Erich Mühsams Beitrag für eine anarchistische Synthese

Lesedauer: 18 Minuten

Originaltitel: Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat – Erich Mühsams Beitrag für eine anarchistische Synthese

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #109, Juli 2020

Mit seinem Traktat Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat. Was ist kommunistischer Anarchismus? schrieb Erich Mühsam eine lesenswerte Schrift, die weite Verbreitung gefunden hat. Der Literat, Aktivist und Lebenskünstler verfasste sie im Jahr 1932, das heißt zwei Jahre vor seiner Ermordung durch die Nazis im KZ Oranienburg am 10. Juli 1934. In diesem Beitrag ordne ich den Text historisch ein, stelle dar, warum sein Autor damit einen Beitrag zum synthetischen Anarchismus formuliert und kritisiere einige Annahmen, um ihren Gehalt weiterzuentwickeln.

von Jens Störfried

Erste Eindrücke von einem wichtigen Grundlagentext

Abgesehen von Mühsams bewegter Biographie und seinem unermüdlichen Engagement für die anarchistische Bewegung ist sein Text ist aus zwei Gründen besonders interessant. Erstens vermittelt er in verdichteter Form Grundlagenwissen über den Anarchismus insgesamt und hat damit einen programmatischen Charakter. Er bildet sozusagen den Stand des anarchistischen Denkens ab, bevor dieses wenig später durch den Faschismus fast vollständig vernichtet wurde. Damit gibt Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat1 auch für die Überlebenden Erinnerung und Orientierung. Zweitens führt Mühsam darin Grundgedanken verschiedener anarchistischer Strömungen seiner Zeit zusammen und synthetisiert sie, um die Essenz des Anarchismus heraus zu arbeiten. In einer Art umfassender Zusammenschau bezieht er sich teilweise indirekt, teilweise direkt, auf Überlegungen von Pierre-Joseph Proudhon, Peter Kropotkin, Johann Most, Gustav Landauer, Rudolf Rocker, Leo Tolstoi und Max Stirner – dies geht zumindest aus dem angefügten Literaturverzeichnis hervor. Derartige Grundlagenschriften bringen oftmals die Probleme mit sich, dass sie bestimmte Themen verkürzt darstellen müssen und andererseits von gewissen Vorannahmen ausgehen beziehungsweise diese einfach setzen, um die*den Leser*in zu erreichen. Letzteres ist auch das ausdrückliche Ziel Mühsams: Ihm geht es nicht um haarkleine Begründungen, sondern um die Agitation von Menschen, die seinen Gedanken grundsätzlich schon aufgeschlossen gegenüber stehen. Vermutlich waren es auch die aufgeheizte Situation, die krasse gesellschaftliche Spaltung und die zunehmenden brutalen militanten und politischen Zusammenstöße in der Endphase der „Weimarer Republik“, welche Mühsam bewogen haben, keine vermeintlich „sachliche“ Abhandlung zu schreiben, sondern Worte zu formulieren, die Kraft geben, die eigene Überzeugung stärken und Mut machen sollen. Abgesehen davon war diese Herangehensweise ohnehin eher der Stil des Literaten und Revoluzzers, als etwa trockene sozialwissenschaftliche oder ökonomische Referate. Darüber hinaus beruht die im Text zum Ausdruck kommende agitatorische Bestrebung jedoch auch auf einer wesentlichen Überzeugung, der auch eine theoretische Annahme zu Grunde liegt: Die soziale Revolution wird eben nicht durch vermeintliche historische Gesetzmäßigkeiten wie die Entwicklung der Produktivkräfte, die Zuspitzung des Klassengegensatzes oder wissenschaftlich-technische Errungenschaften eintreten. Wenn die Gesellschaft in Richtung Anarchie weiterentwickelt werden soll, kann dies nur durch das aktive Handeln von überzeugten, entschlossenen und tatkräftigen Menschen geschehen, welche die Ideale, für die sie kämpfen, auch selbst leben. Dies kommt in einer Passage gegen Ende des Textes zum Ausdruck, in der Mühsam mit viel Pathos schreibt:

„Der Weg zur Anarchie führt nur über anarchistisches Verhalten. Denn Wirklichkeit wächst allein aus Verwirklichung. Das gilt für die Denk- und Tatarbeit zur Bereitmachung der Wirtschaft, das gilt in erhöhtem Maße für die Bereitmachung der Geister. Sollen aus den Menschen Räte werden […], dann muß die Revolution woanders reifen als in dem bloßen Glauben, daß sich der Kapitalismus auf die Dauer nicht gegen den Hunger und das Elend der Menschen werde behaupten können. Er wird sich behaupten, solange er keinen Widerstand findet, der sich gegen seine sittlichen Grundlagen richtet, gegen die Autorität und ihre Verkörperungen, Staat, Kirche, Gesetz und Familie. Ein solcher Widerstand aber kommt nicht aus Verabredungen irgend welcher Art, er kommt nicht aus wissenschaftlichen Lehren und nicht aus noch so kluger Taktik, er kann nirgends herkommen als aus dem beleidigten Gewissen des sozial bewegten Menschen. Zu den Aufgaben der Anarchisten gehört es daher, die Gefühle der Gerechtigkeit und der Freiheit, die jedem Menschen angeboren sind […] wachzurütteln. An den Anarchisten ist es, begreiflich zu machen: Nicht die Not ist das schlimmste, sondern daß sie ertragen wird! […] Voraussetzung jedes Kampfes gegen die Beschimpfung des Menschen durch die Vorenthaltung der Produktionsmittel und durch die Staatssklaverei ist in viel höherem Maße als die Kenntnis von Entwicklungsgesetzen und ökonomischen Zusammenhängen der freiheitliche Stolz, der den Ehrbegriff der Anarchisten umschließt“ (S. 52f.).

