Für eine neue anarchistische Theorie!

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Multiple verwobene Herrschaftsverhältnisse ♾ ♾ ♾

Eine sehr bedeutende Einsicht anarchistischer Theoretiker*innen besteht darin, dass es parallel zueinander verschiedene Herrschaftsverhältnisse gibt, die untrennbar miteinander verwoben sind und sich gegenseitig beeinflussen. Anarchist*innen betonten daher im Unterschied zu anderen Sozialistinnen früher und oft noch heute, dass der Kapitalismus nur gemeinsam mit dem Staat überwunden werden kann. Nach der Wende zum 20. Jahrhundert wurde das Patriarchat als eigenes Herrschaftsverhältnis begriffen und in die anarchistische Theorie einbezogen. Mit dem modernen Nationalstaat kann auch das wirkmächtige Konstrukt von Nation in einem weiten Sinne als eigenes Herrschaftsverhältnis gefasst werden. Schließlich stellt auch das Verhältnis Mensch/Mitwelt, die Herrschaft über die sogenannte „Natur“, ein Herrschaftsverhältnis dar. Bei Herrschaftsverhältnissen geht es um Beziehungen zwischen Menschengruppen und ihre stufenweise Einordnung in eine hierarchische Gesellschaftsstruktur. Dies geschieht im politischen Herrschaftsverhältnis (Staat) anhand der Spaltung zwischen Regierenden und Regierten, im ökonomischen (Kapitalismus) anhand der Teilung von Kapitalist*innen und Lohnarbeiter*innen und im geschlechtlichen Herrschaftsverhältnis (Patriarchat) durch die Unterscheidung von Cis-Hetero-Männern und allen von ihr abweichenden Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen. In Hinblick auf die Nation wird ein Einschluss/ Ausschluss anhand des Bürgerschafts-Status vorgenommen und beim Verhältnis zwischen Mensch und Mitwelt, ein Recht von Menschen zur Ausbeutung, Zerstörung und Manipulierung nicht-menschlichen Lebens proklamiert. Die verschiedenen Herrschaftsverhältnisse haben strukturellen Charakter, d.h. sie hängen nicht von den ethischen Einstellungen der Menschen in verschiedenen Positionierungen ab. Dennoch ist Herrschaft kein Naturgesetz, sondern wird immer von Menschen über Menschen und andere Lebewesen ausgeübt und getragen, die dafür (zu verschiedenen Graden) auch verantwortlich zu machen sind. Da wir jeden Tag von Herrschaftsverhältnissen und ihren Folgen umgeben sind, fällt es auch sehr reflektierten Menschen oftmals schwer, sich bewusst zu machen wie falsch, schlecht organisiert, asozial und menschenfeindlich die bestehende Gesellschaftsform in ihrer Grundstruktur ist.
Durch bürokratische und politische Abläufe sowie im sozialen Leben wird Menschen fortlaufend ein Status in der gesellschaftlichen Hierarchie zugewiesen. Deswegen entsprechen den Herrschaftsverhältnissen die Diskrimierungsformen von Entrechtung/ Entwürdigung, Sozialchauvinismus/ Sozialdarwinismus, Sexismus/ Homo-, Trans- und Interphobie, Rassismus/ Kulturalismus und die Abwertung nicht-menschlichen Lebens. Darüber hinaus gibt es weitere Herrschaftsmodi, die erst aus der Rechtfertigung und ideologischen Verschleier-ung von strukturellen Herrschaftsverhältnissen entstehen und eigenständig zu betrachten sind. Der Antisemitismus ist nicht lediglich eine besondere Form des Rassismus, sondern geht von der Vorstellung eines absolut Feindlichen/Fremden aus, dass vernichtet werden darf und muss. Ableismus, das heißt die Diskriminierung von Menschen die behindert werden, ist eine Folge der gestörten Leistungsideologie im Kapitalismus. In allen Fällen werden Herrschaftsverhältnisse und ihnen entsprechende Diskriminierungsformen mit der Behauptung einer Ungleichwertigkeit des Lebens gerechtfertigt.
So wichtig Diskussionen um Diskriminierung und „Chancen“ sind, dürfen bei diesen aus anarchistischer Sicht allerdings nicht die materiellen Grundlagen vergessen werden, mit welchen Ungleichheit gerechtfertigt, eingerichtet und aufrechterhalten wird. Denn darum geht es im Endeffekt: Einem Großteil der Menschen wird vorenthalten, was sie zu einem guten und selbstbestimmten Leben brauchen – sei es zur Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse nach Nahrung, Kleidung, Wohnung, Gesundheit, Sexualität, sei es zur Erfüllung weitergehender Bedürfnisse wie der Entfaltung ihrer Persönlichkeit und der aktiven Gestaltung ihres sozialen Lebens. Eine privilegierte Minderheit hingegen zieht den gesellschaftlich produzierten Reichtum an sich, setzt sich selbst in den höchsten sozialen Status ein und beeinflusst sehr weitreichend alle wesentlichen politischen Entscheidungen. Letztendlich geht es darum, welche Gruppen zu welchem Grad die Möglichkeit haben, ein abgesichertes, gesundes, angstfreies, selbst gestaltetes und sozial anerkanntes Leben führen können.

