Soziale Revolution als radikale und umfassende Gesellschaftstransformation

Lesedauer: 7 Minuten

Auf theorieblog.de erschien dieser Beitrag zum Call for Blogposts unter dem Motto „Neuanfang“. Ich freue mich sehr, das mein Artikel ausgewählt wurde und somit zur Verbreitung und Vertiefung von Debatten zu anarchistischer Theorien beitragen kann. Hier ist der Beitrag ebenfalls zu lesen.

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Soziale Revolution als radikale und umfassende Gesellschaftstransformation

Lesedauer: 7 Minuten

Zuerst veröffentlicht am 01.12.2020 auf theorieblog.de als Beitrag für den Call for Blogposts unter dem Motto „Neuanfang“.

Neuanfänge gleich welcher Art zu initiieren, bedeutet einen Dreischritt im Umgang mit den vorhandenen Ordnungen zu gehen. Zunächst setzten sie eine Ent-Identifizierung von Subjekten mit einer verfestigten, bestehenden Ordnungsstruktur voraus, in welcher sie keinen Anteil finden können. Zweitens ist zu verstehen, dass Ausbeutung, Ausgrenzung, Unterdrückung und Entfremdung in unterschiedlichen Ausprägungen Folgen jeder historisch-spezifischen Herrschaftsformation sind. Ein gesellschaftlicher Neuanfang, welcher diese Bezeichnung verdient, kann nur glaubwürdig von jenen sozialen Gruppen ausgehend gedacht werden, welche aus der dominanten Gesellschaftsordnung aus verschiedenen Gründen herausfallen, die sich jedoch organisieren und nicht mehr mit dem Alten identifizieren wollen. Als dritter Schritt folgt die Neu-Identifizierung mit einer Alternative, welche aus der Erfahrung von Kontingenz möglich wird. Das anarchistische Konzept der sozialen Revolution ist motiviert von der Sehnsucht nach einem radikalen gesellschaftlichen Neuanfang als solidarische, egalitäre und libertäre alternative Moderne. Zu jener Motivation tritt die Überzeugung hinzu, dies sei nicht nur aus ethischen Gründen erstrebenswert, sondern auch vernünftig und machbar. Wie gesamtgesellschaftliche Neuanfänge im anarchistischen Denken durch die soziale Revolution gedacht werden, soll im folgenden Beitrag umrissen werden.

Genese des anarchistischen Konzepts der sozialen Revolution

In Anschluss an die Revolutionswelle von 1848 kam in sozialistischen Debatten die Forderung nach einer sozialen Revolution auf. Im Unterschied zur politischen Revolution, welche im Wesentlichen auf die Übernahme der Staatsmacht abzielt, um mit ihr den Sozialismus einzuführen und durchzusetzen, sollte mit der sozialen Revolution der Klassenantagonismus, welcher als wesentliches Moment der Gesellschaftsstruktur begriffen wurde, abgebaut und letztendlich überwunden werden. Der Anarchismus wurde im 19. Jahrhundert anhand von Auseinandersetzungen innerhalb der sozialistischen Bewegungen entwickelt, wobei einer der entscheidenden Punkte dabei die Ablehnung der Übernahme oder Beeinflussung der Staatsmacht war. Der Kapitalismus könne aus strukturellen Gründen nicht ohne die Abschaffung des Staates überwunden werden. Daher müsse eine wirkliche Revolution einerseits mit den Strukturen der Herrschaftsordnung grundlegend brechen und andererseits selbstorganisierte Gegenorganisationen aufbauen. Für letztere bestanden relativ konkrete Vorstellungen in der Konzeption von freiwilligen und dezentralen Kommunen, die miteinander auf verschiedenen Ebenen föderieren und kooperieren, dabei jedoch ihre Autonomie behalten. Diese Vorstellungen wurden von William Godwin, Pierre-Joseph Proudhon, Michael Bakunin, Peter Kropotkin, Gustav Landauer, Rudolf Rocker und vielen anderen festgehalten, gingen jedoch im Wesentlichen aus den Praktiken und Organisationsformen von libertären sozialistischen Bewegungen hervor.

