären Herkunft, wo es einen stark verwurzelten konservativen Traditionalismus gab, welchen sein Großvater pflegte, von dem aber sein Onkel und sein Vater abgekommen waren.[196] Im Zusammenhang mit der Bejahung von Fortschritt, Bildung, Industriearbeit, Antiklerikalismus und Individualismus kann also von ‚modernen‘ Ideen gesprochen werden, was der These Hobsbawms zunächst nicht widerspricht, schreibt dieser doch sinngemäß, dass vielmehr die Praxis der Sozialrebellen antimodern sei. Sicherlich ist die Vorstellung, welche der Enteignungspraxis zugrunde liegt, ‚den‘ Reichen zu schaden und ‚den‘ Armen (beziehungsweise hauptsächlich der politischen Bewegung) zu geben, keine, die den Kapitalismus aufhebt. Jedoch geht es dabei um eine konkrete Praxis der Beschaffung von Ressourcen, welche einer Gruppe zukommen, die dies konkret tun wollen und (mit ihrer politischen Arbeit) zu tun glauben. Bezeichnenderweise kann dann auch die Entwicklung nachvollzogen werden, nach welcher – stellvertretend durch Urtubia – keine Banküberfälle mehr getätigt, sondern Pässe und Schecks gefälscht werden.

Das Sozialbanditentum, so könnte man sagen, geht mit der Zeit und passt sich dem Stand der Entwicklung an; es eignet sich auch entsprechend die dafür notwendigen hochqualifizierten Fähigkeiten und technischen Voraussetzungen an. So ist es dann auch kein Zufall, dass Urtubia und andere verschiedene Maschinen für ihre Druckereien stehlen,[197] aber auch ihre eigenes Geld darauf verwenden. Nichts desto trotz zeigt sich hier genauso die ‚vormoderne‘ Mentalität des (unmittelbaren) Gebens und Nehmens von Dingen, die für Urtubia wiederum ein Antrieb sind: „Mich spornten diese kleinen Enteignungen wahnsinnig an. Geld ist etwas Abstraktes, aber etwas schicken zu können, was von allgemeinem Nutzen ist, eine Maschine, das ist etwas ganz anderes. Enteignungen sind für mich kein Raub, ich halte sie für einen revolutionären Akt, der völlig gerechtfertigt ist.“[198]

Dies führt zu Hobsbawms Unterscheidung von Revolution und Reform und der Zuordnung des Sozialbanditentums zu letzterer. Der bisherigen Argumentation zufolge erweist sich diese Unterscheidung als willkürlich, denn zu fragen ist was unter Revolution verstanden werden soll. Handelt es sich um das Bestreben die Staatsmacht zu übernehmen, um auf dem Wege eines sozialistischen Staatsprojektes zum Kommunismus zu gelangen, wenn die Bedingungen dafür reif sind, kann bei Urtubia absolut verneint werden, dass er ‚revolutionär‘ handelt, denn in keiner Zeile äußert er derartige Gedanken. Das anarchistische Denken hat in diesem Sinne viele Schnittpunkte mit dem in der Studentenbewegung verbreiteten Spontaneismus. Urtubia geht von der Unvorherbestimmtheit gesellschaftlicher Entwicklungen und politischer Prozesse aus,[199] weswegen gerade das unermütliche politische Handeln (für das es seiner Ansicht nach trotzdem auch Geduld als Teil der Intelligenz braucht)[200] als Aufgabe erscheint. Was in einer konkreten Situation ‚zu tun‘ ist, ist also nicht objektiv bestimmbar, sondern stets neu zu durchdenken, zu diskutieren und letztendlich zu entscheiden, um handlungsfähig zu werden. In diesem Sinne „sollten wir wissen, dass es Aktionen gibt, die uns nichts bringen, selbst wenn sie gut ausgehen und ein gutes Ergebnis haben. Dagegen können andere, ohne große Ergebnisse zu haben, ein Erfolg sein. Wir alle sollten in gewissen Momenten in der Lage sein, notwendige Handlungsweisen in die richtigen Bahnen zu lenken.“[201] Weil es keine absolute Sicherheit, geschweige denn eine objektive Wahrheit gibt, die ausgemacht werden könnte, gilt es also nach Erfahrungen und Instinkt zu handeln und sich deswegen dennoch nach bestem Wissen Pläne zu machen.

Die Praxis der individuellen Enteignungen wird als eine von verschiedenen Handlungen propagiert und getätigt, aber nicht um ihrer selbst, sondern um ‚der Sache‘ Willen. Dementsprechend ist Urtubia auch an verschiedenen anderen politischen Aktivitäten beteiligt. Er berichtet davon, dass er als Verhandler in einem Arbeitskampf tätig war,[202] dass er 1968 ein „Stadtteil-Aktionskomitee“ einberief,[203] dass er Propagandamaterial und Informationen über die spanische Grenze schmuggelte,[204] Menschen beim Untertauchen half, Kontakte weitervermittelte, in einer nicht näher bestimmten Weise bei einer Entführungsaktion der ETA beteiligt war[205] und im höheren Alter ein soziales Zentrum, den ‚Espace Louise Michel‘ aufbaute.[206] Sicherlich können all diese Tätigkeiten nicht per se als ‚revolutionär‘ angesehen werden, denn entscheidend ist, mit welchen Inhalten sie verknüpft werden, was wiederum anhand des generellen Weltbildes Lucio Urtubias bewertet werden muss. Es ist davon auszugehen, dass seiner Ansicht nach all diese Aktivitäten ‚der‘ revolutionären ‚Sache‘ dienten, welche aus anarchistischem Verständnis heraus die zu erstrebenden Verhältnisse zumindest vom Ansatz her schon in sich selbst vorweg nehmen müssen. Dies geschieht jedoch unter gewaltvollen Verhältnissen und es ist „natürlich etwas anderes, nur beim Reden revolutionär zu sein, oder, wie Quico, revolutionär zu sein und die Waffe in die Hand zu nehmen.“[207]

Schließlich bleibt zu diskutieren, welche Organisationsformen Urtubia im Sinne eines Sozialbanditen anstrebt beziehungsweise nutzt. Um Vorstellungen von der Organisation der Gesellschaft kann es hierbei nicht gehen, wobei es dafür einerseits auch verschiedene anarchistische praktizierte Ansätze gibt und diese in der politischen Praxis auch ihre Verkörperung finden. Zweifellos verlangen die klandestinen Tätigkeiten, welchen Urtubia nachgegangen ist, ein hohes Maß an Organisierung – sowohl was ein ganzes linksradikales internationales Netzwerk[208] angeht, als auch auf unterster Ebene der persönlichen Bekanntschaften. Auch erwähnt wurde, dass Urtubia zwar Mitglied der Gewerkschaft ist, diese aber nicht seinen primärer Bezugspunkt darstellt, was darauf hinweist, dass verschiedene Organisationsformen je nach Aktivität zusammenwirken können. Aus vorherigem geht auch hervor, dass die Autobiographie ein Plädoyer für den ‚Individualismus‘ ist, welcher nicht zwangsläufig die Ablehnung von Organisierung, sondern eine eigene Form darstellt. „Als einzelner Mensch verteidige ich meine Individualität. Wenn wir Teil einer Organisation werden verändern wir uns, wir sind dann nicht mehr dieselben. Es wäre sehr wichtig zu wissen, warum sich die Menschen bestimmten Organisationen oder Parteien anschließen, einschließlich der Religionen.“[209]

Inwiefern die Organisationsform von Kleingruppen und persönlichen Netzwerken ‚effektiv‘ sind, ist eine müßige Frage. Dass Hobsbawm dahingehend nicht viel von der Stadtguerilla hält, überrascht auch wenig.[210] Vor allem wären derartige Gruppierungen darauf hin zu untersuchen, ob sie ihrem emanzipatorischen Anspruch gerecht werden oder sich in der Konfrontation mit ‚dem System‘ nicht in eine ganz bedenkliche Richtung entwickeln, wie es beispielsweise bei den Angehörigen der RAF der Fall war, was Gudrun Schwibbe aufzeigt.[211] Auf der anderen Seite kann davon ausgegangen werden, dass ohne die Passfälschungen vielen hunderten, wenn nicht gar tausenden politischen Flüchtlingen kein Neuanfang im Ausland möglich gewesen wäre, in-sofern sie kein ‚Verständnis‘ bei anderen Nationalstaaten für ihre Verfolgung und die Bedrohung durch den Spanischen Geheimdienst finden konnten.

