Ein Realismus, der Entscheidendes verfehlt

Lesedauer: 8 Minuten

Wie ein Pastorensohn einen Ex-Fürsten bestiehlt

von Jonathan Eibisch

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Viel Aufsehen erregte der junge Journalist Rutger Bregman der vom Guardian als „niederländisches Wunderkind für neue Ideen“ bezeichnet wurde, wie seiner Homepage nach zu entnehmen ist. Da der menschliche Verstand begrenzt ist, wundern wir uns immer wieder. Vielleicht könnte die Fähigkeit, sich zu wundern, tatsächlich auch als eine genuin menschliche Eigenschaft bezeichnet werden. Menschen die älter werden, nehmen Dinge oft als gegeben hin. Immerhin müssen sie sich orientieren in der Welt und Neuem zu begegnen ist zweifellos bei all seinem Reiz auch anstrengend. Wer sich hingegen die Fähigkeit sich wundern zu können bewahrt und weiterentwickelt, wird auch weiterhin Fragen stellen und seine Lebensbedingungen nicht einfach als gegeben hinnehmen, sondern von ihrer Veränderbarkeit ausgehen.

Wenn es den Feuilletonist*innen der Zeitungsbranche ein Rätsel zu sein scheint, woher Bregmans wunderliche Ideen stammen, so jedoch vor allem deswegen, weil ihr Horizont offenbar beschränkt ist. Wie ich an anderer Stelle bereits in Kürze gezeigt habe[1] lässt sich meines Erachtens nach relativ plausibel nachweisen, dass Bregman seine Konzepte im Grunde genommen von Peter Kropotkin, einem der bekanntesten Denker*innen des anarchistischen Kommunismus stammen.

Das Buch Utopien für Realisten (2017) entspricht dieser Lesart nach von seiner Intension her ziemlich direkt Kropotkins Die Eroberung des Brotes (Erstausgabe 1892), wie Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit (2020) dessen Gegenseitige Hilfe in Tier- und Menschenwelt (1902) nachgeahmt ist.

Nun ist es keine Schande, populäre Bücher zu schreiben, um sie verkaufen zu können. Filme, Theaterstücke oder Musikalben werden immerhin oftmals auch nicht lediglich aus reiner Schaffensfreude produziert. Äusserst problematisch ist es hingegen, wenn die Stichwortgeber für die eigenen Ideen nicht genannt werden, was entweder auf eine gravierende Unkenntnis an entscheidender Stelle oder auf ein absichtliches Verschweigen hindeutet.

Doch zunächst zu den augenfälligen Analogien. In seinem Bestseller und Debüt-Werk von 2017 tritt Bregman für das bedingungslose Grundeinkommen, die 15-Stunden-Woche und offene Grenzen ein. Offensichtlich hat er damit den Nerv von nach Orientierung suchenden Linksliberalen getroffen, welche Utopie-los durch den Kosmos des 21. Jahrhunderts irren.

Der Beginn des Buches mag überraschen, denn Bregman beginnt mit einer Aufzählung der unglaublichen gesellschaftlichen Errungenschaften der letzten ein-zwei Jahrhunderte. Ob die Verringerung von Kindersterblichkeit, von weltweiter Armut, der Erleichterung des alltäglichen Lebens durch Haushaltsmaschinen, den ungeheuren Möglichkeiten moderner Produktionsweisen und Kommunikationsmitteln – enorm viel hat sich verändert und „verbessert“ möchte man meinen.

Das all diese Errungenschaften jedoch einerseits durch auf systematischer Ausbeutung von Lohnarbeit, Umweltzerstörung und internationaler Ausbeutung beruhen, während der europäischen Industrialisierung massives soziales Elend hervorbrachten und dies auch heute noch weltweit tun, dazu verliert Bregman an dieser Stelle kein Wort. Gleichwohl geht er genauso wie Kropotkin an sein Werk heran, wenn dieser einleitend formuliert: „Wir sind wahrhaftig reich, viel reicher, als wir annehmen: reich an dem, was wir bereits besitzen, noch reicher an Produktionsmöglichkeiten mit unserer vorhandenen (mechanischen) Ausrüstung und am allerreichsten an dem, was wir dank unseres Bodens, unserer Manufakturen, unserer Wissenschaft und unserer technischen Kenntnisse zustande bringen könnten, würden sie nur benutzt, um Wohlstand für alle zu schaffen“[2].

Wohlstand für alle ist erreichbar und „realistisch“, weil die Produktionsverhältnisse und die gesellschaftlichen Bedingungen dafür vorhanden sind. Von diesem Fortschrittsoptimismus hat Bregman sich eine gehörige Scheibe abgeschnitten. Dabei geht es ihm um die Wiedergewinnung des utopischen Denkens. Allerdings in der Politik anstatt wie für Kropotkin für autonome soziale Bewegungen.

