Politische Anthropologie eines Pseudo-Kropotkin

Lesedauer: 5 Minuten

Auf kritisch-lesen.de erschien meine Rezension zu Rutger Bregmans Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit (Rowohlt 2020). Den Titel den die Redaktion gewählt hat, kann ich nur bedingt nachvollziehen, ebensowenig wie die Schlagworte „Tierrecht“ und „Naturschutz“ mit denen die Besprechung getaggt wurde – aber gut, so ist das wohl manchmal im Journalismus. Meine entscheidende These lautet jedenfalls: Bregman adaptiert Kropotkin, auf welchen er bei dieser Thematik sicherlich gestoßen sein müsste, ohne den Ideengeber für eine positive politische Anthropologie und rational begründete Ethik beim Namen zu nennen.

Sozialismus für Mensch und Tier

Nach seinem Bestseller „Utopien für Realisten“ (2017) erschien jüngst ein weiteres populärwissenschaftliches Werk von Rutger Bregman, der als hipper europäischer Nachwuchsintellektueller gehandelt wird. Bestimmte Inhalte popularisieren und damit auch etwas Geld verdienen zu wollen – dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Die staatlich-kapitalistisch-patriarchale Gesellschaftsformation ist beharrlich und die Entwicklung konkreter Utopien aus ihr heraus eine ungeheure Herausforderung. Dahingehend widmet sich Bregman in „Im Grunde gut“ durchaus einem bedeutenden Themenfeld: der politischen Anthropologie, also dem Menschenbild, welches wir unseren Annahmen über Gesellschaft, ihre Integration und potenziellen Transformation zu Grunde legen.

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Wissenswertes vom Anarch@-Nietzscheanismus

Lesedauer: 5 Minuten

zu Paul Stephan: Links-Nietzscheanismus. Eine Einführung (Stuttgart 2020)

Kürzlich ist der zweite Band von Paul Stephans linker Nietzsche-Einführung beim Schmetterlingsverlag erschienen. Das ist sehr erfreulich, denn eine Beschäftigung mit dem Dynamit-Mann ist immer wieder lohnenswert. Stephans Schwerpunkt liegt dabei auf der Rezeptionsgeschichte Friedrich Nietzsches, womit der nachweist und verdeutlicht, welche ungeheuere Relevanz dieser unkonventionelle, eigensinnige, gekränkte Denker für die Philosophie insgesamt hatte. Nietzsche wurde kurz nach der Erscheinung von Stirners Der Einzige und sein Eigentum geboren und es heißt, dass er sich von diesem hat beeinflussen lassen (wobei Stephan einen direkten „Ideenklau“ für unwahrscheinlich hält.) Als Philosophen narzisstischer Kränkung, aus welcher eine lebensbejahende Einstellung entspringt, liegt die Verbindung auf der Hand. Die Parallelen zwischen beiden „liegen vor allem daran, dass beide von einer ähnlichen psychosozialen Situation ausgehen“ (S. 54).

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Kommentar: Ziviler Ungehorsam und direkte Aktion

Lesedauer: 9 Minuten

Marco Fatfat schrieb kürzlich in der Zeitschrift für philosophische Literatur eine Rezension über das Einführungsbuch „Civil Disobedience“ von William Scheuerman (Cambridge: Polity Press 2018). Ziviler Ungehorsam ist für den vorliegenden Zusammenhang selbstredend ein relevantes Thema. Aufmerksam wurde ich allerdings, als ich las, dass Scheuerman auch ein Kapitel über „Anarchist Uprising“ schrieb – immerhin wollte ich wissen, was er darunter versteht und wie er es einschätzt.

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Zum kommunitaristischen Anarchismus

Lesedauer: 38 Minuten

Ausführliche Zusammenfassung und Besprechung von:

John P. Clark: The Impossible Community. Realizing Communitarian Anarchism, New York/London 2013

Jonathan Eibisch

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Einstieg

So marginal der Anarchismus als soziale Bewegung heute wie eh und je ist – auch wenn er weite Spektren der gesellschaftlichen Linken in ihren Organisationsformen und Diskursen beeinflusst und inspiriert – kann doch festgestellt werden, dass er gelegentlich fundierte Werke hervorbringt. In John Clarks Buch wird anarchistische Theorie, auf eine so tiefgründige, informierte und auf soziale Bewegungen bezogene Weise formuliert, dass sie als Standardwerk gelten sollte. In The Impossible Community wird deutlich: Hier hat jemand gearbeitet, sich auseinandergesetzt und Gedanken entwickelt, statt lediglich Gemeinplätze zu formulieren, Dogmen zu wiederholen oder sich auf kleine Beispiele zu beschränken.