Wie bedeutend die Rolle des Schmuggels von politischen Schriften und anderem Material nach Spanien letztendlich wirklich war, kann wohl kaum überprüft werden. In der Erzählung von Urtubia gibt dieser jedoch an, am Aufbau von zehn anarchistischen Druckereien beteiligt gewesen zu sein[212] und wenn dies der Fall war, ist davon auszugehen, dass dort im Laufe der Zeit beachtliche Mengen an Zeitungen und Flugblättern produziert worden sind. Inwiefern diese zum Aufruhr und letztendlich zur Überwindung des Franquismus als autoritärem System und zur Entwicklung beziehungsweise zum Überleben emanzipatorischer Anschauungen beigetragen haben, kann nur gemutmaßt werden. Ohne derartige Tätigkeiten wäre das aber sicherlich wenig-er der Fall gewesen. Die Maßstäbe dafür sind eine Frage von Taktik und Strategie – die Motivation von Menschen für solche ‚revolutionäre‘ Tätigkeiten lassen sich damit jedoch nicht fassen.

Dass anarchistische Aktivisten vom Typ Lucio Urtubias sich nach einer ‚kommunistischen Revolution‘, respektive Machtübernahme, aus deren Perspektive auf Seiten der Konterrevolution schlagen, davon kann nach der Beschreibung der Haltung zum Kommunismus stalinistischer Prägung mit großer Sicherheit ausgegangen werden. Insofern kann auch verneint werden, dass sie sich in ‚moderne Revolutionsbewegungen‘ im Sinne Hobsbawms integrieren lassen, was im Übrigen bedeutet, dass sie von den Parteikommunisten instrumentalisiert und durch die ‚Volksfront‘ an vorderster Front geopfert werden, wie es im Spanischen Bürgerkrieg der Fall war. Davon ausgehend ist Urtubias ablehnende Haltung gegenüber offiziellen und großen Organisationen auch nicht lediglich als eine ‚bäuerliche starrköpfige Marotte‘ anzusehen, sondern als eine tiefe historische Prägung durch Enttäuschung und Gewalt.

4.4 Die individuelle Enteignung als Taktik revolutionärer Kleingruppen

Beschrieben wurden zum einen jene Aussagen und Handlungen Lucio Urtubias, welche stark dafür sprechen, ihn als einen ‚ideologischen Banditen‘ zu begreifen und andererseits die spezifischen moralischen Annahmen, mit denen er die Welt interpretiert und in ihr handelt. Nach-gezeichnet werden kann eine längere Entwicklung von einem aus ‚Affekt‘, zur Überlebenssicherung und gegen die ‚Ungerechtigkeit‘ handelnden ‚Kriminellen‘ hin zu einem politisch motivierten, präzisen und konsequenten ‚Staatsfeind‘. Diese ist im Zusammenhang mit einer multiplen Kontextverschiebung zu sehen: von einer ländlich wenig entwickelten Region hin zur Metropole mit ihrer politischen und intellektuellen Prominenz; von agrarkapitalistischen Verhältnissen hin zur modernen Industriegesellschaft; von der Polarisierung der politischen Landschaft, zugespitzt im Spanischen Bürgerkrieg, hin zu den weltweiten Verflechtungen und einer ‚antiimperialistischen Linken‘; vom individuellen Rebell und Quasi-Partisanen hin zum organisierten, vernetzten aber individualistischen Aktivisten; schließlich von Banküberfällen und Diebstahl hin zu professionellen Fälschungen.

Daraus abgeleitet werden kann, dass die Taktik der individuellen Enteignung bei Urtubia erhalten geblieben ist, insofern ihr bestimmte, vermittelte und erfahrene Vorstellungen von gesellschaftlichen Verhältnissen und den Handlungsmöglichkeiten in ihr zu Grunde liegen: Der Erfahrung unmittelbarer Ausbeutung, brutaler und direkter Unterdrückung wird die Erfahrung entgegengestellt, von den Reichen Dinge zu nehmen und sie für die ‚gerechte Sache‘ einzusetzen. Solcher Diebstahl ist nach dieser Logik nur dann gerecht, wenn er nicht zur individuellen Bereicherung des Aktivisten dient und umso gerechter, je mehr dieser sich selbst ‚der Sache‘ auf-opfert. Trotzdem die ‚ursprüngliche‘ Erfahrung von Geben und Nehmen, aufgezwungener Ausbeutung und selbstermächtigender Enteignung als Beziehung zur Welt eine ‚affektuelle‘ Motivation begründet, wird diese doch wesentlich weiter entwickelt und ‚Expropriation‘ als Taktik im Kampf für eine egalitäre und emanzipatorische Gesellschaftsordnung verstanden und behauptet. Urtubia schreibt: „Gerade weil mir so viel fehlte, hatte ich diesen ständigen Wunsch anzukommen, oder einfach den Wunsch, sein zu wollen. Aber um das zu sein, muss man zahlen.“[213]

Von der Enteignungstaktik überzeugt sein und sie anwenden können aber nur diejenigen, welche komplexe gesellschaftliche Verhältnisse der Ungleichheit und Ungerechtigkeit auf konkrete Ausdrücke und Situationen reduzieren können, in, mit und gegen welche gehandelt werden kann. Als revolutionär zu verstehen sind Enteignungen nur, wenn sie im Sinne einer radikalen politischen Bewegung geschehen, welche die bestehende Gesellschaftsordnung zu überwinden anstrebt; emanzipatorisch sind sie, wenn sie selbst immer wieder in Frage gestellt werden, die Zwecke nicht die Mittel heiligen und die politischen Gegner nicht entmenschlicht, sondern als Menschen in ihrer gesellschaftlichen Funktion gesehen werden. Dafür sinnbildlich steht folgendes Zitat:

„Alles war mit den bescheidensten Mitteln und allen erdenklichen Vorsichtmaßnahmen durchgeführt worden, denn die Leute, die das gemacht hatten, hielten nichts von Gewalt und Terror, genauso wenig wie alle anderen idealistischen Revolutionäre, die ich kennengelernt habe. Wenn ein Fehler begangen wurde, litten sie selbst am meisten. Ich habe Leute krank werden sehen, weil sie Fehler gemacht hatten. Es geht eben nicht immer alles gut aus, manchmal klappt es, manchmal nicht.“[214]

Beides kann meiner Ansicht anhand Lucio Urtubias Autobiographie nachgewiesen werden. Die durch Urtubia beschriebene Haltung beziehungsweise Herangehensweise setzt neben der spezifischen Weltsicht aber auch verschiedene Fähigkeiten, Verhaltensweisen und einen bestimmten Habitus voraus. Dies zeigt sich auch am professionellen Leben im Untergrund und Urtubias Instinkt für das eigene Verhalten und Gefahren in einer Situation:

„Da ich also wieder verfolgt wurde, blieb mir keine andere Wahl, als die Wohnung, in der ich lebte, zu verlassen. […] Es vergingen viele Tage, ohne dass ich jemanden traf. Das ist das Problem in solchen Situationen: Du bist vielleicht sicher, dass du nicht verfolgt wirst, aber von den anderen, mit denen du dich triffst, weißt du das nicht genau. In keiner der Wohnungen, in denen ich damals wohnte, hatte ich jemals etwas bei mir, was mich oder meine Beschützer hätte in Schwierigkeiten bringen können. Fast das gesamte Material war an einen Ort transportiert worden, der viele Kilometer entfernt von Paris lag.“[215]