Bregman gibt sich dennoch den Anstrich des radical chic, wenn der demgemäss am Ende seines Buches schreib: „Ich meine eine Politik, in der es nicht um Regeln, sondern um Revolutionen geht – nicht um die Kunst des Möglichen, sondern um die Kunst, das Unmögliche unvermeidlich zu machen. […] Und diese Politik ist etwas ganz anderes als die, die sich auf das Mögliche beschränkt. Die eine Politik erhält des Status quo, die andere erschafft Neues“.[3] Diese Haltung hätten die „Underdog-Sozialisten“ verlernt – zumindest eine These, der ich bedingungslos zustimmen würde.

Von Kapitel zwei bis vier argumentiert Bregman für das bedingungslose Grundeinkommen, wozu er sich – wie auch sonst in seinen Texten durchgängig – auf zahlreiche wissenschaftliche Studien bezieht, mit welchen er überzeugen möchte. Die Argumente dafür sind bekannt: Menschen können durchaus selbst etwas mit ihrem Leben anfangen und arbeiten oftmals sogar produktiver, wenn ihnen einfach gegeben wird, was sie brauchen.

Mit der Produktivität und Effektivität des anarchistischen Kommunismus begründet auch Kropotkin seine Konzeption, um den landläufigen Vorurteilen entgegen zu wirken, welche seiner Perspektive entgegen geschmettert werden. Dies bedeutet zunächst ein Aufbrechen des Glaubenssatzes, Menschen könnten nur durch Lohnarbeit zufrieden werden, wie er leider allzu oft auch von vielen Sozialist*innen propagiert wurde.

Doch wo Bregman noch zaghaft auf ein Umdenken hofft, räumt Kropotkin mit dem Wahnsinn auf: „Schluss mit solche zweideutigen Formeln wie ‚Recht auf Arbeit‘ oder ‚Jedem das vollständige Produkt seiner Arbeit‘. Wir proklamieren das Recht auf Wohlstand – den Wohlstand für alle!“[4] (S. 81).

Die Herangehensweise Bregmans ist also keineswegs eine neue, sondern eine wohl vertraute, wenn wir etwa lesen können: „Gleichzeitig entstehen unter tausend verschiedenen Gesichtspunkten neue, auf dasselbe Prinzip: Jedem nach seinen Bedürfnissen gegründete Organisationen; denn ohne eine gewisse Dosis Kommunismus vermögen die gegenwärtigen Gesellschaften nicht zu leben. Trotz der durch die Warenproduktion evozierten beschränkten egoistischen Geistesverfassung offenbart sich die kommunistische Tendenz in jedem Moment und dringt in allen möglichen Gestalten in unsere Verhältnisse ein“ (S. 97)[5].

Im fünften Kapitel fordert Bregman „Neue Kennzahlen für eine neue Ära“, sprich, er kritisiert vor allem die Masseinheit des Bruttoinlandsproduktes (BIP), als völlig unzureichend, um den wirklich Wohlstand und die Zufriedenheit einer Bevölkerung zu bestimmen.

Hierbei handelt es sich nun wirklich nicht um eine neue Erkenntnis, wird dieses doch schon seit den 80er Jahren von all jenen Ökonomien kritisiert, die sich nicht der neoliberalen Doktrin gefügt haben. Doch auch dahinter lässt sich wiederum der anarchistisch-kommunistische Grundgedanke erkennen, dass erbrachte Leistungen in der Gesellschaft überhaupt nicht vergleichbar sind, da Reproduktionstätigkeiten, Sorgearbeiten, kreative und wissenschaftliche Arbeiten nicht bewertet werden können. Sie sollten auch gar nicht bewertet werden, da es auch die ökonomische Produktion letztendlich kein Selbstzweck ist (beziehungsweise nicht um des Profites willens sein sollte), sondern ihr Ziel in der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, also in einem ausser-ökonomischen Zweck, liegt.

Dann geht es um die erwähnte 15-Stunde-Woche, wobei Bregman sich teilweise auf ebenso kleinliche Rechenaufgaben bezieht, wie seinerzeit Kropotkin. Der kalkuliert, dass 30 Stunden Arbeitszeit pro Woche ausreichen müssten, um eine fünfköpfige Familie zu ernähren – da er dabei von einem Allein-Ernährer-Modell ausgeht, landet man bei zwei Verdiener*innen in der Familie ergo wiederum bei 15 Stunden Wochenarbeitszeit.

Auch die Maschinisierung und die damit einhergehende Verknappung von notwendiger Arbeitszeit bespricht Bregman im achten Kapitel, wie auch Kropotkin in Hinblick auf die Produktion[6] als auch für die Erleichterung der Reproduktion, insbesondere bei der Haushaltsarbeit[7], wobei für ihn feststeht, dass Maschinen Gemeineigentum werden müssen, damit es auch die Produkte sind, die damit hergestellt werden[8].

