Suche, Sucht, Sehnsucht

Lesedauer: 5 Minuten

Stirner hängt mit mir ab und ärgert mich

Es kann doch wohl nicht wahr sein! Noch nicht mal eine Woche ist es vorbei, dass ich meine Arbeit eingereicht habe und schon fange ich wieder an, über neue Projekte nachzusinnen und produktiv sein zu wollen. Gut, einige Dinge hatte ich auch aufgeschoben. Und am Ende ist die Frage der eigenen Produktivität, ja immer eine von abstrakten Vergleichen mit von außen gesetzten Maßstäben. Aber einfach mal ganz raus zu kommen aus diesem Hamsterrad gelingt mir offenbar nicht. Auch, wenn ich es mir zu großen Teilen selbst geschaffen habe und auch, wenn das, was ich tue, eben nicht dazu führt, dass ich einen anerkannten Job kriege, mir einen Namen mache oder mein sexuelles Kapital steigern könnte. Im Gegenteil! Eher fühlt es sich so an, als würde ich kontinuierlich an meiner Selbstdemontage schrauben, an der Selbstsabotage meines eigenen Glücks.

Und ein Grund dafür ist sicherlich: Die Angst vor der Leere, die Angst vor dem Nichts. Die Verdrängung des Wissens darum, dass ich nur einmal lebe und dann tot sein werde, führt dazu, dass ich krampfhaft etwas erschaffen möchte – und dabei das Leben selbst verpasse. „Oh ha, der abgerissene Möchtegern-Intellektuelle (von der organischen Art…) hat wieder seinen existenziellen Nachmittag!“, höre ich euch da lästern. „Kaum kiffen sie mal Gras mit mehr High, schon denken die Bücherwürmer, sie wären Künstler!“. Und doch kann ich euch sagen, dass mich die Frage mit dem Nichts schon ausführlicher beschäftigt hat früher. Es war mit ungefähr 13, als ich das erste Mal in den Ab-Grund geschaut habe, dass ich in die schwärzeste Schwärze der tiefsten Tiefen gefallen bin. Und weil das später noch mehrmals geschah, habe ich mir vermutlich angewöhnt, den Leerlauf und die Leere zu vermeiden…

Ich sitze mit einem Bier in der Hand am Bordstein in einer verhipsterten alternativen Gegend, in der generell viele Leute stranden, die einen Neustart wagen wollten. Stirner setzt sich neben mich und wir stoßen an. Komischer Typ, denke ich. Je zu einem Viertel reformpädagogischer Lehrer, rotziger Punker, sensibler Philosoph und narzisstischer Selbstdarsteller. Ich weiß, den Syndikalist*innen und anarchistischen Kommunistischen gefällt es nicht, wenn Stirner auftaucht. Sie wollen ihn auch öfters rausschmeißen, so wie sie selbst aus der ersten und zweiten Internationale rausgeworfen und rausgeekelt wurden. Es mag den straighten Gewerkschafts- und Politaktivist*innen gefallen oder nicht – Aber ohne Leute wie den unheiligen Max (bzw. Johann Casper) gäb es wohl auch keinen Anarchismus. Und so ist es kein Zufall, dass Stirner die Angewohnheit aufzukreuzen hat, wenn relativ privilegierte Kleinbürgerkinder sich in der Gosse wähnen.

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Narzissmus: Wenn die Leere nie gefüllt wird, zerstört sie uns

Lesedauer: 19 Minuten

Ich bekam den Hinweis auf einen Text, der schon vor einer Weile von „carocaramel“ auf Indymedia veröffentlich wurde und der sich hier festzuhalten lohnt. In der Zusammenfassung heißt es:

Einige Überlegungen zum Narzissmus in antiautoritären Szenen. Ohne „professionellen“ Anspruch, aus Erfahrungen geschrieben. Narzisstische Persönlichkeiten und Charaktere sind tatsächlich ein ernstzunehmendes Problem, was der Verwirklichung unserer eigenen Ansprüche, als auch unserer Organisations- und Aktionsfähigkeit entgegensteht.

