Für eine neue anarchistische Ethik!

Lesedauer: 47 Minuten

Vorwort:

Nachdem ich die Texte Für eine neue anarchistische Theorie und Für eine neue anarchistische Organisierung geschrieben hatte, dachte ich, diese seien die sinnvolle und notwendige Ergänzung zu den Gedankengängen, welche ich in Für eine neue anarchistische Synthese entwickelt hatte. Mir ging es darum, anarchistische Ethik, Theorie und Organisierung zusammen zu denken. Die Überlegungen zur Synthese stellten dahingehend den Versuch dar, eine bestimmte anarchistische Strömung, in welcher Pluralität begrüßt wird, zur Diskussion über ihre eigenen Grundlagen anzuregen. Damit wollte ich herausstellen, dass es erforderlich und sinnvoll ist, danach zu suchen, wie jene geteilten Grundlagen in nie-endenen Prozessen gefunden und herausgebildet werden können. Und wie vielfältige anarchistische Ansätze erst ermöglicht und in ein gemeinsames Projekt integriert werden können. Mit diesem Versuch erarbeitete ich bewusst keine direkte theoretische Orientierung oder organisatorische Vorschläge. Später wurde mir klar, dass ich zunächst Gedanken zur anarchistischen Ethik entfalten müsste, bevor ich konkreter werden kann.

Hierzu ist also weiteres Nachdenken notwendig – wie es freilich schon viele Menschen vor mir getan haben und neben mir tun. Meine selbstgewählte Rolle besteht dabei lediglich darin, so gut es mir gelingt, einige Fäden zusammen-zuführen, einen Zwischenstand abzubilden und möglicherweise einen Ausblick zu ermöglichen. Mit diesem Text wage ich also einen weiteren – stark subjektiv gefärbten – Versuch dies zu tun. Manche werden ihn gelungen, andere schlecht finden; einige werden ihn für nachvollziehbar und andere als unverständlich oder gar abgehoben ansehen. Doch mir ist wichtig, dies auf meine Weise zu probieren, ohne mich zu verbiegen. Dabei verwende ich teilweise eine komplizierte und abstrakte Sprache, um meine Erfahrungen und Gedanken auszudrücken. Ich weiß, dass dies problematisch ist, weil dadurch Menschen ausgeschlossen werden und ich möglicherweise um den heißen Brei herum rede. Doch ich glaube zum Einen, dass die Dinge nun mal leider kompliziert sind und scheue mich als notorischer Skeptiker andererseits, zu rasche und zu einfache Antworten zu geben. Im Gegenteil möchte ich zum Mitdenken anregen und das Nachdenken über die eigene Einstellung von dir Leser*in provozieren. Es würde mich freuen, wenn es mir gelingt, zur gemeinsamen Diskussion über anarchistische Ethik und gezielte Bestrebungen zu ihrer Umsetzung anzuregen, die über individuelle Reflexionen oder Verhaltensveränderungen hinausgehen…

Hinführende Überlegungen: Ethik statt Moral

Am Anfang war das Nichts. Das Wunder des Lebens ist durch nichts zu erklären. Das Wunder der menschlichen Existenz, welche nach ihrem Sinn, ihrer Bedeutung und ihrem Gelingen zu fragen im Stande ist, ist in letzter Instanz nicht zu begreifen. Und aus dem Nichts erwächst Alles. Alles, was Menschen potenziell wahrnehmen, was sie erkennen, begreifen und gestalten, wenn die Voraussetzungen verwirklicht werden, damit sie dies tun können. Aus menschlicher Perspektive ist die Frage, was vor dem Leben war, eine faszinierende Gedankenspielerei, aber grundlegend absurd. Die Begrenztheit unseres Vorstellungsvermögens, wie auch die zahlreichen Herausforderungen, die mit der Re-Produktion unserer eigenen Leben zu tun haben, hindern uns zum unergründlichen Grund der Dinge zu vorzustoßen, in den Abgrund zu blicken und uns mit dem Nichts zu konfrontieren. Dies ist nur verständlich und menschlich, denn als Einzelne haben wir lediglich die eine Gewissheit: dass unsere Leben einen unerklärlichen Anfang hatten und unweigerlich zu einem in der heutigen Gesellschaft oft todgeschwiegenen Ende führen werden.

