Für eine neue anarchistische Theorie!

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Intro

Die unglaubliche Vielfalt anarchistischer Projekte, Zusammenhänge und Debatten findet eine Gemeinsamkeit darin, dass es ihr um eine sinnvolle Vermittlung von Mitteln und Zielen, von Methoden und Zwecken geht. Zwecke heiligen niemals die Mittel, vielmehr diskreditieren und unterminieren antiemanzipatorische Mittel das Ziel der Emanzipation. Gleichwohl wäre es zu einfach gedacht, zu behaupten, im Anarchismus entsprächen die Mittel einfach den angestrebten Zielen und wenn beides in eins fallen würde, handelte es sich um „vollkommene“ Anarchie. Da diese eine herrschaftsfreie Gesellschaft bezeichnet, wir jedoch unter herrschafts-förmigen Bedingungen leben, ist der Anspruch einer Vermittlung von Zielen und Mitteln sehr ambitioniert. Wir sollten uns darüber verständigen, was Anarchie in ihren zahlreichen Facetten für uns jeweils genauer umfasst. Denn sie ist kein Wunschtraum, sondern etwas, was Menschen realisieren können. Dies können sie aufgrund von Erfahrungen, in denen Anarchie schon teilweise verwirklicht war oder zumindest aufschien. Anarchie ist keine heile Welt, sondern ein Modus, wie Menschen ihre sozialen Beziehungen organisieren und gesellschaftliche Institutionen einrichten. Wenn Anarchie unser geteiltes Ziel ist, sollten wir uns Gedanken darüber machen, was wir darunter genauer verstehen. Sonst können wir kaum für sie streiten, andere von ihr überzeugen und uns die materiellen, sozialen und psychologischen Grundlagen aneignen, um sie zu ermöglichen.

Zweifellos ist der Anspruch der Organisierung von egalitären, solidarischen und freiwilligen gesellschaftlichen Verhältnissen äußerst groß. Weil dies auch gut so ist, kann es nicht darum gehen, unsere übergroßen Ziele auf die oft sehr begrenzten Mittel herunterzubrechen, die wir momentan zur Verfügung haben. Ebenso wenig darf es darum gehen, die (Zwischen-)Ziele zu Selbstzwecken werden zu lassen: Ein soziales Zentrum, eine autonome Gruppe, eine Demonstration oder Direkte Aktion sollten zwar für sich selbst sprechen und konkrete Wirkungen entfalten. Wenn dies gelingt, sollten wir es würdigen, anerkennen und feiern. Wichtig ist jedoch stets im Auge zu behalten, dass wir mit diesen eigentlich wo anders hin – und immer weiter – wollen.

Im Folgenden versuche ich einige Grundlagen einer aktualisierten anarchistischen Theorie darzustellen. Vieles davon ist absolut nicht neu, scheint mir jedoch wert, festgehalten zu werden. Genauer gesagt, geht es vor allem um anarchistische politische Theorie, als ein Teilbereich anarchistischen Denkens, welches als Weltanschauung zu allen Bereichen menschlichen Lebens etwas aussagen kann. Andere Disziplinen in denen anarchistische Ansätze eine Menge zu sagen haben sind beispielsweise die Pädagogik, die Philosophie oder die Geographie. In diesem Text versuche ich einen Vorschlag zu entfalten und einen Umriss zu zeichnen, wie anarchistische Theorie meiner Ansicht nach zukünftig betrieben werden sollte. Ein Aspekt davon ist, dass ich hier keine „anarchistische Wissenschaft“ formuliere, sondern Wissen und Erfahrungen in einem freien Gedankenspiel synthetisiere. Wer also erwartet, diesen Text akademisch verwerten zu können, wird zwangsläufig enttäuscht werden. Bei der Entwicklung meiner Überlegungen zu anarchistischer Theorie greife ich auf anarchistische Literatur zurück, die ich teilweise im Anhang aufgelistet habe. Meine eigene Sicht auf die Dinge wird dabei zwischen den Zeilen durchscheinen.

