Für eine neue anarchistische Organisierung!

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๏ Gemeinsam nach Autonomie streben

In Für eine neue anarchistische Theorie habe ich vorgeschlagen, das Streben nach Autonomie, nach Selbstbestimmung und Selbstorganisation als Gemeinsamkeit verschiedener anarchistischer Gruppen und Strömungen zu sehen. Selbstbestimmung von Einzelnen und Kollektiven ist dabei zugleich ein ethischer Ausgangspunkt, als auch eine zu verwirklichende Zielvorstellung. Theorien zur Selbstorganisation sollen aufzeigen, wie gesellschaftliche Ordnung ohne Herrschaftsstrukturen und -verhältnisse hergestellt werden kann. Unter Autonomie verstehe ich hauptsächlich ein Organisationsprinzip, welches mit Dezentralität, Föderalismus, Freiwilligkeit und Horizontalität verknüpft zu denken ist (s.u.). Anarchistische Strömungen werden an dieser Stelle weniger nach ihren jeweiligen ideologischen oder theoretischen Positionen unterschieden, sondern nach ihren Organisationsansätzen, die allesamt danach streben, Autonomie zu verwirklichen. Selbstverständlich sind ethische und theoretische Standpunkte sehr eng mit organisatorischen Prinzipien verknüpft und sie beeinflussen sich wechsel-seitig. Wenn angestrebt wird, Herrschaft grundlegend zu überwinden und zugleich davon ausgegangen wird, dass Ziele und Mittel in einer radikalen und emanzipa-torischen Bewegung möglichst in Einklang gebracht müssen, ergibt sich daraus, dass alle anarchistischen Organisationsformen äußerst kritisch gegenüber Hierar-chien sind. Dies müsste sich in ihnen widerspiegeln. Anarchistische Strömungen anhand ihrer Organisationsansätze (und der damit verbundenen Intentionen her) zu unterscheiden, gibt vor allem deswegen Sinn, weil ihre Praxis in den Fokus gerückt wird, also „was sie tun“ wichtiger erscheint, als „was sie sagen“.
Die Frage lautet also, inwiefern es verschiedene anarchistische Organisations-formen schaffen, sich autonom zu organisieren. Damit ist nicht gemeint, dass sie keine Beziehungen zu anderen Gruppen haben, sich auf einsame Inseln oder in Hausprojekte zurückziehen sollen. Ebensowenig ist die organisatorische Einrichtung des Autonomie-Prinzips ein Gradmesser, anhand dessen bestimmt werden könnte, wer zu welchen Grad „anarchistisch“ ist oder nicht. Es geht vielmehr darum, sich nicht in Herrschaftsinstitutionen zu verstricken, sondern Wege zu suchen, sich von ihnen zu lösen. Politische Parteien können eben niemals das anarchistische Streben nach Autonomie verwirklichen. Doch auch der Großteil der sogenannten „Zivilgesellschaft“ scheint dafür nicht zu taugen, insofern diese Teil der Herrschaftsverhältnisse ist, die sie mit einrichtet oder deren Folgen sie manchmal lindert. Anarchist*innen sollten durch ihre Organisationen in die Lage versetzt werden, so weit wie möglich unabhängig von staatlichen Geldern, kapitalistischen Profit- und Konkurrenzzwängen, von patriarchalen Normen und Verhaltensweisen, von nationalen Grenzen und von der Ausbeutung der nicht-menschlichen Mitwelt sein. Genau dies ist jedoch nicht allein eine Frage der ethischen Haltung, sondern ebenso der Organisierung von Alternativen zu den bestehenden dominierenden Herrschaftsverhältnissen.

Dies betrifft uns „dort, wo wir stehen“, bezieht sich allerdings ebenfalls auf anarchistische Vorstellungen zur Organisierung einer solidarischen, freiheitlichen, egalitären Gesellschaft insgesamt. Die klassischen Anarchist*innen strebten danach, „die Gesellschaft“ autonom von der Herrschaft, also von staatlichen Gesetzen, kapitalistischen Zumutungen und patriarchalen Geschlechterverhältnis-sen, zu organisieren. Die moderne Gesellschaft schien aufgrund ihres ungeheureren gesellschaftlichen Reichtums, aber auch wegen ihrer Möglichkeiten zu Bildung und Selbstbestimmung, sowie technologischen Entwicklungen, geeignete Voraussetzungen zu bieten, um eine selbstorganisierte, menschen-freundliche und rationale „Gesellschaft der Gesellschaften“ einzurichten.
Weil wir mittlerweile Herrschaft besser als Verhältnis zwischen Menschen begreifen und beschreiben können, müssen wir uns von der Vorstellung lösen, eine „rationale“ Einrichtung der gesellschaftlichen Struktur allein, ermögliche die Anarchie. Beispielsweise verschwinden Herrschaftsideologien wie Leistungs-fetischismus, Verschwörungstheorien oder Antisemitismus nicht einfach, wenn wir egalitäre, horizontale und autonome Kommunen aufbauen. Doch der Grundgedanke ist entscheidend: In anderen organisatorischen Strukturen, in denen die Produktion kooperativ und dezentral organisiert, der Konsum nach Bedürfnissen ausgerichtet und die Gleichheit aller Geschlechter hergestellt ist, entstehen erst die Voraussetzungen und Erfahrungsräume, in denen Menschen auch tatsächlich andere Verhältnisse eingehen und verwirklichen können. Das anarchistische Konzept von Autonomie beinhaltet, dass sie dies selbständig, unabhängig von angemaßten Autoritäten und nach ihrer jeweiligen Betroffenheit tun sollen und können.


Autonome Tendenzen

Meiner bisherigen Überlegungen und Eindrücke nach, schlage ich vor, fünf wesentliche anarchistische Tendenzen zur Verwirklichung von Autonomie zu unterscheiden. Diese sind der anarchistische Individualismus, der anarchistische Kollektivismus und Kommunalismus, der anarchistische Syndikalismus, der anarchistische Kommunismus sowie anarchistische Kommunitarismus.
Im Schema wird dies verdeutlicht:

Das Adjektiv „anarchistisch“ verwende ich an dieser Stelle nicht, weil ich damit ein identitäres Label vergeben will, sondern, um Bewegungen, Gruppen und Traditionen nicht zu vereinnahmen. Es gibt auch andere Varianten des Individualismus, der Gewerkschafts- oder Kommunebewegung, die teilweise viele Schnittpunkte mit dem Anarchismus haben. Emanzipatorische soziale Bewegungen sind immer heterogen. Ein kleiner Teil von ihnen mag sich explizit als anarchistisch definieren und anderen Teile könnten ihrem Wesen nach als anarchistisch bezeichnet werden. Letztendlich zählt jedoch, wie sich die jeweiligen Personen und Gruppen selbst definieren und positionieren. Wenn Leute bewusst andere Ansichten haben, gilt es sich ebenso mit ihnen auseinander zu setzen, wenn man an einem gemeinsamen Projekt arbeitet. Der Anarchismus ist ohnehin nicht der „einzig richtige Weg“ und darüber hinaus auch kein Markenzeichen für etwas an sich Gutes, sondern es kommt immer darauf an, was die Leute machen. Wieder andere Strömungen stehen ihm entgegen. Der rein bürgerliche Individualismus, „gelbe“ Gewerkschaften oder gar völkische Alternativbewegungen haben nichts mit Anarchismus zu tun, auch wenn sie auf ähnlichen Feldern agieren mögen.
Wichtig in Hinblick auf das Schema ist, dass es lediglich zur Veranschaulichung dient. Dargestellt werden Ansätze, also Versuche und Tendenzen. Teilweise werden sie von bestimmten Strömungen explizit in „Reinform“ vertreten, oftmals treten sie hingegen in Kombinationen auf. Auch in Organisierungsdebatten ver-mischen sich die jeweiligen Ansätze meistens und es wird versucht, verschiedene Aspekte von ihnen zu verbinden. Wie schon erwähnt, geschieht Organisierung nicht einfach nach Belieben, sondern unter vorgefundenen Bedingungen, die auch gestaltet werden können. Daher sind ihre Geschichten und die Auseinandersetzungen um sie mitzudenken. Bei allen Tendenzen ist die Frage zu stellen, wogegen sich die jeweilige Organisation richtet und wofür sie streitet.

๛ Anarchistischer Individualismus

Es sind zwei Reihen von Faktoren, die zu einem Aufkommen des anarchistischen Individualismus führten. Die Besinnung auf Einzelne wurde möglich, einerseits durch die Entwicklung der Produktivkräfte, eine potenziell größere Zeit frei von Feudalarbeit und Lohnarbeit für einen größeren Teil der Bevölkerung, die Erkämpfung politischer Rechte (z.B. freie Meinungsäußerung, Pressefreiheit etc.), die Ausdehnung von Selbstbildungsmöglichkeiten (Bücher, Zeitungen, Debattier-zirkel usw.), sowie die Säkularisierung des christlichen zugunsten eines humanis-tischen Welt- und Menschenbildes. Mit diesen Grundlagen wurde es möglich, den Grad der Selbstbestimmung Aller als Indikator für Emanzipation insgesamt anzusehen. Das heißt, keine abstrakte „befreite Gesellschaft“ für irgendwann zu fordern, sondern soziale Revolution daran zu messen, ob es konkreten Einzelnen besser geht. Andererseits beschnitt die moderne Herrschaftsordnung genau diese Potenziale in einem ungeheuerlichen Ausmaß. Die drückende Lohnarbeit verhinderte die freie Zeitgestaltung und persönliche Entwicklung von Menschen. Politische Rechte kamen oft nur denen zu, die sich nicht grundlegend gegen die bestehende Ordnung äußerten oder gar rebellierten, weil sie Teil dieser Ordnung waren. Die neuen Konsummöglichkeiten durch die Massenproduktion reduzierte Menschen auf ihre Rolle von Konsumenten, um Absatzmöglichkeiten zu schaffen. Schließlich stellte sich das humanistische Welt- und Menschenbild nicht als die verheißene Befreiung heraus, sondern als moderne Ideologie, welche den Willen der Einzelnen ebenso beschnitt und ihn unter anderem der Nation unterordnete.
In der Moderne dehnte sich der Staat parallel zum Kapitalismus in einem nie gekannten Maß aus. Der moderne Staat begründete eine „rationale“ Herrschaft, mit der das Humankapital seiner Unterworfenen maximal für seine Zwecke nutzbar gemacht werden sollte. So wie Menschen in die Fabriken getrieben wurden, presste sie der moderne Staat in die Maschinerie des Militärs. Beispielsweise war der Grund, warum in Preußen die Kinderarbeit abgeschafft wurde, dass die jungen Wehrdienstleistenden von der Lohnarbeit dermaßen zerstört waren, dass sie nicht mehr als wehrfähig galten. Die Schule war von ihrer Entstehung her von Anbeginn an eine Zwangsinstitution, mit welcher kleinen Menschen Gehorsam, Disziplin, Vaterlandsliebe und die Kontrolle über ihre Affekte und Emotionen gelehrt wurden. Schließlich zeichnet den modernen Staat aus, dass er seine Bürger*innen mit neuen Technologien verwaltete, klassifizierte und permanent kontrollierte. So wurde die Bürokratie enorm ausgedehnt, nicht allein, um ein regelmäßiges Steueraufkommen zu sichern, sondern um die Kontrolle