Was schliesslich Bregmans Forderung nach offenen Grenzen angeht, widerlegt er im neunten Kapitel zurecht landläufige Vorurteile, welche gegen Einwanderung angebracht werden. Auch darin findet sich nichts Neues, wobei sich für Kropotkin 1892 die Frage tatsächlich anders stellte, da die nationalstaatlichen Grenzen erst im Verlauf des ersten Weltkrieges immer undurchdringlicher werden. Demnach war für ihn – im Unterschied etwa zu Vielen deutschen und französischen Sozialdemokrat*innen schlichtweg selbstverständlich, dass der Sozialismus nur transnational umgesetzt werden kann. In seinem Kapitel über freie Vereinbarungen betont er allerdings dezidiert die Vorteile transnationaler Kooperation nicht-staatlicher Akteure[9].

Anhand dieser Beispiele lässt sich also veranschaulichen, dass Bregman durchaus dem Modus nach Kropotkins Herangehensweise verfolgt. Die Kerngedanken sind dabei, erstens, dass die materiellen, psychischen und kulturellen Bedingungen vorhanden sind, um einen wirklichen sozialen Fortschritt möglich zu machen.

Zweitens geht es darum, dass kommunistische und anarchistische Tendenzen bereits in der vorfindlichen Gesellschaft vorhanden sind und immanent aus dieser heraus entwickelt werden könnten, was zugleich aber bedeutet, mit den herrschenden Verhältnissen zu brechen. Nun mag es einen guten Grund haben, dass Bregman seinen Ideengeber nicht einmal genannt hat: Ich vermute, er befürchtete, dass sich sein Buch nicht so gut verkaufen würde, wenn sich heraus stellte, dass wesentliche Gedanken darin bereits im anarchistischen Kommunismus entwickelt wurden und Bregman sie lediglich in einem linksliberalen Wohlfühlprogramm verpackt und verhunzt.

Abgesehen davon, dass die Namensnennung nach den Verkauf des Buches meiner Ansicht nicht gemindert hätte, gibt es jedoch auch zwei fundamentale Unterschiede zwischen beiden Denkern: Kropotkin geht von der Notwendigkeit der Enteignung aus, welche durch Akteure einer autonomen und ermächtigten Arbeiter*innenklasse durchgeführt werden müsse, während Bregman an den Eigentumsverhältnissen lediglich mit einer Tobinsteuer rütteln und Steuerparadiese austrocknen möchte. Dabei appelliert er letztendlich an den Staat verlässt den Rahmen staatlich eingehegter Politik jedoch keinen Zentimeter.

Dies ist der Punkt, an welchem Bregmans Adaption wirklich ärgerlich ist, weil sie Menschen Flausen in den Kopf setzt, welche sie oberflächlich und kurzzeitig begeistern können, die dann anschliessend jedoch rasch vergessen werden und zu Enttäuschungen führen müssen. Es hat eben strukturelle Gründe, warum die politische Klasse und die Besitzenden kein Interesse für die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens, der 15-Stunden-Woche und für Einwanderungspolitik sehen. Da kann Bregman argumentieren, dass dies – selbst aus kapitalistischer Sicht – vernünftig wäre, wie er will.

Auch Kropotkin betrieb im Wesentlichen Bildung und Propaganda und trug auch etwas zur Organisierung bei. Dies spielt sich dennoch auf einer anderen Ebene ab, als Bregmans Aktivitäten, der meint, dass bereits „Ideen die Welt verändern“, wie er im zehnten Kapitel schreibt. Denn für den Anarcho-Kommunisten ist klar, dass es zwar überzeugende Konzepte, jedoch vor allem Organisation und Klassenkämpfe bedarf, um dem sozialen Fortschritt mit einer sozialen Revolution die Tür aufzustossen.

Für den Linksliberalen hingegen, welcher Inspirationsquellen sucht, um einer erlahmten Technokratie und einem schwächelnden Neoliberalismus einige innovative Vorschläge entgegenzusetzen, löst sich jede Auseinandersetzung in der Behauptung einer im Grunde guten Menschheit auf, die nur neu begeistert werden müsste. Wie bereits erwähnt, bedient er sich in seinem folgenden Buch in gleicher Manier an den Grundgedanken von Kropotkins Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt.

In einem ist Bregman wahrlich ein Meister: Darin, gute Ideen zu klauen und als völlig neue Innovation auszugeben. Doch zwischen beiden Positionen handelt es sich nicht lediglich um einen graduellen Unterschied, in dem Sinne, dass die tauschwertfreien anarchistischen Kommunist*innen radikal bis fundamentalistisch die progressiven Ideen vertreten würden, während Eigentums-bezogene Linksliberale in der Lage wären, sie in weitere Bevölkerungskreise zu tragen und anschlussfähig zu machen. Vielmehr besteht eine grundlegende Differenz darin, wie Kapitalismus, Staat und Grenzen wahrgenommen und dementsprechend ihre Überwindung gedacht werden.

