Hamburg Anfang Juli

Lesedauer: 19 Minuten

Originaltitel: Hamburg Anfang Juli – verspätet campen, tanzen, vernetzen, demonstrieren, protestieren und die Entfaltung der bürgerlichen Hetzjagd

Wie ein linkes Gathering für die Legitimation und den Ausbau des Polizeistaates instrumentalisiert wurde

zuerst veröffentlicht in: GaiDao #80 / Aug. 2017

von Jens Störfried

Der Autor hatte ohnehin vor, aus Interesse, Gewohnheit und dem Bedürfnis nach Protest gegen die internationalisierte Herrschaftsordnung, die unter anderem von den G20-Treffen verkörpert werden, nach Hamburg zu fahren. Schließlich ist es immer spannend wenn so viele unterschiedliche Einzelpersonen und Gruppen zusammen kommen um auf ganz verschiedene Weisen ihren Protest vorbringen. Diesmal betrachtete er das ganze Spektakel als eine Art Studie, wohl wissend, dass er sich sonst maßlos über sehr vieles aufregen würde. Doch auch mit einer gesunden Distanz gegenüber vielen protestierenden Gruppierungen und dem ganzen Spektakel überhaupt, stellten die Gipfeltage eine emotional äußerst belastende Ausnahmesituation dar. Willkommen im seelischen und körperlichen Gefahrengebiet! Willkommen im Polizeistaat! Der Bericht ist chronologisch und bewusst persönlich gehalten. Es werden dabei keine Informationen preisgegeben, die nicht ohnehin bekannt sind. Dennoch sollten sich alle immer wieder genau überlegen, was sie wem und wie erzählen… Die Fußnote zu den bürgerlichen Medien habe ich nicht eingefügt, weil ich von ihnen meine Infos beziehe, sondern um aufzuzeigen, wie die Geschehnisse dort aufgenommen wurden.

Donnerstag, 29. Juni – Ankommen unter Genoss*innen

Ich wollte ohnehin nach Hamburg fahren. Unter anderem, weil mich die globalisierungskritische Bewegung damals politisiert hatte und Proteste gegen die Gipfel der Regierenden ein wesentlicher Bestandteil von ihr bildeten. Nun ergab sich für mich die Gelegenheit im Rahmen der Veranstaltungsreihe der Anarchistischen Initiative[1] einen Vortrag anzubieten. Nach einer angenehmen Fahrt (bei der ich bewusst keine kriminalisierbaren Gegenstände mitführte) wurde ich freundlich von den Genoss*innen empfangen und konnte mich schon ein bisschen einfinden und austauschen. Abends fand mein Vortrag zu Postanarchismus in der Kirche in Rahlstedt statt, die im Rahmen eines anarchistischen Sommerfestes am 4. Juni besetzt worden war.[2] Hat mir insgesamt Freude gemacht. Vielleicht wären ein paar mehr Zuhörer*innen gekommen, wenn nicht parallel zwei Spontis stattgefunden hätten. Ein wunderbarer und sehr inspirierender Ort und für mich aus persönlichen Gründen fast sogar sowas wie berührend. Danke für diesen wunderbaren squat! Auf das die Anarch@-Kirche in Rahlstedt noch lange bestehen möge! (Auch wenn sie unter Druck geraten ist, weil dort in den kommenden Tagen verschiedene Freunde übernachten sollten).

Freitag, 30. Juni – Schlechtes Wetter, harte Zeiten…

Richtig beschissenes Wetter! Ungelogen regnete es wohl fast 32 Stunden am Stück volle Kanne. Das war nicht nur Hamburg, sondern Klimawandel. Blöderweise drückt mir das immer ziemlich auf die Stimmung – zumal, wenn die Rückzugsmöglichkeiten auf Reisen nicht so einfach gegeben sind und einem Vertraute fehlen. Dennoch begab ich mich wieder nach draußen, traf einen Genossen und besuchte schließlich den interessanten Vortrag des Anarchist-Black-Cross im Rahmen der Veranstaltungsreihe. Leute: gründet ABC-Gruppen, das gibt echt Sinn![3]

Gemeinsam gingen wir im Anschluss zur Roten Flora um uns das Konzert von Irié Revoltés anzuhören. Für viele Leute waren sie legendär, gerade weil sie sich als Teil der Anti-Globalisierungsbewegung verstanden. Ihre Musik feiere ich heute gar nicht mehr so sehr, aber die Rolle die sie in der Bewegung spielten, indem sie beispielsweise schon vor 10 Jahren für die G8-Gipfelproteste in Heiligendamm mobilisierten und einen Beitrag zur Politisierung vieler Kids leisteten. Wäre doch super, wenn wir wieder mal mit hoffnungsvollem und kraftvollem Sound in die Zukunft blicken und neue Fenster der Emanzipation eröffnen könnten! Doch dieser Tage bin ich aus Gründen eher pessimistisch gestimmt. Nun gut, vielleicht auch sonst. Im Moment aber leider besonders.

