Für eine neue anarchistische Ethik!

Lesedauer: 47 Minuten

Das Spannungsverhältnis zwischen Einzelnen & Gemeinschaften

Kollektive, die den anarchistischen Ansprüchen genügen, können nur auf Freiwilligkeit beruhen. Es muss möglich sein, aus ihnen austreten zu können, ohne Sanktionen zu fürchten. Dahinter steckt allerdings keineswegs eine Aufforderung zu Unverbindlichkeit und Beliebigkeit. Vielmehr soll es möglich sein, die Formen, Regeln und Zielsetzungen von Gemeinschaften immer wieder neu zur Verhandlung zu stellen (statt sie gesetzlich festzulegen), damit sie niemanden aufgezwungen werden, sondern ihnen freiwillig zugestimmt wird. Die Einzelnen orientieren sich auf diese Weise am Gemeinwohl und den verschiedenen Kollektiven, von denen sie Teil sind. Sie entwickeln einen Gemeinschaftssinn und lernen, sich auf Andere zu beziehen, deren Bedürfnisse und Wünsche wahrzunehmen, sie zu achten und nach ihren Möglichkeiten mit zu ihrer Erfüllung beizutragen. Diese gemeinschaftliche Individualität ist kein ‚altruistisches‘ Modell, indem ideale Menschen vorausgesetzt werden, welche es in der Realität jedoch kaum gäbe. Sie beruht auf vielfachen alltäglichen Erfahrungen in funktionieren-den, verbindlichen und freiwilligen Gemeinschaften. Dahinter steht also die Vorstellung einer Kollektivität, in welcher sich die Einzelnen nicht unterordnen und eingliedern müssen, sondern stattdessen sie selbst sein können – und ihre eigenen Potenziale erst wirklich entfalten können, weil sie sich aufeinander beziehen. Viele anarchistische Diskussionen und Überlegungen kreisen um die Frage, wie dies eingerichtet werden kann. Denn zweifellos handelt es sich um einen großen Anspruch, Individualität und Kollektivität auf eine produktive Weise zusammen zu denken, sodass sie allen Beteiligten gut tut. Immerhin erscheint es uns in der bestehenden Gesellschaftsordnung oftmals als ein Widerspruch, dass Einzelne selbstbestimmt leben und in einer freiwilligen und funktionierenden Gemeinschaft integriert sein können. Denn wir werden von der staatlichen Bürokratie als individuelle Staatsbürger*innen adressiert, erfasst, greifbar gemacht und im Kapitalismus als individuelle Lohnarbeiter*innen und Konsument* innen verwertet.

Weil die Entwicklung von gemeinschaftlichen Individualitäten und freiwilligen Gemeinschaften im Anarchismus eine so wichtige Rolle spielt, entstanden in ihm auch verschiedene Strömungen, die entweder der Seite des Individualismus oder der des Kollektivismus nahe stehen und sie jeweils betonen. Sie formulieren auch fortlaufende Kritik aneinander. Individualanarchist*innen weisen beispielsweise darauf hin, dass jede Gruppe oder Gemeinschaft zum Selbstzweck werden, Hierarchien ausbilden, Zwänge auf ihre Mitglieder ausüben und sie lethargisch machen kann, wenn diese Tendenzen nicht abgewehrt werden. Kollektivistische Anarchist*innen kritisieren hingegen die Beliebigkeit, Unverbindlichkeit, den Drang nach Selbstverwirklichung und dementsprechend auch die organisatorische Schwäche von Individualist*innen, die schon Ausschlag beim Gedanken an irgendwelche Regeln bekommen, welche sie in ihrer ‚Freiheit‘ beschränken könnten. Im Anarchismus geht es nicht allein darum, die Freiheit der Einzelnen mit der Freiheit durch/in Gemeinschaft abzuwägen, sondern diesen scheinbaren Widerspruch aufzuheben und etwas Neues – die soziale Freiheit – hervorzubringen. Dies ist leichter gesagt als getan, kann jedoch in jedem Zusammenhang, der sich an anarchistischen Vorstellungen orientiert, bewusst als Herausforderung angesehen und zur Aufgabe gemacht werden.