Die Vermittlung von ethischen Werten, Organisationsprinzipien und theoretischen Grundsätzen ▲ ● ■

Wie die Problematik der Vermittlung von Zwecken und Methoden eine enorme Herausforderung ist, welche Anarchist*innen angehen wollen, so verhält es sich auch mit der Vermittlung von ethischen Werten, Organisationsprinzipien und theoretischen Grundsätzen im Anarchismus. Im Text Für eine neue anarchistische Synthese habe ich in einem eher literarischen Stil versucht, eine ethische Grundkomponente des Anarchismus zu bestimmen, auf die wir uns besinnen und die wir auch weiter entwickeln können. Es ging darum aufzuzeigen, dass Pluralität und gemeinsame Organisierung kein Widerspruch sind. Wenn wir Vielfalt bejahen, diese jedoch keine Beliebigkeit oder liberale Toleranz meint und wir die Gesellschaft aktiv verändern wollen, gehört es ebenfalls dazu, das Gemeinsame zwischen uns in einem aktiven und nie endenden Prozess herauszubilden. Dabei geht es nicht um eine „Einheitsfront“ oder um Harmoniesucht, sondern um eine respektvolle Auseinandersetzung auf Augenhöhe bei der es immer wieder auch zu Streit kommt. Wo keine echten Übereinstimmungen und freiwilligen Vereinbarungen eingerichtet werden können, kommt kein oder nur ein schwacher Konsens zu Stande und entwickeln sich unsere Affinitäten – zumindest für den Moment – nicht weiter. Doch dies ist nicht allein eine Frage der (ethischen) Haltung, sondern genauso der Form der Organisierung, sowie der theoretischen Grundannahmen.
Meine Wahrnehmung ist, dass es im Anarchismus oft darum geht, die Ebenen von Ethik, Organisation und Theorie zu vermitteln und eine Kohärenz, d.h. eine Übereinstimmung, zwischen ihnen herzustellen. Im folgenden Schema wird dies glaube ich deutlich.

Angefangen bei der Vielfalt ist es wie gesagt so, dass sie als ethischer Wert einen emanzipatorischen ethischen Wert darstellen kann. Anarchistisches Denken kreist sich nun darum, mit welchen Organisationsprinzipien und -formen dieser Wert realisiert werden kann und welche theoretischen Grundgedanken dafür gegeben sein müssten. Bekanntermaßen treten Anarchist*innen deswegen für dezentrale Organisationsformen ein und halten Pluralität aus theoretischen Gründen für geeignet, um eine herrschaftsfreie Gesellschaft einzurichten. Umgekehrt gilt dies jedoch genauso: Wer Dezentralität befürwortet wird auch dahin kommen, Vielfalt als ethischen Wert zu begrüßen und danach zu suchen, beide theoretisch zu begründen. Dies läuft aber nicht darauf hinaus, dass ethische Vielfalt, organisatorische Dezentralität und theoretische Pluralität im Anarchismus zum Selbstzweck erklärt werden. Vielmehr soll mit ihnen Anarchie verwirklicht werden. Anarchistische Werte, Prinzipien und Grundannahmen kommen nie einzeln, sondern stets in Verbindung mit anderen vor. Vielfalt bedeutet eben nicht, dass alle jeweils einzeln machen können, was sie wollen. Stattdessen ist sie an die Verwirklichung von Gleichheit im Sinne des gleichen Rechts und Zugangs zu allen lebensnotwendigen Mitteln und der Mitbestimmung bei allen Entscheidungen, von denen eine Einzelne*r oder eine Gruppe betroffen sind, verknüpft. Dabei ist die Individualität aller Einzelnen mitzudenken und zu achten, denn im Anarchismus geht es nicht um eine gleichmacherische Verteilung des Eigentums – sondern um die Abschaffung des Privateigentums zu Gunsten des Wohlstands für alle. Anarchistische Individualität in sozialer Freiheit bedeuten wiederum nicht, dass Einzelne immer haben können, was sie wollen oder, dass ihnen niemand in ihr „Privatleben“ hineinreden dürfe. Stattdessen ist sie an Gemeinschaften rückgebunden, denn die individuellen Wünsche und Bedürfnisse können nur in Beziehung mit Anderen und in Interaktion mit ihnen erfüllt werden. Dafür gilt es einen Gemeinschaftssinn zu entwickeln und zu fördern. Den letzten ethischen Wert in diesem Schema bildet die Selbstbestimmung. Weder eine Gemeinschaft als Ganzes noch Andere können entscheiden, was für die Einzelnen gut und dran ist. Schließlich kann auch niemand gezwungen oder überredet werden, einem Kollektiv anzugehören, welches sich an anarchistischen Grundlagen orientiert.
Ethische Werte, Organisationsprinzipien und theoretische Grundannahmen zu vermitteln und eine Übereinstimmung zwischen ihnen herzustellen, ist ein fort-währender Prozess, der nicht von selbst geschieht, sondern aktiv zu gestalten ist. Es geht dabei nicht um eine „Prinzipienreiterei“, gemessen an unerfüllbaren Idealen, sondern um eine Orientierung entlang von ethischen, organisatorischen und theoretischen Vorstellungen und Konzepten, die in der anarchistischen Bewegung historisch entwickelt wurden. Das Schema dient hier der Veranschaulichung einer sehr komplizierten Thematik – wenn es dazu hilft, ist es gut. Wie jede Methode, hat es aber auch seine Grenzen und erklärt nicht „wie es wirklich ist“…