Samstag, 01. Juli – Repressionen ungekannten Ausmaßes kündigen sich an

Immer noch scheiß Wetter am Vormittag, der ganzen Hickhack mit den Camp-Verboten belastet die Organisierenden ziemlich. Das Verfassungsgericht hatte den Aufbau eines Camps erlaubt, die Beauflagung jedoch der Polizei überlassen, wogegen wiederum vorm Verwaltungsgericht geklagt wurde. Vormittags unterstützte ich jemandem beim Aufbau von etwas. Nachmittags sprach Andreas Blechschmidt, der Anmelder der autonomen „Welcome-to-hell“-Demonstration sehr aufschlussreich über die bevorstehende und bereits stattfindende Repression des Polizeistaates gegen die Teilnehmenden der Gipfelproteste wie auch durchschnittlicher Bürger*innen. Neben einer Person des stalinistischen „Roten Aufbaus“, bei denen zwei Tage zuvor, am 29.06., mehrere Hausdurchsuchungen stattgefunden hatten[4] und einer Protest-Managerin der Interventionistischen Linken, war Blechschmidt eben an diesem Tag vom Hamburger Verfassungsschutz als einer der Organisator*innen der Gipfelproteste „geoutet“ worden.[5] Wobei auch Nazis klar sein dürfte, wer diese Personen sind, weswegen eigentlich weniger von einem Outing als von einer öffentlichen Anprangerung zu sprechen ist.

Nach der Veranstaltung fanden wir uns mit einigen neu angekommenen Leuten zusammen und tingelten durch die Stadt, während einige Fahrzeuge von Aktivist*innen aus dem Wendland von den Bullen festgehalten wurden. Eigentlich schon relativ müde ließ ich mich dennoch dazu hinreißen mit einem Gefährten noch das zu machen, was „feiern“ genannt wird. Grundsätzlich mag ich verschiedene Formen Musik. Was ich nicht mag sind hunderte Leute, die sich in Techno-Schuppen quetschen… So gegen vier Uhr muss ich aufgegeben haben in weiser Voraussicht, das mich die kommenden Tage noch sehr fordern werden. Außerdem wurde ab diesem Zeitpunkt bereits nach Entenwerder mobilisiert, um einen Ausweichort für das verbotene Camp im Stadtpark anzupeilen…

Sonntag, 02. Juli – Von einem rechtmäßigen Camp, dass einfach nur demokratisch sein wollte und platt gemacht wurde

Mehr oder weniger fit, jedoch immerhin wach, machte ich mich zum „Elbpark Entenwerder“ auf, in dem das Camp nun errichtet werden sollte.[6] Um ehrlich zu sein ist der Park strategisch ziemlich scheiße gelegen, da er sehr leicht kontrolliert und komplett dicht gemacht werden kann. Gleichzeitig verstehe ich die Leute der Camp-Orga auf ihr demokratisches Recht ein Protestcamp zu errichten zu beharren.[7] Offensichtlich hatten die Bullen für diesen Ort kein Konzept zur Repression ausgearbeitet. Aus diesem Grund ließen sie kurzerhand niemanden in den Park, sodass eine Dauer-Kundgebung auf dem Deich davor errichtet wurde. Verständlicherweise war die Situation für alle Beteiligten äußerst unklar.

Weil wir am Nachmittag einer anderen spezifischen politischen (aber öffentlichen) Veranstaltung beigewohnt hatten, wurden bei Genoss*innen und mir an einer S-Bahn-Station eine Personalienkontrolle durchgeführt. Diese verweigerten wir zunächst, woraufhin die Bahn am Losfahren gehindert und wir von ca. 18 Bullen auf den Bahnsteig befördert wurden, damit sie ihre sogenannte „Maßnahme“ durchführen konnten. Hierbei handelte es sich höchstwahrscheinlich um die Erhebung der Daten von Personen, die der Staatsschutz einem „bestimmten“ politischen Spektrum zuordnet und somit um die Kriminalisierung unserer politischen Gesinnung, sowie der gezielten Überwachung von Personen, welche dieser zugeordnet werden. Dass ich meine Personalien in Hamburg lassen würde, war mir klar, als ich mich entschied, in das Gefahrengebiet zu kommen. Ebenso, dass mein Gesicht in zahlreichen Kameraaufnahmen dokumentiert und aus verschiedenen Gründen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit auch identifiziert werden würde. Aus politischen Gründen – ohne das, was sie „Straftat“ nennen, begangen zu haben – von Zivis verfolgt zu werden hatte ich zuvor jedoch nicht in Erwägung gezogen…

Wieder zurück auf der Deich-Kundgebung plenierte die Vollversammlung der Roten Flora in einem Zelt. Ganz gut organisiert soweit. Auch die Stimmung der Versammelten empfand ich insgesamt als angenehm. Neben allgemeinen Informationen zur aktuellen Lage und einem Bericht der Camp-Orga wurde ausgiebig der Vorschlag diskutiert, der Stadt ein Ultimatum zu stellen. Gefordert wurde ein legales Camp in vollem Umfang (d.h. mit Übernachtungsmöglichkeiten und allem was sonst dazugehört, ganz selbstverständlich eben) zu ermöglichen und ansonsten mit der unkalkulierbaren Besetzung verschiedenster Parks gedroht. Schließlich wurde als Zeitpunkt des Ultimatums Dienstag, 10 Uhr beschlossen und kommuniziert.[8] Gegen Ende des Plenums brach Jubel bei des Versammelten aus, denn die Bullen waren zur Seite gerückt und der Park durfte nun betreten werden. Das Verwaltungsgericht hatte entschieden, dass das Camp im vollem Umfang und an dieser Stelle rechtmäßig ist. Sofort wiesen Einzelne darauf hin, dass wir schon die ganzen Wochen über permanent verarscht wurden und dieses Zugeständnis unseres Rechts durch die Obrigkeit nicht zu voreilig feiern sollten. Und letztendlich stellte sich diese Skepsis als richtig heraus. Im Nachhinein bin ich der Ansicht, die Bullen planten schon zum Zeitpunkt als sie die Leute auf das Gelände ließen, den Angriff auf das entstehende Camp. Aufgestellt wurden von uns sage und schreibe neun oder zehn kleine Zelte. Ein ironischer Witz, ein zaghaftes Symbol, jedoch in keiner Hinsicht ein Protestcamp.

