Autonome Theorieentwicklung – zum Beispiel Jörg Djuren

Lesedauer: 2 Minuten

In meinem Nachdenken über das Verhältnis von Anarchismus, Widerständigkeit, Theorie und Wissenschaft habe ich geäußert, dass es verschiedene Ebenen und Felder gibt, in denen anarchistische Theorie entsteht. So können Erkenntnisse aus akademischer Forschung Werkzeug für Aktive in der anarchistischen Szene liefern, ebenso, wie Entwicklungen in sozialen Bewegungen und ihren Kämpfen Theoretiker*innen inspirieren und ihre Theorie besser machen können. Ohnehin sollten wir derartige Trennungen nur schematisch ziehen. Letztendlich gilt es darauf zu schauen, wo die jeweiligen Personen stehen, welche Anliegen sie verfolgen, welche Mittel sie wählen und an welchen Schnittstellen sie stehen, um beurteilen zu können, ob ihr Handeln anarchistischen Ansprüchen entspricht.

Ich nichts dagegen habe, wenn anarchistische Themen und Perspektiven auch im akademischen Rahmen mehr diskutiert und verbreitet werden. Dies führt meiner Ansicht nach auch keineswegs zu einer „Akademisierung“ des Anarchismus insgesamt, die allerdings auch problematische Seiten hat. Sich theoretischem (und auch strategischem) Denken zu verweigern ist aber eben auch nicht die Lösung. In jedem Fall braucht es eine autonome Theorieentwicklung. Und dies ist leichter gesagt als getan, sind die Ansätze für eine selbstbestimmte Beschäftigung mit Theorie doch in den letzten Jahren zurückgegangen. Zumindest, als kollektive und selbstorganisierte Praxis.

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(Anti-)Politik und der kommunistische Anarchismus

Lesedauer: 11 Minuten

Dieser Beitrag wurde zuerst am 6.8.2022 auf anarchismus.de veröffentlicht. Es handelt sich um einen Gastbeitrag, weil ich eine andere Position und Perspektive als die Personen hinter der Seite habe. Dennoch betrachte ich es als meine Aufgabe, mein erworbenes Wissen und Denken weiter zu geben, um anarchistische Positionen zu unterfüttern und zu debattieren.

Gastbeitrag von Jonathan

Als ich vor inzwischen fünf Jahren beschlossen habe, mich umfassend der politischen Theorie des Anarchismus zu widmen, erschien es mir naheliegend, die Grundbegriffen dieser pluralistischen sozialistischen Strömung zu erforschen. Denn im Anarchismus gibt es ein eigenständiges theoretisches Denken, welches unbedingt mit der anarchistischen Ethik und ihren Lebensformen sowie anarchistischen Organisationsvorstellungen im Zusammenhang zu denken ist. Deswegen habe ich mir die Fragen gestellt: Was verstehen Anarchist:innen eigentlich unter „Politik“? Wie verhalten sich Anarchist:innen gegenüber „Politik“? Und: Kann es eine anarchistische „Politik“ geben und was wären ihre Kriterien? Mit dem Arbeitsbegriff (Anti-)Politik wird ausgedrückt, dass es sich um ein durch die bestehende Herrschaftsordnung bedingtes Spannungsfeld handelt, in welchem Anarchist:innen immer im Widerspruch handeln.

Staatlichkeit als organisiertes politisches Herrschaftsverhältnis

Auffällig ist, dass es in allen anarchistischen Strömungen eine grundlegende Kritik am Politikmachen gibt. Diese bezieht sich auf die Regierungspolitik, die staatliche Bürokratie, den Parlamentarismus und das Parteiensystem. Sie bezieht sich aber auch auf die politische Logik und Organisationsweise in einem weiteren Sinne. Denn das, was wir gemeinhin unter „Politik“ verstehen und mit ihr assoziieren ist kein neutrales Terrain. Vielmehr werden die Aktivitäten tendenziell autonomer und selbstorganisierter sozialer Bewegungen häufig dem Staat zugeordnet und oftmals von diesem vereinnahmt. „Politik“ gestaltet sich in liberal-demokratischen Gesellschaftsformen als politische Herrschaft. Das bedeutet, dass sich Staatlichkeit als Herrschaftsverhältnis zwischen Regierenden und Regierten herausbildete und dieses in potenziell alle gesellschaftlichen Bereiche hineingetragen wird.

