Für eine neue anarchistische Organisierung!

Lesedauer: 49 Minuten

Fünf grundlegende Organisationsprinzipien

Im vorherigen Teil habe ich verschiedene anarchistische Ansätze beschrieben, mit denen versucht wird, nach Autonomie zu streben, d.h. eine Distanz zu Herrschaftsverhältnissen und -strukturen aufzubauen. Dies gelingt, indem an ihre Stelle das Selbst-Bewusstsein der Einzelnen, vorhandene kommunale und kollektive Strukturen, die begründete Vision einer anarchistisch-kommunistischen Gesellschaft, die Gewerkschaft als Keimzelle der zukünftigen Gesellschaft oder schließlich Kommunen und Alternativbewegungen als Experimente eines neuen Beginnens gesetzt werden. Die Autonomie als anarchistisches Organisations-prinzip ist mit vier weiteren grundlegenden Prinzipien verbunden und zwar mit der Dezentralität, dem Föderalismus, der Freiwilligkeit und der Horizontalität. Sie alle werden schon explizit in frühen anarchistischen Schriften genannt und spiegeln sich im Wesentlichen auch in den Statuten der ersten Internationalen wieder, bevor diese von den Staatssozialist* innen zentralisiert und autoritär ausgerichtet wurde. An dieser Stelle sollen die miteinander untrennbar verknüpften anarchistischen Organisationsprinzipien knapp dargestellt werden.

Autonomie… bedeutet Selbst-Gesetzgebung, oder besser: selbständiges Regeln-Setzen. Ihr Gegenteil ist Heteronomie, die Fremd-Gesetzgebung oder Fremdbestimmung. Nur wenn Kollektive Regeln festlegen, sind sie in der Lage, über sich selbst und von sich selbst ausgehend zu verfügen und das Leben in ihnen zu gestalten. Anarchie ist also nicht die Abwesenheit von Ordnung, sondern vielmehr eine freiwillige, selbstbestimmte Ordnung ohne jenes Chaos, welches in fremdbestimmten Strukturen hervorgebracht wird, in denen Menschen unterworfen und gezwungen werden. In der anarchistischen Vorstellungen ist es erstrebenswert, dass alle Kollektive und Gemeinschaften in die Lage versetzt werden, sich ihre eigenen Regeln zu geben. Dafür bedarf es logischerweise bestimmter materieller und Bewusstseins-mäßiger Voraussetzungen, sowie weiterhin das wechselseitige Zugeständnis von Gemeinschaften, die Autonomie anderer zu akzeptieren und mit ihnen über ihre jeweilige Organisationsweise in Austausch zu treten.

Dezentralität… schließt an Autonomie an, insofern aus ihr hervorgeht, dass Gemeinschaften und Kollektive durchaus unterschiedlich organisiert sein können. Die Durchsetzung zentralistisch gefällter Entscheidungen kann demnach nur mit Zwang und Gewalt gelingen, weil sie auf die Gegebenheiten vor Ort nicht eingehen kann. Daneben sind zentralistische Strukturen oftmals viel weniger effektiv, als ihre Anhänger*innen uns glauben machen wollen, weil sie über weniger Informationen verfügen und diese nicht so verarbeiten können, wie dezentral organisierte Netzwerke. Das Internet oder Gehirne sind gute Beispiele dafür und die Stabilität der mittelalterlichen Gesellschaften hängt damit (bei all ihren Nachteilen) zusammen. Außerdem werden zentralistische Organisationen von wenigen Menschen kontrolliert und sind stets hierarchisch aufgebaut, während es Dezentralität ermöglicht, viele einzubeziehen und Macht zu verteilen.