Der Angriff der Bullen erfolgte bei beginnender Dunkelheit. Vielleicht 400 Cops besetzten den angemeldeten Platz mit der Ansage, sie würden das Aufstellen von Übernachtungszelten nicht zulassen, sondern lediglich 10 Workshop-Zelte genehmigen, in denen nicht übernachtet werden dürfte. Wir waren um die 200 Personen. So beschissen sie oft berichten, waren zahlreiche Pressevertreter*innen anwesend und unser Schutz, da die Bullen uns sonst möglicherweise komplett verprügelt hätten. Zur Anwendung direkter Gewalt kam es auch so. Am gewaltsamsten empfand ich jedoch diese miese Vorgehen wie es die ganzen letzten Wochen praktiziert war – immer ein kleines Stückchen Hoffnung aufkeimen zu lassen und es dann brutal und erbarmungslos zu zertreten. Nachdem der Schock überwunden, die Zelte geraubt waren und wir uns wieder sortiert hatten, verließen viele von uns den Stadtteil Rothenburgsort um am nächsten Tag weiter zu sehen, wo wir Unterkünfte für die in den nächsten Tagen ankommenden Protestierenden eröffnen könnten…

Montag, 03.07. – Zwischen Pläne schmieden und sich Treibenlassen

Die erfahrene Gewalt und der dreiste Rechtsbruch der Bullen machten mich wieder einmal nachdenklich darüber, inwiefern es überhaupt Sinn ergibt, im rechtsstaatlichen Rahmen zu agieren. Auf jeden Fall scheue ich mich vor zu einfachen Antworten. Auf Grundrechte zu scheißen halte ich sowohl für dumm und gefährlich, als auch selbst für anarchistische Politik für nicht zielführend. Andererseits erfuhren wir hier, wie die Polizei selbst fortwährend das Recht bricht und darauf scheißt, was ein Verfassungsgericht oder Verwaltungsgericht urteilt. Den Umkehrschluss, auch vieler Bewegungslinker vor Ort, wir müssten deswegen einfordern, dass die Cops sich an ihre eigenen Gesetze halten, sehe ich wiederum als falsch an, weil er den Irrglauben nährt, Gerichtsurteile wären gerecht. In den meisten Fällen richten sie sich jedoch erfahrungsgemäß gegen uns… Darüber hinaus machte ich mir Gedanken darüber, inwiefern das Vorgehen der Bullen dazu führen würde, dass sich tatsächlich viele Menschen davon abhalten lassen würden, nach Hamburg zu kommen, weil sie einerseits – zurecht ! – die massive Polizeigewalt fürchteten und andererseits möglicherweise nicht wussten, wo sie pennen sollten. Dabei dachte ich logischerweise auch an Personen, die ich aus meiner Stadt kannte.

In der letzten Nacht war ich selbst spontan mit einigen Leuten an einem anderen Ort als zuvor untergekommen, wo ich mich sehr wohl fühlte unter fast unbekannten, aber politisch nahen Personen… Spontan machte ich mich jedoch mit einigen Leuten aus einem anderen Land wieder auf in die Stadt und hing mit ihnen ab. Auch wenn ich es immer wieder anstrengend finde, liebe ich diese Begegnungen mit ganz Unbekannten, mit denen ich mich aber in politischer Hinsicht auf einer Wellenlänge sehe… Nachdem wir eine Weile unterwegs waren, trennten sich unsere Wege wieder. Auf meinem Weg an einen anderen Ort, wo ich mir noch einen Teil inhaltliche Arbeit vorgenommen hatte, sprach ich eine andere nette Person an mit der ich dann zweidrei Stunden plauderte. Noch war der Ausnahmezustand nicht wirklich zur Regel geworden… Abends hatte ich wie gesagt noch was Inhaltliches zu tun und strandete – wieder etwas kraftlos – an dem Ort, wo ich dies tat. Dass ich hier die ganzen nächsten Tage bleiben würde hatte ich weder geplant noch konnte ich es zu diesem Zeitpunkt erahnen.

Dienstag, 04.07. – Camp-Besetzungen, Hard Cornern, neue Leute

Mich stresste, dass ich noch einigen ganz banalen Kram zu tun hatte. Mit einem Genossen auf dem Weg durch die Stadt traf ich dann zufällig zwei Freunde, die gestern angekommen waren. Wiederum ahnte ich nicht, dass wir in den kommenden Tagen viel miteinander unterwegs und in Aktion sein würden. Den Spagat zwischen Pläne machen und Spontaneität finde ich oft nicht einfach zu bewerkstelligen. In diesem Zusammenhang gelang er mir aber glaube ich ganz gut. Nachdem ich mit den Leuten beim tollen, seit 30 Jahren selbst verwalteten, Café Knallhart[9] abhing, holte ich meinen Kram von meinem früheren Pennplatz um ihn zu meinem neuen zu bringen. Bei diesem trafen wir uns wieder und ich ging mit den beiden an einem anderen Ort ein Paket abholen, was wir gebrauchen konnten und fortan mit uns führten. Unnötigerweise in Eile machten wir uns auf zum „Hard Cornern“, einer Art Reclaim the Streets Aktion, aber irgendwie neuartig. In der Nähe vom geräumten KoZe cornerten einige Leute ganz friedlich vor sich hin, was wirklich sehr entspannt aussah.