Die Autorin versucht darin ausführlich zu beschreiben, was sie als „Narzissmus“ begreift und in der „antiautoritären/autonomen/anarchistischen Szene“ offenbar erlebt hat zu interpretieren. Dabei scheint es sich um einen persönlichen Verarbeitungsprozess zu handeln. Dieser gibt einige interessante Anstöße, da die Ausgestaltung sozialer Beziehungen in einer „politischen“ Szene neben anderen Aspekten (Organisationsformen, Ideologie, Aktionsfähigkeit etc.) sicherlich ein wichtiger Faktor ist, um Handlungsfähigkeit unter widrigen Umständen zu erlangen. Weiterhin spiegelt sich darin der präfigurative Anspruch wider, erstrebenswerte Beziehungen vorweg zu nehmen. Also muss darüber nachgedacht werden, wie solche in einer besseren Gesellschaft aussehen können. Auf dieser Grundlage können gegenwärtig verbreitete Erscheinungen von problematischen Charakterbildern oder -zügen auch kritisiert werden – um ihre Weiterentwicklung zu ermöglichen. Nicht, um die Welt und die Menschen „wie sie sind“, an dem zu messen, „wie sie sein sollen“. Sondern ausgehend davon, dass es möglich ist, Hier und Jetzt Unterschiede zu machen. Bezogen auf Verhalten und Persönlichkeit kann demnach ein trotziges „So bin ich eben!“ auf eine ernstgemeinte Kritik nicht genügen. Gleichwohl wäre die Vorstellung völlig überzogen, es gälte jetzt „erst einmal“ Verhalten und Charaktere „zu verbessern“, „bevor dann“ organisiert werden könne. Oder auch, dass es sich bei diesem Anliegen um die hauptsächliche „politische“ Tätigkeit handeln würde. Das ist sie sicher nicht. Aber eine unter vielen. In der linksliberal-versifften Szene-Blase wird zwar viel über „political correctness“ definiert und Ein- und Ausschlüsse vorgenommen. Kollektive Bewusstseinsbildung geschieht darüber jedoch meiner Erfahrung nach selbst. Das ist schade, denn die Entwicklung einer anarchistischen Ethik sollte nichts sein, was einzelne Personen mit hohen moralischen Ansprüchen vorgeben – sondern ein andauernder Verständigungsprozess, der sich maßgeblich an unseren Erfahrungen statt an gesellschaftlich verbreiteten Normen oder Gesetzen orientiert.

Wie auch immer, im Beitrag werden denke ich Erfahrungen angesprochen, die sicherlich viele machen und für die es keine einfachen Lösungen gibt. Auch wenn einige Andeutungen gemacht werden, bleibt der Text allerdings größtenteils bei einer Beschreibung und könnte noch etwas tiefer schürfen…

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Ein (anti-)politischer Egoismus und Hedonismus

Lesedauer: 13 Minuten

Es gab ein Buch, das mich in letzter Zeit nachdenklich gemacht hat. Und zwar die reine Freude am Sein. Wie man ohne Gott glücklich wird, von Michel Onfray, welches 2008 auf deutsch erschienen ist. Interessant finde ich weniger die Inhalte an sich, sondern der Kontext, in dem es geschrieben ist. Denn Onfray startete gewissermaßen als Anarchist. Sein erstes Buch (1989) war eine Studie zum französischen Individualanarchisten George Palante, welcher sich auf Stirner und Nietzsche bezog. Onfray stellt sich explizit in diese individualanarchistische Tradition und formuliert davon abgeleitet eine vehemente Kritik an gängelnden, normierenden und repressiven Institutionen, sowie an jeglichen Ideologien, welche Einzelne zwingen und unterwerfen. Große Bekanntheit erlangte er mit seinem Buch Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muss (2006) und wurde durch seine Schriftstellerei so erfolgreich, dass er 2002 eine Art Volkshochschule in Caen gründete, in welcher er seinen eigenen Stil ausprägen konnte. Dieser besteht insbesondere darin, dass er die hedonistischen Strömungen der europäischen Philosophie als Tradition durch die Geschichte hindurch, in den Vordergrund stellt. Dazu schrieb er zwischen 2006 und 2013 einen Gegengeschichte der Philosophie in neun Bänden, von denen hier insbesondere der fünfte L’eudémonisme social – de Godwin à Bakounine interessant sein könnte. Wichtig ist zudem, dass Onfray sich als „Postanarchisten“ bezeichnet und aus dieser Position heraus eine vehemente Kritik an der EU, am Islam und an „liberalen“ Politikformen der Linken entwickelt – ohne deswegen jedoch das Subjekt der Klasse zu rehabilitieren.

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Wissenswertes vom Anarch@-Nietzscheanismus

Lesedauer: 5 Minuten

zu Paul Stephan: Links-Nietzscheanismus. Eine Einführung (Stuttgart 2020)

Kürzlich ist der zweite Band von Paul Stephans linker Nietzsche-Einführung beim Schmetterlingsverlag erschienen. Das ist sehr erfreulich, denn eine Beschäftigung mit dem Dynamit-Mann ist immer wieder lohnenswert. Stephans Schwerpunkt liegt dabei auf der Rezeptionsgeschichte Friedrich Nietzsches, womit der nachweist und verdeutlicht, welche ungeheuere Relevanz dieser unkonventionelle, eigensinnige, gekränkte Denker für die Philosophie insgesamt hatte. Nietzsche wurde kurz nach der Erscheinung von Stirners Der Einzige und sein Eigentum geboren und es heißt, dass er sich von diesem hat beeinflussen lassen (wobei Stephan einen direkten „Ideenklau“ für unwahrscheinlich hält.) Als Philosophen narzisstischer Kränkung, aus welcher eine lebensbejahende Einstellung entspringt, liegt die Verbindung auf der Hand. Die Parallelen zwischen beiden „liegen vor allem daran, dass beide von einer ähnlichen psychosozialen Situation ausgehen“ (S. 54).

