Was reicht, was reichhaltig und was armselig ist

Lesedauer: 5 Minuten

„Es reicht eben nicht, einmal im Jahr nach Plauen zu fahren und gegen Nazis zu demonstrieren!“ – so sagten die Stalinist*innen von der KO. Komisch, eigentlich kenne ich diese Aussage eher aus dem Kontext autonomer Antifa. Denn da ist allen klar, dass Antifaschismus weit mehr ist, als die sogenannte Feuerwehrpolitik. Die Aussage der aus der Zeit gefallenen rot-roten Ultra-Orthodoxen hat einen wahren Kern: Antifaschistischer Kampf kann nur sinnvoll gedacht werden und gelingen, wenn er in das Engagement für eine andere Gesellschaft eingebettet und daran orientiert wird. Dies ist deswegen der Fall, weil Faschismus eben nicht irgendwo vom Rand kommt, sondern in der „Mitte der Gesellschaft“ entsteht. So wie sozialistische Tendenzen gibt es auch eine faschistische Tendenz in dieser Gesellschaft.

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Intervention: Neuer VS-Bericht

Lesedauer: 7 Minuten

Toll! Endlich ist der neue Verfassungsschutzbericht des Innenministeriums veröffentlicht worden. Darin finden sich wieder allerlei Märchen, die hauptsächlich fünf Zwecken dienen: 1. zu Bürger*innen zu erschrecken, 2. die gesellschaftliche Linke insgesamt zu diskreditieren, 3. linke Bewegungen zu spalten, 4. „linken“ und „rechten“ Radikalismus gleichzusetzen, 5. die bestehende Herrschaftsordnung, ihre Institutionen und Trägerinnen als angeblich „ideologiefrei“ zu labeln und schließlich 6. die vermeintliche „Arbeit“ dieses obskuren Vereins von Voyeur*innen auf Biegen und Brechen zu rechtfertigen.

All diese Gründe wären schon ausreichend, um auf eine Abschaffung des VS hinzuwirken. Wie ihr wisst kommen aber die bekannten und unbekannten Verstrickungen von VS-Mitarbeiter*innen mit handfesten Faschistinnen hinzu. Über Jahrzehnte flossen so Staatsgelder in neonazistische Gruppen, wurden der NSU finanziert, Akten über Faschos geschreddert, Gewalttaten von Nazis gedeckt. Es gibt nur eine sinnvolle Antwort auf die kruden Machenschaften dieses Ladens und die liegt in seiner Abschaffung.

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Ein postanarchistischer Ansatz zur Untersuchung sozialer Bewegungen

Lesedauer: 2 Minuten

Originaltitel: Whose streets, whose power? – Which streets, what power? – Ein postanarchistischer Ansatz zur Untersuchung sozialerBewegungen

Jonathan Eibisch

zuerst veröffentlicht in: Judith Vey, Johanna Leinius, Ingmar Hagemann (Hrsg.), Handbuch Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen. Ansätze, Methoden und Forschungspraxis, Bielefeld:. transcript 2019, S. 184-197.

verfügbar open source beim Transcript-Verlag

Abstract:

Konzeption eines postanarchistischen Ansatzes

Kernidee und Perspektive des Ansatzes

Mit dem hier vorgestellten postanarchistischen Ansatz wird eine solidarisch-kritische Befragung sozialer Bewegungen auf ihren Umgang mit Macht möglich, wozu ein Denken in Paradoxien genutzt wird. Ausgangspunkt der postanarchistischen Perspektive ist, dass Akteur*innen in (emanzipatorischen) sozialen Bewegungen ein ambivalentes Verhältnis zu Macht und Herrschaft haben, welches jeweils spezifiziert und problematisiert werden kann. Postanarchistische Ansätze gehen vom Konzept einer nach Autonomie strebenden Politik aus, die damit sichtbar und theoretisierbar wird. Damit betrachten sie, wie die ethischen, organisatorischen und theoretischen Ebenen von Akteur*innen-Handeln vermittelt werden.