des Staates über eigenwillige Individuen auszuüben, die beispielsweise keinen festen Wohnsitz, kein offizielle Staatsbürgerschaft, nur geächtete Arbeit und keinen anerkannten sozialen Status hatten. Aus Sicht anarchistischer Individualist*innen stellen all diese Entwicklungen eine Negierung der Einzelnen dar, die unterworfen, reglementiert, diszipliniert, normiert, klassifiziert und kontrolliert werden. Es geht dabei nicht lediglich um eine passive Zustimmung zur bestehenden Herrschaftsordnung (wie in den meisten früheren Gesellschaftsformen), sondern im Gegenteil um die aktive Mitwirkung an ihr. Bürger*innen sollen sich mit ihrem Nationalstaat identifizieren, so wie Lohnarbeiter*innen mit ihrem tollen Unternehmen oder Frauen* mit ihrer Rolle als Hausfrau/Geliebte/Prostituierte. Ganze Klassen und Gruppen von Menschen sind von der herrschaftlichen Negierung ihrer eigenen Leben betroffen. Auch wenn diese Betroffenheit eine kollektive und strukturelle ist, so wird sie erst dadurch bedeutsam, dass Menschen sie konkret erfahren, unter ihr leiden – und Widerstand dagegen leisten. Aus diesem Grund können Befreiungsprozesse nicht entfremdet gelingen, sondern müssen immer mit der Veränderung und Entwick-lung von Menschen einhergehen, sowie ihrem eigenen Ansinnen entsprechen. Deutlich schwieriger als die Rebellion gegen Zwangsinstitutionen ist dahingehend jene gegen gesellschaftliche Normen und Ideologien, die oftmals viel schwieriger zu durchschauen sind. Deswegen versuchen Individualanarchist*innen radikale Bildung zu verbreiten, Anstöße zur Transformation des individuellen Selbst zu geben und ein widerständiges Leben zu führen und Anregungen zur selbstbestimmten Entfaltung von Vorstellungen und Bedürfnisse zu geben. Der anarchistische Individualismus stellt – heruntergebrochen – eine Abwehr all der Beschränkung von Einzelnen durch kapitalistische, bürokratische, staatliche und patriarchale Zwangsinstitutionen dar, welche er ablehnt, denen er sich entziehen und die er sabotieren will. Stattdessen tritt er für das Recht der Selbstbestimmung aller einzelnen Menschen ein und mutet ihnen Verantwortlichkeit und die Fähigkeit zur Gestaltung ihrer jeweils besonderen Leben zu. Je selbst-bewusster die Einzelnen jeweils sind und je eher sie die Fähigkeiten und Möglichkeiten haben, sich selbst zu bestimmen, desto weniger werden sie selbst herrschen und auf Herrschaftsordnungen angewiesen sein. Max Stirner schrieb von einem „Verein der Egoistinnen“, in dem Menschen aus freien Stücken zusammenkommen könnten. So lange es auf einer Ebene des bloßen Interesses bleibt und nicht viel zu organisieren gibt, bestehen viele solcher Ego-Vereine. Doch die soziale Revolution ist kein Hobby, die sich durch Kleingruppen vollziehen lässt. Andererseits wird durch die individuelle Initiative Einzelner viel möglich und wäre es wünschenswert, dass viele Anarchist*innen (auch) in informellen Bezugsgruppen organisiert sind. Diese sind in dem Sinne „individualistisch“, als dass sie die persönlichen Affinitäten zwischen den Beteiligten in den Vordergrund stellen und entwickeln, ihre Bedürfnisse umfassend beachten können und vollständig auf Freiwilligkeit setzen. Davon schreibt z.B. Alfredo Bonanno. Auch formellere anarchistische Organisationen sind meist zu einem Großteil durch Tatendrang, die Kapazitäten, die sozialen, politischen etc. Fähigkeiten von Einzelnen bestimmt. Nicht immer gibt es Sinn, sich auf endlose Gruppenprozesse einzulassen und es ist problematisch, in einer Gruppe vor allem Halt und Identität zu suchen, anstatt sie als Ausgangsbasis für bestimmte Kämpfe anzusehen. Deswegen hat die individual-anarchistische Kritik an Organisationen immer wieder ihre Berechtigung.
Umgekehrt sollten Einzelne, wenn sie Strukturen nutzen, nach ihren Möglichkeiten auch individuell dazu beitragen, sie aufrecht zu erhalten oder gar weiter zu entwickeln. Eine rein individualistische Abwehr von Organisation führt überdies bei den allermeisten Menschen dazu, dass sie nur so lange anarchistisch aktiv sind, bis sie wenig Zeit haben oder ihr Glaube an die Sache versiegt ist – weil sie ihn nicht nur aus sich selbst schöpfen können. In Organisationen können Menschen ebenso vereinzelt sein, wie sie sich in informellen Zusammenhängen sehr verbunden fühlen und auch wirkmächtig werden können. Der individualistische Anarchismus kann also indirekt und direkt zu einer sinnvollen Organisierung beitragen. Dazu ist er allerdings konsequent vom sogenannten Anarcho-Kapitalismus abzugrenzen, der vorgibt, die Individualität über alles zu stellen, dabei jedoch Menschen in ihren sozialen Beziehungen voneinander abschneidet, keinen Begriff von Herrschaft hat und sie nicht ansatzweise überwinden kann.