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Emanzipatorische Subjektivierung?

Lesedauer: 18 Minuten

Originaltitel: Aber wie können und sollen sie denn nun sonst sein, eure Menschen?

– Über paradoxe Möglichkeiten emanzipatorischer Subjektivierung

Jonathan Eibisch

zuerst veröffentlicht in: Tsveyfl. Dissensorientierte Zeitschrift #2 „Anarchismus und Neomoralismus“

I Eine materialistische und subjekt-kritische Subjekttheorie als Ausgangspunkt

„Weil es kaum Jemand entgehen kann, daß die Gegenwart für keine Frage einen so lebendigen Anteil zeigt, als für die >soziale<, so hat man auf die Gesellschaft besonders sein Augenmerk zu richten. Ja, wäre das daran gefaßte Interesse weniger leidenschaftlich und verblendet, so würde man über die Gesellschaft nicht so sehr die Einzelnen darin aus den Augen verlieren, und erkennen, daß eine Gesellschaft nicht neu werden kann, solange diejenigen, welche sie ausmachen und konstituieren, die alten bleiben.“1

Faszinierend an diesem Zitat Max Stirners, des fundamentalen Kritikers der modernen bürgerlichen Subjektform, ist, dass es der landläufigen von Marx übernommenen Behauptung, er würde die ideologische Reinform des bürgerlichen Individualismus predigen und keinen Begriff von >Gesellschaft< und dementsprechend ihren sozialen Problemen haben, direkt entgegensteht. Vielmehr sieht Stirner die >soziale Frage< – heruntergebrochen die massenhafte Verelendung durch Proletarisierung in einer kapitalistischen Klassengesellschaft – als das entscheidende politische Problem seiner Zeit an. Seinen Beitrag dazu sieht er jedoch nicht etwa in der ökonomischen Analyse des Kapitalismus‘ oder Überlegungen zur politischen Organisierung der verschiedenen Gruppen von Subalternen, sondern in einer grundsätzlichen Kritik der bürgerlichen Moral und von ideologischen Moralregimen insgesamt. Denn Moral ist nun einmal immer die Moral von (allen möglichen) politischen (Herrschafts-)Projekten – und sei es von jenen, die sich auf einen aufklärerischen Humanismus („der Sache des Menschen“) oder sozialistischen Vorstellungen eines >neuen Menschen< („der Gerechtigkeit“) beziehen. Dementsprechend vollzieht sich Emanzipation – als gesamtgesellschaftlicher Vorgang – immer durch und an konkreten Einzelnen, die ihre Individualität unter äußerst ungleichen materiellen Voraussetzungen zu entfalten versuchen können. Sie gelingt nicht in Abgrenzung, nicht in hierarchischer Konkurrenz und dem Vergleich, der Ausgrenzung, Abwertung und somit nicht durch die Konstruktion von Anderen (sowie dem Ausschließen der Widerspiegelung ihrer Aspekte aus dem eigenen Selbst)2, sondern durch Betrachtung und bewusste Gestaltung der Einzigartigkeit – anstatt einer als essentiell behaupteten konstruierten individualistischen >Besonderheit<.

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Und worauf stellt du deine Sache?

Lesedauer: 10 Minuten

Zum 210. Geburtsjahr von Johann Caspar Schmidt alias Max Stirner

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #67 / Juli 2016

von Jens Störfried

Die nur so halb runde Zahl an Jahren möchte ich zum Anlass nehmen, einige Gedanken zu äußern, die mich beim Lesen von Max Stirner inspiriert haben. Genauer genommen war es nicht nur Stirner alleine und für sich, sondern auch seine Interpretation durch Saul Newman[1], die ich für die Entwicklung aktueller anarchistischer Theorien sehr wichtig finde. Jawohl, anarchistische Theorien![2] In diesem Beitrag soll es jedoch nicht darum gehen, den Lebensweg Stirners nachzuzeichnen, seine Rezeptionsgeschichte darzustellen oder seinen Einfluss zu bestimmen. Wer sich dafür interessiert, wird an verschiedenen Stellen fündig.[3] Hier ist also auch nicht der Platz für Einführung in die Gedanken Stirners, sondern es handelt sich um einige Gedanken zu ihm…

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