Doch zwischen dieser Spanne ist Alles da und Alles kann von uns gestaltet werden – Sei es durch die Umformung der nicht-menschlichen Mitwelt, durch die Bedingungen und Möglichkeiten, nach welchen wir unsere individuellen Leben miteinander gestalten oder die Weise, wie wir die Gesellschaft einrichten. Diese ist das Ganze, in dem wir uns aufeinander beziehen (müssen), der Rahmen, indem unsere Existenzen geformt und entwickelt werden. Die Gesellschaft war vor dem Menschen da, schrieb Peter Kropotkin. Damit meinte er, dass es eine wesentliche Bedingung und Qualität menschlichen Seins ist, dass wir immer schon miteinander, mit allen Anderen, in Beziehungen stehen – ob wir wollen oder nicht. Wie diese Beziehungen jedoch für wen aussehen, welche gesellschaftlichen Verhältnisse wir vorfinden, unter denen wir handeln können und in welche Richtung diese sich von uns entwickeln lassen, sind dabei offene Fragen. Diese Fragen stellt die anarchistische Ethik. Sie geht damit weit über Überlegungen zur individuellen Lebensgestaltung hinaus, weil sie die gesellschaftlichen Bedingungen, den Rahmen der Lebensverläufe Einzelner, die Wahrheit der existentiellen sozialen Verwobenheit miteinander und der Angewiesenheit aufeinander, mitbedenkt.

Anarchistische Ethik strebt danach, Antworten darauf zu finden, wie menschliches Leben gelingen, wie es schön, reich und erfüllt sein kann. Sie geht grundlegend davon aus, dass dieses Gelingen, die Schönheit, der Reichtum und die Erfüllung in den Leben bestimmter Einzelner nur in Bezug auf Andere möglich wird; nur, wenn der Anspruch gesetzt wird, diese Ziele für Alle zu verwirklichen. Um dies umzusetzen sind eine Vielzahl an sozialen, materiellen und physischen Ressourcen anzueignen, zu erkämpfen umzuverteilen und zugänglich zu machen. Die anarchistische Forderung „Alles für alle!“, zielt auf eine Produktion nach Fähigkeiten und Möglichkeiten und die Verteilung des gesellschaftlich produziert-en Reichtums nach den Bedürfnissen und Wünschen jeweils unterschiedlicher Einzelner ab. Hinter diesem politisch-ökonomischen Konzept steht die unendliche ethische Forderung danach, dass allen Menschen die Möglichkeiten zukommen sollen, ihre Leben selbst zu gestalten, um sie gelingen, schön, reich und erfüllt werden zu lassen.