5 Fazit

Am Ende dieser Abhandlung ist es wenig überraschend, dass die Fragestellung in der Überschrift „Moderner Sozialbandit oder politischer Aktivist?“ sich als rhetorisch herausstellt und keineswegs zu einer eindeutigen Antwort führt. Schließlich ist es der Fall, dass Urtubia (respektive zumindest sein Mythos) gerade in der Verkörperung eines Sozialbanditen politischer Aktivist war und beide idealtypischen Charaktere sich nicht ausschließen, sondern in diesem Fall bedingen. Für eine anschließende Diskussion werden damit viele Fragen aufgeworfen, zum Beispiel danach, was als ‚politisch‘ zu gelten hat, was unter ‚kriminell‘ verstanden wird, inwiefern solche Figuren auch Personen der Öffentlichkeit sein müssen, was überhaupt für viele Menschen die Faszination von delinquentem Verhalten ausmacht, wenn dieses vermeintlich im Sinne einer wiederum zu diskutierenden ‚höheren Gerechtigkeit‘ geschieht und so weiter.

Zu Beginn wurde geschrieben, dass es erforderlich sein wird das Konzept von Sozialbanditen weiter zu fassen um Urtubia als einen solchen – dennoch mit Hobsbawms Grundannahmen – untersuchen zu können. Darin liegt allerdings die Gefahr jegliche illegale Handlungen, welche auch politische Aspekte beinhalten, als Sozialbanditentum zu begreifen was das Konzept jedoch zu sehr aufweichen würde. Beispielsweise wäre es absurd darunter zu verstehen, das ein Unter-nehmer Steuern hinterzieht, um seiner Ansicht nach mit seiner Firma auch die Arbeitsplätze zu sichern. Schwarzfahren und Kaufhausdiebstähle könnten durchaus aus einer politischen Motivation heraus geschehen und mit dieser gerechtfertigt werden, wenn sich damit die Ressourcen für politisches Handeln angeeignet werden – diese Praktiken aber gleich als soziales Banditentum zu bezeichnen, würde es verunmöglichen jenes auf einen sinnvollen Begriff zu bringen. Denn ein solcher bedeutet mehr als lediglich ’soziale‘ Delinquenz, welche mit Sicherheit in jeder Form der Vergesellschaftung auftritt, die nicht völlig egalitär und kommunistisch organisiert, sondern hierarchisch und mittels Privateigentum strukturiert ist.

Im Sinne Hobsbawms ging es in dieser Arbeit darum aufzuzeigen, dass es sich vielmehr um ein historisch spezifisches Phänomen in der Hinsicht handelt, dass die gesellschaftlichen Bedingungen und Entwicklungen der jeweiligen geschichtlichen Phase zu seiner Erfassung mitgedacht werden müssen. Nachgewiesen wurde, dass Urtubias Denken und Handeln, seine Wahrnehmung der Welt und die darauf aufbauenden politischen Anschauungen tatsächlich viele Merkmale von Sozialbanditen aufweisen, welche Hobsbawm beschreibt und die im Spanien des 19. Jahrhunderts weit verbreitet waren. Dies kann jedoch nicht in einer bewussten ‚Tradition‘ gesehen werden, da seine urspüngliche Motivation zu Diebstählen und Schmuggel vorrangig aus soziostrukturellen Bedingungen (u.a. seiner Armut) sowie sozialpsychologischen Gründen (u.a. Feindschaft gegen Herrschende aufgrund erfahrener Unterdrückung) erklärt werden muss. Umso mehr verweist es aber darauf, dass spezifische Umstände und (Umbruchs-)Situationen dazu führen, dass bestimmte Menschen delinquentes Verhalten (und einen entsprechenden Habitus) entwickeln, welches weder in jenem ‚organisierter Krimineller‘, noch in dem politisch oppositioneller Guerilla-Gruppen aufgeht und dementsprechend – nach Hobsbawm – als Sozialbanditentum gefasst werden kann. Dies kann auch damit untermauert werden, wie der individualistische Anarchist Urtubia der grundsätzlich niemandem voll vertraut, ein komplexer Netz sozialer und politischer Beziehungen vorfindet, sich darin bewegt und dieses weiterspinnt: Paradoxerweise oszilliert er dabei zwischen der unterlegenen Klassenposition des einfachen Arbeiters, eines gesellschaftlich ausgegrenzten und sich an Rändern bewegenden linksradikalen Aktivisten und einer integrierten und in gewisser Weise anerkannten Person der Öffentlichkeit.

Die in hohem Alter geschriebene Autobiographie erweckt dabei den Eindruck, dass aufgrund dieser und anderer Spannungen, welche das Leben Urtubias durchziehen, die eigene weltanschauliche Position umso fester bestimmt wird beziehungsweise umgekehrt, eine ‚klare‘ Positionierung eben jene Bewegungen in Widersprüchen und Unsicherheit (u.a. aufgrund staatlicher Verfolgung) ermöglichte. Andererseits kann aber auch nachgewiesen werden, dass sich Urtubia in seinem Denken und Handeln eine Offenheit bewahrt, was ihn reflektieren und weitermachen lässt. In politisch-weltanschaulicher Hinsicht ist es jedenfalls schwieriger, ihn mit der (erweiterten) Konzeption Hobsbawms zu erfassen, war er doch seitdem er seinen Lebensmittelpunkt nach Paris verlagert hatte, in stark politisierten Kreisen unterwegs. Seine Autobiographie als Gesamtwerk betrachtet, gibt auch davon Zeugnis, dass politisches Denken und Handeln – neben seiner Arbeit und der Familie – zentraler Bestandteil seines Lebens ist.

Am Beispiel der Taktik der individuellen Enteignung wird deutlich, dass diese als wesentlich ‚politisch motivierter‘ gefasst werden muss, als es Hobsbawm behauptet. Dafür steht Urtubia wiederum nur paradigmatisch wodurch die Charakterisierung von Sozialbanditen als ‚präpolitisch‘, nicht in soziale Bewegungen eingebettet, lediglich affektgetrieben, höchstens einem ‚revolutionären Traditionalismus‘ verpflichtet, welcher gleichzeitig jedoch eigentlich reformistisch wäre, uneffektiv organisiert und so weiter dem Phämomen schlechterdings nicht gerecht wird. Dies führt zur notwendigen Überarbeitung des Schemas von Hobsbawm, welche schon bei dessen Aufspannung geschah und nach seiner Anwendung auf die Autobiographie Urtubias noch deutlicher fortgeführt werden könnte.

Die Debatte, warum Hobsbawm zu einer derartigen Beschreibung kommt, wurde angerissen und könnte von hier aus weiter geführt werden. Dabei ist eine Entgegensetzung von Marxismus und Anarchismus nicht zielführend, da beide meiner Ansicht nach keineswegs diametral gegen-einander stehen, sondern in sich äußerst heterogen sind und historisch in verschiedener Gestalt und Beziehung zueinander auftreten. Vor dem Hintergrund ‚blutiger Begegnungen‘ beider Strömungen scheint es Philippe Kellermann zufolge „bemerkenswert, dass es […] meistens AnarchistInnen waren, die darum bemüht waren, Beziehungen der unterschiedlichen sozialistischen Bewegungen auf gleichberechtigter Basis aufrechtzuerhalten oder neu zu knüpfen.“[216] Übertragen auf wissenschaftliche Untersuchungen impliziert dies eine grundsätzlich andere Herangehensweise, als historische ambivalente Phänomene unter feststehenden dogmatischen Annahmen zu interpretieren und deswegen auf oft äußerst willkürliche und abwertende Weise zu Ergebnissen zu kommen, welche, angeblich rein wissenschaftlich, letztendlich die politische Position eines orthodoxen stalinistischen Marxisten belegen sollen, der jegliches Handeln zu rechtfertigen im Stande ist wenn es nur im Sinne und auf Anordnung der Parteiführung geschieht.