Materialistische Spiritualität und Holismus zur Sinnstiftung

Erst wenn wir Anderen begegnen und uns mit ihnen auseinandersetzen, entwickeln wir uns selbst. In diesem Sinne schrieb Martin Buber: Der Mensch wird am Du zum Ich. Deswegen werden Räume der Begegnung und Auseinandersetzung im Anarchismus als sehr wichtig angesehen. Dies weist auf eine Suche nach Verbindungen und Gefühlen von Verbundenheit hin, wie sie ja auch in der Vermittlung des Spannungsverhältnisses von Einzelnen und Gemeinschaft zum Ausdruck kommt. In der modernen Gesellschaftsform sind Menschen entfremdet voneinander, von sich selbst, von ihren Arbeitsprodukten und von der nicht-menschlichen Mitwelt. Diese existenzielle Verunsicherung ruft Gefühle der Isolation, der Leere und des Hasses hervor, welche durch Konsum, dem Herausstellen individueller Besonderheit und die Abwertung Anderer oder der Sucht nach Sinn kompensiert werden. Ja es stimmt: Spätestens wenn wir ‚erwachsen‘ sind und uns der ‚Ernst des Lebens‘ voll bewusst wird, erfahren wir die Welt allzu oft als entzaubert und Sinn-entleert. Wir fühlen uns getrennt von der Welt. In der ‚Natur‘ zu sein, verschiedene Länder zu bereisen, intime Erfahrungen mit Anderen zu machen oder immer einen neuen Kick zu suchen, mag dieses Gefühl unter Umständen lindern, kann es jedoch nicht aufheben. Viele Anarchist*innen sind gelegentlich Romantiker*innen. Sie sehnen sich nach Heilung, nach Verbundenheit, Ganzheit, Abenteuer und Ruhe (die keine Gegensätze sind). Damit geht es ihnen wie wahrscheinlich den meisten Menschen der bestehenden Gesellschaft. Gegen Romantik und Leidenschaft ist an sich nichts einzuwenden. Sie motivieren uns für eine andere Gesellschaft zu kämpfen, in der das Leben für Alle – und damit logischerweise auch für uns selbst – gelingen, reich, schön und erfüllt sein kann. Problematisch wird romantisches Empfinden allerdings dann, wenn es hauptsächlich von einem wahrgenommenen Verlust ausgeht und danach strebt, diesen lediglich zu kompensieren oder wieder herzustellen. Denn ist es gut, dass bestimmte Dinge zerstört oder angegriffen wurden. Es ist beispielsweise gut, dass durch feministische Kämpfe die Selbstverständlichkeit patriarchaler Verhältnisse spürbar angekratzt wurde. Reaktionäre wollen die gesellschaftliche Entwicklung zurückdrehen, die patriarchale Kleinfamilie und vermeintlich klare Geschlechterrollen wieder herstellen. Das betrifft etwa auch den sozialpartnerschaftlichen ‚Wohlfahrtsstaat‘ mit seinem Klassenkompromiss oder überkommene Erziehungsmethoden.

Für Anarchist*innen geht es nicht um die Wiederherstellung eines irgendwie verklärten Alten, sondern um die Frage, welche neuen solidarischen, egalitären und freiwilligen Strukturen und Beziehungen an seine Stelle treten können. Damit dies möglich werden und bewusst geschehen kann, muss die Welt im Grunde genommen erst einmal immer weiter entzaubert werden. Auf der anderen Seite steht, dass viele Menschen ein Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit verspüren. Sie wollen als Person anerkannt und wahrgenommen werden, wollen mit ihren Tätigkeiten gesehen werden und anderen helfen können. Sie wollen sich selbst im Leben orientieren, was eine Voraussetzung dafür ist, es in die eigenen Hände zu nehmen und bewusst zu gestalten. Manchmal – unterm Sternenhimmel, beim Blick auf‘s weite Meer oder einsam am Tresen – stellen sie sich auch solche schwerwiegende Fragen danach, warum sie existieren, ob es ein höheres Wesen gibt, was der Sinn des Lebens ist und welchen Platz sie im Kosmos einnehmen. Dann wollen sie – für einen Moment – die empfundene Trennung zu den Anderen, zu sich selbst und zur Mitwelt überwinden, nicht mehr von einer Pflicht zum nächsten Termin weiter hetzen, sondern das Leben einfach fließen lassen. Eben so, wie sie sich einbilden, dass es in ihrer ‚Kindheit‘ bisweilen gewesen wäre.