Das explizit anarchistische Konzept der sozialen Revolution wurde im Wesentlichen durch die Erfahrungen und Überlegungen von Aktiven im antiautoritären Flügel der sozialistischen und Arbeiter*innenbewegung entwickelt. Es ist beeinflusst von der Vorstellung einer sozialen Evolution, das heißt einer eigendynamischen Entwicklung der Gesellschaft, welche zu sozialem Fortschritt führe. Anarchist*innen verstanden sich demgemäß als „Hebammen“ der sozialen Revolution, indem sie der heranreifenden sozialen Evolution – entgegen den überkommenen Strukturen der Herrschaft, die nur den Privilegierten dienen – zum Durchbruch verhalfen. Der Modus der sozialen Revolution funktioniert kaum durch spektakuläre, sondern alltägliche Veränderungen und kleinteilige Handlungen. Dennoch stellt er einen qualitativen Unterschied zur politischen Reform dar, eben weil mit ihr keine Integration in die bestehende Ordnung, sondern der Aufbau von Alternativen zu ihr angestrebt wird. Und verständlicherweise ist die anarchistische Konzeption von der politischen Revolution abzugrenzen. Emanzipation sei nicht möglich, wenn Herrschaftsstrukturen und -verhältnisse intakt gelassen und genutzt werden.

Soziale Revolution kann somit als ein Streben nach Autonomie begriffen werden, mit welchem sich von Unterdrückung und Ausbeutung betroffene Gruppen selbst organisieren und emanzipieren, anstatt etwa durch Parteien angeführt oder in parlamentarischen Vermittlungsprozessen eingehegt zu werden. Dies lässt sich im heterogenen Anarchismus an verschiedenen Tendenzen festmachen. Ob anarchistischer Individualismus, Mutualismus und Kollektivismus, Kommunismus, Syndikalismus oder Kommunitarismus – so unterschiedlich ihre Strategien teilweise sind, überschneiden sie sich jedoch und bilden somit einen Rahmen für kontinuierliche Experimente des Neu-Beginnens.

Aspekte des anarchistischen Begriffs von sozialer Revolution

In der Beschäftigung mit verschiedenen Revolutionsbegriffen fallen einige Aspekte ins Auge, die im anarchistischen Konzept der sozialen Revolution eine spezifische Ausprägung erfahren. Diese sollen im Folgenden angerissen werden, um aufzuzeigen, dass das anarchistische Revolutionsverständnis bestimmbare Merkmale aufweist. Zugleich zeigen sich ihn ihm starke Ambivalenzen, die den modernen Revolutionsbegriff generell durchziehen und in unterschiedlichen zeitlich-räumlichen-sozialen Kontexten verschieden Gestalt annehmen.

Revolution wird zugleich als Ereignis und Prozess wahrgenommen. Mit dem anarchistischen Verständnis wird das Gewicht eindeutig auf die Seite der Prozesshaftigkeit der sozialen Revolution gelegt, während ‚revolutionäre Situationen‘ als Oberflächenerscheinungen angesehen werden. Daraus leitet sich die Herangehensweise ab, dass es hier und heute möglich wäre, sich sozial-revolutionär zu orientieren, anstatt etwa auf einen großen Bruch zu warten, der quasi durch eine historische Gesetzmäßigkeit messianisch hereinbrechen würde. In Hinblick auf das Verhältnis von Negation und Konstruktion lassen sich ausgedehnte sozialistische Debatten nachzeichnen. Das Bilderverbot von Marx, auf das er in Abgrenzung zu den von ihm so genannten ‚utopischen Sozialist*innen‘ bestand, wurde durch die Denker*innen der Kritischen Theorie aufgrund des Scheiterns der Zivilisation in Auschwitz erneuert, wobei der Stalinismus sein Übriges zur Diskreditierung einer positiven sozialistischen Vision tat. So nachvollziehbar die dahinter stehenden Argumentationen und historischen Erfahrungen sind, tendiert das anarchistische Konzept stark zur Betonung der Konstruktivität der sozialen Revolution. Dabei sei die Ablösung von den alten Strukturen, ja, ihre Zerstörung unvermeidlich. Dennoch diene Negation zur Neuschöpfung der Gesellschaft als eigentliche Aufgabe.