Mit Vorstellungen von Stolz, Ehre – und sogar weiter: „musterhafter Sauberkeit im Benehmen“ – formuliert Mühsam eine anarchistische Tugendlehre, welche vermutlich weder in seiner Zeit, noch heute oder in Zukunft unter Anarchist*innen derart gradlinig bestand oder besteht. Mühsam selbst war nicht gerade für einen drogenfreien, sexuell enthaltsamen, ernährungsbewussten oder sonst völlig strengen Lebensstil bekannt, wohl aber für seinen ausgeprägten Humanismus und seinen umtriebigen Aktivismus, beispielsweise gegen staatliche Repression. Seine Einforderung von Konsequenz und „Wahrhaftigkeit“ ist im Wesentlichen ein Appell an die Anarchist*innen selbst, um trotz der Vorahnung der NS-Dikatur straight zu bleiben, sich nicht wegzuducken oder zu fliehen, sondern für die gerechte Sache weiterzuarbeiten und zu kämpfen. Dieser Hintergrund und die Absicht des Autoren ist mitzubedenken, um der Schrift über eine romantische Ansprache als Selbstbestätigung hinaus ihren Gehalt abzugewinnen. Mühsam legt dies allerdings offen, indem er im Vorwort klarstellt:

„Auf geschichtliche Beweisführung und wissenschaftliche Unterbauung der hier vorgetragenen Gedanken habe ich verzichtet, auch davon abgesehen, ältere anarchistische Schriften zur Stützung und Vergleichung meiner Meinung heranzuziehen. Kein Gedanke wird dadurch richtiger, daß schon ein andrer ihn früher geäußert hat. Auch glaube ich, daß es der Lebendigkeit meiner Beweisführung am zuträglichsten ist, wenn ich sie ausschließlich in meine eigenen Worte fasse. Daher findet sich in der vorliegenden Arbeit kein einziges Zitat […]“ (S. 2).

Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat ist in handliche Abschnitte gegliedert, die – je nach Ausgabe – jeweils ungefähr ein bis zwei A4-Seiten umfassen. Diese Unterthemen wie beispielsweise „Das soziale Bewusstsein“, „Gesellschaft und Persönlichkeit“, „Ehe-Familie-Religion“ im ersten Hauptteil „Das Weltbild des Anarchismus“, sowie unter anderem „Klassenkampf und Organisation“, „Das Rätesystem“ oder „Proletarische und bürgerliche Moral“ im zweiten Hauptteil „Der Weg des Anarchismus“, lassen sich also auch gut einzeln durchdenken oder diskutieren.

Den Inhalt des empfehlenswerten Textes kann sich jede*r selbst erschließen und ich denke für Anarchist*innen heute wäre es gut ihn zu kennen, weil darin sehr viele basics angesprochen werden. Im Folgenden zeige ich erstens auf, weswegen Mühsam für einen synthetischen Anarchismus steht und übe zweitens eine Kritik am Inhalt des Textes, um damit seinen Gehalt weiter zu entwickeln.

