„Alles gut!“ – „Sag mal geht’s noch, du Alles-Gut-Mensch?“

Lesedauer: 8 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #81 / Sept. 2017

Irmgard die beleidigte Anarchakonservative

Mensch, was brocke ich mir jetzt wieder ein, wenn ich schon zu Beginn des Artikels befürchten muss, manche*n in ihrer*seiner Empfindung, ihrer*seinem Sicherheitsgefühlen – ungewollt! – anzugreifen, in unser Weltbild reinzugrätschen und damit auch ganz mich selbst in Frage zu stellen. Verdammter Regentag, da kann ja nun nichts werden! Selbstzweifel nagen an mir, nagen an dir, die wir beide dann gewohnt sind, sie in Selbstkritik umzudeuten, welcher wir ja doch noch was Positives abgewinnen könnten. Aber darin liegt schon ein grundlegendes Missverständnis: Denn Kritik muss und braucht nicht „konstruktiv“ sein. Deswegen muss unsere Hoffnung dahingehend von vorne herein enttäuscht werden. Immerhin: So eine Ent-täuschung bringt dann vielleicht gelegentlich etwas Klarheit.

Wenn der Zweifel zu Kritik wird, ist er schlechte Kritik. Wenn Kritik jemanden zur Verzweiflung bringt, ist sie*er nicht kritikfähig. Das ist aber auch nicht das Ziel von Kritik, sonst ist es keine, sondern lediglich verletztende Polemik. Nicht mehr und nicht weniger. (Und das wiederum wäre manchen „Antideutschen“ noch mal zu erklären.)

Politisch radikale Menschen sind oft (aber nicht immer) sehr selbstkritische Menschen. Gerade aus der kritischen Überprüfung eigener Gedanken, Gefühle, Verstrickungen usw. entsteht sowohl die Möglichkeit, als auch die Notwendigkeit, bestimmte Positionen zu vertreten. Die Möglichkeit entsteht, weil die Ausarbeitung radikaler Positionen (nicht irgendwelcher pseudo-radikalen Floskeln) erst durch die tiefgreifende Auseinandersetzung und Reflexion mit den eigenen und anderen Positionen geschehen kann. Im selben Zuge, wo wir damit eine massive Infragestellung unserer Selbst (in psychologischer Hinsicht tatsächlich des Konstruktes unserer „Ich-Identität“) vornehmen, verlangt es uns jedoch auch nach Bindungen, nach etwas an das wir uns halten; nach jemanden, an die*den wir uns klammern; nach etwas, auf das wir hoffen können.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es. Aber sie stirbt. Was bringt uns Hoffnung, wenn die ganze Welt zugrunde geht? Warum sollten wir mit Hoffnung einen Baum durch ecosia pflanzen, ein Haus bezahlen oder uns entmündigen lassen – wie es das Erwachsenwerden heutzutage vorsieht?

Die Welt ist größer als wir; sogar größer, als unsere Ansprüche daran, sie zu verändern. Auch wenn wir in schweren Stunden daran fast verzweifeln mögen, ist das eigentlich doch auch eine gute Nachricht: Wir können nur tun, was wir tun können. Mit unseren eigenen Händen. Zumindest wenn wir nicht herrschen wollen. Der Rahmen, unsere Gestaltungsspielräume, in dem wir was verändern können, ist äußerst begrenzt. Was uns nicht davon abhalten sollte, ihn zu erweitern und nicht dazu führt, dass wir das einfach akzeptieren müssen. Doch auf der anderen Seite steht, dass alles ganz anderes werden soll, alles ganz anders werden muss, wenn wir Vorstellungen von nicht-zerstörerischem, verständnisvollem, lebenswertem Miteinander für alle verwirklichen wollen.

