Filmbesprechung: „Eine kleine Geschichte der Anarchie“

Lesedauer: 3 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #77 / Mai 2017

von Jens Störfried

Letztens schrieb mir eine Genossin eine SMS mit dem Hinweis: „Spannende Anarchismus-Doku, läuft gerade auf Arte“. Als ich später in die Mediathek schaute, entdeckte ich dort die zwei Teile der mir bisher unbekannten Doku, welche unter der Regie von Tancrède Ramonet schon 2013 in Frankreich produziert worden ist.

Ich denke, es hat sein Für und Wieder, wenn Anarchie/Anarchismus als Thema von professionellen Filmemachern bearbeitet und somit der Allgemeinheit zugänglich gemacht wird. Wichtiger finde ich eigentlich, Menschen zu Wort kommen zu lassen, die selbst nach anarchistischen Prinzipien leben, anstatt über Anarchismus als historischen Gegenstand zu sprechen. Der Film „Projekt A“ hat viel eher diesen Fokus, mich persönlich aber nicht sonderlich überzeugt. (siehe den Beitrag von Zottel in der Gaidao #63 „Von Widerstand und Selbstorganisation zur Biogurke“)

Die Verkürzung auf die historische Darstellung anarchistischer Bewegung, welche in diesem Fall wieder einmal mit dem Ereignis des Spanischen Bürgerkriegs endet, finde ich bedauerlich. Zumal im Abspann auch einige Bildsequenzen aus den Bewegungen der Nach-Weltkriegszeit auftauchen und somit zumindest angedeutet wird, dass die Geschichte weitergeht. Die Zuschauer*innen müssen sich aber offenbar ihren Teil dazu denken, denn ein dritter Teil ist nicht vorgesehen. Der im Trailer angedeutete Anspruch wird somit nicht konkretisiert. Darin wird gefragt: „Wo entsprang diese Bewegung, die seit 150 Jahren jeden Gott und jeden Herr ablehnt? Warum ist der Anarchismus, der eine bessere Welt wollte, als die, die sie früher war, noch immer aktuell? Warum ist seine Geschichte mehr denn je die unsere?“.

Für alle, die sich etwas mit der Geschichte des Anarchismus beschäftigt haben, bringt der Film kaum neue Infos. Andererseits sind die Eckpunkte anarchistischen Wirkens in der Vergangenheit nachvollziehbar und vor allem mit einer Herangehensweise ausgearbeitet, die von großer Sympathie zeugt ohne dabei verklärend zu wirken. Zu Wort kommen anerkannte Anarchismus-Forscher*innen aus verschiedenen Ländern wie Marianne Enckell, Mikhail Tsovma, Normand Baillargeon oder Robert Graham und viele andere. Tatsächlich pflegen diese das historische Erbe des Anarchismus und erhalten ihn durch Bücher, Vorträge, Radiosendungen usw. im kollektivem Gedächtnis. Dass diese Aufgabe getan wird, wo Aktivist*innen in ihren alltäglichen Kämpfen oft weder Zeit noch Lust haben, ihre eigene Geschichten zu dokumentieren, ist für die Verbreitungsmöglichkeiten anarchistischer Ideen meiner Ansicht nach äußerst wichtig und wertvoll.

Richtig ist auch, dass die Geschichten von Anarchist*innen aufgrund ihrer historischen Niederlagen sowie ihres Ziels einer letztendlich herrschaftsfreien Gesellschaft, oftmals unterdrückt oder völlig verzerrt dargestellt wurden und werden. Und dies ist die große Stärke der Doku von Tancrède Ramonet: Das allgemeine Geschichtsverständnis durchschnittlich interessierter Arte-Zuschauer*innen um ein Stück Realität zu erweitern. Dementsprechend bietet sich der Film auch für Einführungsveranstaltungen zum Thema sehr gut an und ermöglicht aufgrund seiner ansprechenden Umsetzung Diskussionsanstöße dazu. Wäre auch nett, wenn ihn jemand sogar im Geschichtsunterricht unterbringen könnte…

Gut thematisiert ist auch das brisante Kapitel anarchistischer Geschichte der „Propaganda der Tat“, weil es nicht verleugnet oder einfach gerechtfertigt, sondern selbstkritisch und sachlich behandelt wird. Somit wird die Frage gestellt, was die Ursachen von Gewalt sind und in welchem Verhältnis relativ unorganisierte und meist individuelle Gewaltakte von Anarchist*innen zu jenen der Staatsgewalt oder der von Faschist*innen stehen.

Zum Schluss der Doku, in der Ära des Faschismus ab 1939, unterlegen einige mahnende Worte die meiner Wahrnehmung nach kritische Absicht der Produzent*innen, wenn es heißt: „Auch in Demokratien mordet die politische Rechte. […] In einer Welt voller Stacheldraht sind Libertäre als erste Ziel der Repressionen. […] Sie werden zusammengetrieben, deportiert oder […] exekutiert. Denn in der allgemeinen Krise des Kapitalismus ist für die Bourgeoisie die Zerschlagung jeder Revolution Voraussetzung für ihre Expansionsbestrebungen. Die Imperialisten, für die Frieden ein Fremdwort war und ist, arbeiten längst auf den Krieg hin. […] Deshalb galt es auch die Erinnerungen auszulöschen, an die Männer und Frauen, die Staat, Geld und Grenzen abschaffen und – allem und jedem zum Trotz – eine bessere Welt schaffen wollten.“

Fazit: Anarchie/Anarchismus immer wieder nur historisch aufzurollen, birgt die Gefahr in sich, die heute kämpfende Bewegung trotzdem nicht ernstzunehmen und an romantischen Vorstellungen eines vermeintlich authentischeren Früher festzuhalten, „Wo es noch um was ging“. Wichtig für uns alle ist die kritische Überprüfung der eigenen historischen Bezugspunkte, wie auch der reflektierte Umgang mit der politisch-weltanschaulichen Tradition in die wir uns stellen – gerade, damit sie lebendig und mit unseren eigenen Inhalten gefüllt wird. Gleichzeitig ist die Verbreitung von Wissen über Anarchismus in jedem Fall wünschenswert, weil sie Anknüpfungspunkte schafft, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen und zumindest etwas Skepsis gegenüber Staat und Kapitalismus aufrecht zu erhalten. Für dieses Ziel und um aufzuzeigen, dass sich „seriöse“ Historiker mit Anarchismus als Gegenstand beschäftigen, ist die Doku „Eine kurze Geschichte der Anarchie“ als Einstieg, als Überblick und zum Auffrischen sehr empfehlenswert.

Freundlicherweise hat schon mal jemand den ersten Teil auf youtube hochgeladen.

Ansonsten ist der Film aber auch als DVD bei „absolutmedien“ erhältlich: https://absolutmedien.de/film/2002/Kein+Gott%2C+kein+Herr!21+Eine+Geschichte+der+Anarchie