Für eine neue anarchistische Synthese!

Lesedauer: 41 Minuten

/// Aufbruch und Fluchtpunkt ///

An diesem Punkt kommen ins Spiel. Damit ist klar, dass ich nicht das ωir meine, dass ist, sondern das ωir, dass im Werden ist. Denn ωir können Unterschiede sehen. Es geht nicht darum, dass wir irgendwen, z.B. Irgendwie-Linke, anführen sollen (ωir könnten es auch nicht) oder darum, dass wir Gesamtpläne erstellen (das halten ωir ohnehin für unmöglich und gefährlich). Und keineswegs werden ωir alleine die soziale Revolution durchführen, sondern gemeinsam mit all jenen, welche sich dazu entschließen. Unser Beitrag besteht darin, im positiven Sinne, Enttäuschung zu verbreiten, Illusionen zu zerschlagen und gleichzeitig, eine große Vision zu entwickeln.

Was? Ist das nicht Augenwischerei? Ist ʋnsere Vision nicht zwangsläufig eine Illusion – zumal in diesen angeblich „nicht revolutionären“ Zeiten? Verkennen ωir nicht völlig die Bedingungen, unter denen wir zu handeln gezwungen werden – ob es ʋns passt oder nicht? Zugegeben, was ich beschreibe, ist Utopie. Es ist ein Nicht-Ort, das Noch-nicht-Seiende. Oder anders gesagt, eine Phase, in der ein-fach alles in Bewegung gerät. Allerdings gehen ωir davon aus, dass die Grundlagen dieser Gesellschaft schon lange vermodert sind und stinken, auch wenn Krisenbewältigungsstrategien und Austeritätspolitik das laute Krachen abdämpfen, während die Menschen weiterhin diesen Planeten und sich gegenseitig auffressen.

ωir wollen nicht in das miese Haus des widerlichen Neoliberalismus zurück und nicht in das eines langweiligen Neokeynesianismus einziehen! Wir wollen auch keinen Staatskapitalismus der „realsozialistischen“ Staaten! Und wir wollen keinen Totalitarismus wie in China, Russland oder der Türkei; keine patriarchalen Klassengesellschaften wie fast überall auf der Welt! All diese Staatsgebäude, die die Herrschaftsverhältnisse zementieren, machen uns krank. Weil ωir ʋns danach sehnen, dass deren Wände zusammenstürzen, wollen ωir ausziehen und solange umherwandern, bis ωir eines Tages ins unentdeckte Land kommen. Dort werden ωir eine Bleibe finden, die ωir selbst gewählt und in mühevoller, lustvoller, kämpferischer, spielerischer Arbeit gemeinsam errichtet haben. Und sie wird so neu sein, wie sie alt ist. Sie wird so fern sein, wie sie schon nah ist. Sie wird so universell sein, wie sie speziell ist. Und so ganz anders, wie ωir sie schon kennen. ωir haben sie schon erfahren, gerochen, gefühlt, gehört, gesehen und geschmeckt. Ihr Name ist Anarchie. Ⓐ Ⓐ Ⓐ Ⓐ Ⓐ

# Zwischenreflexion #

Das Meiste von dem, was ich bisher geschrieben habe, weißt du vermutlich schon. Und sicherlich weißt du ebenfalls viele weitere Dinge, die damit zusammenhängen. Vielleicht hast du auch Kritik an manchen Stellen. Das würde ich sehr begrüßen, denn mit diesen Zeilen habe ich keine Wahrheit behauptet, sondern mich auf die Suche nach ihr begeben – stets im Wissen darum, dass sie mir gerade entwischen wird, wenn ich glaube, sie zu erhaschen. Möglicherweise findest du auch, dass dieser Text viel zu kompliziert und hoch gestochen geschrieben ist, um die entscheidenden Dinge klar zu machen. Wenn du dies so siehst, verzeih mir bitte. Da ich meine, die Dinge sind nicht sowieso schon klar, habe ich versucht, ihnen zumindest etwas auf den Grund zu gehen. Da mich diese Dinge sehr bewegen, so sehr, dass sie sich manchmal wie ein großer Stein anfühlen und ich mich selbst gar nicht bewegen kann, habe ich versucht, sie in einer Sprache zu formulieren, die mir überhaupt erlaubt, dafür Worte zu finden. Deswegen wird es Zeit, dass ich zurück und auf den Punkt komme:

Ich habe von einem ωir geschrieben, was ich mir wünsche, wonach ich mich sehne; einem ωir, dass die soziale Revolution lebt und verwirklicht. Ich brauche selbst Sachen, die erst durch die soziale Revolution möglich werden. Genau das ist wichtig zu bedenken, damit ich dieses Bedürfnis nicht auf andere projiziere, sondern selbst, mit Anderen, sozial-revolutionär werde. Auch wenn es sich bei der sozialen Revolution um einen Prozess handelt, ist dieser Prozess kein Selbstzweck. Vielmehr zielt er darauf ab, Anarchie (oder wie immer du sie nennen magst) als gesellschaftliche Ordnung zu verwirklichen.

