Drama vom pandemischen Ausnahmezustand

Lesedauer: 29 Minuten

DRITTER AKT

Erzählstimme: Also schien es, dass fast alle verängstigt waren und sich zurückzogen – die einen mehr, die anderen weniger. Und dies war nur verständlich, denn wer keinerlei Furcht verspürte, war wohl ebenfalls nicht richtig dicht. Auch war es so, dass einige Leute an der Krankheit starben. Überdies aber schien alles unklar zu bleiben…

Krankenschwester oder -pfleger rennen mit Blaulicht über die Bühne und arbeiten dann hektisch an einem Krankenbett.

Die Polizisten bewachen misstrauisch eine Straßenecke. Einer von ihnen übt eine Drohne zu fliegen.

Einzeln huschen Personen mit Einkäufen über die Bühne. Sie haben Mundschutz an.

Die anderen arbeiten oder sind isoliert voneinander zu Hause.

Eine Person arbeitet im Homeoffice, eine andere säuft. Ein Mann schreit zu Hause eine Frau an.

Linksradikaler sprüht den Spruch „Die Seuche heißt Kapitalismus“ an eine Wand

Grünlicher Bürger [vor dem Rechner mit Headset in der Videokonferenz, zum Computer]: Ja. Die Situation ist für uns alle neu. Wir werden da einige Umstrukturierungen vornehmen müssen. Meine Fresse, wozu haben wir denn jahrelang Flexibilität und Selbstmanagement geübt, wenn ihr das jetzt nicht alleine auf die Reihe kriegt?

Arbeitende beim Paketzustelldienst schaut irritiert zu ihr rüber

Bewegungslinke [vor dem Rechner mit Headset in der Videokonferenz, zum Computer]: Genau. Deswegen müssen wir jetzt auf die Situation der Arbeitenden im Gesundheitssektor hinweisen und fordern, dass Care-Arbeiten endlich besser bezahlt und die Tätigkeiten in diesen Bereichen gewertschätzt werden.

Krankenpfleger schaut kurz zu ihr rüber und kratzt sich am Kopf.

Verschwörungstheoretiker*innen, Wutbürger*innen [vorm Rechner, spricht laut seinen Forums- oder youtube-Kommentar]: Kann das alles gar nicht glauben. Von wegen „wissenschaftlich“… lol.. Die sollten auch mal die Meinungen der unterdrückten Experten zu Wort kommen lassen. Wer weiß, wer das Virus in die Welt gesetzt hat. Wobei, ich hätte da schon eine Ahnung… In Russland gibt es ne Woche Ferien und hier drehen alle total durch. Aber gut, zumindest gibt es hier einige Leute mit einer differenzierten kritischen Meinung.

Journalist*innen [im Reportagenstil]: „Total verrückt, wie sich die Leute verhalten. Klopapier und Nudeln sind ausverkauft – wie lange kann das gut gehen?“ „Wird es Ende des Jahres einen Anstieg der Geburtenrate geben?“ „Was waren die Ursachen für die rasche Verbreitung des Virus?“, „Welche Online-Streaming-Dienste sind derzeit gefragt“, „Wie erlebt ein Promi die Zeit in der Quarantäne“, „Wie Ihre Kinder die Zeit zu Hause sinnvoll nutzen können“.

Regierung tritt mit Virologen auf

Kanzlerin: Liebe Bürgerinnen und Bürger, ja, die Zeiten sind für uns alle schwierig. Doch durch unsere Maßnahmen und Ihr aller Mitwirken konnten wir die Verbreitung des Virus bereits deutlich eindämmen. Eine Situation wie in Italien, Spanien, Großbritannien, Brasilien oder den USA bleibt uns damit hoffentlich erspart. Ich betone es aber noch einmal ausdrücklich: Die Gefahr ist nicht gebannt. Wir müssen jetzt alle zusammen halten und die Anordnungen verfolgen. Ich danke Ihnen und ich danke allen, die in den Krankenhäusern für unser Wohl aufopfern. Gemeinsam werden wir auch diese schwere Prüfung bewältigen.

Tritt etwas zurück

[zu den Virologen]: Und, wie war ich?

Virologen [zu ihr]: Auch wenn sich die Lage durchaus komplexer und widersprüchlicher darstellt, ist dies alles, was Sie in der derzeitigen Situation kommunizieren konnten.