Mühsams anarchistische Synthese in Wort und Tat

Mühsam war bekannt für den Einsatz seiner Persönlichkeit in seinem politischen Wirken. Als Dichter und Kultfigur der Bohéme, von künstlerisch angehauchten Deklassierten, war er es gewohnt, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Schon vor seinem Wirken während der Bayrischen Räterepublik nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches, an welcher er im Frühling 1919 aktiv beteiligt war, galt er in der anarchistischen Szene als bunter Vogel, Ideenentwickler und -verbreiter. Nach seiner fünfjährigen Haftstrafe, die er bis 1924 mit anderen Aktivist*innen der Räterepublik, verbüßte, wandte er sich zunehmend der Antirepressionsarbeit und Gefangenensolidarität in der Roten Hilfe, sowie der Unterstützung der Russischen Revolution zu. Letztere wurde bei seiner Haftentlassung von Genoss*innen wie Rudolf Rocker und Emma Goldman allerdings bereits ausgiebig kritisiert, sodass Mühsam eine Weile brauchte, um nach der Haft wieder in der anarchistischen Szene Fuß zu fassen. Jedenfalls neigte er dazu, sich als Sturkopf seine eigenen Gedanken zu machen und Spektren übergreifend zu agieren, denn es ging ihm stets um die Sache, also die konkreten politischen und sozialen Kämpfe, anstatt um Organisationsgeklüngel oder Diskussionen um „richtige“ Analysen und Strategien. Statt autoritärer Kaderpolitik der KPD, mit welcher er phasenweise allerdings zusammenarbeitete (was ihm wiederum die Missgunst anderer Anarchist*innen einbrachte), wollte er einen freiwilligen Zusammenschluss aller sozial-revolutionär gesinnter Kräfte erreichen. Statt dem Sektierertum vieler anarchistischer oder anderer antiautoritärer Gruppen wollte er alle Menschen erreichen, die unter der Herrschaftsordnung litten und gegen sie aufbegehrten – egal, ob sie eine politisch korrekte Sprache sprechen oder die richtigen Turnschuhe tragen. Dementsprechend ist der gemeinsame Nenner für alle Anarchist*innen und was sie von anderen unterscheidet, eine recht allgemeine Grundüberzeugung. Die ersten Worte des Textes lauten:

„Anarchismus ist die Lehre von der Freiheit als Grundlage der menschlichen Gesellschaft. Anarchie, zu deutsch: ohne Herrschaft, ohne Obrigkeit, ohne Staat, bezeichnet somit den von den Anarchisten erstrebten Zustand der gesellschaftlichen Ordnung, nämlich die Freiheit jedes einzelnen durch die allgemeine Freiheit. In dieser Zielsetzung, in nichts anderem, besteht die Verbundenheit aller Anarchisten untereinander, besteht die grundsätzliche Unterscheidung des Anarchismus von allen andern Gesellschaftslehren und Menschheitsbekenntnissen.

Wer die Freiheit der Persönlichkeit zur Forderung aller Menschengemeinschaften erhebt, und wer umgekehrt die Freiheit der Gesellschaft gleichsetzt mit der Freiheit aller in ihr zur Gemeinschaft verbundenen Menschen, hat das Recht, sich Anarchist zu nennen“ (S. 3).

Dieser breit gefasste allgemeine Nenner des Anarchismus lässt also viel Spielraum zu, anstatt einen festen Weg vorzugeben. Dementsprechend schreibt Mühsam auch weiter:

„Die verschiedenen Ansichten über die Wege, welche die Menschen einzuschlagen haben, um zur Freiheit zu gelangen, über die Mittel, mit denen die der Freiheit widerstrebenden Kräfte zu bekämpfen und zu besiegen sind, über die endlichen Formen und Einrichtungen der freiheitlichen Gesellschaft bilden Meinungsgegensätze zwischen anarchistischen Richtungen innerhalb der gemeinsamen Weltanschauung. Ihre Vergleichung und Abwertung ist nicht Aufgabe dieser Schrift, die sich darauf beschränken will, die Grundsätze des kommunistischen Anarchismus, wie sie der Verfasser und die ihm in Überzeugung und Kampf am nächsten stehenden Anarchisten für richtig halten, darzulegen und der Werbung zu empfehlen“ (S. 3).

Interessant ist hierbei, dass Mühsam gerade aufgrund seines Eintretens für die bestimmte Position des kommunistischen Anarchismus, eine Offenheit und Anschlussfähigkeit verkörpert, beziehungsweise signalisiert, die einschließend statt ausschließend sind. Erst durch die eigene klare Positionierung wird es also möglich, sich mit anderen auf vernünftige und solidarische Weise zusammen zu schließen. Mühsams explizite Bezugnahme auf das Proletariat als Klasse, die sich selbst befreien soll, zeugt von seiner kommunistischen Einstellung. Dennoch zeigt er sich wie erwähnt als anschlussfähig für unterschiedliche Menschen und Strömungen. Dies steht im Gegensatz zu kommunistischen Sekten, welche zwar von Arbeitermacht, Klassenkampf oder ‚Diktatur des Proletariats‘ schwafeln, mit ihren idealistischen Kopfgeburten jedoch vor allem glauben, anderen sagen zu müssen, wie es richtig laufen soll und dass sie von den Kadern angeführt werden müssten. Damit grenzt sich Mühsam aber auch von Individualanarchist*innen ab, die entweder der Notwendigkeit der Überwindung von Staat und Kapitalismus zu wenig Wert beimessen oder die Rolle von Kultur, Bildung und selbstbestimmter Lebensstile im Vergleich zur gesamtgesellschaftlichen Revolution überbetonen. Wie erwähnt, handelt es sich bei dieser Abgrenzung jedoch nicht um einen Ausschluss, da Mühsam seine eigene synthetische Position nicht darüber herausbildet, indem er andere Strömungen haarklein kritisiert und niedermacht, sondern indem er versucht, das jeweils Beste aus den verschiedenen Gedankengängen herauszuziehen – und zwar nicht allein aus den Schriften der unterschiedlichen anarchistischen und antiautoritären Strömungen, sondern vor allem im Gespräch mit ihnen.