Zentrale theoretische Grundlagen/Arbeiten

Im postanarchistischen Ansatz werden verschiedene theoretische Denkfiguren aus poststrukturalistischen Theorien mit anarchistischen Vorstellungen und Annahmen verbunden. Einen Hauptbezugspunkt dafür stellt Saul Newman (2010) dar, weil in seinem Werk diese Verbindung nach-vollziehbar gezogen wird und damit Grundlagen für eine erneuerte politische Theorie entwickelt werden. Die Annahme eines grundlegenden Spannungsfeldes zwischen Politik und Ethik/Utopie erweist sich als plausibel, um anarchistisches Denken zu erfassen.

Anwendung: Methoden

Der Postanarchismus stellt einen theoretischen Ansatz zur Verfügung, aus welchem kein bestimmtes Methodenset folgt. Im Rahmen der entwickelten Betrachtungsweise wird die Annahme einer Kluft einerseits zwischen den Ansprüchen von bestimmten Akteur*innen und ihrem tatsächlichen Handeln, sowie andererseits zu anarchistischen Zielvorstellungen und Handlungsstrategien zugrunde gelegt.

Anwendung: Fallbeispiel

Illustriert wird der konzeptionelle Beitrag durch Erfahrungen in den Protesten gegen den G20-Gipfel in Hamburg 2017.

Anwendung: Beispiele

Richard Day mit Gramsci is dead (2005) theoretisiert die globalisierungskritische Bewegung mit einer postanarchistischen Perspektive Saul Newman verbindet in The Politics of Postanarchism (2010) verschiedene Elemente poststrukturalistischer Theorien synkretistisch mit anarchistischem Denken um einen postanarchistischen theoretischen Ansatz zu entfalten Markus Lundström arbeitet in An Anarchist Critique of Radical Democracy (2018) mit postanarchistischer Theorie, um unter anderem die »Husby Riots« von 2013 unter einem spezifischen Blickwinkel zu betrachten

Geh 20 Reflexionen anstellen

Lesedauer: 11 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Lirabelle #16 / Dez. 2017; online auf: http://lirabelle.blogsport.eu/2017/12/12/geh-20-reflexionen-anstellen/

Die vielfältigen Ereignisse in den Tagen des G20-Gipfels in Hamburg bekamen bundesweit, europaweit, wie erwartet große Aufmerksamkeit. Wieder einmal kam es zu einer neuen Stufe von Polizeigewalt, Überwachung und Repression. Als Konsequenz daraus wird von staatstragenden Politiker*innen unter anderem die Ausräucherung von Rückzugsräumen für die „autonome Szene“ gefordert. Endlich sollen eine europaweite Extremist*innen-Datei durchgesetzt und die massive Aufrüstung der Polizei sowie ihr willkürliches Vorgehen gerechtfertigt werden. Im selben Zuge fordern Bewegungslinke fassungslos ein, rechtsstaatliche Prinzipien anzuerkennen und die Gewaltenteilung beizubehalten…

Das Großevent G20-Gipfel wurde wie zu erwarten zu einem prägenden Moment für linke Bewegungen. Mona Alona war im Gefahrengebiet und konzentriert sich in diesem Artikel auf einige diskussionswürdige Aspekte im Zusammenhang mit den Gipfel-Protesten. Noch von den Eindrücken des Gipfels berauscht als auch verstört werden sie nicht chronologisch und bruchstückhaft dargestellt…

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„Thüringen goes Hamburg?“

Lesedauer: 4 Minuten

Einige Gedanken zur Beteiligung Thüringer Bewegungs-Linker an den Protesten gegen den G20-Gipfel

zuerst veröffentlicht in: AIBJ

von Hermann

Was machen ein paar dutzend Thüringer an einem verlängerten Wochenende in Hamburg? Eine Klassenfahrt? Party auf der Reeperbahn? Arbeit suchen in einer der reichsten Städte der BRD? Normalerweise wahrscheinlich sowas in der Art. Das Wochenende um den 7./8. Juli bewog Menschen mehrheitlich aus anderen Gründen die Hafenstadt zu besuchen…

