Für eine neue anarchistische Ethik!

Lesedauer: 47 Minuten

Konsumverhalten und alternative Lebensstile Ϡ

In der anarchistischen Ethik geht es um die individuelle Verantwortung für sich selbst, die Anderen und das Gemeinsame, wie auch die kollektive Verantwortung gegenüber den Einzelnen und der Mitwelt. Verantwortung ist dabei direkt mit einem Bewusstsein über sich selbst und der Bestimmung über sich selbst verknüpft. Sie hat bestimmte Voraussetzung, die angeeignet und erlernt werden können. Weil Anarchist*innen versuchen diese Verantwortlichkeit im Rahmen der ihnen aufgedrückten Bedingungen selbst zu übernehmen, beginnen sie auch auf die eine oder andere Weise, anders zu leben. Hierbei geht es nicht darum, moralisch besser als Andere sein zu wollen, sondern die eigenen Ansprüche nicht auf Andere abzuwälzen und sie selbst umzusetzen. Taten sind gewissermaßen auch in diesem Zusammenhang wichtiger als Worte. Der praktisch-ethische Versuch, ein gelingendes, reiches, schönes und erfülltes Leben zu gestalten, entspricht dem ‚egoistischen‘ Wunsch, dass dies uns zusteht – weil es Allen zustehen sollte. Es gibt in dieser Hinsicht selbstverständlich keine klar definierbaren Maßstäbe, worin dies besteht, sondern unterschiedliche Positionen und Versuche, um die auch gestritten werden muss. Wer von einer bestimmen ethischen Einstellung überzeugt ist, wird sie jedoch im Sinne der anarchistischen Ethik Anderen nicht aufzwingen, sondern sie zu überzeugen versuchen. Und Überzeugung geschieht vor allem dann, wenn Andere sehen, dass der gewählte Lebensstil einer Person ihr selbst entspricht und wirklich gut tut. Diese Erfahrung ist allerdings schwer vermittelbar.

Um ein persönliches Beispiel zur Veranschaulichung zu bringen: Für mich selbst war es vor vielen Jahren ein unglaublicher Freiheitsgewinn, kein Fleisch mehr zu essen. Ich empfand das nie als Einschnitt in meine ‚Freiheit‘ und nie als Zwang, den ich mir aus schlechtem Gewissen selbst auferlegt habe, sondern ganz im Gegenteil als große Bereicherung. Ich habe daraus nie eine Identität machen wollen. Da das in meinem Umfeld aber eher selten war, strickten mir andere daraus eine Identität. Ich war dann ‚Vegetarier‘, sie hingegen ‚normal‘. Abgesehen davon, dass ich mich damit nicht identifizieren wollte, wollte ich mich auch nicht groß weiter mit der Thematik beschäftigen. Mir reichte es zu wissen, welch widerliches Leid die Ausbeutung von Tieren verursacht, auch wenn dies – wie so vieles – permanent verdrängt und zynisch gerechtfertigt wird. Dies hatte aber auch den Grund, dass ich wusste, dass Argumente eigentlich fast niemanden überzeugen. Argumente überzeugen erst dann, wenn Menschen dafür bereit und offen sind, sich überzeugen zu lassen. Dafür muss allerdings ziemlich viel geschehen bzw. müssen sie zumeist eine sehr spezifische Haltung mitbringen, nämlich die Bereitschaft über ihre Grundwerte zu reflektieren, was immer auch mit Verunsicherung verbunden ist. Mich überzeugte in diesem Zusammenhang nicht, vegan zu leben. Das ist inkonsequent. Wenn ich für die Abschaffung der Ausbeutung von Tieren eintrete, stimmt es, dass dies mit weit mehr verbunden ist, als keine ermordeten Tiere zu essen. Dennoch bin ich nicht bereit diesen Schritt zu gehen, nicht, weil ich nicht genug weiß und nicht, weil ich zu ignorant oder willensschwach bin. Sondern ich habe einfach keine Lust dazu. Eigener Anspruch und Wirklichkeit klaffen also in diesem Beispiel nicht so weit auseinander, weil mein Anspruch nicht darin besteht, dass Leid der (Tier-)Welt durch mein eigenes Verhalten aufhalten zu müssen. Das wäre ein starker ethischer Anspruch, den ich bei Leuten sehr respektiere und würdige, die ihn haben und einlösen wollen – doch mich würde er erdrücken. Ich handle nicht aus schlechtem Gewissen, sondern aus der Freiheit heraus, einen Unterschied zu machen, den ich als ethisch gut bewerte und der auch leicht umzusetzen ist. Denn ich weiß, in jeglicher Hinsicht kann ich nur unter sehr begrenzten Rahmenbedingungen Veränderungen bewirken. Deswegen müssen diese Bedingungen grundlegend verändert werden. In den Grenzen, in denen mir das möglich ist und ich es selbst als sinnvoll bewerte, bin ich allerdings gefragt zu überlegen, wie ich selbst leben will und was die Folgen meines Lebensstiles sind. Auch wenn ich das ungern über eine staatliche Regulierung sehen würde, wäre es für mich deswegen – als Zwischenschritt – völlig okay, wenn tierische Produkte wesentlich teurer wären und deswegen insgesamt viel seltener konsumiert werden würden. Genauso sollten Billigflüge und Wegwerfprodukte nicht einfach selbstverständlich sein. Sie stellen keine Lebensqualität an sich dar, sondern lediglich die Kompensation entfremdeter Lebensbedingungen. Hier kommt dann allerdings die Klassenfrage hinzu: Ohne Enteignung und Umverteilung werden die ökonomisch Privilegierten immer wesentlich mehr Dinge konsumieren, die in der Regel auch ökologisch und sozial zerstörerischer sind, als die Massenware.