Konservativer Hardliner: Das denke ich auch. Wir müssen signalisieren, dass wir die Lage unter Kontrolle haben. Auch prophylaktisch hilft da nur die gute alte Holzhammermethode, ich nenne sie mal „the hammer“. Ich bitte euch, dass bewegt sich doch alles in geordneten Bahnen. Denn immerhin wollt ihr wohl auch nicht, dass wir „auftrumpfen“ müssen.

schwenkt deutlich sichtbar eine überdimensional große Spielkarte, auf der ein Panzer abgebildet ist.

Gemäßigter Konservativer: Nun Moment mal. Wir müssen da schon etwas stärker abwägen. Ich habe zuletzt ausführlich mit den Wirtschaftsverbänden konferiert, die durchaus nicht erfreut über die aktuelle Lage sind. Ja, niemand möchte hier italienische oder britische Verhältnisse. Und dennoch muss es doch möglich sein, die Arbeit wieder aufzunehmen. Dafür aber brauchen wir die Schulen und die Kitas. Ihr wisst, was ich meine: Wir brauchen den Ausstiegsplan oder müssen zumindest kommunizieren, dass wir an ihm arbeiten.

Kanzlerin [leicht erbost]: Wenn ich sage, die Lage ist unklar, dann meine ich damit, dass die Lage unklar ist. Das ist das gleiche wie: Die Lage ist unklar. Ihr Kleingläubigen, wir kriegen das Kind schon geschaukelt und wollen es mal nicht mit dem Desinfektionsbade ausschütten, wenn ihr versteht, was ich meine. Der Laden wird Schritt für Schritt wieder anlaufen, nach klaren Einschätzungen von unseren – äh – technokratischen Beraterinnen und Beratern. Und damit Basta.

Journalist*innen [zuvor mitlauschend]: In der Regierung scheinen sich teilweise widerstreitende Interessen abzubilden. Was den einen als klare Führung erscheint, wirkt auf die anderen, wie eine Übertünchung der eigenen Ratlosigkeit. Wie geht es weiter damit? Wie lange sollen die Grundrechtseinschränkungen aufrecht erhalten bleiben? Wann läuft die Wirtschaft wieder stufenweise an? Es bleibt spannend in Pandémien.

Chor [singend]: Diese Zeiten, schwer wie blei. Ohne Internet wär‘n wir Brei. Lasst uns diese Zeit durchstehen und die Mühle weiterdrehen.

Die Bullen halten im Hintergrund eine Person auf, nehmen ihre Daten auf.

Einfältiger Junge [zu sich selbst]: So spannend finde ich das eigentlich alles nicht. Nein wirklich, mir scheint, es wäre alles wie immer. Nur eben schnell. Aber auch langsamer. Ja stimmt, das ist komisch. Die Zeit vergeht so anders, seitdem das ganze Spektakel angefangen hat. Welcher Wochentag ist heute? Ich glaube April, aber ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es schlimmer kommen könnte. Schlimm, wenn es Menschen schlecht geht. Zumindest scheint es vielen nicht gut zu gehen mit der Angst. Und doch… sie haben wenigsten welche. Sie können sich fürchten und sind erregt. Doch ich, ich bin verbunden und allein wie zuvor. Und du, wer bist du eigentlich?

Anarchie: Es freut mich, dass du fragst. Ich bin die Anarchie.

Einfältiger Junge: Ah ha. Hallo. Seit wann bist du denn hier? Und wo ist eigentlich der Schelm?

Anarchie: Der hat sich aus diesem Akt verabschiedet. Meinte, es ginge ihm nicht so gut, draußen unter anderen Leuten zu sein. Ich bin schon lang hier, mindestens eine ganze Weile. Länger aber, als du.

Einfältiger Junge: Ich habe dich erst gar nicht bemerkt. Du hast gar nicht viel gesagt bisher.

Anarchie: Das liegt daran, dass die Leute ohnehin nicht auf mich hören, in ihrer Verwirrung. Wer kann‘s ihnen verübeln. Ich möchte auch nicht irgendwelche „Lösungen“ anpreisen. Noch bin ich lediglich an Kritik interessiert. Doch die Regierung mag ich nicht. Und auch nicht ihre Polizei.

Einfältiger Junge: Ich weiß nicht, ob ich die Regierung mag oder nicht. Sie ist mir größtenteils recht egal. Doch du bist mir sympathisch, ohne deine Lösungen und die Hektik der anderen. Hast du etwa auch keine Gefühle und kannst dich nicht fürchten?

