Für eine neue anarchistische Organisierung!

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Mehr werden vs. radikaler werden? 𐑏

Eine lange Debatte innerhalb der anarchistischen Szene dreht sich um die Gegenüberstellung der Anliegen mit den eigenen Organisationen entweder „mehr“ oder „radikaler“ zu werden. Diese Entgegensetzung scheint mir völlig falsch zu sein, denn das eine schließt das andere nicht aus, sondern beide Bestrebungen sind unbedingt aufeinander angewiesen. Mir scheint der Grundgedanke der sozial-revolutionären Massenorganisation (s.o.) sinnvoll. Anarchistische Organi-sationen brauchen nicht in allen Fällen um des Labels wegen „sozial-revolutionär“ zu sein. Wenn sie keine Folklorevereine oder Selbstfindungsgruppen sind, sondern radikale Praktiken hervorbringen, ist schon viel getan. Sie müssen meiner Ansicht nach auch keine „Massen“ vereinen, sondern es vor allem schaffen, dass sich Menschen am Rande und außerhalb von den berüchtigten Szeneblasen organisieren – egal, ob sie dabei einer bestehenden Organisation beitreten oder selbst welche nach anarchistischen Prinzipien gründen. Wenn Anarchist*innen einen Gegensatz zwischen mehr werden und radikaler werden aufmachen, hat dies meiner Erfahrung nach etwas Merkwürdiges. Die einen beten beispielsweise herunter, dass sie eine Massenorganisation werden wollen (bzw. werden müssen) und wie viele Mitglieder die CNT oder FAUD in ihren glorreichen Zeiten hatten. Dabei stellen sie letztendlich eine Splittergruppe dar, die zwar einige Potenziale hat, aber sich doch nicht ernsthaft anmaßen kann, für alle Proletarisierten einzutreten. Die anderen kommen aus ihrem Kritikmodus an jeglichen breiter aufgestellten Organisationsformen nicht heraus, weil sie in ihnen immer schon Lähmung und Zwänge sehen und dabei – trotz ihrer unermüdlichen Aktivität – die Bedeutungslosigkeit eher bevorzugen würden, als ein Zurücktreten von ihren radikalen Ansichten, an denen sie andere messen. Gäbe es eine gut organisierte sozial-revolutionäre Minderheit (die jedoch keine Avantgarde-Partei wäre, sondern durchaus anarchistischen Vorstellungen entsprechen könnte), sähe die Angelegenheit vielleicht anders aus. Doch auch dies ist derzeit nur sehr eingeschränkt der Fall. Zugegeben, zum Teil entspricht die Entgegensetzung von mehr werden und radikaler werden verschiedenen anarchistischen Organisationsansätzen und den damit verbundenen Analysen und Strategien. Grundsätzlich sehe ich selbst dennoch keine prinzipielle Unvereinbarkeit zwischen beiden Bestrebungen und glaube weder an die Wirkung der schieren Massen und an jene der radikalen Kleingruppen allein. Wie beides zusammengeht, ist für mich eine offene Frage, die vermutlich nie abschließend geklärt werden kann – zumindest möchte ich an dieser Stelle keinen Antwortversuch wagen. Was ich will ist mit dem Vorurteil zu brechen, dass eine radikale Praxis immer Leute verschrecken und abhalten würde, sich z.B. anarchistischen Positionen anzunähern oder sich sogar selbst nach anarchistischen Prinzipien zu organisieren. Und ich will die Annahme zurückweisen, dass größere Organisationen immer lähmend und entradikalisier-end wirken oder zwangsläufig hierarchische Strukturen hervorbringen müssen. Daher bin ich der Ansicht, dass Anarchist*innen klar und deutlich für ihre Positionen eintreten und kein Blatt vor den Mund nehmen, während sie zugleich darauf achten sollten, dass ihre Sprache verständlich bleibt und ihre Aktionen begründet und erklärt werden. Sie sollten reflektiert und überzeugt sozial-revolutionär und im selben Zuge anschlussfähig und populär sein wollen. Mit dieser Grundlage können Anregungen und Vorschläge zur Organisierung von Interessierten gegeben werden und wäre sich auch aktiv um Menschen zu bemühen, die sich anarchistischen Vorstellungen erst annähern. Dies bedeutet keineswegs, dass eine Verpflichtung oder Notwendigkeit besteht, alle Interessiert-en in die eigene Gruppe aufzunehmen.