Ein weiteres persönliches Beispiel zum Thema ‚alternative Lebensstile‘: Lange Zeit lief ich so rum, wie man es – etwas zugespitzt formuliert – als Kartoffelsack-Style beschreiben könnte. Also ziemlich abgeranzt und ungepflegt, vor allem aber ohne Markenklamotten und sonstige Status symbolisierende Accessoires. Ich war definitiv nicht cool. Sicherlich lehnte ich ‚Mainstream‘-Kram ab und war auch materiell gesehen arm. Meiner Selbstwahrnehmung nach war ich mir damit selbst treu, weil mir mein Äußeres weitestgehend egal war und ich vor allem darüber nicht definiert werden wollte. Dennoch habe ich mir damit selbst etwas vorgemacht: Zunächst ist es eine soziale Tatsache, dass Menschen zu einem gewissen Grad immer nach Äußerem urteilen. Wenn ich das scheiße finde, hätte ich selbst das noch weniger tun sollen, als ich es tat. Für sich selbst einen Stil zu finden, ist weiterhin Zeichen des Kümmerns um sich selbst (was unabhängig vom jeweiligen Stil bei anderen den Eindruck erzeugt, das die Person soweit klarkommt und keine Belastung darstellt). Einen Ausdruck dafür zu suchen, was einem innerlich entspricht, hat jedoch auch Aspekte der eigenen Lebensgestalt-ung, die von Selbstbestimmung zeugt, wenn sie nicht lediglich adaptiert, sondern selbst entwickelt wird. Schließlich gibt es letztendlich nicht ‚keinen‘ Style. Die Ablehnung von Stilen und Konventionen insgesamt – und sei es in ihren linken oder ‚alternativen‘ Varianten – zeugt möglicherweise vom größten Stil-Bewusstsein überhaupt. Vielleicht auch von der Vorstellung, sich so besonders, wunderlich und ausgeschlossen zu fühlen, dass man glaubt, auf alles scheißen zu können (und zu müssen).