Diese Ordnung besteht nicht nur aus bestimmten Institutionen, Methoden, selbstgewählten Regeln und Funktionen, sondern schließt gleichberechtigte, freiwillige, solidarische, respektvolle und gegenseitige Beziehungen ein: Die Verhältnisse, wie Wir-Alle zueinander stehen, wie wir überhaupt zueinander in Beziehung treten können. Ich formuliere dies mit einem individuellen Klang, weil wir andere Verhältnisse konkret erfahren (können) und sie bedeutungslos sind, wenn wir sie nicht konkret erfahren (könnten). Gemeint sind damit aber ganze Gruppen von Menschen nach sozialen Klassen, lokalen Zugehörigkeiten, Geschlechtsidentitäten, Interessen, Herkünften, Lebensphasen und vielem mehr…

Anarchistische Formen des Streits erfinden (#!’@*~?)

Für Anarchist*innen ist entscheidend, dass die gewählten Mittel den angestrebten Zielen entsprechen sollen. Angenommen wird, dass sich keine herrschaftsfreien Verhältnisse einrichten lassen, wenn Menschen sich herrschaftsförmiger Mittel bedienen. Dies lässt sich nicht immer mustergültig umsetzen. Bei all dem hier Geschriebenen geht es nicht um Perfektionismus. Außerdem ist es auch ein Streitpunkt, was ein „herrschaftsförmiges Mittel“ ist. Ob etwa ein paar Steine auf Polizist*innen zu werfen eher ein Herrschaftsmittel ist oder nicht vielmehr eine handzahme „pazifistische“ Haltung. Ähnlich sieht es aus mit der Frage, inwiefern Technik heute noch für die Befreiung genutzt werden kann oder es keinen Ausweg aus ihrem systematischen Herrschaftscharakter gibt. Das gleiche gilt im Grunde genommen auch für „Spiritualität“: Kann sie als Ausdruck für die Suche nach einer holistischen Verbundenheit zur Mitwelt verstanden werden und damit befreiende Aspekte haben? Oder ist sie stets nur Verblendung, Ablenkung, Betrug? Der größte Streitpunkt zwischen Anarchist*innen ist aber die Frage, was unter „Gemeinschaft“ und was unter „Einzelnen“ verstanden und welches Verhältnis zwischen ihnen angestrebt wird. Und daneben gibt es noch viele andere Streitpunkte.

Weil sie oft hohe Ansprüche und eine großen Sehnsucht nach Anarchie haben, kann es geschehen, dass sie sehr viel streiten. Dabei ist Streit gar kein schlechtes Wort. Wenn eine Angelegenheit „umstritten“ ist, muss das nicht negativ sein. Es heißt nur, dass sie eben nicht abschließend geklärt ist und dass es verschiedene Positionen zu ihr gibt. Wenn ein Mensch als „streitbar“ gilt, bedeutet dies, dass er sich sehr für eine Sache einsetzt, weil diese ihr wichtig ist. Sie positioniert sich und ist bereit, dafür in die Auseinandersetzung zu gehen. Streitbarkeit muss überhaupt nicht dazu führen, Andere abzuwerten, auszugrenzen oder ihnen Intelligenz oder Legitimität abzusprechen.

ωir sollten streitbarer werden. Wenn ωir Gruppen ausgrenzen und ihnen Legitimität absprechen, dann ausschließlich, wenn diese uns grundlegend feindlich gesinnt sind. Und in der Auseinandersetzung haben wir gelegentlich mit Feind*innen zu tun. Deswegen kann es aus einem Reflex und aus verinnerlichter Verletzung heraus geschehen, dass Menschen mit ihrer Streitbarkeit über die Stränge schlagen und auch Unbeteiligte, bloße Konkurrent*innen, potenziell Verbündete oder sogar Genoss*innen und Freund*innen anfeinden. Leider sind oft gerade die Nahestehenden jene, welchen Feindschaft entgegenschlägt, wenn diese ungezügelt ausbricht. Eben weil sie nahe stehen – und nicht fern, wie die Verursacher*innen unserer Verletzung. ωir sollten ʋns streng davor hüten, so zu reagieren. Stattdessen sollten ωir unbedingt schauen, wohin ωir ʋnsere Streitbarkeit richten, wie ωir mit ihr agieren, also mit wem ωir auf welche Weise in die Auseinandersetzung gehen…

