Für eine neue anarchistische Ethik!

Lesedauer: 47 Minuten

Die Bewältigung und Überwindung von Leid durch ernsthaften Humor statt bürgerlichen Zynismus ✘ ✘ ✘

Gewalterfahrungen – sowohl in einem weiteren als auch im engeren Sinne – stellen die anarchistische Ethik vor die Herausforderung des Umgangs mit erfahrenem Leid. Leid, was andere erfahren, betrifft auch uns selbst – weil wir ebenfalls Leid erfahren haben. Wir leiden mit anderen mit, wenn unser empathisches Potenzial auf eine erstrebenswerte Weise entwickelt ist. Dies ist bei sehr vielen Menschen heute bedauerlicherweise nicht der Fall, weil sie wenig Raum haben, ihre Gefühle zuzulassen, ihnen nachzugehen und sie zu reflektieren. Mitleid darf nicht Ausdruck eines paternalistischen Überlegenheits-gefühls sein, mit dem im schlimmsten Fall Opfer für die eigenen Anliegen instrumentalisiert werden, was schneller geschieht, als man denkt. Die Betroffenheiten sind selbstverständlich unterschiedliche. Leid formell zu bedauern oder auszunutzen, ist eine der widerlichsten Herrschaftsstrategien. Diese können durch einen linken Humanismus, durch Wohltätigkeit von Bonzen oder konservative Religionsgemeinschaften angewandt werden. Das ehrliche Empfinden des eigenen Leidens und das Mitleiden mit Anderen sollte auch nicht dazu dienen, sich im erfahrenen Leiden zu suhlen oder Anerkennung dafür zu erwarten, um dadurch die eigene negative Identität zu bestätigen. Auch wenn die Fähigkeiten und Möglichkeiten, erfahrenes Leid auszuhalten und zu bewältigen sehr unterschiedlich sind, muss das Ziel immer die Abschaffung des Leidens bleiben. Denn für den allergrößten Teil davon gibt es Gründe und Verantwortlichkeiten. Hierbei stellt sich für viele Leute die Frage nach dem Sinn des Leidens, denn da sie immer wieder Leid erfahren, wird dies unweigerlich auch Teil von Sinnstiftung und Identitätskonstruktion.

Die anarchistische Ethik interpretiert jedoch das Leiden nicht wie das Christentum oder der Buddhismus als existenzielle menschliche Erfahrung, die es auszuhalten und würdevoll zu tragen gilt. Stattdessen geht sie von der Erfahrung eines gelingenden, schönen, reichen und erfüllten Lebens aus, weil dieses ebenfalls Realität ist und allen Menschen möglich sein soll. Leben ist nicht Leiden, sondern Erfüllung, die Verwirklichung von kollektiver Zufriedenheit und Selbstentfaltung. Diese Haltung bezeichnete der Philosoph Epikur als Streben nach Eudaimonie (= Glückseeligkeit), wobei dieses hedonistische Ziel nicht bedeutet, immer wieder einen neuen Kick zu suchen, sondern Lust, Lebensfreude und innere Zufriedenheit in Gemeinschaft mit Anderen zu finden. Der anarchistischen Ethik nach kann dies also nicht in Konkurrenz zu Anderen gelingen, sondern nur in einem lebendigen Miteinander. Deswegen ist es aus dieser Perspektive problematisch und auch nicht zielführend, sich selbst für Andere – an anderen Orten oder in der Zukunft – aufzuopfern oder gar zu erniedrigen. Stattdessen sollte die Verbundenheit mit Anderen zu einer solidarischen Bezugnahme auf sie führen, um gemeinsam gegen das jeweils selbst erfahrene Leid aufzubegehren und es zu überwinden. Was dies in verschiedenen Situationen und Kontexten und für verschiedene Menschen genau bedeutet, ist unterschiedlich, denn Zufriedenheit kann nur subjektiv beschrieben werden. Dennoch teilen erstaunlich viele Menschen an ganz unterschiedlichen Orten auf der Welt ähnliche Grundvorstellung davon, wie ein gelingendes, schönes, reiches, erfülltes Leben für sie aussieht. Trotz all der Scheiße, die wir wahrnehmen und an der wir (mit)leiden, ist es deswegen wichtig, den Blick auf das Erstrebenswerte zu richten, ohne sich den negativen Entwicklungen und Gefühlen zu verschließen oder sie sich schön zu reden. Dies bedeutet nicht, vor allem das individuelle Glück zu suchen, damit wenigstens einige Personen welches haben, sondern die Erfüllung, die wir uns herausnehmen und erkämpfen, zu teilen und sie immer mehr Menschen zugänglich zu machen.