Zur Vermittelbarkeit anarchistischer Praktiken und Inhalte ௳

Anarchist*innen wird vorgeworfen, ihre Handlungen und Standpunkte wären schwer an die „Durchschnitts-Bevölkerung“ vermittelbar. Oft haben sie selbst diesen Eindruck und diskutieren, wie sie mit ihren Praktiken und Inhalten Menschen erreichen können. Dies sind wichtige Fragen, welche die Strategie und die Organisationsform betreffen, wobei wiederum klar ist, dass es hierbei nicht den einen richtigen Weg geben kann. An der Feststellung, dass es unheimlich schwierig zu sein scheint, anarchistische Praktiken und Inhalte weiter zu verbreiten, ist auf jeden Fall etwas dran. Diese als Vorwurf zu formulieren hilft allerdings nicht weiter, weil er aktiven Leuten die Schuld zuschiebt „nicht genug“ oder „das Falsche“ zu machen – eine Einstellung, die vor allem aus eigener Frustration, den Ohnmachtsgefühlen und Ent-täuschungen geformt wird, womit andere Faktoren ausgeblendet werden. Entscheidend ist, dass wir das tun und auch zu vermitteln versuchen, was in unserer Macht steht. Mehr können wir nicht tun. Weniger sollten wir nicht tun, wenn wir uns für grundlegende Veränderungen einsetzen. Doch es stimmt ebenfalls, dass viele weit mehr tun können, als sie glauben – innerhalb und außerhalb (anti-)politischer Szene-Kreise. Die sogenannten „Szenen“ sind selbstverständlich ein Problem, um andere Menschen zu erreichen. Das haben schon viele festgestellt. Menschen in ihnen tendieren stark dazu, sich um sich selbst zu kreisen, sich darin einzurichten und zurück zu ziehen, sich gegenseitig anzufeinden – und vor allem nicht mehr über den Tellerrand hinaus zu blicken. Andererseits erfüllen (anti-)politische Szene eben in diesen Aspekten wichtige Funktionen. Sie sind Räume des Rückzugs, der Erholung, der Selbstreflexion, der gegenseitigen Kritik und der gemeinsamen inhaltlichen und strategischen Entwicklung. Begreifen wir diese Funktionsweise und wichtige Bedeutung (anti-)politischer Szenen, ist dies der erste Schritt, sie als Ausgangsbasen zu nehmen und dann zu verlassen, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Im Übrigen ist das Szene-Ding nicht vor allem ein Problem von „Linken“. Alle möglichen Leute leben in den verschiedensten Szenen, die eigene Normen, Inhalte, auch Organisationen und – damit verbunden – unterschiedlichste Lebens-realitäten hervorbringen. Im Sinne der anarchistischen Vorstellung einer „Gesell-schaft von Gesellschaften“ ist dies gar nicht mal verkehrt. Es sollte nicht das Ziel sein, dass alle Menschen sich der (anti-)politischen Szene anschließen. (Wenn es nur einige wären, wäre schon viel erreicht, denn unsere Kreise sind so klein…) Die Frage lautet eher, wie wir Brücken zwischen verschiedenen Milieus bauen und verschiedene Kreise miteinander in Kontakt bringen können. Eben diese Tätigkeit, Verknüpfungen zu schaffen, ist selbst etwas sehr Anarchistisches. Anarchist*innen beurteilen andere (möglichst) nicht nach ihrem Hintergrund und ihrer gesellschaftlichen Positionierung, sondern nach dem, was sie tun (wobei ein Aspekt ist, wie sie mit ihrer Positionierung umgehen). In Kürze: Die Vermittelbar-keit explizit anarchistischer Praktiken und Inhalte gelingt immer dort am besten und ehesten, wo wir einen direkten Kontakt zu Menschen aufbauen und sich Diskussionsprozesse oder gar gemeinsame Tätigkeiten ergeben. Es gibt nicht „die“ Durchschnitts-Bevölkerung, welche wir erreichen könnten, sondern nur sehr unterschiedliche Menschen(gruppen), die zu verschiedenen Graden empfänglich für unsere Positionen sind oder auch nicht. Ob sie es sind, können wir nicht vorab beurteilen, sondern nur, wenn wir uns mit ihnen auseinandersetzen. Ich denke es lohnt sich, darauf zu vertrauen, dass da mehr geht, als wir uns oft vorstellen können.
Schließlich gibt es da noch „die Medien“. Irgendwie-linke Gruppen setzen in den letzten Jahren verstärkt auf neue Kommunikationsstrategien. Ziviler Ungehorsam soll zum Erlebnis werden, wird mit Drohnen gefilmt und mit peppigem Techno unterlegt. Ganz selbstverständlich treten heute wieder offizielle Bewegungssprecher*innen auf und auch Entscheidungsfindungsprozesse werden wieder stärker als früher durch Bewegungsmanager*innen gelenkt. Nichts spricht an sich gegen professionelle Videos, gegen die Einbeziehung von Emotionen und den bewussten Umgang mit ihnen im Protest. Wenn wir gemeinsam entscheiden, dass jemand für einen bestimmten Zeitraum als Sprecherin fungieren soll, warum nicht? Und dass Menschen sich mehr oder weniger stark einbringen, die Aktion oder Organisation mitgestalten, liegt im Wesen der Sache (auch wenn dies ganz bestimmte Voraussetzungen hat). Das Problem scheint mir eher zu sein, dass Erfolge hauptsächlich auf der diskursiven Ebene gesucht werden. Medienpräsenz scheint inzwischen oft mehr zu zählen, als direkte Aktionen, die für sich selbst sprechen. Ja, die Frage, wie unsere Anliegen vermittelt werden können ist wichtig und immer wieder neu zu stellen. Die Vorstellung aber, dass Aktionen vor allem anderen „vermittelbar“ sein müssten, ist aus anarchistischer Perspektive grund-legend problematisch. Sie geht demokratischen Illusionen auf den Leim, nährt sie und bleibt auf einer oberflächlichen Ebene stehen.

