Für eine neue anarchistische Theorie!

Lesedauer: 45 Minuten

》 Das Streben nach Autonomie, Selbstbestimmung und Selbstorganisation als gemeinsame Grundlage im Anarchismus

Wie eingangs anhand des Schemas veranschaulicht wurde, steht Anarchismus nicht für irgendwas, sondern für bestimmbare ethische Werte, Organisationsprinzipien und theoretische Grundsätze, die aus jahrzehntelangen Erfahrungen in sozialen Bewegungen gewonnen wurden und miteinander im Zusammenhang stehen. Auch wenn alle diese Aspekte gleich wichtig sind, scheint es mir dennoch so zu sein, dass die ganz verschiedenen anarchistischen Projekte, Gruppen und Strategien letztendlich darin verbunden sind, dass sie sich insbesondere nach dem Prinzip der Autonomie organisieren, ethisch für Selbstbestimmung eintreten und sich dazu theoretisch auf Modelle der Selbstorganisation stützen, die sie auch weiterentwickeln. Autonomie, Selbstbestimmung und Selbstorganisation wirkten in der klassischen anarchistischen Theorie oft wie Ideale, denen entgegen gestrebt und die graduell immer weiter verwirklicht werden könnten. Auch heute können sie als eine Fluchtlinie verstanden werden, nach der sich anarchistische Akteur*innen, Räume, Ansätze und Strategien orientieren und ausrichten können. Allerdings sind hierbei einige Missverständnisse auszuräumen, die anarchistisches Denken und Handeln in der Vergangenheit oftmals blockiert haben: Selbstbestimmung von Einzelnen oder Kollektiven meint eben nicht von isolierten Individuen auszugehen, die ihre „Unabhängigkeit“ und eigenwilligen Entscheidungen vorrangig von sich selbst ausgehend realisieren könnten. Die bürgerliche Subjektform drängt uns die Erfahrung auf, Ver-Einzelte zu sein und Emanzipation als individuellen Vorgang gegen andere, von denen wir uns abgrenzen und vor denen wir uns schützen müssten, misszuverstehen. Deswegen ist es entscheidend, dass wir uns möglichst freiwillig, verbindlich und wo es geht auch kontinuierlich verbünden, solidarische Beziehungsweisen eingehen und pflegen. Ebenso wenig darf Autonomie als Abschottung eines Kollektivs von und gegen andere missverstanden werden. Autonomie bedeutet nicht, dass niemand das Recht hat, die Praktiken, Werte, Organisationsformen eines Kollektivs in Frage zu stellen, es zu kritisieren oder – in besonders gravierenden Fällen – auch Widerstand gegen es zu formieren. Autonomie führt nicht zum Recht, die Kinder in einer Gemeinschaft zu schlagen, Frauen zu unterdrücken, Chemikalien in einen See zu schütten oder sich einen Diktator zu wählen. Allerdings bedeutet sie, den jeweils autonomen Gemeinschaften Vertrauen darin vorzuschießen, dass sie in der Lage sind, sich auf vernünftige und ethisch erstrebenswerte Regeln ihres Zusammenlebens zu einigen, ohne diese mit Zwang und Gewalt durchsetzen zu müssen. Wie die Fähigkeiten und Möglichkeiten von Kollektiven und Einzelnen zur Selbstbestimmung von ihrer Interaktion, Kommunikation und Akzeptanz der Anderen abhängt, so lässt sich auch die autonome Organisationsform nur durch das Mitdenken und die Bezugnahme auf andere Kollektive umsetzen. Deswegen sollten sie, wo es möglich ist, anstreben, tiefgreifende Gemeinsamkeiten herauszubilden und miteinander zu föderieren. Zur Erinnerung: Bei theoretischen Überlegungen zur Selbstorganisation kann es nicht darum gehen – wie es frühe anarchistische Denker*innen oft annahmen – eine vermeintlich „natürliche“ oder „organische“ Gesellschaft von „fremder“ Herrschaft zu befreien. Fähigkeiten, Ressourcen, Modelle, Möglichkeiten und der Wille zur Selbstorganisation müssen sich stattdessen erst von Leuten angeeignet werden, die ein Kollektiv oder eine ganze Gesellschaft ohne Herrschaftsstrukturen organisieren möchten. Deswegen meint Anarchie nicht die Abwesenheit von Ordnung, sondern im Gegenteil die absichtsvolle Einrichtung, Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung von (prozesshaften, veränderbaren, freiwilligen) gesellschaftlichen Strukturen. So unterschiedlich die verschiedenen anarchistischen und ihnen verwandte Strömungen jeweils sind, schlage ich dennoch vor, dass diese Verständnisse von Selbstbestimmung, Autonomie und Selbstorganisation als ihre gemeinsame Grundlage angesehen werden sollten. Auf eine ähnliche Weise sind auch die anderen anarchistischen Werte, Prinzipien und Grundsätze zu überdenken und mit Inhalt zu füllen.

