K-Gruppen reloaded?

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Polemik zur Gründung der stalinistischen „Kommunistischen Organisation“

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #98, Februar 2019

von Simone

Auf einem Treffen zwischen dem 1. und 3. Juni gründeten um die 100 ehemalige DKP- und SDAJ-Anhänger*innen (oder zumindest deren Führungsgarde) die „Kommunistische Organisation“. Damit hat der Stalinismus in Deutschland wieder ein Gesicht und einen Namen. Die „Flamme des Kommunismus“ (wohlgemerkt: nicht die „Schwarze Flamme“!) brennt weiter.

Putzigerweise reagierte die KO schon wenig später reflexartig auf einen Vorwurf des „Linkssektierertums“ durch die DKP. Rein technisch gesehen dürfte das auch stimmen: In einer Religion wäre die KO als „ultra-orthodox“ zu beschreiben. Das heißt, sie hält so fanatisch an einer alten, längst überkommenen Lehre fest, dass sie sich erst einmal abspalten muss. An wahnhaften Gestalten und beängstigenden gruppendynamischen Entwicklungen dürfte es bei ihr dennoch nicht mangeln.

Wie Umgehen mit einer neuen Gruppierung deren menschenverachtende autoritäre Ideologie sich mit der Entschlossenheit mischt, einen „Klärungsprozess“ innerhalb des parteikommunistischen Lagers anzustoßen und – nicht zuletzt mittels „Kritik und Selbstkritik“ – selbst durchzumachen? Eingewandt werden könnte, dass die Splittergruppe, wie so viele vor ihr, aufgrund ihrer doktrinären, weltfremden Anschauungen – die sie als „wissenschaftlich“ bezeichnet -, ein weiterer historischer Treppenwitz ist, über den jede politisierte Generation erneut lachen sollte. Viele würden sagen, eine solche Gruppierung könne aufgrund ihrer Langweiligkeit und Lustfeindlichkeit überhaupt keine politische Schlagkraft und wegen ihres geschlossenen Weltbildes keine theoretische Stärke erlangen. Nach anfänglicher Euphorie der Erleuchteten werde ihr Tatdrang sicherlich abflauen, was ihr Kürzel ja dankenswerterweise schon vorwegnimmt: „K.O.“

Auf der anderen Seiten besteht aber auch die unattraktive Möglichkeit, dass wir es an Orten, wo sich Anhänger*innen der KO befinden, bald mit endlosen Diskussionen zu tun haben werden in die Richtung: „Stalin wird man ja wohl noch sagen dürfen“. Wahrscheinlich etwa, weil er neben den GULags auch Autobahnen gebaut hätte und während er einerseits vermeintliche „Kulaken“ enteignete, züchtete er andererseits ein neues Milieu bürokratischer Parteibonzen hoch. Vielen Dank dafür!

Weil sie sich oft doch nicht soweit raus trauen, um handfeste Arbeiter*innen zu agitieren und anzuführen (und diese daran meistens auch nicht besonders viel Interesse haben), fürchte ich, dass die KaOten doch eher in dem einen oder anderen AZ auftauchen werden, um ihre Flugblätter zu verteilen. Das Problem dort insgesamt und teilweise auch bei einigen Anarchist*innen ist wiederum der (im beschreibenden Sinne) bürgerliche Glaube, wer nur rede und dabei Begriffe wie „Klasse“, „Revolution“, „Antifaschismus“ oder „Sozialismus“ verwende, werde ja am Ende keine große Gefahr darstellen.

Doch dies war und ist eine problematische Fehleinschätzung: Mit Islamist*innen, Faschos oder Anhänger*innen von Scientology würden wir ja wohl auch gar nicht erst Gespräche beginnen. Aus guten Gründen lasst ihr euch ja auch nicht vom Verfassungs- oder Staatsschutz anlabern! Auch wenn es im Wortschatz der Stalinist*innen von linken Bedeutungsrudimenten wimmeln mag, ist ihr Gehalt doch der eines zutiefst autoritären, abgeschirmten, dogmatischen, paranoiden Weltbildes, in dessen Konsequenz Millionen Menschen ermordet, in Arbeitslager oder Gefängnisse gesperrt, gefoltert und vertrieben wurden.