𝌌 𝌌 𝌌 Themenfeldern und Ebenen verbinden

Ich hatte schon geschrieben, dass ich es für eine besondere Herangehensweise und Tätigkeit von Anarchist*innen ansehe, Verknüpfungen, Verbindungen und Schnittstellen zu schaffen – anstatt sich sektiererisch zurückzuziehen, die Wahrheit zu pachten und sich über andere zu erheben. In Abgrenzung zu „Ideologie“, aber mit dieser verwandt, begreife ich Anarchismus als Weltanschauung. Dieser Begriff ist nicht unproblematisch, weil er (unter anderem) auch von rechtsextremen Philosophen genutzt wurde, um die Irrationalität von Kategorien wie „Blut“, „Heimat“, „Rasse“ zu rechtfertigen. Dennoch glaube ich, dass es legitim ist und Sinn ergibt, von Anarchismus als Weltanschauung zu sprechen. Unbedingt sollte sich anarchistisches Handeln und Denken begründen, rechtfertigen und kritisieren lassen. Trotzdem ist anzuerkennen, dass die ethischen Grundwerte des Anarchismus Positionen und Entscheidungen darstel-len, die in letzter Instanz schlichtweg nicht begründet, sondern nur bezogen und gefällt werden können. Allen Menschen grundsätzlich die gleiche Würde zuzusprechen, wird im Anarchismus als Wahrheit gesetzt. Wenn wir der Bestie Mensch ins Auge schauen, kann es sein, dass wir selbst an dieser Wahrheit zweifeln. Dies führt jedoch nicht umgekehrt dazu, dass Menschen an sich eine ungleiche Würde und Wertigkeit haben. Denn Ungleichheit wird ihnen in der herrschafts-förmigen Gesellschaftsform aufgedrückt. Sie ist ein Ergebnis der hierarchischen Strukturierung, von Ausbeutung, Unterdrückung und Entwürdigung. Anarchismus als Weltanschauung geht über Ideologie hinaus, weil sie zwar aus den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen hervorgeht und in ihnen verhaftet ist, jedoch nicht gesagt werden könnte, dass sie (ebensowenig wie „die“ Verhältnisse an sich) grundlegend „falsch“ sei. Weltanschauung ist sozial konstruiert, kann aber auch bewusst gestaltet und weiterentwickelt werden. Sie ist – wie alle (un)bewussten Vorstellungen – von ideologischen Aspekten durchzogen. Mit dem Begriff „Weltanschauung“ wird aber die Entscheidungsfähigkeit aufgrund der Erkenntnisfähigkeit und des Willens einzelner Menschen betont. Worum es geht, ist, dass anarchistische Perspektiven prinzipiell auf alle gesellschaftlichen Bereiche und Themen angelegt werden können. Darüber hinaus spielen sie auf verschiedenen Ebenen eine Rolle, ob auf einer intergalaktischen, planetaren, kontinenalen, ob in einer Region, einer Kommune, einer Gruppe oder im zwischenmenschlichen Leben von Einzelnen. Deswegen wäre es absurd zu fordern, alle Anarchistinnen sollten sich einem bestimmten Thema widmen, weil dies gerade dran oder das wichtigste wäre. Sie stehen an unterschiedlichen Orten und Punkten und das ist gut so. Weil dies so ist, kann erst die Frage gestellt werden, wie antikapitalistische Kämpfe in und gegen die Lohnarbeit, gegen die Verteuerung des Konsums und für Gemeingüter, gegen Repression und Überwachung, ökologische Kämpfe, postkoloniale und antirassistische, antifaschistische, (queer-)feministische, anti-anthropozentrische und antimilitaristische Kämpfe zusammengebracht werden können. Dies ergibt sich daraus, dass unter Anarchie eine herrschaftsfreie gesellschaftliche Ordnung verstanden wird. Weil Anarchie potenziell Schritt für Schritt verwirklicht werden kann und schon zu einem gewissen Grad existiert, gibt es bereits diverse Konzepte, wie im anarchistischen Sinne Wirtschaft, Tätigkeiten und Güterverteilung, kommunale Selbstverwaltung, Geschlechterverhältnisse, Bildung, Gesundheitsversorgung, Energieproduktion, das gesellschaftliche Naturverhältnis usw. organisiert werden können.
Wichtig ist, dass Themenfelder und Orte an denen wir etwas bewegen wollen, etwas mit uns zu tun haben. Wir können nicht ganz woanders hingehen und Menschen die Welt erklären, sondern brauchen Bezüge zu ihnen, ihren Lebensrealitäten und Sprachen. Oft scheint uns vieles in der bestehenden Gesellschaft sehr fern und fremd. Vielen fällt es nicht leicht, Distanzen zu überbrücken und Schritte auf Andere zuzugehen. Umso besser kann uns dies gelingen und können wir das lernen, wenn wir uns unserer eigenen Überzeugung-en und Standpunkte bewusst sind und sie selbst/bewusst vertreten können, ohne uns oder anderen etwas vor zu machen. Es geht also auch darum, unsere eigenen Themen, Erfahrungen und Gefühle mit unserer anarchistischen Perspektive zu verbinden. Dies ist die Grundlage dafür, Menschen aus ganz verschiedenen Milieus und Gruppen ins Gespräch zu bringen und vor allem denjenigen eine Stimme zu verleihen, die mundtot gemacht, ausgegrenzt und unterdrückt werden.