Föderalismus… meint ebenfalls, dass es keine zentrale Instanz geben soll, welche von oben nach unten bestimmt, was andere umzusetzen haben. Damit liegt der Umkehrschluss nahe: Entscheidungen sollen von denjenigen getroffen werden, die sie jeweils betreffen. Wenn sie die Kapazitäten oder die Kompetenzen einer Gemeinschaft oder eines Kollektivs übersteigen, können sie auf eine regionale Ebene verlagert werden. Dort treffen sich Delegierte verschiedener Gemeinschaften, die mit einem imperativen Mandat ausgestattet sind. Das bedeutet, dass sie jederzeit abberufen werden können und direkt die Meinung bzw. Beschlusslage ihrer Gemeinschaft zu einer Frage einbringen müssen – anstatt, dass ihnen die Macht verliehen wird, für ihre Gemeinschaft zu entscheiden. In Hinblick auf die Produktion, auf den Konsum, bei der Wissens-produktion, zur kulturellen Vielfalt usw. ist es für Anarchist*innen wichtig, sich mit anderen zu vernetzen und auszutauschen. Auf der Grundlage freier Vereinbar-ungen zwischen den jeweiligen Kollektiven, schließen diese sich zusammen und können die Bedingungen ihres Zusammenschlusses fortwährend verändern.

Freiwilligkeit… ist ganz entscheidend im Anarchismus. Niemand darf gezwungen werden sich einem bestimmten Kollektiv anzuschließen oder bei diesem zu bleiben, wenn es fundamentale Unstimmigkeiten gibt. Ebenso wenig können Mitgliedern Aufgaben übertragen werden, die sie nicht freiwillig übernehmen wollen. Dies bedeutet selbstverständlich nicht, dass alle immer nur machen, worauf sie gerade Bock haben und sobald die erste unangenehme Verpflichtung aufkommt, aus der Gemeinschaft austreten können. Es geht einfach ganz grundsätzlich darum, dass Organisationen nur anarchistischen Werten gerecht werden und in vielen Fällen sogar besser funktionieren, wenn die Beteilig-ten in ihnen alles freiwillig und ohne jeden Zwang tun. Über die Bedingungen des Ein- und Austretens sollten ebenfalls Vereinbarungen eingegangen werden, wie bei allen anderen wichtigen Fragen. Übrigens sind Kollektive in dieser Vorstellung keineswegs verpflichtet, alle Menschen aufzunehmen, die ihnen beitreten wollen, denn auch dies würde die Freiwilligkeit der in ihnen Assoziierten untergraben.

Horizontalität… wurde als Begriff von den klassischen Anarchist*innen noch nicht verwendet, sondern kam erst in neueren Debatten auf. Gleichwohl kann sie als grundlegendes anarchistisches Organisationsprinzip gelten, weil sie beinhaltet, dass alle Beteiligten gleichberechtigt sind und sich auf Augenhöhe begegnen. Um dies einzurichten, werden keine Chefinnen gewählt, wird der Bildung von Fraktionen entgegen gewirkt, werden Konsensverfahren und andere Methoden angewandt, um möglichst die Ansichten aller (welche die jeweilige Angelegenheit interessiert) einzuholen und zu berücksichtigen. Dies schließt nicht aus, dass sich Personen finden, welche horizontale Organisierungs- und Entscheidungsfindungsprozesse strukturieren und begleiten. Wichtig ist allerdings, dass derartige Funktionen rotieren und von möglichst vielen Leuten erlernt werden.