Strukturelle Herrschaftsverhältnisse wirken sich gleichzeitig konkret auf Menschengruppen aus, egal ob dies institutionell vermittelt oder in Form von persönlicher Abwertung und Anfeindung geschieht. Da sich die verschiedenen Herrschaftsverhältnisse überlappen und es auch innerhalb von ihnen abgestufte Hierarchien gibt, sind die meisten Menschen in irgendeiner Form auch an ihnen beteiligt oder werden zumindest gezwungen, sich in sie einzugliedern. Zwar wird die Positionierung entlang der Achsen gesellschaftlicher Hierarchien und der soziale Status auch offensiv zur Schau getragen. Gleichzeitig kann man einzelnen Menschen jedoch kaum von außen ansehen, inwiefern sie direkt von Herrschaftsverhältnissen profitieren oder davon betroffen sind und wie sie jeweils damit umgehen. Dies führt dazu, dass auch soziale Gruppen, die offensichtlich Diskriminierung, Ausgrenzung und Benachteiligung erfahren, oftmals – wie viele andere auch – selbst diskriminieren, ausgrenzen und andere benachteiligen, um zumindest etwas Reichtum, Schutz und Anerkennung zu erhalten oder eine Erklärung für ihre Lage zu suchen. Dennoch gilt es alle benachteiligten Gruppen zu ermächtigen, denn von jenen, die offensichtlich einen hohen sozialen Status und viele Privilegien haben, wird nie ein grundlegender emanzipatorischer Wandel ausgehen. Einzelne von ihnen können unter bestimmten Umständen aber dennoch ihren Status aufgeben und zur sozialen Revolution beitragen.
Aus anarchistischer Perspektive abzulehnen, anzugreifen und zu überwinden ist das Prinzip der Herrschaft als solches, welches Menschen in gesellschaftliche Hierarchien einsortiert, in der sie zur sehr unterschiedlichem Grad die Voraussetzungen haben, um ein gelingendes Leben zu führen. Was einfach klingt, ist tatsächlich unheimlich kompliziert. Anarchistische Theorie dient dazu, Herrschaft zu verstehen und überwinden zu können, in dem sie angegriffen und herrschaftsfreie gesellschaftliche Institutionen und Verhältnisse an ihre Stelle gesetzt werden.

/// Dimensionen der Herrschaftsordnung / / /

Staat, Kapitalismus, Patriarchat, Nation und Mitweltunterwerfung wurden als bedeutendste, miteinander verwobene Herrschaftsverhältnisse benannt. Sie manifestieren sich in verschiedenen Dimensionen und zwar (mindestens) in jenen von herrschenden Klassen, Herrschaftsinstitutionen, Herrschaftspersonal, Herrschaftsideologien und Herrschaftssubjekten.
Mit herrschenden Klassen sind keineswegs vorrangig wichtige Politiker*innen gemeint, sondern soziale Klassen, von denen die meisten Menschen nur aus der Zeitung hören. Wir stoßen aber auch auf sie, wenn wir nachforschen, wem das Unternehmen unseres Arbeitgebers eigentlich gehört, wer die Nahrungs-, Chemie-, Öl-, Rüstungs- und Technologiekonzerne besitzt und wer hinter dieser oder jener Immobilienfirma steckt. Materielles Vermögen, juristische und politische Macht und sozialer Status greifen hierbei erstaunlich deutlich ineinander. Einer Studie zu folge, besaßen im Jahr 2000 1% der Weltbevölkerung allein 40% des weltweiten globalen Vermögens und die reichsten 10% zusammen 85,2%. Die ärmsten 50% der Weltbevölkerung verfügten dagegen zusammen lediglich über 1% des weltweiten Vermögens. Dies ist vergleichbar damit, dass von 100 Personen eine einzige 90% besitzt, während sich 99 Personen die restlichen 10% aufteilen müssen. Diese Vermögensverteilung beinhaltet ebenfalls eine Ahnung davon, wer den gesellschaftlichen Reichtum eigentlich für welchen Lohn produziert und wohin er wandert. Keine Sklavenhalter-Gesellschaft der Menschheitsgeschichte konnte die Ausbeutung menschlicher Arbeit und der Mitwelt sowie die Reichtumsverteilung an eine winzige Elite je so umfassend, nachhaltig und stabil organisieren, wie der neoliberale Kapitalismus seit den 1970er Jahren. Diese ökonomische Elite, die zugleich soziale, geschlechtliche und kulturelle Normen maßgeblich mitbeeinflusst und einen gigantischen Einfluss auf die Politik der Nationalstaaten hat, tut alles daran, um ihre angemaßten Privilegien auf die Ewigkeit militärisch und juristisch zu zementieren und Normalsterbliche von sich fern zu halten. Unbegreiflich, dass viele proletarisierte Menschen dennoch an das Märchen von der fleißigen Erarbeitung eines sozial relativ abgesicherten Zustandes glauben, anstatt sich zu nehmen, was ihnen zusteht!