Dazu gehört ganz entscheidend, dass niemand anderes für die Einzelnen sagen oder bestimmen kann, worin ihre Lebensqualität besteht und wie sie diese erlangen können. So unauflöslich verbunden wir auch miteinander sind: Unsere Leben gehören uns selbst. Deswegen sind wir selbst dafür verantwortlich, wie wir sie leben. Doch dies beschreibt einen abstrakten Idealzustand, der bisher nie war und heute nicht ist. Denn genauso stimmt es, dass die Möglichkeiten und Ressourcen für die individuelle und kollektive Lebensgestaltung ungeheuer ungleich verteilt sind. Sie werden von vielen produziert und von wenigen aneignet. Dies lässt sich in Hinblick auf ökonomischen Reichtum und Eigentum sagen, auf politische Macht, Gewaltmittel und ideologische Einflussnahme, auf die Position von Personen in Geschlechterverhältnissen oder nach ihrer Herkunft. Wir alle erschaffen die verschiedenartigen Lebensmittel, die wir benötigen, um ein ethisch erstrebenswertes Leben zu ermöglichen. Doch angeeignet, verteilt und konsumiert, werden sie in der herrschaftsförmigen Gesellschaft in höchst ungleichem Maß. Wir alle erzeugen täglich die historisch-spezifische Gesellschaftsform, die soziale Matrix, in der wir uns aufeinander beziehen und miteinander in Verbindung stehen. Doch in vielerlei Hinsicht sind es Beziehungen der Ausbeutung, Gewalt, Unterdrückung, Ausgrenzung und Erniedrigung, mit denen Menschen wie in Ketten aneinander geschmiedet werden, anstatt sich frei zusammenzuschließen. Vergangene, gegenwärtige und zukünftige Herrschaftsordnungen setzen uns in Konkurrenz gegeneinander, die im Endeffekt um die Ressourcen und Möglichkeiten für die Gestaltung eines guten Lebens geführt werden (auch wenn die Herrschaftsverhältnisse inzwischen so abstrakt sind, dass dieser Zweck verschleiert ist und sich bis ins Absurde verselbständigt hat). Deswegen ist anarchistische Ethik ein Protest. Ein Protest gegen die In-Wert-Setzung des Lebens in den vergangenen und bestehenden Herrschaftsverhältnissen. Ein Protest gegen die Bewertung des Lebens überhaupt, weil es aus dem Nichts zum Alles kam, weil es uns selbst gehört, einmalig und verbunden ist und daher jede Wertigkeit übersteigt.

Weil Selbstbestimmung – die selbstgewählte Entfaltung des Lebens Einzelner -, das Ziel anarchistischer Ethik ist, ist sie begrifflich von Moral abzugrenzen. In Moralvorstellungen und -kodexen wird auf bestimmte Weisen festgelegt, was ein gelingendes Leben ist und wie es in einer vorfindlichen Gemeinschaft realisiert werden kann, darf oder soll. Dazu beziehen sie sich auf eine moralische Autorität, welche außerhalb der Einzelnen verortet und dadurch legitimiert wird – sei es Gott, die Gewohnheit, die Überlieferung und entsprechende spezialisierte Gruppen wie Priester, die sie vertreten. Anarchistische Ethik hingegen lässt sich nicht in ein einmal fixiertes Regelwerk gießen. Sie ist nicht universalistisch. Sie kann nur in einer bestimmten Gemeinschaft und zwischen ganz bestimmten Einzelnen gefunden und entwickelt werden. Deswegen ist sie immer wieder neu zu verhandeln und auch in Frage zu stellen. Es gibt in ihr keine einmalige Festlegung dessen, was „gut“ oder „schlecht“ ist. Daher stellt anarchistische Ethik eine Kritik an Moral dar, weil diese entweder die Moral herrschender sozialer Klassen und Gruppen ist, oder jene von Anführer*innen innerhalb von Gruppen. Sehr früh schon entstanden dabei spezialisierte Gruppen, welche moralische Vorstellungen und Regeln setzen, festschreiben und auslegen. Einzelne nehmen sich heraus, innerhalb ihres Umfeldes festzulegen und zu bewerten, was „richtiges“ und „falsches“ Handeln ist. Die moralische Autorität wird dabei nicht immer von den politischen und ökonomischen Herrschenden ausgeübt (weil auch diese bisweilen in die Schranken gewiesen werden müssen, um die Herrschaftsordnung insgesamt aufrechtzuerhalten). Oftmals ist sie aber stark mit den Interessen der Privilegierten verknüpft, weil sie letztendlich dazu dient, eine bestehende Ordnung aufrechtzuerhalten.