Über elegante Rechtfertigungsmethoden kann man bei Lucio Urtubia freilich auch einiges lernen, sind diese doch – wie gezeigt wurde – ein wesentlicher Bestandteil von Lebensläufen, die von der Norm abweichen und welche durch autobiographische Erzählungen neben Kohärenz und innerer Logik auch Legitimität erhalten sollen und in gewisser Hinsicht eine sympathische Variante von Propaganda darstellen. Das Interesse für diese Thematik aus einer spezifischen Perspektive zu wecken war unterschwellig Ausgangspunkt sowie Ziel der Arbeit. Dass die vielfältigen Formen des Anarchismus in Widersprüchlichkeiten verstrickt sind, welche in bestimmten historischen Situationen wie beispielsweise dem Spanischen Bürgerkrieg neben anderen Faktoren auch zu seinen großen Niederlagen geführt haben, sollte mit dieser Analyse nicht verschwiegen werden. Wahrscheinlich ist es aber gerade dieses Ringen mit und Sich-bewegen in Spannungsfeldern, welches im Falle Urtubias sein unermüdliches rebellisches, aber meist bedachtes, Handeln im Sinne eines modernen Sozialbanditen und politischen Aktivisten ermöglichte. Wenn diese Erkenntnis und Haltung bei ihm herausgelesen werden kann, dann liest sie sich am Ende seiner Selbsterzählung so:

„Alles, was wir im Leben tun, ist notwendig und Teil eines Räderwerks, das es uns möglich macht, zu rollen und vorwärtszukommen. Das Rad dreht sich weiter, und alles wird irgendwann kommen, auch die Utopie. Um voranzukommen, brauchen wir die Freiheit aller. Das kann viele Probleme mit sich bringen. Freiheit ist nie einfach. Aber wir müssen sie leben, und das wird uns irgendwann die Emanzipation bringen. […] Wenn wir unser Sein entwickeln wollen, dann geht das nur mit allen zusammen oder gar nicht.“[217]

Abschließend kann die Frage gestellt werden, was letztendlich unter einer Geschichte von unten verstanden werden sollte. Besteht dieser Ansatz allein darin, Zeugnisse von marginalisierten Gruppen, die kaum Chancen auf Mitwirkung in politischen Prozessen und Zugänge zur offiziellen Geschichtsschreibung haben, zu sammeln und zu interpretieren, wie es Hobsbawm tut oder sollte es nicht doch möglich sein, darüber hinaus die spezifischen Perspektiven von Subalternen nachzuvollziehen, ihnen ‚Gehör zu verschaffen‘ und ‚zum Sprechen zu verhelfen‘, ohne sie deswegen einfach in das Herrschaftssystem zu integrieren?[218] Meiner Ansicht nach könnte die Autobiographie Lucio Urtubias als ein solcher Versuch verstanden werden, insofern ihm aus verschiedenen Gründen – zufälligen Begebenheiten und entschlossenem Handeln – die Möglichkeiten zukamen sich aus der Position eines gesellschaftlich Unterlegenen zu befreien.