Tatsächlich beinhaltet anarchistische Ethik auch eine solche Sinn-Dimension. Mit ihr wird herausgestellt, dass der Sinn im Leben selbst zu verorten und nicht woanders hin zu verschieben ist. Da Leben aus dem Nichts kommt und gleichzeitig alles ist, was wir haben, produzieren wir auch seinen Sinn mit unseren Handlungen, unseren Beziehungen, unseren Geschichten und deren Interpretation. Dies ist kein Hobby, sondern entscheidender Bestandteil für den Zusammenhalt von freiwilligen, autonomen Kommunen und Kollektiven. Gustav Landauer nannte dieses (herzustellende) Gefühl von Verbundenheit miteinander und mit der Mitwelt den ‚Geist‘ (= latein: spiritus). Das hat erst mal nichts mit Religionen oder Mysterien zu tun, sondern mit dem sehnsüchtigen Bedürfnis nach der eigenen Sinnhaftigkeit, sowie danach, das Gefühl der Getrenntheiten zu überwinden. Anstatt Sinn durch hierarchische, ausgrenzende und konkurrierende Zwangskollektive wie beispielsweise die Nation ‚verliehen‘ zu bekommen, geht es in der anarchistischen Ethik darum, das wir selbst von uns ausgehend kollektiv Sinn stiften und geben. Wenn uns dies gelingt, wirkt es auf unsere Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung der Welt zurück: Wir fühlen uns miteinander und mit der Mitwelt verbunden, sehen die Dinge in ihrer Ganzheit (= Holismus) und sind deswegen in der Lage, Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen. Weil der Sinn von uns zu generieren ist, möchte ich nicht zu stark vorab bestimmen, worin er liegt. Daher nur so viel: Der Sinn liegt nicht in der Lohnarbeit, sondern im spielerischen Tätigsein; nicht im Ausstechen und Besiegen Anderer, sondern in der Bezugnahme aufeinander und der gemeinsamen Lebensgestaltung; nicht darin, uns in vorgefertigte Formen hinein zu pressen, sondern darin, unsere eigenen Wege zu finden und zu gehen.

~ Neugestaltung des gesellschaftlichen Naturverhältnisses

Um die Gesellschaft in Richtung Selbstorganisation, Autonomie und Selbstbestimmung weiterzuentwickeln, freiheitliche Kollektivitäten zu gründen und gemeinschaftliche Einzelne zu bilden, auf eine materialistische Weise Sinn zu generieren und soziale Freiheit, Gleichheit und Solidarität zu ermöglichen, sind verschiedenste Kämpfe gegen die bestehende Herrschaftsordnung erforderlich. Die beschriebene Entfremdung ist ein Effekt der modernen staatlich-kapitalistischen Verhältnisse, verstärkt ihre negativen Folgeerscheinungen jedoch zusätzlich. Um vom Bestehenden aus zum Erstrebenswerten zu kommen und die Grundlagen für ein gelingendes Leben für Alle zu produzieren und zugänglich zu machen, ist daher auch eine Revolutionierung des gesellschaftlichen Naturverhältnisses erforderlich. Hierzu ist vorab klarzustellen, dass ‚Natur‘ ein völlig schwammiger Begriff ist. Historisch wurde sie erst dort interessant, wo sie in einen Gegensatz zu ‚Kultur‘ gestellt wurde. ‚Natur‘ ist daher die Fiktion einer nicht-kulturalisierten, nicht-menschlichen ‚Umwelt‘, ähnlich wie ‚Zivilisation‘ in einen Unterschied zu vermeintlicher ‚Barbarei‘ gesetzt wird. Da es heutzutage im Grunde genommen keine ‚unberührten‘ Lebensräume mehr gibt, die nicht direkt oder indirekt durch menschliche Arbeit geformt wurden, wird die Vorstellung von ‚Natur‘ umso merkwürdiger. ‚Natur‘ dient zur Erholung von den negativen Nebeneffekten der individualistischen (Post)Industriegesellschaft, zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft, als auszubeutende Ressource und ästhetische Inspirationsquelle. In der Moderne nimmt sie diese spezifische Form an, da die Fähigkeiten und Möglichkeiten zur Bearbeitung (und Zerstörung) der Erde eine nie gesehen Intensität angenommen haben, nicht zu Letzt, weil eine allein profitmaximierende Wirtschaftsform sich auf totalitäre Weise alles untertan macht. Die Geschichte der Mitwelt-Unterwerfung ist allerdings eine lange: Auch in vergangenen Zeiten – seitdem sie sesshaft wurden – hatten Menschen Vorstellungen von dem, was nicht ihre Hütten, ihre eingepfählten Dörfer, eingefriedeten Felder und abgesteckten Waldstücke waren. Oftmals waren die Gegenden des Außerhalb mit Furcht verbunden, weil Menschen den physischen Gegebenenheiten wesentlich stärker ausgeliefert waren als heute: Den Stürmen der Meere, den Dürren der Hitzesommer, den wilden Tieren in den Wäldern, dem Frost im Winter. Aus diesem Grund war die Kontrolle über die Widrigkeiten der Mitwelt oder zumindest ihre Eindämmung eine Befreiung von Unsicherheiten und Ängsten. Zugleich nutzen Menschen seit jeher die Ressourcen und Kräfte der Mitwelt zur Ernährung, Energiegewinnung und Sinnstiftung. Da gab es Tiere, Bäume, Wiesen, Berge, Flüsse, Meere und Winde zu denen sich menschliche Kreaturen ins Verhältnis setzten. ‚Natur‘ im modernen Verständnis gab es hingegen nicht.

