Für eine neue anarchistische Organisierung!

Lesedauer: 49 Minuten

Hinführung

„Organisiert euch!“, rufen Anarchist*innen anderen immer wieder zu. „Nicht andere werden euch befreien, sondern ihr selbst müsst aktiv werden, um eine egalitäre, solidarische und freiheitliche Gesellschaft zu erkämpfen“, ist die Quintessenz der anarchistischen Organisationsvorstellungen. Damit werden die Handlungsfähigkeiten und -möglichkeiten einzelner Menschen zugleich zum Ausgangspunkt genommen, als auch in den alltäglichen Auseinandersetzungen weiterentwickelt und ausgebaut. Wie anarchistische Organisierung genauer aussehen soll, darüber gehen die Ansichten teilweise weit auseinander.
Im folgenden Text versuche ich einen Beitrag zur Organisationsdebatte in der sogenannten „radikalen Linken“ aus anarchistischer Perspektive zu formulieren. Aufgrund von Perspektivlosigkeit und veränderten Bedingungen, entstanden in den letzten Jahren verschiedene neue Texte zu basislinken Organisierungsansätzen. Da mein Beitrag kein Ergebnis einer kollektiven Auseinandersetzung mit dieser Thematik ist, sondern Produkt einiger Jahre Erfahrung in der außerparlamentarischen und anarchistischen Szene sowie einiger (begrenzter) Diskussionen darin, will ich mir nicht anmaßen, hier ein völlig neues Konzept zu entwerfen. Die Gedankengänge, welche ich im Folgenden entfalte, sollen stattdessen wesentliche Aspekte in anarchistischen Organisierungsdebatten abbilden und verdeutlichen. Darauf aufbauend kann eine Reflexion über die jeweils eigene Praxis möglich werden. Dementsprechend sehe ich meinen Beitrag selbst als Anregung und Reflexion über bestehende anarchistische Organisationen anstatt als Formulierung einer ausgearbeiteten Programmatik. Diese Bescheidenheit kommt nicht von ungefähr: Erstens bin ich mir der Begrenztheit solcher Überlegungen und Vorschläge bewusst, sei es in ihrer Reichweite, sei es in ihrer notwendigen Verkürzung oder Umsetzbarkeit. Zweitens bin ich der Überzeugung, dass Organisationskonzepte nie abstrakt bestimmt, sondern stets nur von den in ihnen jeweils mitwirkenden Personen gestaltet werden können. Dynamische Inhalte in ihnen sind wichtiger, als starre Formen. Die anarchistische Arbeit an Kampforganisationen, die zugleich Keimzellen der zukünftigen Gesellschaft sein sollen, ist ein kontinuierlicher kollektiver Prozess, der nur von den jeweiligen Gruppen vollzogen werden kann, die sich sozial-revolutionär ausrichten wollen. Drittens ersetzen meine Überlegungen zur Organisierung an dieser Stelle nicht Theorie-Arbeit und die Arbeit an Beziehungen im Zusammenhang mit der Entfaltung einer anarchistischen Ethik. Um erstere ging es in meinem vorherigen Text Für eine neue anarchistische Theorie und um letztere in Für eine neue anarchistische Synthese. Die vorliegende Schrift zu anarchistischer Organisierung ist also als eine Ergänzung dieser vorherigen Texte zu verstehen, da ich ethische Werte, organisatorische Prinzipien und theoretische Grundsätze als miteinander verknüpft, fortwährend zu vermitteln und abzugleichen ansehe.