} Gemeinsames Wachsen an der/ durch die/ in der Vielfalt

Im Folgenden richte ich mich an jene, die sich selbst als Anarchist*innen begreifen. Dabei bestimme nicht ich, wer als Anarchist*in gilt oder nicht gilt. Oder zu welchem „Grad“ wer als Anarchist*in gelten kann. Selbstverständlich habe ich auch meine Erfahrungen damit und eigene Ansichten dazu. Ich versuche mich aber einen Schritt zurückzustellen. Hier geht es erst mal um dich, um euch. Damit meine ich auch jene, die einfach etwas eigenes mit dem anfangen können, was ich schreibe – ohne sich zu definieren.

Bekannterweise sind die Anarchist*innen zersplittert und in viele Lager und Szenen gespalten. Das ist umso absurder, als dass es unter und neben den Irgendwie-Linken ja gar nicht so viele Menschen gibt, die sich als „Anarchist*innen“ verstehen. Sicherlich, es gibt viele „Undogmatische“ und „Antiautoritäre“. Es gibt auch noch ein paar Autonome. Es mag auch Menschen und Gruppen geben, die sich als Kommunist*innen verstehen, aber mit den hier beschriebenen Positionen in vielen Punkten mitgehen würden. Neben Personen, die sich ein politisches Label geben, gibt auch einfach Menschen, welche auf Weisen handeln, die ʋns sehr nahe liegen. Anarchist*innen gibt es aber nicht viele. Egal, wie viele es jedoch sind: ωir sollten mehr werden (wollen). Denn wenn viele Andere mit ʋns die soziale Revolution umsetzen wollen, müssen auch ωir mehr werden. Wird unter Mehr-werden Wachstum verstanden, so bedeutet dies ein Wachsen in der Größe, aber auch ein Wachsen in der Tiefe und in die Breite. Wir müssen zugleich in ʋnseren Organisationen, ʋnseren Theorien und ʋnseren Beziehungen wachsen.

Die Grundlage dafür besteht in der Annahme, dass ʋnsere Gefährt*innen, Genoss*innen und Freund*innen schon wissen, was sie tun und warum sie dies tun. Auf jeden Fall sollten sie sich und ʋns das respektvoll erklären. Sie sollten sich gegenseitig und ʋns davon erzählen. ωir sollten miteinander darüber in Austausch treten. Und ωir sollten ʋns darüber austauschen, wie das, was ωir jeweils tun, sich ergänzen, wie es vernetzt, aufeinander bezogen und zusammengehören kann, wenn ʋnser gemeinsames Ziel die Anarchie ist.

Diese wechselseitige Verortung, dieser nach Verständigung suchende Kommunikationsvorgang, geschieht nicht in Form von abstrakten Theoriedebatten oder der gegenseitigen Vorhaltung von politischen Standpunkten (hinter denen wir uns oft verstecken). Selbstverständlich geschieht dies, in dem wir uns anschauen, was wir bereits tun, indem ωir voneinander erfahren, wer ωir sind, was ωir denken, was ωir wollen. Die Grundlage, auf der dieser Austausch, diese Bezugnahme und die mit ihr einhergehende Weiterentwicklung möglich werden kann, sind die gemeinsamen Ziele. (Über diese gilt es sich freilich ebenfalls zu streiten.) ωir gehen also nicht von einem Nullpunkt aus, sondern von einem vorgeprägten Raum, zahlreichen Erzählungen und Lebenswegen. Hinzu kommt noch die Einsicht darin, dass ωir ʋnsere Ziele ohnehin nicht alleine erreichen können. Die Einsicht darin, dass ωir aufeinander angewiesen sind. Dabei geht es nicht darum, dass wir alle die gleichen Wege gehen, die gleichen Mittel wählen, das gleiche denken sollen. Es geht nicht darum, dass ωir alle miteinander befreundet sein sollen. Aber es geht darum, das wir uns freundlich aufeinander beziehen. Schon gar nicht sollen ωir alle in der gleichen Organisation sein. Im Gegenteil, auch wenn es pathetisch und altbacken klingt: Unsere Vielfalt ist ʋnsere Stärke!