Selbstverständlich bezieht sich auch eine anarchistische Ethik auf vorangegangene ethische Diskussionen, Vereinbarungen, Lebensvorstellungen und im Zweifelsfall auch auf Sanktionsmechanismen. Entscheidend ist jedoch, dass diese ethischen Regeln von den Mitgliedern der jeweiligen Gemeinschaft gemeinsam aufgestellt und sie nicht von Richtlinien außerhalb dieser (Gott, Nationalstaat etc.) bestimmt werden. Alle Menschen, die von ethischen Vereinbarungen betroffen sind und für die sie gelten, müssen an ihrer Erarbeitung mitwirken können – insbesondere auch jene, deren Stimmen oft überhört werden. Und: Die selbstgesetzten ethischen Grundlagen einer bestimmten Gemeinschaft werden durch die anarchistische Ethik nicht zu Dogmen erhoben, deren Übertretung automatisch Bestrafungen nach sich zieht, um eine abstrakte Gerechtigkeit herzustellen. Damit sich die jeweiligen Kollektive an ihnen orientieren können, gibt es oftmals Sinn, sie explizit zu machen und festzuhalten. Dadurch wird vermieden, dass sie intransparent bleiben und so von bestimmten Personen ausgenutzt werden können. Dennoch sind ethische Regeln letztendlich auf nichts anderes gegründet, als das, was die Mitglieder einer Gemeinschaft miteinander vereinbaren. Demnach sind ethische Streitfälle von Fall zu Fall abzuwägen und zu entscheiden.

Es wurde gesagt, dass alle Mitglieder eines Kollektivs bei der Aushandlung ihrer ethischen Grundlagen – und in einem konkreten Streitfall die Betroffenen bei seiner Lösung – beteiligt sein müssen. Die Aneignung moralischer Autorität ist dabei soweit es geht, zu vermeiden. Gleichzeitig spricht dies weder gegen eine Spezialisierung auf ethische Praktiken und Themen, noch dagegen, dass Einzelnen ethische Autorität aufgrund ihrer Kompetenz übertragen werden kann. Wichtig ist hierbei nur, dass die Übertragung ethischer Autorität freiwillig geschieht, nur auf Zeit wirksam ist und dass sie entzogen und angefochten werden kann. Anarchistische Ethiker*innen sollten nicht mehr als den Rahmen gestalten und Inspiration geben, damit die Beteiligten selbst ihre ethischen Grundlagen aushandeln und Streitfälle lösen können. Wenn dies ernst genommen wird, handelt es sich um eine äußerst verantwortungsvolle und wichtige Aufgabe.

Die konsequente Praktizierung anarchistischer Ethik ist somit eine ziemlich komplizierte und anstrengende Angelegenheit. Das muss sie auch sein, denn immerhin geht es um einen Zusammenhalt der jeweiligen Gruppen und Gemeinschaften auf der Basis ihrer Gleichberechtigung, Freiwilligkeit und solidarischen Bezugnahme aufeinander. Von den tatsächlichen sozialen Beziehungen der Einzelnen auszugehen, ist weitaus schwieriger, als irgendwelche gesetzten Moralkodexe anzuwenden. Doch aus anarchistischer Perspektive ist die Arbeit an diesen herausfordernden Prozessen äußerst wichtig, weil nur auf diese Weise Kollektivität hergestellt werden kann, ohne die Einzelnen zu unterdrücken. Und weil nur so die Rahmenbedingungen geschaffen, die Ressourcen verteilt und die Fähigkeiten erlernt werden können, damit Menschen ein reiches, schönes und erfülltes Leben verwirklichen können. Denn jenes kann in der Vorstellung der anarchistischen Ethik eben nicht in einem konkurrierenden Gegeneinander, einem desinteressierten Nebeneinander, sondern nur in einem solidarischen Miteinander gelingen.

