Ein bulgarischer Anarchist erinnert sich an Repression

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Knast, Lager, Verbannung – ein wichtiges Zeitdokument

Aleksandar Nakoff: Knast, Lager, Verbannung. Ein bulgarischer Anarchist erinnert sich, Edition AV, Bodenburg 2021, 140 Seiten, 14,00 Euro, ISBN 978-3-86841-234-5

zuerst veröffentlicht in: GWR 462

Der Titel des bei Edition AV erschienenen Buches „Knast, Lager, Verbannung“ gibt wieder, worum es im autobiografischen Bericht des Anarchisten Aleksandar Nakoff zwölf Jahre lang geht: Um die brutale Unterdrückung der anarchistischen Bewegung, erst durch das monarchistisch-faschistische Regime und nach 1945 durch die Diktatur der Kommunistischen Partei Bulgariens. Die Erzählung ist der Lektüre wert, um den Lesenden in Erinnerung zu rufen, dass der Anarchismus in der Mitte des 20. Jahrhunderts systematisch und gewaltsam zerschlagen worden war. Und wie in einigen anderen Ländern auch war er in Bulgarien in dieser Zeit eine relevante, gut organisierte, emanzipatorische und sozial-revolutionäre Kraft. Konstantin Behrends, der Herausgeber und Übersetzer von Nakoffs Autobiografie (1), zeigt dabei ein feines Gespür für die jeweiligen historisch-gesellschaftlichen Kontexte, wenn er im Vorwort formuliert: „Die Feststellung Nakoffs, ‚[d]ie Kommunisten haben die Faschisten nicht besiegt, sondern abgelöst‘, wird in Deutschland aus guten Gründen schwer aufstoßen. Sie erinnert zu sehr an die Erzählung der zwei deutschen Diktaturen, die im hiesigen Kontext zum einen den Nationalsozialismus und die DDR gleichstellt und so die Verbrechen des Nationalsozialismus verharmlost und zum anderen der Legitimation unserer ‚freiheitlich-demokratischen Grundordnung‘ dient. Diese Äußerung Nakoffs ist jedoch im bulgarischen Kontext zu verstehen. Denn in Bulgarien hatte zunächst das zaristische Regime Bestand, d. h. im Unterschied zu Italien, Deutschland, Kroatien und kurzzeitig Rumänien sowie Ungarn hatte sich hier kein faschistisches System etabliert. Anschließend errichtete die BKP jedoch eine Diktatur, in der vor allem in den späten 1940er und 1950er Jahren ein politischer Terror ausgeübt wurde, der laut Berichten der ehemaligen Häftlinge der zaristischen Gefängnisse und kommunistischen KZ-Lager die Repression unter dem Zaren bei weitem übertraf“ (S. 9).

Im Jahr 2018 starb Nakoff mit 99 Jahren. Seit dem Systemumbruch 1989 hatte er sich am Wiederaufbau anarchistischer Strukturen, maßgeblich an der Föderation der Anarchisten in Bulgarien (FAB) (2) beteiligt und somit aktiv die wichtige Aufgabe des Wissenstransfers an jüngere politische Generationen übernommen. Wenn man die unmenschlichen Bedingungen, den Hunger, die Folter und Bestrafungen, Isolation und hygienischen Umstände bedenkt, von welchen Nakoff in Gefängnissen, bei einer Partisanen-Einheit, im Arbeits- und Straflager auf der Insel „Belene“ (3) und in der Verbannung berichtet, verwundert es, wie er dieses hohe Alter erreichen konnte. Abgesehen davon, dass er seit seiner frühen Jugend Anhänger der Abstinenzbewegung war, dem Straight Edge der ersten Jahrhunderthälfte. Es wirkt, als hätte der Anarchist ein so langes Leben gelebt, gerade um von den zahlreichen früh ermordeten, geflohenen und zerbrochenen Genoss*innen erzählen zu können. Dementsprechend zählt Nakoff an verschiedenen Stellen ausführlich alle Namen derjenigen auf, mit denen er in anarchistischen Gruppen verbunden oder denen er während der verschiedenen Phasen seiner Gefangenschaft begegnet war. In seinem ausgezeichneten Namensgedächtnis kommt Nakoffs Blick für den Wert jeder einzelnen Person zu Geltung, vor allem derjenigen, welche er zur Bewegung zählt. Darin zeigt sich auch sein Anliegen, Zeugnis von all diesen Menschen geben zu wollen. Um dem gerecht zu werden, damit niemand vergessen wird, so scheint es, listet Behrends die mehr als 200 genannten Namen eigens in einem angefügten Register auf.