๖ Anarchistischer Kollektivismus und Kommunalismus

Mit der Entstehung und Ausdehnung des modernen Nationalstaates, welche massiv von den bürgerlichen Revolutionen des 18., 19. und 20. Jahrhunderts befördert wurde, richteten Anarchist*innen ihren Blick auch darauf, was jener und der Kapitalismus zerstörten. Einerseits waren dies kommunale Strukturen in Dörfern oder Stadtteilen, andererseits arbeitsmäßige Zusammenhänge wie Handwerkerzünfte oder Arbeiter*innen-Kollektive. Insbesondere Michael Bakunin war erstaunt über die Selbstorganisation und Autonomie innerhalb russischer Dorf-gemeinschaften („mir“), in denen es kollektiven Landbesitz gab, der regelmäßig umverteilt wurde. Arbeiter*innen schlossen sich in vor-kapitalistischer Zeit oftmals freiwillig zu Kollektiven zusammen („artel“), teilten den Lohn untereinander auf und unterstützten sich solidarisch. Dennoch fühlten sich viele Menschen regional auch miteinander verbunden und wehrten deswegen zunächst die Ausdehnung der Feudalherrschaft und später des kapitalistischen Staates ab. Im Gegensatz zum Adel, zum Klerus und dem Bürgertum verstanden sie sich als „Volk“ – und zwar nicht im republikanischem Sinne (Staats-Bürger*innschaft und Patriotismus), nicht im völkischen Sinne („Blut“ und imaginäre „Volksgemeinschaft“), sondern im Sinne einer sozialen Klasse. Die Klasse des „Volkes“ war freilich sehr heterogen, umfasste verschiedene Regionen und Berufsstände. Dennoch wurde mit ihr offen ausgesprochen, dass eine grundlegende Spaltung zwischen Regierenden/ Ausbeutern und Regierten/ Ausgebeuteten besteht.
Mit der Durchsetzung des Kapitalismus, dessen Zwangs- und Ausbeutungscharakter zunächst schwer zu verstehen war, sowie der Ausweitung parlamentarisch-demokratischer Institutionen und Elemente, durch welche staatliche Herrschaft besser verschleiert, Widerstand eher erkannt und Menschen stärker einbezogen werden konnten, veränderte sich die Gesellschaft enorm. Beispiels-weise mündete das ökonomische Herrschaftsverhältnis in den Gegensatz von Privateigentum an Kapital und der Lohnarbeit. Dennoch verschwand die alte Herrschaftsordnung nicht einfach, wie auch die Strukturen der Selbstorganisation teilweise erhalten blieben – zumindest als Erinnerung an Zeiten, in denen es tatsächlich weniger Zugriffe auf die Menschen gab. Dem kollektivistischen und kommunalistischen Anarchismus wird oftmals vorgeworfen, er beziehe sich auf die Vergangenheit, die er romantisch verklären würde, während er die moderne Herrschaftsordnung nicht grundlegend begreifen und daher auch nicht radikal verändern könnte. Vor allem der letzte Aspekt trifft beispielsweise auf die sogenannte „Freigeldtheorie“ von Silvio Gesell zu, mit der Kapitalismus nicht richtig verstanden werden kann.
Wie bei fast allen sozialen Bewegungen spielte die Abwehr einer als schlecht empfundenen neuen Herrschafts- und Ausbeutungsordnung tatsächlich eine große Rolle bei kollektivistischen und kommunalistischen Ansätzen. Allerdings waren es gerade Anarchist*innen, die sich Gedanken darüber machten, wie sich neue Strukturen der Selbstverwaltung und Selbstorganisation (etc.) auf Grundlage der veränderten gesellschaftlichen Bedingungen aufbauen ließen. Pierre-Joseph Proudhon entwickelte dazu beispielsweise den Ansatz der „Arbeitsbörsen“, in denen sich Arbeiter*innen bilden und Zeit verbringen konnten, selbst eine Arbeits-losen- und Krankenversicherung betrieben und sich auch sonst gegenseitig halfen. Damit hielt er nicht krampfhaft an althergebrachten Handwerkerzünften fest, sondern überlegte sich, wie die in jenen Gemeinschaften praktizierte Solidarität in der neuen Zeit organisiert werden konnte. Auch heute sind mehr Konzepte kommunalistisch und kollektivistisch inspiriert, als man annehmen könnte. Zumindest die progressiven Vorschläge für ein bedingungsloses Grund-einkommen oder das Mietshäusersyndikat schließen genau an diese Vorstel-lungen an: Mit ihnen sollen konkrete Verbesserungen der Lebenssituationen erreicht werden, indem Menschen etwa keine existenziellen Ängste durch prekäre Situationen haben, nicht so stark vereinzeln und deswegen eine Ausgangsbasis dafür haben, sich für sozial-revolutionäre Veränderungen der Gesellschaft einzusetzen. Auch Murray Bookchins Überlegungen zu einem libertären Kommunalismus gehen in diese Richtung.
„Radikal“ eingestellte Personen werfen kollektivistischen und kommunalistischen Leuten in einer Art Fundamentalkritik immer wieder vor, dass ihre Ansätze zu kurz greifen. Letztendlich würden sie das Elend im Kapitalismus nur abmildern und ihn deswegen indirekt mit aufrechterhalten. Dieser Einwand ist nicht besonders stichhaltig. Zumindest nicht, wenn davon ausgegangen wird, dass nur konkrete Verbesserungen im Hier&Jetzt Menschen ermächtigen und ihr Interesse wecken können, sich weitergehend für eine emanzipatorische Gesellschaftsveränderung einzusetzen. Sozial-revolutionäre Errungenschaften wurden noch nie erkämpft, weil sich die Lebenssituationen von Menschen weiter verschlechtert haben, sondern immer nur dann, wenn Aussicht darauf bestand, sie tatsächlich konkret verbessern zu können. Dem angeblichen Reformismus wird dann ein vermeint-licher Radikalismus entgegengesetzt. Mit diesem wird entweder die zynische Untätigkeit legitimiert oder die Eroberung der Staatsmacht angestrebt, im Irrglaub-en, radikale Veränderungen ließen sich durch eine sozialistische Diktatur durch-setzen. Abgesehen davon sind Anarchistinnen die größten Kritikerinnen inner-halb des Kollektivismus/Kommunalismus. Gerade sie weisen darauf hin, dass durchaus die Gefahr besteht, sich im Hausprojekt, mit seinem Grundeinkommen, mit seinem „Bürgerhaushalt“ oder mit/in was auch immer gemütlich einzurichten, anstatt diese erst als Ausgangsbasis für weitere soziale Kämpfe anzusehen.
Der anarchistische Kollektivismus/Kommunalismus beruht auf der Annahme, dass wir mit vielen Menschen gemeinsam konkrete Unterschiede machen können, sich Lebenssituationen von Leuten verbessern lassen und gerade dies der Weg ist, Kapitalismus, Staat und andere Herrschaftsverhältnisse zu überwinden. Gemeinschaften sollen sich dabei nicht (zumindest nicht vorwiegend) an geteilten Überzeugungen zusammenfinden, sondern aufgrund ihrer Lebenssituationen (Wohnort, Arbeit). Dort sind sie strukturell miteinander verbunden, teilen eine Lebensrealität und praktizieren in der Regel auch schon irgendwelche Formen von Selbstorganisation und Selbstverwaltung. Hier gilt es anzusetzen, Menschen einzubinden und Lust auf Organisierung und Gestaltung zu wecken, die ihnen selbst etwas bringt. Gleichzeitig verbinden kommunalistische/ kollektivistische Anarchist*innen bestimmte Formen der lokalen/arbeitsmäßigen Organisation mit einer grundlegenden Gesellschafts- und Herrschaftskritik. Dadurch wirken sie auch darauf hin, dass die kommunalen und kollektivistischen Strukturen kein (bloßer) Selbstzweck sein sollen – wodurch sie verkrusten – sondern sie die Grundlage der Anarchie darstellen können. Dazu müssen sie ihre eigenen Ansprüche ernst nehmen und schließlich auch miteinander föderieren.