Während Bregman sich hierbei eine neue Vision für linke Politik herbei wünscht, weiss Kropotkin, dass Politik als Herrschaftsverhältnis überwunden werden muss um „Utopien für Realisten“ einzuführen: „Es wird völlig unmöglich sein, die Enteignung durchzuführen, wenn die Gesellschaft nach dem Prinzip der parlamentarischen Repräsentation organisiert ist. Eine auf Leibeigenschaft beruhende Gesellschaft stimmte mit der Monarchie nicht überein; eine auf dem Lohnsystem und auf Ausbeutung durch die Kapitalisten basierende Gesellschaft findet den ihr gemässen politischen Ausdruck im Parlamentarismus. Doch eine das gemeinsame Erbe wieder antretende freie Gesellschaft muss sich in harmonischer Übereinstimmung mit der neuen ökonomischen Geschichtsphase eine neue Organisation freier Gruppen und freier Gruppenföderationen suchen. Jeder ökonomischen Phase entspricht eine politische Phase und es würde nicht möglich sein, das Privateigentum anzutasten, fände man nicht zugleich einen neuen Modus für das politische Leben“[10](S. 106).

Um diesen neuen Modus für das politische Leben zu finden, gibt es Ansatzpunkte mit den Stichworten „Autonomie, „Dezentralität“, „Föderalismus“, „Horizontalität“ und „Freiwilligkeit“. Da Bregman sich so realistisch jedoch nicht mit der Utopie auseinandersetzen möchte, empfehle ich eher Kropotkin zu lesen. Zweifellos bleibt es jedoch eine Herausforderung eine populäre und visionäre Strömung im anarchistisch-kommunistischen Geist zu begründen. Dabei sind diese Tendenzen in den verschiedenen sozialen Bewegungen durchaus vorhanden. Ganz ohne Optimismus und Zukunftsorientierung lassen sie sich jedoch nicht aufspüren, vertiefen und ausweiten.

Fussnoten:

[1] https://kritisch-lesen.de/rezension/sozialismus-fur-mensch-und-tier

[2] Kropotkin, Peter, Die Eroberung des Brotes und andere Schriften, München 1973, S. 71.

[3] Bregman, Rutger, Utopien für Realisten, Hamburg 2017, S. 249.

[4] Kropotkin 1973, S. 81.

[5] Ebd., S. 97.

[6] Ebd., S. 166ff..

[7] Ebd., S. 191ff.

[8] Ebd., S. 80.

[9] Ebd., S. 196-211.

[10] Ebd. S. 106.

Politische Anthropologie eines Pseudo-Kropotkin

Lesedauer: 5 Minuten

Auf kritisch-lesen.de erschien meine Rezension zu Rutger Bregmans Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit (Rowohlt 2020). Den Titel den die Redaktion gewählt hat, kann ich nur bedingt nachvollziehen, ebensowenig wie die Schlagworte „Tierrecht“ und „Naturschutz“ mit denen die Besprechung getaggt wurde – aber gut, so ist das wohl manchmal im Journalismus. Meine entscheidende These lautet jedenfalls: Bregman adaptiert Kropotkin, auf welchen er bei dieser Thematik sicherlich gestoßen sein müsste, ohne den Ideengeber für eine positive politische Anthropologie und rational begründete Ethik beim Namen zu nennen.

Sozialismus für Mensch und Tier

Nach seinem Bestseller „Utopien für Realisten“ (2017) erschien jüngst ein weiteres populärwissenschaftliches Werk von Rutger Bregman, der als hipper europäischer Nachwuchsintellektueller gehandelt wird. Bestimmte Inhalte popularisieren und damit auch etwas Geld verdienen zu wollen – dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Die staatlich-kapitalistisch-patriarchale Gesellschaftsformation ist beharrlich und die Entwicklung konkreter Utopien aus ihr heraus eine ungeheure Herausforderung. Dahingehend widmet sich Bregman in „Im Grunde gut“ durchaus einem bedeutenden Themenfeld: der politischen Anthropologie, also dem Menschenbild, welches wir unseren Annahmen über Gesellschaft, ihre Integration und potenziellen Transformation zu Grunde legen.

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Wissenswertes vom Anarch@-Nietzscheanismus

Lesedauer: 5 Minuten

zu Paul Stephan: Links-Nietzscheanismus. Eine Einführung (Stuttgart 2020)

Kürzlich ist der zweite Band von Paul Stephans linker Nietzsche-Einführung beim Schmetterlingsverlag erschienen. Das ist sehr erfreulich, denn eine Beschäftigung mit dem Dynamit-Mann ist immer wieder lohnenswert. Stephans Schwerpunkt liegt dabei auf der Rezeptionsgeschichte Friedrich Nietzsches, womit der nachweist und verdeutlicht, welche ungeheuere Relevanz dieser unkonventionelle, eigensinnige, gekränkte Denker für die Philosophie insgesamt hatte. Nietzsche wurde kurz nach der Erscheinung von Stirners Der Einzige und sein Eigentum geboren und es heißt, dass er sich von diesem hat beeinflussen lassen (wobei Stephan einen direkten „Ideenklau“ für unwahrscheinlich hält.) Als Philosophen narzisstischer Kränkung, aus welcher eine lebensbejahende Einstellung entspringt, liegt die Verbindung auf der Hand. Die Parallelen zwischen beiden „liegen vor allem daran, dass beide von einer ähnlichen psychosozialen Situation ausgehen“ (S. 54).