Strukturelle Bedingungen & bewusste Gestaltungsmöglichkeiten

Eine rein abstrakte Überlegung zu anarchistischen Organisationsansätze stünde zudem vor dem Problem, dass sie unterstellen könnte, es gälte endlich eine „richtige“ Organisationsform zu finden. Könnte diese dann entwickelt werden, würden wir uns endlich einen Schritt weiter bewegen. In gewisser Hinsicht teile ich diese Vorstellung – oder vielmehr diesen Wunsch – und zwar aufgrund von negativen Erfahrungen und Ent-täuschungen in anarchistischen und anderen linksradikalen Organisationen, in die ich bisher selbst involviert war oder noch bin. Dennoch weiß ich, dass es irrsinnig wäre, nach einen Masterplan der Organisierung zu suchen. Vielmehr gilt es unbedingt davon auszugehen, was wir vorfinden, sowie das zu thematisieren und zu formulieren, wo wir hinwollen.
Jede Form derzeit bestehender anarchistischer bzw. anarchistisch inspirierter Organisation hat ihre Vorteile und Nachteile, egal, ob es sich um die gewerkschaftliche FAU, die Förderation deutschsprachiger Anarchist*innen, autonome Gruppen, informelle Strukturen, Bewegungsnetzwerke oder Hausprojekte handelt. Doch sie alle sind Ergebnis von jahrzehntelangen Erfahrungen und Auseinandersetzungen in emanzipatorischen sozialen Bewegungen, sie alle haben ihre besonderen Geschichten, ihre jeweiligen Potenziale und schleppen ihren eigenen Ballast mit sich herum. Formen der Organisation können nicht einfach irgendwie ausgesucht oder gewählt werden, sondern sind von den Bedingungen der bestehenden Gesellschaftsform abhängig. Bekanntermaßen ist in dieser der bürgerliche Individualismus stark verbreitet, was eine Organisation anhand gemeinsamer Interessenlagen erschwert. Dies trifft ebenso auf die Produktionsform zu, wo zumindest in den Post-Industriegesellschaften sich immer weniger Menschen als Massenarbeiter*innen wahrnehmen und organisieren können, weil sie getrennt voneinander arbeiten. Das Internet und soziale Medien ermöglichen neue Formen der Verbindung, welche jedoch zu Oberflächenerscheinungen und Kurzlebigkeit tendieren, wenn aus den virtuellen Kontakten keine Beziehungen in der Real World geknüpft und gepflegt werden. Das Bestreben, sich gemeinsam zu organisieren, verlangt zudem auch nach einer Bestimmung von gemeinsamen Zielen und einem geteilten Bewusstsein, wie diese erreicht werden können. In der gesellschaftlichen Linken, auch den radikaleren Teilen von ihr und selbst bei den Anarchist*innen fehlt momentan eine gemeinsame Vision und Großerzählung, wie sozial-revolutionäre Prozesse heute aussehen und einen libertären Sozialismus (s.u.) ermöglichen können. Schließlich waren und sind Versuche zur Organisierung sozial-revolutionär eingestellter Menschen auch von staatlicher Repression betroffen, d.h. eine offene Organisierung ist keineswegs zu jedem Zweck und für alle Personen möglich. Dies gilt umso mehr, je erfolgreicher anarchistische Organisationen tatsächlich sind, was sich meistens daran messen lässt, ob sie die Grundstrukturen der bestehenden Gesellschaft tatsächlich angreifen – oder aus Sicht der Repressionsorgane zumindest das Potenzial dazu entwickeln könnten. Allerdings gibt es innerhalb wie außerhalb der Staatsapparate genug autoritäre Reaktionäre, welche uns auch gern verfolgen, kriminalisieren und sogar töten würden, wenn wir lediglich die Gedanken des Anarchismus propagieren. Letztendlich bedeutet dies, dass die Bedingungen für verschiedene Organisationsformen immer selbst zu erkämpfen, also schon für sich stets Teil der sozialen Auseinandersetzungen sind. Im selben Zuge geht die Ausweitung verschiedener Organisationsmöglichkeiten mit der Verwirklichung einer anderen Gesellschaft einher. Im Anarchismus sollen die Organisationsformen der emanzipatorischen sozial-revolutionären Kräfte nämlich beides sein: Kampforganisationen und Keimzellen der zukünftigen Gesellschaft. Als Kampforganisationen befinden sie sich im kontinuierlichen Widerspruch, die von ihnen gewählten Mittel fortwährend mit ihren Zielen abzugleichen. Ihr letztes Ziel ist dabei ihre Selbstabschaffung, wenn sie in der erneuerten Gesellschaft aufgehen. Organisationsformen und Taktiken sind also an bestimmte Kämpfe unter bestimmten historischen Bedingungen gebunden und dürfen kein Selbstzweck sein. In der Anarchie wird es wahrscheinlich viele praktische Probleme zu lösen geben. Arbeitskämpfe, militante Interventionen, Demonstrationen oder solidarische Hilfsprojekte, welche die schlimmsten Auswüchse der staatlich/kapitalistischen/patriarchalen Gesellschaftsform lindern, wird es jedoch nicht mehr geben (müssen). Doch auch als Keimzellen der Anarchie dürfen sozial-revolutionäre Organisationen sich nicht selbst genügen. Es geht mit ihnen nicht darum, eine kuschelige, harmonische Gemeinschaft zu schaffen, sondern um die Frage, wie sich die Gesellschaft herrschaftsfrei organisieren lässt – und zwar wiederum ausgehend vom Bestehenden und nicht von abstrakten Idealvorstellungen her gedacht. Daher wäre es auch in diesem Zusammenhang nicht zielführend, würde ich hier konkrete Vorschläge formulieren, denn diese müssen die Expertinnen ihrer jeweiligen Lebenswelten entwickeln. Wie lassen sich Krankenhäuser, Fabriken, Schulen, eine kommunale Selbstverwaltung, kurz: alle wesentlichen gesellschaftlichen Funktionen, die heute in hierarchische Institutionen gepresst sind, im anarchistischen Sinne organisieren?