Was ich damit sagen will ist: Die bloße Ablehnung von verschiedenen anerkannten Lebensstilen aus ethischen Gründen („Ich bin kein Konsumidiot“, „Ich will Menschen nicht an Äußerlichkeiten messen“, „Ich lehne die pseudo-individuelle Massengesellschaft ab“ etc.), führt keineswegs zu einer selbstbestimmten Gestaltung der eigenen Seinsweise, die eine wünschenswerte Selbstsorge umfasst und gleichzeitig ein ethisch erstrebenswertes Ziel für sich darstellt. Dazu war der Kleidungsstil nur ein Beispiel, es lässt sich auf alle bewussten und unbewussten Ausdrucksformen beziehen. Für die Entwicklung ‚alternativer‘ (im ethischen Sinne als Suche nach schönen und erfüllenden) Lebensformen, sind eigene Ausdrucksformen äußerst wichtig – nicht nur individuell, sondern für eine Szene, die bestimmte ethische Ansprüche hat. Es gilt also etwas anderes, eigenes, zu entwickeln. Etwas, wodurch viele Menschen tatsächlich anders leben und sein können – ohne deswegen in bloßer Ablehnung zu verharren oder doch wieder die kapitalistische, entfremdende Mainstream-Kultur zu bestätigen. Bloße Abweichung oder Rebellion für sich genommen dienen noch keineswegs emanzipatorischen Zielen.

Zur Überwindung des Patriarchats durch egalitäre Geschlechterverhältnisse ❂

Anarchist*innen versuchen also selbst ihren eigenen ethischen Ansprüchen nach anders zu leben. Wie die Unterschiede hierbei genau aussehen, ist von Person zu Person und in jedem Kontext verschieden. Dies auf abstrakte Weise und allgemeingültig festzulegen wäre nicht im Sinne einer anarchistischen Ethik. Dennoch wurden durch Diskussionen und den Erfahrungen in den vergangenen und bestehenden Herrschaftsordnungen in anarchistischen Zusammenhängen bestimmte ethische Ansprüche entwickelt und verbreitet, wie sie sich unter anderem in den beschriebenen Grundwerten wiederfinden. Mit ihnen sollen die bestehende moralische Matrix kritisiert und erstrebenswerte künftige Verhältnisse vorweggenommen werden, um im Hier&Jetzt Unterschiede zu machen. Dies wird besonders greifbar in Hinblick auf Geschlechterverhältnisse. Seit 5000 Jahren und fast überall auf der Welt besteht das Patriarchat als Herrschaftsverhältnis, das von heterosexuellen ‚Männern‘ über alle anderen Geschlechter verschiedenster sexueller Orientierungen ausgeübt wird. Das Patriarchat sichert Männern soziale Anerkennung, Status, materielle Ressourcen und Lebenszeit, auf Kosten und zu Lasten von Frauen und umso mehr noch von Personen, die in der beschränkten binären Geschlechterordnung keinen Platz haben. Dieses strukturelle Ungleichheitsverhältnis wird abgestritten, verschleiert, als ‚natürlich‘ gerechtfertigt und dabei mit Gewalt systematisch aufrechterhalten, insbesondere, wenn Nicht-Männer dagegen aufbegehren und sich ihm verweigern.