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Kommentar: Ziviler Ungehorsam und direkte Aktion

Lesedauer: 9 Minuten

Marco Fatfat schrieb kürzlich in der Zeitschrift für philosophische Literatur eine Rezension über das Einführungsbuch „Civil Disobedience“ von William Scheuerman (Cambridge: Polity Press 2018). Ziviler Ungehorsam ist für den vorliegenden Zusammenhang selbstredend ein relevantes Thema. Aufmerksam wurde ich allerdings, als ich las, dass Scheuerman auch ein Kapitel über „Anarchist Uprising“ schrieb – immerhin wollte ich wissen, was er darunter versteht und wie er es einschätzt.

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Zum kommunitaristischen Anarchismus

Lesedauer: 38 Minuten

Ausführliche Zusammenfassung und Besprechung von:

John P. Clark: The Impossible Community. Realizing Communitarian Anarchism, New York/London 2013

Jonathan Eibisch

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Einstieg

So marginal der Anarchismus als soziale Bewegung heute wie eh und je ist – auch wenn er weite Spektren der gesellschaftlichen Linken in ihren Organisationsformen und Diskursen beeinflusst und inspiriert – kann doch festgestellt werden, dass er gelegentlich fundierte Werke hervorbringt. In John Clarks Buch wird anarchistische Theorie, auf eine so tiefgründige, informierte und auf soziale Bewegungen bezogene Weise formuliert, dass sie als Standardwerk gelten sollte. In The Impossible Community wird deutlich: Hier hat jemand gearbeitet, sich auseinandergesetzt und Gedanken entwickelt, statt lediglich Gemeinplätze zu formulieren, Dogmen zu wiederholen oder sich auf kleine Beispiele zu beschränken.

Wie der Titel schon verrät stellt sich Clark in die Tradition eines „kommunitären Anarchismus“, wie ihn beispielsweise Gustav Landauer vorschlug. In der politisch-theoretischen Debatte könnte diese Strömung – im Unterschied zu liberalen Ansätzen, wie archetypisch jenem von John Rawls1 – auch als „kommunitaristischer Anarchismus“ oder „libertären Kommunitarismus“ (S. 1) durchgehen. In seiner Bezugnahme auf Gemeinschaften ist er jedoch, von konservativen2, multikulturalistisch-sozialdemokratischen3 und republikanischen radikal-demokratischen4 Ansätzen abzugrenzen. Das Wertvolle bei Clark ist in diesem Zusammenhang, dass er sich gar nicht groß mit den sich im Kreis drehenden Diskussionen der Mainstream-Politikwissenschaften aufhält. Statt dort krampfhaft anknüpfen zu wollen, gelingt es ihm vielmehr – von Murray Bookchin geprägt und mit vielen anderen Anarchist*innen verbunden – eine eigenständige anarchistische Theorie zu entwickeln, die einen Unterschied macht und trotzdem äußerst fundiert ist.

Aus diesem Grund lohnt sich die Lektüre meiner Ansicht nach unbedingt und ich schreibe darüber, in der Hoffnung, jemand möge es auch übersetzen. Im Folgenden werde ich den Inhalt anhand der zehn im Band zusammengefassten Aufsätze, knapp darstellen, um einen Eindruck zu ermöglichen:

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Zusammengefasster und erweiterter Antispeziezismus

Lesedauer: 10 Minuten

Ein weiterer Versuch soziale Kämpfe und libertäre Tendenzen zu verbinden.

Zusammenfassung von „Total Liberation“ (Anonymous, Kroatien – Active Distribution /London – Signal Fire 2019)

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Jonathan Eibisch

Die handliche Flugschrift gelangte zu mir, wie es irgendwie am Schönsten ist: Jemand suchte das Gespräch mit mir und sagte dann, er hätte etwas für mich. Dann drückte die Person mir das kleine Büchlein „Total Liberation“ von einer* anonymen Autor*in in die Hand. Schon der Klappentext machte mich neugierig. Dort heißt es: „Total Liberation sets out an insurrectional project that drawns its strength from social ecology, deep ecology, and anti-speciesism. Casting aside outdated methods, it proposes a holistic, multiform struggle fought in defence of all forms of life – humans, animals, and the earth.“ Ich liebe Schriften, mit denen Menschen selbst denken und sich die Autor*innen positionieren. Darüber hinaus interessiert mich ebenfalls der Ansatz, verschiedene soziale Kämpfe und somit auch Strömungen, Gruppen und Personen zusammen zu bringen. Und zwar auf eine nicht-hierarchische und nicht-avantgardistische Weise.