ʚ Genossenschaftliche und solidarische Beziehungen ʚ ʚ ʚ

Organisationen zu entwickeln, die anarchistischen Vorstellungen entsprechen, ist ein gemeinsamer und nie abschließbarer Prozess. Damit sie sowohl als Kampf-organisationen wie auch als Keimzellen der zukünftigen Gesellschaft taugen und jene somit schon ansatzweise verkörpern und vorwegnehmen, muss die Vorstel-lung losgelassen und überwunden werden, eine „richtige“ Organisationsstruktur würde die Schwierigkeiten und Probleme der anarchistischen Szene beheben. Sicherlich ist immer wieder neu zu diskutieren, welche Organisationsform für welche Zwecke sinnvoll erscheint, welche den Vorstellungen, Interessen und Erfahrungen ihrer Mitglieder entspricht, welche überhaupt – von uns ausgehend – praktiziert werden kann und dergleichen. Ein Lesekreis wird nicht geeignet sein, um einen Arbeitskampf zu führen, ein Syndikat nicht unbedingt um ein Punk-Festival zu organisieren und mit einer offen auftretenden Gruppe wäre es wahnsinnig militante Aktionen durchzuführen. Es geht hier also nicht um eine völlige Beliebigkeit, sondern im Gegenteil um die Bewusstwerdung von Organisierungsprozessen insgesamt, verbunden mit der selbstkritischen Frage, wann geschaffene Strukturen uns daran hindern, unsere ursprünglichen Ziele zu verfolgen, weil sie zum Selbstzweck geworden sind. Oder, ob sich etwa unsere Ziele verändert haben und wir uns nun deswegen anders organisieren sollten.
Zu den Überlegungen und Diskussionen um eine sinnvolle Organisierung muss daher unbedingt die Betrachtung und Gestaltung von genossenschaftlichen und solidarischen Beziehungen hinzukommen. Denn ausnahmslos jede Organisation kann nur so gut funktionieren, wie sie von ihren Mitgliedern getragen und unterstützt wird. Diese Unterstützung, Mitgestaltung und auch eine gewisse Identifikation kann jedoch nicht einfach vorausgesetzt werden, ebenso wenig wie angenommen werden kann, dass sie von selbst entstünde, wenn Menschen einmal Mitglied in der autonomen Gruppe, dem Syndikat oder dem Hausprojekt sind. Ich schreibe hier von „genossenschaftlichen“ Beziehungen, um zu verdeut-lichen, dass ich nicht der Ansicht bin, alle Menschen in sozialen Bewegungen oder auch kleineren Gruppen sollten miteinander befreundet sein. Um ehrlich zu sein finde ich das auch überhaupt nicht erstrebenswert. Denn erstens möchte ich mich mit vielen zusammenschließen, die ich nicht alle mögen kann und will. Zweitens ist Sympathie auch nicht die Grundlage dafür, zumindest punktuell und in Hinblick auf konkrete Dinge zusammenzuarbeiten, sich darüber hinaus jedoch auch solidarisch aufeinander zu beziehen. Solidarität besteht ja gerade darin, andere zu unterstützen, auch wenn wir sie nicht mögen oder auch gar nicht kennen, aber davon ausgehen, dass wir gemeinsame Wert- und Zielvorstellung teilen und in einem gemeinsamen Kampf verbunden sind. Je stärker unser Zusammenhalt ist und wir gegenseitige Hilfe praktizieren, desto stärker ist auch die Organisation, welche wir aufbauen können. Wie gesagt sind genossenschaft-liche Beziehungen nicht vorab vorhanden und entstehen nicht einfach so. Wir gehen sie ein und pflegen sie, indem wir unsere Tätigkeiten wertschätzen, gemeinsam Zeit verbringen, Interesse an den anderen zeigen, aufkommende Konflikte bearbeiten und uns tatsächlich gegenseitig helfen und beschenken.
Meiner eigenen Erfahrung nach, sind genossenschaftliche Beziehungen wirklich etwas anderes als Freund*innenschaften, Bekanntschaften zwischen Kolleg*innen oder reine Zweckbeziehungen. Dies schließt allerdings nicht aus, dass da auch mehr geht. Wenn Sympathien oder Affinitäten zwischen Personen vorhanden sind, können diese weiterentwickelt werden und zu Gefährt*innenschaften werden. Es gibt auch Gruppen, in denen nur solche tieferen Beziehungen eingegangen werden, jedoch kommen diese erfahrungsgemäß an eine Grenze von vielleicht sieben, maximal zwölf Personen. Gefährt*innenschaften können in größeren Organisationen auch wunderbar neben genossenschaftlichen Beziehungen bestehen. Hierbei ist zu beachten, dass sie keine Seilschaften und Geklüngel werden, die Kompetenzen an sich ziehen. Sie sollten nicht vernachlässigen, mit allen genossenschaftliche Beziehungen zu pflegen.