Ѳrte anarchistischer Theorie-Entwicklung

An welchen Orten lässt sich nun aber anarchistisch theoretisieren? In der gegenwärtigen wie in vergangenen Gesellschaften sind die meisten Bildungsinstitutionen zu einem weiten Grad Herrschaftsinstitutionen. In ihnen wird Wissen generiert, welches in der kapitalistischen Produktionsweise verwertbar gemacht werden soll und werden Menschen zu Staatsbürger*innen konditioniert, um sich mit der politischen Herrschaft zu identifizieren und sie zu verinnerlichen. Bildungsinstitutionen und Erziehungsanstalten dienen zur Verwahrung kleiner Menschen, damit ihre Bezugspersonen produktiv lohnarbeiten können, wie auch zur ideologischen Vermittlung der hegemonialen Norm- und Wertvorstellungen der bestehenden Gesellschaft. Weiterhin wird in ihnen Konkurrenz eingeübt und werden über Auswahlverfahren angemessene bzw. erreichbare Funktionsweisen für einzelne Menschen bestimmt und angeraten, wobei viele andere ihrer Fähigkeiten und Potenziale in den Hintergrund gedrängt oder erst gar nicht entwickelt werden. Ob in Kindergärten, Schulen, an Berufsschulen oder Unis – die meisten von uns haben immer wieder den Zwang und die Monotonie von Bildungsinstitutionen zu spüren bekommen. Dies schließt nicht aus, dass wir darin ebenfalls auch vieles gelernt haben, gewisse Wahlmöglichkeiten hatten, gute Impulse für unsere Entwicklung bekamen oder sie den Rahmen für viele unserer sozialen Beziehungen darstellten. All dies wäre jedoch deutlich besser zu gewährleisten, könnten wir den Herrschaftscharakter von Bildung aufgeben, aufhören, Menschen zu erziehen und sie stattdessen anleiten, anregen, ihnen sinnvolle Grenzen aufzeigen und mit ihnen auf faszinierende Entdeckungsreisen gehen.

Auf den Punkt gebracht stelle ich hier zunächst die altbekannte Frage, zu welchem Grad in bestehenden Bildungsinstitutionen überhaupt Potenziale zur Bildung freier Menschen liegen. Ferner geht es jedoch um die speziellere Frage, in welchen Räumen anarchistische Theorie entwickelt werden kann. Um nicht zu abstrakt zu bleiben, möchte ich darum an dieser Stelle meine persönliche Ansicht offenlegen: Insgesamt glaube ich nicht, dass anarchistische Theorie ausgehend vom akademischen Betrieb entwickelt oder gelehrt werden kann. Anarchist*innen können sich jedoch meiner Ansicht nach dieser Räume und auch des akadem-ischen Wissens bedienen, um eine Bildung in ihrem Sinne zu ermöglichen und eigene Theorie-Entwicklung voranzutreiben. Eine Sozialtheorie ist nicht schlecht, weil sie von einem anerkannten (und deswegen vollständig integrierten) Professor entwickelt wurde, ebenso wenig, wie etwa das Straßenwissen einer Prostituierten an sich wertvoll ist. Gleichzeitig ist es jedoch vorstellbar, dass das Wissen und die Erfahrungen der Prostituierten uns durchaus zu einer realistischeren und konsequenteren Herrschaftskritik führen, als etwa eine staatlich finanzierte Studie zum Thema Prostitution, Menschenhandel und patriarchaler Gewalt. Es gibt in diesem Zusammenhang kein Entweder-Oder. Wir müssen uns jedes Mal fragen, wer warum welches Wissen generiert, welchen Interessen es dient und welche gesellschaftliche Positionen, diese Personen einnehmen. Klasse und Geschlecht spielen hierbei eine große Rolle. Die Prägung durch institutionelle Kontexte, ihre Abläufe, sozialen Beziehungen und Hierarchien, sowie ihre Fachsprachen kann nicht unterschätzt werden, auch wenn es immer Menschen gibt, die darin nicht vollständig aufgehen, sondern sich eine kritische Distanz zu staatlichen oder privatwirtschaftlichen Forschungs- und Bildungsapparaten bewahren können. Insgesamt sollte der Fokus auf unabhängige, eigenständige Kontexte und Institutionen gelegt werden, um anarchistische Theorie zu betreiben und zu entwickeln. Sommerschulen, Arbeiterinnenbildungsvereine, selbstorganisierte Univeranstaltungen, freie Schulen, einige youtube-Kanäle etc. gehen in die richtige Richtung, insofern sie auf Grundwerten und Organisationsformen beruhen, die dem Anarchismus nahe stehen. Darüber hinaus bräuchte es jedoch eigene Räume, Ressourcen, Kapazitäten und funktionierende, kontinuierlich arbeitende Kollektive, um anarchistische Theorie und Bildung systematisch weiterzuentwickeln und zu verbreiten. Um eine neue anarchistische Theorie zu entwerfen gilt es, sich nicht vom akademischen Glanz blenden zu lassen, sondern diesen Rahmen zu verlassen. Wie in den meisten gesellschaftlichen Feldern, einschließlich des Militärs, sollten Anarchist*innen Hierarchien zersetzen, Ressourcen und Wissen für den Neuaufbau erschließen und anschaulich alternative Verwendungs- und Organisationsmöglichkeiten aufzeigen. Diese Auseinandersetzungen auf dem Feld bestehender Bildungsinstitutionen gehen mit der grundlegenden Kritik an ihnen sowie dem Aufbau neuer Netzwerke einher. Zugegeben, es gibt in diesem Zusammenhang noch sehr vieles zu tun. Ein Schritt dahin wäre die Gründung eines deutschsprachigen anarchistischen Theorie-, Bildungs- und Agitationsnetzwerkes.