Anarchistische Ethik zielt darauf ab, alle Identitäten aufzulösen, damit Menschen sich vollkommen selbst bestimmen können, ohne, dass damit irgendwelche Bewertungen verbunden sind. Aufgrund der Wirkungsmacht des Patriarchats ist es allerdings erforderlich, Menschen sehr wohl in den gesellschaftlichen Positionen zu sehen, in welche sie gezwungen werden und sie darin zu organisieren – ohne sie wiederum darauf zu reduzieren, weil es sich immer um bestimmte Einzelne handelt. Dies betrifft auch mich selbst, als weißen Autoren. Meine Texte mögen zwar mehr oder weniger radikal und tiefschürfend geschrieben sein und auf Verständigung und Selbstreflexion abzielen. Darüber hinaus reproduziere ich darin jedoch einen sehr spezifischen Blickwinkel. Dies ist nicht an sich problematisch, wird es aber dann, wenn daraus auf eine patriarchale Weise eine Autorität oder Wahrheit abgeleitet, und andere Perspektiven, die weit ohnmächtiger sind, ausgeblendet werden und ungehört bleiben. Patriarchale Wahrnehmungen, Denkweisen und Verhaltensmuster sind jedoch auch tief in nicht-männliche Subjekte eingegraben. So kommt es, dass auch Frauen sie reproduzieren, teilweise, indem sie sich selbst nach ‚männlichen‘ Kategorien verhalten, teilweise, indem sie vermeintlich natürliche ‚weibliche Eigenschaften‘ hervorheben, die sie auszeichnen sollen. Doch mit beiden Varianten können sie die patriarchale Logik nicht wirklich überwinden. In der anarchistischen Ethik sollte es darum gehen, zu diskutieren, welche Verhaltensweisen, Denkmuster und Beziehungsformen als erstrebenswert gelten – unabhängig von Geschlechter-kategorien, von denen wir freilich alle enorm geprägt sind. Als erstrebenswert kann so beispielsweise gelten, dass Menschen sich solidarisch aufeinander beziehen, anstatt gegeneinander zu konkurrieren; dass sie sich konstruktiv um einer gemeinsamen Sache Wille streiten, anstatt vor allem Recht zu haben und ihre Gebiete zu markieren; dass sie sich gegenseitig zuhören, Empathie füreinander aufbringen, sich umeinander kümmern und über die Konsequenzen ihres Verhaltens nachdenken. Wenn diese ethischen Ansprüche heutzutage vor allem als ‚feminin‘ gelten, dann bedeutet dies weder, dass Frauen die besseren Menschen sind, noch, das Männer jetzt keine ‚richtigen‘ Männer mehr sein ‚dürfen‘. Es bedeutet stattdessen einfach andere Maßstäbe zu setzen, was ein gelingendes und erfülltes Leben auszeichnet: anerkannte Care-Tätigkeiten statt Lohnarbeits-Maloche, ein vernünftiges und verständnisvolles Miteinander, statt die Ellenbogen gegen andere auszufahren. Daneben vor allem auch: die Gestaltung gleichberechtigter Beziehungen auf Augenhöhe. Die Einführung eines Matriarchats und die Zurückweisung der Männerdominanz wäre zwar ein berechtigter Schritt, der schon mal einiges verbessern würde. Andererseits lehne ich mich soweit aus dem Fenster (denn es steht mir eigentlich nicht zu), zu schreiben, dass das Ziel des Feminismus keineswegs in der Unterwerfung von Männern, sondern in der Aufhebung des geschlechtlichen Herrschaftsverhältnisses besteht.

Das macht die Angelegenheit umso komplizierter, wie beispielsweise auch in romantischen Beziehungen immer wieder deutlich wird: Wie, wer und wie viele Personen welche Arten von Beziehung eingehen, ist für die anarchistische Ethik weitgehend uninteressant, solange dies in wechselseitigem Einverständnis geschieht. Es ist die Angelegenheit der jeweiligen Leute, was sie miteinander tun. Punkt. Gleichzeitig befinden sich viele Menschen heute jedoch in Beziehungen, die ihnen jeweils oder einer beteiligten Person überhaupt nicht gut tun. Dies hat verschiedene Gründe. Es braucht materielle Voraussetzungen, Zeit und zu erlernende Fähigkeiten, um Beziehungen auf eine selbstbestimmte Weise gestalten zu können. Zudem ist das Patriarchat ein wesentliches Hindernis, um gelingende, schöne Beziehungen eingehen und pflegen zu können. Denn mit einem strukturellen Ungleichheitsverhältnis können Menschen nicht einfach so umgehen, indem sie es ignorieren oder lediglich formal annehmen, dass sie gleichberechtigt miteinander umgehen wollen. Auch, wenn das in vielen Fällen helfen würde, stimmt es nicht an sich, dass dieses Problem schon gelöst wäre, wenn Männer sich mal zurücknehmen, besser zuhören oder mehr Repro-Arbeit leisten würden. Letztendlich gilt es, das Patriarchat als Herrschaftsverhältnis zu begreifen. Es abzubauen, anzugreifen und stattdessen Beziehungen auf Augenhöhe zwischen verschiedenen Geschlechtern einzurichten und zu pflegen, ist eine langwierige – aber äußerst sinnvolle – Arbeit. Sie kann nicht individuell bewältigt werden, sondern eben nur in respektvollen und empathischen Auseinandersetzungen in Beziehungen selbst – was eine Voraussetzung für ihr Gelingen darstellt.

