Die politische Leerstelle des libertären Sozialismus füllen

Lesedauer: 3 Minuten

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blaettle.ch

In der ersten Jahreshälfte erschien in der Reihe theorie.org ein Einführungsbuch zum Rätekommunismus des Journalisten Felix Klopotek. Der Autor macht durch seine umfangreiche und zugleich präzise Darstellung deutlich, dass er einer der besten zeitgenössischen Kenner der rätekommunistischen Strömung ist. Im Folgenden möchte ich lediglich einige persönliche und spontane Gedanken zum Gegenstand äussern, da die Besprechung wenig zum Inhalt des gelungenen Buches selbst beizutragen hat.

Die rätekommunistischen Ideen finden immer wieder Anklang bei klugen, sozial-revolutionär gesinnten Menschen, die sich auf das marxistische Denken als einer „Kritik im Handgemenge“ beziehen und es praktisch anwenden wollen. Insofern besteht eine starke Parallele zum anarchistischen Syndikalismus. Daher ist es kein Zufall, dass sich beide Strömungen in für den deutschsprachigen Raum so wichtigen Ereignissen wie dem Ruhraufstand, der sich im März 1920 gegen den Kapp-Putsch richtete, wie auch in den Märzkämpfen in Mitteldeutschland 1921 und in der KAPD trafen.

Diese Abspaltung der KPD übertraf diese 1921 an Mitgliedern, spaltete sich dann bis Mitte der 1920er Jahre immer weiter auf. Mit ihr ging der Rätekommunismus als organisierte sozial-revolutionäre Strömung zugrunde. Dennoch wurden Elemente von ihm, wie etwa den Fokus auf organisierten und aktivierten Arbeiter*innen als handelnden Subjekten der Geschichte, von anderen Strömungen wie dem Operaismus übernommen.

Der Unterschied zum Anarch@-Syndikalismus bestand freilich darin, dass mit der Form der Räte-Strukturen (wie sie erstmalig in der russischen Revolution von 1905 entwickelt wurden), ein Modell bestand, welches über den unpräzisen Bezugspunkt der Kommune, eine zeitgemässe politische Organisation der Gesellschaft vorstellbar machte. Über die kleinen Kreise von anarch@-kommunistischen Gruppierungen, wie etwa die Föderation Kommunistischer Anarchisten Deutschlands (FKAD), hinaus wurden somit einige Jahre lang Konzepte für ein libertärer-sozialistisches Gesellschaftsmodell verbreitet und diskutiert.

Der Anarchismus formierte sich als sozialistische Strömung nicht etwa in unbegründeter, prinzipieller Ablehnung des Staates, sondern aufgrund einer bestimmten Kritik an der Politik, der Vorstellung von Gesellschaftstransformation und dem Festhalten an den Organisationsprinzipien von Autonomie, Föderalismus, Dezentralität, Freiwilligkeit und Horizontalität.

Weiterhin wird mit ihm die ethische Dimension des Sozialismus, der Wert der Individualität betont und die Ansicht vertreten, dass Staat und Kapitalismus (und daran anschliessend weitere Herrschaftsverhältnisse) unmittelbar miteinander verknüpft sind und parallel zueinander abzuschaffen sind. Die Abwendung vom (verstaatlichten) politischen Terrain, wird zugunsten anderer Bezugspunkte möglich, namentlich des Individuums, des Sozialen, der Gesellschaft, der Ökonomie und der Gemeinschaft.

Auch wenn es dafür aus sozial-revolutionärer Sicht plausible Gründe gibt, entsteht damit eine Leerstelle in Bezug auf Politik. Wenn diese vernachlässigt oder regelrecht ignoriert wird, ändert sich erstens nichts am Herrschaftscharakter von Politik, tendieren anarchistische Praktiken, Aktions- und Organisationsformen zweitens zu Selbstzwecken. Drittens lässt dadurch keine glaubwürdige und überzeugende Vision für ein alternatives Gesellschaftsmodell entwickeln.

Mit dieser ist freilich kein fertiger utopischer Plan gemeint, den es zu erfüllen gälte, sondern eine vermittelbare Konzeption, wie sich Menschen unter gegenwärtigen Bedingungen organisieren und wie sie handeln können, um die Grundlagen ihres Zusammenlebens zu verändern. Dazu also dient die Räteidee, welche analog zu den Syndikaten, gleichzeitig als Kampforganisationen und Keimzellen der libertär-sozialistischen Gesellschaft verstanden werden können. Räte bewegen sich dabei allerdings wie alle ernsthaften Versuche, Parallelorganisationen zu schaffen, im Widerspruch in-gegen-und-jenseits des politischen Feldes zu handeln.

Sich vorhandener politischer Strukturen, Handlungs- und Denkweisen zu bedienen um sie gleichzeitig zu transformieren und sie in andere Formen zu überführen, ist die hochgradig komplexe und widersprüchliche Aufgabe, welche die soziale von der politischen Revolution unterscheidet. Denn die neuen Formen können nun einmal nicht vorab ausgemalt, sondern nur angedeutet werden, während es zugleich konkrete Beispiele braucht, wie sie funktionieren, damit sich Menschen von ihnen überzeugen lassen. Anhänger*innen des Rätekommunismus machen es sich nicht einfach, wenn sie sich dieser Herausforderungen theoretisch und praktisch stellen und in Widersprüchen handeln, ohne diese lediglich zu reflektieren.

In seinem Einführungsband verweigert sich Klopotek jedenfalls konsequent einem Trend der Zeit. Und zwar jenem, zeitgenössische Ereignisse wie etwa die Platzbesetzungsbewegungen ab 2011 oder den sogenannten Arabischen Frühling ab 2013 als Aufhänger für die Darstellung der Relevanz rätekommunistischer Ideen zu nehmen. Darüber hinaus gibt der Autor für die Laien auch keine Handreichung, wie die rätekommunistischen Gedanken unter gegenwärtigen Bedingungen weiterzudenken wären. Im Sinne einer getreuen Abbildung der Geschichte und der Betonung von historischem Bewusstsein ist dies verständlich und gut.

Dennoch halte ich es für sinnvoll, diese Anknüpfungspunkte zu suchen und herzustellen, denn immerhin werden rätekommunistische Überlegungen nicht nur als „Ideen“, sondern verbunden mit bestimmten Praktiken gelebt und weitergegeben. Klopotek hingegen erwartet, dass Interessierte sich auf Geschichte und Theorie des Rätekommunismus tiefer gehend einlassen, statt oberflächliche Gedanken zu ihm zu reproduzieren. Wer an den darauf aufbauenden Überlegungen folgen und der daraus hervorgehenden Perspektive interessiert ist, kann vom Autor beispielsweise in der konkret lesen.

Jonathan Eibisch