Diesbezüglich hat sich beispielsweise Rudolf Rocker stark von der Verelendungstheorie distanziert, welche insbesondere in der marxistisch geprägten deutschen Sozialdemokratie seiner Zeit grassierte: Die Annahme, dass Menschen aufbegehren (werden), wenn es ihnen immer schlechter geht, ist völliger Unsinn. Rebellionen mit emanzipatorischem Charakter entstehen zwar meist dort, wo sich ihre Situation massiv verschlechtert, setzen aber voraus, dass die Rebellierenden eine Vorstellung davon haben, wie es – insgesamt, aber auch konkret für sie und ihre Leute – besser werden kann. Die soziale Revolution speist sich nicht hauptsächlich aus der Negation des schlechten Zustandes, sondern aus den Kämpfen um die Bedingungen des gelingenden Lebens für Alle.

Dennoch bleibt die Frage, wie wir mit all der Scheiße um uns herum und mit dem eigenen Leiden, auf eine emanzipatorische Weise umgehen können, weiter bestehen. Sie wegzudrücken oder schön zu reden wäre absolut unverantwortlich, unempathisch und unsolidarisch. Die Frage lässt sich nicht leicht beantworten, wenn davon ausgegangen wird, dass Leid in vielen Fällen nicht ‚notwendig‘, sondern sinnlos ist und keineswegs zu sozialen Fortschritten inspiriert. Insbesondere in der deutschen radikalen Linken ist dahingehend eine überaus zynische Haltung verbreitet, mit der jeglicher Anspruch auf eine positive radikale Gesellschaftsveränderung aufgegeben und untergraben wird. Dies hat unter anderem mit der historischen Erfahrung zu tun, dass ehemals progressive soziale Bewegungen reaktionär gewendet wurden und viele Sozialist*innen auch anti-emanzipatorische Analysen und Ziele verfolgten. Zudem blieb und bleibt auch das anarchistische Konzept von sozialer Revolution unbegriffen, welches eine radikale und umfassende Gesellschaftstransformation meint, die multidimensional, prozesshaft, dynamisch und mit einer Vielzahl von Akteur*innen gedacht wird, wobei sich die Subjekte in ihr selbst verändern. Das kontinuierliche Schwanken zwischen pseudoradikalen Phrasen exklusiver linker Szene einerseits und vermeintlich radikaler ‚Realpolitik‘ andererseits, führt zur Enttäuschung in beiderlei Hinsicht. Dies nährt den allzudeutschen Zynismus als Produkt einer bürgerlichen Denkweise des schlechten Gewissens und der überheblichen Selbstgerechtigkeit.

Der Zynismus blockiert die Sehnsucht nach einer besseren Zukunft, das Nachdenken über sie, verhindert, sich selbst ernst zu nehmen, beschränkt Selbstermächtigung, populäres Gemeinsam-werden und Solidarisierung aus Empathie. Dagegen schlage ich mit Simon Critchley eine Haltung des Humors vor, um mit Leid emanzipatorisch umzugehen – und es zu bewältigen. Humor meint an dieser Stelle kein oberflächliches Herumalbern, sondern hängt im Gegenteil eng mit Ernsthaftigkeit zusammen, wie auch empathisches Mitleid und Mitfreude miteinander verbunden sind. Humorvolle Menschen schaffen ist, sich auf eine gesunde Weise von sich selbst und dem erfahrenen Leid zu distanzieren, ohne dabei passiv zu werden und es zu relativieren. Mit Humor können die eigene Unterworfenheit aufgegeben und vermeintliche Notwendigkeiten in Frage gestellt, Leiden gelindert als auch die Herrschenden und ihre Gewalt verspottet werden. Aus dieser Haltung und Erfahrung stammt deswegen der Ausspruch: „Es wird ein Lachen sein, dass sie besiegt“.