Freiwillige Ordnung, situative Gerechtigkeit und die Lösung von Konflikten ⎊ ⎊ ⎊

Das anarchistische Ziel einer Abschaffung von polizeilichen und juristischen Zwangsinstitutionen, ruft meiner Erfahrung nach bei vielen Menschen Ablehnung hervor, die bisher in vielen Punkten mit den Vorstellungen der anarchistischen Ethik übereingestimmt haben mögen. Wie sollen Gewalttaten und Diebstahl verhindert werden, wenn keine Ordnungshüter mit Schlagstöcken und Pistolen patrouillieren, wenn keine Richter, Staatsanwälte und Anwälte über die Gerechtigkeit in einem juristischen Streitfalle befinden und Sanktionen für Gesetzesübertretungen festlegen? Seit mehr als einem Jahrhundert weisen Anarchist*innen den Mythos zurück, dass wirkliche Ordnung und Gerechtigkeit nur mit Gewalt und Zwang eingerichtet werden könnten. Sie kritisieren vielmehr, dass Polizei und Justiz, die Wachen, Gerichte und Knäste, einerseits die sozialen Spaltungen in der Gesellschaft aufrechterhalten, welche erst die Ursache für den allergrößten Teil der Gewalttaten und Eigentumsdelikte sind. Andererseits würde durch ihre Existenz oft erst Delinquenz hervorgerufen, denn es handelt sich um Herrschaftsinstitutionen, die sich selbst legitimieren und erhalten müssen. Ohne ‚Kriminalität‘ gäbe es nichts für sie zu tun. Abgesehen von der Aufrechterhaltung der sozialen Ungleichheiten fungiert polizeiliche Repression und juristische Strafverfolgung auch indirekt im Dienst herrschender Klassen, da sie Personen umso stärker bedrücken, je niedriger ihr sozialer Status ist und umso weniger, je angesehener sie sind. So hat es beispielsweise auch Gründe, warum Millionär*innen massenhaft Steuern hinterziehen können, während bei Hartz-IV-Empfänger*innen akribisch jeder Euro des Anspruchs auf eine existenzsicherende Grundversorgung einzeln geprüft wird. Was ist das für eine Ordnung, die sich nur mit Zwang eingerichtet und aufrechterhalten lässt? Was ist das für eine Gerechtigkeit, die nur durch Gewaltandrohung und -anwendung durchgesetzt werden kann?

Diese Argumentation kann auch an konkreten Beispielen näher begründet und ausgeführt werden und eine anarchistische Perspektive tut gut daran und hat recht damit, dies zu tun. Doch die Kritik ist das eine, die Einrichtung einer freiheitlichen Ordnung und von umfassender Gerechtigkeit ist eine andere Sache. Zumal, wenn wir nicht davon ausgehen können, dass Menschen an sich „gut“ sind und allein durch die Herrschaftsverhältnisse verdorben werden. Außerdem ist es keine Lösung, Ordnungs- und Gerechtigkeitsfragen in eine unbestimmte Zukunft zu verschieben. Es braucht heute Antworten auf die Ungerechtigkeit und das Chaos des bestehenden Herrschaftszusammenhangs, denn Menschen haben in diesem Probleme. Eine Verbesserung des jetzigen Zustands kann nur von diesem aus gedacht und erkämpft werden. In Gesellschaften, in denen anarchistische ethische Werte und Vorstellungen stärker gelebt werden (können), als jene, in der dieser Text formuliert wird, gibt es zudem ebenfalls Konflikte. Diese entzünden sich weit weniger an Eigentumsfragen, weil viel mehr Güter vergesellschaftet sind, sie ihrem Gebrauchswert nach genutzt werden und die Bedürfnisse der Menschen wesentlich besser gestillt werden können. Dennoch bestehen dort verschiedene Interessen, kommen Gruppen und Einzelne miteinander in Konflikte und gibt es Sympathien wie auch Antipathien zwischen Menschen, die zu Spannungen und Verletzungen führen. Wenn eine Person einer anderen Schaden zufügt, kann dieser nicht dadurch gut gemacht werden, dass die Schaden verursachende Person bestraft wird. Die Bitte um Entschuldigung wäre in vielen Fällen hingegen der Anfang, um den Kreislauf von Beschädigung und Bestrafung zu durchbrechen und die willkürliche oder bösartige Schadensausübung durch Menschen zu reduzieren.