Ein pluralistischer Anarchismus ohne Adjektive

An anderer Stelle bin ich für den Ansatz der anarchistischen Synthese eingetreten. Mit diesem wird davon ausgegangen, dass eine einheitliche Ideologie oder Organisationsform für eine anarchistische Föderation nicht im Vordergrund stehen, sondern diese eher den Rahmen darstellen sollte, um überhaupt gemein-samen Austausch und darüber hinausgehende Organisierung zu ermöglichen. Allerdings reicht es nicht aus, Pluralität und Vielfalt zu bejahen, sondern es ist eine Aufgabe, kollektive Prozesse anzustreben und gemeinsame Grundlagen herauszubilden. Dies passiert nicht von selbst und sollte auch gar nicht irgendwie zufällig, sondern absichtsvoll geschehen, wenn Menschen den Anspruch haben, mit ihrer Organisierung tatsächlich etwas zu verändern. Auch eine Föderation und der mögliche Austausch in ihr dürfen kein Selbstzweck sein, sondern sind an sozial-revolutionären Zielsetzungen auszurichten. Damit meine ich keineswegs die dogmatische Erfüllung möglichst reiner Organisationsprinzipien, sondern die grundlegende Haltung, mit welcher wir an Organisierung herangehen.
In Hinblick auf die anarchistische Synthese ist klar, dass es nicht die eine richtige Organisationsform geben kann, sondern eine Vielzahl von unterschiedlichen Ansätzen parallel zueinander vorstellbar sind. Dies hängt zwar auch zu einem gewissen Grad von persönlichen Vorlieben und Erfahrungen ab, richtet sich aber vor allem nach dem, was wir mit der jeweiligen Organisation anfangen wollen. Autonome Gruppen, offene weltanschauliche „Gesinnungsgruppen“, soziale Bezugsgruppen, Syndikate, Netzwerke von Aktivist*innen oder die Arbeit in zivilgesellschaftlichen Vereinen haben also alle ihre Berechtigung, ihre Potenziale und ihre Begrenzungen. Dass bedeutet jedoch nicht, dass es beliebig ist, welche Organisationsformen wir wählen und dass es sich darüber nicht produktiv zu streiten gälte. In der Geschichte der sozialistischen – und darin der anarchistischen – Bewegung wurden langanhaltende und gelegentlich erbitterte Auseinandersetzungen beispielsweise darüber geführt, ob Basisgewerkschaften bürokratisch verkrusten, ob Föderationen eher lähmen als zum gemeinsamen Handeln zu motivieren, in welchen Phasen und Kontexten es öffentlich und wann es klandestin zu agieren gilt oder ob die Strukturlosigkeit vieler autonomer Gruppen nicht viel „tyrannischer“ ist als gewisse demokratische Strukturen, wie Jo Freeman schrieb. Solche Debatten sind enorm wichtig, weil es eben nicht stimmt, wenn Aktive aus verschiedenen Strömungen behaupten, ihre Organisationsform sei an sich die richtige, sei es, weil nur sie den grundsätzlichen Antagonismus in der Gesellschaft bekämpfen würde, indem der Ökonomie ein Primat zugeschrieben wird, sei es, weil geglaubt wird, eine „richtige“ Analyse zu haben, oder schließlich, weil die Abspaltung von der Mehrheitsgesellschaft sowie von anderen emanzipatorischen Strömungen als Selbstzweck befürwortet wird.