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  • [1] Urtubia, Lucio, Baustelle Revolution. Erinnerungen eines Anarchisten, Berlin/Hamburg 2010.
  • [2] Hobsbawm, Eric, Die Banditen, Frankfurt a.M. 1972 [1969], S. 20.
  • [3] Vgl. Eric Hobsbawm, Geschichte von unten, in: Ders., Wieviel Geschichte braucht die Zukunft, S. 256-274.
  • [4] Vgl. Hobsbawm, Eric, Sozialrebellen. Archaische Sozialbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert, Gießen 1979 [1959].
  • [5] Hobsbawm, Eric, Gefährliche Zeiten. Ein Leben im 20. Jahrhundert, München 2006., S. 384.
  • [6] Dafür paradigmatisch für den deutschen Sprachraum: Vgl. Wolfgang Abendrot, Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung, 9. Auflage, Frankfurt a.M. 1973 [1965]. Die Frage, inwiefern der Blick über den nationalstaatlich strukturierten Horinzont hinaus in der Zeit von Hobsbawms frühen Forschungen schon eine ziemliche Besonderheit in der Geschichtswissenschaft darstellte, wäre in diesem Kontext spannend, doch kann ihr hier leider nicht nachgegangen werden.
  • [7] Vgl. Hobsbawm, Sozialrebellen, S. 14.
  • [8] Hobsbawm, Gefährliche Zeiten, S. 384.
  • [9] Vgl. Hobsbawm, Sozialrebellen, S. 104-126.
  • [10] Vgl. Gerald Brenan, The Spanish labyrinth. An account of the social and political background of the Civil War, Cambridge 1950.
  • [11] Vgl. Hobsbawm, Gefährliche Zeiten, S. 387.
  • [12] Vgl. Orwell, George, Mein Katalonien. Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg, Zürich 2000.
  • [13] Vgl. Hans Magnus Enzensberger, Der kurze Sommer der Anarchie, Frankfurt am Main 1977.
  • [14] Vgl. Walter L. Bernecker, Anarchismus und Bürgerkrieg. Zur Geschichte der sozialen Revolution in Spanien 1936-1939, Nettersheim 2006 [1978], S. IX.
  • [15] Hobsbawm, Gefährliche Zeiten, S. 389f..
  • [16] Vgl. Hobsbawm, Sozialrebellen, S. 3.
  • [17] Vgl. Hobsbawm, Die Banditen.
  • [18] Vgl. Hobsbawm, Sozialrebellen, S. 4.
  • [19] Vgl. Hobsbawm, Die Banditen, S. 7.
  • [20] Vgl. Hobsbawm, Sozialrebellen, S. 28.
  • [21] Hobsbawm, Gefährliche Zeiten, S. 391.
  • [22] Zudem waren ihre Kontakte nach Spanien offenbar nicht abgebrochen. Stellvertretend steht dafür der schottische Anarchist Stuart Christie (*1946), welcher 1964 ein Sprengstoft-Attentat auf Franco geplant hatte. Er flog auf und musste aufgrund internationalen Drucks statt 20 nur drei Jahre ins Gefängnis. Ihm wird nachgesagt, im Kontakt zur Londoner Stadtguerilla-Gruppe ‚Angry Brigade‘ 1970-72 gestanden zu haben. Später gründete er den anarchistischen Verlag ChristieBooks. 2014 erschien auf deutsch seine Autobiographie mit dem Titel „Meine Oma, General Franco und ich“ beim Nautilus-Verlag. Vgl. http://www.theguardian.com/books/2004/aug/23/spain.politics
  • [23] Vgl. Hobsbawm, Gefährliche Zeiten, S. 391.
  • [24] Die offenbart gleichzeitig einiges über Hobsbawms Fortschrittsverständnis: Vgl. Eric Hobsbawm, Gibt es einen Fortschritt in der Geschichte, in: Ders., Wieviel Geschichte braucht die Zukunft, S. 82-99.
  • [25] Vgl. Hobsbawm, Sozialrebellen, S. 3.
  • [26] Vgl. Hobsbawm, Die Banditen, S. 12; vgl. auch: Eric Hobsbawm, The General Crisis of the European Economy in the 17th Century, in: Past&Present, No. 5 (Mai 1954), S. 33-53. Zu unterscheiden ist ferner zwischen Feudalgesellschaften und der Form des ‚Agrarkapitalismus‘ – letztere ist die Gesellschaftsform in welcher Urtubia aufwächst. Sie stellt ein modernes Phänomen dar, bei der die landwirtschaftliche Produktion vorrangig für den Markt geschieht; vgl. auch: Marx, Karl/ Engels, Friedrich, Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, in: Das Kapital, Kap. 24, S. 741-791, in. MEW 23, Berlin 1968.
  • [27] Chiliasmus bezeichnet eine strenge Schwarz-weiß-Sicht auf die Welt, d.h. eine Reduktion komplexer sozialer und moralischer Verhältnisse, während Millenarismus eine Endzeiterwartung bedeutet, welche mit dem Erscheinen einer Person und deren Anhängern angebrochen ist und je nach Weltbild auf ein reinigendes Ende hinausläuft. Beide Begriffe sind eng miteinander verwoben und Elemente sowie Strömungen in verschiedenen religiösen Bewegungen, welche beim Anbruch der Moderne aber auch in säkularer Form auftreten können.
  • [28] Vgl. Hobsbawm, Sozialrebellen, S. 14.
  • [29] Ebd., S. 7.
  • [30] Zum Verhältnis von Anarchismus und Religion bemerkt David Graeber: „Here, suffice it to say that the relation of anarchism to spirituality has always been complex and ambivalent. In the nineteenth and early twentieth centuries, European anarchism always tended to be strongest in countries-Russia, Spain, Italy-with a powerful church, and tended to take on a radically atheist tone, identifying the very notion of God with the principle of hierarchy and unquestioning authority. […] There were exceptions-Christian anarchists like Tolstoy-but they were usually not closely related to social movements. Some have argued that Spanish anarchism, particularly in its rural manifestations, itself took on some of the qualities of a prophetic, millenarian religion […] – but, if so, it was one whose main rituals involved acts like burning churches, or removing the mummified bodies of nuns from church crypts to reveal the corruption lurking below […].“; aus: David Graeber, Direct Action. An Ethnography, Oakland/Edinburgh 2009, S. 220.
  • [31] Vgl. Hobsbawm, Sozialrebellen, S. 15.
  • [32] Karl Marx/ Friedrich Engel, Manifest der Kommunistischen Partei, Stuttgart 2009, S. 23.
  • [33] Hier offenbart sich einer der fundamentalen theoretischen Unterschiede zwischen Anarchismus und Marxismus, in Bezug auf die Annahme der Totalität des Kapitalismus: „Marx himself tended to dismiss the anarchist base as a particularly inauspicious combination of „petty bourgeoisie“ and „lumpen proletariat,“ and considered the notion that they could in any way stand outside capitalism ridiculous. Capitalism, for Marx, was a totalizing system. It shaped the consciousness of all those who lived under it in the most intimate fashion. The kind of critiques of capitalism one saw in authors like Proudhon or Bakunin, Marx argued, were simply the voice of a petit bourgeois morality, the small-scale merchants and producers railing against the bigger ones. They had nothing to teach revolutionaries. Only the industrial proletariat, who had absolutely no stake in the existing system, could be a genuinely revolutionary class.“; aus: Graeber, Direct Action, S. 213.
  • [34] Vgl. Hobsbawm, Die Banditen, S. 13.
  • [35] Vgl. Georg Fülberth, Kleine Geschichte des Kapitalismus, 2008.
  • [36] Vgl. Hobsbawm, Sozialrebellen, S. 16.
  • [37] Vgl. ebd., S. 16.
  • [38] Ebd., S. 23.
  • [39] Vgl. Walter L Bernecker, Sozialgeschichte Spaniens im 19. und 20. Jahrhundert. Vom Ancien Régime zur Parlamentarischen Monarchie, Frankfurt a.M. 1990, S. 331.
  • [40] Vgl. Hobsbawm, Die Banditen, S. 11f..