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Schatzkiste: Aufruf zum Sozialismus! (Gustav Landauer)

Lesedauer: 207 Minuten

Gern würde ich an dieser Stelle selbst tief gehender mit Gustav Landauers bekanntem Aufruf zum Sozialismus von 1911 arbeiten und meine eigenen Gedanken dazu ausbreiten. Allerdings sind auch meine Kapazitäten begrenzt und fehlt mir im Moment die Zeit dafür. Ich müsste schon „tausend Leben in einem führen“ wollen, wie es die von Stirner und Nietzsche beeinflussten anarchistischen Individualist*innen um die letzte Jahrhundertwende formulierten. Ein Leben zu bewältigen, es bewusst zu führen und davor nicht dauernd wegzulaufen, ist aber Aufgabe genug.

Portrait Landauers von Hanns Ludwig Katz

Außerdem brauche ich das Rad auch nicht neu zu erfinden. Die Leute von der Gustav Landauer Initiative haben in den letzten Jahren schon akribisch an der Wiederentdeckung seiner Schriften und Gedanken gearbeitet. Diese ist zwar einerseits von ideengeschichtlicher Relevanz, kann jedoch auch starke Inspirationen für ein aktualisiertes Verständnis von sozialer Revolution geben. Weiterhin bezogen sich Eva von Redecker in Praxis und Revolution (2018) und Bini Adamczak in Beziehungsweise Revolution (2017) ausgiebig auf Landauers Revolutionsverständnis, dass sie meiner Ansicht nach auf nicht ganz stimmige Weise mit der marxistischen Theorie versöhnen wollen. Von Redecker versucht Landauers komplexes und ungewöhnliches Denken als einen „metaleptischen Paradigmenwechsel“ zu beschreiben, wobei sie sich auf ziemlich abstrakte Weise vor allem mit dem Struktur-Handlungs-Problem herum schlägt. Adamczak wiederum findet hier die Beschreibung von Revolution als „synaptischen Konstruktionsprozess“, die deutlich von herkömmlichen marxistischen Verständnissen zu unterscheiden ist. Nebenbei ist hierzu auch Landauers geschichtsphilosophische Schrift Revolution (1907) zu empfehlen. So gehaltvoll und innovativ seine Denkweise auch ist, muss sein Schreibstil zunächst gehörig entschwurbelt werden, um seinen Kern zu erfassen. Schließlich arbeitete unter anderem auch John P. Clark in The Impossible Community. Realizing Communitarian Anarchism (2013) mit grundlegenden Gedanken Landauers. Die Beschäftigung mit diesem Werk führte mich dahin, den kommunitaristischen Anarchismus als eigenständige Tendenz zu erfassen.

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Material: Anti-Hegemonietheorie (Richard Day)

Lesedauer: 3 Minuten

Richard Day schrieb 2005 das Buch Gramsci is dead. Anarchist currents in the newest social movements. Darin nahm er unter anderem die Hegemonietheorie von Antonio Gramsci als Ausgangspunkt, um in Abgrenzung zu dieser anarchistische Strategien darzustellen zu diskutieren. Das ist ziemlich plausibel, denn Anarchist*innen streben nicht danach, über den Weg der Hegemonie (= „Zustimmung + Zwang“), die Staatsmacht zu übernehmen, wie es kommunistische Parteien wollen. Vielmehr schaffen sie dezentrale, autonome und selbstorganisierte alternative Strukturen von unten. Dies spiegelt sich entsprechend auch in ihren Praktiken und Strategien wider. Day zeigt auf, dass der radikale Flügel der Anti-Globalisierungsbewegung sich genau daran orientiert und im Wesentlich anarchistisch inspiriert ist. Daneben kritisiert er die marxistische Hegemonietheorie jedoch auch aus einem anderen Grund: Seiner Ansicht nach funktioniert das neoliberale technokratische Herrschaftsarrangement in einer nahezu perfekten Anwendung hegemonialer Politik und kann sich somit als „nicht-ideologische Mitte“ darstellen. (Was es freilich nicht ist, denn es funktioniert im Wesentlichen als Projekt für die herrschenden Klassen.) Aus strukturellen Gründen würde eine hegemoniale Orientierung des eigenen Projektes, deswegen das bestehende Ordnung stützen, da deren Mechanismen der Vermittlung, Einbeziehung und Individualisierung unheimlich gut ausgebaut seien. Dies nennt Day, die „Hegemonie der Hegemonie“, gegen die eine linke Parteipolitik, als auch liberale Bewegungspolitik, welche auf die Inklusion von Minderheiten setzt, nicht ankäme.