Wie der Titel schon verrät stellt sich Clark in die Tradition eines „kommunitären Anarchismus“, wie ihn beispielsweise Gustav Landauer vorschlug. In der politisch-theoretischen Debatte könnte diese Strömung – im Unterschied zu liberalen Ansätzen, wie archetypisch jenem von John Rawls1 – auch als „kommunitaristischer Anarchismus“ oder „libertären Kommunitarismus“ (S. 1) durchgehen. In seiner Bezugnahme auf Gemeinschaften ist er jedoch, von konservativen2, multikulturalistisch-sozialdemokratischen3 und republikanischen radikal-demokratischen4 Ansätzen abzugrenzen. Das Wertvolle bei Clark ist in diesem Zusammenhang, dass er sich gar nicht groß mit den sich im Kreis drehenden Diskussionen der Mainstream-Politikwissenschaften aufhält. Statt dort krampfhaft anknüpfen zu wollen, gelingt es ihm vielmehr – von Murray Bookchin geprägt und mit vielen anderen Anarchist*innen verbunden – eine eigenständige anarchistische Theorie zu entwickeln, die einen Unterschied macht und trotzdem äußerst fundiert ist.

Aus diesem Grund lohnt sich die Lektüre meiner Ansicht nach unbedingt und ich schreibe darüber, in der Hoffnung, jemand möge es auch übersetzen. Im Folgenden werde ich den Inhalt anhand der zehn im Band zusammengefassten Aufsätze, knapp darstellen, um einen Eindruck zu ermöglichen:

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Zusammengefasster und erweiterter Antispeziezismus

Lesedauer: 10 Minuten

Ein weiterer Versuch soziale Kämpfe und libertäre Tendenzen zu verbinden.

Zusammenfassung von „Total Liberation“ (Anonymous, Kroatien – Active Distribution /London – Signal Fire 2019)

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Jonathan Eibisch

Die handliche Flugschrift gelangte zu mir, wie es irgendwie am Schönsten ist: Jemand suchte das Gespräch mit mir und sagte dann, er hätte etwas für mich. Dann drückte die Person mir das kleine Büchlein „Total Liberation“ von einer* anonymen Autor*in in die Hand. Schon der Klappentext machte mich neugierig. Dort heißt es: „Total Liberation sets out an insurrectional project that drawns its strength from social ecology, deep ecology, and anti-speciesism. Casting aside outdated methods, it proposes a holistic, multiform struggle fought in defence of all forms of life – humans, animals, and the earth.“ Ich liebe Schriften, mit denen Menschen selbst denken und sich die Autor*innen positionieren. Darüber hinaus interessiert mich ebenfalls der Ansatz, verschiedene soziale Kämpfe und somit auch Strömungen, Gruppen und Personen zusammen zu bringen. Und zwar auf eine nicht-hierarchische und nicht-avantgardistische Weise.

Revolutionäre Manifeste wollen motivieren und verbinden das Kreisen um alte Fragen mit der Suche nach neuen Antworten, die sich immer in eine bestimmte Tradition stellen. Die Schrift beginnt mit der Feststellung, dass die Atmosphäre, die wir atmen im wörtlichen Sinne vergiftet ist. Die Situation ist also heute unhaltbar, wir leben bereits in der Apokalypse und sind gezwungen, darauf zu reagieren. Während unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Bedürfnisse also förmlich nach einer Revolution schreien, ist die Frage, was Revolution heute überhaupt ist oder sein kann, völlig unklar. Wir haben es mit einer „revolutionären Sackgasse“ zu tun: schon unsere Vorstellungen von radikaler und weitreichenden Veränderungen sind blockiert. In der von Menschen gemachten Katastrophe stehen wir am Abgrund. Dieser eröffnet das Potenzial zur Infragestellung von allem und der Befreiung des Lebens insgesamt. Doch das System bricht nicht aus sich selbst heraus zusammen und führt zu etwas besserem, sondern es braucht unser aktives Handeln, um ihm weitere Stöße zu versetzen, an seiner Stelle allerdings auch etwas Neues aufzubauen (S. 3f.).