Nach einer Weile zogen wir jedoch weiter, um die seit dem Vormittag tolerierte Besetzung der Wendland-Menschen bei der Johanniskirche aufzusuchen.[10] Dort angekommen stellte sich die Lage als entspannt heraus. Das war sie jedoch nicht nebenan im Wohlerspark, wo hard gecornert wurde und die Menschen – man möchte es kaum glauben! – sogar einige Zelte auf der Wiese aufgestellt hatten. Ungefähr fünf oder sechs waren es, die zum Anlass dienten, die herumstehenden Leute mit zwei USK-Hundertschaften vor allem mit Pfefferspray anzugreifen und die Zelte zu klauen. Wir formierten eine Spontandemo, wobei das Gerücht herumging, das Schauspielhaus wäre besetzt oder hätte selbst seine Türen für Protestierende geöffnet. Keine Selbstverständlichkeit angesichts der Tatsache, dass bei sozialen Zentren und sonstigen öffentlichen Institutionen Briefe mit der Aussage eingegangen waren, wenn sie Protestierende beherbergten, würden ihnen die Gelder gestrichen werden. Die Sponti war wie unter diesen Umständen nachvollziehbar recht stressig und verlief sich schnell in Gerenne, weil die Bullen logischerweise mit am Start waren. Letztendlich fanden die meisten Beteiligten sich auf die eine oder andere Weise beim Neuen Pferdemarkt ein, wo hard weiter gecornert wurde. Weil so viele Personen da waren, mussten sie verständlicherweise auch auf der Straße stehen. Den Gewaltbereiten gefiel das nicht und so provozierten sie die Menge immer und immer wieder, marschierten diese durch, setzen Wasserwerfer ein und so weiter. Ohne die Bullen hätte es wie so oft keinerlei Probleme gegeben. Wir blieben dann fast bis zum Ende bei der Straßenschlacht geringer Intensität.[11]

Mittwoch, 05.07. – Eine mehr oder weniger politische, dafür aber fette, Straßenparty

Was ich vormittags tat weiß ich nicht. Wahrscheinlich war ich wieder und immer noch sehr angestrengt von den beginnenden Protesten und der Notwendigkeit, mich erst mal wieder verorten und für die nächsten Tage sortieren zu müssen. Nachmittags jedenfalls ging ich alleine zur Demo „Lieber tanz ich als G20“, die deutlich größer war, als ich vermutet hatte und wohl auch die Erwartung der hedonistischen Organisator*innen weit übertraf. Von 25000 Menschen war die Rede. Ich glaube wir hatten 6 Lautis am Start, die teilweise echt gute Mugge auflegten. Wiederum zufällig traf ich dann verschiedene Leute wieder, tauschte mich ein wenig aus und war überfordert von der schieren Masse an Menschen. Als problematisch empfand ich den Alkoholkonsum vieler Personen, da wir uns ja immerhin auf einer Demo im Gefahrengebiet befanden und die Cops Anlässe suchen würden, um uns anzugreifen. Tatsächlich verhielten sie sich aber die ganze Demo über friedlich. Zu fröhlich und glücklich wirkte die große Menge, als dass sie darin eine Gefahr erblickten.[12] Wahrscheinlich schonten sie aber auch einfach ihre Kräfte für ihre angekündigte Prügelorgie…

Meiner Meinung nach hätte die Demo inhaltlich wesentlich stärker unterfüttert werden müssen. Ich finde eben nicht, dass gute Vibes für sich selbst sprechen, sondern auch Interpretationen bedürfen. Zum Alternativ-Gipfel[13] zog mich diesmal jedoch gar nichts hin. Da fehlten mir wiederum die Vibes. Wenn viele Menschen zusammenkommen um feiernd zu protestieren finde ich das gut, wünsche mir aber dennoch eine stärkere politische Ausgestaltung des Ganzen. Dass Leute auch andere Drogen konsumierten finde ich aufgrund der Bedrohungslage äußerst problematisch. Meinetwegen können sie dies das ganze Jahr über tun, aber warum muss das auf einer politischen Aktion sein? Die Vermischung zwischen Feierkultur und politischem Protest fand ich insgesamt während der Tage in Hamburg als kritikwürdig, unverantwortlich bis direkt ekelhaft. Dennoch fand ich das Motto der Kampagne „Allesallen“ super, weil gut auf den Punkt gebracht.[14] Die Demo endete in der Nähe des Gängeviertels, wohin sich viele Teilnehmenden begaben. Andere hingen noch länger auf der Straße herum und verschiedentlich kam es noch zu Provokationen durch die Polizei. Leider hatte ich auch noch mal Probleme mit denen. Um Haaresbreite wäre ich unter einem Vorwand in die GeSa gekommen oder hätte einen Platzverweis kassiert. Doch ich hatte Glück im Unglück und konnte mich zurückziehen…

Donnerstag, 06.07. – Als die Bullen den Tod von Personen billigend in Kauf nahmen