Mit anarchistischer Ethik wird also danach gestrebt, auf eine egalitäre, solidarische und freiwillige Weise Vereinbarungen zwischen konkreten Personen und Gruppen zu erzielen, ohne diese an moralischen Urteilen oder Bewertungen festzumachen. Dabei geht es um die geteilten Grundlagen eines Kollektivs oder einer Kommune und um deren Auslegung in konkreten Fällen. Dies beinhaltet darüber hinaus jedoch auch Überlegungen zu einer gelingenden Lebensgestaltung der Einzelnen. Sie sind damit verbunden, weil Menschen soziale Wesen sind und ihre Vorstellungen nur in Auseinandersetzung und im Zusammenhang mit Anderen verwirklichen können. Doch Versuche und Ansprüche eine derartige anarchistische Ethik zu praktizieren, befinden sich nicht im luftleeren Raum oder werden allein nach unserem „guten“ Willen und unserer Motivation dies zu tun umgesetzt. Denn wir leben in einer bestimmten Herrschaftsordnung, welche als staatlich, kapitalistisch, patriarchal, grenz-ziehend und Mitwelt-unterwerfend beschrieben werden kann. Diese Herrschaftsverhältnisse werden durch eine herrschende Moral verschleiert, legitimiert und aufrechterhalten. Ethisches Leben im anarchistischen Sinne ist daher Protest gegen die herrschende Moral wie auch die dominanten gesellschaftlichen Verhältnisse, gegen die privilegierten Klassen und Gruppen in ihr, welche von der Herrschaftsordnung profitieren und sie aufrechterhalten. Somit können als ethisch „gut“ und „gelingend“ erachtete Lebensweisen nur in dem Maße umgesetzt werden, wie Herrschaft unterlaufen und abgebaut werden kann. Weil es stets auch andere als die dominierenden Verhältnisse der Unterdrückung, Ausbeutung, Entfremdung und Entwürdigung gibt, stehen Menschen jedoch in der Verantwortung anders zu handeln, miteinander zu leben und ihre eigenen Leben mit dem Anspruch von Selbstbestimmung zu gestalten. Dies setzt anarchistische Ethik in eine kontinuierliche Spannung mit dem Bestehenden, von dem sie geprägt ist, aus dem sie hervorgeht, die es aber auch graduell überwinden kann. Wie in jeder Form von Ethik besteht deswegen eine Kluft zwischen Sein und Sollen. Um diese zu verringern ist ein Abbau von politischer, ökonomischer, geschlechtlicher usw. Ungleichheit erforderlich. Dies spricht dafür, ethisch wünschenswerte Lebens- und Gemeinschaftsformen zu entwickeln und das Erstrebenswerte in experimentellen Prozessen unter den gegebenen Bedingungen zu verwirklichen.

Fünf ethische Grundwerte ∢ ∢ ∢ ∢

Als ich zu Beginn schrieb, anarchistische Ethik entstünde aus der Konfrontation mit dem Nichts und eröffne deswegen Alles in einem weiten Feld von Möglichkeiten, habe ich etwas geflunkert. Zuletzt meinte ich, dass wir uns nicht im luftleeren Raum befinden und uns die Welt nicht machen können, wie sie uns gefällt. Das heißt, die Umsetzung anarchistischer Ethik steht vor enormen Herausforderungen, wenn sie einerseits gegen die bestehenden Herrschaftsverhältnisse angehen muss und mit ihr andererseits etwas realisiert werden soll, was nur in Ansätzen da ist und ungeheuer viel Arbeit macht. Darüber hinaus hat die anarchistische Bewegung eine lange Tradition und besteht mindestens ebenso wie in einer sozialen und politischen Strömung und Theorie, in einem ethischen Vorhaben. Dieses beinhaltet die Aufhebung der Bewertung menschlichen (und auch nicht-menschlichen) Lebens, in dem Sinne, dass der „Wert“ eines gelingenden, selbstbestimmten Lebens für Alle, als höchster eingesetzt wird. Damit werden alle herrschende Bewertungsskalen konterkariert.