Im Folgenden werde ich die Kerngedanken von „Total Liberation“ ihrer Beschreibung nach darstellen und zum Teil auch kommentieren.

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Sozial-liberale Inspirationsquelle oder Extremismus der Mitte?

Lesedauer: 26 Minuten

– äußerst ausführliche Buchbesprechung zu Wilhelm Wolfgang Schütz Antipolitik. Eine Auseinandersetzung über rivalisierende Gesellschaftsformen, Köln/Berlin (1969)

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Jonathan Eibisch

Der Ausgangspunkt: „Erschütterungen“ und „Unfrieden“

In meiner Suche nach Bezugspunkten für die Erarbeitung eines anarchistischen Politikverständnisses stieß ich auf das Buch Antipolitik. Eine Auseinandersetzung über rivalisierende Gesellschaftsformen des Politikberaters und Journalisten Wilhelm Wolfgang Schütz. Zunächst gelangweilt vom etwas altväterlich wirkenden Stil des Autoren, wollte ich es lediglich grob durchzublättern, bis ich entdeckte, dass der Autor einer recht seltenen und heute kaum mehr anzutreffenden Gruppe angehört: Schütz (1911-2002) war tatsächlich ein Sozial-Liberaler, einer, der die Freiheit der Einzelnen betonte, mit humanistischem Ansatz Menschenrechtsvergehen anprangerte und für eine sich selbst kontrollierende demokratische und pragmatische Sachpolitik eintrat. Bekannt ist er für seine unkonventionellen Vorschläge zur damals sogenannten „Deutschlandpolitik“, also den Bestrebungen zur Wiedervereinigung. Er wollte sie durch eine wechselseitige Annäherung und wirtschaftliche Verflechtungen erreichen. Äußerst selten kommt es vor, dass jemand, die*der Teil des politischen Establishments ist, in diesem Betrieb zugleich eine selbstkritische Haltung einnimmt und eigene Meinungen vertritt. Schließlich ist es ja auch selten, dass Politiker*innen überhaupt eigene Meinungen haben.

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Das linke Ghetto aus Perspektive eines Schelmes

Lesedauer: 4 Minuten

Erinnerung an Die Glücklichen (Peter-Paul Zahl, Rotbuch-Verlag 1979)

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #105, November 2019

von: Mona Alona

Ein Knastbuch. Wiedermal. 40 Jahre nach seiner Ersterscheinung habe ich Lust an den Schelmenroman Die Glücklichen des anarchistischen Literaten, Druckers und Aktivisten Peter-Paul Zahl zu erinnern, dass er zwischen 1973 und 1979 während seiner zehnjährigen Haft schrieb. Für die Älteren mag es eine Erinnerung sein, bei den Jüngeren weiß ich nicht, ob jemand den Autoren noch kennt, der wegen seiner Antirepressionsarbeit in der Zeit der RAF abtauchte und dann unabsichtlich in einen Schusswechsel mit den Bullen geriet. Zum Leben von Zahl kann an anderer Stelle geschrieben oder nachgelesen werden. Für seinen überaus populären Roman Die Glücklichen ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung, dass er zwischen 1966 und 1972 in West-Berlin lebte und dort die heiße Phase der 68er-Bewegung mitnahm.