Im Vorfeld der „Welcome-to-hell“-Demo[15], an welcher ich selbstverständlich teilnehmen wollte, traf ich mich mit einigen Genoss*innen um mich mit ihnen auszutauschen. Wir gingen dann gemeinsam auf den Fischmarkt – erstaunlicherweise ohne in eine Kontrolle zu geraten. Dort schloss ich mich wieder meiner Bezugsgruppe an und machte etwas Propaganda. Schließlich formierte sich gegen 19 Uhr die Demo und nahm ordentlich am Anfang der Hafenstraße Aufstellung – ordentlich vermummt einige, denn immerhin galt es die Persönlichkeitsrechte zu schützen, wenn mit derart brutaler Überwachung und Repression zu rechnen ist. Logischerweise kann ich kaum nachvollziehen, wie jede einzelne Person oder jede Gruppe zur Forderung der Bullen stand, dass die Vermummung abgelegt werden soll. Ich hielt es jedoch durchaus für möglich, dass wir ganz normal hätten losziehen können und sie auch einige nach den Verhandlungen zwischen Anmelder*innen und Versammlungsbehörde abgelegt hätten, wenn gleichfalls das Bullenaufgebot abgezogen wäre. Der Angriff auf uns war jedoch geplant gewesen, wofür auch seine minutiöse Durchführung sprach.[16] Ohne weitere Vorwarnung griffen sie uns von verschiedenen Seiten massiv an und lösten eine Massenpanik bei den fliehenden Menschen aus, die versuchten sich auf die Flutmauer zu retten. Dort ging die Hetzjagd jedoch weiter, weil von verschiedenen Seiten immer und immer wieder umgerannt, geschlagen und gepfeffert wurde. Selbst auf dem Platz Richtung Elbe, wo uns der Heli komplett abfilmte, war niemand sicher. Viele Personen wurden verletzt. Auch auf dem ganzen Fischmarkt wurde aufgeräumt.[17] Die psychischen Folgen dieser Polizeigewalt werden aber weit schwer wiegen als Prellungen, Schürfwunden, Verätzungen und Knochenbrüche…

Glücklicherweise fand ich meine Leute wieder und auch wenn es noch lange dauerte, beruhigte sich die Lage schließlich irgendwann. Dreihundert Meter weiter vorne konnten wir irgendwann später eine Spontandemo starten beziehungsweise wurden wir von dieser eingesammelt. Sie fand auf der zuvor angemeldeten Route statt, war relativ unorganisiert, aber kraftvoll und ausdrucksstark. Hier spürte ich, was die Menschen auf die Straße brachte, – dass ihre Frustration gegenüber der herrschenden Politik, verkörpert unter anderem in den G20, mit ihrer Hoffnung auf eine bessere Welt verbunden war, von der sie nicht ablassen wollten. Zu tausenden liefen wir und riefen wir leidenschaftlich die Slogans, welche unseren Zorn und unsere Sehnsucht zum Ausdruck brachten. Dies wurde eine Weile von der Obrigkeit gewährt. An der Kreuzung Max-Brauer-Allee und Schulterblatt, wurde von der Demo jedoch wiederum der allervorderste Teil mit den Anmelder*innen abgetrennt und der ganze Rest erneut massiv angegriffen. Es war kein Zufall, dass uns die Polizeistrategie eben an zwei bedeutenden Punkten der linken Szene zerschlagen wollte – der Hafenstraße und am Schulterblatt. Ziel war es offensichtlich, die linke Szene in ihrem Stammgebiet zu besiegen… Letztendlich ging es der Polizeiführung darum, ihr ein kollektives Trauma zuzufügen.

Was folgte waren widerliche Scharmützel an dieser Stelle und wir wurden Zeug*innen vielerlei Gewalttaten der Bullen, bis wir schließlich, völlig ausgebrannt von der erfahrenen Gewalt, gehen wollten. Doch die Nacht hatte noch kein Ende für uns, sondern wir sahen uns genötigt noch beim Feuer vor der Flora vorbei zu schauen. Viele Personen waren schrecklich alkoholisiert und unverantwortlich. Dass bisschen Feuer machte mir keine Angst, aber die Stumpfsinnigkeit dahinter widerten mich an und machte mich sauer. Denn was folgte war logischerweise – nachdem die Presse ihre Fotos geschossen hatte – der erneute Polizeiangriff. Auch dies überstanden und enorm frustriert stießen wir auf dem Heimweg noch auf die nächtliche Kundgebung auf der Kreuzung Valentinskamp/Caffamacherreihe, welche die Absurdität der gesamten Situation, dieses scheiß G20-Gipfels und der zu seiner Durchführung offenbar als erforderlich erachteten Polizeigewalt auf dadaistische Weise ziemlich gut zum Ausdruck brachte… Das an diesem Tag niemand ums Leben gekommen war, war nicht selbstverständlich. Jedenfalls hatte sich die Pressevertretung der Bullen sich auch auf diesen Fall vorbereitet.