๛ Die Vision eines libertären Sozialismus im 21. Jahrhundert

Die vorweggenommene Konterrevolution des rechts-autoritären Gesellschafts- und Staatsprojektes in den europäischen Ländern, den USA, Brasilien, der Türkei oder den Phillipinen hat etwas, über was links-emanzipatorische Akteur*innen derzeit nicht (mehr) verfügen: Sie ist vereint und schlagkräftig im Bestreben, die bestehende liberal-demokratische Gesellschaft abzuschaffen und an ihrer Stelle eine homogene, streng hierarchische, abgeschottete „Kultur“ zu setzen, in denen Andersdenkende und Andersseiende überwacht, ausgegrenzt und repressiv unterdrückt werden. Kurz, sie hat eine Vision. Dies sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Staatsapparat und in der Bevölkerung zuvor bereits genug autoritäre Elemente vorhanden und wirksam waren, deren Frucht der neue Faschismus ist. Anstatt Institutionen der kapitalistischen Demokratie zu verteidigen, schlagen Anarchist*innen vor, der Konterrevolution mit einer sozial-revolutionären Perspektive zu begegnen. Dies bedeutet, anschauliche Vorstellungen zu entwickeln und plausible Wege aufzuzeigen, wie wir über die bestehende Gesellschaft hinausgelangen können. Unter Umständen kann dies auch bedeuten, erkämpfte Errungenschaften gegen Schlimmeres zu verteidigen, doch unser Anliegen ist ein anderes und unsere Aussicht richtet sich auf das unentdeckte Land der Anarchie. Um uns als radikale und emanzipatorische Akteur*innen stark zu machen, Selbst-Bewusstsein zu entwickeln, uns Ressourcen anzueignen und Macht zu entfalten, braucht es ganz verschiedene Dinge – von denen nur ein kleiner Teil in unserer Hand liegt. Der Aufbau von populären und radikalen Organisationen, die zugleich Kampforganisationen und Keimzellen der zukünftigen Gesellschaft sein können, ist dabei ein ganz wesentlicher Aspekt. Doch um uns dazu zu motivieren und sie sinnvoll auszurichten, gilt es, neu Orientierung zu gewinnen, also zu schauen, wo wir herkommen, wo wir stehen und wo wir hin wollen. Ich fände es wunderbar, wenn wir aus anarchistischen Szenen eine erneuerte und handlungsfähige anarchistische Bewegung formieren würden, die ganz verschiedene Menschen verbinden und unterschiedliche sozialen Auseinandersetzungen unterstützen und mit gestalten könnte. Dies ist aber nichts, was in meinem Kopf entworfen werden kann, sondern ein Organisierungsprozess, den konkrete Menschen und Gruppen voranbringen können oder auch nicht. Dafür mangelt es allerdings an wichtigen Voraussetzungen, nämlich Kapazitäten, Ressourcen, Kontinuität, Strategien, Selbst-Bewusstsein und schließlich einer geteilten Vision. Meiner Ansicht nach hat es bestimmte Gründe, dass es eigentlich immer nur wenige explizite Anarchist*innen gab – wenngleich auch gelegentlich mehr als heute. Ich möchte Menschen gern auffordern, dass sie Position beziehen und schauen, ob sie anarchistische Vorstellungen, Konzepte und Gruppen ansprech-end finden. Wenn dies der Fall ist, möchte ich sie anregen, sich eingehender damit zu beschäftigen und ihre Handlungen, ihr Leben, sozial-revolutionär auszurichten. Dennoch geht es mir keineswegs darum, dass sie alle Anarchist* innen werden sollen. Schon gar nicht, wenn sie sich so bezeichnen, mir aber von ihren Grundeinstellungen her unsympathisch sind. Von mir aus braucht sich auch eine (anti-)politische Szene nicht vorwiegend als „anarchistisch“ zu verstehen…