≻ Direkte Aktionen ≺

Wenn Anarchist*innen sich organisieren, dann nicht zum Selbstzweck, sondern um in den vielgestaltigen Auseinandersetzungen um die Verwirklichung von Anarchie bestimmte Zwischenziele zu erreichen. Schon oben schrieb ich, dass es dazu permanent gilt, die gewählten Mittel mit den angestrebten Zielen abzugleichen und eine Übereinstimmung von ihnen anzustreben. Auch der Ansatz direkter Aktionen steht für diese Herangehensweise. Mit direkten Aktionen sollen vorgefundene Missstände unmittelbar angegriffen oder beseitigt werden, um an ihre Stelle zugleich etwas anderes zu setzen. Sie sind eine besondere Mischform einerseits aus politischen Aktionen und andererseits aus ethischen Handlungen. Mit politischen Aktionen wird versucht auf die Verhandlung verschiedener Interessen in einer herrschaftsförmigen Gesellschaft Einfluss zu nehmen, wobei es große Unterschiede geben kann, wie das aussieht. Demonstrationen und Kundgebungen sind politische Aktionen, wenn sie darauf abzielen, eine bestimmte Botschaft zu verbreiten und damit vielleicht auch in die Medien zu kommen. Auch ein Banner mit der Botschaft „Weg mit dem §219!“ erscheint zunächst als politische Aktion. Wird es ergänzt z.B. durch das Statement „Für eine selbstorganisierte feministische Bewegung!“ oder dem Aufruf „Staatlichem Sexismus entgegentreten!“ rückt das Banner in Richtung einer Direkten Aktion. Denn damit wird auf die Notwendigkeit des eigenmächtigen und selbstorganisierten Handelns verwiesen, die grundlegende Veränderungen möglich machen und diese mit einer Herrschaftskritik verbinden sollen. Mit ethischen Handlungen sind direkte Aktionen verbunden, weil sie letztendlich ein ethisches Anliegen verwirklichen wollen. Wenn sich Anarchistinnen solidarisch verhalten und Menschen in schwierigen Situationen unterstützen, dann tun sie dies nicht aufgrund der strategischen Überlegung, dass die Betroffenen dadurch in ihre Organisation eintreten oder damit diese eine größere Wirkungsmacht erlangt. Dies kann zwar durchaus geschehen, ist jedoch nicht Ziel des solidarischen Handelns. Vielmehr spricht dieses für sich selbst und dehnt sich somit (hoffentlich) aus. Mit jedem selbstlosen Teilen und Schenken wird ein Stück Anarchie verwirklicht. Stellen wir uns wieder ein Banner vor. Die Verbindung von ethischer Forderung in der direkten Aktion könnte beispielsweise in einem Protest gegen eine Mastanlage formuliert werden mit: „Schlachthöfe schließen! Für ein würdevolles Leben aller nicht/menschlichen Tiere!“.
Insgesamt bestehen direkte Aktionen allerdings weniger in Bannern mit Appellcharakter, sondern, durch die Handlungen, zu welchen sie auffordern oder bei denen sie gezeigt werden. Die Besetzung eines Braunkohlebaggers, eines Hauses oder einer Straße, das Aufstehen im Flugzeug, bei einer Abschiebung, die lautstarke Intervention in einer öffentlichen Veranstaltung der AfD, mitunter auch das Weglaufen vor der Polizei, die meint, eine*n kriminalisieren