Für eine neue anarchistische Synthese!

Lesedauer: 41 Minuten

Ausklang ___ _ … . . .

In diesem Text ging es darum, einige Überlegungen zur anarchistischen Synthese zu formulieren. Damit behaupte ich nicht, etwas völlig Neues erfunden zu haben. Mein Anliegen war es im Gegenteil, Grundlagen zu vermitteln, aus alten Erfahrungen zu schöpfen, neue Wege aufzuzeigen, Mut und Lust zu machen, sich auf vielfältige Weise anarchistisch zu organisieren. Dabei ist mir klar, dass ein Aufruf wie dieser sehr deutliche Grenzen hat. Als ich von notwendiger Ent-täuschung sprach, meinte ich das ernst. Ich wollte keine schillernden Illusionen zeichnen. Hoffnung, Begeisterung und Leidenschaft können Strategie, Organi-sation und Inhalte nicht ersetzen. Dennoch kann auch die Sehnsucht ein legitimer Ausgangspunkt sein, wenn sie die Sinne nicht trübt, sondern schärft.

In diesem Zusammenhang begann ich diese Abhandlung damit, dass es innerhalb der anarchistischen Szene und auch innerhalb einzelner anarchistischer Gruppen teilweise viel Unzufriedenheit gibt. Diese hat bestimmte Gründe und es gilt der Frustration ehrlich ins Auge zu schauen. Sie hat viel damit zu tun, wie wir mit unseren berechtigten Ansprüchen und Sehnsüchten umgehen und ob wir uns wirklich aufeinander einlassen und beziehen können. Es ist meine Überzeugung, dass weder die anarchistischen theoretischen Grundgedanken, noch unsere Beziehungen zueinander „an sich“ das Problem darstellen. Außerdem ist meine Einschätzung, dass sich die von mir wahrgenommenen und selbst erfahrenen Schwierigkeiten in der anarchistischen Szene oder einzelnen Gruppen nicht einfach durch eine „andere“ Organisationsform lösen lassen. Auch dahingehend gibt es unterschiedliche Einschätzungen, Perspektiven und Bestrebungen. Meine sind nur ein Auszug.

Wenn der Anarchismus wieder stärker, selbstbewusster und sozial-revolutionärer werden soll, braucht es dafür viele Veränderungen. Die verschiedenen notwendig-en Erneuerungen lassen sich jedoch nur sinnvoll angehen oder durchführen, wenn ωir überhaupt eine Haltung entwickeln, mit der ωir in unserer Vielfalt das Gemeinsame suchen – und es immer wieder neu aushandeln, ohne deswegen an Selbstzweifeln zugrunde zu gehen. Dies hat auch etwas mit unseren eigenen Ansprüchen zu tun, andere Beziehungen und Organisationsformen zu finden, einzugehen und aufzubauen. Ich weiß, es gibt Menschen, die das sehr gut begriffen haben, umsetzen und leben.

Diese Schrift richtete sich vor allem an Menschen, die sich selbst als Anarchist*innen verstehen – wozu sie jeweils ihre eigenen und ganz persönlichen Gründe haben. Mit der Formulierung des „ωir“ habe ich versucht, den Horizont über die anarchistische Blase oder auch die irgendwie linke Szene hinaus zu erweitern. Tatsächlich bin ich der Ansicht, dass linke Szenen zwar Rückzugsorte und Ausgangsbasen sein können, aber keine (privilegierten) Horte zur Bildung von sozial-revolutionären Perspektiven oder Bestrebungen darstellen. Gleichzeitig habe ich die Notwendigkeit betont, dort anzufangen, wo wir stehen.

Die gezeichnete konkrete Utopie der Anarchie können wir schon im Hier&Jetzt direkt erfahren. Dies versetzt uns überhaupt in die Lage, sie nicht lediglich für eine idealistische Träumerei oder das idiotische Horror-Szenario von „Chaos“ zu halten. Mich selbst inspiriert es, wenn ich sehe, dass Andere Anarchie leben – auch wenn sie es vielleicht nicht so nennen würden. (Allerdings fände ich eine persönliche Benennung ganz gut). Dies wahrzunehmen hat nichts damit zu tun, sich die Verhältnisse schönzureden. Ich weiß, dass sie sehr schlimm sind. Wir müssen sie scharf kritisieren. Es geht darum, sehen zu lernen, was auch da ist. Es geht also darum, Potenziale zu sehen. Denn nur dies kann die Ausgangsbasis für Alles sein, was wir zu verwirklichen anstreben.