CHANCEN sozial-revolutionären Handelns
durch die Erneuerung und Verbreitung anarchistischer Theorie

Dass es zu großen und umfassenden gesamtgesellschaftlichen Umwälzungen kommen wird, ist klar. Die westlichen (Post-)Industrienationen und liberal-demokratischen Gesellschaften befinden sich in einer Phase der multiplen Krise, welche die politischen Eliten nicht grundsätzlich zu bearbeiten im Stande sind. Ob es anarchistischen und anderen emanzipatorischen Strömungen jedoch gelingt, die faschistische Konterrevolution zurückzuschlagen und stattdessen Räume für die Entstehung eines libertären Sozialismus zu öffnen, steht noch in den Sternen. Die Chancen dafür hängen nicht allein vom Bewusstseinsstand der Bevölkerung oder der Entschlossenheit von sozial-revolutionären Akteur*innen, sondern von einer Vielzahl anderer Faktoren ab. Diese betreffen zum Beispiel den Verlauf der Konflikte zwischen verschiedenen Machteliten, die Repression gegen soziale Bewegungen, die (begrenzte) Erneuerungsfähigkeit der Ökonomie zu einem „grünen“ oder „sozialen“ Kapitalismus‘ und die Durchsetzung damit verbundener Lebensstile. Weiterhin den Umgang mit chronischer Arbeitslosigkeit durch Strukturwandel und Digitalisierung der Produktion, sowie die fortschreitende Entwertung von Lohnarbeit, den Verlauf internationaler Interessenkonflikte und die militärischen Antworten auf diese, die Frage, auf welche Weise Öffentlichkeit formiert wird und was in ihr verhandelt werden kann usw.. Es gibt also tatsächlich eine Menge Faktoren, auf welche die existierende anarchistische Szene so gut wie keinen Einfluss hat. Diese Erkenntnis schmerzt, ist es doch unser Anspruch, die Gesellschaft insgesamt radikal und emanzipatorisch zu verändern. Gleichzeitig können wir in diesem Zusammenhang jedoch versuchen, ganz auf uns zu schauen, die Phrasendrescherei und den Verbalradikalismus hinter uns zu lassen und einen nüchternen Blick darauf werfen, wozu wir fähig sind. Ich bin davon überzeugt, dass viele Dinge die wir tun in die richtige Richtung gehen, auch wenn ich selbst gelegentlich scharfe Kritik an ihnen übe. Ein Ansatzpunkt, um uns selbst ernst zu nehmen, besser zu organisieren und uns ein Selbst-Bewusstsein anzueignen, ist die Erarbeitung und Verbreitung gemeinsamer theoretischer Grundlagen. Dazu habe ich in diesem Text lediglich Vorschläge gemacht und einige Richtungen aufgezeigt, in die das gehen könnte. Anarchistische Theorie zu betreiben gibt Sinn, wenn sie nicht abstrakt und distanziert geschieht, sondern sich selbst als sozial-revolutionären Beitrag begreift. Die soziale Revolution machen also nicht die anderen, die dann von außen kritisiert und orientiert werden müssten. Stattdessen müssten Intellektuelle ihre Tätigkeit selbst als sozial-revolutionär verstehen. Damit ist jedoch nicht zwangsläufig eine bestimmte Gruppe von Denkerinnen gemeint. Laut Gramsci sind alle Menschen Intellektuelle. Das bedeutet, alle sind Expert*innen für ihre jeweilige Lebenswelt, wissen um ihre Interessen, Werte und Bedürfnisse und wie sie sich organisieren und kämpfen können. Aus diesem Grund können und sollten sich alle Personen, die sich als Sozial-Revolutionär*innen verstehen, auch theoretisch beschäftigen. Meistens tun sie dies ohnehin schon, doch dies kann bewusster geschehen und vor allem auch kollektiver, indem Anarchist*innen stärker daran arbeiten, sich ein gemeinsames theoretisches Fundament zu schaffen. Keineswegs sage ich damit, dass Theoriearbeit für anarchistische Gruppen oder Personen deswegen zur Hauptbeschäftigung werden sollte. Sie hat – wie Grundsatzdebatten – ihre bestimmten Räume und Zeiten. Gemeinsame Theoriearbeit sollte nicht vermieden werden, sei es aus falschem Respekt vor vermeintlichen Expert*innen, den damit verbundenen Anstrengungen, weil dafür keine Zeit sei oder die Dinge angeblich eh schon klar wären. Sie sollte jedoch auch nicht überbetont werden, denn die Vorstellung, erst eine „richtige“ Theorie zu entwickeln, um dann eine „richtige“ Praxis entfalten zu können, ist grundlegend falsch. Sie macht eine problematische Trennung auf, tendiert zur rechthaber-ischen Selbstbeschäftigung, kann gefährliche Führungsansprüche hervorbringen und schließlich funktioniert sie ohnehin nicht, weil Ethik, Organisation und Theorie fortlaufend abgeglichen und aufeinander bezogen werden müssen, damit wir einen realistischen Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse gewinnen, ein umfassendes Verständnis von ihnen erlangen und eine sozial-revolutionäre Bewegung organisieren können.