zu müssen oder die Sabotage einer Maschine oder eines Gerichtsprozesses, selbst das Klauen im Supermarkt – all dies können direkte Aktionen sein. Damit wird klar, dass direkte Aktionen sehr unterschiedliche Formen annehmen können. Sie können sowohl von Einzelnen, als auch von vielen Hunderten praktiziert werden. Allerdings unterscheiden sie sich vom Zivilen Ungehorsam dadurch, dass sie nicht provozieren oder blockieren, um dann „erhobenen Hauptes“ eine Strafe die damit verbunden sein könnte zu akzeptieren. Es geht bei direkten Aktionen nicht darum, eine gewisse Grenze des bürgerlichen Rechts zu überschreiten oder aufzuzeigen, dass der Wille von Staatsbürger*innen missachtet wird. Entscheidend ist, sich außerhalb von diesen Denk- und Verhaltensweisen zu begeben und „so zu tun, als wären wir bereits frei“, wie David Graeber an einer Stelle schreibt. Die Weiterförderung von Braunkohle, Zwangsprostitution oder das Einsperren von Leuten, aufgrund von Eigentumsdelikten (um erst mal dabei zu bleiben), würde es in der Anarchie nicht geben. Weil dies ziemlich klar ist, ist es naheliegend, konsequent gegen den Konzern, die Zuhälter oder das Gefängnis vorzugehen, ohne deswegen zuerst darauf zu achten, inwiefern deren Handeln die bestehende Gesetzesordnung umgeht oder gar durch sie legalisiert wird. Dies bedeutet selbstverständlich nicht, die Bedingungen unseres Handelns völlig zu ignorieren, sondern mit direkten Aktionen gerade die Diskrepanz zwischen diesen und möglichen zukünftigen Verhältnissen und Ordnungen zu verringern.
Mit anarchistischen Organisationsformen hat dies darum zu tun, weil mit jenen direkte Aktionen ermöglicht, gefördert und verbreitet werden sollen. Eine Basisgewerkschaft sollte eben nicht allein Klagen wegen Lohnzurückhaltungen anstreben, sondern auch selbst Druck auf den Arbeitgeber machen (etwa erst mal durch eine Kundgebung). Eine Kommune sollte nicht ausschließlich ein schöneres Leben für die Kommunard*innen ermöglichen, sondern Ressourcen zur Verfügung stellen, um Schwächere zu unterstützen oder einen Rückzugsraum bilden, von dem Menschen wieder neu aufbrechen können. Eine autonome Gruppe sollte sich nicht selbst daran ergötzen, immer gewagtere Aktionen durchzuführen, sondern überlegen, ob ihr Handeln noch dem ursprünglichen Anliegen dient oder nur noch zu ihrer Selbstbestätigung. Alle Organisationsformen können verkrusten, zu Selbstzwecken werden und damit direkte Aktionen verhindern. Wenn das soziale Miteinander in einer Gruppe ebenfalls ein Inhalt von ihr ist und den Bedürfnissen der Beteiligten entspricht, ist dies völlig verständlich und wunderbar. Anarchist*innen sollten so wenig entfremdeten Tätigkeiten wie möglich nachgehen, sondern welchen, die etwas mit ihnen und anderen zu tun haben. Und zwar möglichst direkt. Doch auch die sozialen Bedürfnisse sind zu benennen, um ihnen einen angemessenen Raum zu geben, andere Aktivitäten wie direkte Aktionen darunter aber nicht leiden zu lassen.