  • [41] Nach welchem Zeitraum werden Sozialbanditen zu Berufsverbrechern, zumal, wenn sie davon ihren Lebensunterhalt bestreiten? Ist Kriminalität nicht zu einem gewissen Grad immer auch politisch, sei es bewusst oder unbewusst? Werden nicht umgekehrt politisch oppositionelle Gruppen je nach Grad des Autoritarismus einer politischen Herrschaftsformation immer auch kriminalisiert und als Verbrecher dargestellt? Und ergibt es Sinn und wenn ja, ab wann, die herrschenden Gruppen als kriminell zu bezeichnen, wie es Lucio Urtubia tut?; Vgl: Oliver Steinke, Ein Gespräch mit dem spanischen Anarchisten und Maurer Lucio Urtubia, auf: http://www.linksnet. de/de/artikel/30038; zuletzt aufgerufen am: 11.03.2015. Diese Fragen stellen sich unweigerlich bei Anwendung von Hobsbawms offener Konzeption auf andere Gegenstände.
  • [42] Vgl. Hobsbawm, Sozialrebellen, S. 49.
  • [43] Vgl. Hobsbawm, Die Banditen, S. 22f..
  • [44] Ebd., S. 12.
  • [45] Vgl. ebd., S. 19.
  • [46] Ebd., S. 19.
  • [47] Ebd., S. 13.
  • [48] Letztere Beziehung stellt Hobsbawm anhand des Lebenslaufes der seiner Ansicht nach letzten dokumentierten realen Person eines ‚Rächers der Entrechteten‘ dar: dem berühmten sizilianischen Banditen Salvatore „Turiddu“ Giuliano (1922-1950). Im Umfeld der kriminellen ‚bürgerlich-kapitalistischen‘ Mafia-Organisationen versuchten diese Giuliano für ihre eigene Politik einzuspannen, was ihnen schließlich aufgrund des Fehlens seiner eigenen reflektierten Position gelingt und er für sie Kommunisten ermordet. Dabei nimmt er keinen Widerspruch zu seiner selbstgewählten Rolle als „Befreier der Armen“ wahr, wird stattdessen zum Handlanger einer Verschwörung separatistischer Großgrundbesitzer, von ihnen zuletzt verraten und „in gewohnter Mafiamanier umgebracht“. Der Entstehung des Mythos eines sizilianischen Robin Hoods und eines Volkshelden tat dies freilich keinen Abbruch. Vgl. Eric Hobsbawm, Der Bandit Giuliano, in: Ders., Ungewöhnliche Menschen. Über Widerstand, Rebellion und Jazz, München/Wien 2001, S. 243-253.
  • [49] Hobsbawm, Die Banditen, S. 114.
  • [50] Ebd., S. 122.
  • [51] Ebd., S. 123.
  • [52] Vgl. ebd., S. 124-127; vgl. auch: Hobsbawm, Sozialrebellen, S. 28.
  • [53] Vgl. Hobsbawm, Die Banditen, S. 133.
  • [54] Vgl. Hobsbawm, Sozialrebellen, S. 39.
  • [55] Vgl. Hobsbawm, Die Banditen, S. 137f..
  • [56] Vgl. ebd., S. 13.
  • [57] Vgl. ebd., S. 197.
  • [58] Vgl. Mergel, Thomas, Geschichte und Soziologie, in: Hans-Jürgen Goertz (Hrsg.), Geschichte, ein Grundkurs, 3. revidierte und erweiterte Auflage, Hamburg 2007, S. 696.
  • [59] Vgl. Hobsbawm, Die Banditen, S. 36.
  • [60] Ebd., S. 20f..
  • [61] Vgl. Hobsbawm, Sozialrebellen, S. 31f..
  • [62] Vgl. Hobsbawm, Die Banditen, S. 28-35.
  • [63] Vgl. ebd., S. 36f..
  • [64] Vgl. ebd., S. 38.
  • [65] Ebd., S. 41.
  • [66] Ebd., S. 44.
  • [67] Die Kapitel drei, vier und fünf aus Die Banditen geben für eine weitere Charakterisierung der verschiedenen Typen, den „edlen Räubern“, den „Rächern“ und „Heiducken“ noch interessante Anhaltspunkte, verlangen aber für die hier angestrebte Untersuchung nicht nach einer ausführliche Schilderung.
  • [68] Hobsbawm, Die Banditen, S. 21.
  • [69] Vgl. ebd., S. 22ff..
  • [70] Ebd., S. 24.
  • [71] Ebd., S. 24.
  • [72] Hobsbawm, Sozialrebellen, S. 42.
  • [73] Vgl. Hobsbawm, Die Banditen, S. 23.
  • [74] Vgl. Hobsbawm, Sozialrebellen, S. 25f..
  • [75] Vgl. ebd., S. 44ff..
  • [76] Vgl. Roman Danyluk, Freiheit und Gerechtigkeit. Die Geschichte der Ukraine aus libertärer Sicht, Lich 2010, 112-117.
  • [77] Vgl. Hobsbawm, Sozialrebellen, S. 47.
  • [78] Über den fanatischen Glauben, mit dem noch jede menschenverachtende und in anderer Hinsicht auch konterrevolutionäre Handlungen der Kommunistischen Parteien gerechtfertigt wurde äußert Hobsbawm in seiner Autobiographie unter anderem: „Das Geheimnis der leninistischen Partei lag nicht in den Träumen vom Erstürmen von Barrikaden oder gar in der marxistischen Theorie. Es lässt sich mit wenigen Worten zusammenfassen: ‚Entscheidungen müssen ausgeführt werden‘ und ‚Parteidisziplin‘.“; Vgl. Hobsbawm, Gefährliche Zeiten, S. 160. Und: „Die leninistische Partei als ‚Vorhut der Arbeiterklasse‘ war eine Verbindung aus Disziplin, organisatorischer Effizienz, einer extremen emotionalen Identifikation und einem Gefühl der totalen Hingabe.“; Vgl. Hobsbawm, Gefährliche Zeiten, S. 161. Deutlich wird, dass Hobsbawm unter Umdeutung historischer Tatsachen eine Geschichte der stalinistischen Sieger schreibt. Beziehungsweise nach 1990 der Besiegten, denn mit seinem Begriff von Kommunismus wäre dieser heute tot; vgl. Hobsbawm, Gefährliche Zeiten, S. 154. Schließlich versteht er darunter ein autoritäres Staatsprojekt, also einen Zustand und ein Ideal nach dem er die Wirklichkeit zurechtschneidet, anstatt eine „wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“ und deren Bedingungen sich aus den jetzt bestehenden Voraussetzung ergeben. Vgl. Marx, Karl/ Engels, Friedrich, ‚Die deutsche Ideologie‘, in: MEW 3, Berlin 1968, S. 35. Um vorzugreifen ist es die Quintessenz von Lucio Urtubias autobiographischer Reflexion, gerade diese Art von Geschichtsschreibung in Frage zu stellen, womit er intuitiv für eine wirkliche ‚Geschichte von unten‘ eintritt. Vgl. Urtubia, Baustelle Revolution, S. 229. Um ein weiteres Beispiel für fragwürdige essayistische Geschichtsschreibung zu geben: Der „Terrorist“ „Kamo“, welcher für die Bolschewisten Enteignungen durchgeführt hat, starb 1922 wozu Hobsbawm lakonisch bemerkt, dies sei „vielleicht sein Glück gewesen […], denn weder sein Alter noch die in den folgenden Jahren in der Sowjetunion herrschende Atmosphäre hätten seinem Typus einer Altbolschewisten entsprochen.“; Vgl. Hobsbawm, Die Banditen, S. 160. Tatsächlich wurde der Verbrecher, dessen sich Stalin bedient hatte, solange er ihm nützlich war, mit hoher Wahrscheinlichkeit auf dessen Anordnung hin ermordet. In der anbrechenden Ära sollte „Kamo“ also wirklich keinen Platz haben – was Hobsbawm als sein Glück ausgibt.
  • [79] Vgl. Danyluk, Freiheit und Gerechtigkeit, 98-103.
  • [80] Hobsbawm, Die Banditen, S. 145.
  • [81] Ebd., S. 146.
  • [82] Vgl. Hobsbawm, Die Banditen, S. 148f..
  • [83] Vgl. ebd., S. 152f..
  • [84] Ebd., S. 160.
  • [85] Vgl. Urtubia, Baustelle Revolution, S. 60ff..
  • [86] Hobsbawm, Die Banditen, S. 157.
  • [87] Vgl. ebd., S. 156.
  • [88] Das Konzept des Habitus wurde von Pierre Bourdieu und Norbert Elias in die Sozialwissenschaften eingeführt. Es beschreibt dass Sozialverhalten, die Umgangsformen und Gewohnheiten einer Person, durch welche unter anderem ihre gesellschaftliche Position zum Ausdruck kommt. Mit diesem Hintergrund wäre Hobsbawms Beschreibung von Sabaté mehr als eine erzählerische Ausführung. Er beschreibt seine Gestalt und sein Verhalten. „Untätigkeit machte ihn unbeholfen und nervös. […] Sobald er aber mit seiner Schusswaffe an einer Straßenecke stand, wurde er gelöst, entspannt und auf seine mürrische Weise geradezu strahlend.“ Er war sich „seiner Instinkte und Reflexe völlig sicher sowie mit einer Witterung für Kommendes begabt, die durch Erfahrung zwar perfektioniert, nicht jedoch erlernt werden kann […]. Ohne solche natürlich Begabung hätte Sabaté denn auch nicht so lange als ‚Outlaw‘ leben können“; Vgl. Hobsbawm, Die Banditen, S. 170. Sowie: „Sabatés einzigartige Laufbahn nach 1945 lag in der moralischen Überlegenheit, mit der er bewusst den Polizisten entgegenging.“; Vgl. Hobsbawm, Die Banditen, S. 174.