Diese Herangehensweise lässt sich wiederum auch in Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat aufzeigen. So wird beispielsweise im Abschnitt zu „Gesellschaft und Persönlichkeit“ die Inspiration durch den „kommunitären Anarchismus“ seines Mentors Gustav Landauer deutlich. Über das anarchistisch-kommunistische Verständnis hinaus, wird eine regelrechte Verwobenheit von Gesellschaft und Einzelnen angenommen. Dies wird in folgender Passage deutlich:

„Mag die Bewußtseinsbildung somit vielfachen sozialen Bedingungen unterliegen, die Persönlichkeit wird davon in ihrer Fähigkeit zur unmittelbaren Einwirkung auf das gesellschaftliche Sein und in ihrer Ermessensfreiheit nicht betroffen. Innerhalb eines Charakters ist der Wille frei. […] Wie unteilbar aber die Einheit von Mensch und Menschheit ist und von jedem Menschen empfunden wird, erhellt sich, um ein einziges Beispiel zu nennen, aus dem Bestreben aller Menschen, Zeugnisse des individuellen Lebens über den Tod hinaus ins gesellschaftliche Leben zu verpflanzen. […] Das Sterben, das mit dem Individuum sein ganzes Bewußtsein und alle persönliche Wahrnehmung auslöscht, wäre ohne die vollständige Verflechtung des persönlichen mit dem gesellschaftlichen Leben für den Einzelnen das Ende der Dinge überhaupt.[…] Alle Regsamkeit der Persönlichkeit empfängt den Antrieb aus dem Bewußtsein der Gemeinsamkeit. Die Gesellschaft ist der Ursprung des Lebens, wie sie zugleich Sinn und Inhalt des Lebens ist“ (S. 10f.).

Zugleich betont Mühsam ebenfalls die „Persönlichkeit“, welche durch den Kapitalismus zerstört und in ihrem eigenen Willen zerstört wird (S. 12), die zwar nicht egoistisch durchgesetzt werden (S. 4), sondern durch die Gleichberechtigung mit allen anderen „wachsen“ soll, um ihre „einmalige Wesenheit“ zu entfalten (S. 5). Die Persönlichkeit soll auch nicht irgendwelchen von außen kommenden „Glaubenssätzen und Vorschriften“ untergeordnet werden (S. 19) und ihre Verantwortung nicht an irgendwelche Mächte außerhalb von ihr abgeben (S. 21), was neben der Religion auch für die patriarchale Familie gilt (S. 26). Mühsam will Menschen an ihrer Persönlichkeit messen und nicht etwa an ihrem Aussehen oder ihrer Herkunft (S. 29), wobei diese dem Staatsbewusstsein entgegen stehe (S. 31). Praktisch schließe der Anarchismus daher „kein Kampfmittel aus, das der Persönlichkeit des Kämpfenden die Aufgabe stellt, unmittelbar einzugreifen oder seine Mitwirkung an gemeinschädlichen Maßnahmen, an unsozialen Arbeiten, an herausfordernden Zumutungen unter Einsatz seiner Person zu verweigern“ (S. 38). Dies zeigt sich ebenfalls bei der Diskussion um den selbstverantwortlichen Einsatz von Gewalt (S. 40). Schließlich stellt Mühsam im Abschnitt „Einsatz der Persönlichkeit“ (S. 41-44), individuelle Selbstbestimmung und persönliches Selbstbewusstsein als Gegenentwurf zum faschistischen Personen- und Führerkult der Ich-schwachen, instrumentalisierten und verblendeten Massen dar. Allein, dass Mühsam das Wort „Persönlichkeit“ 58 Mal verwendet, zeigt auf, dass er trotz seiner Abgrenzung sehr wohl auch vom individual-anarchistischen Denken geprägt ist, wie es etwa Stirner artikuliert hat.

Nur sehr wenig bezieht sich Mühsam dagegen auf den anarchistischen Syndikalismus und die Gewerkschaftsbewegung überhaupt. Arbeitskämpfe sind schlichtweg nicht sein Thema und darüber hinaus bewegt er sich auch stärker auf einer politischen Ebene der Auseinandersetzung. Diese hatte im Anarch@-Syndikalismus insofern kaum Raum, weil er vom Primat ökonomischer Kämpfe ausging. Die ausgeprägte Nichtbeschäftigung mit Politik, welche es sowohl im anarchistischen Individualismus, in der Kommunebewegung als auch dem Syndikalismus gab, stellte jedoch eine Leerstelle in der anarchistischen Theorie dar, weswegen das politische Feld umso stärker von kommunistischen Parteien dominiert werden konnte. Wiederum als Angebot einer Synthese der verschiedenen antiautoritären Strömungen seiner Zeit tritt Mühsam deswegen für das Rätesystem ein, was er im Vorwort wiederum als seinen einzigen eigenständigen Beitrag zu den formulierten Gedanken ansieht (S. 2). Eine Rätestruktur sieht er als entscheidenden Beitrag auf dem „Weg zur Anarchie“ und behandelt sie deswegen auch ausgiebiger als andere Themen (S. 47-52). Hier fließen selbstverständlich seine Erfahrungen in der Bayrischen Räterepublik ein, die ja ebenfalls von verschiedenen Akteur*innen und Gruppen und keineswegs von Anarchist*innen allein getragen wurde.