Den radikalen Linken und auch den Anarchist_innen fehlt heute mehr denn je eine utopische Meta-Erzählung, die weder in dogmatischen Abhandlungen bestehen kann, noch eine abstrakte gesellschaftliche Totalität sein könnte, die in einer unbestimmbaren Zukunft an Stelle der jetzigen treten würde. Vielmehr müsste sie tatsächlich im Leben Einzelner als konkrete Befreiung im Alltag erfahrbar werden – eine Hoffnung mit materialistischer Basis sozusagen. Aber eben doch was anderes als die Ausflucht darin, wir könnten uns die bessere Gesellschaft ja noch überhaupt nicht vorstellen und würden aus Angst aus Versehen zu herrschen, uns eben keinerlei Vorstellungen davon machen. Doch niemand herrscht aus Versehen. Wir ziehen keine Herrschaft an uns, wenn wir konkrete Vorstellungen davon entwickeln, was wir verändern wollen – unmittelbar oder langfristig. Die emanzipatorische Meta-Erzählung als motivierendes Prinzip fällt nicht vom Himmel, sondern ist von uns und anderen zu erarbeiten.

Doch bis dahin sagen viele in meiner Umgebung inzwischen: „Alles gut“. Erst dachte ich, ich höre nicht richtig. Doch es wurde immer und immer wieder geäußert. Erst von wenigen, dann inflationär von vielen. Und als ich andere Städte bereiste und feststellte, dass mir vorher Unbekannte ebenfalls in einem Fort versicherten, dass „alles gut“ sei, begriff ich, dass es sich um ein Modewort, eine momentan, vielleicht seit Anfang diesen Jahres, inflationär gebrauchte Floskel handeln musste. Ich behaupte dies – nach Überprüfung – feststellen zu können, weil ich ziemlich resistent gegen jegliche Form von Modeerscheinungen bin. Damit deute ich positiv um, dass ich – gefühlt im Gegensatz zu den Menschen, die ich noch so kenne – einfach ein riesiges Defizit darin habe, trendige Entwicklungen, soziale Normen und Verhaltensweisen instinktiv zu begreifen. Kurzum, mir fällt es eben auf, wenn plötzlich viele um mich herum „Alles gut!“ sagen und zwar zu jedem Scheißdreck und gerade zu den Dingen, die eigentlich richtig beschissen sind, aber auch sonst so häufig, dass es im Grunde genommen überhaupt keine Rolle mehr spielt, ob irgendwas noch gut ist oder werden könnte und worin das Gute überhaupt bestünde.

Der letzte Punkt ist vielleicht sogar der entscheidende bei meiner Aufregung: Ich selbst weiß eigentlich gar nicht mehr, was den „gut“ beschreibt, worin es bestehen soll. Okay, ich hab das für mich selbst auch sehr grundsätzlich kritisiert als moralische Kategorie und so. Das heißt jetzt aber nicht, dass es mir scheißegal ist, wie irgendwas ethisch zu bewerten ist. Nur fehlen mir leider die grundlegenden Diskussionen darum häufig. Wer sich und anderen dauernd einredet, „alles sei gut“, entzieht sich dieser Auseinandersetzung ja auch vollständig. Weder das Wie (es ist eben einfach „gut“, was auch immer das sein soll), noch das Was (eben alles, das heißt: nichts) ist geklärt. Meine affektive Reaktion darauf war demzufolge auch: „Nichts ist gut!“ zu sagen. Nun merke ich aber, dass dies keineswegs weiterführt, denn wie angedeutet beinhaltet „Alles gut“ aufgrund seiner enormen Unbestimmtheit ja bereits, dass es ohne Bedeutung sei, was gut ist und wie es gut wäre, was also Kriterien für die Einordnung als „gut“ sein sollen. Dementsprechend wissen die Alles-Gut-Sager*innen also, dass nichts gut ist und verschleiern es im selben Moment. Je ausgeprägter ihr Bewusstsein von und ihr Gefühl zu den sie tatsächlichen umgebenden Herrschaftsverhältnissen ist, desto höher ist das Level an Ideologie, das sie erreichen müssen, um sich darüber hinweg zu täuschen. Bei sensiblen und intelligenten Menschen ist das Level offensichtlich so hoch, dass sich die Verschleierung im scheinbar simplen Chiffre „Alles gut“ verdichtet und sich somit des Begreifens und Verstehens umfassend entzieht, während gleichzeitig der absurde Schein gewahrt bleibt, mensch würde sich ja verstehen. Die bewusst gewählte Irrationalität soll zur letzten Bastion unserer enttäuschten Hoffnungen werden. Traurig, aber wahr.