Als Herrschaftsinstitutionen fallen zunächst alle staatlichen Institutionen ins Auge, da es die Besonderheit des politischen Herrschaftsverhältnisses ist, die anderen Herrschaftsverhältnisse zu strukturieren. Die bekannten Formen staatlicher Institutionen beziehen sich auf die Funktionen der Legislative, Exekutive und Judikative. Der moderne Staat unterhält eine Vielzahl von Institutionen um in so gut wie alle gesellschaftliche Bereiche und individuelle Lebensverhältnisse eingreifen zu können. Anhand staatlicher Ministerien, ihrer Referate und ihres jeweiligen Finanzbedarfs lässt sich gut nachvollziehen, in welche Bereiche staatliche Institutionen eingreifen. Dazu monopolisiert der Staat das Recht auf die Anwendung von Gewalt und ihre Mittel – nach innen in Form der Polizei, nach außen in Form des Militärs. Der historisch überlebte Staat gilt als ein Zusammenschluss von bürokratischen, militärischen, politischen und religiösen Institutionen. Allein ihre schiere Größe bringt es mit sich, dass in staatlichen Institutionen die Interessen unterschiedlicher sozialer Klassen und Gruppierungen vertreten sind, die teilweise auch in Konflikte zueinander treten. Verbunden werden sie allerdings in ihrer direkten Herrschaft über Arme, Ausgegrenzte und Nicht-Bürger*innen und dem Anspruch, „rational“ zu herrschen. Doch auch die anderen Herrschaftsverhältnisse sind teilweise institutionalisiert. Die Golfclubs der Reichen sind eine Institution für wenige. Die patriarchale Kleinfamilie ist eine gesellschaftliche Institution für sehr viele.

Auch in Hinblick auf das Herrschaftspersonal ist es naheliegend zunächst an die Beamt*innen in staatlichen Institutionen zu denken. Eine ungeheure Anzahl von Menschen ist mit der Verwaltung von anderen Menschen beschäftigt, damit diese lohnarbeiten können, ihre Steuern bezahlen, sich sozial verträglich verhalten und alles in allem konforme Staatsbürger*innen bleiben. Darüber hinaus können auch viele Journalist*innen und Kulturschaffende als Teil des Herrschaftspersonals gelten, auch wenn sie zu sehr unterschiedlichen Graden mit diesem verbunden sind. Historisch nahmen auch viele Schichten des Klerus Funktionen des Herrschaftspersonals wahr. Das Herrschaftspersonal befindet sich in hierarchischen Institutionen, in denen es Gehorsam leistet und Loyalitätsnetzwerke pflegt um darin aufzusteigen. In der Regel wird dadurch ein reibungsloser Ablauf der gesellschaftlichen Maschine ermöglicht.