Daher: wenn euch doch wieder so ein trauriger Verwirrter den Stalino machen will, sagt ihm – und wenn das nicht hilft: zeigt ihm auf robuste Weise -, das er nicht erwünscht ist. (Ich verwende hier die maskuline Schreibweise um kenntlich zu machen, dass autoritäre Gruppen mit strenger Doktrin nach wie vor hauptsächlich Männer anziehen.) Denn immerhin haben wir es hier nicht mit „Marx Gespenstern“, sondern mit krypto-kommunistischen Untoten zu tun. Die dürfen nicht mit sanften Händen angefasst werden. Denn wenn sie es schaffen am 21.01.2024, zum 100jährigen Todestag Lenins, dessen nach wie vor im Moskauer Mausoleum aufgebahrte, einbalsamierte Leiche wieder zum Leben aufzuerwecken, dann sind wir alle geliefert!

Noch versteht sich die KO nicht als Partei, strebt aber an, die avantgardistische Speerspitze und geschulte Kadertruppe des Proletariats zu werden. Wie es so viele vor ihr werden wollten. Die Initiative zur Gründung einer KPD-reloaded ruft eher Assoziationen mit viel belächelten, zahlreichen trotzkistischen Kleinstgruppen zur Einrichtung einer „vierten Internationale“ hervor. Doch die KO grenzt sich klar vom Trotzkismus ab, der „seit langem auch oft als faktisch rechter Opportunismus und Anbiederung an die Sozialdemokratie auftritt.“ Mit dem Austritt aus der aus ihrer Sicht „revisionistischen“ DKP und SDAJ wollen sie sich neu sortieren und zeigen klare Kante gegen alle: Weiterhin wendet sich die KO gegen den „Maoismus“, den „Eurokommunismus“, gegen den „Zentrismus“ der MLPD und wie auch gegen den „Linksradikalismus“. Ich nehme an der Anarchismus wird wahlweise unter diese oder unter die „kleinbürgerliche Linke“ eingeordnet.

Ach, es muss sich schon geil anfühlen, so überzeugt und selbstbewusst gegenüber all den Abweichler*innen, Opportunist*innen und Revisionist*innen auftreten zu können, die ja alle falsch liegen. Doch sie können Buße tun, um der Wahrheit der allwissenden KO zu huldigen und vor ihrer Geburt in ihren jungfräulichen Schoß zurückzukehren! Hinter derlei Überheblichkeit scheint sich ein enorm großes und unerfülltes Aufmerksamkeitsbedürfnis zu verbergen. Eine therapeutische Reise zurück in die frühe Kindheit der Arbeiter*innenbewegung wird – wenig überraschend – tatsächlich auch tief wurzelnde Traumata aufzeigen. Dabei sollte es doch endlich möglich sein, sich von vergangenen Situationen der Zurücksetzung zu lösen, anstatt derartige Gefühle durch ein solch lächerliches Gebaren ständig neu hervorzurufen, um sich im Negativen zu bestätigen. Mit gleicher dickschädeliger Entschlossenheit lässt unter anderem auch die griechische KKE keine Peinlichkeit aus und pflegt mit dem Stolz der Ausgegrenzten und historisch Überlebten ihr wegsterbendes Stammklientel…

Der Hauptfeind der KO ist und bleibt aber: Die Sozialdemokratie. Und zwar als Bourgeois im Arbeiter*innenpelz. Sehr originell. Da scheint eine abgrundtiefe Analyse dahinter zu stecken, wenngleich von ihr behauptet wird, sie sei erst noch ausgiebig durchzuführen. Doch ich gehe felsenfest davon aus, dass die Fragen zu den programmatischen Antworten im Laufe des „Klärungsprozesses“ noch irgendwo gefunden werden. Vielleicht erscheint auch Stalin dem Oberkader im Traum und überreicht sie höchstpersönlich, wer weiß…

Dementsprechend steht auch hinter dem Faschismus das Kapital. Von Ideologiekritik fehlt jede Spur. Kein Wunder, sonst könnte K.O. sich ja auch nicht ausschließlich um sich selbst kreisen, sondern würde in Selbstkritik zerfließen müssen. Auf die Nation wird positiv Bezug genommen. Klar, mit schwarz-rot-gold verbinden echte Proletarier*innen heute wohl auch deutlich mehr als mit Hammer und Sichel. Feminismus gibt es bei der KO nicht. Wenn dann die „Frauenfrage“. Implizit wird diese selbstverständlich dem Klassenkampf untergeordnet. Dass die noch aufzubauende „marxistisch-leninistische“ Partei immer Recht haben wird und ein ganz besonders neuer Typ werden soll, ist sowie so schon geklärt. Phrasen in die Richtung, dass die KO ja Theorie und Praxis zusammenbringen möchte und der sogenannte Marxismus-Leninismus „nicht eine Sammlung von Zitaten und Lehrbuchweisheiten, sondern eine lebendige, sich ständig weiterentwickelnde Wissenschaft“ sei, verschleiern allerdings nur äußerst notdürftig, dass es sich dabei nach historisch erfahrener Notwendigkeit sowie nach dem Gesetz von der Psychologie realitätsferner Wahnsinniger um eine Kopfgeburt handeln wird.