Weiterhin gibt es einen Aspekt von Revolutionsverständnissen, der sich als das Denken eines ‚Außerhalb‘ und eines ‚Innerhalb‘ von der jeweils bestehenden gesellschaftlichen Ordnung, also ihren Institutionen, Beziehungen, Normen und Praktiken bezeichnen lässt. Die Frage dahinter lautet, inwiefern es einen transzendenten Bezugspunkt eines (unvorstellbaren) radikal Anderen braucht, um grundlegende Transformationen zu motivieren, oder ob sozial-revolutionäre Bestrebungen aus vorhandenen, aber unterdrückten gesellschaftlichen Verhältnissen immanent abgeleitet werden können, die als erstrebenswert gelten und damit auch als Fluchtlinien hin zu einer anderen Gesellschaft dienen können. Mit der eingangs erwähnten Annahme, dass es die verschiedenen aus den bestehenden Ordnungsgefügen herausfallenden Subjekte sind, welche sich für einen sozial-revolutionären Neuanfang begeistern lassen, werden im Anarchismus Veränderungen ganz überwiegend von bereits vorhandenen gesellschaftlichen Strukturen und Beziehungen ausgehend gedacht. Anarchist*innen lehnen die Herangehensweise ab, dass der Zweck die Mittel heiligen würde. Vielmehr sollen die gewählten Mittel den angestrebten Zielen entsprechen und die erstrebten Handlungsweisen vorwegnehmen, wofür sich der Begriff ‚präfigurative Politik‘ etabliert hat. Diese ist allerdings konfrontiert mit der Widersprüchlichkeit der Realität, die erstens aus den multiplen Herrschaftsverhältnissen (Staat, Kapitalismus, Patriarchat, weiße Vorherrschaft, Naturbeherrschung) resultiert, welche soziale Gruppen in ein antagonistisches Verhältnis setzt. Zweitens ergibt sich auch dadurch, dass der libertäre Sozialismus als eine vielfältige Gesellschaftsform gedacht wird, weswegen emanzipatorische soziale Bewegungen zugleich als pluralistisch anzusehen sind. Drittens gründet sich dies auf ein Subjektverständnis, welches statt von einem vermeintlichen kohärenten, ‚autonomen‘, sich selbst setzenden, fixierten ‚Selbst‘ der bürgerlichen Subjektform, vielmehr von fluiden und offen gehaltenen ‚sozialen Singularitäten‘ ausgeht, welche durch und durch gesellschaftlich geprägt sind. Daraus ergibt sich der Anspruch nach einem Ineinandergreifen von Mitteln und Zielen, weil diese nicht einfach selbst einander entsprechen, sondern permanenter Vermittlung bedürfen. Denn jede Gruppe, Struktur, Praktik oder Aktionsform kann entweder zum Selbstzweck verkommen oder rein instrumentell benutzt werden. In beiden Fällen geht dabei ihr sozial-revolutionäres Potenzial verloren.

Zur Frage der revolutionären Subjektivität kann festgestellt werden, dass Anarchist*innen wie beispielsweise Errico Malatesta, Johann Most, Emma Goldman, Alexander Berkman oder Erich Mühsam von einer Pluralität unterdrückter sozialer Gruppen ausgehen, die sozial-revolutionär werden, indem sie sich verbünden und auf ein gemeinsames Ziel hin ausrichten. Daraus folgt, dass sich von Unterdrückung und Ausbeutung betroffene Gruppen selbst ermächtigen und für ihre Emanzipation kämpfen müssen, anstatt etwa von einer revolutionären Avantgardepartei angeführt zu werden. Gleichwohl ist immer wieder eine Kluft zwischen politisch-ideologisch Überzeugten und den von Herrschaft Betroffenen festzustellen. Insofern müssen sich auch Anarchist*innen die Frage stellen, welche Verantwortung ihnen im sozial-revolutionären Prozess zukommt, worauf es auch verschiedene Antwortversuche gibt.