Da Herrschaft nicht naturgegeben ist, sondern von Menschen entwickelt und anderen Menschen aufgezwungen wurde, entstanden seit ihren Anfängen Ideologien, um sie zu legitimieren, sie als gut und alternativenlos zu behaupten. Eine der grundlegendsten Ideologien ist jene, dass Menschen ohne Herrschaft gar keine Gesellschaft bilden könnten, sondern sich gegenseitig umbringen würden. Ideologien sind erforderlich um die angebliche Ungleichwertigkeit der Menschen, sei es in einer sexistischen, rassistischen oder klassistischen Hinsicht zu begründen und zu rechtfertigen. Ideologien führen dazu, dass ein großer Teil der Bevölkerung morgens auf Arbeit geht und sich moralisch schlecht fühlt, seinen Urlaubsanspruch einzufordern oder krank zu machen. Überhaupt ist das moralische Gewissen weitgehend von Norm- und Wertvorstellungen geprägt, die dazu dienen, die bestehende Herrschaftsordnung aufrechtzuerhalten und die privilegierten Klassen in ihren Machtpositionen zu festigen. Traditionell spielten Religionen in diesem Zusammenhang eine große Rolle – und tun es heute, wenn auch in gewandelter Form, oftmals immer noch. In modernen westlichen Gesellschaften wurde jedoch auch der Individualismus zu einer Ideologie. Und Ideologien sind erforderlich, um eine Kompensation für die erfahrene Zurücksetzung und eine Erklärung für soziales und psychisches Elend zu finden, indem die Schuld an der eigenen Lebenssituation oder gesellschaftlichen Problemen entweder bei einen selbst oder bei stigmatisierten Gruppen gesucht wird. Anhand des Antisemitismus‘ lässt sich insbesondere nachvollziehen, wie gravierend der ideologisch kanalisierte Vernichtungsdrang von Menschen werden kann, als auch, wie eng Ideologie und Wahn ineinandergreifen.

Subjekte von Herrschaft sind wir alle. Alle Menschen in herrschaftsförmigen Gesellschaften werden von dieser direkt oder vermittelt unterworfen und geformt (s.u.). Daher sind Vorstellungen davon, wie wir ohne Herrschaft geworden wäre, reine Spekulationen, denn auch im Widerstand gegen Herrschaft, formen wir uns in Auseinandersetzung, Abgrenzung und Bezug auf diese. Eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse kann nicht primär über die Veränderung der Subjekte gelingen, da ihre Formung materielle und soziale Grundlagen hat, die zunächst verändert werden müssten. Gleichzeitig sind wir nicht einfach Produkte von Herrschaft, sondern haben (zu sehr unterschiedlichen Graden) Einfluss darauf, wie wir uns formen lassen und wie wir damit umgehen. Aus diesem Grund ist es eine sehr schwierige Frage, in welcher Hinsicht wir Menschen als verantwortlich für ihre Handlungen und ihre Seinsweise machen können und innerhalb welchen Rahmens sie sich emanzipatorisch verändern können. Subjektivierung kann je nach sozialer Klasse, Milieu und Geschlecht sehr verschieden aussehen. Sie geschieht unter widersprüchlichen Anforderungen, sodass auch Aspekte, die zeitweise dienlich zur Funktionsweise der Herrschaftsordnung waren, sie unter anderen Umständen blockieren können.

Die Parallelität verschiedener gesellschaftlicher Verhältnisse___

Nach der Darstellung verschiedener Herrschaftsverhältnisse und der Dimensionen von Herrschaft entsteht möglicherweise bei den Lesenden ein Gefühl, völlig erschlagen und ohnmächtig gegenüber gesellschaftlicher Herrschaft zu sein. Dies wäre zumindest verständlich und berechtigt. Mit anarchistischer Theorie sind Herrschaftsverhältnisse in ihren verschiedenen Facetten und Dimensionen zu untersuchen, zu beschreiben und zu benennen, damit sie überhaupt angegriffen und umgangen werden können. Gleichzeitig sahen Anarchist*innen es nie als ihre Aufgabe an, utopische Gesellschaften am Reißbrett zu entwerfen, sondern waren sie solchen Entwürfen gegenüber im Gegenteil äußerst skeptisch, weil mit ihnen Anarchie auf ein bloßes Ideal reduziert wird und Utopien zur Rechtfertigung totalitärer Programmen dienten. Damals wie heute sahen und sehen kritisch und widerständig eingestellte Menschen konkrete Probleme, gegen die es anzukämpfen gilt. In der Negation des Schlechten liegt zugleich eine Vorstellung des Guten begründet, welches wir ausweiten und verwirklichen wollen. Trotzdem ist Anarchismus vor allem ein konstruktives Projekt und muss es umso mehr sein, da es in unserer Zeit aktuell keine großen Erzählungen darüber gibt, wie die bestehende Gesellschaft in Richtung eines libertären Sozialismus‘ transformiert werden könnte. In diesem Zusammenhang besteht eine bedeutende anarchistische Annahme darin, dass Herrschaftsverhältnisse zwar dominant, aber nicht allein existent oder gar allmächtig sind.