Und was machen die Kommis von der KO sonst so? Zum einen gerne ausführliche und einheitliche Texte schreiben, wobei die Effekte dieser Methode zwischen besänftigender Kanalisierung und aufputschender Hineinsteigerung in die totalitäre Manie schwanken. Zum anderen agitieren eben. Nicht auszuschließen, dass sie sich zunächst primär in Gruppen einnisten, die sie hoffen instrumentalisieren und auf Linie bringen zu können. Dann laden sie aber beispielsweise noch ganz scholastisch zu Seminaren und „Aktionen“ ein, wie am 10.11. zur Novemberrevolution – gleichzeitig in München, Berlin, Frankfurt, Jena, Stuttgart und Köln. Zur zwar gleichen Uhrzeit! Wer’s verpennt kriegt ne saftige Rüge vom ZK! Da können wir dann wohl zum Beispiel von Arbeiter*innen der Stirn erfahren, warum in der Sowjetunion kein Staatskapitalismus gewesen sein kann: Weil es nämlich gar keine Bourgeoisie mehr dort gab! Und die SU war auch nicht imperialistisch. Der Imperialismus ist schließlich das höchste Stadium des Kapitalismus (Lenin). Und alle Staaten werden Brüder…

Eine Frage hätte ich da aber noch, insbesondere was Berlin angeht: Bekommt dort jede durchgeknallte Kommi-Sekte ihren eigenen Kiez? Das heißt, werden die Ultras der stalinistischen KO in Neukölln endlich auf die Schläger des maoistischen Jugendwiderstand treffen und sich gegenseitig die Zähnen rausboxen? Ich hoffe es sehr, denn andernfalls würde es bedeuten, dass sie gleich in verschiedenen Vierteln gegen Jüd*innen hetzen und Antideutsche angreifen…

Abschließend muss ich fairerweise noch mal Selbstkritik üben und zur Überschrift dieses Artikels zurückkehren. Die stalinistische KO ist natürlich keine „K-Gruppe“ im Stile der Siebziger Jahre. Mit ihrer kommenden Parteigründung, nach ihrem großen Klärungsprozess (aber noch vor den großen Säuberungen!) will sie nämlich etwas ganz anderes Neues. Nicht beispielsweise das, was die KPD(AO) wollte, also die KPD-Aufbauorganisation, die von den alten SDSlern auch gern „KPDA-Null“ genannt wurde. (Warum? Weil sie nichts konnte!) Denn die KPD(AO) war nun einmal maoistisch orientiert. (Und bekanntermaßen ist die Volksfront von Judäa der Todfeind der judäischen Volksfront.)

Wohlgemerkt, letztere K-Gruppe der westdeutschen Siebziger ist nicht zu verwechseln mit der besonnenen KPDO, der von der roten Kirche abgespaltenen „KPD-Opposition“ am Ende der Weimarer Republik. Diese richtete sich nämlich ab 1929 gegen die stalinistische Wende der KPD-Führung unter dem KpdSU-Lakeien Ernst Thälmann, sowie die Theorie des sogenannten „Sozialfaschismus“. Stattdessen wollte die KPDO eine antifaschistische Einheitsfront aufbauen. Dass dies von der – in der Endphase stalinisierten – KPD nicht forciert wurde, war zumindest einer (unter vielen Gründen), warum die Nazis die Staatsmacht übernehmen konnten.

Und dennoch, trotz der tragischen Tragweite diesen historischen Erbes wie auch der Wiederholung des Treppenwitzes; dennoch finde ich, könnte für die neue Splittergruppe neben „K.O.“ auch „K-Null“ als pfiffige Abkürzung gut ins Ohr gehen… Und wenn sie sich nicht überworfen haben, dann klären sie noch heute.

Alle im Text verarbeiteten Informationen habe ich der Homepage der KO kommunistische.org entnommen, sie in ihrer immanenten Logik undialektisch weitergedacht und bewusst den Kampfbegriff „stalinistisch“ verwendet, weil er mir angebracht erscheint.