Demokratie, Libertärer Sozialismus und Anarchie

In anarchistischen Debatten lassen sich seit 150 Jahren zwei Stränge nachzeichnen. In einem wird davon ausgegangen, dass eine Radikalisierung der Demokratie aufgrund ihrer eigenen, unverwirklichten Ansprüche zu Anarchie führen kann (z.B. David Graeber, Cindy Milstein). Im anderen wird Demokratie konsequent als Herrschaftsform begriffen, welcher Anarchie als grundlegend anderer Modus entgegengesetzt wird (z.B. Uri Gordon, CrimethInc). Da in beiden Strängen überzeugende Argumente angeführt werden, ist diese Diskussion nicht abschließbar, wie Markus Lundström zeigt. Dagegen schlage ich eine andere Betrachtung vor. Meiner Ansicht nach ist ein grundlegender Neuanfang im Sinne einer prinzipiell realisierbaren Gesellschaftsordnung als libertärer Sozialismus zu bezeichnen. Dieses egalitäre, solidarische Projekt von machbaren, funktionierenden realen Utopien, wie sie mit Erik Olin Wright bezeichnet werden können, geht aus deren Verknüpfung und Ausdehnung hervor und wird von unterschiedlichen Gruppen vorangetrieben, welche sich sozial-revolutionär orientieren und organisieren. Anarchie hingegen kann zwar auf Ebene von Gemeinschaften praktiziert werden, stellt zugleich jedoch die permanente Infragestellung jeder gesellschaftlichen Ordnung und somit einen nie abschließbaren Prozess der Instituierung erstrebenswerter Beziehungen und Institutionen dar. Beides schließt sich nicht aus, sondern verdeutlicht eine im anarchistischen Denken grundlegende Problemstellung: Wie ist es möglich, sich Macht anzueignen, ohne Herrschaft zu reproduzieren? Wie ist es möglich, gesellschaftliche Ordnungen zu stiften, die auf Freiwilligkeit beruhen und keine neuen Privilegierungen hervorbringen? Die Beantwortung dieser Fragen kann nicht pauschal erfolgen, sondern geschieht und gelingt bei der Umsetzung anarchistischer Ansprüche und Vorstellungen in emanzipatorischen sozialen Bewegungen.

Insgesamt kann jedoch angenommen werden, dass die Zuspitzung der multiplen gesellschaftlichen Krisen zu einem gesteigerten Problembewusstsein und zu einer höheren bzw. weiter verbreiteten Bereitschaft zu radikaler und umfassender Gesellschaftstransformation führt. Die Sehnsucht nach derartigen Umwälzungen geht aus den Erfahrungen von Subjekten in der dominierenden Herrschaftsordnung und den zu ihr gleichzeitig bestehenden Alternativen hervor. Aus diesen Gründen ist es sinnvoll, sich dem anarchistischen Konzept der sozialen Revolution und der konkreten Utopie eines libertären Sozialismus als erstrebenswerter Gesellschaftsordnung zu widmen. Eine weitere Betrachtung würde ergeben, dass sich die Debatten insbesondere in der feministischen und der Klimagerechtigkeitsbewegung stark in diese Richtung bewegen. Anarchie wirkt als Modus der Infragestellung der staatlich-kapitalistischen-patriarchalen Herrschaftsordnung und soll einen grundsätzlichen Neuanfang denkbar und erfahrbar machen. Die Motivation für einen gesamtgesellschaftlichen Aufbruch, eine radikale und umfassende Gesellschaftstransformation speist sich daran anschließend aus der Positionierung zum libertären Sozialismus. Theoretische Überlegungen können zur Orientierung auf einen derartigen Neuanfang hin dienen und hilfreich sein, insofern damit wie in diesem Beitrag libertär-sozialistische Tendenzen und Ansatzpunkte erfasst und beschrieben werden, die tatsächlich vorhanden sind (vgl. Day 2005). Seine Realisierung ist jedoch eine Frage der Organisierung, Bewusstseinsbildung und politischen und sozialen Auseinandersetzungen der von Ausbeutung, Unterdrückung, Entfremdung und Ausgrenzung betroffenen Menschen.

CfP 3rd International Conference of Anarchist Geographies

Lesedauer: < 1 Minute

Vom 15.-19.12.2021 – also noch eine ganze Weile hin – wird in Oaxaca City/Mexiko die 3. internationale Konferent zu anarchistischen Geographien und von anarchistischen Geograph*innen statt. Nun ja, das ist nicht gerade um die Ecke, aber dank Corona scheint sich auch die Einsicht durchzusetzen, dass es voll bescheuert ist, für nen paar Tage Konferenz einen Interkontinental-Flug zu machen – und sei sie noch so interessant. Demgegen über steht andererseits, dass direkte Begegnungen äußerst wichtig sind, um gemeinsame Projekte zu starten und sich verbunden zu fühlen. Wer jedenfalls gern plant, kann bis zum 31.12.2020 einen Beitrag einreichen zu “Antiauthoritarian geographies: autonomy, decolonization and libertarian struggles”. Unten findet sich der CfP zum download.