Revolutionäre Manifeste wollen motivieren und verbinden das Kreisen um alte Fragen mit der Suche nach neuen Antworten, die sich immer in eine bestimmte Tradition stellen. Die Schrift beginnt mit der Feststellung, dass die Atmosphäre, die wir atmen im wörtlichen Sinne vergiftet ist. Die Situation ist also heute unhaltbar, wir leben bereits in der Apokalypse und sind gezwungen, darauf zu reagieren. Während unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Bedürfnisse also förmlich nach einer Revolution schreien, ist die Frage, was Revolution heute überhaupt ist oder sein kann, völlig unklar. Wir haben es mit einer „revolutionären Sackgasse“ zu tun: schon unsere Vorstellungen von radikaler und weitreichenden Veränderungen sind blockiert. In der von Menschen gemachten Katastrophe stehen wir am Abgrund. Dieser eröffnet das Potenzial zur Infragestellung von allem und der Befreiung des Lebens insgesamt. Doch das System bricht nicht aus sich selbst heraus zusammen und führt zu etwas besserem, sondern es braucht unser aktives Handeln, um ihm weitere Stöße zu versetzen, an seiner Stelle allerdings auch etwas Neues aufzubauen (S. 3f.).

Im Folgenden werde ich die Kerngedanken von „Total Liberation“ ihrer Beschreibung nach darstellen und zum Teil auch kommentieren.

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Sozial-liberale Inspirationsquelle oder Extremismus der Mitte?

Lesedauer: 26 Minuten

– äußerst ausführliche Buchbesprechung zu Wilhelm Wolfgang Schütz Antipolitik. Eine Auseinandersetzung über rivalisierende Gesellschaftsformen, Köln/Berlin (1969)

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Jonathan Eibisch

Der Ausgangspunkt: „Erschütterungen“ und „Unfrieden“

In meiner Suche nach Bezugspunkten für die Erarbeitung eines anarchistischen Politikverständnisses stieß ich auf das Buch Antipolitik. Eine Auseinandersetzung über rivalisierende Gesellschaftsformen des Politikberaters und Journalisten Wilhelm Wolfgang Schütz. Zunächst gelangweilt vom etwas altväterlich wirkenden Stil des Autoren, wollte ich es lediglich grob durchzublättern, bis ich entdeckte, dass der Autor einer recht seltenen und heute kaum mehr anzutreffenden Gruppe angehört: Schütz (1911-2002) war tatsächlich ein Sozial-Liberaler, einer, der die Freiheit der Einzelnen betonte, mit humanistischem Ansatz Menschenrechtsvergehen anprangerte und für eine sich selbst kontrollierende demokratische und pragmatische Sachpolitik eintrat. Bekannt ist er für seine unkonventionellen Vorschläge zur damals sogenannten „Deutschlandpolitik“, also den Bestrebungen zur Wiedervereinigung. Er wollte sie durch eine wechselseitige Annäherung und wirtschaftliche Verflechtungen erreichen. Äußerst selten kommt es vor, dass jemand, die*der Teil des politischen Establishments ist, in diesem Betrieb zugleich eine selbstkritische Haltung einnimmt und eigene Meinungen vertritt. Schließlich ist es ja auch selten, dass Politiker*innen überhaupt eigene Meinungen haben.

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Das linke Ghetto aus Perspektive eines Schelmes

Lesedauer: 4 Minuten

Erinnerung an Die Glücklichen (Peter-Paul Zahl, Rotbuch-Verlag 1979)

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #105, November 2019

von: Mona Alona

Ein Knastbuch. Wiedermal. 40 Jahre nach seiner Ersterscheinung habe ich Lust an den Schelmenroman Die Glücklichen des anarchistischen Literaten, Druckers und Aktivisten Peter-Paul Zahl zu erinnern, dass er zwischen 1973 und 1979 während seiner zehnjährigen Haft schrieb. Für die Älteren mag es eine Erinnerung sein, bei den Jüngeren weiß ich nicht, ob jemand den Autoren noch kennt, der wegen seiner Antirepressionsarbeit in der Zeit der RAF abtauchte und dann unabsichtlich in einen Schusswechsel mit den Bullen geriet. Zum Leben von Zahl kann an anderer Stelle geschrieben oder nachgelesen werden. Für seinen überaus populären Roman Die Glücklichen ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung, dass er zwischen 1966 und 1972 in West-Berlin lebte und dort die heiße Phase der 68er-Bewegung mitnahm.

