Drama vom pandemischen Ausnahmezustand

Lesedauer: 29 Minuten

VIERTER AKT

jemand fährt mit einem Einkaufswagen über die Bühne

die Krankenschwestern und -pfleger arbeiten am Bett im Hintergrund

ein Jogger joggt vorbei

die Bullen stehen argwöhnisch an einer Hausecke

Pakete werden geliefert und eine Person arbeitet im Homeoffice

Verschwörungstheoretiker*innen, Wutbürger*innen und Rechtspopulist wälzen sich, Schildern schwingend, als Demo auf die Bühne

Verschwörungstheoretiker*innen, Wutbürger*innen und Rechtspopulist [im rhythmischen Demo-Sprech]:Wirr ist das Volk! Wirr ist das Volk! Volksfahrräder, Volksfahrräder! Die da oben sind ganz woanders!

Ein*e: Unsere Grundrechte sind in Gefahr.

Ein*e Andere*r: Genau, unser Recht auf Widerstand.

Alle: Widerstand! Widerstand! Kein Verstand! Kein Verstand!

Alle [zugleich, wie Fußballrufe]: [langgezogen:] Influenza, Cholera [abgehakt:] Ebola! Ebola! Ebola!

Eine*r: Das Virus ist völlig ungefährlich, nichts mehr als eine Grippe.

Ein* Andere*r: Das Virus wurde gezüchtet, um die Menschheit bis auf 500 Millionen zu dezimieren.

Alle [durcheinander]: Widerstand! Volksfahrräder! Gegen Impfzwang!

Kanzlerin und Schelm treten auf einem Balkon auf, aristokratisch anmutend

Kanzlerin[zum Schelm]: Mais, c‘est une révolution?

Schelm [zu ihr]: Non madame, c‘est une pain-demi! [bricht ein Baguette in zwei]

Beide verlassen den Balkon

im Hintergrund fahren unauffällig Anarchie und einfältiger Junge langsam mit einem Ballon über die Bühne

Journalist*innen [sich duckend, zueinander in Richtung Volks-Mob]: Ein ziemlich gemischter Haufen hat sich da zusammengebraut. Aufklären und belehren oder todschweigen und Klatschundtratsch hinschmieren – was meinst du?

eilen weiter

Die Linken [schräg gegenüber dem Volks-Mob, mit Mundschutz]: Scheiße, da geht‘s wieder los. Wie 2014. Wehret den Anfängen! [bellend, wie „Hört, hört“]: Wehrt, wehrt!

Schelm [steht plötzlich auf anderer Seite Bühne; zu den Linken]: Wieso wieder? [rezitierend:] Welch Wahl der Wirrnis wieder wehren, wenn Wohl und Wahn die Wunden nähren. [zu allen rufend:] Das Lummerland ist abgebrannt, ihr Vögel!

Regierung und Virologen treten auf

Kanzlerin [zwischen den beiden Konservativen und zu den Virologen sprechend]: Wir müssen jetzt ein Lockerungskonzept präsentieren. Die Wirtschaftsverbände machen Druck und die da [Richtung Mob] lassen sich auch nicht ewig hinhalten. Die dort [zu Linken und grünlichen Bürger*innen] benehmen sich dagegen erstaunlich gut.

Konservativer Hardliner [knurrt]: Etwas zu gut für meinen Geschmack!

Ein Virologen: Nun sicher. Wie in der Politik, so in der Virologie. Sehen Sie: Aus unserer Sicht ist das alles nicht sauber. Denken Sie an die zweiten Welle! Kein Spaß. Ja, die genauen Zahlen haben wir noch nicht. Trotzdem ist die Gefahr nicht gebannt. Impfstoff und Massentests – solange das nicht auf dem Tisch ist, würde ich den nicht ohne Handschuhe anfassen.

Kanzlerin [zum Virologen, leicht erbost]: Statistiken, Lageeinschätzungen, Zahlen, Prognosen – wir wissen, dass Fakten immer Interpretationssache sind. Wir haben dich ins Zentrum der Macht gerufen, Drossel, jetzt sollst du auch Wahrheit liefern. So war der Deal!