Wofür es sich dann noch zu kämpfen lohnt, weiß keine*r… Deswegen rennen wir wie Wahnsinnige, wir fliehen wie die Narren, vor der Realität und der Verantwortung vor der wir stünden, wenn wir den begreifen wollten, das eben kaum was gut ist und daraus Konsequenzen ziehen würden. Da gibt es (mindestens) diese fünf Tendenzen, die gerade dann problematisch werden, wenn sie isoliert voneinander verfolgt werden:

1) Die einen ziehen sich in die Selbstbearbeitungsschleife zurück: Mit den Herrschaftsverhältnissen zuerst bei uns selbst aufräumen. Bessere Menschen werden. Doch die Umstände dafür sind nicht gut. Diese gilt es zu benennen. Ein paar Unterdrückungs- und Ausbeutungsdimensionen vor sich her zu beten und andere danach zu bewerten, ist dabei noch keine Gesellschaftskritik.

2) Fast authentischer ist dahingehend die degenerierte „Feierkultur“ der Linken: Pille oder Bierchen rein, tanzen, flirten, glücklich sein. Alles gut eben. Gut, aber wir hatten das jetzt auch schon. Aus dem Techno-Schuppen heraus entsteht keine Revolte. Und anti-sexistische Verhaltensregeln auf der Party sind noch kein politischer Kampf. Abgesehen davon: Wie viel Zeit Menschen auf „Parties“ und mit deren Vorbereitung verbringen!

3) Oder: Der Aktionismus. Hauptsache da wird was gewuppt! Ist ja sonst auch egal. „Starke Bilder“ produzieren, unbedingt. Da haben wir aber mal wieder ein deutliches Zeichen gesetzt – Yeah! Zugegebenermaßen ist in meinem Umfeld leider kaum noch Aktionismus, weil kaum noch politische oder direkte Aktion ist. (Subjektive Wahrnehmung – der Text entstand bei schlechtem Wetter…). Trotzdem gibt es auch Tendenzen, Hauptsache irgendwas zu machen – und da ist nun mal nicht immer gut und bringt nicht immer weiter…

4) Deswegen finde ich es aber auch unsinnig, sich auf einen Standpunkt vermeintlich „reiner Kritik“ zurückzuziehen, wie es einige tun. Es kann keine reine Kritik geben, da die Wirklichkeit schmutzig ist und Kritik in einer politisch radikalen Bewegung „im Handgemenge“ stattfindet. Ich mag auch gar keine Reinheit. Darum kritisiere ich die Kritik*innen, welchen es lediglich darum geht, sich professionell raus zu halten und auf Kosten anderer in ihrem Selbstwertgefühl zu bestätigen. Und es ist auch die idealistische Kritik zu kritisieren, wie sie zum Beispiel Tsveyfel vorbringt. (https://tsveyfl.blogspot.de/p/zweifel_22.html)

5) Raus streben meistens die „drinnen“ Enttäuschten. Und das „Drinnen“ ist oft ein imaginäres Kollektivsubjekt, von „der Linken“, „den Linken“, „dem linken Mosaik“, „der radikalen Linken“ oder auch „der anarchistischen Szene“. „Ich wurde so gebor’n, ich werde so bleiben wie ich bin. Antifaschist für immer, für immer“ (Irié Revoltés) – Identitätspolitik lässt grüßen. Niemand will Volk sein – schon klar. Aber eigentlich wollen „wir“ ja alle das selbe. Warum wählen die Arbeiter*innen denn entgegen ihren Interessen AfD? Wieso müssen wir so vehement darauf pochen, das unsere Position ja die allgemeingültige, richtige, ist und Menschen sie teilen müssten, wenn sie nur mal nachdenken würden? Dazugehören, mitreden können, Anerkennung finden sind alles verständliche soziale Bedürfnisse. Es ist auch völlig in Ordnung, sich einer politischen Szene angehörig zu fühlen. Aber warum da so nen Ding draus machen, sich dauernd selbst darin abfeiern und über die Zugehörigkeit anderer dazu urteilen?