๗Anarchistischer Kommunismus

Der anarchistische Kommunismus wurde nach dem Kollektivismus und in Abgrenzung bzw. Weiterentwicklung zu diesem entwickelt. In ihm wird das Subjekt des (sozialen) „Volkes“ stärker durch den Klassenbegriff ersetzt – welcher allerdings ebenfalls sehr unterschiedliche soziale Gruppen umfasst. Stärker als im Kollektivismus/Kommunalismus wurden die Bedingungen der modernen Gesellschaft nicht lediglich abgewehrt, sondern auch als Chancen angesehen. Peter Kropotkin ging davon aus, dass es gerade der ungeheure Reichtum der Industrie-gesellschaften ist, welcher es erst ermögliche, Anarchie zu verwirklichen. Im Unterschied zu Marx sah er den Kapitalismus jedoch nicht als notwendige Vorstufe zum anarchistischen Kommunismus, sondern ging von sozialistischen Verhältnissen aus, die parallel zu den dominierenden kapitalistischen bestehen. Der Kampf kommunistischer Anarchist*innen richtet sich zugleich gegen den Kapitalismus und den Staat, weil sie erfuhren und erkannten, dass der Staat ein starkes Eigeninteresse hat und nicht als vermeintlich neutrales Instrument für eine emanzipatorische Gesellschaftstransformation genutzt werden kann. Dass diese Verknüpfung ernst genommen wurde, war auch die Grundlage dafür, dass anarchistische Kommunist*innen wie Emma Goldman das Patriarchat als weiteres, eigenständiges und mit den anderen verknüpftes Herrschaftsverhältnis kritisieren und angreifen konnten.
Auch mit den individualistischen Anarchist*innen setzten sich Anarch@-Kommunist*innen wie zum Beispiel Johann Most und Errico Malatesta auseinander. Sie begründeten, dass die Entfaltung der Individualität aller Menschen das Ziel und der Gradmesser für gesamtgesellschaftliche Emanzipation sei, das Einzelne nicht übergangen werden und Zusammenschlüsse nur freiwillig sein sollten. Auf der anderen Seite hat genau dieses Ziel zu seiner Verwirklichung bestimmte materielle Voraussetzungen, die in letzter Konsequenz nur durch die Entwicklung kommunistischer Verhältnisse ermöglicht werden könnten. Jede*r soll nach seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten beitragen und produzieren, jede*r nach ihren Bedürfnissen mitbestimmen und konsumieren. Würde dieser Grundsatz umgesetzt werden, bräuchte es keine aufwendigen Lohnsysteme, keinen aufreibenden Vergleiche und keine Vergütungen von Leistungen, keine abstrakte oder gar zentralistische Bestimmung und Bewertung von Bedürfnissen. Um solche Überlegungen zerbrachen sich auch Anarchist* innen die Köpfe, wenn sie darüber nachdachten, wie die Anarchie konkret organisiert werden könnte. „Jeder nach ihren Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen“ ist zum Teil auch eine ethische Einstellung von Menschen, die nicht mehr entfremdet voneinander sind, sondern sich gemeinschaftlich aufeinander beziehen. Kommunistische Anarchist*innen zeigen allerdings auf, dass es nicht hauptsächlich darum geht uns zu „guten“ und „sozialen“ Menschen zu erziehen, sondern dass wir andere gesellschaftliche Verhältnisse und Institutionen brauchen, die es uns ermöglichen, uns „gut“ und „sozial“ zu verhalten. Diese sind allerdings nicht allein in den Kommunen oder an den Arbeitsplätzen zu organisieren, sondern werden im anarchistischen Kommunismus auch anhand von geteilten Interessen festgemacht. Kropotkin war beispielsweise begeistert von der dezentralen und weitgehend selbstorganisierten Vernetzung internationaler Eisenbahngesellschaften, des Postwesens oder der Gesellschaft zur Seenotret-tung. Ursprünglich wurden diese nicht nach staatlichen Vorgaben oder Plänen eingerichtet. Der Unterschied zum arbeitsmäßigen oder kommunalistischen Zusammenhang besteht darin, dass sich Menschen nach ihren Interessen über Ländergrenzen hinweg vernetzen und organisieren können und somit auch ein Gegenmodell zu Nationalstaaten oder regionaler Eigenbrötelei verkörpern. Kommunistische Anarchistinnen setzten stark auf Propaganda und Überzeugungsarbeit, weil sie davon ausgingen, dass ihre Erkenntnisse und Konzepte erst einmal verbreitet werden mussten, um Menschen von ihren Vorurteilen und ihrem eingeschränkten Denken zu befreien. Dies geschah in einer Zeit, in der viele Menschen in der sozialistischen Bewegung und sogar darüber hinaus, davon ausgingen, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin zu einer weiteren großen Revolution kommen wird, weil sich die gesellschaftlichen Widersprüche immer weiter zuzuspitzen schienen. Wie sollte diese Revolution jedoch zu einer sozialen Revolution ausgedehnt, radikal und emanzipatorisch ausgerichtet werden können, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse von den meisten Menschen kaum begriffen wurden und sie deswegen beispielsweise an den König appellierten oder sich mit kleinen sozialen Reformen abspeisen ließen? Parallel zum Imperialismus und Militarismus wurden in die moderne Gesellschaft stückchenweise Demokratie und Sozialgesetze eingeführt. Zum erwarteten großen Kladderadatsch kam es hingegen nicht. Auch die russische Revolution von 1917 konnte der sozialen Revolution aus anarchistisch-kommunistischer Sicht nicht genügen: Weder wurde die Wirtschaft konsequent auf kommunistischer Basis umstrukturiert, noch wurde der Staat abgeschafft, sondern wurden im Gegenteil ein gigantisches Fabriksystem mit Zwangsarbeit eingeführt und die Rätestrukturen zerschlagen. Schließlich hatte das ganze Projekt der staatskapitalistischen Sowjetunion und ihrer Nachahmer nichts mehr mit den Vorstellungen des anarchistischen Kommunismus zu tun…