Mit einer anarchistischen Ethik kann es kein ‚Zurück-zur-Natur‘ geben, da diese sich als romantisches Konstrukt herausstellt, welches zudem vorrangig nach der Logik der Ressourcennutzung in Wert gesetzt und bearbeitet wird. Menschen holistisch als mit ihrer Mitwelt inhärent verbunden zu begreifen und das anthropozentrische Weltbild aufzugeben, ist ein schwieriger Prozess, weil die Trennung zwischen Kultur und Natur in die gegebenen Herrschaftsverhältnisse eingeschrieben ist. Einen Baum zu umarmen, in der Erde zu buddeln oder mit dem Kajak einen Fluss herunterzufahren, hebt die Trennung in der Regel nicht auf, sondern verstärkt sie meistens sogar noch. In diesem Zusammenhang lässt sich die Absurdität des hochtechnologisierten Outdoor-Tourismus, mit dem Leute vermeintlich authentische Naturerlebnisse machen können, als Beispiel nennen.

Es gibt keine unberührte Natur, sondern nur Hybride aus nicht-menschlichen und menschlichen Tieren, physischen Gegebenheiten und technologischen Artefakten. Daher ist die Rede von ‚dem‘ Menschen, ebenso problematisch. Ich beziehe mich selbst auf diese humanistische Vorstellung, weil ich davon ausgehe, dass menschliche Tiere Bewusstsein, unglaubliche Fähigkeiten zur Formung der Mitwelt, sowie zur Gestaltung ihres Zusammenlebens haben und deswegen Verantwortung übernehmen können. Auch andere Tiere mögen zum Teil eine Sprache haben, äußerst intelligent oder anpassungsfähig sein, sich sozial verhalten und Entscheidungen treffen – andere Tiere als Menschen sind mir jedoch nicht begegnet, welche in die Nähe der Fähigkeit gelangen, den größten Teil des Lebens auf der Erde schlichtweg zu vernichten. Aus diesem Grund setze ich beim ‚Menschen‘ an, weil ich schlecht an nicht-menschliche Tiere appellieren kann und nicht Götter, Geister oder historische Schicksale anrufen möchte. Diese Menschen sind ebenfalls Hybride aus verschiedenstem genetischen Material, einer unglaublichen Anzahl von oft lebensnotwendigen Bakterien, aufgenom-mener Nahrung, technologischen Geräten, kulturellen Erzeugnissen, ihren sozialen Interaktionen und Geschichten. Ich denke, es ist möglich, zum einen das anthropozentrische Weltbild (wo sich Menschen gewaltsam in die Mitte des Kosmos setzen) und zum anderen den Humanismus (welcher Trennungen von Mensch/Nicht-Mensch, Kultur/Natur, Zivilisation/Barbarei zieht), zu überwinden, ohne deswegen menschenfeindlich zu werden.