Dafür wurden beispielsweise die Konzepte der transformative justice und der community accountability entwickelt. In beiden Fällen geht es darum, Konflikte zu lösen, ohne die Polizei zu rufen und sich gegenseitig zu verklagen. Insbesondere Menschen in black communities haben nämlich regelmäßig die Erfahrung gemacht, dass sie weit mehr Probleme bekommen, wenn sie sich an die rassistische Polizei und die Klassenjustiz wenden, als wenn sie sich selbst um ihre Konflikte kümmern. Voraussetzung ist zunächst, die Sensibilität dafür zu stärken, dass in der eigenen Gemeinschaft durchaus eine Menge Scheiße passiert und Verletzungen stattfinden. Auch wenn dies – wie immer – bestimmte Gründe hat, sind Menschen für ihr Handeln verantwortlich. Wenn Schaden ausgeübt und Gerechtigkeit eingefordert wird, gilt es, diese Beschädigung kollektiv zu bearbeiten. Das heißt, es bildet sich eine Gruppe aus einigen Leuten, die den Betreffenden des Konflikts nahe stehen (ohne selbst direkt in diesen verstrickt zu sein) und anderen, die sie nur entfernt oder auch gar nicht kennen. Gemeinsam befinden sie darüber, wer welchen Schaden an wem ausgeübt hat und wie damit umgegangen werden kann. Daraufhin bilden sich sowohl eine Gruppe, die mit der*dem Verursacher*in arbeitet, als auch eine, die mit der*dem Leidtragenden zusammen kommt. Dabei wird besonders darauf geachtet, dass die Betroffenen zu Wort kommen und nichts gegen ihren Willen geschieht. Außerdem ist mit zu denken, ob oder inwiefern sich die Beteiligten in unterschiedlichen Machtpositionen befinden. Handelt es sich um Kollektive, die miteinander in Konflikt stehen, wird die Angelegenheit zwar komplizierter und abstrakter, weil wahrscheinlich Delegierte in den Bearbeitungsprozess gehen und diesen mit ihrem Kollektiv jeweils rücksprechen müssen. Prinzipiell funktioniert dies jedoch genauso. Es geht nun nicht darum, die*den Schadens-Verursacher*in zu bestrafen, sondern sie*ihn dazu zu bewegen, sich selbst klar darüber zu werden, dass sie*er anderen Schaden zugefügt hat, was die Gründe dafür waren und welche Schritte gegangen werden können, damit sie*er dies in Zukunft unterlässt. Die betroffene Person erfährt von ihrer Gruppe einerseits verschiedene Arten von Unterstützung, formuliert, was ihr helfen würde, damit für sie wieder Gerechtigkeit hergestellt wäre und sucht Wege, um mit der erfahrenen Beschädigung umzugehen, ohne auf Rache zu sinnen. Im besten Fall kann der Konflikt schließlich tatsächlich beigelegt werden und Versöhnung stattfinden. Wenn dies nicht gelingt, so müssen Wege gefunden werden, wie er nicht erneut aufkommt oder sogar noch weitere Personen hineingezogen werden.