  • [89] Vgl. Hobsbawm, Die Banditen, S. 160.
  • [90] Walter L Bernecker stellt eine Phase des ‚Illegalismus‘ für den Spanischen Anarchismus in den 1880er Jahren fest, welcher eine Konsequenz aus dem Scheitern legalistischer Taktiken in sozialen Kämpfen war. Ablehnung jeglicher Organisationen, jeglichen Privatbesitzes, die Organisation in autonomen Gruppen und die Praxis individueller revolutionärer Taten haben somit eine lange Tradition. Vgl. Bernecker, Sozialgeschichte Spaniens, S. 201ff..
  • [91] Ob diese aber wesentlich ‚irrationaler‘ ist als Hobsbawms Beschreibung der Wirkung des Kommunismus als ‚Dämon‘ oder vollendeter Ausdruck ‚politischer Leidenschaft‘, welche ebenfalls in kleinen, elitären, aber streng hierarchischen und befehlsgläubigen leninistischen Kadergruppen geprägt und bestätigt wird, kann bezweifelt werden. Vgl. Hobsbawm, Gefährliche Zeiten, S. 154. Ihm gelingt eine relativ gute Zusammenfassung anarchistischer Denkweisen, wobei er dabei jedoch jegliche theoretischen Überlegungen unterschlägt, welche diesen zu Grunde liegen. Weil Hobsbawm sich somit nicht mit Argumenten auseinandersetzt, sondern Anarchisten als Gläubige und Unwissende stilisiert, negiert er einerseits den politischen und revolutionären Gehalt ihrer Vorstellungen und hält es andererseits für ausgeschlossen, das andere Menschen oder inhaltlich-politische Strömungen aus einer bestimmten gesellschaftlichen Situation andere nachvollziehbare und legitime Schlüssen ziehen könnten als er selbst, was umso absurder ist, da er den beschriebenen Kontext nur äußert ungenügend kennt. Dass über verkürzte oder einfach verschiedene Vorstellungen, beispielsweise davon, was Herrschaftsverhältnisse sind und wie sie überwunden werden können, diskutiert werden muss und diese kritisiert werden können, versteht sich von selbst – allein, auf diese Ebene begibt sich Hobsbawm nicht.
  • [92] Hobsbawm, Die Banditen, S. 176.
  • [93] Vgl. dagegen Hobsbawm: „Was Leute zur Partei zog, war, dass sie mehr schaffte als die anderen.“; Hobsbawm, Gefährliche Zeiten, S. 160.
  • [94] Selbstverständlich weisen aber alle politischen Vorstellungen oder Weltbilder eine moralische Dimension auf. Beispielsweise gründen sich der oft als „nicht-ideologisch“ behauptete Liberalismus und die kapitalistische Gesellschaftsordnung auf abstrakten moralphilosophische Setzungen, wie dem Mythos, dass Vergesellschaftung ursprünglich durch Tauschhandel entstünde, das Menschen als isolierte Einzelne zu fassen sind, die nach rationale Nutzenkalkulationen handeln usw.. Vgl. David Graeber, Debt. The first 5000 years, New York 2011, S. 21-41. Die Stärke sogenannter populistischer Bewegungen beruht ebenfalls darauf, dass sie an das Moralempfinden von Menschen appelliert, indem sie diese als Unterdrückte und Ausgebeutete darstellt – unabhängig davon, ob sie objektiv in ihrer gesellschaftlichen Position mehr ausgebeutet und unterdrückt werden als andere und relativ gesehen möglicherweise sogar zu den Profiteuren der Herrschaftsordnung gehören. Nach Gramsci verlangt eine funktionierende Herrschaft nach moralischer und intellektueller Führung – eben weil sie die moralischen Erwägungen auch von unterworfenen Gruppen mit einbeziehen und an diese appellieren muss. Vgl. Florian Becker/ Mario Candeias/ Janek Niggemann/ Anne Steckner (Hrsg.), Gramsci lesen. Einstiege in die Gefängnishefte, Hamburg 2013, S. 19-35.
  • [95] Matthias Aumüller, 4. Narrativität, in: Christian Klein (Hrsg.), Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien, Stuttgart/Weimar 2009, S. 18.
  • [96] Vgl. Kolesch, Doris, 1. Biographie und Performanz – Problematisierung von Identitäts- und Subjektkonstruktionen, in: Christian Klein (Hrsg.), Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien, Stuttgart/Weimar 2009, S. 46f..
  • [97] Vgl. Fetz, Bernhard, Einleitung, in: Ders. (Hrsg.), Die Biographie – Zur Grundlegung ihrer Theorie, Berlin/New York 2000, S. 37.
  • [98] Ebd., S. 11.
  • [99] Vgl. ebd., S. 11; S. 59.
  • [100] Vgl. Pyta, Wolfram, Biografisches Arbeiten als Methode. 1. Geschichtswissenschaft, in: Christian Klein (Hrsg.), Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien, Stuttgart/Weimar 2009, S. 333.
  • [101] Fetz, Einleitung, in: Ders. (Hrsg.), Die Biographie, S. 55.
  • [102] Vgl. dazu: Leo Löwenthal, Die biographische Mode [1955], in: Bernhard Fetz/Wilhelm Hemecker (Hrsg.), Theorie der Biographie. Grundlagentexte und Kommentar, Berlin/New York 2011, 199-217.
  • [103] Vgl. zu diesem Thema aus aktueller gelungener sozialwissenschaftlicher Perspektive weiterführend: Thomas Bedorf, Verkennende Anerkennung, Berlin 2010.
  • [104] Vgl. Michaela Holdenried, 8. Biographie vs. Autobiographie, in: Christian Klein (Hrsg.), Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien, Stuttgart/Weimar 2009, S. 37-41.
  • [105] Vgl. Pyta, Biografisches Arbeiten, in: Klein (Hrsg.), Handbuch Biographie, S. 335.
  • [106] Vgl. Kolesch, 1. Biographie und Performanz, in: Christian Klein (Hrsg.), Handbuch Biographie, S. 45f..
  • [107] Vgl. Bernard Fetz, Biographishes Erzählen zwischen Wahrheit und Lüge, Inszenierung und Authentizität, in: Christian Klein (Hrsg.), Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien, Stuttgart/Weimar 2009, S. 56.
  • [108] Vgl. Fetz, Einleitung, in: Ders. (Hrsg.), Die Biographie, S. 34.
  • [109] Vgl. ebd., S. 3f..
  • [110] Der Vorstellung von ‚Lebensgeschichte‘ als eine Gesamtheit von Ereignissen verstanden wird, liegt ein bestimmtes Verständnis von Geschichte und Erzählung zugrunde, welches beispielsweise von Pierre Bourdieu kritisiert wurde Vgl. Pierre Bourdieu, Die biographische Illusion [1986], in: Bernhard Fetz/Wilhelm Hemecker (Hrsg.), Theorie der Biographie. Grundlagentexte und Kommentar, Berlin/New York 2011, 303-310.
  • [111] Vgl. Kolesch, 1. Biographie und Performanz, in: Klein (Hrsg.), Handbuch Biographie, S. 50ff..
  • [112] Bernard Fetz, Biographishes Erzählen zwischen Wahrheit und Lüge, Inszenierung und Authentizität, in: Christian Klein (Hrsg.), Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien, Stuttgart/Weimar 2009, S. 54.
  • [113] Vgl. Fetz, Einleitung, in: Ders. (Hrsg.), Die Biographie, S. 47ff..
  • [114] Vgl. Bernard Fetz, Biographishes Erzählen zwischen Wahrheit und Lüge, Inszenierung und Authentizität, in: Christian Klein (Hrsg.), Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien, Stuttgart/Weimar 2009, S. 57f..
  • [115] Bernhard Fetz, Der Stoff, aus dem das (Nach-)Leben ist, in: Ders. (Hrsg.), Die Biographie – Zur Grundlegung ihrer Theorie, Berlin/New York 2000, S. 126.
  • [116] Vgl. Schwibbe, Gudrun, Erzählungen vom Anderssein. Linksterrorismus und Alterität, Münster/New York/München/Berlin 2013.
  • [117] Ebd., S. 31.
  • [118] Vgl. ebd., S. 33f..
  • [119] Vgl. Fetz, Einleitung, in: Ders. (Hrsg.), Die Biographie, S. 33-38.
  • [120] Ebd., S. 27.
  • [121] Vgl. Pyta, Biografisches Arbeiten, in: Klein (Hrsg.), Handbuch Biographie, S. 331-336.