Freitag, 07.07. – Ein gelungener Aktionstag und eine grauenvolle Nacht

Verständlicherweise konnten wir uns aufgrund unserer Arbeitszeiten an den morgendlichen Aktionen schlecht beteiligen. Stattdessen schliefen wir einige Stunden, bevor wir uns wieder auf’s Schlachtfeld wagten und zur Versammlung für die zweite Welle von „colour the red zone“ hinzustießen.[18] Von Haus aus Massenaktionen nicht abgeneigt, habe ich diese aber inzwischen eher hinter mich gebracht. Ich halte sie für weniger sinnvoll und bin auch erst recht kein Fan von der Interventionistischen Linken und anderen Großorganisationen bei denen ich sowohl deren Organisationsform als auch ihre Ideologie und ihr Selbstverständnis kritisiere. Wir hatten aber dort zu tun und trafen sogleich wieder verschiedene Bekannte, die schon seit den Morgenstunden auf den Beinen waren. Die Aktionen am Morgen von der IL und die Hafenblockade von umsGanze liefen wohl insgesamt recht gut.[19] Außerdem hatte es eine militante Aktion in Altona gegeben, die zu großem Aufschrei führte. Es dauerte recht lang bis sich die zähe Masse in Bewegung setzte, dann gewann sie allerdings doch einiges an Dynamik mit dem Ziel zur Elbphilharmonie durchzudringen und diese zu blockieren. Es kam zu einigem Gerangel an verschiedenen Stellen um die Landungsbrücken herum, wobei ich nur Ausschnitte mitbekam, aber immerhin einen offensiven Durchbruchsversuch unsererseits mit ansehen konnte. Aus Gründen musst sich meine Bezugsgruppe jedoch zurückziehen und irrte nun teilweise in ruhigeren Gegenden herum, wo wir allerdings zufällig die Blockade eines kleinen Konvois für die Gipfelversorgung begegneten, was uns sehr erfreute. Es geschah so dies und das und die Zeit verging. Wir stießen auch auf die Reste der Kundgebung von „Jugend gegen G20“[20] auf der Ludwig-Erhard-Straße, die gerade noch mit Wasserwerfern aufgerieben wurden. Dann machten wir Pause.

Überhaupt war mein Zeitgefühl seit den ersten Tagen in Hamburg völlig aus dem Ruder gelaufen. Keineswegs weil ich davon Fan war, sondern wegen Dingen-zu-tun, wollten wir zur Stalino-Demo „G20 entern“. Als wir den Ort an der Reeperbahn erreichten, erfuhren wir allerdings, dass diese aus uns unbekannten Gründen abgesagt worden war. Entweder hatten die Organisator*innen – zurecht – Angst vor der sie betreffenden Polizeigewalt oder ihr Klientel war vom Kiez doch hauptsächlich in andere Stadtviertel abgewandert, wo es zu diesem Zeitpunkt wohl wieder kleinere Auseinandersetzungen gab. Auf der Reeperbahn war eher eine lethargische Stimmung eingetreten. Dennoch saßen überall auch Leute rum, die Willens waren, noch was zu machen. Deswegen freute es mich ungemein, dass wir in der Lage waren mit einer Samba-Band aus dieser desorganisierten Lage heraus noch eine Sponti um die Feiermeile herum zu machen Um die 400 Menschen mögen sich ihr angeschlossen haben, um die Straße tatsächlich zu ihrer zu machen und mit ihren Inhalten zu füllen. Für einen Moment kaperten wir sozusagen das abgesagte tiefrote „G20-entern“[21] durch eine spontane Aktion mit stark anarchistischen Zügen. Gleichwohl empfand ich auch eine starke Solidarität mit allen Protestierenden, deren Zusammenhalt mir – zumindest im Angesicht der bis hier her erlebten Repression und Gewalt – als ein ethisches Gebot der Stunde erschien.

Dies konnte ich zu späterer Zeit beileibe nicht mehr behaupten. Wir begaben uns wieder in die Schanze, passierten eine langwierige Auseinandersetzung am Neuen Pferdemarkt, wo Leute bescheuerte Weise völlig unvermummt Flaschen auf Wasserwerfer warfen. Weiter getrieben begegneten wir dem beängstigenden und fragwürdigen Treiben auf dem Schulterblatt und um die Flora herum. Vielfach stark alkoholisiert oder sonst auf Drogen starrte ein Haufen Macker irre geworden in Feuer und fütterten diese mit allen möglichen umher liegenden Gegenständen wie auch Deosprays und Fahrrädern. Mit Sicherheit waren unter der wahnsinnig gewordenen Meute auch zahlreiche Polizei-Provokateure, möglicherweise auch Faschos und Hools. Selbstverständlich gab es auch gezielte und gut organisierte militante Aktionen, gegen die ich mich keineswegs wenden möchte. Doch das entfaltete Chaos wirft vielerlei Fragen auf, die ich momentan nicht zu beantworten in der Lage bin. Eine temporär autonome Zone ist jedenfalls mit Sicherheit etwas anderes, bedeutet Autonomie doch Selbstgesetzgebung.