Oftmals führt das beschriebene Konzept zu langwierigen und schwierigen Prozessen. Diese sind kollektiv, berufen sich nicht auf Gesetze, sondern gehen von konkreten Situationen und beteiligten Personen aus und zielen nicht auf Bestrafung, sondern auf Versöhnung ab. Dies kann erlernt werden und zwar nicht nur von Menschen, die sich gerne um ein gutes Zusammenleben bemühen, sondern von allen Mitgliedern einer Gemeinschaft. Übrigens spricht nichts dagegen, erzielte Vereinbarungen und Vorstellungen davon, was anhand von konkreten Beispielen ‚gerecht‘ ist, festzuhalten, um sich künftig daran zu orientieren und weiter daran zu lernen. Niemand sagt, dass das einfach ist und zu schnellen Lösungen führt. Das grob beschriebene Konzept ist aber auch keine Zauberei. Es erfordert keine allgemein ‚guten‘ Menschen, geht aber davon aus, dass sie sich verändern und weniger Schaden anrichten können. Dies hat vor allem zur Voraussetzung, dass sie sich als Teil einer Gemeinschaft begreifen können und diese sie nicht pauschal verurteilt, bewertet und verstößt. Nur in Beziehungen zu Anderen können Konflikte gelöst, Gerechtigkeit eingerichtet und einer selbstorganisierten Ordnung freiwillig zugestimmt werden.

Die Gretchenfrage: Der Umgang mit Gewalt

Wie steht die anarchistische Ethik nun aber zum Umgang mit Gewalt oder sogar zu ihrer eventuell legitimen Anwendung? Diese Frage nenne ich die Gretchen-frage des Anarchismus, weil sie bei vielen Leuten als Assoziation mit ihm in ihren Köpfen herumgeistert. Sie wird vermutlich bei fast allen Einstiegsveranstaltungen zum Anarchismus gestellt. Letztendlich dient sie dazu, diese verrückten, träumerischen oder infantilen Gestalten, die sich tatsächlich als „Anarchist*innen“ bezeichnen, darauf hin zu überprüfen, ob sie gut oder böse, ob sie seriös oder untragbar, ob sie kompromissbereit oder fundamentalistisch drauf sind. Das ist eigentlich ziemlich komisch. Immerhin nehmen die meisten Personen es nicht als Problem war, wenn konservative oder liberale Ideolog*innen Gewaltausübung begründen und rechtfertigen. Konservative wollen hier eher das Gemeinwesen ‚schützen‘, Liberale eher die vermeintlich ‚freie‘ Person. Auch Sozialist*innen grenzten Personengruppen aus, unterdrückten sie oder stimmten Kriege zu. Zugegeben, die Gewalt wird von diesen Strömungen meistens in der Staatsmacht monopolisiert, während strukturelle Gewalt, in Form von ungleichen ökonomischen, politischen, geschlechtlichen etc. Machtverhältnissen, ignoriert, verschleiert oder als natürlich dargestellt wird. Faschist*innen gehen einen Schritt weiter, indem sie Gewalt als natürlich und notwendig annehmen, sie zugleich im Staat ausbauen und in die eigene Hand nehmen, um Andersseiende zu attackieren und zu unterdrücken, was sie dann in einer widerlichen Täter-Opfer-Verkehrung als ‚Selbstverteidigung‘ bezeichnen.

Vergangene, bestehende und zukünftige Herrschaftsordnungen werden stets mit Gewalt und Zwang eingerichtet und aufrechterhalten. Es ist Gewalt, wenn Menschen sich bedrohen und verletzten um ihre Willen durchzusetzen oder ihre Autorität zu behaupten; wenn Polizeiknüppel Demos oder Gewehrschüsse Aufstände niederschlagen; wenn Menschen verhungern, verdursten oder an Krankheiten streben, obwohl die Lebensmittel da sind; wenn Leute gezwungen werden bei der Feldarbeit, in Fabriken oder Büros zu krepieren. Gewalt findet heute in Familien, Zweierbeziehungen, zwischen rivalisierenden Gruppen, in Zwangsinstitutionen und zur Durchsetzung von Herrschaftsinteressen statt. In vielen Fällen wird dies als normal oder unvermeidlich angesehen. So viel zu den anderen Gewalttäter*innen und -befürworter*innen.