Regierung tritt vor die Journalist*innen zur Pressekonferenz

Kanzlerin: Deutschland hat gezeigt, dass wir auch diese unbekannte Gefahr durch kluge Maßnahmen und Ihr aller Mitwirken gebannt haben. Darauf können wir stolz sein. So wie wir unsere Vergangenheit aufgearbeitet haben, gehen wir auch gestärkt in die Zukunft. Die Nationen der Weltgemeinschaft schauen mit Respekt auf uns, weil sie eingestehen: Die Bundesrepublik ist der Krise Herr geworden. Demnach kann ich durchaus sagen: Auch in Bekämpfung dieser unsichtbaren, unbekannten Gefahr erweisen wir uns als Pandemie-Weltmeister.

Konservativer Hardliner, gemäßigter Konservativer, grünliche Bürger*innen und Parteilinke und einige andere applaudieren

Schelm [auf die Fußballmelodie „Finale“]: Corona -ohoho, Corona -ohoho.

Kanzlerin: Und dennoch, dennoch sind wir nicht gefeit vor dem Ausbruch der zweiten Welle. Wir leben in einem fragilen Zustand. Aus diesem Grund werden wir die Lockerungsmaßnahmen jedoch nur mit Abstand, Anstand und Augenmaß umsetzen können. Bitte schließen sie jetzt die Augen.

Einige schließen die Augen, meditative Musik wird eingespielt

Kanzlerin: Sie sehen einen Eisberg vor sich. Spüren sie die klare, reine Luft, die sie umgibt? Haben sie sich ordentlichen die Hände gewaschen? An der Seite ihres sanft schaukelnden Boots sehen sie eine schneebedeckte Eisscholle. Auf der Eisscholle befinden sich Eisbären. Und Pinguine. Und eine Kühltruhe. Haben sie auch die Abstandsregeln befolgt? Diese stille, friedliche Weite. Sind sie auch fleißig zur Arbeit gegangen? Und die Sonne strahlt in einem wunderbaren Licht. Fühlen Sie, wie die Lichtstrahlen ihre Haut wärmen? Fast so, als würde sie der liebste Mensch in ihrem Leben berühren. Und nun auf, auf, marsch, marsch, meine lieben Kinder. Dreißig Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung kann ich da nur sagen: Vertraut den neuen Wegen und wandert durch die Zeit! Doch dabei bleiben wir:

[plötzlich alle Meditierenden, schläfrig, aber mechanisch:] Hashtag „gemeinsam distanziert!“

Der Ballon mit Anarchie und einfältigem Jungen fährt ganz langsam im Vordergrund über die Bühne. Beide beobachten das Bühnenbild. Sie wirken verliebt und verträumt.

einfältiger Junge: Da unten sind sie. Die da alle. Ich versteh das alles nicht. Wovor gruselt es sie? Beziehungsweise, wieso gruselt es sie noch mehr, als vor dem da allem? Beziehungsweise, warum?

Anarchie: Ja, das stimmt. Von hier aus sieht das ganze Spektakel wirklich schauderhaft aus. Aber du, wir gehören dazu und nicht in die Wolken. Es ist Zeit für uns. Wir müssen langsam zurück.

etwas surrt schnell vorbei

einfältiger Junge: Das war aber ein komischer Vogel. Gerade jetzt, wo die doch alle aussterben…

Anarchie: Ich glaub, das war eher eine Drohne…

Gedankenpause

einfältiger Junge [sinnierend]: Du, ich frag mich, ob die Linken nicht doch zum Mob hingehen sollten vielleicht? Also nicht sich einreihen, nein, das nicht. Aber um diejenigen raus zu ziehen, mit denen vielleicht was anzufangen ist. Und sie mitzunehmen und mit ihnen was zu machen. Aber was sollen sie machen? Wohin wollen sie denn reisen, wenn sie nicht vor und nicht zurück wollen und ihre Landkarten verloren haben?

Anarchie: Darauf kann ich dir keine Antwort geben. Ich hab die Lösung nicht parat. Aber lass uns hingehen und es raus finden! Denn wir bewegen uns. Mit sozialer Distanz zur Herrschaft.

Die beiden landen den Ballon auf einem Hügel und gehen ihn langsam hinunter. Dann bleibt der Junge stehen. Die Anarchie dreht sich um und schaut ihn an.

einfältiger Junge: Du, es ist so schön mit dir. Seitdem du mich berührt hast. Und du hast gesagt, dass du meine Einfältigkeit magst. Ich hab dich auf der Schaukel angeschoben, in dieser Sommernacht. Und ich hab mein Gefühl fühlen können und fühl es immer, wenn ich bei dir bin.