Solidarische, egalitäre und freiheitlich Beziehungen

In diesem Text habe ich dafür plädiert, die emanzipatorische Auseinandersetzung um eine bessere Gesellschaft von einer anarchistischen Ethik ausgehend zu denken und zu führen. Deren Grundlagen bestehen nicht hauptsächlich in der Ablehnung aller als negativ und schlecht bewerteter Missstände oder Leiden, sondern stärker in der Orientierung an unseren Vorstellungen eines gelingenden, schönen, reichen und erfüllten Lebens für Alle. Glück und Zufriedenheit lassen sich nicht abstrakt bestimmen oder schlimmer noch, Menschen verordnen. Vielmehr sind sie selbst verantwortlich für die Gestaltung ihrer Leben, denn Selbstbestimmung ist ein wesentlicher Aspekt der sozialen Freiheit. Dies bedeutet aber umso mehr, dass anarchistische Ethik einen Protest gegen die extrem ungleichen Bedingungen für die abgesicherte Selbstentfaltung aller Einzelnen darstellt. Sie ist somit zugleich ein Protest gegen die herrschende Moral, mit welcher diese Zustände gerechtfertigt und aufrechterhalten werden. Es geht also darum, sich Ressourcen und Fähigkeiten anzueignen, zugänglich zu machen und umzuverteilen, damit Alle ihre Leben auf eine ethische Weise selbst gestalten können – was, wie dargestellt, nur in Beziehung zu Anderen geschehen kann.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind zwar abstrakt und wirken oft un(an)greifbar. Letztendlich werden sie dennoch von konkreten Personen eingerichtet, getragen, aufrechterhalten, ausgehalten, untergraben. Aus diesem Grund kann die Beschreibung einer – aus ethischen Überlegungen heraus – erstrebenswerten Gesellschaft mit den Vorstellungen von „guten“ sozialen Beziehungen analogisiert werden: Sie können als solidarisch, egalitär und freiheitlich bezeichnet werden. Dies sind zwar zunächst nur Schlagworte, sie bedeuten jedoch im Kontext der dargestellten anarchistischen Ethik viel. Das heißt, ich habe mit diesem Text versucht eine Anregung zu geben, um über unsere eigenen ethischen Vorstellungen nachzudenken und sie neu zu diskutieren. Dies betrifft beispielsweise auch die Ausgestaltung unserer gemeinsamen Räume und Rituale, den zwischenmenschlichen Umgang in „linken Szenen“ oder in (anti)politischen Gruppen. Über diese Zusammenhänge hat sich oftmals ein Anti-Katalog eingeprägt, der aber nicht positiv beschreibt, wie wir miteinander leben wollen, welche eigenen Regeln wir aufstellen und wie wir unsere individuellen Haltungen entwickeln können. Feministische Ansätze und die radikale Ökologiebewegung bewegen sich in diesem Zusammenhang am ehesten nicht nur auf dem politischen Feld, sondern beinhalten auch positive ethische Ansprüche, Forderungen und Vorstellungen.

Es wurde deutlich, dass ich selbst für eine aktive und transparente Regel- und Normsetzung eintrete, weil dies meiner Ansicht nach der sinnvollste Weg ist, um sich erstens von den herrschenden Gesetzen und Normvorstellungen zu lösen, zweitens, vermittelbare und anschlussfähige Konzepte zu entwickeln und anzubieten und drittens keineswegs an sich neue Hierarchien und Zwangsordnungen hervorbringt, sondern im Gegenteil die Grundlage für eine freiwillige Organisierung ist. Dies beinhaltet, dass alle Personen und Gruppen, die von bestimmten Regeln und Normvorstellungen eines autonomen Kollektivs betroffen sind, an ihrer Einrichtung und Auslegung beteiligt sein müssen. Weiterhin dürfen ethische Autoritäten nur zeitweilig und aufgrund von Kompetenz übertragen werden, wobei sie das Erlernen von individueller und kollektiver Verantwortung und Selbstbestimmung fördern sollen. Zudem sind autonom gegebene Regeln keine Gesetze, das heißt, es bestehen keine einmalig festgelegten Sanktionsmechanismen bei ihrer Übertretung, sie müssen immer wieder in Frage und zur Verhandlung gestellt werden können. In diesem Sinne ist es wünschenswert und sogar notwendig, dass vorhandene Regeln hinterfragt oder bisweilen sogar gebrochen werden – wenn dies einen konstruktiven Prozess ethischer Überlegungen in Gang setzt, in denen gleichermaßen die Gemeinschaft wie die Einzelnen in den Blick genommen werden. Die Fragen, wie wir in guten, solidarischen, egalitären, freiheitlichen Beziehungen miteinander leben können, welche Spielräume wir jedoch auch als Einzelne haben, um ein ethisches Leben in den bestehenden Herrschaftsverhältnissen zu führen, sind kein Hobby oder Alibi, dass zu politischen Überlegungen hinzukommt. Ethik ist im Anarchismus nicht wie das entsprechende Schulfach, welches einen netten Ausgleich zu Mathe oder Sport abgibt, weil dort ja nur irgendwie gelabert wird und es ohne Anstrengung gute Noten gibt. Stattdessen ist anarchistische Ethik der Ausgangspunkt für den Anarchismus als soziale Bewegung und politische Theorie überhaupt. Die durch sie entwickelten (Wert)Vorstellungen und Vereinbarungen bilden gleichzeitig die Zielvorstellungen und damit die Orientierung für anarchistische Bestrebungen insgesamt. Cindy Milstein bezeichnet dies als „ethischen Kompass“ des Anarchismus, welcher es ermöglicht, auf undogmatische Weise in widersprüchlichen Verhältnissen und gegen massive Herrschaftsinteressen voranzugehen um etwas Neues aufzubauen. Die Bedingungen für ein gelingendes, schönes, reiches und erfülltes Leben für Alle herzustellen, bleibt daher die ungelöste Herausforderung, der wir nur gemeinsam begegnen können. Und stark sind wir gemeinsam vor allem dann, wenn wir uns über unsere Wertebasis verständigt haben, unsere Konflikte auf eine vernünftige und konstruktive Weise beheben und gute, verbindliche Beziehungen auf Augenhöhe eingehen und pflegen.