Schließlich wäre noch ein letztes Thema zu nennen, mit welchem deutlich wird, dass Mühsam versucht, verschiedene Denkweisen und Strömungen zu verbinden. Es geht um die Emanzipation der Frauen*. Diese begreift er allerdings weniger als feministische Kämpfe, sondern vorrangig in der Ablehnung und Überwindung der patriarchalen Kleinfamilie (S. 22-27). Interessant ist auch, dass Mühsam den Nationalismus im Wesentlichen mit der patriarchalen Herrschaft erklärt (S. 27-31). Es scheint der Fall zu sein, dass Mühsam diesem Themenfeld deutlich stärker als andere Anarchist*innen seiner Zeit Raum verschafft, weil er selbst unter seinem autoritären Vater gelitten und gegen diesen rebelliert hat. Hinzu kommt sein praktiziertes Verständnis von freier Liebe – welches allerdings keineswegs von Widersprüchen und Verletzungen frei war. Was die Plattformist*innen glauben heute neu entdeckt zu haben, war für Mühsams kommunistischen Anarchismus schon selbstverständlich: Die Abschaffung des Patriarchats gehört ganz eindeutig zur Befreiung des Proletariats dazu. Dafür braucht es aber einen weiten Blick, ein tieferes Verständnis vom Menschen und gesellschaftlicher Herrschaft und eine Synthese von verschiedenen Kampffeldern.

Vermutlich ließen sich bei genauerer Betrachtung noch weitere Grundgedanken in Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat konkreten anarchistischen Denker*innen zuordnen. Mühsam selbst war es wie erwähnt jedoch nicht besonders wichtig, von wem welche Überlegungen im Einzelfall stammten, sondern betrachtete ihren Gehalt und ihre Tauglichkeit, die sich ihm selbst erschlossen. Die Beispiele verdeutlichen meiner Ansicht nach allerdings zurecht, dass Mühsam als Aktivist und Denker im Sinne eines synthetischen Anarchismus gelten kann, auch wenn er das Label „kommunistisch“ bevorzugt.

Einige Probleme mit der Befreiung der Gesellschaft vom Staat

Ich habe schon deutlich gemacht, dass mich Erich Mühsams Schrift sehr anspricht, weil ich agitatorischen Texten, die motivieren und bestärken wollen, einiges abgewinnen kann. Das spricht nicht gegen sachliche Analysen, Berichte oder ernsthafte Gruppenstatements, finde ich aber ebenso wichtig wie diese. Deswegen muss eine gute und treffende Kritik meines Erachtens nach die Gattung eines Textes oder der Rede und ihren historisch-gesellschaftlichen und politisch-sozialen Zusammenhang betrachten, um sie zu begreifen und nicht pauschal zu beurteilen. Das heißt, ich versuche erst einmal zu verstehen, was die Autorin*, der Sprechende* oder das Handelnde* mir überhaupt sagen möchte, bevor ich es einordne.

In diesem Sinne ist an Mühsams Text Kritik anzubringen, die ich hier nur ansatzweise ausführen möchte. Ich gewinne sie aus meiner Beschäftigung mit postanarchistischem Denken, welches ich an dieser Stelle jedoch nicht näher erläutern kann. Entscheidend ist dabei, hinter die jeweiligen Aussagen eines Textes zu schauen, sie zu kontextualisieren und sie als Produkte ihrer Zeit zu sehen und zu kritisieren. Deswegen übe ich diese Kritik auch beispielhaft an Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat, um Weiterentwicklungen anarchistischen Denkens anzuregen. Sie könnte ebenso gut auf andere anarchistische Texte und auf solche anderer politisch-weltanschaulicher Strömungen angewendet werden. Im Wesentlichen betrifft sie fünf Punkte.

Erstens ist der Text mit einem starken normativen Pathos geschrieben. Das ist an sich nicht problematisch, wird es aber dann, wenn wir uns bewusst machen, dass der Humanismus im Zuge der Aufklärung aufkam. Diese wiederum war stark verknüpft mit der Vorstellung der Herausbildung der Zivilisation und einem eindimensionalen Fortschrittsglauben, der alternative Geschichten abgeschnitten hat. Die Vorstellung von Zivilisation beruht wiederum auf der Konstruktion von Barbarei, dem, was dann nicht oder weniger „menschlich“ ist, sowie damit verbunden, auf einer strengen Entgegensetzung von Menschen und Tieren. Im Zuge dessen gewinnt Mühsams Kritik einen stark moralisierenden Geschmack, wenn er beispielsweise schreibt:

„Wir Anarchisten bekämpfen den Kapitalismus, weil er die geistigen und sittlichen Werte der Menschheit den Gewinn- und Machtgelüsten einer skrupellosen materialistisch denkenden Herrenschicht unterordnet. […] Daß der Sozialismus an die Stelle des Kapitalismus treten soll, hat seinen Grund nicht in der praktischen Logik zweckdienlicher Ökonomie, sondern im moralischen Gewissen der gerechten Denkart. Wir verabscheuen den Hunger der Armen, und zwar um der Gerechtigkeit willen!“ (S. 7, kursiv: J.S.).