Nakoff war mit 17 zur anarchistischen Bewegung gekommen, welche mit der beginnenden sozialen Revolution in Spanien zeitweilig einen enormen Aufschwung genommen hatte. Schnell und begeistert engagierte er sich darin und widmete ihr jede freie Minute. Und dies neben den verschiedenen Jobs, welchen er seit früher Kindheit nachgehen musste, um als Halbwaise und ältestes von vier Geschwistern seine Familie zu versorgen. Mit Anfang 20 galt er deswegen schon als alter Hase in der anarchistischen Bewegung. Während der Gefangenschaft unter dem Zarenregime im Zweiten Weltkrieg ab 1941 kam es zu zahlreichen Konflikten mit Anhänger*innen der Kommunistischen Partei, womit in Nakoffs Erzählung immer wieder deutlich wird, dass seinerzeit die Linien zwischen diesen Lagern sehr klar gezogen wurden. Dass seine einstigen Mitgefangenen ihn und mindestens 600 seiner Genoss*innen dann aber noch von 1948 bis 1953 im Arbeitslager internieren würden, nachdem sie 1944 kurzzeitig noch gemeinsam bei den makedonischen Partisanen gekämpft hatten, hätte er sich vermutlich dennoch nicht ausmalen können. Es ist gerade die merkwürdige Nüchternheit in den Schilderungen der Bedingungen in den verschiedenen Gefängnissen und dem Arbeitslager, die zwischen den Zeilen verdeutlichen, wie grausam jede Opposition und jeder Widerstand gegen die stalinistische Diktatur gebrochen wurde. Nach seiner Entlassung blieb er dennoch seinen Überzeugungen treu, lebte gezwungenermaßen in großer Armut und wurde 1974 noch einmal für drei Jahre in die Verbannung geschickt, weil er bei der Beerdigung eines Genossen an den Anarchismus erinnerte.

Neben Nakoffs Erinnerungen enthält der Band auch sechs Beiträge, die er für eine anarchistische Zeitschrift verfasst hatte und in denen er ebenfalls über seine Erfahrungen berichtet. Das Vorwort von Behrends ermöglicht zudem einen guten Einstieg in das Thema und verdeutlicht dessen eigenes Interesse an dem bulgarischen Anarchisten. Die Herausgabe von Nakoffs Erinnerungen ist daher ein wertvoller Beitrag für die Geschichte der anarchistischen Bewegung.

Jonathan Eibisch

(1) Nakoff veröffentlichte seine Erinnerungen 2009. Sie wurden 2016 ins Englische übersetzt und publiziert (http://www.blackcatpress.ca/Nakov.html)
(2) https://www.anarchy.bg
(3) Ilija Trojanow, der auch das Nachwort zum Buch beisteuerte, hatte 2007 eine Filmdokumentation mit ehemaligen Gefangenen und Regimegegner*innen beim ZDF erarbeitet (https://www.deutschlandfunk.de/ilija-trojanov-macht-und-widerstand.700.de.html?dram:article_id=337410). Dieses Thema verarbeitete er außerdem in seinem Roman „Macht und Widerstand“ von 2015 (Fischer-Verlag).