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Rückblick: Workshop Anarchistische politische Theorie und Gesellschaftstheorie

Lesedauer: 7 Minuten

Vor einem Jahr fand ein Workshop zu anarchistischer politischer Theorie und Gesellschaftstheorie in Jena statt, den ich organisiert hatte. Zu diesem hatte ich eingeladen, um mehreren Anliegen nachzugehen. Zunächst war ich einfach interessiert, wer sich von diesem Thema angesprochen fühlt und sich melden würde. Dann wollte ich wissen, zu welchen konkreten Themenbereichen die einzelne Leute arbeiten oder gearbeitet haben und ob es dahingehend spannende Neuentwicklungen gibt. Drittens sollte der Workshop zu einer Vernetzung beitragen, um anarchistische Theorieproduktion zu stärken und auszubauen. Viertens wollte ich damit schließlich anarchistische Theorie im deutschsprachigen akademischen Bereich sichtbar machen und (im sehr begrenzten Rahmen freilich) in den wissenschaftlichen Diskurs einbringen.

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Zur Verwendung des Begriffs „Libertärer Sozialismus“

Lesedauer: 5 Minuten

Vermutlich ist es vielen der Lesenden dieses Blogs klar, warum ich von libertärem Sozialismus als Leitmotiv für eine „andere“ Gesellschaftsform spreche und schreibe. Um Unklarheiten zu vermeiden, möchte ich dies an dieser Stelle mein Verständnis noch einmal knapp skizzieren.

Ideengeschichtliche und politisch-theoretische Verortung

In überwiegender Hinsicht sind anarchistische Bewegungen ideengeschichtlich und politisch-theoretisch als Teil des Sozialismus zu begreifen. Neben Sozialdemokratie und Parteikommunismus ist Anarchismus eine der drei sozialistischen Hauptströmungen. Dies lässt ich in Hinblick auf die geteilten ethischen Werte von Solidarität, Gleichheit und Freiheit beschreiben. Es geht jedoch ebenso aus der ideengeschichtlichen Entwicklung hervor, nach welcher Anarchist*innen sich stets zu den „freiheitlicheren“ und selbstorganisierten Konzepten hingezogen fühlten. In den politischen Auseinandersetzungen innerhalb des Sozialismus‘ entwickelten sich „antiautoritäre“ und „libertäre“ Flügel, welche schließlich zur Formierung des expliziten Anarchismus ca. zwischen 1860 und 1880 führten.

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Kommentar: Ziviler Ungehorsam und direkte Aktion

Lesedauer: 9 Minuten

Marco Fatfat schrieb kürzlich in der Zeitschrift für philosophische Literatur eine Rezension über das Einführungsbuch „Civil Disobedience“ von William Scheuerman (Cambridge: Polity Press 2018). Ziviler Ungehorsam ist für den vorliegenden Zusammenhang selbstredend ein relevantes Thema. Aufmerksam wurde ich allerdings, als ich las, dass Scheuerman auch ein Kapitel über „Anarchist Uprising“ schrieb – immerhin wollte ich wissen, was er darunter versteht und wie er es einschätzt.

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Erich Mühsams Beitrag für eine anarchistische Synthese

Lesedauer: 18 Minuten

Originaltitel: Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat – Erich Mühsams Beitrag für eine anarchistische Synthese

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #109, Juli 2020

Mit seinem Traktat Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat. Was ist kommunistischer Anarchismus? schrieb Erich Mühsam eine lesenswerte Schrift, die weite Verbreitung gefunden hat. Der Literat, Aktivist und Lebenskünstler verfasste sie im Jahr 1932, das heißt zwei Jahre vor seiner Ermordung durch die Nazis im KZ Oranienburg am 10. Juli 1934. In diesem Beitrag ordne ich den Text historisch ein, stelle dar, warum sein Autor damit einen Beitrag zum synthetischen Anarchismus formuliert und kritisiere einige Annahmen, um ihren Gehalt weiterzuentwickeln.

von Jens Störfried

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Material: Zusammenhang Ethik, Organisierung, Theorie

Lesedauer: 3 Minuten

Vielleicht werde ich immer wieder mal Materialien zur Veranschaulichung bestimmter Aspekte und Denkfiguren anarchistischer Theorie hochladen. Dabei gilt für alle derartigen Schaubilder, dass sie keine Wahrheiten selbst verkörpern, sondern vor allem dazu dienen, das Erfassen komplizierter Themen zu unterstützen.

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