Einige Kennzeichen und Aufgaben einer sozial-revolutionären Ethik heute

  • Ethik ist mehr als die notwendige Ergänzung von Politik, sondern zugleich die Ausgangsbasis, die Motivation und die Zielbestimmung für sozial-revolutionäre Gesellschaftsveränderungen. Deswegen stellt sie Politik als unvermeidliche Auseinandersetzung in den Herrschaftsverhältnissen in Frage, ist aber auch auf sie angewiesen, um verwirklicht zu werden.
  • Bei der Einrichtung von Ethik geht es nicht um individualisierte Selbstfindung und korrektes Verhalten, sondern um die Herstellung der Bedingungen, unter denen ethische Lebensweisen – in-gegen-und-jenseits der bestehenden Herrschaftsverhältnisse und ihren moralischen Rechtfertigungen – gestaltet werden können.
  • In letzter Instanz lassen sich Grundwerte nicht argumentativ begründen, weil sie erlernte und erfahrene Überzeugungen bilden, mit welchen das soziale Miteinander und das individuelle Handeln sinnhaft gedeutet werden. Dennoch können sie als Ausgangspunkte bewusst und transparent gemacht werden, um sie zur Diskussion zu stellen und selbstgerechte Haltungen zu vermeiden.
  • Die Kriterien für ein gelingendes, schönes, reiches und erfülltes Leben für Alle lassen sich nicht abstrakt oder universell bestimmen, sondern nur in einem kollektiven Prozess der Diskussion, Kritik und autonomen Regelsetzung finden.
  • Ethische Vereinbarungen, Regeln und Normen variieren historisch und sind je nach Gruppe verschieden. Diese Unterschiedlichkeit ist nicht an sich problematisch, führt aber zur Auseinandersetzung zwischen divergierenden ethischen Haltungen und Vorstellungen.
  • Um ethische Ansprüche und Praktiken zu entwickeln und umzusetzen können sie nicht dogmatisch und unabhängig von den beteiligten Personen und Gruppe festgelegt werden wie Moralvorstellungen. Stattdessen sind sie in einem nie-endenen Prozess immer wieder neu zu finden, aufzubrechen und zur Verhandlung zu stellen.
  • Sozial-Revolutionär*innen arbeiten daran, sich ihrer eigenen ethischen Überzeugungen und Zielsetzungen bewusst zu werden und sie weiterzuentwickeln. Das Verhältnis zwischen Einzelnen und Kollektiven, das gesellschaftliche Naturverhältnis, Technologie, der Umgang mit Konflikten und Gewalt sowie die Gestaltung von guten sozialen Beziehungen sind dabei wichtige Themenfelder.
  • Die sozial-revolutionäre Kritik an der bestehenden Herrschaftsordnung war und ist (auch) ethisch begründet.
  • Sozial-Revolutionär*innen regen zum Nachdenken über ein gelingendes, schönes, reiches und erfülltes Leben für Alle an und zeigen Wege auf, wie die Bedingungen dafür erkämpft und eingerichtet werden können. Demnach rechnen sie nicht mit dem „Guten“ in den Menschen, betonten jedoch ihre ethischen Potenziale.
  • Sozial-Revolutionär*innen streben danach, ihre eigenen ethischen Ansprüche zu erfüllen, auch wenn sie wissen, dass dies unter den bestehenden Herrschaftsverhältnissen oft nur gebrochen gelingt und widersprüchlichen Charakter annimmt.