In diesem Text geht es nun weniger um die anarchistische Ethik, sondern um anarchistische Theorie. Ein erstes Merkmal von dieser besteht allerdings darin, dass anarchistische Theorie nie abgekoppelt von Organisationsprozessen und ethischen Debatten, nie entfremdet von der sozialen Bewegung und unseren täglichen Leben betrieben werden kann. Diese sind daher im Hinterkopf zu behalten, wenn es im Folgenden etwas theoretischer zu geht. Im Übrigen ist der Anspruch, Ethik, Organisation und Theorie zu vermitteln, selbst ein ethischer Anspruch, wie auch die Annahme, dass dies sinnvoll und möglich ist, zunächst eine bestimmte theoretische Ausgangsbasis verlangt. Dafür braucht es wiederum einen geeigneten organisatorischen Rahmen.

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◊ Fünf anarchistische Grundsätze ◊ ◊ ◊ ◊

Warum jedoch überhaupt „theoretische Grundsätze“ entwickeln? Wenn Anarchie ohne Zwang und Gesetze funktionieren soll und das Ziel die Selbstbestimmung aller Menschen ist, wie können dann gemeinsame theoretische Grundlagen für den Anarchismus bestimmt werden? Diese Frage ist sehr berechtigt. Es gibt zahlreiche Versuche, Anarchismus theoretisch zu bestimmen und trotz seiner Heterogenität kann tatsächlich gesagt werden, dass er etwas Bestimmtes ist: Er ist die soziale Bewegung hin zur Verwirklichung von Anarchie, einer solidarischen, egalitären und freiheitlichen Gesellschaft von Gesellschaften, deren Produktions-weise weitgehend öko-sozialistisch ist, deren Verteilungsmodus grundlegend kommunistisch ist, deren Öffentlichkeit und Entscheidungsfindungsmodi egalitär, horizontal und partizipativ sind, deren Kommunen und sonstige Kollektive freiwillige Zusammenschlüsse von autonomen, dezentralen und miteinander föderierten Gruppen sind, deren Lebensweisen inkludierend und gestaltend und deren Beziehungsweisen maßgeblich vom Queerfeminismus inspiriert sind. Noch Fragen? Die angebrachten Beschreibungen haben zwar ihre Berechtigung, stellen jedoch lediglich hohle Phrasen dar, wenn sie nicht weitergehend mit Inhalten und den Erfahrungen von Menschen gefüllt und konkret gelebt werden. Dies wurden und werden sie aber. Deswegen stellen die theoretischen Grundsätze des Anarchismus keine dogmatischen Setzungen dar, die es zu erfüllen gilt, „weil Anarchistinnen das eben tun“. Genauso wenig lässt sich mit dieser Aussage begründen, warum selbst proklamierte oder von anderen so benannte „Anarchistinnen“ sich auf bestimmte Weisen verhalten oder organisieren. Um anarchistische Theorie betreiben zu können, darf sie nicht dogmatisch festgelegt werden, sondern ist zu beschreiben, wovon sie ausgeht, wie sie funktioniert und wozu sie dient. Hierbei dürfte klar sein, dass es nicht die eine anarchistische Theorie schlechthin gibt, sondern viele. Ebenfalls werde ich nicht an dieser Stelle festlegen, was genau sie umfasst, sondern lediglich einige Gedanken zu ihr entfalten – diese beruhen allerdings auf jahrelanger Beschäftigung und Erfahrungen mit ihr. Sicherlich könnten noch verschiedene andere theoretische Grundlagen des Anarchismus festgemacht werden. An dieser Stelle möchte ich – ausgehend vom dargestellten Schema – zunächst fünf sehr bekannte erläutern:

Pluralität: Seit der Moderne leben wir in äußerst komplexen Gesellschaften. Auch die Anarchie ist eine komplexe Gesellschaft, wobei es in ihr sicherlich keine sinnlose Überproduktion von Nahrung und Plastik, die im Meer landen und die Konsumption von hunderten verschiedener Shampoos mehr geben wird. Theoretisch von Pluralität auszugehen, bedeutet anzunehmen, dass die Unterschiedlichkeit von Einzelnen und Kollektiven, ihre spezifischen Lebensbedingungen, Erfahrungen und Bedürfnisse sich prinzipiell nicht widersprechen, sondern gut zusammengebracht werden können. Gerade die unfassbare – und unkatalogisierbare – Pluralität menschlicher Existenz und der terrestrischen Umgebung ermöglicht – theoretisch – sowohl die Befriedigung von weit verbreiteten als auch von äußerst außergewöhnlichen Bedürfnissen. Charles Fourier ging davon aus, dass die Leidenschaften aller Menschen abgeglichen und aufeinander bezogen werden können, was auch beinhaltet, dass jede Person nach ihren Veranlagungen, Interessen und ihrer Lust produktiv tätig sein kann. Nun ist die moderne Gesellschaft – und mit ihr die Anarchie, die sie überwindet – hoffentlich immer zu komplex, als dass etwa ein Computer alle Eigenschaften, Leidenschaften, Fähigkeiten und Interessen aller Gesellschaftsmitglieder klassifizieren und vermitteln könnte. Dies müssen die beteiligten Menschen schon selbst tun, denn darin besteht ihre Freiheit. Doch der Gedanke zählt: Es ist die Pluralität, welche richtig verstanden und transparent gemacht den Einzelnen ein gutes Leben ermöglicht.

Kooperation: Oft wurde gesagt, dass „der Mensch“ eben nicht „von Natur aus“ sozial sei – und Anarchie schon aus diesem Grund eine Illusion darstellen müsste. Interessanterweise wusste schon Peter Kropotkin, der Stichwortgeber für die anarchistische Theorie der gegenseitigen Hilfe, dass Menschen selbstverständlich ganz verschiedene Veranlagungen mit sich bringen und diese stark von ihren Prägungen und Entfaltungsmöglichkeiten abhängen. Menschen sind also gleichermaßen beispielsweise zu kooperativem oder konkurrierendem Verhalten fähig und keineswegs an sich „gut“. Darüber hinaus führt auch keine zwangsläufige Entwicklung zu immer mehr kooperativem Verhalten, auch wenn es richtig ist, dass in einer vernetzten und verschränkten Welt wie der unseren, alle mit anderen in Beziehungen stehen – ob sie wollen oder nicht. Die Grundidee ist, dass wir Umgebungen und Kontexte einrichten können, in denen sich Menschen kooperativer und sozialer verhalten und zwar nicht nur, weil sie so erzogen wurden oder dies als anerkannt gilt, sondern, weil ihnen vor Augen geführt wird, dass ihnen dies selbst etwas bringt. Es ist leicht gesagt, aber stimmt: Wäre das Privateigentum abgeschafft und eine Produktion und Verteilung nach den Bedürfnissen der Menschen eingerichtet, bräuchte es keine Konkurrenz um Standorte, um Löhne oder Arbeitsleistungen, um bezahlbaren Wohnraum oder das letzte 79-Cent Hackfleisch-Päckchen.

soziale Singularität: Dieser Begriff ist etwas komplizierter, aber ich habe mich entschieden, ihn zu verwenden, um auf das Konzept dahinter zu verweisen. Als soziale Singularität wird die Form bezeichnet, wie wir uns als Menschen erfahren und unsere Leben selbst gestalten können – nämlich einerseits als singuläre Einzelne, die es in dieser Form tatsächlich nur ein einziges Mal gibt und andererseits als soziale Wesen, die aufeinander bezogen und im positiven Sinne voneinander abhängig sind. Ein wichtiges Thema im Anarchismus ist seit über 140 Jahren, wie das Verhältnis von Einzelnen und Gemeinschaft, also das von Individualität und Kollektivität gut eingerichtet werden kann. Anstatt die Individuen überzubetonen wie im Liberalismus oder die Kollektive, wie in vielen sozialistischen und konservativen Strömungen, treten Anarchist*innen mit dem Anspruch auf, beiden Tendenzen den gleichen Wert zuzumessen. Dazu gibt es innerhalb des Anarchismus sehr verschiedene Vorstellungen und auch die verschiedenen Strömungen in ihm scheiden sich zum Teil an dieser Frage. Sie ist vor allem deswegen nicht einfach zu beantworten, weil der scheinbare Widerspruch zwischen Einzelnen und Gemeinschaften nicht im Anarchismus selbst angelegt ist, sondern in der Gesellschaftsform, wie wir sie vorfinden. Der Begriff soziale Singularität ist dahingehend ein Versuch, um deutlich zu machen, dass einzelne Menschen überhaupt nicht abgekoppelt von anderen vorstellbar sind. Unsere Besonderheit entsteht gerade durch unsere Erfahrungen und Beziehungen mit Anderen. In jene, denen wir begegnen, spiegeln wir einen Teil von uns selbst. Wir sind jedoch nicht einfach von den Umständen und Anderen determiniert, sondern Personen, mit eigenen Willen und daher (in einem gewissen Rahmen) verantwortlich für unser Tun.

