Für eine neue anarchistische Theorie!

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Gestaltung unserer Seinsweisen: Anarchistische Subjekttheorie

Als Subjekt wird die gesellschaftliche Form bezeichnet, welche Menschen in einer bestimmten Gesellschaftsform annehmen sollen bzw. müssen, um in dieser als anerkannt zu gelten und handlungsfähig zu sein. Menschen gehen nicht in dieser Subjektform auf, zumal sie widersprüchlich ist und nicht einmal feststeht, sondern fortwährend aufs Neue erzeugt werden muss. Dennoch formen die Vorstellungen und Anforderungen der Herrschaft uns nicht lediglich in unserem Verhalten anderen gegenüber, sondern erzeugen unsere ganze Persönlichkeit mit, sodass auch unser Fühlen und Unbewusstes von ihnen durchdrungen und kaum ohne sie vorstellbar ist. In der „bürgerlichen“ Gesellschaft gilt das bürgerliche Subjekt als dominante Subjektform. Darüber hinaus existieren auch zahlreiche andere Subjektformen, wie proletarische, migrantische oder homosexuelle Subjekte. Entscheidend ist, dass sie gezwungen sind, sich in Abgrenzung und Bezug zur dominanten Subjektform zu definieren.
Tatsächlich entsprechen die allermeisten Menschen gar nicht den Standardvorstellungen von hetero-normativen, leistungsstarken, weißen usw. Personen. Die meisten ringen damit, sich selbst in Bezug auf gesellschaftlich dominante Normen zu definieren oder sich von ihnen abzugrenzen. Dementsprechend führt die Nichterfüllung der Anforderung an das eigene Subjektsein keineswegs zwangsläufig zu einer emanzipatorischen Haltung, also zu einer Infragestellung der gesellschaftlichen Form Subjekt überhaupt und seiner eigenwilligen Gestaltung. Oftmals ist es eher der Fall, dass Menschen, die sich als Subjekt nicht passend oder anerkannt fühlen, umso mehr dafür tun müssen, um sich entsprechend zu formen. Das geht beim Bodybuilding oder Schminken los, zum Beispiel über in eine hochtrabende Sprache, dem Exhibitionismus in sozialen Netzwerken oder der permanenten Rede von den letzten Urlauben. Selbst-verständlich ist es ihr Ding, wie sich Menschen kleiden, reden oder womit sie sich beschäftigen. Leider geschieht Subjektivierung, also die Fremd- und Selbstformung von Menschen, jedoch nicht als Hobby, sondern unterliegt enormen gesellschaftlichen Zwängen. Sie wirkt in Abgrenzungen und Isolierung zu Anderen und bedient sich oftmals ihrer Abwertung anhand vorgegebener hierarchischer Muster. Mit ihr werden eigene Persönlichkeitsanteile abgespalten oder unterdrückt, weil sie als unpassend empfunden werden. Und sie erweckt in uns die Vorstellung, dass wir für unseren sozialen Status und unser Glück selbst verantwortlich sind, ebenso wie alle anderen jeweils für sich, anstatt unseren Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zu richten, welche erst bestimmte Subjektformen hervorbringt, denen wir entsprechen sollen.