Abschließend noch einige Punkte zu den Aufgaben einer aktualisierten anarchistischen Theorie. Sie bestehen darin:

• die anarchistische Tradition lebendig werden zu lassen, anstatt sie herunter zu beten. Das heißt, rebellische Leichen zu fleddern statt andächtig ihre Vermächtnisse zu verehren – es wäre in ihrem Sinn
• deutlich zu machen und mit Inhalt zu füllen, worum es im anarchistischen Denken und Handeln geht, über den Anarchismus aufzuklären und die Vorurteile über ihn zurück zu weisen
• die Erarbeitung und Verbreitung gemeinsamer theoretischer Grundlagen zu fördern
• aufzuzeigen und kritisch zu diskutieren, wo Menschen sich bereits zu gewissen Graden nach anarchistischen ethischen Werten, Organisationsprinzipien und theoretischen Grundsätzen ausrichten und sie verwirklichen
• nachzuweisen und darzustellen, wo Menschen „alternative“ gesellschaftlichen Verhältnisse (öko-sozialistisch, horizontal, dezentral und autonom, gleichberechtigt, grenzenlose, ökologisch gestaltend...) hervorbringen und in diesen leben
• nach neuen Ansatzpunkten für anarchistische Strategien zu suchen, anstatt stets auf althergebrachten Wegen zu gehen
• soziale Bewegungen auf ihre libertär-sozialistischen Potenziale hin zu überprüfen und diese gegebenenfalls zu stärken
• Gruppen, die soziale Kämpfen führen, eine libertär-sozialistische Deutung ihrer Situation und Position zu ermöglichen
• das Wissen und die Erfahrungen in sozialen Bewegungen festzuhalten und vielen Menschen eine Reflexion über diese zu eröffnen
• Theorie- und Bildungsarbeit auf eine nicht-manipulative und nicht-instrumentelle Weise, also transparent, ehrlich und einladend, mit Agitation und anarchistischen Werten zu verbinden
• in öffentliche Auseinandersetzungen und Debatten zu intervenieren, um anarchistische Perspektiven in diese einzubringen
• den Schwerpunkt jedoch auf eine Theorie- und Bildungsarbeit zu legen, die an der Basis ansetzt und zwischen Menschen mit einer direkten Beziehung zueinander geschieht
• zu beschreiben, was soziale Revolution aus anarchistischer Perspektive grundsätzlich bedeutet und wo sie unter heutigen Bedingungen potenziell ansetzen kann oder wo bereits sozial-revolutionäre Prozesse angestoßen werden
• Inspiration für anarchistische Organisationsansätze und ethische Werte zu geben und Debatten zu ihnen zu initiieren
• ...

~ Ⓐ ~