Ein gemeinsames Moment der Selbstbestimmung war in dem allgemeinen Wahnsinn jedoch nicht vorhanden. Vielmehr offenbarte sich die ganze Widerlichkeit von den Herrschaftsverhältnissen zugerichteter vereinzelter Individuen, die ihren Frust, ihren Hass entladen konnten und dabei tatsächlich das eigene Viertel in Schutt und Asche legten. Beziehungsweise war es eben nicht das eigene sondern ein anderes. Gesehen habe ich Personen, die völlig unverantwortlich sich selbst und andere enorm gefährdeten ohne jedoch ansatzweise dazu beizutragen, die gewonnene Freiwerdung gegen die Cops zu verteidigen. Gesehen habe ich sinnlose Zerstörung, die nichts mit vernünftiger Militanz zu tun hat. Verstanden habe ich, dass die Bullen entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit so lange nicht eingriffen, weil sie eben jene Bilder zur Rechtfertigung ihrer bisherigen Gewaltausübung und ihrer künftigen Aufrüstung entstehen lassen wollten. Die Einsatzleitung der Bullen wollte die Eskalation bis zum Entsenden der SEK-Truppen zuspitzen, um behaupten zu können, es hätte eine neue Stufe der Gewalt gegeben, der sie nicht Herr geworden wären.[22] Deswegen wäre eine Ausräucherung von „Rückzugsräumen der autonomen Szene“ notwendig, ebenso wie eine europäische Extremist*innendatei, die Anschaffung neuer Waffen, der Verschärfung des Strafgesetzbuches, des Einsatzes der Bundeswehr im Inneren, sowie insgesamt eine Aufstockung des Etats des Staats im Staate. Dies im Hinterkopf, wurde ich – abgesehen von der Angst, die ich und meine Gefährt*innen hatten – von großer Traurigkeit erfüllt, wissend, dass unseren Vorstellungen der Anarchie auch diesmal wieder keine Legitimation zu Teil geworden ist… Niedergeschlagen und bedrückt sahen wir nach der Erfüllung unserer Aufgaben zu, dass wir diesen Ort des kalkulierten Ausnahmezustandes verließen…

Samstag, 08.07. – Und alles marschiert mit im großen linken Sammelbecken

Verstört und fertig vom Erlebten entschied ich mich nachmittags doch spontan dazu, die Großdemo „Globale Solidarität statt G20“ anzuschauen. Unterstützen wollte ich dieses skurrile Sammelsurium, diese Volksgemeinschaft der Linken mit Sicherheit nicht, auch wenn ich mich dem einen oder anderen Block im vorderen Teil von der politischen Position her durchaus hätte anschließen können. Doch was nutzte eine anarchistische Position unter all dem anderen Kram, der da rumwanderte? Warum wurde überhaupt eine zentrale Großdemo organisiert anstatt fünf bis zwölf kleinere, bei denen sich immer noch genug Menschen versammelt hätten? Es ging nun mal darum, Leute zu zählen; darum, herauszufinden, wie stark „wir“ denn momentan sind. Doch in dieses „Wir“ möchte ich mich nicht einordnen, wo die Linksjugend.solid Hamburg mit dem eindeutig antisemitischen Symbol einer Krake mit Dollerzeichen herumläuft und darüber hinaus zur Denunziation von militanten Aktivist*innen/Krawallmacher*innen aufruft bzw. sich selbst dafür anbietet.[23] Und mit den Stalinist*innen habe ich mit Sicherheit nichts gemein. Kläglich sah der Block der Piraten-Partei aus, der so wenige Leute zog, dass mensch einfach Mitleid haben musste. Da waren selbst die verschiedensten maoistischen und alt-kommunistischen Splittergruppen noch besser vertreten. Der Block der Friedensbewegten gruselte mich ebenfalls, wie auch ein Arschloch, dass ein Schild hielt mit der Aufschrift „Danke den Einsatzkräften“.[24] Da hätte ich fast kotzen müssen. Doch ich war zu kraftlos, zu überfordert und zu frustriert, um hier irgendwas irgendwie noch anzumerken. Korrekt war, dass die Linkspartei nicht versuchte, die Demo zu dominieren, auch wenn sie von einem ihrer Mitglieder angemeldet worden war. Grüne und SPDler*innen waren zum Glück gar nicht vertreten, da ihre Regierungsparteien zu einer lächerlichen Spaltungsdemo mit dem nichts sagenden Motto „Hamburg zeigt Haltung“ aufgerufen hatten. Später griffen die Cops noch einen antiimperialistischen Block an. Vorwand war wiederum Vermummung. Schikane kennt keine Grenzen und alle bekommen ihr Fett weg.

Am Abend war ich – obwohl ich mir eigentlich geschworen hatte, den Ort nie wieder aufzusuchen -, wieder in der Schanze unterwegs und begleitete eine kleine Samba-Aktion. Anschließend taumelte ich noch lange durch die Stadt, weil alle S-Bahn-Stationen geschlossen worden waren und entschloss mich, keiner der Auseinandersetzungen mehr beizuwohnen, zumal ich alleine unterwegs war. Auf dem Rückweg traf ich jedoch noch einen Bekannten und wir tauschten uns noch eine Weile aus, wobei mich gegen Ende der Gipfelproteste gerade die Sicht der Hamburger*innen auf dieses ganze Spektakel interessierte…

Sonntag, 09.07. – Zum Abschied: Solidarität mit allen Gefangenen! Und einige Schlussgedanken

Wie es sich gehört hatte ich mir vorgenommen, mich zum Abschluss noch mit den um die 184 GeSa-Insaßen zu solidarisieren und zur Anti-Knast-Demo „Nobody forgothen, nothing forgiven“ im Stadtteil Harburg zu gehen.[25] Das gehört einfach dazu. Aus bestimmten Gründen musste ich die Demo schon eher verlassen und erfuhr später, dass sie noch härter schikaniert wurde und einige Leute dort ihre Personalien abgeben mussten…