Auch heute bezeichnen sich viele Menschen in der anarchistischen Szene selbst als Anarch@-Kommunist*innen. Die Argumente dieser Strömung sind offenbar ziemlich überzeugend und lassen sich auf verschiedenste gesellschaftliche Bereiche und Themenfelder anwenden. Insofern organisieren sich anarch@-kommunistische Gruppen meistens anhand der geteilten Weltanschauung (s.u.), die sie auch in andere Kontexte hineintragen. Dies bedeutet nicht, dass professionelle Aktivist*innen lediglich „von außen“ in soziale Bewegungen hinein-gehen, um ihnen Analysen, Handlungsmöglichkeiten und Selbstbewusstsein zu vermitteln. Selbstverständlich können sich Gruppen von überzeugten Personen auch aufgrund ihrer eigenen Betroffenheit bilden und aktiv an den sozialen Kämpfen teilnehmen. Dennoch besteht erfahrungsgemäß in der Regel eine Kluft zwischen weltanschaulich überzeugten Menschen (= den Sozial-Revolutionär* innen) und den direkt betroffenen sozialen Klassen und Gruppen von Herrschafts-verhältnissen (= den potenziell revolutionären Subjekten).
Aktivismus in seinen tausenden Facetten, die Unterstützung und Beratung von Menschen, sowie ihre Ermutigung und kritische Bildung sind bedeutende Faktoren, um gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen und möglich zu machen. Überzeugte Anarch@-Kommunist*innen erfahren aber immer wieder, wie schwierig es ist, gegen die Vorurteile, Ängste und Lethargie, den Zynismus und die ideologische Verwirrung von Menschen anzukommen. Oftmals haben diese doch relative Privilegien zu verlieren und sei es nur jenes, zu wissen, in welcher Position in der gesellschaftlichen Hierarchie sie stehen und dass sie diese niemals verlassen könnten. Jene, die tatsächlich nichts mehr zu verlieren haben „als ihre Ketten“, kommen hingegen auch kaum aus ihrer Lage raus, weil sie täglich sehen müssen, wie sie überleben und aus diesem Grund nicht über das Bestehende hinaus denken können. David Graeber formulierte, dass „revolutionäre Koalitionen“ stets ein Art Verbindung zwischen den „am stärksten Unterdrückten“ und den „am wenigsten Entfremdeten“ in der Gesellschaft wären. Damit begründet er gewissermaßen, warum es so wichtig ist, dass es Szenen von überzeugten, (anti-)politisch radikalen Aktivist*innen gibt. Diese beschäftigen sich aus-giebig mit Herrschaftsanalysen und -kritiken, um ihre eigene Position zu reflektieren, entwickeln tatsächlich Impulse, Ressourcen und Strategien und bringen sie in soziale Kämpfe ein. Umgekehrt muss bei den „am stärksten Unterdrückten“ eine Offenheit für radikale Gedanken und eine Bereitschaft entstehen, an ihrer Lage etwas grundlegend ändern zu wollen, indem sie die Ursachen dafür bekämpfen.
๙Anarchistischer Syndikalismus
Der anarchistische Syndikalismus entstand in Frankreich als eine Revolte gegen den politischen Sozialismus, schrieb Bertrand Russel. Damit waren die sozialistischen Parteien gemeint, welche sich untereinander stritten und nur Minimalreformen durchsetzen konnten. Wie die deutsche Sozialdemokratie ließen sie sich äußerst rasch in das bestehende parlamentarische und auch kapitalis-tische System integrieren, indem sie ihre revolutionären Ansprüche und Bestrebungen aufgaben. Diese Krise sozialistischer Politik führte schließlich viele Gewerkschafter*innen dazu, sich von Politik überhaupt zu verabschieden, welche ihre ökonomischen Kämpfe nicht als eigenständig betrachtete, sondern für ihren politischen Machtzuwachs instrumentalisieren wollte. Dies war der historische Moment, wo sich die wechselseitigen Vorbehalte von Gewerkschafts-aktivist*innen und Anarchist*innen überwinden ließen, und die Letzteren scharenweise in die Gewerkschaften eintraten, welche ihnen zuvor als zu reformistisch und unbewusst erschienen. Sehr viele aktive Anarch@-Syndikalist innen dieser Zeit kamen tatsächlich aus der anarchistischen Bewegung und schafften es, beides zu verschmelzen. Theoretiker*innen des anarchistischen Syndikalismus wie Émile Pouget und Fernand Pelloutier formulierten ein „Primat der Ökonomie“, mit welchem sie Bestandteile der marxistischen Theorie sozusagen wörtlich nahmen. Dass bedeutete, dass sich grundlegende Gesellschaftsveränderungen dieser Ansicht nach, vorrangig durch ökonomische Kämpfe erreichen ließen, die um höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten, soziale Absicherungen, Vereinigungsrechte, Betriebsräte usw. geführt wurden. Mit diesen Kämpfen wurde allerdings nicht der Staat adressiert, welcher daraufhin etwa Sozialgesetze erlassen sollte, sondern die Unternehmer innen selbst, welche es als Kapitalist*innen sind, die den durch Lohnarbeit produzierten Mehrwert abschöpfen. Deswegen wurde (zunächst) insbesondere im anarchistischen Syndikalismus direkte Aktionen entwickelt, mit welchen unmittelbare Veränderungen angestrebt werden, welche auf Selbstermächtigung beruhen und die für sich selbst sprechen sollen (s.u.). Die klare Spaltung, welche durch das ökonomische Herrschaftsverhältnis Kapital/Arbeit bzw. Ausbeuterinnen/ Ausgebeuteten bestand, wurde nun (wieder) als Ausgangspunkt für den anarchistisch-syndikalistischen Kampf angesehen, was der Bewegung ein starkes Selbstbewusstsein und festen Zusammenhalt verlieh.