Themenfelder und Ansätze können dabei sein:

Social struggle and solidarity spaces in Oaxaca and the Magonism legacy
– Autonomies and self-determination struggles
– Feminism, gender, and libertarian struggles
– Campesino struggles from a libertarian perspective
– Decoloniality and anarchism
– Territory defense from below
– Dispossession, violence, and imperialism
– Critiques to anarchism from the margins
– Anarchism outside Europe (black, indigenous, transnational, etc.)
– Radical cartographies
– Anarchism and critical, radical, and postcolonial geographies

Climate change and ecological crisis, territorial struggles and anarchism
– Local stages, global conflicts / Local conflicts, global stages
– Geography as an epistemological exploration of the pluriverse
– Anarchist’s diasporas: past and present
– Modalities of rebellious actions
– Visual culture, geography, and anarchism
– Walking, geography, and anarchism
… among many other

Material: Verhältnis von „Anarchismus“ und „Wissenschaft“

Lesedauer: 4 Minuten

Das Verhältnis von „Wissenschaft“ und“ Anarchismus“ ist zurecht zu problematisieren. Beides steht hier in Anführungsstrichen, weil zunächst definiert werden müsste, was darunter jeweils zu verstehen ist. Wissenschaft kann einen Teil dazu beitragen, zu erhellen, was Anarchismus ist. Aber eben nur einen Teil und nie vollständig, denn er hat mit dem Leben von eigenwilligen und unendlich komplex interagierender Menschen (und anderer Kreaturen) zu tun. Es gibt auch Leute, die überhaupt das Nachdenken über ein Verhältnis von Anarchismus und Wissenschaften pauschal ablehnen. Das ist meiner Ansicht nach ein strategischer Fehler, widerspricht aber auch dem, was Anarchismus auch ist: ein Set an komplexen Weisen, darüber nachzudenken, wie moderne Gesellschaften ohne Herrschaft organisiert werden können. Beispielsweise wurde das Wort und Konzept der „Selbstorganisation“ aus der wissenschaftlichen Diskussion in die politische eingebracht. Wie auch immer, hier zumindest 6 mögliche Konstellationen:

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Rückblick: Workshop Anarchistische politische Theorie und Gesellschaftstheorie

Lesedauer: 7 Minuten

Vor einem Jahr fand ein Workshop zu anarchistischer politischer Theorie und Gesellschaftstheorie in Jena statt, den ich organisiert hatte. Zu diesem hatte ich eingeladen, um mehreren Anliegen nachzugehen. Zunächst war ich einfach interessiert, wer sich von diesem Thema angesprochen fühlt und sich melden würde. Dann wollte ich wissen, zu welchen konkreten Themenbereichen die einzelne Leute arbeiten oder gearbeitet haben und ob es dahingehend spannende Neuentwicklungen gibt. Drittens sollte der Workshop zu einer Vernetzung beitragen, um anarchistische Theorieproduktion zu stärken und auszubauen. Viertens wollte ich damit schließlich anarchistische Theorie im deutschsprachigen akademischen Bereich sichtbar machen und (im sehr begrenzten Rahmen freilich) in den wissenschaftlichen Diskurs einbringen.

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Kritik an einer Falschdarstellung des anarchistischen Revolutionsverständnisses

Lesedauer: 20 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Kellermann, Philippe (Hrsg.), Ne Znam. Zeitschrift für Anarchismusforschung, Nr. 9, Edition AV 2020.

Die soziale Revolution beschreiben!

Eine Kritik an Florian Grossers Ausführungen zu anarchistischen Vorstellungen von Revolution in einem Einführungsband zur Revolutionstheorie

Vor einer guten Weile schon – als der Arabische Frühling und die Occupy-Bewegung Aktualität hatten -, im Jahr 2013, erschien bei Junius der Einführungsband Theorien der Revolution von Florian Grosser.1 Bei meiner derzeitigen Beschäftigung mit anarchistischen Verständnissen von sozialer Revolution war es folgerichtig, dass ich einen Blick in Grossers Buch warf – immerhin geht er im Unterschied zu anderen Autoren, die sich mit diesem Thema befassen, überhaupt auf den Anarchismus ein und diskutiert zum Abschluss auch David Graeber um ein aktualisiertes anarchistisches Revolutionsverständnis herauszufiltern (vgl. S.159-164). Mit einer Rezension wäre ich doch zu spät dran, zumal sie an anderer Stelle schon von Philippe Kellermann geleistet wurde.2 Andererseits wurde das Buch im Herbst 2018 neu aufgelegt und ich vermute, dass meine hier entfaltete Kritik weiterhin aktuell ist. Dabei möchte ich allerdings lediglich auf den Abschnitt zur Konzeption von Revolution im Anarchismus anhand von Schriften Michael Bakunins und Peter Kropotkins konzentrieren (vgl. S.111-117).