Vieles konnte ich nicht gut heißen und an Vielem in diesen Tagen ist ausgiebig Kritik zu üben. Dennoch geht die widerlichste und brutalste Gewalt immer vom Staat aus, wird Gewalt insgesamt verstaatlicht, weil die Staatsgewalt keine neben sich duldet. Aus diesem Grund ist es eine Selbstverständlichkeit für die Freilassung aller Gefangenen zu demonstrieren. Denn das Unrecht der Regierenden der G20-Staaten steht in keinem Verhältnis zu der einen oder anderen Sache, die in Hamburg irgendwer angestellt haben mag. Zumal es eben tatsächlich auch nicht krassere militante Aktionen gab, als zu früheren derartigen Events. Doch die Vertreter*innen der regierenden Parteien und der rechten Opposition begannen nun eine Hetzjagd gegen „extremistische gewaltbereite Linksautonome“ zu starten. Ganz klar: Im Vorfeld der Bundestagswahlen fehlten ihnen ein neuer Sündenbock, um die Krisenerscheinungen dieses Systems zu verschleiern. Statt wenigstens über „soziale Gerechtigkeit“ zu sprechen, geht es nun darum, wer die schwersten Strafen, die weitgehendsten Überwachungsmaßnahme, dass härteste Vorgehen der Polizei und die grundlegendste Austrockung der „links-autonomen Rückzugsräume und ihrer Unterstützer*innen“ fordert. Die herrschenden Populist*innen scheuen sich dabei nicht ausgiebig Nazi-Vergleiche zu verwenden und den auf ein Stadtviertel begrenzten, durchschnittlichen riot, mit der Welle der faschistischen und rassistischen Brandanschlägen und Überfällen der letzten Jahre gleichzusetzen.

Die Proteste in Hamburg gegen den G20-Gipfel waren legitim und sinnvoll. Für die linken Bewegungen im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus waren sie ein bedeutender Moment der Zusammenkunft, der Diskussion, der Selbstverortung und Vernetzung. Tausende Aktivist*innen steckten lange im Vorfeld der Proteste und während der Chaos-Tage des Polizeistaates in Hamburg Leidenschaft, Energie, Arbeitskraft und Geld in die Organisierung und Durchführung dieser pluralen Manifestation. Dass die Angriffe der Polizei dermaßen massiv und rechtswidrig erfolgen würden, hatte ich nicht erwartet. Ebensowenig, wie die Verschleierung der Polizeigewalt einerseits und ihre Legitimierung andererseits – von der strukturellen Gewalt in der Herrschaftsordnung in der wir leben, einmal ganz abgesehen. So oder so wird sich Hamburg Anfang Juli 2017 in das kollektive Gedächtnis der Bewegungslinken, radikalen Linken und Autonomen einschreiben. Wie dies geschieht, liegt teilweise auch daran, ob es uns gelingt, die Ereignisse aufzubewahren, differenziert darzustellen und sinnvoll zu interpretieren. Deswegen habe ich diesen persönlichen Bericht geschrieben.


  • [1] http://anarchistischeinitiative.blogsport.eu/
  • [2] https://www.taz.de/!5412015/; https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Jugendliche-besetzen-Kirche-in-Hamburg-Rahlstedt,kirche1358.html
  • [3] https://abcj.blackblogs.org; https://abcdd.org; https://abcrhineland.blackblogs.org
  • [4] https://www.neues-deutschland.de/artikel/1055749.hausdurchsuchung-wegen-g-interview-in-hamburg.html
  • [5] http://www.mopo.de/hamburg/g20/ungewoehnliche-aktion-vor-g20-geheimdienst-prangert-diese-radikalen-an-27900808; https://www.taz.de/!5422562
  • [6] https://g20camp.noblogs.org/
  • [7] http://www.spiegel.de/panorama/justiz/g20-gipfel-was-ist-erlaubt-im-protestcamp-in-entenwerder-a-1155696.html
  • [8] http://www.rp-online.de/politik/deutschland/g20-gegner-stellen-ultimatum-aid-1.6925095; https://g20tohell.blackblogs.org/2017/07/03/antig20-camp-in-hamburg-durchzusetzen/
  • [9] http://knallhart.blogsport.de/
  • [10] https://linksunten.indymedia.org/de/node/217268
  • [11] http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-07/g20-gipfel-hamburg-raeumung-polizei-camp; http://www.n-tv.de/mediathek/videos/politik/Hamburg-wappnet-sich-gegen-linke-Krawalle-article19921397.html
  • [12] http://www.faz.net/aktuell/g-20-gipfel/demo-lieber-tanz-ich-als-g20-in-hamburg-verlaeuft-friedlich-15093446.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
  • [13] http://solidarity-summit.org/
  • [14] https://www.allesallen.info/
  • [15] https://g20tohell.blackblogs.org/
  • [16] https://www.freitag.de/autoren/ckammenhuber/g20-tagebuch-welcome-to-hell
  • [17] http://www.graswurzel.tv/v304.html
  • [18] http://www.blockg20.org/
  • [19] https://umsganze.org/die-logistik-des-kapitals-lahmlegen/
  • [20] http://jugendgegeng20.de/
  • [21] http://g20-entern.org/2017/06/aufruf-demo/
  • [22] http://www.spiegel.de/panorama/justiz/g20-sek-einsatz-im-schanzenviertel-dann-herrschte-absolute-stille-a-1157522.html
  • [23] https://linksunten.indymedia.org/de/node/217697
  • [24] https://linksunten.indymedia.org/en/node/218193
  • [25] https://www.g20hamburg.org/de/content/nobody-forgotten-nothing-forgiven-demo-gesa