Ich habe schon erwähnt, dass eine anarchistische Subjekttheorie nicht davon ausgeht, dass Menschen in der Subjektform aufgehen, sondern sich auch in eine kritische Distanz zu ihren Zuschreibungen, ihrer Selbstdarstellung, ja auch zu ihren Gedanken und Gefühlen begeben können. Dies ist die Grundlage dafür, dass wir Menschen – mit ihren jeweiligen Vorgeschichten, Prägungen und Zwängen – durchaus als für ihr Handeln verantwortlich ansehen und auf die Möglichkeit ihrer schrittweisen Veränderung bauen. Anarchismus ist jedoch kein Selbstfindungsprojekt, sondern will vorrangig die gesellschaftlichen Umstände ändern, unter denen Menschen geformt werden, sowie Orte schaffen, in denen sie ohne Angst verschieden sein können. Denn die Erfahrung unserer eigenen Pluralität und Andersartigkeit ist eine wesentliche Grundlage, um einen emanzipatorischen Umgang mit Menschen zu finden, die ja alle in einer herrschafts-förmigen Gesellschaft sozialisiert und von ihr geformt sind. „Selbstveränderung“ wird in anarchistischer Theorie nicht isoliert betrachtet, sondern geschieht dort, wo Menschen sich in Opposition zur dominanten Subjektvorstellung verorten, über sie reflektieren und gegen sie rebellieren. Emanzipation ist ein Vorgang, der mit konkreten Menschen zu tun hat und auf der Hoffnung beruht, dass es für sie persönlich und viele andere die Chance auf ein besseres, abgesichertes, selbstbestimmtes Leben gibt. Dies ist keine Erfahrung, die wir vorrangig oder überhaupt mit uns allein machen können, sondern sie findet stets in Auseinandersetzung mit Anderen statt. Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, vereinzelte Individuen zu sein, wie der Liberalismus uns weiß machen will und als die der Staat uns in Geiselhaft nimmt. Stattdessen können wir lernen, miteinander und mit Menschen anderer Generationen und der nicht-menschlichen Welt verbunden zu sein. Diese Verbindungen sind nichts an sich Gutes, denn darunter sind sicherlich viele Menschen, mit denen wir uns nicht freiwillig assoziieren würden. Deswegen ist die Abwehr gegenüber Zwangsgemeinschaften wie beispielsweise dem „Volk“ sehr verständlich. Gerade weil wir mit Allen verbunden sind (auch wenn es sich oft nicht so anfühlt), funktioniert Emanzipation jedoch nicht individuell, sondern nur kollektiv. Dies ist die Grundlage dafür, damit Menschen ihrer Beherrschung in Form der „freiwilligen Knechtschaft“ nicht mehr zustimmen, sondern ein Leben in Freiheit, Selbstbestimmung und Kooperation erlernen.

An, für und wider sich: Anarchistische Klassentheorie

Miteinander oft unfreiwillig verbunden sind Menschen aufgrund verschiedener Lagen. Dazu gehört auch die Kategorie der „Klasse“. Gelebte und verbreitete Anarchie ist klassenlose Gesellschaftlichkeit. Dies ist weniger eine Frage der Haltung oder der Sensibilisierung für diskriminierenden „Klassismus“. Vielmehr geht es um die Aneignung, Umverteilung und Vergesellschaftung von Produktions- und anderen Lebensmitteln. Klassenpositionen sind äußerst wirkmächtig und es ist für Menschen einer Klasse – entgegen der Behauptung der tausend Möglichkeiten oder der Ideologie der „rechtschaffenden Arbeit“ -, in der Breite betrachtet, kaum möglich, in der sozialen Hierarchie aufzusteigen. Die Verfügung über Kapital lässt sich zu einem großen Teil über Vermögenswerte und Einkommen bestimmen, deren ungleiche Verteilung sowohl global gesehen, als auch innerhalb der meisten volkswirtschaftlichen Zonen einfach ungeheuerlich ist – gemessen daran, dass der gesellschaftliche Reichtum von allen arbeitenden Menschen gemeinsam produziert wird.
Dennoch wird mit der anarchistischen Klassentheorie nicht von einem einfachen Verhältnis von „oben“ und „unten“ ausgegangen. Auch Bildung, Wissen, Kultur und Kontakte sind in der kapitalistischen Gesellschaft wichtige Ressourcen, die freilich umso besser erworben werden können, je mehr Geld Menschen haben. Dennoch ist der Blick dafür zu schärfen, dass Klassen – die sich aus der sozialen Struktur der Gesellschaft nach ihrem Kapitalbesitz bestimmen lassen -, in sich heterogen und deswegen auch widersprüchlich sind. Vereinfacht gesagt gibt es eben progressive und reaktionäre Kapitalist*innen, konservatives und liberales Bürgertum, sozialistisches und Faschismus-affines Proletariat. In der Realität aber noch vieles dazwischen. Aus der Eigentumsverteilung leitet sich nicht direkt die soziale Struktur und weiterhin nicht das Bewusstsein eines bestimmten sozialen Milieus oder einer Gruppe darin ab. Die Rechtspopulist*innen setzen bewusst auf eine rassistische Vorstellung von „Kulturkampf“, um von den objektiv bestimmbaren Klassengegensätzen abzulenken oder diese autoritär zu vermitteln. Der Arbeiterin, die sich selbst rechts positioniert und rassistische, homophobe und sexistische Ressentiments hat, kann deswegen nicht einfach ein vermeintlich „falsches Bewusstsein“ unterstellt werden. Im Gegenteil, kann sie verschiedene Interessen haben, mit denen sie sich gegen wahrgenommene „Ausländer“ oder „Andere“ richtet und sie ausgrenzt. Diese haben materielle, aber auch soziale und psychologische Gründe. Es gilt also genau hinzuschauen, in welchen Positionen in der gesellschaftlichen Hierarchie sich Menschen befinden, dann aber auch ihr Lebensumfeld und ihre Biografie zu betrachten, um ihre Einstellungen zu verstehen. In der Regel stellt sich dabei heraus, dass dies sehr kompliziert und widersprüchlich ist.