Kritikwürdig sind solche zugespitzten Aussagen, weil sie dazu tendieren, den strukturellen Charakter von Unterdrückung und Ausbeutung zu vergessen, sie damit nur verkürzt darzustellen und die Vorstellung von bösen Machenschaften der Herrschenden nähren, die sich gegen „das Volk“ verschworen hätten. Sehr viele Gruppen der Bevölkerung partizipieren oder profitieren aber an der bestehenden Herrschaftsordnung, selbst wenn sie gleichzeitig von ihr unterdrückt und ausgebeutet werden und das je nach sozialer Klasse sehr unterschiedlich aussieht. Deswegen gilt es hier genauer hin zu schauen, anstatt die Moralkeule zu schwingen.

Zweitens meinte Mühsam zur Begründung dieser Vorstellung weiterhin, jede „Erklärung, was Gerechtigkeit sei, erübrigt […]. Denn das Vermögen, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden, ist eine dem Menschen von Natur innewohnende Gabe, genau wie die Gabe, Lust und Schmerz zu empfinden“ (S. 8, kursiv: J.S.). Er geht also davon aus, dass das Gute und Gerechte von Menschen einfach so erkannt werden könnte und nur durch ideologische Verblendung (in Schule, Kirche, Nation, Familie) verstellt werden würde. Das ist eine feste Annahme über das Wesen des Menschen, die Mühsam einfach voraussetzt. Diese ontologische Bedingung ist jedoch nicht einfach so gegeben. Nein, Menschen können nicht einfach erkennen, was an sich „gut“ oder „gerecht“ ist. Wir haben alle Vorstellungen darüber, was wir als gerecht oder gut ansehen, doch sind diese durch die Gesellschaft geprägt, in der wir leben und beeinflusst von ethischen Diskussionen darum, was andere und wir selbst dafür halten.

Umso deutlicher wird das, wenn wir etwa nicht abstrakt sagen: „Es ist falsch, Kinder zu schlagen“, sondern uns selbst in der hochgradig widersprüchlichen Situation befinden, mit dieser Einstellung im Hintergrund plötzlich unheimlich sauer auf ein Kind zu werden, sodass wird zumindest richtig laut werden (und uns vielleicht später dafür schämen und entschuldigen, wenn wir das eigene Verhalten als „ungerecht“ oder als Ausnutzung einer Machtposition empfunden haben). Wenn wir keine herrschenden Moralvorstellungen übernehmen wollen, bedeutet dies im Umkehrschluss, dass wir uns selbst fortwährend auf eine eigene Ethik verständigen und diese miteinander aushandeln müssen. Das tun wir auch, oft nur nicht besonders bewusst und zielgerichtet. Demnach erübrigt es sich also nicht zu erklären, was Gerechtigkeit ist, sondern wir sollten uns möglichst klar darüber verständigen, was wir jeweils darunter verstehen und wie wir eine geteilte Ansicht dazu herausbilden können.

Der dritte Kritikpunkt macht sich schon am Titel des Textes fest. Es geht um die Vorstellung von „Staat“ und „Gesellschaft“. Als Anarchist*in kann man es sich schön einfach machen und „den“ Staat ablehnen zugunsten einer vermeintlich freien Gesellschaft, die lediglich von diesem okkupiert werden würde. Historisch ist es tatsächlich so, dass der moderne Staat sich parallel zum Kapitalismus entwickelte, sich immer weiter ausdehnte und immer weiter in verschiedene Sphären der Gesellschaft eingegriffen und sie reguliert hat. Damit ist nicht vorrangig „die“ Wirtschaft gemeint, welche nicht unabhängig vom Staat existiert, sondern sich in ihrer vermeintlichen Freiheit von diesem, gerade als Produkt der staatlichen Herrschaft darstellt. Anders gesagt: Auch jene gesellschaftlichen Sphären, aus denen sich der Staat (phasenweise) scheinbar heraus hält, funktionieren nur unabhängig von seiner Logik, weil eine vollständig staatlich gesteuerte (also totalitäre) Gesellschaft nicht funktional für die Herrschaftsordnung insgesamt ist, da sie aufgrund ihrer eigenen Widersprüche zugrunde gehen muss.