Gründe um gegen das Herrschaftssystem in dem wir leben und seine Auswüchse zu protestieren gibt es so viele wie Menschen, die darunter leiden; Kristallationspunkte für die Manifestation eines antikapitalistischen, emanzipatorischen Aufschreis gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung eigentlich auch. Insofern ist die Frage zu stellen, weswegen gerade der G20-Gipfel als Symbol den Widerstand einer großen Zahl Menschen auf sich zog.

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Hamburg Anfang Juli

Lesedauer: 19 Minuten

Originaltitel: Hamburg Anfang Juli – verspätet campen, tanzen, vernetzen, demonstrieren, protestieren und die Entfaltung der bürgerlichen Hetzjagd

Wie ein linkes Gathering für die Legitimation und den Ausbau des Polizeistaates instrumentalisiert wurde

zuerst veröffentlicht in: GaiDao #80 / Aug. 2017

von Jens Störfried

Der Autor hatte ohnehin vor, aus Interesse, Gewohnheit und dem Bedürfnis nach Protest gegen die internationalisierte Herrschaftsordnung, die unter anderem von den G20-Treffen verkörpert werden, nach Hamburg zu fahren. Schließlich ist es immer spannend wenn so viele unterschiedliche Einzelpersonen und Gruppen zusammen kommen um auf ganz verschiedene Weisen ihren Protest vorbringen. Diesmal betrachtete er das ganze Spektakel als eine Art Studie, wohl wissend, dass er sich sonst maßlos über sehr vieles aufregen würde. Doch auch mit einer gesunden Distanz gegenüber vielen protestierenden Gruppierungen und dem ganzen Spektakel überhaupt, stellten die Gipfeltage eine emotional äußerst belastende Ausnahmesituation dar. Willkommen im seelischen und körperlichen Gefahrengebiet! Willkommen im Polizeistaat! Der Bericht ist chronologisch und bewusst persönlich gehalten. Es werden dabei keine Informationen preisgegeben, die nicht ohnehin bekannt sind. Dennoch sollten sich alle immer wieder genau überlegen, was sie wem und wie erzählen… Die Fußnote zu den bürgerlichen Medien habe ich nicht eingefügt, weil ich von ihnen meine Infos beziehe, sondern um aufzuzeigen, wie die Geschehnisse dort aufgenommen wurden.

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Großevents – der Linken liebstes Kind

Lesedauer: 7 Minuten

Reflexion über meine Motivation daran teilzunehmen

zuerst veröffentlicht in: Lirabelle #11 / Dez. 2015

von Mona Alona

Frankfurt 18. März, Garmisch-Partenkirchen 3.-7. Juni, Berlin 21. Juni – hatte ich nichts anderes, sinnvolleres zu tun, als mir diese und andere antikapitalistischen Events anzuschauen? Wusste ich nicht zuvor schon, was mich jeweils erwarten würde und das es „realistisch“ betrachtet im Grunde genommen keinen Unterschied macht, ob ich mich als einzelne Person beziehungsweise mit einer Bezugsgruppe in routinierte Protestmodi hineinbegebe, die mit verschiedenen Argumenten kritisiert werden können und sollten? Gelegentlich scheint es, als würden Linke, wenn ihnen nichts besseres einfällt um ihre Ohnmachtsgefühle zu kompensieren, das tun, was sie eben gefühlt am besten können: eine Demo zu organisieren, damit sich im Zweifelsfall immerhin alle Aktivist*innen mal wieder treffen und durchzählen können, wie viele es von ihnen denn noch gibt.