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Kommune der Faschisten

Lesedauer: 4 Minuten

Kersten Knipp: Die Kommune der Faschisten. Gabriele D’Annunzio, die Republik von Fiume und die Extreme des 20. Jahrhunderts

zuerst veröffentlicht auf: kritisch-lesen.de unter dem Titel „Kein faschistisches Paris“

Jonathan Eibisch

Wie in seiner zuvor erschienen zeitgeschichtlichen Studie „Im Taumel. 1918 – ein europäisches Schicksalsjahr“ gelingt es Kersten Knipp auf anschauliche Weise von der historisch-politischen Ausnahmeerscheinung, der zwischen 1919 und 1920 bestehenden Republik von Fiume, wie angekündigt, die Extreme des 20. Jahrhunderts zu beleuchten. In neun Kapiteln verknüpft Knipp die spannende Lebensgeschichte des exzentrischen Dichters Gabriele D’Annunzio, mit den Wirren der stark umkämpften forcierten Nationalstaatenbildung Italiens, dessen permanentes Legitimationsdefizit die Entstehung und schließlich den Aufstieg des historischen Faschismus begünstigte.

Im Stil einer literarischen Collage gelingt es Knipp dabei, der Leserin geschichtswissenschaftliche Studien und zahlreiche Zeitzeugnisse auf nachvollziehbare und kurzweilige Weise zu präsentieren. Dabei überrascht er mit einer Vielzahl an literarischen Einschüben, durch welche das Lebensgefühl der Jahrhundertwende, von der Dekadenz des Fin de Siècle bis zur – von den italienischen Nationalisten empfundenen – Kränkung eines „verstümmelten Siegs“ nach dem Ersten Weltkrieg, in die heutige Zeit gespiegelt wird. Immer wieder sucht Knipp aktuellere Bezugspunkte, indem er etwa die sexuellen, psychedelischen und musikalischen Exzesse der Aufständischen der kroatisch-italienischen Adriastadt – dem heutigen Rijeka – mit der Hippiebewegung der 1968er Jahre parallelisiert.

Insbesondere in seinem Schlusskapitel zum „demagogischen Erbe“, geht Knipp auf den heute vorhandenen Rechtspopulismus, die postdemokratische Ära Berlusconi und das von Beppe Grillo gegründete Movimento 5 Stelle ein. Der nationalistische, mit dem Futurismus sympathisierende, bekennende Kriegsbefürworter D’Annunzio ist zugleich ein selbstdarstellerischer und wankelmütiger Literat. Knipp stellt ihn als Vorläufer und Prototypen eines skrupellosen pseudo-faschistischen Anti-Politikers vor, der Gefühlsregungen über jede sachliche politische Überlegung und Abwägung stellt. Ausführlich zeichnet Knipp nach, wie der kühl berechnende Egozentriker die Schwingungen seiner Zeit gezielt aufnimmt, um in der kapitalistischen Massengesellschaft einen bis ins Extreme gesteigerten bürgerlichen Individualismus zu kultivieren, der sich zaghaft entwickelnden Demokratie mit Verachtung zu begegnen und im Technologiezeitalter hautnah bei der Etablierung des Flugzeugs mit zu fiebern – und bald darauf bei den ersten Formen des Luftkriegs.

Spannend liest sich die Gemengelage verschiedenster miteinander ringender politischer Strömungen und Weltanschauungen etwa von Syndikalismus, radikalem Sozialismus über das liberale Lager, den erzkonservativen Katholizismus bis hin zum Faschismus, welche das Setting abgeben, in welchem D’Annunzio und seine Zeitgenossen sich bewegen.

Mit dem Ausbleiben militärischer und internationaler politischer Erfolge, einer durch den Krieg traumatisierten Jugend, der Mobilisierung unterschiedlichster Mythen, der Instabilität des italienischen Regimes, wie auch den bahnbrechenden technologischen Neuerungen, erklärt Knipp die nationalistische Projektion, mit welcher eine Gruppe Freischärler die Kleinstadt Fiume in die italienische Nation eingliedern und annektieren wollten. Gabriele D’Annunzio sei derjenige, welcher diesen kollektiven Wahn kanalisiert, die Richtung weist und mit seiner Sprache der Illusion kurzzeitig zur Wirklichkeit verhilft. Dieses Vorhaben kann als Protest gegen die Realität internationaler Politik und der Machtverhältnisse in dieser verstanden werden, wie sie 1919 in Paris neu verhandelt worden waren. Nicht zu Letzt wird dabei um die Interpretation des Wilson’schen Diktums eines „Selbstbestimmungsrechtes der Völker“ gerungen. Mit deutlichen Tendenzen zum Faschismus, handelte es sich bei diesem seltenen Spektakel in Fiume dennoch um einen Vorläufer desselben, vermischt mit sozialistischen, anarchistischen, liberal-demokratischen, in jedem Fall: anti-katholischen Aspekten. So wird beispielsweise die Kaperung von Schiffen mit antiimperialistischen Argumenten gerechtfertigt, als die Versorgung des Freistaats schon in absehbar Zeit im Zusammenbruch begriffen ist.