Zu welchem Grad und aus welchen Gründen auch immer der eigenen Beherrschung zugestimmt werden mag – Gewalt ist ein grundlegendes Merkmal von ihr. Das anarchistische Streben nach der Aufhebung aller Herrschaftsformen ist demnach eines nach der Überwindung aller Gewaltverhältnisse. Doch wie lässt sich mit Gewalt umgehen, wenn wir alle (zu sehr verschiedenen Graden und auf unterschiedliche Weise) durch sie geprägt sind, Gewalt erfahren und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch schon ausgeübt haben? Wie kann Gewalt überwunden werden, wenn sie strukturell in Institutionen und gesellschaftlichen Verhältnisse eingeschrieben ist und täglich an allen möglichen Orten ausgeübt wird? Auf diese Fragen kann ich tatsächlich keine Antwort geben, weil ich weder der Ansicht bin, dass es möglich und sinnvoll wäre, prinzipiell nie Gewalt anzuwenden, noch, dass Gewaltausübung wirklich gerechtfertigt werden könnte. Allgemein denke ich allerdings, dass Gewalt gegen Menschen ausgeübt wird und nicht gegen „Sachen“ und das die Zerstörung einiger Dinge nicht nur befreiend, sondern schlichtweg notwendig ist, wenn sich unterdrückte Gruppen ermächtigen und ihnen daraufhin mit Polizeigewalt begegnet wird.

Die anarchistische Ethik zielt selbstverständlich nicht auf das „Recht des Stärkeren“ ab, in einem vermeintlichen Kampf „Aller gegen alle“, im fiktiven Fall, wenn das staatliche Gewaltmonopol zusammenbrechen würde. (Ich habe keine Lust, dies extra zu schreiben, muss das aber noch mal deutlich machen, um Missverständnisse zu vermeiden.) Im Zuge des Abbaus von Herrschaftsverhältnissen, werden gewaltarme Verhältnisse an ihrer Stelle etabliert, die sich zum einen daraus ergeben, dass viele Ursachen für Gewalt wegfallen und andererseits, indem sie einen kollektiven Lernprozess darstellen, wie er etwa durch die oben vorgestellten Konzepte stattfinden kann. Dies ist kein abruptes Ereignis, sondern ein Prozess, der sich (leider) über Jahrhunderte erstreckt, denn das ‚Handwerk‘ der Soldat*innen, Polizist*innen, Gefängniswärter*innen und Folterer wird ja ebenso praktiziert und weitergeben. Die Frage, wie dieser Gewalt emanzipatorisch begegnet werden kann, bleibt daher weiterhin ungeklärt. Klar ist allerdings, dass es äußerst schwer ist, auf Gewalt nicht mit Unterwerfung oder Ignoranz zu reagieren, sondern sie mit aktiver Gewaltlosigkeit oder Gegengewalt zu bekämpfen. Denn Gewalt schränkt die Handlungsmöglichkeiten der von ihr Betroffenen massiv ein, macht sie abhängig, gefügig und untertänig. Dement-sprechend ist es umso schwerer aus dieser Position herauszukommen. Gerade aus diesem Grund wird Gewaltanwendung durch die Unterdrückten von vielen als nachvollziehbar oder auch legitim angesehen, da sie tatsächlich eine verzweifelte Umkehrung der erfahrenen Gewalt darstellt. Die entscheidende Frage hierbei lautet deswegen: Wie kann eine aktive Gewaltfreiheit oder eine Gegengewalt funktionieren, mit welcher die erfahrene Gewalt nicht nur umgekehrt, sondern tatsächlich überwunden wird? Dies betrifft nicht nur die einzelne Handlung, in der die angestrebten Ziele sich in den angewendeten Mitteln verkörpern sollten, sondern ebenso die Herangehensweise nach welcher gehandelt wird insgesamt. Wie bei den anderen Punkten auch, habe ich eher Fragen als Antworten und kann an dieser Stelle nicht mehr schreiben, sondern nur zur Diskussion anregen.

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