Ich will damit nicht sagen, dass Selbstbearbeitung, Feiern, Aktionismus, Kritik oder Kollektivsubjekt falsch wären. Sie sind es erst, wenn sie isoliert als Wege vorgelebt werden, mit der Problematik umzugehen, dass eben gar nichts gut ist. Es können sinnvolle Wege sein, sich selbst zu verändern, zu feiern, Aktionen zu machen, Kritik zu üben und sich auch zur einer Gruppe zugehörig zu fühlen. Selbstbearbeitung, um sich neoliberal selbst zu optimieren; feiern, um sich in das bestehende Schlechte zu integrieren; Aktionismus, um das Gefühl zu bekommen, überhaupt irgendwas zu machen; Kritik zur Selbstbestätigung durch Abwertung anderer und Hauptsache der coolsten Clique anzugehören können eine*n darin bestätigen, dass alles gut wäre. Ist es aber nicht. Logisch, war zuvor immer nur von „Gesamtscheiße“ und den bedrückenden angeblich „totalen Verhältnissen“ die Rede, stempelten sich Linksradikale zumeist als radikale Miesepetras ab. „Alles schlecht“ und „Alles gut“ sind aber wie gesagt zwei Seiten einer Medaille. Und denen es ums Ganze geht – worum geht es ihnen im Konkreten?

Das Mantra „Alles gut“ soll den tief Erschütterten auf magische Weise Kraft geben, damit sie so ein klein wenig an ihren Idealen und ihrer Kritik, vielleicht auch an ihren politischen Aktivitäten festhalten können und deren Verwirklichung dabei in weite Ferne schieben. Klar, die anarcha-kommunistischen Gesellschaften sehen sehr anders aus, als das Bestehende. Aber können wir nicht erst mal nen paar kleinere Brötchen backen?

Für mich muss überhaupt nicht alles gut sein. Vielleicht bin ich zu abgefuckt von Politik und großen Ansprüchen oder zu angenervt von begeisterten Polit-Hipstern, die neuen Schwung in die Bewegung bringen aber immer wieder meinen, nun das Rad neu erfunden zu haben. Vielleicht habe ich einfach weniger Kraft für Auseinandersetzungen. Möglicherweise verachte ich aber auch die vermeintliche Politisierung des Privaten als tatsächlichen Rückzug aus dem Politischen, wie sie zum Teil auch in den fünf Flucht-Tendenzen enthalten ist, die ich oben beschrieben habe. Wahrscheinlich pöble ich auch, weil ich es blöderweise einfach nicht sein lassen kann, in Widersprüchen zu leben und zu denken. Ich kann sie eben nicht in eine Richtung auflösen, wie andere in meiner Umgebung, denen ich unterstelle, dass sie es leichter haben damit.

Und wenn ihr mir die Wahrheit vor mich hinstellt und mir sagt: Das ist die Wahrheit. Dann würde ich sie in beide Hände nehmen, sie drehen und wenden, sie anschauen und sie schütteln; mein Ohr dran halten und an ihr riechen. Damit ich wüsste, wie ich sie am grundlegendsten und endgültigsten zerstören kann. Denn es ist nicht viel gut. Mir ist nicht gut in dieser täglich autoritärer, ausbeuterischer und zerstörerischer werdenden Gesellschaft. Wenn jemand mit mir Hoffnung aufbauen will, dann baue ich gerne mit. Da ist nicht alles gut und wird wohl auch nicht alles gut. Genau deswegen muss ich mir das auch nicht dauernd als nichtssagende Floskel versichern.

Die Geschichten der Menschheit sind keine Märchen, die dann irgendwann gut ausgehen werden, weil wir uns das nun mal so sehnlich wünschen. Sie schreiten nicht ins Positive voran. Wir leben heute in der Apokalypse. Aber sie ist kein Schicksal sondern von Menschen gemacht. Und nur das Handeln von Menschen, wird uns in eine qualitativ neue Zeit führen. Viele Ströme sind die Geschichten, deren Verlauf wir hier und da mit gezielten Aktionen und langfristiger Organisierung beeinflussen können. Davon – und vor allem vom Kampf aller Unterdrückten, Ausgebeuteten, Unterworfenen – hängt ab, ob wir besseren Zeiten entgegengehen werden. Auf das alles gut werde!