Anarchie: Oh doch. Ich habe sogar sehr viele Gefühle. Ich seh‘ das Leid der Armen und Schwachen, welches in diesem Stück gar nicht vorkommt. Es macht mich traurig, dass die Menschen in ihrer zwangsberuhigten Raserei nicht über den Moment hinaus gelangen können. Schließlich würde es mich entzücken, wenn sie nicht danach trachten würden, zur alten zerstörerischen Normalität zurückzukehren, sondern sich vom Wagnis des Neuen verführen lassen. Schau her, ich hab ein Stück einer Landkarte gefunden. [zeigt das Papierstück] Da ist ein Weg darauf. Wo der wohl hinführt?

Einfältiger JungeAch so? Na mich wirst du nicht verführen können. Ich glaube an nichts. Aber ich fürchte auch nichts. Vielleicht würde ich glauben, wenn ich mich fürchten würde.

Anarchie: Ja, das mag sein. Doch bist du schon mal ausgezogen, um die Welt zu entdecken? Hast du gelebt und dich vielfach erfahren? Hast du dich entfaltet und etwas geschaffen?

Einfältiger Junge: Selbstverständlich hab ich das. Ich hab alles gemacht, was man heute tun kann und soll. In Indien war ich, in Lateinamerika und in den Staaten. Gelernt und studiert habe ich, Drogen genommen, Parties durchtanzt und wilden Sex gehabt. Ich hab ein Gewerbe gehabt und war reich, dann hab ich alles verloren, doch so ist das Leben. Und verrückte Dinge habe ich gegessen und famose Kleider getragen, alle möglichen Sportarten betrieben und meinen individuellen Style gesucht und gewandelt. Ich habe mal Bungee-Jumping gemacht und in einer Band gespielt. Und Menschen kannte ich unzählige, die kamen und gingen, so viele in meinem mittelalten, mitteljungen, relativ privilegierten, relativ prekären Leben…

Anarchie: Das klingt beachtlich. Ich denke, du hast das Leben gekostet, sonst hättest du ja Angst vorm Tod. Auch deine Einfältigkeit finde ich schön. Die meisten mit denen ich zu tun habe, sind da oft eher sehr kopflastig und haben mit sich und der Welt zu tun. Das ist auch verständlich. Und ich mag sie, weil sie sensibel sind. Du aber scheinst mir eher so gerade raus zu sein, dich eher zu wundern was geschieht.

Einfältiger Junge: Ja. Wundern tu ich mich. Aber eben nicht fürchten. Ich könnt‘ mit Schädeln kegeln oder mit Leichen kuscheln oder mit Geistern oder Zombies schwafeln. Doch was soll der Unsinn? Es wäre auch arg unhygienisch. Ich denk mir einfach: Die Dinge geschehen halt so, doch was hab ich für einen Einfluss darauf?

Anarchie: So ist es aber vielleicht das? Hast du vielleicht Angst davor, dass dem nicht so sein könnte? Fürchtest du dich vielleicht, dich berühren zu lassen von dem Gedanken, dem Gefühl, dass es anders sein könnte? Und das du Teil des Anderen sein könntest?

Anarchie berührt den einfältigen Jungen sehr zärtlich, der schreckt leicht, aber nicht panisch, zurück und lässt dies mit sich geschehen. Die beiden schauen sich tief in die Augen.

einfältiger Junge: Oh das fühlt sich seltsam an. Wer bist du? Was machst du, dass du so stark wirkst auf mich? Das kenne ich nicht. Oder kenn ich‘s doch aus fernen Tagen? Du bist ganz anders und eigenartig. Doch bist du das? Oder bin ich das?

Anarchie[lacht leise]: Keine Angst, deine Gedanken und Gefühle gehören zu dir. Du bist vielleicht einfältig, aber nicht so eindimensional, wie ich erst dachte. Komm mit, lass uns der Welt begegnen.

Anarchie nimmt einfältigen Jungen zart am Handgelenk, der steht auf, schaut sich verwundert um. Beide gehen langsam los.

grünliche Bürger*in [von der Seite her rufend]: Hey, ihr da! Im selben Haushalt wohnt ihr wohl nicht, oder?! Und: Mundschutz tragen! Asoziales Pakt.

alle ab