Mühsam hat allerdings ein essentialistisches Verständnis von Staat und Gesellschaft, was bedeutet, dass er beiden ein „eigentliches“ Wesen zuschreibt. Damit reduziert er ihre Heterogenität und Komplexität und kann keine tiefgreifende Herrschaftskritik entwickeln. „Der“ Staat ist nicht einfach ein künstlicher Fremdkörper und „die“ Gesellschaft nicht an sich gut oder frei. Vielmehr wird politische Herrschaft aus einer bestimmten Gesellschaftsform durch Menschen hervorgebracht, was auch gilt, wenn sie tendenziell manchen sozialen Gruppen weit mehr dient als anderen. Das ist eine sehr komplizierte Angelegenheit, die ich hier nur andeuten kann. Wenn Anarchist*innen den Anspruch erheben, politische Herrschaft – in ihrer Verdichtung als Staat – grundlegend abzulehnen, müssen sie sich aber einen genauen Begriff davon machen, was der Staat als Institution und Verhältnis zwischen Menschen tatsächlich ist. Mühsam macht es sich dahingehend zu einfach, wenn er schreibt, Staat und Gesellschaft seien

zweierlei. Weder ist die Gesellschaft eine Zusammenballung aller verschiedenen Organisationen und Verbindungen, innerhalb deren die Menschen ihre gemeinschaftlichen Angelegenheiten ordnen und unter denen der Staat neben anderen Einrichtungsformen besteht, noch ist der Staat von etlichen Möglichkeiten eine der Organisationsarten, in denen sich die Gesellschaft verkörpern kann. Es ist in aller Eindeutigkeit so, dass wo Gesellschaft besteht, für den Staat kein Raum ist, wo aber der Staat ist, er als Pfahl im Fleische der Gesellschaft steckt, ihr nicht erlaubt, Volk zu bilden und […] sie statt dessen in Klassen trennt und dadurch verhindert, Gesellschaft zu sein. Ein zentralisiertes Gebilde kann nicht zugleich ein föderalistisches Gebilde sein. […] Staat und Gesellschaft sind gegensätzliche Begriffe; eins schließt das andere aus“ (S. 12, kursiv: J.S.).

Auch wenn Mühsam hier eine bestimmte Vorstellung davon verwendet, was „Gesellschaft“ ist (nämlich nicht die Zusammenballung irgendwelcher Vereinigungen und Menschen in hierarchischen Positionen, sondern ein freiwilliger, solidarischer und egalitärer Zusammenschluss), müsste er diese Konzeption weiter ausführen und dann mit den divergierenden Interessen, Ansichten, Lebensrealitäten und Weltanschauungen in der Bevölkerung einen Umgang finden.

Viertens betreibt Mühsam eine Naturalisierung der Gesellschaft. Das bedeutet, er vergleicht soziale Prozesse mit Vorgängen in der Natur. Dies war freilich allgemein sehr populär in seiner Zeit, was die Kritik aber dennoch erforderlich macht, gerade um die anarchistische Perspektive vom konservativen und faschistischen Denken klar abzugrenzen, welche ebenfalls mit derartigen Vorstellungen arbeiten. Seiner Ansicht nach wären

„Gesellschaft und Mensch ist demnach als einheitlicher Organismus zu begreifen, und jeder Fehler in der Wechselbeziehung der Menschen zu einander [sic!] muss sich als gesellschaftlicher Schaden, jeder Mangel in der gesellschaftlichen Ordnung als Krankheitserscheinung im sozialen Getriebe und somit als Benachteiligung von Individuen in Erscheinung setzen. Diese Untrennbarkeit eines Ganzen von seinen Gliedern, dieses Ineinander-Verstricktsein der Teile, deren jedes ein Organismus mit den Eigenschaften des Ganzen ist, dieses Miteinander- und Durcheinander-Bestehen des Einzelnen und des Gesamten ist das Merkmal des organischen Seins in der Welt und jeder Verbindung in der Natur“ (S. 11, kursiv: J.S.).

Mir graut vor der Vorstellung einer „organischen“ Gemeinschaft, wie auch die Verwendung des Begriffs des „Volks“, der schon oben zitiert wurde. Es sollte meiner Ansicht nach nicht darum gehen, eine vermeintlich natürliche Einheit der Einzelnen in der Gesellschaft herzustellen oder überhaupt anzustreben, weil der hier festgestellte Widerspruch zwischen beidem – der mit der Anarchie aufgelöst und versöhnt werden soll – eben ein Produkt der Gesellschaft ist. Zwar stellt Mühsam fest, dass der Kapitalismus Menschen auf eine negative Weise individualisiert. Doch ist auch die Sehnsucht nach einer Verbundenheit mit den anderen und der Gesellschaft insgesamt Ausdruck der Entfremdung, in welcher wir leben. Deswegen ist sie kritisch zu reflektieren, denn nur somit lässt sich das Miteinander in sozialen Institutionen und Beziehungen bewusst gestalten. Sicherlich sind Menschen auch Teil der „Natur“ und überdies auch einfach als besondere Tiere anzusehen. Dennoch scheint eine ihrer Fähigkeiten ja gerade darin zu bestehen, ihr Leben miteinander auszuhandeln. Soziale Prozesse lassen sich demnach nicht einfach mit natürlichen Vorgängen analogisieren oder aus diesen ableiten, weswegen auch die Vorstellung einer „harmonischen“ und „organischen“ Gesellschaft der Anarchie kritisch zu hinterfragen ist.