Nun könnte man es begrüßen, dass sich einige marxistische Autor*innen zunehmend auf anarchistische Ansätze beziehen, beziehungsweise gar nicht umhin kommen, diese mitzudenken, um ihr eigenes theoretisches Denken zu erneuern. Denn wenn überhaupt, wurde zuvor nur vereinzelt eine ernsthafte, wenngleich recht wertende, Betrachtung von anarchistischen Vorstellungen unter anderem zu „Revolution“ vorgenommen.3 Bedauerlich ist bei der Wiederaneignung anarchistischer Denkfiguren allerdings, dass diese in der Regel – wie etwa bei Erik Olin Wright4, Bini Adamczak5 oder Simon Sutterlütti und Stefan Meretz6 – verschleiert oder zumindest relativiert werden. Dabei zeigt sich bei einigen ihrer theoretischen Grundgedanken eine deutliche Abwendung von marxistischen Dogmen und bisweilen eine Adaption anarchistischer Konzeptionen. Zaghaft ändert sich so beispielsweise etwas am problematischen marxistischen Denken von Totalität, das in seinen reformistischen Varianten die langweiligste „Realpolitik“ rechtfertigt, während es in seinen linksradikalen Ausprägungen – als „Gesamtscheiße“ begriffen – die eigene Handlungsunfähigkeit affirmiert, wodurch die Beteiligten sich dann durch die gesellschaftlichen Verhältnisse doch „dumm machen lassen“.

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Presentations for ASN Conference

Lesedauer: < 1 Minute

Here you can find abstracts and presentation-papers (pdf) for my talks on the 6th Anarchist Studies Conference (2.-4.09.2020)

“Whose streets, whose power? – Which streets, what power?”

A postanarchist approach for analysing social movements

Keywords: Postanarchism / Social Movements / Conceptualising Approaches / G20-Summit 2017

Investigating and promoting the anarchist concept of social revolution in times of multiple crisis

Keywords: Social Revolution / Political Theory / Anarchist Key-Term / Libertarian Socialism

From apocalyptical to prophetical Eschatology.

Anarchist understandings of temporality and revolutionary societal progress under conditions of everyday apocalypse

Keywords: Philosophy of History / Temporality / Apocalyptical Narrations / Anarchist Eschatology

Debate on Anarchists against/in Academy

Lesedauer: 4 Minuten

Auf der Mailingliste des Anarchist Studies Network entspann sich eine ausgiebige Debatte über das Verhältnis von Anarchist*innen zu Universitäten. Der Redebedarf und die kontroversen Beiträge verdeutlichten, dass hierzu noch längst nicht alles gesagt ist, bzw. weiterhin ein Meinungsaustausch zu diesem Thema stattfinden muss. Übrigens betsehen hierzu längst nicht nur zwei Positionen, sondern mehrere – entsprechend der unterschiedlichen Erfahrungen, welche Menschen in diesem Zusammenhang gemacht haben. Dass Uni-Strukturen und der Wissenschaftsbetrieb insgesamt nicht ansatzweise Vorstellungen einer libertären Wissensproduktion und -vermittlung entspricht, versteht sich dabei von selbst. Wie mit den Widersprüchen in dieser und anderen Institutionen aus anarchistischer Perspektive umgegangen werden soll, dazu gibt es hingegen verschiedene Ansichten. Es folgt mein Beitrag zu dieser Debatte mit 13 Punkten als Anregung für die Aufgaben anarchistischer Theoretiker*innen.

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Anarchist Studies Network / 6th International Conference

Lesedauer: 17 Minuten

In einem Monat findet die 6. internationale Anarchist Studies Conference statt. Eigentlich wollten wir mit einigen Leuten nach Nottingham fahren. Aufgrund der allgemeinen Lage findet die Konferenz nun digital/virtuell/online wie auch immer statt. Das Programm verspricht allerdings schon einige interessante Themen, wobei der Call for Papers des britischen Anarchist Studies Network schon beendet ist. Ihr findet die Einladung zur Partizipation zum Leitthema „Anarchy in Crisis“ unten auf mehreren Sprachen. Bei Interesse, müsstet ihr auch noch teilnehmen können…

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