Selbstverständlich sehne ich mich nach einer größeren, wirkungsmächtigeren anarchistischen Szene, eigentlich jedoch vor allem danach, dass anarchistische Perspektiven und Gruppen verschiedene emanzipatorische soziale Bewegungen inspirieren können. ~ Wenn es Anarchist*innen nicht schaffen, eine konstruktive und respektvolle Art des Streitens zu entwickeln, beziehungsweise sich auf diese einzulassen, um Gemeinsames zu finden und es herzustellen und um gemeinsam Mehr-zu-werden, so werden sie dies auch niemals in einem größeren Maßstab hinbekommen. Zwar können sie – wie es auch in der ganzen Geschichte der anarchistischen Bewegung der Fall war – Arbeiter*innen bei Streiks und Lohnkämpfen, Geflüchtete für ein Bleiberecht, Queer-, Trans-, Inter-Personen bei der Anerkennung ihrer Geschlechtsidentität, Lesben-, Schwule- und Bisexuelle bei ihrer sexuellen Orientierung, Gefangene im Knast, Betroffene in anti-neokolonialen, ökologischen und sozialen Kämpfen etc. unterstützen. Das sollten sie auch. Schließlich sind sie ja auch lohnabhängig, diskriminiert, ausge-grenzt, unterdrückt usw.. Kategorisierungen und Bewertungen von Betroffenheiten helfen uns mithin nicht weiter. Sich wirklich mit Menschen in anderen Positionier-ungen auseinanderzusetzen und im beschriebenen Sinne eine Synthese anzu-streben, ist noch einmal etwas anderes. Immerhin zieht die Herrschaftsordnung gnadenlos Grenzen zwischen verschiedenen Gruppen von Menschen, die wir nicht einfach überspringen können – weswegen wir sie einreißen müssen.

In Hinblick auf potenzielle politische Verbündete sehe ich dies allerdings ähnlich. Meiner Ansicht nach führt erst eine bessere Organisierung, Beziehungsarbeit und Theoriearbeit von Anarchist*innen dazu, sich auch gegenüber anderen Sozialist* innen zu behaupten. Es braucht eben keine Marxist*innen, die Anarchist*innen die Theorie „bringen“. Bini Adamczak in Beziehungsweise Revolution, Simon Sutterlütti und Stefan Meretz in Kapitalismus aufheben, Erik Olin Wright in Reale Utopien, adaptieren anarchistische Denkfiguren als Ecksteine ihrer Theorien, deren Herkunft sie allerdings verschleiern. Auch John Holloways und Antonio Negris Konzeption von Autonomie ist eine (nicht benannte) Aneignung anarchistischer Grundgedanken. Womöglich konnte auch Antonio Gramsci seine Hegemonietheorie nur entwickeln, weil er sich mit anarchistischen Strategien (kulturelle und ökonomische Kämpfe zu führen) auseinandersetzte und sie in eine Theorie zur kommunistischen Übernahme der Staatsmacht überführte.

Anarchist*innen brauchen auch keine Parteien, bestimmte zentralisierte „post-autonome“ bewegungslinke oder gar autoritäre Gruppierungen, die ihnen eine funktionierende Organisation nahelegen. Sowohl anarcho-syndikalistische Gewerkschaften, als auch autonome Bezugsgruppen, die dezentrale Föderation, zum Teil vielleicht auch die strategische Arbeit in Bürger*inneninitiativen, wie auch kollektive Wohn- und Lebensformen, sind ur-anarchistische Organisationsformen. Genau dies sollten wir ernstnehmen und darauf aufbauen (was nicht bedeutet, überall ein Ⓐ draufzukleben). Etwas anders gelagert scheint mir das in Hinblick auf die Beziehungsarbeit zu sein, wo ich durchaus sagen würde, dass es feministischer Inputs bedarf, um sie sinnvoll hinzubekommen (was ich allerdings gar nicht so sehr auf den zwischen-menschlichen Bereich beziehe).