freie Vereinbarung: In der bürgerlichen Gesellschaft schließen Privatpersonen oder Körperschaften Verträge miteinander ab. Diese ermöglichen es ihnen jeweils auf „ihr Recht“ zu bestehen, wenn sie den Vertrag als verletzt ansehen. Um dies beurteilen zu lassen und das Recht einzufordern, können sie sich dazu an eine dritte Instanz wie ein Gericht wenden, welches das Recht – gebunden an die allgemeine Rechtsordnung – mit Zwang durchsetzt. Ein Rechtsstaat legitimiert sich dadurch, dass er seinen Bürger*innen Rechte gewährt und verbindlich durchsetzt. Abgesehen davon, dass das Konzept der Bürgerschaft per se auf Ausschluss und Anpassung beruht, verschleiert die angebliche Gleichheit vor dem Gesetz allerdings, dass Herrschaftsverhältnisse Menschen in sehr unterschiedliche Positionen bringen. Dies zeigt sich fortlaufend in der Rechtsprechung, aber auch schon dadurch, wie Gesetze zu Stande kommen und wessen Interessen sie strukturell dienen. In Kürze: Die freie Vereinbarung ist das Gegenteil von Verträgen. Einzelne oder Gruppen gehen Vereinbarungen ein, bei denen es oft auch Sinn ergibt, sie schriftlich festzuhalten. Sie können auch Dritte zu Rate ziehen, damit Missverständnisse reduziert werden, sollte es zum Streit kommen. Damit über-tragen sie ihnen aber nicht die Kompetenz, eine Interpretation der Abmachung mit Zwang durchzusetzen. Freie Vereinbarungen können alle möglichen Formen annehmen. Wichtig ist, dass sie direkt zwischen denen eingegangen werden, die sie betreffen und dass sie immer wieder neu zur Verhandlung gestellt werden können. In diesem Zusammenhang wird in der anarchistischen Theorie davon ausgegangen, dass Beteiligte bemüht sind, Vereinbarungen einzuhalten, wenn sie diese aus freiem Entschluss eingehen und neu verhandeln können ohne Zwang zu fürchten. Wer Vereinbarungen dennoch fortwährend verletzt, wird von anderen wahrscheinlich als unzuverlässig angesehen und wird ihr*ihm eher mit Skepsis begegnet, wenn sie*er eine neue Vereinbarung eingehen möchte.

Selbstorganisation: Dass sich Kollektive autonom organisieren und die Beteiligten in ihnen selbst bestimmen sollen, sind grundlegende anarchistische Gedanken. Ohne theoretische Überlegungen, die sie abstützen sind sie allerdings nichts weiter als Empfehlungen. Theorien zur Selbstorganisation wurden und werden oft aus naturwissenschaftlichen Debatten übernommen, wo beobachtet wird, dass etwa Galaxien oder Ökosysteme auf komplexe Weise eigene Ordnungen schaffen. Hierbei gibt es wirklich ziemlich faszinierende Beispiele, die uns deutlich vor Augen führen, wie absurd es ist, anzunehmen, dass erst Menschen die Welt ordnen würden – und zwar angeblich abgekoppelt von ihr. Trotzdem können kosmologische oder ökologische Ordnungsvorgänge nicht einfach auf die Möglichkeiten zur Selbstorganisation menschlicher Gesellschaften übertragen werden, denn diese sind kein Organismus und keine „natürliche“ Ordnung, die es einfach zu befreien gälte, damit sie sich selbst einrichten könnte. Wie wir die Gesellschaft organisieren, ist eine Frage der Intentionen von Menschen und wie wir sie überhaupt einrichten können, eine Frage der Machtverhältnisse. Anarchismus strebt die größtmögliche Gleichverteilung von Macht an, im Sinne der Verfügung über Ressourcen, der Beteiligung an Entscheidungen, der Gestaltung der eigenen Umgebung und des individuellen Lebens. Mit diesen Grundlagen können Menschen ihre Gesellschaft selbst organisieren und können produktive soziale Dynamiken für alle in Gang gesetzt werden. Sie übersteigen zwar das Verstehen von Einzelnen bei weitem, wirken aber dennoch nicht wie unkontrollierbare, entfremdete Prozesse auf sie, weil sie sich über sie informieren und sie prinzipiell mitgestalten können.