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Schwierigkeiten und Widersprüche antirassistischer Arbeit

Lesedauer: 9 Minuten

Originaltitel: Schwierigkeiten und Widersprüche antirassistischer Arbeit und bei der Unterstützung Geflüchteter am Beispiel der Gruppe yalla-connect bei der Landeserstaufnahmestelle in Eisenberg/Jena

zuerst veröffentlicht in: Lirabelle #9 / Juni 2015

Der Artikel wurde aus einem gekürzten Interview mit Abdo und Gerd von Jens Störfried in Textform übertragen.

Vor mittlerweile einem halben Jahr hat sich eine Gruppe von Studierenden zusammengefunden, um sich mit der Situation in der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge (LAST) in Eisenberg auseinander zu setzen und die Geflüchteten praktisch zu unterstützen. Gemeinsam mit organisierten Geflüchteten aus Eisenberg wurde das Projekt yalla-connect ins Leben gerufen, welches zum Ziel hat, die Situation in der LAST öffentlich zu thematisieren und die unmenschlichen Zustände dort grundlegend zu verändern. An dieser Stelle sollen nicht die Veröffentlichungen der Initiative vorgestellt werden, doch seien diese als Hintergrund empfohlen.

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„THIS is Propaganda – Yeah! Yeah! Yeah!“*

Lesedauer: 7 Minuten

*So lautete die Aufschrift eines selbstironisches Plakats bei einer einer Hausbesetzung am 1. und 2. Juli in Jena, die Jens Störfried im Folgenden illustriert und interpretiert.

zuerst veröffentlicht in: Lirabelle #6 / Sept. 2014

von Jens Störfried

Mein Artikel in der letzten Lirabelle endete mit den Worten, das Intervention im Sinne eines kollektiven und widersprüchlichen Bewusstseinsbildungsprozess organisiert werden soll. Seit dem Erscheinen jenes Artikels, aber auch nach der letzten Besetzung ein halbes Jahr zuvor, am 6. Dezember 2013, haben sich die Prozesse weiterentwickelt und mündeten eben in jenem zweiten Versuch am ersten Juli. Inwiefern diese Aktion als gelungen betrachtet werden kann oder nicht, was ihre Erfolge waren und wo sie hinter ihren Ansprüchen zurück blieb, ob der organisatorische Aufwand in angemessenem Verhältnis zu den Zielen stand, und ob es ihr gelang auf der vorherigen Besetzung aufzubauen und diese weiterzuentwickeln – all dies sind Fragen, die es zu diskutieren gilt. Es sind Fragen, die nun diskutiert werden können und zwar nicht im abstrakten luftleeren theoretischen Raum, sondern anhand geschaffener Tatsachen, welche nicht damit vergehen, dass die Besetzer_innen nach 23 Stunden – diesmal zumindest juristisch korrekt – von Schlägern in Uniform geräumt wurden.

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Immer (nur) neue soziale Bewegungen oder Senfkorn-Revolution?

Lesedauer: 44 Minuten

Der Revolutions-Begriff David Graebers

zuerst veröffentlicht in: Paradox-A /Aug. 2014

von Jonathan Eibisch [nicht überarbeitet]

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
2 Die Bedingungen der (revolutionären) Zeit
– Herrschaft – Kapitalismus – Neoliberalismus – Widerstand –
3 Fluchtbewegungen zur anderen Gesellschaft als Leitbilder der sozialen Revolution
– (basis)demokratisch – antikapitalistisch – herrschaftsfrei –
4 Von Aktivisten, Unterdrückten und potenziellem Aufbegehren – die Konstitution des revolutionären Subjektes
– Aktivistinnenszene – Unterdrückte – potenziell alle –
5 Zur revolutionären Praxis
– Aufbau von Alternativkulturen – Organisation sozialer Bewegungen – politische Auseinandersetzung und revolutionäre Aktion – Neues im Alten –
6 Grundlagen eines Revolutionsbegriffes mit den Annahmen Graebers
Literatur- und Quellenverzeichnis

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