Der zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert äußerst starke autonome Flügel der Gewerkschafts- und Arbeiter*innenbewegung verabschiedete sich damit vom Politikmachen selbst. Rudolf Rocker relativierte diese Position später etwas, indem er betonte, es gehe Anarch@-Syndikalist*innen nicht darum, jegliches poli-tische Handeln an sich abzulehnen und daraus ein Dogma zu machen. Vielmehr stellte sich wiederholt die Erfahrung ein, dass der politische Kampf der Parteien, aber auch von außerparlamentarischen politischen Gruppen, letztendlich nicht an die Basis der Ungleichheitsverhältnisse herankommt und deswegen nicht radikal genug werden kann, um eine grundlegende Gesellschaftsveränderung zu bewirken. Anders gesagt, (außerparlamentarische) Politik ist nicht „schlecht“, sondern einfach nicht besonders effektiv. Außerdem beinhaltet sie fast immer die Interessenvertretung für andere. Dies kann notwendig sein, wo Menschen gar nicht sprechen können/dürfen, etwa weil sie zu hart unterdrückt werden, an anderen Orten wohnen oder nicht-menschliche Lebewesen sind. Der anarchis-tische Syndikalismus strebt an, dass eine wirkliche Organisierung von Betroffenen im Vordergrund steht, wobei eben das ökonomische Herrschaftsverhältnis für die Proletarisierten den wichtigsten Stellenwert hätte. Bevor sich die Ausbeutung nicht entscheidend reduzieren ließe, sei an weitere Kämpfe gar nicht zu denken.
Was die anarchistisch-syndikalistischen Gewerkschaften – etwa die CGT, die CNT, die FAU, die FORA oder die SAC – besonders macht, ist, dass sie es in ihren Hochzeiten tatsächlich schafften, beides zu verbinden: Sie waren sozial-revolutionär und sie waren Massenorganisationen. Dies ist das glatte Gegenteil von jakobinischen Republikaner*innen oder leninistischen Kommunist*innen, welche Kaderparteien schufen und eine Avantgarde-Politik betrieben, mit der sie die unreifen Massen in der (politischen) Revolution anführen wollten. Stattdessen beruhen anarch@-syndikalistische Gewerkschaftsorganisationen auf den Prinzipien der Dezentralität, der Autonomie, des Föderalismus, der Freiwilligkeit und der Horizontalität. Die einzelnen Syndikate sind unabhängig voneinander und können selbst bestimmen, welche Kämpfe sie führen wollen. Diese werden von den Betroffenen selbst geführt – die dazu selbstverständlich Unterstützung und Beratung erhalten. In den Syndikaten werden Verantwortliche für verschiedene Funktionen (Kasse, Öffentlichkeitsarbeit, Mitgliederverwaltung etc.) gesucht, welche diese freiwillig und unbezahlt übernehmen. Weiterhin wählen sie Delegierte für größere Kongresse, welche der Basis absolut verantwortlich sind (imperatives Mandat). Entscheidungen werden in der Regel nach dem Konsens-prinzip von Vollversammlungen getroffen, anstatt in demokratischen Abstim-mungen. Die Stärke und Verbindlichkeit der Beschlüsse hängt davon ab, von wie vielen Mitgliedern sie getragen werden und wie wichtig ihnen diese jeweils sind.
Darüber hinaus gibt es noch ein weiteres wichtiges Merkmal der anarchistischen Syndikate. Mit der Form ihrer Strukturen wird eine doppelte Funktionsweise verbunden: Einerseits sollen sie selbstorganisierte Kampforganisationen gegen Ausbeutung sein und eine Solidarität untereinander ermöglichen, damit soziale Kämpfe möglich werden und erfolgreich sein können. Andererseits ist die praktizierte Solidarität und die organisatorische Struktur der Syndikate bereits die „Keimzelle der zukünftigen Gesellschaft“. Dies bedeutet, dass sich Anarch@-Syndikalist*innen darum bemühen, die Fähigkeiten und Kenntnisse zu erlernen, um alle ökonomischen Funktionen (Produktion, Verteilung und Konsum), wie auch alle sonstigen gesellschaftlichen Funktionen (politische Selbstverwaltung, Gesundheitsversorgung, Bildung, Kultur etc.) erfüllen zu können. Denn wenn der kapitalistische Staat zusammenbricht und sich die große Gelegenheit zur Übernahme der Gesellschaftsordnung ergeben sollte, braucht es selbstverständ-lich Menschen, welche die Fabriken, Schulen, Krankenhäuser, kommunalen Verwaltungen usw. übernehmen, sie in Selbstverwaltung überführen (d.h. keine Chef*innen, gleiche Mitbestimmung aller Beteiligten, Ausrichtung auf das Gemeinwohl) und damit die neue Gesellschaft „in der Schale der alten“ aufbauen. Dabei geht es nicht abstrakt darum, wie z.B. du eine Fabrik oder ein Krankenhaus horizontal und sozialistisch organisieren würdest – Es sei denn, du arbeitest genau an einem dieser Orte, denn dann bist wahrscheinlich genau du die Expert*in für deinen Arbeitsbereich. Mit diesen Überlegungen wird im Anarch@-Syndikalismus die konstruktive Frage gestellt, wie Anarchie als Gesellschaftsform konkret organisiert werden kann. Denn es reicht eben nicht (und ist auch nicht einfach möglich), autoritäre Herrschaftsinstitutionen zu zerschlagen, ebenso wenig wie sich durch individuelle Rebellion, Bildung und Veränderungen allein schon Anarchie verwirklichen lässt – so wichtig und richtig diese Ansätze auch sind. Im Gegensatz zu Bakunin, für den es die Negation des Bestehenden allein war, welche die Aufgabe der Sozial-Revolutionärinnen sei, dachten schon kommunistische Anarchist*innen konstruktiv über Konzepte zur Organisierung von Anarchie nach. Doch bei diesen handelte es sich all zu oft noch um Idealbilder, die zwar gut durchdacht und begründet waren, jedoch nicht recht an der Lebensrealität vieler proletarisierter Menschen anknüpften. Mit den Vorstellungen des anarchistischen Syndikalismus konnte hingegen glaubhaft eine Brücke zwischen der aktuellen Situation der Arbeiter*innen und der schrittweisen Verwirklichung anarchistischer Werte und Prinzipien gelingen – und zwar in dem sie in den Syndikaten selbst praktiziert und vermittelt wurden. Um dies zu ermöglichen, machten es sich überzeugte Anarch@-Syndikalist*innen zur Aufgabe, die gewerkschaftlichen Kämpfe und Organisationen immer wieder neu auf sozial-revolutionäre Ziele hin auszurichten.