Mit der anarchistischen Klassentheorie wird davon ausgegangen, dass verschiedene soziale Gruppen sich zusammenschließen und verbünden müssen, um die Klassengesellschaft anzugreifen, abzubauen und schließlich zu überwinden. Dies ist also prinzipiell auch mit Menschen möglich, die einen privilegierten Hintergrund haben. Wenn sie sich sozial-revolutionär ausrichten, werden sie jedoch auch zwangsläufig ihre privilegierten Positionen verlassen. Auch wenn die heutige Gesellschaft tatsächlich sehr komplex ist, waren die unterdrückten und ausgebeuteten Klassen der Armen auch in früherer Zeit keineswegs ein einheitlicher Block, sondern ein buntes Gemisch aus verschiedensten Leuten. Das Proletariat, von dem Marxist*innen oft so gern sprachen, bestand in auch in der Vergangenheit keineswegs vorrangig aus weißen, männlichen, einheimischen, heterosexuellen Fabrikarbeiter, sondern aus Leuten verschiedenster Herkunft, Geschlechtsidentitäten und Orientierungen, die sich mit prekären Jobs durchschlugen, so gut es eben ging – weil sie oftmals schlichtweg dazu gezwungen waren. Im Marxismus soll daher diese diffuse Masse von unterschiedlichen Menschen (einer Klasse „an sich“) entlang eines wichtigen Unterdrückungsverhältnisses, nämlich der ökonomischen Position, zu einer Klasse „für sich“ geschmiedet werden. Dieses Anliegen beinhaltet jedoch, dass ein Zusammenschluss verschiedener unterdrückter und ausgebeuteter Gruppen sich nicht einfach von selbst ergibt, sondern politisch durch kontinuierliche Basisorganisierung und Bewusstseinsbildung herzustellen ist. Um eine bloße Masse von Menschen zu versammeln, wie es sozialistische und kommunistische Parteien taten, um sie anzuführen, reduzierten ihre Ideolog*innen daher die gesellschaftlichen Antagonismen auf einen einzigen und fügten dann noch eine vermeintliche „historische Mission“ des Proletariats hinzu, deren Auslegung sie wiederum für die anderen vornahmen.
Anarchistische Klassentheorie geht hingegen von der Selbstorganisation verschiedener Gruppen aus, die in ihrer Unterschiedlichkeit zusammenkommen, sich verbünden und ermächtigen, um sich gegen die Privilegierten und Mächtigen zu wehren und für eine egalitäre, klassenlose Gesellschaft zu kämpfen. Gerade aufgrund der gesellschaftlichen Spaltungen sind die dafür benötigten Ressourcen (Geld, Zeit, psychische Stabilität, Bildung, Wissen, Kontakte usw.) jedoch sehr ungleich verteilt. Deswegen ist es so, dass Leute eben nicht einfach „automatisch“ den Arsch hochkriegen oder mit einer sozialistischen Intention für ihre eigenen Interessen kämpfen. Im Gegenteil ist es dazu erforderlich, dass Aktive langwierige und mühevolle Basisarbeit betreiben, damit sich Menschen versammeln, organisieren, ihr Bewusstsein bilden und kämpfen können. Erst durch die Wahrnehmung der jeweiligen Unterschiede, wird beispielsweise Arbeiter*innen bewusst, dass die rassistische Diskriminierung letztendlich darüber hinweg-täuscht, dass ihre Klassenlage dieselbe ist und dies für ihre gemeinsame Emanzipation weit wichtiger ist, als irgendwelche Unterschiede in ihrer Herkunft. In „der“ Linken gibt es eine ausgiebige Debatte darüber, dass diese „vergessen“ hätte, Arbeiter*innen zu organisieren oder auch in proletarischen Vierteln und Milieus kaum mehr verankert wäre. Dies stimmt zum Teil, insofern sich progressive Teile „der“ Linken verstärkt anderen Themen als Klassenfragen gewidmet und teilweise eher „liberale“, sogenannte „Identitätspolitik“ betrieben haben. Zum Teil ist diese Erzählung aber völliger Quatsch, weil sie als ein arroganter moralischer Vorwurf von Leuten an andere wirkt, die dann bitte (endlich wieder) die notwendige Basisarbeit machen sollen. Hierbei fehlt das eigene Bewusstsein darüber, selbst zugleich akademisiert und proletarisiert zu sein sowie darüber, das andere zugleich proletarisiert und konservativ sein können. Ein großer Teil derjenigen, die sich explizit als „Anarchist*innen“ bezeichnen, kommt ebenfalls aus solchen Widersprüchen nicht heraus, weil er einem mehr oder weniger „deklassierten“ links-liberalem Kleinbürgertum entstammt. Wenngleich dies nicht für alle gilt, prägen solche Hintergründe die jeweilige Sprache und Kultur einer Szene stark, weswegen Menschen wiederum (meist ungewollt) von ihr ausgeschlossen werden – obwohl sie ein großes Interesse haben, sich zu ermächtigen. Da Anarchist*innen die Klassenherrschaft abschaffen wollen, sind sie gefragt, ihre eigene Begrenzung stückweise zu überwinden und mit Menschen in Kontakt zu treten, die weniger Privilegien und Ressourcen als sie haben. Dies ist jedoch weniger ein individueller Akt, sondern eher ein Verhalten des kollektiven Exodus aus bestimmten Klassenpositionen mit möglichst vielen, die versuchen, sich den Klassenspaltungen zu verweigern und an ihrer Stelle egalitäre, solidarische Strukturen aufzubauen.

~ Populär gegen Hegemonie! – Anarchistische Hegemonietheorie

Ein weiterer wichtiger Baustein für die Erneuerung anarchistischer Theorie scheint mir die Auseinandersetzung mit Hegemonietheorien zu sein. Unter „Hegemonie“ wird ein politisch-kultureller Zustand verstanden, in dem ein politisches Projekt die Zustimmung der Beherrschten hergestellt und Kompromisse zwischen gegensätzlichen Interessen herrschender Klassen wie auch mit den direkt unterworfenen Klassen geschlossen hat. Dazu gibt es verschiedenste althergebrachte und neu entwickelte Herrschaftstechniken, wie etwa das Versprechen von physischem Schutz, materieller und beruflicher Absicherung, öffentlicher Würdigung, die Einbindung der sogenannten „Zivilgesellschaft“, die partielle Zulassung von Kritik am Herrschaftsstil und dergleichen. Ziel ist also nicht eine perfekte, alles durchdringende Kontrolle, sondern vor allem die Garantie der Aufrechterhaltung des status quo – wozu mitunter auch gewisse Veränderungen in der Herrschaftsordnung vorgenommen werden müssen. Wichtig hierbei ist, dass Hegemonie nicht zuerst auf der politischen Ebene hergestellt wird, sondern auf jener der Kultur. Dies geschieht durch die sogenannte Zivilgesellschaft, welche bestimmte politische Projekte hervorbringt und mitträgt. Die Herstellung von „Konsens“ in Demokratien sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass grundlegend auch weiterhin Zwang und Gewalt angewandt und mit ihnen gedroht wird.