Von „Werten“ in einem ethischen Sinne zu sprechen, scheint oft die Spielwiese von Konservativen zu sein. Sie halten die Werte von bürgerlicher Familie, Gemeinschaft, klaren Ordnungen etc. hoch und verbinden sie mit „Tugenden“ wie Treue, Ehre, Ehrlichkeit und dergleichen mehr. Die sozialistischen Strömungen taten nicht gut daran, Konservativen den Vorrang bei ethischen Überlegungen zu lassen, auch wenn sie zurecht kritisierten, dass solche nur zielführend sein können, wenn die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse abgebaut und schließlich überwunden werden. Als sozialistische Ideologien für eine Weile zur Staatsdoktrin wurden, brachten sie ebenfalls Moralvorstellungen hervor, die als herrschende eingesetzt wurden, um mit ihnen untertänige, wehrfähige und fleißige Staatsbürger*innen zu formen. Anarchistische Ethik dient selbstverständlich nicht zur Integration von Unterworfenen in Zwangsgemeinschaften und abstrakte kollektive Identitäten, sondern stellt eine Rebellion gegen diese dar. Daraus allein ergibt sich jedoch keine positive Bestimmung anarchistischer Projekte. Weil dies meiner Ansicht nach wichtig ist, möchte ich hier von ethischen Grundwerten schreiben, die der Anarchismus meiner Erfahrung nach beinhaltet. Die Versuche ihrer Umsetzung spiegeln sich in den Organisationsformen und den theoretischen Grundsätzen wider, welche von Anarchist*innen in den historischen Auseinandersetzungen sozialer Bewegungen entwickelt wurden. Die ethischen Grundwerte des Anarchismus sind miteinander verknüpft und können nicht losgelöst voneinander gelebt werden.

Vielfalt… bedeutet nichts weiter, als das Menschen unterschiedlich sind und das gut so ist. Wie sie sich entwickeln hängt maßgeblich von den Umgebungen ab, in denen sie sich bewegen, von den Erfahrungen, die sie machen und von den Anderen, denen sie begegnen. Anarchie ist in dem Maße verwirklicht, wie Allen die gleichen Möglichkeiten, ein gelingendes Leben zu führen und ihre Leben selbst zu gestalten, zukommen. Dies beinhaltet jedoch, dass sie ihre Lebenswege sehr unterschiedlich gehen werden. Anarchie ist deswegen das Gegenteil einer homogenen Gesellschaft der eingehegten, monokulturellen Gleichförmigkeit, sondern ein bunter Haufen unterschiedlichster Lebensformen, die miteinander koexistieren. Entscheidend ist hierbei, dass die Vielfältigkeit von Einzelnen und ebenso der unterschiedlichen Kommunen nicht als Hindernis angesehen wird, um friedlich, egalitär und solidarisch zusammenzuleben. Vielmehr bildet die Unterschiedlichkeit der Menschen erst die Voraussetzung, um den Reichtum des Lebens zu erfahren und genießen zu können. Dies kann allerdings zu Missverständnissen und Spannungen führen. Bedeutend ist hierbei, wie mit ihnen umgegangen und in welcher Form sie vermittelt werden.

Gleichheit… hat eine materielle, eine dignitive (= an Würde ausgerichtete) und eine politische Dimension. Erst wenn alle haben, was sie brauchen und niemand in der Position ist, andere für sich arbeiten oder für sonstige Zwecke einspannen zu können, kann allen Menschen die gleiche Würde und Mitbestimmung garantiert werden. Materielle Gleichheit bedeutet keineswegs, dass alle genau „das Gleiche“ erhalten, sondern, das ihnen zur Verfügung steht, was sie brauchen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Bedürfnisse sind von Person zu Person unterschiedlich. Angefangen, bei den Grundbedürfnissen nach Nahrung, Kleidung, Wohnung, Sozialität und Sexualität haben sie jedoch recht ähnliche Voraussetzungen. Materielle Gleichheit wird nicht durch die Gleichverteilung von Privateigentum realisiert, sondern durch seine Vergesellschaftung. Gleiche Würde wird nicht dadurch verwirklicht, dass schwächere Personen immer bevorzugt werden oder dass sie Mitleid für ihre Unfähigkeit oder Behinderung in manchen Bereichen erhalten. Menschen wirklich auf Augenhöhe zu begegnen, meint sie ernst zu nehmen und ihnen etwas zuzutrauen. Es bedeutet zu wissen, dass wir es uns beispielsweise nicht ausgesucht haben, mit welchen körperlichen Fähigkeiten wir geboren wurden – und gleichzeitig, dass derartige Unterschiede zwischen uns kaum eine Rolle spielen müssen. Dass Menschen bei politischen Entscheidungen gleichberechtigt mitbestimmen können, funktioniert nicht dadurch, dass zum Beispiel Gruppen in Minderheitspositionen permanent aufgefordert werden, nun doch auch endlich ihre Meinung beizusteuern. Die gleichberechtigte Gestaltung des Gemeinwesens wird nicht durch positive Diskriminierung möglich, sondern nur, in dem die Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit Menschen Lust haben, sich einzubringen. Sich am Wert materieller, dignitiver und politischer Gleichheit zu orientieren verlangt von Menschen die es aus irgendwelchen Gründen besser getroffen haben als andere, etwas von ihren Privilegien loszulassen und anderen Raum zu geben, weil die Begegnung auf Augenhöhe eine unschätzbare Bereicherung ist.