๑ Anarchistischer Kommunitarismus

Kommunen und Alternativbewegungen werden heute oftmals mit der 68er-Bewegung in Verbindung gebracht. Viele Hausprojekte, Ökodörfer, subkulturelle Festivals, alternative Lebensstile und Beziehungsformen wurden tatsächlich erst mit einer gewissen Liberalisierung der Gesellschaft, nach der verkrusteten konservativen Nachkriegszeit, möglich auszuprobieren und einzurichten. Dabei gibt es schon seit Jahrhunderten, wenn nicht seit Jahrtausenden immer wieder Gruppen, die Unterschiede zur bestehenden Gesellschaft machen, aus ihr aus-treten und etwas anderes verwirklichen wollen. Dies geschah in der vormodernen Welt meistens im religiösen Gewand, weil jenes die Gedanken und Sprachen lieferte, mit der weltanschauliche Meinungen und Überzeugungen in Abgrenzung zur herrschenden bzw. offiziellen Mehrheitsmeinung formuliert werden konnten. Gegen die Doktrinen von Kirchen wurden immer wieder abweichende Lehren formuliert, welche meisten unterdrückt und manchmal integriert wurden. Um ihre „alternativen“ Vorstellungen leben zu können, versammelten sich Überzeugte an bestimmten Orten, schlossen sich zu Gemeinschaften zusammen, teilten ihr Leben und gründeten gelegentlich auch eigene Organisationen. Die Waldenser, die Brüder und Schwestern des freien Geistes, die Hussiten, die Diggers und Quäker sind Beispiele für solche (spät)mittelalterlichen religiösen Bewegungen, die starke kommunistische Elemente hatten, sich basisdemokratisch organisier-ten, oft staatliche Gesetze ablehnten, kirchliche Lehren nicht akzeptierten und auch sonstige Autoritäten missachteten.
Der moderne Anarchismus ging nicht aus diesen häretischen religiösen Bewegungen hervor. Dennoch schärft ihre Betrachtung ein Verständnis für historische Entwicklungen und wie Menschen mit abweichendem Vorstellungen, Verhaltensweisen und eigenständigen Organisationsformen umgegangen sind. Auch unter dem Label des Anarchismus versammelten sich viele Menschen, die mit der bestehenden Gesellschaftsform und dem offiziellen Weltbild nicht einverstanden sind und schlichtweg anders leben wollen, als es in der Mehrheitskultur vorgesehen ist. Alternativ- und Kommunebewegungen sind selbstverständlich keineswegs per se progressiv und emanzipatorisch. Wie sollten sie es auch sein? Allein die Abweichung von herrschenden Normen bedeutet keineswegs, für Werte und Inhalte einzutreten, die beispielsweise an anarchistische Vorstellungen anknüpfen. Anhand der sogenannten Wandervogelbewegung und den Pfadfindern an der Wende zum 20. Jahrhundert wird dies deutlich: In ihnen gab es sowohl sozialistische und kommunistische, als auch religiöse, konservative, nationalistische, völkische und esoterische Strömungen. Schaut man sich heutige Hippie-Szenen an, wird (abhängig vom jeweiligen Kreis) ebenfalls deutlich, dass in ihnen teilweise sehr krude Vorstellungen vertreten werden, beispielsweise in Hinblick auf Geschlechterverhältnisse, dem Umgang mit negativen Gefühlen oder den Ursachen gesellschaftlicher Probleme. Doch dies betrifft viele Subkulturen, wie beispielsweise die Mittelalter-Szene, die Gothic-, Metal- oder Reggae-Szene. Insgesamt gilt für sie alle, dass in ihnen verschiedene Leute zusammen kommen, die zwar bestimmte kulturelle Stile, Formen und Inhalte teilen, aber in ihren Ansichten nicht über einen Kamm zu scheren sind.
Es scheint unheimlich schwierig zu sein, aus den bestehenden gesellschaftlichen Strukturen und Vorstellungen auszubrechen und überhaupt erst einmal Räume zu schaffen, in denen mit anderen Lebensformen experimentiert werden kann. Dies ist der Grund, warum Alternativ- und Kommunebewegungen für viele Anarchist* innen interessant waren und sind. Denn das Menschen etwas anderes mit ihrem eigenen Leben wollen, scheint schon einmal eine gute Voraussetzung dafür zu sein, dass sie bereit sind, die bestehende Herrschaftsordnung grundlegend in Frage zu stellen. Und dies gilt umso mehr, wenn davon ausgegangen wird, dass sich gesellschaftliche Veränderungen nicht „nach der Revolution“, sondern schon jetzt vollziehen und unbedingt etwas mit den Menschen zu tun haben müssen, die einen Unterschied machen (wollen). Ein berühmtes Beispiel für dieses Ausprobieren des Neuen ist die verrückte Kommune auf dem Monte Veritá bei Ascona in der Schweiz am Anfang des 20. Jahrhunderts. Dort trafen sich alle möglichen verfolgten Revolutionärinnen, Aussteigerinnen, Lebensreformer* innen, Feminist*innen, Pazifist*innen und Künstler*innen, um neue Gemeinschaft, freie Liebe und Vegtarismus zu praktizieren, Lebenssinn zu suchen und sich über alternative Gesellschaftsmodelle auszutauschen. Auch der anarchistische Lebenskünstler Erich Mühsam besuchte den bunten Haufen mehrmals, machte sich augenzwinkernd über den Vegetarismus lustig und forderte eine stärkere politische Orientierung ein. Insgesamt betrachtete er das chaotische Experimen-tieren allerdings mit Wohlwollen, weil das vielfältige Erfahren des eigenen Menschseins, das ausgekostete Leben, für ihn ein wesentlicher Aspekt von umfassender Befreiung darstellte – die allen Menschen möglich sein sollte. Ebenso praktizierte er dies in den Kreisen der sogenannten Bohéme, in welchen bürgerliche Normvorstellungen (Ordentlichkeit, Fleiß, rigide Sexualmoral, Lohnarbeit, feste Wohnsitze usw.) abgelehnt und dagegen rebelliert wurde.
Von diesen Gedanken war unter anderem auch Gustav Landauer beeinflusst. Er forderte ein „Neues Beginnen“ und verfasste einen „Aufruf zum Sozialismus“, mit dem er deutlich machte, dass jener nicht allein oder vorrangig die Umstrukturierung der Wirtschaft bedeutete, sondern sozialistische Verhältnisse darin bestehen, dass Menschen gleichberechtigt, solidarisch und freiheitlich miteinander in Beziehung treten. Statt weiterhin auf die große Revolution zu hoffen, ging es ihm darum, mit denen, die überzeugt waren und Anarchie verwirklichen wollten, Gemeinschaften zu gründen, in denen das neue Leben eingeübt und vorgelebt werden sollte. Weil dies überzeugend würde, wäre die Gründung von miteinander vernetzten Kommunen tatsächlich ein sinnvoller Ansatz, um die bestehende Gesellschaft radikal zu verändern. Dabei ist die soziale Revolution nicht als spektakulärer Bruch, sondern als Prozess, als ein Wachsen und Werden zu verstehen, mit dem Stück für Stück eine anarchistische Gesellschaft an Stelle der alten Herrschaftsordnung aufgebaut werden kann. Mit diesen Vorstellungen schlossen sich verschiedene Leute im „Sozialistischen Bund“ zusammen.
Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass sich anarchistische Vorstellungen in Alternativ- und Kommunebewegungen wiederfinden und auch in Subkulturen eine Rolle spielen. Letzteres wurde im Nachgang an die 68er-Bewegung immer wichtiger. So war Punk nicht vorrangig Musik, sondern gelebte Provokation in allen Bereichen, eine Absage an herrschende Normvorstellungen, die Betonung individueller Entfaltungsmöglichkeiten, darüber hinaus auch Fixpunkt einer Gemeinschaft von Ausgeschlossenen, die ihr Anderssein positiv umwendeten. Auch die straight-edge-Bewegung, Hardcore, Szenen, in denen alternative Beziehungsformen gelebt werden, Veganismus, Selbsthilfewerkstätten oder freie Schulen sind hiervon zumindest beeinflusst. Gesucht wird nach Ausdrucksmöglichkeiten für alternative Lebensformen und Orten, an denen dies möglich ist. Horst Stowassers „Projekt A“ kann als Beispiel einer Verbindung anarchistischer Kommunen und des Anarch@-Syndikalismus gelten.

Mit der Darstellung der verschiedenen anarchistischen Ansätze, mit denen nach Autonomie gestrebt wird, wollte ich verdeutlichen, wieso darin meiner Ansicht nach der gemeinsame Nenner der teilweise äußerst unterschiedlichen Ström-ungen und Gruppen im Anarchismus besteht. Dies ist heute der Fall, zieht sich allerdings auch durch die Geschichte durch und entwickelt sich fortwährend weiter. Wie schon erwähnt, gibt es Gruppen und Personen, die für einen der Ansätze in Reinform eintreten, während sich in anarchistischen Szenen meistens verschiedene dieser Vorstellungen miteinander vermischen. Es ist deutlich geworden, dass ich selbst den Standpunkt einnehme, dass dies durchaus wünschenswert ist und keineswegs zu einer „Verwässerung“ des Anarchismus führt, wenn ein Grundverständnis für seine Geschichte, seine Konzepte, seine Lebens- und Organisationsformen vorhanden ist bzw. erlangt wird. Dies geschieht weniger durch Bücherlesen, sondern durch eigene Erfahrungen und den Austausch in anarchistischen und verwandten Zusammenhängen. Wichtig ist daher: Sich überhaupt anarchistisch zu organisieren.