Anarchie: Ja, du. Das fand ich auch besonders. Doch jetzt muss ich weitergehen. Zu denen da. Hier runter. Auch wenn ich mich etwas fürchte, will ich doch gehen. Ich möchte ihnen mein Stück der Landkarte geben. Wer weiß, vielleicht hat ja noch jemand ein anderes.

einfältiger Junge[erbost]: Wieso willst du jetzt zu denen dort runter?

Anarchie: Weil ich mich dafür entschieden habe!

einfältiger Junge [wütend]:Die sind alle verwirrt und vervirt und verseucht! Böse und gefährlich sind die. Was willst du da, bei denen? Ich ertrage sie nicht. Sie ekeln mich an.

Anarchie [sanft und bestimmt zugleich]: Dann bleib hier. Aber ich gehe zu ihnen. Wir können nicht hier zu zweit bleiben. Ich werde zu denen gehen, auch wenn ich Angst habe.

einfältiger Junge [schluchzt wütend]: Warum gehst du weg? Warum gehst du zu denen? Das Träumen mit dir. Mit dir sein – so schmeckt Freiheit. Bleib hier bei mir. Ich ertrage das nicht! [wimmernd]: Nicht allein.

Junge sackt in sich zusammen. Anarchie wendet sich ihm ganz zu, umarmt ihn und streichelt seinen Kopf.

Anarchie: Ach du. Das ist‘s also, wovor du dich gruselst? Ist es das, wovor du dich fürchtest? Dass ich von dir gehe? Dass ich dich verlasse?

einfältiger Junge [heult herzzerreißend]: Ja! Ja, das ist es. Mich gruselt‘s so! Ich fürchte mich sooo! So schrecklich fühlt sich das an, ich ertrag es nicht! Geh nicht fort von mir!

Anarchie [tröstend und liebevoll]: Ja, aber du gruselst dich, du fürchtest dich! Wie wunderbar, wie schön das ist! Das was du immer wolltest.

einfältiger Junge [plötzlich schluchtzend und lachend zugleich]: Ja, ja, ich grusel mich, ich fürchte mich! [euphorisch und erfreut feststellend]: Ich grusel mich, ich fürchte mich! [Anarchie begeistert in die Augen schauend]: Ich grusel mich, ich fürchte mich! [springt auf, ruft laut verkündend]: Ich grusel mich, ich fürchte mich!

Anarchie: Du gruselst dich und fürchtest dich!

einfältiger Junge: Ich grusel mich und fürchte mich! … Und vor denen da, denen allen [zeigt den Hügel hinunter auf die Szenerie] vor denen gruselt es mich. Vor denen fürchte ich mich.

Anarchie [lacht ihn an]: Ja, vor denen gruselt es mich auch. Und vor denen hab ich Angst.

Einfältiger Junge springt, tanzt und lacht. Dann wird er ruhiger. Er atmet laut und langsamer werdend. Dann schaut er Anarchie an.

einfältiger Junge [stiller, etwas manisch und verschworen klingend]: Lass uns da runter gehen!

Anarchie: Zu denen da hin?

einfältiger Junge: Ja genau.

Anarchie: Ich fürchte mich.

einfältiger Junge[immer noch etwas verschworen und begeistert klingend]: Die gruseln mich.

Anarchie: Okay. Drei, zwei, eins, looos!

Beide rennen lachend den Hügel hinunter

Pfarrer [plötzlich aufgetaucht, salbungsvoll, im Vordergrund]: Selig sind die, die ihre Furcht kennen. Denn sie können ihr in die Augen schauen und ihr trotzen. Und sie werden sein, wie die Olivenbäume an den Hängen des Jordan – stark verwurzelt und sich aus kargem Boden vom Wasser nährend.

Schelm: Ja, ja, oder sie werden abgehackt und ins Feuer geworfen, je nach Interpretation eben. [direkt zum Pfarrer]: Bist du immer noch da, du Kasper! Wolltest du nicht abtreten?

Pfarrer [peinlich ertappt]: Oh ja. Verzeihung!

alle ab