Material: Verhältnis von „Anarchismus“ und „Wissenschaft“

Lesedauer: 4 Minuten

Das Verhältnis von „Wissenschaft“ und“ Anarchismus“ ist zurecht zu problematisieren. Beides steht hier in Anführungsstrichen, weil zunächst definiert werden müsste, was darunter jeweils zu verstehen ist. Wissenschaft kann einen Teil dazu beitragen, zu erhellen, was Anarchismus ist. Aber eben nur einen Teil und nie vollständig, denn er hat mit dem Leben von eigenwilligen und unendlich komplex interagierender Menschen (und anderer Kreaturen) zu tun. Es gibt auch Leute, die überhaupt das Nachdenken über ein Verhältnis von Anarchismus und Wissenschaften pauschal ablehnen. Das ist meiner Ansicht nach ein strategischer Fehler, widerspricht aber auch dem, was Anarchismus auch ist: ein Set an komplexen Weisen, darüber nachzudenken, wie moderne Gesellschaften ohne Herrschaft organisiert werden können. Beispielsweise wurde das Wort und Konzept der „Selbstorganisation“ aus der wissenschaftlichen Diskussion in die politische eingebracht. Wie auch immer, hier zumindest 6 mögliche Konstellationen:

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Rückblick: Workshop Anarchistische politische Theorie und Gesellschaftstheorie

Lesedauer: 7 Minuten

Vor einem Jahr fand ein Workshop zu anarchistischer politischer Theorie und Gesellschaftstheorie in Jena statt, den ich organisiert hatte. Zu diesem hatte ich eingeladen, um mehreren Anliegen nachzugehen. Zunächst war ich einfach interessiert, wer sich von diesem Thema angesprochen fühlt und sich melden würde. Dann wollte ich wissen, zu welchen konkreten Themenbereichen die einzelne Leute arbeiten oder gearbeitet haben und ob es dahingehend spannende Neuentwicklungen gibt. Drittens sollte der Workshop zu einer Vernetzung beitragen, um anarchistische Theorieproduktion zu stärken und auszubauen. Viertens wollte ich damit schließlich anarchistische Theorie im deutschsprachigen akademischen Bereich sichtbar machen und (im sehr begrenzten Rahmen freilich) in den wissenschaftlichen Diskurs einbringen.

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Kritik an einer Falschdarstellung des anarchistischen Revolutionsverständnisses

Lesedauer: 20 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Kellermann, Philippe (Hrsg.), Ne Znam. Zeitschrift für Anarchismusforschung, Nr. 9, Edition AV 2020.

Die soziale Revolution beschreiben!

Eine Kritik an Florian Grossers Ausführungen zu anarchistischen Vorstellungen von Revolution in einem Einführungsband zur Revolutionstheorie

Vor einer guten Weile schon – als der Arabische Frühling und die Occupy-Bewegung Aktualität hatten -, im Jahr 2013, erschien bei Junius der Einführungsband Theorien der Revolution von Florian Grosser.1 Bei meiner derzeitigen Beschäftigung mit anarchistischen Verständnissen von sozialer Revolution war es folgerichtig, dass ich einen Blick in Grossers Buch warf – immerhin geht er im Unterschied zu anderen Autoren, die sich mit diesem Thema befassen, überhaupt auf den Anarchismus ein und diskutiert zum Abschluss auch David Graeber um ein aktualisiertes anarchistisches Revolutionsverständnis herauszufiltern (vgl. S.159-164). Mit einer Rezension wäre ich doch zu spät dran, zumal sie an anderer Stelle schon von Philippe Kellermann geleistet wurde.2 Andererseits wurde das Buch im Herbst 2018 neu aufgelegt und ich vermute, dass meine hier entfaltete Kritik weiterhin aktuell ist. Dabei möchte ich allerdings lediglich auf den Abschnitt zur Konzeption von Revolution im Anarchismus anhand von Schriften Michael Bakunins und Peter Kropotkins konzentrieren (vgl. S.111-117).