Insofern Anarchist*innen Herrschaft an sich ablehnen und sich deswegen auch keiner Herrschaftsmittel bedienen, richten sie sich ebenfalls gegen Strategien, welche die Erringung von Hegemonie zum Ziel haben. Beim anarchistischen Verständnis von Konsens geht es – idealtyptisch – nicht um die Einbindung der Konkurrent*innen indem ihnen Zugeständnisse gemacht und Kompromisse geschlossen werden. Vielmehr werden echte gemeinsame Positionen und Handlungsweisen herausgearbeitet, die jedoch immer wieder neu zur Verhandlung gestellt werden können und nur zu dem Grad wirkmächtig werden, wie sie tatsächlich von den Beteiligten mitgetragen werden. Dennoch geht es in anarchistischen Strategien oftmals darum, zumindest in einzelnen Stadtvierteln eine Basispolitik von unten zu machen und die dort lebenden Menschen zu organisieren und zu agitieren. Es ist (meiner Ansicht nach) richtig und erforderlich, dass wir mehr werden müssen, wenn wir den Anspruch haben, zur sozialen Revolution beizutragen und anarchistische Vorstellungen in sie hineinzutragen. Ebenso finde ich nichts Falsches oder an sich Problematisches dabei, Menschen zu prägen, zu überzeugen und einzuladen. Ja, wir sollten uns Macht aneignen, um egalitäre und solidarische gesellschaftliche Verhältnisse zu stärken und auszubauen. Die kritische Frage an dieser Stelle lautet, wann Macht zu Herrschaft wird und ab wann ein populäres (also nicht szene-mäßig elitäres) anarchistisches Projekt dahin tendiert, hegemoniale Praktiken anzuwenden um bestimmend und führend zu werden. Diese Gefahr liegt im Moment noch in weiter Ferne. Dennoch ist die Frage theoretisch wichtig, weil sie beinhaltet, wie wir uns in unserem täglichen Handeln ausrichten.
Richard Day hat in diesem Zusammenhang ein wertvolles Buch geschrieben, in welchem er beschreibt, dass der radikale Flügel der globalisierungskritischen Bewegung sich faktisch nicht-hegemonial und anti-hegemonial organisiert und entsprechende Praktiken hervorbringt. Dies stellt einen sinnvollen Ansatz dar, weil der Anspruch, ein größeres Projekt mit Vielen damit nicht aufgegeben, sondern von anarchistischen Prinzipien der Dezentralität, Autonomie, Horizontalität usw. ausgehend, aufgemacht wird. Heruntergebrochen bedeutet dies, dass ein Verständnis, wie die Herstellung von Hegemonie funktioniert sehr aufschlussreich für Anarchist*innen sein kann. Damit können sie sich die Frage stellen, wie sie eine (Anti-)Macht organisieren, mit welcher die hegemoniale Orientierung politischer Projekte gebrochen und unterlaufen werden kann. Ein anarchistisches Verständnis von Hegemonietheorien macht somit denkbar, dass sich ein libertärer Sozialismus Macht aneignen kann, ohne Herrschaft auszuüben und dass soziale Revolutionär*innen in ihm Orientierung geben können, ohne deswegen die Führung zu übernehmen.

(Anti-)Politik als anarchistisches Politikverständnis

Bei der knappen – und deswegen verkürzten – Darstellung einer anarchistischen Perspektive auf die Subjekttheorie und die Hegemonietheorie wurde jeweils schon deutlich, dass mein Ansatz darin besteht, anarchistische Theorie (und auch Praxis) als ein Denken und Handeln in Paradoxien anzusehen. Dies ist meiner Ansicht und Erfahrung nach eine sinnvolle Möglichkeit, mit den gesellschaftlichen Widersprüchen auf eine produktive und emanzipatorische Weise umzugehen. Nur, wenn wir die durch sie entstehenden Spannungen aushalten und weiterentwickeln können, ist es uns möglich, eine radikale Ethik, Organisation und Theorie zu entwickeln. Eine offene Frage scheint mir jedoch zu sein, ob Anarchist*innen eine radikale Politik vertreten oder ob sie nicht vielmehr eine radikale Kritik des Politischen entwickeln, deswegen selbst auch gar keine Politik betreiben, sondern bewusst anti-politisch handeln. Unter „Politik“ verstehe ich in diesem Zusammenhang den Modus des Aushandelns konträrer Interessen verschiedener sozialer Gruppen in einer durch Herrschaftsverhältnisse vielfach gespaltenen („antagonistischen“) Gesellschaft. Die jeweiligen politischen Gruppierungen und Projekte verfügen dabei zu sehr unterschiedlichem Grad über ökonomische, kulturelle, symbolische und politische Macht um allgemein verbindliche