  • [122] Vgl. Pyta, ebd., S. 333; vgl. auch: Fetz, Einleitung, in: Ders. (Hrsg.), Die Biographie, S. 30.
  • [123] Vgl. Urtubia, Baustelle Revolution, S. 21-49.
  • [124] Vgl. ebd., S. 26.
  • [125] Vgl. ebd., S. 27ff..
  • [126] Vgl. ebd., S. 80-89.
  • [127] Ebd., S. 63.
  • [128] Bezeichnenderweise nennt Urtubia auch seine politischen Weggefährten fast ausschließlich „Freunde“. Fast nie schreibt er (nach dieser Übersetzung) von „Companeros“ (S. 192). Bei der Begegnung mit Che Guevara stellt er lediglich lapidar fest: „Er hatte nicht die Warmherzigkeit eines Companeros.“; Vgl. Urtubia, Baustelle Revolution, S. 133.
  • [129] Urtubia, Baustelle Revolution, S. 120.
  • [130] Vgl. ebd., S. 225.
  • [131] Nach eigener Erfahrung bei einer Lesung mit Lucio Urtubia in Chemnitz am 01.10.2013; Vgl. http://odradek.blogsport.de/2013/09/14/lucio-urtubia/.
  • [132] Dies trifft vor allem auf den letzten Teil der Autobiographie zu und wird an den Einleitungen einiger Absätze deutlichen: „Ich möchte euch noch von Cipriano Mera erzählen, dem Oberst der Republikanischen Armee […].“; „Eine andere Anekdote, die ich unbedingt erzählen muss, ist meine Begegnung mit einem Mann, der das Glück hatte, das berühmteste Foto von Che Guevara zu machen […].“; „Ich möchte euch erzählen, wie ich Abbé Pierre kennengelernt habe und wer dieser Priester war.“ Vgl. Urtubia, Baustelle Revolution, S. 196; S. 197; S. 202.
  • [133] Ebd., S. 222f..
  • [134] Ebd., S. 90.
  • [135] Vgl. ebd., S. 134-139.
  • [136] Vgl. ebd., S. 103-110.
  • [137] Deswegen weist er auch scharf den Anspruch der stalinistischen Kommunisten zurück, „als Vertreter der ganzen Arbeiterklasse zu sprechen.“; Vgl. Urtubia, Baustelle Revolution, S. 82.
  • [138] „Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Eine kleine Gruppe lässt es sich auf Kosten der Allgemeinheit gut gehen und plündert die öffentlichen Kassen. Sogar lebensnotwendige Grundlagen wie die Umwelt werden aufs Spiel gesetzt, immer mit dem Ziel, noch mehr Vorteile und Gewinn für die Immergleichen herauszuholen, unmittelbare Gewinne, die nur der sinnlosen Verschwendung dienen.“ Vgl. Urtubia, Baustelle Revolution, S. 150.
  • [139] Bernecker, Sozialgeschichte Spaniens, S. 197.
  • [140] Vgl. Bernecker, Sozialgeschichte Spaniens, S. 209.
  • [141] Vgl. Urtubia, Baustelle Revolution, S. 58.
  • [142] Ebd., S. 25.
  • [143] Vgl. Urtubia, Baustelle Revolution, S. 54.
  • [144] Vgl. Bernecker, Sozialgeschichte Spaniens, S. 280.
  • [145] Vgl. ebd., S. 318.
  • [146] Hobsbawm, Zeitalter der Extreme, S. 548.
  • [147] Unter ‚Eliten‘ werden hier nicht einfach die Gruppen der de facto ‚Herrschenden‘ verstanden sondern genauso solche, die aufgrund ihres Zugangs zu Bildung und strategischen Kontakten die öffentliche Meinung beeinflussen oder politischen Druck ausüben können. Gerade in Diktaturen gehören Intellektuelle oft der Opposition an, was jedoch wiederum nicht bedeutet, dass sie keinerlei Herrschaftsfunktionen ausüben würden. Die Beziehungen zwischen herrschenden Gruppen und den – ganz verschiedenen! – Eliten ist äußerst ambivalent und dynamisch.
  • [148] Vgl. Urtubia, Baustelle Revolution, S. 168f..
  • [149] Vgl. ebd., S. 129, S. 160.
  • [150] Vgl. ebd., S. 174ff.
  • [151] Vgl. ebd., S. 201.
  • [152] Ebd., S. 133.
  • [153] Sie ergaben sich allerdings erst nach jahrelangen klandestinen Aktivitäten, also einem gewissen ’standing‘ in der politischen Landschaft, verbunden mit der unübersichtlichen Lage jener Kräfte, welche das Franco-Regime schwächen oder gar stürzen wollten und die bisweilen medienwirksame radikale Aktionen auch für ihre Zwecke dienlich gefunden haben mochten. Urtubias Insistieren auf seinen Status als ‚Arbeiter‘ steht damit insofern in Konflikt, als dass es wohl großer Voraussetzungen bedarf, in derartige politische Sphären vorzudringen. Andererseits aber arbeitete er offenbar wirklich dauerhaft als direkt Lohnabhängiger, Freiberufler und schließlich Kleinunternehmer.
  • [154] Vgl. Bernecker, Sozialgeschichte Spaniens, S. 309.
  • [155] Vgl. u.a. die einprägsame Beschreibung eines religiös-faschistischen und unmenschlichen Lehrers Urtubias: Urtubia, Baustelle Revolution, S. 40.
  • [156] Ebd., S. 229.
  • [157] Ebd., S. 80.
  • [158] Urtubia, Baustelle Revolution, S. 69.
  • [159] Bernecker, Sozialgeschichte Spaniens, S. 289f..
  • [160] Eric Hobsbawm, Wie man die Welt verändert: Über Marx und den Marxismus, München 2012 [2011], S. 277.
  • [161] Vgl. Urtubia, Baustelle Revolution, S. 89f..
  • [162] Vgl. ebd., S. 224.
  • [163] Vgl. ebd., S. 111ff..
  • [164] Vgl. ebd., S. 143ff..
  • [165] Vgl. ebd., S. 166f..
  • [166] Ebd., S. 195.
  • [167] Vgl. Urtubia, Baustelle Revolution, S. 147.
  • [168] Vgl. ebd., S. 45.
  • [169] Ebd., S. 29.
  • [170] Ebd., S. 30.
  • [171] Vgl. ebd., S. 37ff.
  • [172] Vgl. ebd., S. 40.
  • [173] Vgl. ebd., S. 17.
  • [174] Bernecker, Sozialgeschichte Spaniens, S. 146.
  • [175] Vgl. ebd., S. 147.
  • [176] Vgl. ebd., S. 208.
  • [177] Vgl. ebd., S. 102ff..
  • [178] Vgl. Hobsbawm, Zeitalter der Extreme, S. 202.
  • [179] Vgl. Urtubia, Baustelle Revolution, S. 51ff..
  • [180] Ebd., S. 119.
  • [181] Vgl. ebd., S. 149.
  • [182] Vgl. ebd., S. 58f.
  • [183] Vgl. ebd., S. 79.
  • [184] Ebd., S. 18.
  • [185] Vgl. Bernecker, Sozialgeschichte Spaniens, S. 199.
  • [186] Titel eines Aufsatzes von Peter Kroptokin, Vgl.. Peter A. Kropotkin, Anarchistische Moral [1922], in: Otthein Rammstedt (Hrsg.), Anarchismus. Grundtexte zur Theorie und Praxis der Gewalt, Opladen 1969, S. 74-95.
  • [187] Urtubia, Baustelle Revolution, S. 122.
  • [188] Vgl. ebd., S. 66.
  • [189] Vgl. ebd., S. 125.
  • [190] Ebd., S. 191.
  • [191] Ebd., S. 125.
  • [192] So wäre zumindest eine Interpretation seiner Vorstellungen von Arbeit und Wert; Vgl. Urtubia, Baustelle Revolution, S. 103-110.
  • [193] Vgl. ebd., S. 252.
  • [194] Ebd., S. 228.
  • [195] Ebd., S. 186.
  • [196] Vgl. ebd., S. 21.
  • [197] Vgl. ebd., S. 74.
  • [198] Ebd., S. 75.
  • [199] Vgl. ebd., S. 82.
  • [200] Vgl. ebd., S. 253.
  • [201] Ebd., S. 123.
  • [202] Vgl. ebd., S. 68.
  • [203] Vgl. ebd., S. 86f..
  • [204] Vgl. ebd., S. 69.
  • [205] Vgl. ebd., S. 123.
  • [206] Vgl. ebd., S. 162.
  • [207] Ebd., S. 79.
  • [208] Vgl. ebd., S. 125.
  • [209] Ebd., S. 252.
  • [210] Vgl. Hobsbawm, Zeitalter der Extreme, S. 548.
  • [211] Vgl. Schwibbe, Erzählungen vom Anderssein, u.a. S. 77-83.
  • [212] Vgl. Urtubia, Baustelle Revolution, S. 76.
  • [213] Urtubia, Baustelle Revolution, S. 30.
  • [214] Ebd., S. 124.
  • [215] Ebd., S. 114.
  • [216] Kellermann, Philippe, Einleitung, in: Ders. (Hrsg.), Begegnungen feindlicher Brüder. Zum verhältnis von Anarchismus und Marxismus in der Geschichte der sozialistischen Bewegung, Münster 2011, S. 9.
  • [217] Urtubia, Baustelle Revolution, S. 253.
  • [218] Vgl. Waibel, Tom, Wortfluchten. Vom Risiko über keinen absoluten Standard zu verfügen, in: Grundrisse. Zeitschrift für linke Theorie und Debatte, No. 25, auf: http://www.grundrisse.net/grundrisse25/wortfluchten.htm; zuletzt aufgerufen am: 28.03.2015.