Die Öffentlichkeit lässt sich auch ohne politisches Herrschaftsverhältnis, nämlich egalitär, konsensual und partizipatorisch organisieren. Die Ökonomie kann auch dezentral-sozialistisch in Form einer Vielzahl von miteinander vernetzten Kooperativen und Kollektivbetrieben organisiert werden. Das heteronormative-sexistische Geschlechterverhältnis ist kein Naturgesetz, sondern kann unterschiedlichsten Formen geschlechtlicher Selbstbeschreibungen und sexueller Orientierungen, sowie der Freiheit, sich nicht definieren zu müssen, weichen. Das Konstrukt Nation kann theoretisch und auch ganz praktisch aufgelöst werden, wenn klargemacht wird, dass die Bevölkerung in einem Landstrich schon immer ganz unterschiedlich war und dies kein Kriterium für ihre freiwillige Zugehörigkeit zu Kollektiven bildet. Die Naturbeherrschung schließlich kann mit einer Infragestellung des anthropozentrischen Weltbildes überwunden werden, indem wir begreifen und erfahren, dass wir tatsächlich mit allen Lebewesen verbunden sind und die Isolierung des Menschen als Spezies uns selbst nicht gut tut.

Glücklicherweise bewegen sich Menschen täglich und massenweise in ganz anderen gesellschaftlichen Verhältnissen als in den dominierenden der Herrschaft. Angesichts der multiplen Krisenerscheinungen unserer Gesellschaften sollte die Frage nicht lauten: „Warum bricht eigentlich nicht alles zusammen?“, sondern: „Warum wird alles soweit aufrechterhalten?“ Dies beinhaltet, dass Menschen die gewohnte und mächtige Herrschaftsordnung teilweise freiwillig zustimmend mittragen. In diesem Gedanken steckt aber ebenfalls die Einsicht darin, dass viele Menschen jeden einzelnen Tag auf eine egalitäre und solidarische Weise erst die Gesellschaft erzeugen, welche durch die Herrschaftsordnung kolonialisiert wird. Es sind nicht nur bloße Zwänge und Ängste, die Menschen „weitermachen“ lassen, sondern auch die Erfahrungen, dass ihr Leben nicht allein durch Herrschaftsverhältnisse strukturiert ist. Von etwas anderem können wir nicht ausgehen, wenn wird annehmen, dass eine neue Gesellschaft nur aus der alten entstehen kann.
Im Unterschied zum Marxismus besteht anarchistische Theorie darauf, dass es nicht erst des modernen Staates, des Kapitalismus, des Patriarchats bedarf, um darauf aufbauend in den Sozialismus einzutreten. Vielmehr gilt es nach gesellschaftlichen Verhältnissen zu suchen, die parallel zu diesen existieren und davon ausgehend radikale und emanzipatorische Veränderungen anzustreben. Ob sie nun „Hubs“, „Keimzellen“, „Zwischenräume“ oder „Freiräume“ genannt werden ist dabei zweitrangig. Wichtig ist allerdings, sie nicht vorrangig in links-alternativen Szenen zu suchen, sondern sich bewusst aus diese heraus zu begeben, wenn es darum geht, parallel existierende gesellschaftliche Verhältnisse aufzuspüren. Übrigens sind diese stets kritisch zu überprüfen und zu hinterfragen. Immerhin gibt es leider auch zahlreiche antiemanzipatorische Gruppen und Bewegungen, welchen andere Gesellschaftsmodelle vorschweben, die sie ebenso im Kleinen verwirklichen wollen, seien es Reichsbürger*innen, fundamentalistische Gläubige oder auch Marktradikale. Es ist klar, dass diese keine Ausgangsbasis für eine soziale Revolution darstellen, auch wenn sie parallele Verhältnisse herstellen und sich teilweise sogar der Freiraum-Rhetorik bedienen – wenngleich sie bei näherer Betrachtung ebenfalls herrschaftsförmig sind.
Oftmals fällt es uns schwer, echte emanzipatorische gesellschaftliche Alternativen in unseren Projekten oder denen anderer zu sehen. Es stimmt, sie scheinen nicht viele zu sein und wo es sie gibt, funktionieren sie auch oft nicht besonders gut. Dies spricht andererseits aber nicht dagegen, sich mit ihnen zu beschäftigen und Potenziale in ihnen zu sehen. Sozialdemokratische Parteipolitik und kommunistische Avantgarde-Ansätze eignen sich aus anarchistischer Perspektive für die soziale Revolution jedenfalls keineswegs besser.