Entscheidungen herbeizuführen, zu beeinflussen oder zu verhindern. Das heißt Politik findet immer auf einem durch Macht charakterisierten und geformten politischen Feld statt, dessen Gestalt selbst Ergebnis von sozialen Kämpfen ist. Sie manifestiert sich in bestimmbaren Institutionen und Abläufen, die durch frühere politische Kämpfe geformt wurden. „Radikale Politik“ – jeglicher politisch-weltanschaulicher Ausrichtung – tritt mit dem Anspruch auf, nicht nur im Spiel der politischen Auseinandersetzungen zu partizipieren, sondern die Bedingungen zu verändern, nach denen Politik selbst funktioniert. Sozial-revolutionäres Handeln zielt hingegen nicht auf „mehr“, „andere“, „direktere“ oder „echtere“ Politik (und Demokratie), sondern im Gegen-teil auf die Begrenzung und perspektivische Überwindung von Politik zugunsten dezentraler, horizontaler, freiwilliger, föderaler und autonomer Organsationsmodi. Weil dies freilich nur gemeinsam mit der Überwindung der antagonistischen herrschaftsförmigen Gesellschaft gelingen kann, sind Anarchist*innen nicht „unpolitisch“ und nur manchmal „apolitisch“, sondern „anti-politisch“: Sie arbeiten sich notgedrungen an politischen Prozessen ab (neue Gesetze, Haushalts-beschlüsse, Wahlen, Skandale usw.) und bedienen sich widerwillig bisweilen politischer Mittel und Ausdrucksformen (angemeldete Demonstrationen, Bürger* inneninitiativen, formelle Presseerklärungen, bestimmte Forderungen etc.). Anarchistische Anti-Politik bezeichnet eine radikale Kritik am Politikmachen (den Machtkämpfen, der Verlogenheit, den faulen Kompromissen…), dem auch Irgendwie-Linke und Sozialdemokrat*innen fast vollständig verfallen sind. Mit Anti-Politik wird aufgezeigt, dass es viele andere Möglichkeiten gibt, wie wir Missstände thematisieren, uns gegen sie organisieren und gegen sie vorgehen können. Im weiteren Sinne steht dafür der anarchistische Begriff der direkten Aktion. Mit direkten Aktionen wird nicht auf vermittelnde (Zwangs-)Institutionen zurück-gegriffen oder an sie appelliert, werden keine Menschengruppen für bestimmte Interessen instrumentalisiert, sondern stattdessen ihre Ermächtigung und Selbstorganisation gefördert. In direkten Aktionen spiegeln sich jedoch auch Vorschläge, wo es hingehen kann. Sie verkörpern die ethischen Werte und emanzipatorischen Inhalte, für die sie eintreten und entstehen aus Organisationsformen, mit welcher die angestrebte kommende Gesellschaft vorweggenommen werden soll. Tatsächlich gäbe es in einer vollständig verwirklichten Anarchie keine Politik (im oben beschriebenen Sinne) mehr. Konflikte (die weiterhin bestehen werden, aber viel weniger bedrohlich wären) würden durch andere Formen von Aushandlungsprozessen entspannt und in Institutionen bearbeitet werden, die sich beispielsweise an Konzepten von Rätesystemen orientieren. Da wir die Bedingungen unseres Handelns jedoch nicht frei wählen können, sondern – zumindest teilweise – auf gegebene Bedingungen der bestehenden hierarchischen Gesellschaft zurückkommen müssen, selbst wenn wir für die Anarchie streiten, bewegen sich Anarchistinnen in einem Widerspruch. Im Unterschied zu anderen Sozialist*innen und auch den meisten Linksradikalen, sehen sie nicht ein, einfach die bittere Pille zu schlucken und „radikale Realpolitik“ zu betreiben. Andererseits bestätigt es zwar das eigene Ego, vermeintlich radikal und konsequent zu sein, etwa indem Politik vollständig abgelehnt wird. Dies bringt jedoch insbesondere von Herrschaftsverhältnissen schwer betroffene Menschen wenig weiter, die wir unmöglich auffordern können, sich „für die Sache“ zu opfern, sondern deren Sache es vielmehr sein sollte, dafür zu kämpfen, dass sich ihre Lebenssituationen und -umstände spürbar zum Besseren verändern. Dies ist der Grund, warum Anarchistinnen meiner Ansicht und auch meiner Wahrnehmung nach in-gegen-und-jenseits von Politik agieren und diesen Widerspruch nur im Zuge der radikalen strukturellen Erneuerung der Gesellschaft minimieren können. Um dies zu beschreiben, sinnvoll zu thematisieren und – darauf aufbauend – weiterentwickeln zu können, schlage ich vor, in der anarchistischen Theorie den Begriff (Anti-)Politik zu verwenden.