Individualität… wird oftmals mit „Freiheit“ assoziiert. Im Anarchismus sind Freiheit, Gleichheit und Solidarität untrennbar miteinander verbunden. Nur dann bin ich frei, wenn alle Menschen, egal welche, frei sind, formulierte Michael Bakunin. Damit brachte er zum Ausdruck, dass niemand Freiheit auf Kosten von Anderen „haben“ oder leben kann und dass unsere Freiheit keine Grenze vor den Anderen kennt. Indem wir das Trennende der bestehenden Herrschaftsordnung auf eine respektvolle, verständige und gegenseitige Weise überschreiten, erfahren wir uns selbst als Einzelne, die keine Angst vor der*dem Anderen haben müssen, sondern miteinander kooperieren können. Demnach gibt es im Anarchismus keine echte Individualität, wenn Andere sie nicht entfalten können. Dieser Gedanke ist eine Provokation, schließlich werden wir in einer kapitalistischen Gesellschaft – wo sie noch liberal ist – andauernd aufgefordert, individuell unsere Arbeitskraft zu erzeugen, sie aufrechterhalten und unseren vermeintlich individuellen Konsum-wünschen nachzugehen. Sicherlich, in den (Post)Industrienationen des globalen Nordens ist die Entfaltung verschiedenster individueller Existenzweisen noch eher möglich, als in vielen anderen Ländern, in denen ein stärkerer Konformitätsdruck besteht. Andererseits sind es gerade kapitalistische Verwertungsinteressen, welche in der internationalen Staatenkonkurrenz aufeinandertreffen und deswegen den Nationalismus befördern, welcher homogene Gemeinschaften benötigt und herstellt. Damit der demokratische Kapitalismus eingerichtet werden konnte, wurden erst vielfältige Lebensformen zerstört. Der stark mit wirtschaftlichen Interessen verbundene nationalistische Konflikt zwischen Indien und Pakistan verursacht erst eine Homogenisierung der Bevölkerung und damit die Beschneidung von Individualität. Ähnlich sieht es in China aus, wo Menschen mit dem digitalen Social Credit System auf Linie gebracht werden sollen – in dem sie gezwungen werden, sich ‚individuell‘ konform verhalten zu müssen. Was uns als individuelle ‚Freiheit‘ verkauft wird (und vielen Menschen zunächst auch so erscheint), mündet in neue Zwänge und zerstörerische Lebensweisen, wie beispielsweise bei der Durchsetzung des automobilen Individualverkehrs oder von Smartphones, personalisierter Werbung auf Internetplattformen oder der Selbstdarstellung dort. Anarchistische Individualität meint dagegen, dass die Möglichkeit der Selbstentfaltung Aller ein Indikator für sozialen Fortschritt ist. Individualität kann nicht zu Lasten Anderer – auch nicht zukünftiger Generationen und nicht-menschlicher Lebewesen – entfaltet werden. Genauso wenig meint sie den eigenen Willen rücksichtslos durchzusetzen, sondern die eigenen Interessen, Wünsche und Bedürfnisse in Begegnung mit Anderen zu erkennen – und zu verhandeln.