Kritisch anzumerken ist dahingehend, dass Knipp das eigentliche Ende dieses Experiments gar nicht beleuchtet. Als schwierig erachtet werden muss, dass er Passagen in denen von ungezügelter Erotik die Rede ist, unreflektiert mit der Anwesenheit von Frauen gleichsetzt, welche in dieser Lesart jedoch lediglich als bloßes Beiwerk zum Handeln egozentrischer Männer degradiert werden. Wenngleich dies der Wahrnehmung der nationalistischen Protagonisten durchaus entspricht, wäre es an Knipp gewesen, diese Darstellung zu durchbrechen, anstatt sie (vermutlich ungewollt) zu reproduzieren. In Hinblick auf den Nationalismus und die Kriegstreiberei gelingt es ihm immerhin auch, dessen instrumentelle Einführung und bewusste Förderung darzustellen und zu problematisieren. So interessant die zeitgeschichtliche Darstellung insgesamt ist, scheint der Titel des Buches nur teilweise treffend gewählt: Um die Episode der Republik Fiume selbst geht es schließlich lediglich nur in einem Kapitel explizit und wie Knipp selbst darstellt handelt es sich bei ihr nicht um ein rein faschistische Angelegenheit.

Wenn die Absicht darin bestehen sollte, diese mit der Bedeutung der Pariser Kommune von 1871 für die sozialistische Bewegung zu analogisieren, hinkt der Vergleich meines Erachtens nach in mehrfacher Hinsicht. Immerhin wurde Paris nicht von aufständischen Elitetruppen besetzt, sondern tatsächlich von großen Teilen der Bevölkerung selbst verwaltet, wobei reguläre Nationalgardisten zu dieser überliefen. Zwar spielten beide Ereignisse in von Krieg bedingten Umbruchsituationen, doch ist die Kommune von Paris nicht als Protest gegen die sich verändernden internationalen Machtverhältnisse zu betrachten, sondern als einer gegen autoritäre und zentralisierte Staatlichkeit selbst. In diesem Sinne stellte die Pariser Kommune im Unterschied zu Fiume auch weder einen Verhandlungsgegenstand internationaler Politik dar, noch diente sie zur Stärkung der Nation. Im Gegenteil war sie vielmehr ein – im weiten Sinne sozialistisches – Aufbegehren gegen die erzwungene Nationalstaatlichkeit. Was die Bereiche der Kultur und Lebensgestaltung angeht, wurden in beiden – tendenziell autonomen – Verwaltungsgebilden Frauen zumindest formell gleichgestellt. Im Fall der Pariser Kommune kommt darin tatsächlich ein Vorbild für die Weiterentwicklung des Sozialismus zum Ausdruck. Die Republik Fiume war damit allerdings keines für den Faschismus, welcher bekanntlich ganz im Gegenteil jegliche emanzipatorische Errungenschaften abschaffte. Am ehesten waren – wie Knipp fortwährend betont – der Führerkult, die Manipulation der Masse, die Entfaltung teils hanebüchener Mythologien und die übertriebene Ästhetisierung des Politischen die Wegweiser für den späteren Faschismus und wurden von diesem offenbar auch direkt aufgegriffen.

Dennoch gelingt es dem Autoren überzeugend, gerade die Vermischung verschiedenster ideologischer, mythologischer, politischer Aspekte und Lebensstile in einer Phase der allgemeinen Verunsicherung, der Orientierungslosigkeit und des Umbruchs darzustellen. Der Wert des Buches liegt demnach nicht in der Entdeckung neuer geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern darin, dass er einen Teil italienischer Geschichte lebendig beschreibt und andeutet, welche Lehren aus ihr gezogen werden könnten.

Anarchistische Demokratiekritik

Lesedauer: 14 Minuten

Originaltitel: Immer wieder notwendig: Anarchistische Demokratiekritik

– Eine Besprechung von From Democracy to Freedom. Der Unterschied zwischen Regierung und Selbstbestimmung (CrimethInc, bei Unrast 2018).

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #104, September 2019

von: Jonathan Eibisch

Zum aktuellen Buch von CrimethInc, dass 2018 auf deutsch erschienen ist, gab es zwar schon erste Lesungen des Übersetzungskollektivs.1 Eine ausführlichere Darstellung des Buches lohnt sich dennoch, weil die Grundproblematiken die darin behandelt werden immer wieder auftreten. Auch in anarchistischen Zusammenhängen bestehen unterschiedliche Ansichten in Hinblick auf den Nutzen etwa von „direkter Demokratie“. Nur wenige Vorstellungen, Interpretationen und Praktiken sind verbreitet, die der Falle des Politikmachens entgehen ohne gleichzeitig post-politisch oder „unpolitisch“ zu werden, das heißt die Vorstellung und Hoffnung aufzugeben, dass wir die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend verändern sollten und dies auch können.

„Anarchistische Demokratiekritik“ weiterlesen