Zuletzt ist noch die Setzung von Wahrheit zu kritisieren, welche Mühsam vornimmt. Als Anarchist geht er selbstverständlich von der Vorstellung von „Freiheit“ aus, welche es zu verwirklichen gälte. Doch auch was darunter zu verstehen ist, kann nicht einfach vorausgesetzt, sondern muss beschrieben und vor allem ausgehandelt werden. Dies ist keine vorrangig abstrakte Diskussion, sondern eine, welche wir miteinander immer wieder führen sollten. Unsere Freiheit besteht sozusagen darin, dass wir uns darüber verständigen, was wir unter Freiheit verstehen – und wie wir sie leben und allen ermöglichen können. Mühsam setzt jedoch epistemologisch (= „erkenntnistheoretisch“) voraus, dass das sowieso klar sei und nicht weiter erklärt oder bestimmt werden müsste:

„Freiheit ist indessen nichts, was gewährt werden kann. Freiheit wird genommen und gelebt. Auch ist Freiheit keine Summe von Freiheiten, sondern die alle Lebensumstände umfassende Einheit der von jeder Obrigkeit und jeder Autorität gelösten Ordnung der Dinge. Es gibt keine Freiheit der Gesellschaft, wenn die Menschen in Unfreiheit leben. Es gibt keine Freiheit der Menschen, wenn die Gesellschaft unfrei, zentralistisch, staatlich, machtmäßig organisiert ist. Die Freiheit der Anarchie ist die freie Verbündung freier Menschen zu einer freien Gesellschaft. Frei ist der Mensch, welcher freiwillig handelt, der alles, was er tut, aus der eigenen Einsicht der Notwendigkeit oder Wünschbarkeit seiner Tat verrichtet. Die Voraussetzung dafür, dass jeder Mensch nur in freiwilliger Entschlossenheit das Seinige tut, ist eine Gesellschaft, die keine Vorrechte durch Macht oder Eigentum kennt“ (S. 33, kursiv: J.S.).

Die Klarheit in seinem Text ist nicht zuletzt das, was ihren ansprechenden Stil erzeugt und ihren ermächtigenden und motivierenden Charakter hervorbringt. Dagegen ist nichts prinzipiell einzuwenden. Wie im Zitat deutlich wird, handelt sich Mühsam dadurch jedoch einige Widersprüche ein, die er mit tautologischen Beschreibung übertüncht. Er erklärt „Freiheit“ mit „Freiheit“ – und unterstellt damit, dass sowieso klar ist, was damit gemeint wäre. Das ist es aber nicht. Wir sollten uns darüber verständigen, was wir jeweils genauer unter „Freiheit“ verstehen, denn erst dadurch können wir tatsächlich die Bedingungen dafür herstellen und erkämpfen, dass alle Menschen ein Leben in Absicherung, Gemeinschaft und Selbstbestimmung leben können.

In dieser Besprechung von Erich Mühsams Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat habe ich dargestellt, warum ich diesen Text sehr lesenswert finde. Er beinhaltet wichtige Grundgedanken des Anarchismus insgesamt und eignet sich gut für Diskussionen, weil er in verschiedene Unterthemen aufgeteilt ist. Gleichzeitig habe ich verdeutlicht, warum Mühsams Handeln und Denken im Zusammenhang mit dem synthetischen Anarchismus verstanden werden kann. Er versuchte, verschiedene Gruppen und Menschen zusammen zu bringen, um über Grabenkämpfe, Meinungsverschiedenheiten und Wahrheitsansprüche hinaus, für eine gemeinsame Sache zu werben, nämlich für die soziale Revolution. Um diese anzustoßen und in einem emanzipatorischen Sinne voranzutreiben, braucht es ganz verschiedene Gruppen von Menschen. Aus antiautoritärer Perspektive können sich diese allerdings erst sinnvoll zusammenschließen und gemeinsame Grundlagen herausarbeiten, wenn sie ihre Differenzen beachten und in einen gemeinsamen Austausch treten. Um den Gehalt von Mühsams Schrift und des anarchistischen Denkens seiner Zeit herauszustellen und in die heutige Zeit zu übertragen, ist jedoch auch eine Kritik an bestimmten Grundannahmen darin erforderlich.

1 Ich verwendet hier die Version des Textes vom Karin Kramer Verlag (5. Auflage, Berlin 1988); verfügbar auf: https://anarchistischebibliothek.org/library/erich-muhsam-befreiung-der-gesellschaft-vom-staat;

Die angegebenen Seitenzahlen entsprechen den Seiten bei der Ausgabe des Dokuments als reines PDF.