Um das gesellschaftliche Naturverhältnis zu revolutionieren, müssen wir verstehen, dass es sich bei der Mitwelt-Unterwerfung um ein Herrschaftsverhältnis handelt, dass mit Staat, Kapitalismus und Patriarchat verknüpft ist. Der menschengemachte Klimawandel kann nicht begrenzt, das Artensterben nicht aufgehalten, die Meeres- und Luftverschmutzung nicht rückgängig gemacht, das Waldsterben nicht eingedämmt, die Dünger-verseuchten Böden nicht regeneriert und das Massenabschlachten von Tieren nicht beendet werden, wenn die bestehende Herrschaftsordnung nicht insgesamt überwunden wird. Hierzu gibt es wie gesagt kein Zurück zu einer vermeintlich harmonischen, nicht-entfremdeten, naturverbundenen Vergangenheit. Vielmehr funktioniert dies nur über den Weg einer neuen Gestaltung des gesellschaftlichen Naturverhältnisses. In diesem braucht es eine Anerkennung und Wertschätzung und leider auch den Schutz, von nicht-menschlichen Lebewesen anstatt ihre Abwertung und Verwertung. Menschen haben sich schon mehr als die halbe Welt einverleibt und verhalten sich untereinander oftmals sozial kannibalistisch. Das große Fressen muss ein Ende haben, damit Alle satt werden und ein reiches Leben führen können; damit unsere Mitwelt leben kann – und wir als eigenartiger Teil von ihr. In einer anarchistischen Ethik brauchen wir keine Yoga-Kurse für Manager*innen, keine neoliberalen Achtsamkeitstrainings für Ausgebrannte und keine ‚authentischen‘ Naturerlebnisse. Ein anderes Verhältnis zur nicht-menschlichen Mitwelt lässt sich vielmehr entwickeln, erfahren und erlernen, wenn wir die Herrschaft der Kultur über die Natur als gesellschaftliches Verhältnis angreifen und aufgeben. Dies gelingt jedoch nicht, indem wir Menschen verteufeln, sondern, indem wir ihre schöpferische Gestaltungsfähigkeit betonen, mit der sie die Mitwelt auf eine nicht-zerstörerische Weise bearbeiten und regenerieren können.

Zur Ambivalenz der Technologie

Die Neugestaltung des Planeten und die Regeneration der Mitwelt kann heute nur noch – ebenso wie ihre Ausbeutung und Zerstörung – mittels verschiedenen technologischen Projekten geschehen, da es keine Natur mehr gibt, die sich selbst überlassen werden könnte. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Technologie die Antwort auf die Probleme und sozialen Kämpfe der bestehenden Gesellschaft ist. Tatsächlich konnten mit Technik noch nie gesellschaftliche Probleme behoben, sondern nur verlagert werden. In der Technik selbst liegt niemals soziale Freiheit, sondern in ihrer gezielten und selbstbestimmten Anwendung zu emanzipatorischen Zwecken. Aus dieser Perspektive ist immer zu fragen: Welche Technologien werden von wem mit welchem Interesse entwickelt und verbreitet? Wer verfügt über die Ressourcen, sich bestimmte technologischen Geräte, und Wissens-formen anzueignen? Wer verfügt über die Fähigkeiten, sie überhaupt anwenden zu können bzw. sie nach eigenem Willen souverän anwenden zu können – und nicht lediglich im Rahmen ihrer vorgesehenen Funktionsweise? In einer von Herrschaftsverhältnissen geprägten Gesellschaftsform ist Technologie immer problematisch, weil ihre Funktionsweisen eingeschränkt, ihre Verfügbarkeit und die Fähigkeiten zu ihrer Anwendung äußerst ungleich verteilt sind. Gleichzeitig kann sich im Grunde genommen niemand den sozialen, ökologischen und politischen Folgen von Technikanwendung entziehen.