Nun könnte man es begrüßen, dass sich einige marxistische Autor*innen zunehmend auf anarchistische Ansätze beziehen, beziehungsweise gar nicht umhin kommen, diese mitzudenken, um ihr eigenes theoretisches Denken zu erneuern. Denn wenn überhaupt, wurde zuvor nur vereinzelt eine ernsthafte, wenngleich recht wertende, Betrachtung von anarchistischen Vorstellungen unter anderem zu „Revolution“ vorgenommen.3 Bedauerlich ist bei der Wiederaneignung anarchistischer Denkfiguren allerdings, dass diese in der Regel – wie etwa bei Erik Olin Wright4, Bini Adamczak5 oder Simon Sutterlütti und Stefan Meretz6 – verschleiert oder zumindest relativiert werden. Dabei zeigt sich bei einigen ihrer theoretischen Grundgedanken eine deutliche Abwendung von marxistischen Dogmen und bisweilen eine Adaption anarchistischer Konzeptionen. Zaghaft ändert sich so beispielsweise etwas am problematischen marxistischen Denken von Totalität, das in seinen reformistischen Varianten die langweiligste „Realpolitik“ rechtfertigt, während es in seinen linksradikalen Ausprägungen – als „Gesamtscheiße“ begriffen – die eigene Handlungsunfähigkeit affirmiert, wodurch die Beteiligten sich dann durch die gesellschaftlichen Verhältnisse doch „dumm machen lassen“.

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Presentations for ASN Conference

Lesedauer: < 1 Minute

Here you can find abstracts and presentation-papers (pdf) for my talks on the 6th Anarchist Studies Conference (2.-4.09.2020)

“Whose streets, whose power? – Which streets, what power?”

A postanarchist approach for analysing social movements

Keywords: Postanarchism / Social Movements / Conceptualising Approaches / G20-Summit 2017

Investigating and promoting the anarchist concept of social revolution in times of multiple crisis

Keywords: Social Revolution / Political Theory / Anarchist Key-Term / Libertarian Socialism

From apocalyptical to prophetical Eschatology.

Anarchist understandings of temporality and revolutionary societal progress under conditions of everyday apocalypse

Keywords: Philosophy of History / Temporality / Apocalyptical Narrations / Anarchist Eschatology

Debate on Anarchists against/in Academy

Lesedauer: 4 Minuten

Auf der Mailingliste des Anarchist Studies Network entspann sich eine ausgiebige Debatte über das Verhältnis von Anarchist*innen zu Universitäten. Der Redebedarf und die kontroversen Beiträge verdeutlichten, dass hierzu noch längst nicht alles gesagt ist, bzw. weiterhin ein Meinungsaustausch zu diesem Thema stattfinden muss. Übrigens betsehen hierzu längst nicht nur zwei Positionen, sondern mehrere – entsprechend der unterschiedlichen Erfahrungen, welche Menschen in diesem Zusammenhang gemacht haben. Dass Uni-Strukturen und der Wissenschaftsbetrieb insgesamt nicht ansatzweise Vorstellungen einer libertären Wissensproduktion und -vermittlung entspricht, versteht sich dabei von selbst. Wie mit den Widersprüchen in dieser und anderen Institutionen aus anarchistischer Perspektive umgegangen werden soll, dazu gibt es hingegen verschiedene Ansichten. Es folgt mein Beitrag zu dieser Debatte mit 13 Punkten als Anregung für die Aufgaben anarchistischer Theoretiker*innen.

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Anarchist Studies Network / 6th International Conference

Lesedauer: 17 Minuten

In einem Monat findet die 6. internationale Anarchist Studies Conference statt. Eigentlich wollten wir mit einigen Leuten nach Nottingham fahren. Aufgrund der allgemeinen Lage findet die Konferenz nun digital/virtuell/online wie auch immer statt. Das Programm verspricht allerdings schon einige interessante Themen, wobei der Call for Papers des britischen Anarchist Studies Network schon beendet ist. Ihr findet die Einladung zur Partizipation zum Leitthema „Anarchy in Crisis“ unten auf mehreren Sprachen. Bei Interesse, müsstet ihr auch noch teilnehmen können…

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Vortrag „Soziale Revolution“ (Audio)

Lesedauer: < 1 Minute

Am 24.04. hätte ich in der Bibliothek der Freien einen Vortrag zum Thema Soziale Revolution als wesentlicher Fluchtpunkt und Handlungskonzept im Anarchismus gehalten. Aufgrund der Pandemie fiel er aus, doch ich habe eine Aufnahme dazu gemacht.