Suche nach gemeinsamen Grundlagen [durch die Auseinandersetzung]

Jede Strömung im Anarchismus hat ihre eigene Berechtigung, ihre eigenen Geschichten, organisiert sich auf eigene Weisen, oft in eigenen Kreisen und geht von teilweise verschiedenen Annahmen aus. Dies zu leugnen würde bedeuten, den Inhalt des Anarchismus selbst für unsinnig zu erklären. Viele haben das bereits getan und sind „unpolitisch“ geworden. Manche wurden Nur-Gewerkschafter*in-nen, Nur-Autonome, Nur-Feminist*innen oder Nur-Indivi-dualist*innen. Viele lernen den Anarchismus kennen und wenden sich später von ihm enttäuscht ab. Doch statt ihre Ent-täuschung zu begrüßen, sie zu transformieren und sie zur Grund-lage ihres sozial-revolutionär-Werdens zu nehmen, schließen sie sich irgendwie-linken oder sozialdemokratischen Gruppen an. Und es gibt sogar die Tendenz, von ent-täuschten Anarchist*innen, die glauben Nur-Aktivist*innen, Nur-Theore-tiker*innen, Nur-Hedonist*innen oder Nur-Dogmatiker*innen sein zu können.

Doch der Witz im Anarchismus liegt darin, dass er Handlungsweisen, Themen-felder und Menschengruppen in ihrer Unterschiedlichkeit verbindet. Nein, der Anarchismus kettet die verschiedenen Bereiche der Vielfalt nicht aneinander – er kann nur dort bestehen, wo sich Menschen freiwillig verbünden. Wo sie Bündnisse eingehen, sich auf gemeinsame Ziele hin ausrichten und in Austausch treten, können Anarchist*innen Selbstbewusstsein entwickeln. Durch solidarische Auseinandersetzungen mit Anderen können ωir Bewusstsein über ʋns selbst und daraus Stärke erlangen. Dies ist etwas völlig anderes, als nur nebeneinander her zu leben und sich zu „tolerieren“. Die Aus_ein_ander_setzung, das, was zwischen ʋns ist, was zwischen ʋns stattfindet, begründet ʋnser starkes Band, begründet ʋnser Bündnis.

Dieser Zusammenhang ist kein Selbstzweck. Trotzdem haben in ihm soziale Bedürfnisse ihre absolute Berechtigung. Immerhin kann es – wenn wir von Verbindungen sprechen – nicht sein, dass ωir ʋns selbst in einen „politischen“ und in einen „sozialen“ Menschen, oder in eine*e Sozialrevolutionär*in und eine*n Biedermeier*in aufspalten. Wenn die Erfüllung ʋnserer sozialen Bedürfnisse also ein Zweck des anarchistischen Bundes ist, so soll diese nicht der alleinige Zweck sein und ich meine auch nicht ihr Hauptzweck. Wenig ist anstrengender, als wenn Anarchismus zum Feigenblatt für die Erfüllung nur-bürgerlicher Bedürfnisse genommen wird. Indem ωir ʋns miteinander bewegen, wollen ωir stattdessen ganz neue Bedürfnisse entdecken und wecken – Bedürfnisse, die in dieser Herrschaftsordnung nie erfüllt werden können, welche somit auf Anarchie verweisen und ihre Verwirklichung als erforderlich und wünschenswert enthüllen. Und auch dies können wir nur in unserer Verschiedenheit – miteinander – bewerkstelligen.

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Die anarchistische Synthese neu eingehen und bilden

Diese Herangehensweise an ein anarchistisches Miteinander in Vielfalt, ist aus bestimmten historischen Erfahrungen erwachsen. Diese bestanden vor allem im endlosen Streit untereinander, was nun die „richtigen“ Wege, die „richtigen“ Mittel“, die „richtigen“ Positionen und die „richtigen“ Grundlagen sind. Damit möchte ich nicht falsch verstanden werden: Genau um ʋnsere Grundlagen, Positionen, Mittel und Wege soll es gehen. Jene können wir jedoch nur gemeinsam bestimmen. Wie schon erwähnt ist es wichtig, dass dies immer wieder neu geschieht, weil sich Zeiten und Umstände verändern, weil sich neue Generationen von Menschen politisieren und auch wir selbst uns verändern. (Wobei das Rad nicht jedes mal wieder neu zu erfinden ist!) Solche Selbst-Verortungen und Grundsatzdebatten „geschehen“ allerdings nicht einfach so.