Dennoch verortet ich „den“ Anarchismus – trotz eigener, auch sehr persönlicher Kritik, die ich habe – innerhalb des Sozialismus, weil seine Grundintention in der Verwirklichung von Gleichberechtigung und der sozialen Freiheit aller Menschen liegt. Dass dies nicht durch staatliche Politik ermöglicht werden kann, zeigen die Erfahrungen in den „realsozialistischen“ Staaten, von sozialdemokratischen Parteien innerhalb demokratisch-kapitalistischer Staaten, wird aber auch schon an jeder autoritären kommunistischen Gruppierung sichtbar. Ja, Anarchist*innen haben das „schon immer“ gesagt. Und indem sie dies sagten, wiesen sie Rechtfertigungsmuster, den merkwürdigen Glauben an das „Abstreben“ des Staates „nach“ seiner Übernahme und die Verlogenheit des politischen Geschachers und Verhandelns zurück.

Auf der anderen Seite halte ich nichts von einer dogmatischen und identitären Abgrenzung gegenüber anderen, aus dem bloßen Grund, weil sie selbst andere Selbstbezeichnungen wählen oder andere Sprachen sprechen. Auch sie stehen an bestimmten Punkten, in bestimmten Gruppen, haben bestimmte Erfahrungen und Gründe, warum sie welche Bezeichnungen wählen oder Positionen beziehen. Es ist lächerlich, dauernd nur an der Oberfläche zu bleiben. Denn, ja, es geht darum, „was die Leute machen“ und nicht „wie sie sich bezeichnen“. Mit „Mehr-werden“ ist also nicht gemeint, konkurrierenden „linken“ Gruppen ihre Leute abzuwerben, sondern Menschen wirklich zu überzeugen. Meine Kritik diente dahingehend der (Aufforderung zur) eigenen reflektierten Positionierung.

Wenn Anarchist*innen ein echtes und tiefgehendes Bewusstsein von sich selbst, ein Selbstbewusstsein, entwickeln – wozu sie jeden Grund haben! – brauchen sie sich durch andere Bezeichnungen und Positionen nicht zu verunsichern lassen. Im engeren Sinne sollte der gemeinsame Bezugsrahmen deswegen in einem libertären Sozialismus bestehen. Denn für die soziale Revolution braucht es wie erwähnt sehr viele – und sehr verschiedene – Menschen. Um ihr jedoch gleich-zeitig eine bestimmte Richtung zu geben (weil die anarchistische Vorstellung von sozialer Freiheit eine bestimmte ist), sollten sie sich auch mit politisch nahestehenden sozialistischen (und anderen) Strömungen verbünden. Damit wird das Eigene nicht aufgegeben, sondern im Gegenteil erst herausgearbeitet. Das, was Anarchist*innen meiner Ansicht nach in den Prozess der sozialen Revolution einbringen können – was sie besonders auszeichnet – ist in diesem Zusammen-hang die konkrete Utopie einer herrschaftslosen Gesellschaft.

So paradox es klingen mag: Die Anarchie kann nicht allein, auch nicht haupt-sächlich, von Anarchist*innen verwirklicht werden. Unter der Voraussetzung, dass sie wissen, was, wie und warum sie etwas tun, können sie sich auch in ihrer Vielfalt verbünden. (Ob sie sich formal assoziieren oder informell gut zusammen-arbeiten ist dabei nebensächlich). Wenn sie in dieser Auseinandersetzung einen neuen Aufbruch wagen, können sie stärker, selbstbewusster und schöner werden.

~ Ⓐ ~

1 https://www.dieplattform.org/2019/01/02/ueber-die-bedingungen-unter-denen-wir-kaempfen-und-den-zustand-der-anarchistischen-bewegung-im-deutschsprachigen-raum-die-schaffung-einer-revolutionaeren-plattformistischen-organisation/

2 http://www.nestormakhno.info/german/platform/org_plat.htm

3 https://anarchistischebibliothek.org/library/sebastian-faure-die-anarchistische-synthese