Selbstverständlich gibt es unglaublich viele technologische Entwicklungen, die wir nicht vermissen wollen und sollten: Der medizinische Bereich wäre heute unvorstellbar ohne Röntgengeräte, künstliche Herzklappen, Pharmazeutika, sterile Spritzen oder gezüchtetes organisches Gewebe. Er reduziert für viele die Schmerzen und verlängert ihnen das Leben. Die Mobilität hat einen ungeheuren drive erfahren durch Eisenbahnen, Schifffahrt, Autobahnen und den Flugverkehr. Völlig klar, dass es hierbei neue Formen und auch eine Reduzierung braucht, doch prinzipiell ist die Möglichkeit reisen zu können, eine äußerst positive Sache. Die industrielle Landwirtschaft ermöglichte vielen Leuten anderen Tätigkeiten nachzugehen, ebenso die Automatisierung in der industriellen Produktion. Sie umzustellen, zu dezentralisieren und nach sozialen und ökologischen Gesichtspunkten auszurichten, ist die komplizierte Herausforderung unserer Zeit. Auch Energie kann inzwischen völlig anders gewonnen werden als in früheren Jahrhunderten. Wenn zugleich ihr Verbrauch effektiv reduziert wird, ist eine ökologisch verträgliche Energieerzeugung keineswegs abwegig. Schließlich ermöglichen Technologien uns auch Kommunikation über Grenzen hinweg, ganz neue Formen der Interaktion und die Entstehung des Cyberspace mit seinen vielen Möglichkeiten.

In Kürze: Verständlicherweise möchte fast niemand auf technologische Entwicklungen und die damit verbundene Erleichterung und Erweiterung von Lebensmöglichkeiten verzichten. Davon ist aus Sicht anarchistischer Ethik jedoch auch nie die Rede gewesen. Mit dieser geht es darum, Technologien auf eine soziale und ökologische Weise zu entwickeln und anzuwenden, ihre Vorteile allen Menschen zukommen zu lassen, ihren Zweck konsequent an der Förderung des Gemeinwohls und individueller Selbstentfaltungsbestrebungen auszurichten, ihre Nebenfolgen für die Mitwelt und die Veränderung des gesellschaftlichen Miteinanders kritisch abzuschätzen und gegebenenfalls Vorkehrungen zu treffen, damit diese nicht negativ ausfallen. In der anarchistischen Ethik geht es also keineswegs um einen Verzicht, sondern um den Gewinn der Voraussetzungen für ein reiches und gelingendes Lebens für Alle ohne Zerstörung der Mitwelt. Dass viele technischen Innovationen beispielsweise aus dem militärischen Bereich kommen, ist kein Argument für die Rüstungsforschung und -industrie. Denn wie viel mehr und bessere Entwicklungen wären möglich geworden, wenn sie nicht mit dem Ziel der Vernichtung von Leben entwickelt worden wären? Eine nicht auf Zerstörung beruhende und sie verursachende Technologie einzurichten, ist nicht vorrangig eine Frage des Willens oder individueller ethischer Lebensstile, sondern der Auseinandersetzung in brutalen Machtverhältnissen in denen diese ethischen Ansprüche verwirklicht werden können oder nicht. Dabei ist allerdings auch klar, das SUVs, Kerosin-getriebene Linienflugzeuge, Kampfdrohnen, genetisch mani-puliertes Saatgut, Fitness-Tracker und Gesichtserkennungssoftware in Zukunft nur noch im Museum zu finden sein werden. Wir brauchen zukünftig keine Smartphones direkt ins Gehirn implantiert, wenn sie heute kaum jemand selbst-bestimmt nutzen kann. Wir brauchen keine genetisch manipulierten Kreaturen, wenn die genetische Vielfalt jeden Tag weiter vernichtet wird. Wir brauchen keine Selektion von ‚vorteilhaften‘ Genen von ungeborenen Kindern auf Bestellung der Eltern, wenn in der heutigen Gesellschaft nicht die Würde aller Menschen, unabhängig von ihrer körperlichen und geistigen Bedingtheit, gewährleistet wird.

Solange es Herrschaft gibt, wird sich diese in Technologie einschreiben. Technik ist deswegen per se niemals neutral, auch wenn uns das häufig so vermittelt wird. Sie hat eine Eigendynamik und enorme Auswirkungen auf das Zusammenleben in Gesellschaft, die oftmals nur nachträglich dilettantisch bearbeitet werden. Hierin liegen auch ganz neue Möglichkeiten der Manipulation, Abhängigkeit, Unterwerfung und Ausbeutung von Menschen, die ihnen noch als ‚Freiheit‘ erscheinen. Deswegen sind bestehende Technologien zu hacken und möglichst herrschaftsfreie Varianten zu entwickeln. Dies betrifft uns alle, nicht nur die sogenannten Nerds, denn wir nutzen alle Technologie und sind teilweise auch Expert*innen in einigen ihrer Formen.