Egal, ob punktuell und grundsätzlich oder kontinuierlich und alltäglich – Debatten werden von Menschen initiiert und angestrebt, weil sie diese wichtig und notwendig finden. Und weil sie außerdem finden, dass sie daran ihre eigenen Ansprüche überprüfen und ihren Umgang mit ihnen weiterentwickeln können. Es ist immer leichter, andere zu kritisieren oder sich von ihnen zu entfernen, als die Spannungen mit ihnen auszuhalten, um mit diesen gemeinsam etwas Neues zu schaffen. Es ist schwer, die ätzenden Attacken verbitterter „Genoss*innen“ auszuhalten und sie dennoch zu Gesprächen zu bewegen, genauso wie es schwer ist, die eigene Kritik konstruktiv und wertschätzend vorzubringen – Sie vor allem auch einzubringen, anstatt sie in sich hineinzufressen. Einige können gar nicht mehr anders, als Distanz zu wahren und Kritik zu üben. Doch statt selbst-gewählter und begründeter Distanzierung haben sie vor allem Berührungsängste. Und ihre vermeintliche „Kritik“ wird zur krampfhaften Rechthaberei. Natürlich ist es auch leichter, irgendwie nebeneinander her zu leben mit einem komischen Verständnis von Toleranz. Schwierig ist es dahingegen, Widersprüche auszu-halten und weiter zu entwickeln. Doch wir müssen uns nicht für Widersprüche schämen oder irgendwelche einseitigen Ausflüchte aus ihnen nehmen. Wir haben auch nicht „falsch“ gedacht, wenn wir auf Widersprüche stoßen. Denn die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben sind widersprüchlich. Dies anzuerkennen und ein Gespür für Widersprüche zu entwickeln, ermöglicht ʋns erst, etwas mit diesen zu machen und aus ihnen eine Synthese zu bilden.

Die Auseinandersetzung um das Gemeinsame in der Unterschiedlichkeit zu suchen ist anstrengend und aufwendig. Schlimmer noch: Sie hat nie ein Ende, kann immer wieder zu Unzufriedenheit führen und mündet regelmäßig in neuen Streit. Allerdings ist Streit an sich ja überhaupt nichts Negatives, sondern – wie schon gesagt wurde – im Gegenteil erforderlich. Wichtig ist, dass gestritten wird. Aber selbstverständlich auch, wie gestritten und was unter Streit verstanden wird.

Ein Streit, in welchem das Gegenüber gar nicht gesehen wird, wo sich gar nicht die Mühe gemacht wird, die*den Andere*n zu verstehen, ist ein sinnloser Streit und führt zu nichts. Ein Streit, indem es lediglich darum geht, die eigene Position zu behaupten und andere unterzuordnen (egal auf welche Weise) ist kein anarchistischer Streit. Ein Streit, der darauf abzielt, anderen Grenzen aufzuzeig-en, kann berechtigt und notwendig sein – zumal wir erst an unseren Grenzen einen realistischen Blick auf uns selbst entwickeln (auch wenn dies wiederum zu Ent-täuschung führen kann). Doch ein Streit, der allein auf Abgrenzung zielt und in welchem nicht das potenziell Gemeinsame gesucht wird, der nicht die freiwillige Verbindung zum Ziel hat, ist nicht im anarchistischen Sinne. Und eine anarchis-tische Haltung ist es schließlich ebenfalls nicht, wenn das Gegenüber im Streit abgewertet, ausgegrenzt und ihm Legitimität und Vernunft abgesprochen werden.

Jene, die Debatten initiieren und das Gemeinsame in der Unterschiedlichkeit suchen, tun dies nicht nur zum Spaß. Sie tun es nicht, weil sie harmoniesüchtig sind, in dieser auf Gewalt gegründeten und durch Gewalt aufrechterhaltenen Gesellschaft. Unsere Verbindungen, ʋnser anarchistisches Bündnis, ʋnsere Föderation, ist deswegen einzugehen, damit wir stärker und selbstbewusster, damit wir sozial-revolutionär und wirksam werden. Für diese Herangehensweise gibt es eine Bezeichnung. Sie wurde „anarchistische Synthese“ oder „synthetischer Anarchismus“ genannt.

Lasst uns auf die Suche nach dem vielfältigen ωir gehen und es miteinander verwirklichen! Lasst ʋns diese neue anarchistische Synthese wagen! Lasst ʋns den konstruktiven, respektvollen Streit miteinander suchen, um mehr zu werden, um stärker und selbstbewusster zu werden! Und, um ʋnseren sozial-revolutionären Ansprüchen gerecht zu werden!

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