In diesem Text werde ich keine Organisationsmodelle durcharbeiten und bewerten. Mir geht es um die Herangehensweise an anarchistische Organisierungsprozesse, also um unsere Perspektiven darauf. In diesem Zusammenhang befürworte ich einen Anarchismus ohne Adjektive wie ihn unter anderem Voltarine de Cleyre und Errico Malatesta formulierten. Sie entwickelten diesen offenen, pluralistischen Ansatz eines weiten Schirms des Anarchismus nicht ohne Grund, sondern weil sie die endlosen Auseinandersetzungen über ideologische und organisatorische Differenzen verschiedener anarchistischer Strömungen als nicht zielführend erachteten. Das bedeutet nicht, dass sie nicht selbst auch Position bezogen haben und sich von bestimmten Erscheinungen in der anarchistischen Szene abgrenzten, sie kritisierten oder befürworteten. Organisationsdebatten sollten allerdings nicht abstrakt und losgelöst von den realen Lebensbedingungen, Situationen und Kämpfen von Menschen geführt werden, sondern aus diesen hervorgehen und von potenziell gemeinsamen Zielen ausgehen, die wiederum auch fortwährend neu zu konkretisieren sind. Bei allem Trennenden, was Anarch@s oft so lieben, weil sie darin eine Umgangsweise mit ihrer eigenen Entfremdung finden, soll es hierbei also um die Herstellung eines Gemeinsamen gehen. Das ist kein Harmoniegesülze, sondern beruht auf der strategischen Absicht, anarchistische Perspektiven, Praktiken und Gruppen relevanter und wirkmächtiger werden zu lassen. Auf keinen Fall sollen deswegen alle an einer einzigen anarchistischen Organisation mitwirken, denn wie erwähnt gibt es viele verschiedene Möglichkeiten sich zu organisieren, was gut so ist. Allerdings geht es darum, möglichst viele Menschen, die sich als Anarchist*innen verstehen in Diskussionsprozesse zu verstricken, damit sie ihre sozial-revolu-tionären Projekte aufeinander beziehen, sich verbünden und – wo es Sinn ergibt – zumindest punktuell gemeinsam agieren. Schließlich gelingt ein Zusammen-wachsen nicht durch abstrakte Debatten, sondern durch geteilte Erfahrungen. Die Vielfalt anarchistischer Organisationsformen ergibt sich auch schon daraus, dass Anarchismus als soziale Bewegung prinzipiell den Anspruch hat, in alle gesellschaftliche Bereiche und alle Kampffelder hineinzuwirken. Mit dem Slogan „Fight were you stand!“ wird dies ziemlich gut auf den Punkt gebracht. Was Anarchist*innen auszeichnet, ist, dass sie nicht lediglich ein Thema verfolgen, in nur einer Gruppe von Leuten herumhängen, nur Verbindungen in ein soziales Milieu haben oder nur eine/ihre Wahrheit als richtig anerkennen. Sie können sich ökologischen, (queer)feministischen und antifaschistischen Kämpfen, Kämpfen gegen Ausbeutung und Lohnarbeit, gegen staatlichen Autoritarismus, Repression und Überwachung, gegen nationalstaatliche Grenzziehungen und Militarismus usw. widmen. Von den jeweiligen Themenfelder, den anderen emanzipatorischen Akteur*innen darauf, sowie den eigenen Taktiken, Erfahrungen und Vorlieben hängt es ab, welche Organisationsform sinnvollerweise gewählt und entwickelt werden kann. Dieser Gedanke knüpft auch an den Grundsatz der „Vielfalt der Taktiken“ an, wie er 2001 bei einem großen Protest gegen den WTO-Gipfel in Quebec entwickelt worden war.
Meine Aussage dürfte klar geworden sein: Nieder mit den Selbstzwecken! Schluss mit dem „Das haben wir schon immer so gemacht“! Lasst uns bewusst und selbstkritisch über anarchistische Organisierung nachdenken. Anstatt uns von endlosen Organisationsdebatten lähmen zu lassen, in der falschen Annahme, eine „richtige“ Organisationsform wäre die Lösung für alles, sind anarchistische Organisationsansätze in ihren Geschichten zu verstehen und von ihren jeweiligen Potenzialen her zu denken.

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