Trotzdem braucht es meiner Ansicht nach eine Vision als Zielvorstellung, die von verschiedenen emanzipatorischen Strömungen und Gruppen geteilt wird. Diese müssten sie gemeinsam und langfristig entwickeln und ausformulieren. Sie kann nicht wie diese Broschüren von mir am Schreibtisch geschrieben, sondern nur in Diskussionsprozessen verschiedener Gruppen geformt werden. Vor allem müsste sie an den Lebensrealitäten unterschiedlicher Menschen anknüpfen und eine gemeinsame Sprache für sie finden. Wenn uns dieses Meta-Narrativ, diese Großerzählung, wie wir die gesellschaftlichen Verhältnisse wirklich anders machen und Herrschaft letztendlich überwinden können, tauglich erscheint, um ein gemeinsames Bündnis hervorzubringen, so würde ich es libertären Sozialismus nennen. Es ist klar, dass damit keine Partei (und auch keine Parteijugendorganisationen) gemeint ist, sondern eine „Bewegung der Bewegungen“. Die meisten Anarchist*innen verstanden sich als libertäre Sozialist*innen und ich denke es gibt Sinn, dass inhaltlich weiterhin so zu sehen, auch wenn ich nicht auf diese Bezeichnung bestehe.
Verständlicherweise gibt es Vorbehalte gegen solche Strömungs-übergreifenden Zusammenschlüsse, auch wenn sie „gut gemeint“ sein mögen. Beispielsweise bringt es für Anarchist*innen nichts, wenn sie in einem zivilgesellschaftlichen Einheitsbrei aufgehen. Überhaupt sollte aus „der“ Zivilgesellschaft kein sozial-revolutionäres Potenzial erwartet werden. Andererseits glaube ich, die Angst, dass eigene Profil zu verlieren, besteht vor allem dort, wo Unsicherheiten über die jeweiligen Positionen und Inhalte bestehen. Wer sich aber über die eigenen Standpunkte bewusst und sicher ist, kann auch besser in Streit und Aushandlungen mit anderen gehen, um zu schauen, wo sich gemeinsame Projekte und Vorstellungen entwickeln lassen. Die Aufgaben von Anarchist*innen in einem solchen Bündnis wären es meiner Ansicht nach:

  1. Anstöße zur libertär-sozialistischen Organisierung zu geben und Konzepte zu entwickeln, wie diese gelingen könnte
  2. ihre utopischen Elemente einzubringen, um die Entwicklung einer geteilten Vision zu fördern
  3. aufzuzeigen, welche Schritte gegangen werden müssten, um diese zu erreichen
  4. die sozial-revolutionäre Ausrichtung des gemeinsamen Projektes im Auge zu behalten und es immer wieder danach zu orientieren
  5. Ziele und Mittel abzugleichen und ein Übereinstimmung zwischen ihnen herzustellen
  6. den libertären Sozialismus gegen Angriffe zu verteidigen
  7. ihre Eigenständigkeit zu bewahren und das eigene Profil zu schärfen, um genau diesen Aufgaben gerecht werden zu können

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