Ermächtigung: Handlungsfähigkeit und Selbst-Bewusstsein

Anarchistische Organisationen sollen so aufgebaut sein und wirken, dass sich Menschen in ihnen ermächtigen können. Anknüpfend an die Gedanken zur direkten Aktion bedeutet Ermächtigung: Menschen eignen sich die Ressourcen, die Fähigkeiten und das Selbstbewusstsein an, um selbstbestimmt zu handeln und sich nicht von ihrer Ohnmacht dumm und passiv machen zu lassen. In der bestehenden Gesellschaftsform existiert ein massiver Widerspruch zwischen den scheinbaren Möglichkeiten – ja, den permanenten Aufforderungen -, aktiv zu sein, selber zu bestimmen, den eigenen Interessen nachzugehen einerseits, sowie der Wahrnehmung und Erfahrung, auf entscheidende Dinge – auch im eigenen Leben – kaum Einfluss zu haben andererseits. Sicherlich könnten wir jederzeit von einem Auto überfahren werden oder eine schlimme Krankheit bekommen. Es gibt sehr viele Dinge, die sich unserer Macht entziehen und das einzusehen, bedeutet Weisheit. Dies sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ohnmachtserfahrungen zum allergrößten Teil gesellschaftlich produziert und nicht einfach existenziell gegeben sind. Im Endeffekt ist es nicht der Tod, der uns vor allem Angst macht, sondern wie wir mit diesem und dem Leben umgehen.
„Prekarität“ ist der Begriff, um unsichere Lebenssituationen zu beschreiben. Wir können uns materiell, sozial, weltanschaulich, gesundheitlich oder psychisch unsicher fühlen. In der Regel sind mehrere dieser Faktoren verbunden. Wer nicht weiß, wo sie in der nächsten Nacht schläft oder ob er genug zu essen finden wird, kann ihr*sein Leben kaum selbst bestimmen, planen, absichern und wird wohl auch gesundheitlich und sozial unsicher sein. Etwas anderes ist es, wenn Menschen in relativ privilegierten Situationen Angst haben, dass sie weniger Rente bekommen und das Haus nicht ausbauen könnten oder, dass ihre Partner*in sie verlässt. Es ist absurd, dass auch aus solchen Gründen Frustration entsteht, die darin entladen wird, z.B. Geflüchtete dafür verantwortlichen zu machen, dass es „Deutschland so schlecht geht“. Für eine bestimmte sozial oder psychisch prekäre Situation, die einen Moment der eigenen Schwäche offenbart, werden indirekt Andere verantwortlich gemacht, die damit überhaupt nichts zu tun haben. Wer ein oder zwei Ausbildungen abgeschlossen hat, damit keinen Job findet, aber aufgrund seines sozialen Umfeldes nicht für die Arbeit wegziehen möchte, wird es möglicherweise schwer haben, ein Kind gut zu versorgen und dem Wunsch nicht nachgehen können, eines aufzuziehen. Was diese sehr unterschiedlichen Situationen verbindet, sind Ohnmachtsgefühle. Menschen haben verschiedene Möglichkeiten und Fähigkeiten mit diesen umzugehen. Diese können unter bestimmten Bedingungen gefördert und vor allem gemeinsam entwickelt werden. Deswegen ist es so wichtig, dass in anarchistischen Organisationen Solidarität, Vertrauen und Verbindlichkeit gelebt werden. Wenn wir uns gegenseitig helfen, stärken wir uns und unsere Gemeinschaft, die uns wiederum Halt geben kann. Dabei geht es nicht darum, dass andere für uns handeln oder gar uns unsere Verantwortung abnehmen. Es geht um den Rahmen, in dem wir uns gegenseitig anerkennen, ermutigen, Zuneigung und Kritik schenken. Mit dieser Grundlage können wir gemeinsam Aufgaben bewältigen. Und damit meine ich durchaus (anti-)politische Aufgaben. Wo der Sozialstaat „versagt“ und uns gängelt, ungeplante Kosten auf uns zukommen und die Löhne scheiße niedrig sind, können wir uns ebenso aushelfen wie beim Umzug oder bei der Kinderbetreuung.
Darüber hinaus geht es darum, uns eine rebellische Grundhaltung anzugewöhnen, sie zu leben und zu verbreiten. Wir müssen diese Mieterhöhung nicht einfach akzeptieren. Wenn ihr sie auch nicht akzeptiert, wir uns zusammen-schließen und dagegen wehren, dann sind wir schon eine Macht. Ja richtig, es geht darum, dass wir uns Macht aneignen. Denn Macht selbst ist keine Herrschaft, sondern ihre Zentralisierung, Verfestigung und Instrumentalisierung. Wenn wir bei unserem Mietkampf erste Erfolge erringen, wird uns dies darin bestärken, auch weiterhin unsere sozialen Rechte zu verteidigen. Ebenso wenig müssen wir rassistisches und sexistisches Verhalten tolerieren. Dagegen vorzugehen fällt uns oft nicht so leicht, vor allem, wenn wir uns darin allein fühlen. Doch auch dies können wir miteinander lernen und uns darin bestärken.
Ermächtigungsprozesse können nicht durch andere für jemanden vollzogen werden, sondern nur durch die von (sehr unterschiedlichen) Ohnmachtserfahrungen Betroffenen selbst. Aber wir können Strukturen organisieren, in denen dies möglich ist und vorgelebt wird. Wir können Umgebungen gestalten, in denen Menschen erfahren, dass sie nicht an ihrer eigenen Lage Schuld haben und uns gemeinsam bewusst werden, worin die Ursachen liegen. Damit entwickeln wir ein Bewusstsein von uns selbst. Mit diesem Selbst-Bewusstsein, dem wiedergewonnenen Selbstrespekt, sowie anderen, die uns unterstützen, ermutigen und auffangen, können wir ins Handeln kommen und die herrschaftlichen Ursachen unserer Ohnmacht bekämpfen.