Nach einer allgemeineren Annäherung an den Begriff der Revolution, stelle ich dar, dass der anarchistische Begriff von sozialer Revolution als paradoxe Zwischenform von politischer Revolution, sozialer Evolution und politischer Reform verstanden werden kann. Damit einher gehen bestimmte Überlegungen zum prozesshaften, immanenten und konstruktiven Charakter der anarchistischen Revolutionsvorstellung. Im letzten Teil zeige ich, dass neuere linke Transformationstheorien sich implizit auf das anarchistische Konzept von sozialer Revolution beziehen oder sich diesem annähern. Ich diskutiere dies anhand Reale Utopien (Eric Olin Wright 2017), Die Idee des Sozialismus (Axel Honneth 2015), Beziehungsweise Revolution (Bini Adamczak 2017), Praxis und Revolution (Eva von Redecker 2018) und Kapitalismus aufheben (Simon Sutterlütti/ Stefan Meretz 2018).

Die Aufnahme wurde in Kooperation mit der Bibliothek der Freien erstellt und mit den Folien bearbeitet und ist verfügbar auf peertube und youtube.

Dahingehend habe ich noch einiges zu lernen, was die Länge, die technische Umsetzung und die Füllwörter („ähm“, „sozusagen“, „halt“ etc.) angeht…

Die Kunst freiwillig gemeinsam zu sein

Lesedauer: 2 Minuten

Originaltitel: Die Kunst, freiwillig gemeinsam zu sein.

Das Spannungsfeld zwischen Kollektivität und Individualität als Indiz für eine grundlegend paradoxe Form anarchistischen Denkens

Jonathan Eibisch

veröffentlicht in: Marcus Hawel et. al., WORK IN PROGRESS. WORK ON PROGRESS. Doktorand*innen-Jahrbuch 2019 der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Hamburg: VSA, 2019, S. 54-70.

verfügbar open source beim RLS-Studienwerk

aus der Einleitung:

Bereits der Titel dieses Beitrages verrät, dass ich mich im Folgenden – wie auch in meiner Dissertationsschrift insgesamt – auf einer metatheoretischen Ebene bewege, die gleichwohl das sehr konkrete Interesse einer als notwendig erachteten Erneuerung anarchistischer Theorie verfolgt. Die Ausgangsbeobachtung dafür liegt in der auffälligen Vielfalt und Heterogenität innerhalb der anarchistischen Tradition und Denkweise, der Pluralität ihrer Strömungen, wie auch den teilweise widersprüchlich er-scheinenden theoretischen Grundlagen des Anarchismus. Insbesondere in Hinblick auf die verschiedenen individual-anarchistischen und kollektivistischen Stränge im Anarchismus wird überdeutlich, dass dieser in der sozialen Realität von inhärenten Spannungen durchzogen ist, welche sich auf theoretischer Ebene widerspiegeln und manifestieren. Als gemeinsamer Nenner aller Anarchist*innen – von hochgradig kollektivistischen Plattformist*innen bis hin zu extrem individualistischen Egoist*innen – kann in diesem Zusammenhang lediglich die Zielvorstellung gelten, alle Menschen als Individuen zu befreien und die Bedingungen zu schaffen, damit diese jeweils ihre Individualität verwirklichen können. Wird von einer, wenn auch fluiden, Kohärenz anarchistischer Traditionen ausgegangen,1 die zumindest dazu führt, dass sich Anarchist*innen unterschiedlichster Couleur aufeinander beziehen, liegt die Annahme auf der Hand, dass zwischen Individualismus und Kollektivismus innerhalb des Anarchismus ein grundlegendes Spannungsfeld liegt.Daraus ergeben sich die Fragen, wie verschiedene anarchistische Denker*innen mit diesem offensichtlich ungelösten Paradox umgehen und worin sie seine Ursache sehen. Doch bevor ich mich auf die Suche nach Antworten begebe, erscheint mir die Legitimität einer Betrachtung von anarchistischen Paradoxien und Spannungsfeldern, in einem maßgeblich vom Denken der europäischen Moderne geprägten Kontext, erklärungsbedürftig.

