Das linke Ghetto aus Perspektive eines Schelmes

Lesedauer: 4 Minuten

Erinnerung an Die Glücklichen (Peter-Paul Zahl, Rotbuch-Verlag 1979)

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #105, November 2019

von: Mona Alona

Ein Knastbuch. Wiedermal. 40 Jahre nach seiner Ersterscheinung habe ich Lust an den Schelmenroman Die Glücklichen des anarchistischen Literaten, Druckers und Aktivisten Peter-Paul Zahl zu erinnern, dass er zwischen 1973 und 1979 während seiner zehnjährigen Haft schrieb. Für die Älteren mag es eine Erinnerung sein, bei den Jüngeren weiß ich nicht, ob jemand den Autoren noch kennt, der wegen seiner Antirepressionsarbeit in der Zeit der RAF abtauchte und dann unabsichtlich in einen Schusswechsel mit den Bullen geriet. Zum Leben von Zahl kann an anderer Stelle geschrieben oder nachgelesen werden. Für seinen überaus populären Roman Die Glücklichen ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung, dass er zwischen 1966 und 1972 in West-Berlin lebte und dort die heiße Phase der 68er-Bewegung mitnahm.

Es war noch vor der Zeit der Hausbesetzungen und Anti-AKW-Bewegung. Stattdessen kamen Kommunen, Kollektivbetriebe und die zweite Frauenbewegung auf. Damals wie heute war die Spekulation um Immobilien und auch die Verdrängung alteingesessener Bewohner*innen von Kreuzberg ein großes Thema. Zwischen einem liebevoll-ironischen und bissig-bösen, jedoch stets rhetorisch gutem Stil, schildert Zahl die Lebenswelt in der linksradikalen Szene, welche er als „linkes Ghetto“ bezeichnet und damit schon ausdrückt, dass es sich in den gegenkulturellen Parallelwelten sehr gut um sich selbst kreisen lässt.

Peter-Paul Zahl führt die*den Leser*in durch diese Welt von Immobilienspekulation, linker Subkultur, ihren Grabenkämpfen, Demonstrationen, Treffpunkten, Lebensstilen der späten Sechziger Jahre anhand des Protagonisten Jörg, dem jüngsten dreier Brüder aus der Genoven-Familie Hemmers, deren selbständige Mama das kleinkriminelle Familienunternehmen leitet. Sicherlich wählte der Autor seine Anti-Held*innen aufgrund ihres alltäglich-subversiven Charmes, mit dem sie sich gegen kapitalistische und staatliche Zumutungen wehren, ebenso jedoch wohl, weil die revolutionären Subjekte nicht mehr die klassischen Industrieproletarier*innen sind – und es wohl auch nur zum Teil waren. Dafür spricht auch die Figur von Ilona, die sich als Prostituierte ihre Drogenabhängigkeit finanziert, als sie Jörn trifft, jedoch beides für eine Beziehung mit ihm aufgibt und im Verlauf der Geschichte auch ein Kind mit ihm hat. Jedenfalls beschreibt Zahl das proletarische Kreuzberger Milieu – nicht ohne jede Romantisierung – als eine widerständige und lebendige Gemeinschaft, in der es zusammenzuhalten gilt, wozu entgegen den gängigen Vorstellungen auch ein alter Pastor beiträgt.

Die Glücklichen ist ein Zeitdokument und eine Milieustudie, eine Geschichte von unten über linke Bewegungen aus der Sicht eines Anarchisten, eine Liebesgeschichte, eine Feier subversiver Lebensstile als Rache des Eingeknasteten und schließlich eine Abrechnung mit den Irrwegen, die manche Tendenzen in der politischen und alternativen Szene genommen haben. Letzteres macht den Schelmenroman zu etwas Besonderem. Peter-Paul Zahl rechnet mit seinen Zeit-Genoss*innen auf eine ironische Weise ab und hält ihnen – wie der Schelm eben – einen Spiegel vor, um ihre Denkweisen und Handlungen in Frage zu stellen. Bei allem, was ihn ankotzt, setzt er sich (im Roman) jedoch dennoch mit der Szene weiter auseinander, anstatt sich etwa in die Rolle eines besserwisserischen Theoretikers oder hartherzigen Dogmatikers zu begeben, denn er weiß, dass er selbst Teil seiner Zeit und seines Milieus ist. Aus dieser besonderen Position heraus schildert der Autor aus einer Insiderperspektive zum Beispiel den grauenhaft stumpfsinnigen Alltag der Fabrikarbeit, angeblich freie Kommunen, in denen tatsächlich krasse patriarchale Strukturen bestehen, eine Demonstration gegen das iranische Schah-Regime, bei der K-Gruppen eine lächerliche Show abziehen, während Militante sich in ernsthafte Auseinandersetzungen verwickeln, Diskussionen über Militanz in vertrautem Kreis, wie eine verschworene Gruppe, amerikanischen Soldaten die Desertion ermöglicht, ein unangemeldetes Straßenfest und wie Rache an einem Spekulanten genommen wird.

Ob Szene-Jargon, dreckiger Berliner Dialekt, pittoresk verpackter Schelmensprech oder poetische Formulierungen – Zahl findet für die verschiedenen Ebenen, auf denen er sich bewegt eine angemessene und brillant formulierte Sprache. Hinzu kommt, dass jedes Kapitel anders gestaltet ist. Bei Die Glücklichen handelt es sich um einen meiner absoluten Lieblingsromane, weil er so unglaublich gut formuliert ist, ein seltenes Zeitzeugnis darstellt und die geschilderte besondere Perspektive des Schelmes einnimmt. Eine solche Haltung würde ich mir von Menschen aus meinem eigenen Umfeld in meiner Zeit gelegentlich ebenso wünschen, denn sie stellt meiner Ansicht nach den Versuch dar, emanzipatorisch mit den eigenen (gesellschaftlichen) Schwierigkeiten, Ansprüchen und Sehnsüchten umzugehen. Tatsächlich ist es schwierig, sie weder stillschweigend aufzugeben und sich anzupassen, noch sich krampfhaft von ihnen loszureißen und mit den eigenen Zweifeln und Unzufriedenheiten die in radikalen politischen Szenen immer wieder entstehen können, einen Selbsthass zu entwickeln und diesen auf andere zu projizieren.

Möglicherweise wählte Peter-Paul Zahl auch deswegen seinen Buchtitel. Bei aller gewollten Romantisierung, geht es ihm denke ich nicht darum, etwa den subversiven Lebensstil der Kleinkriminellen zu idealisieren, auch wenn er sie sicherlich aufwertet, um ein Gegenbild zu den marxistischen Betonkopf-Kommunist*innen zu entwerfen. Trotz der teilweise ironischen Haltung, geht es ihm meiner Ansicht nach darum, einen selbstkritischen Blick auf das eigene Denken, Handeln und Leben zu werfen, eben weil unsere sozial-revolutionären Ansprüche richtig sind und ernst gemeint sein sollen. Vielmehr geht es um die Widerständigkeit, dass alltägliche Rebellentum und die solidarische Gemeinschaft, die sich wehrt und in der ganz unterschiedliche Leute versuchen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen – und dieses auch anderen zu ermöglichen. Darin besteht das Glück. Und nicht im Lohnarbeiten, Anpassen, Reinfügen, Konsumieren und Fresse halten.