Gemeinschaft… ist ein anarchistischer Grundwert, der auch als „Solidarität“ bezeichnet werden kann. Es ist wunderbar, wenn Menschen sich gegenseitig helfen, die sich kennen und mögen. Das Merkmal von Solidarität ist jedoch, dass sie über persönliche Bekanntschaften und Sympathien hinausgeht und Beziehungen stiftet, in denen Menschen in unterschiedlichen Lagen und Situationen in Kontakt kommen und gemeinsam-werden. Gemeinschaft ist zwar wichtig, um verschiedenen Gruppen Schutz- und Rückzugsräume zu ermöglichen. Sie darf jedoch keine heimelige Wohlfühlblase darstellen, welche in einem Gegensatz zur vermeintlich anonymen und unverfügbaren ‚Gesellschaft‘ gesehen wird. Auch wenn Anarchist*innen oftmals in verschiedenen communities wirken (und selber eine bilden) – weil es sinnvoll ist, an konkreten Orten anzufangen und mit bestimmten Menschen tätig zu sein -, geben sie damit nicht den Anspruch auf, das Großeganze insgesamt zu verändern. Gemeinschaften sind kritisch daraufhin zu überprüfen, ob sie repressiv wirken, Hierarchien ausbilden und sich nach außen abschotten. Gelingt es, diesen Gefahren konsequent entgegenzuwirken, bilden unterschiedliche Formen von Gemeinschaften den Rahmen, innerhalb dessen sich verschiedene Menschen auch über ihre persönlichen Sympathien hinaus aufeinander beziehen, sich gegenseitig unterstützen und gemeinsame Geschichten erzählen können. Dies ist eine wesentliche Voraussetzung, um aus Zwangsgemeinschaften wie der Nation, dem Staat, patriarchalen Strukturen oder auch der aufgedrückten Proletarisierung auszubrechen und freiwillige, selbstorganisierte Assoziationen an ihre Stelle zu setzen.

Selbstbestimmung… aller Menschen, ist im Anarchismus – ähnlich wie die Entfaltung von Individualität – ein Gradmesser dafür, wie nah oder fern eine Gesellschaft oder verschiedene Gemeinschaften der voll verwirklichten Anarchie sind. Selbstbestimmung bedeutet Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und das Streben nach einem gelingenden, schönen Leben nicht auf Andere, eine Kirche oder den Staat abzuwälzen. Unsere Leben in die eigenen Hände zu nehmen, ist ein Glück – auch wenn die fremdbestimmte Verantwortungsabgabe vielen als der einfachere Weg erscheint. Jede*r ist ihres Glückes Schmied*in, heißt es im Liberalismus. Damit verkennt er die materiellen, sozialen und psychischen Voraussetzungen, welche gesellschaftlich gewährleistet sein müssten, damit Alle ihr Glück schmieden könnten – wovon wir heute meilenweit entfernt sind. Der Faschismus antwortet darauf, indem er Menschen Erfüllung verspricht, wenn sie sich in die homogene Volksgemeinschaft eingliedern und den aus ihr Ausgeschlossenen stattdessen das Lebensrecht absprechen. Er richtet sich damit fundamental gegen die Selbstbestimmung aller Menschen, seien es eine selbstbestimmte Sexualität, die Verfügung über den eigenen Körper, die Äußerung der eigenen Gedanken, den Zusammenschluss mit anderen nach eigenem Belieben, einen selbstverantwortlichen Drogengebrauch, spielerische Tätigkeiten nach eigenem Antrieb usw.. Dafür treten Anarchist*innen ein. Und darüber hinaus für die Selbstbestimmung verschiedener Gemeinschaften und Gruppen, anstatt ihrer Unterordnung im Staat.

Bei den ethischen Grundwerten des Anarchismus ist entscheidend, dass sie nicht isoliert voneinander betrachtet werden können, sondern untrennbar miteinander verbunden sind. Freiheit, Gleichheit und Solidarität gehören zusammen, wenn sie für alle gelten sollen. Eine Gesellschaft in der anarchistische Wertvorstellungen realisiert werden, ermöglicht unterschiedlichen Menschen, ihre Leben selbst zu bestimmen und zu gestalten. Sie generiert und gewährleistet für Alle – unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht, ihrem Alter, ihrer sexuellen Orientierung usw. -, die Bedingungen, damit die Einzelnen ihre Leben in Beziehung mit den Anderen entfalten können.