[…]

Ein postanarchistischer Ansatz zur Untersuchung sozialer Bewegungen

Lesedauer: 2 Minuten

Originaltitel: Whose streets, whose power? – Which streets, what power? – Ein postanarchistischer Ansatz zur Untersuchung sozialerBewegungen

Jonathan Eibisch

zuerst veröffentlicht in: Judith Vey, Johanna Leinius, Ingmar Hagemann (Hrsg.), Handbuch Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen. Ansätze, Methoden und Forschungspraxis, Bielefeld:. transcript 2019, S. 184-197.

verfügbar open source beim Transcript-Verlag

Abstract:

Konzeption eines postanarchistischen Ansatzes

Kernidee und Perspektive des Ansatzes

Mit dem hier vorgestellten postanarchistischen Ansatz wird eine solidarisch-kritische Befragung sozialer Bewegungen auf ihren Umgang mit Macht möglich, wozu ein Denken in Paradoxien genutzt wird. Ausgangspunkt der postanarchistischen Perspektive ist, dass Akteur*innen in (emanzipatorischen) sozialen Bewegungen ein ambivalentes Verhältnis zu Macht und Herrschaft haben, welches jeweils spezifiziert und problematisiert werden kann. Postanarchistische Ansätze gehen vom Konzept einer nach Autonomie strebenden Politik aus, die damit sichtbar und theoretisierbar wird. Damit betrachten sie, wie die ethischen, organisatorischen und theoretischen Ebenen von Akteur*innen-Handeln vermittelt werden.

Zentrale theoretische Grundlagen/Arbeiten

Im postanarchistischen Ansatz werden verschiedene theoretische Denkfiguren aus poststrukturalistischen Theorien mit anarchistischen Vorstellungen und Annahmen verbunden. Einen Hauptbezugspunkt dafür stellt Saul Newman (2010) dar, weil in seinem Werk diese Verbindung nach-vollziehbar gezogen wird und damit Grundlagen für eine erneuerte politische Theorie entwickelt werden. Die Annahme eines grundlegenden Spannungsfeldes zwischen Politik und Ethik/Utopie erweist sich als plausibel, um anarchistisches Denken zu erfassen.

Anwendung: Methoden

Der Postanarchismus stellt einen theoretischen Ansatz zur Verfügung, aus welchem kein bestimmtes Methodenset folgt. Im Rahmen der entwickelten Betrachtungsweise wird die Annahme einer Kluft einerseits zwischen den Ansprüchen von bestimmten Akteur*innen und ihrem tatsächlichen Handeln, sowie andererseits zu anarchistischen Zielvorstellungen und Handlungsstrategien zugrunde gelegt.

Anwendung: Fallbeispiel

Illustriert wird der konzeptionelle Beitrag durch Erfahrungen in den Protesten gegen den G20-Gipfel in Hamburg 2017.

Anwendung: Beispiele

Richard Day mit Gramsci is dead (2005) theoretisiert die globalisierungskritische Bewegung mit einer postanarchistischen Perspektive Saul Newman verbindet in The Politics of Postanarchism (2010) verschiedene Elemente poststrukturalistischer Theorien synkretistisch mit anarchistischem Denken um einen postanarchistischen theoretischen Ansatz zu entfalten Markus Lundström arbeitet in An Anarchist Critique of Radical Democracy (2018) mit postanarchistischer Theorie, um unter anderem die »Husby Riots« von 2013 unter einem spezifischen Blickwinkel zu betrachten