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Kommune der Faschisten

Lesedauer: 4 Minuten

Kersten Knipp: Die Kommune der Faschisten. Gabriele D’Annunzio, die Republik von Fiume und die Extreme des 20. Jahrhunderts

zuerst veröffentlicht auf: kritisch-lesen.de unter dem Titel „Kein faschistisches Paris“

Jonathan Eibisch

Wie in seiner zuvor erschienen zeitgeschichtlichen Studie „Im Taumel. 1918 – ein europäisches Schicksalsjahr“ gelingt es Kersten Knipp auf anschauliche Weise von der historisch-politischen Ausnahmeerscheinung, der zwischen 1919 und 1920 bestehenden Republik von Fiume, wie angekündigt, die Extreme des 20. Jahrhunderts zu beleuchten. In neun Kapiteln verknüpft Knipp die spannende Lebensgeschichte des exzentrischen Dichters Gabriele D’Annunzio, mit den Wirren der stark umkämpften forcierten Nationalstaatenbildung Italiens, dessen permanentes Legitimationsdefizit die Entstehung und schließlich den Aufstieg des historischen Faschismus begünstigte.

Im Stil einer literarischen Collage gelingt es Knipp dabei, der Leserin geschichtswissenschaftliche Studien und zahlreiche Zeitzeugnisse auf nachvollziehbare und kurzweilige Weise zu präsentieren. Dabei überrascht er mit einer Vielzahl an literarischen Einschüben, durch welche das Lebensgefühl der Jahrhundertwende, von der Dekadenz des Fin de Siècle bis zur – von den italienischen Nationalisten empfundenen – Kränkung eines „verstümmelten Siegs“ nach dem Ersten Weltkrieg, in die heutige Zeit gespiegelt wird. Immer wieder sucht Knipp aktuellere Bezugspunkte, indem er etwa die sexuellen, psychedelischen und musikalischen Exzesse der Aufständischen der kroatisch-italienischen Adriastadt – dem heutigen Rijeka – mit der Hippiebewegung der 1968er Jahre parallelisiert.

Insbesondere in seinem Schlusskapitel zum „demagogischen Erbe“, geht Knipp auf den heute vorhandenen Rechtspopulismus, die postdemokratische Ära Berlusconi und das von Beppe Grillo gegründete Movimento 5 Stelle ein. Der nationalistische, mit dem Futurismus sympathisierende, bekennende Kriegsbefürworter D’Annunzio ist zugleich ein selbstdarstellerischer und wankelmütiger Literat. Knipp stellt ihn als Vorläufer und Prototypen eines skrupellosen pseudo-faschistischen Anti-Politikers vor, der Gefühlsregungen über jede sachliche politische Überlegung und Abwägung stellt. Ausführlich zeichnet Knipp nach, wie der kühl berechnende Egozentriker die Schwingungen seiner Zeit gezielt aufnimmt, um in der kapitalistischen Massengesellschaft einen bis ins Extreme gesteigerten bürgerlichen Individualismus zu kultivieren, der sich zaghaft entwickelnden Demokratie mit Verachtung zu begegnen und im Technologiezeitalter hautnah bei der Etablierung des Flugzeugs mit zu fiebern – und bald darauf bei den ersten Formen des Luftkriegs.

Spannend liest sich die Gemengelage verschiedenster miteinander ringender politischer Strömungen und Weltanschauungen etwa von Syndikalismus, radikalem Sozialismus über das liberale Lager, den erzkonservativen Katholizismus bis hin zum Faschismus, welche das Setting abgeben, in welchem D’Annunzio und seine Zeitgenossen sich bewegen.

Mit dem Ausbleiben militärischer und internationaler politischer Erfolge, einer durch den Krieg traumatisierten Jugend, der Mobilisierung unterschiedlichster Mythen, der Instabilität des italienischen Regimes, wie auch den bahnbrechenden technologischen Neuerungen, erklärt Knipp die nationalistische Projektion, mit welcher eine Gruppe Freischärler die Kleinstadt Fiume in die italienische Nation eingliedern und annektieren wollten. Gabriele D’Annunzio sei derjenige, welcher diesen kollektiven Wahn kanalisiert, die Richtung weist und mit seiner Sprache der Illusion kurzzeitig zur Wirklichkeit verhilft. Dieses Vorhaben kann als Protest gegen die Realität internationaler Politik und der Machtverhältnisse in dieser verstanden werden, wie sie 1919 in Paris neu verhandelt worden waren. Nicht zu Letzt wird dabei um die Interpretation des Wilson’schen Diktums eines „Selbstbestimmungsrechtes der Völker“ gerungen. Mit deutlichen Tendenzen zum Faschismus, handelte es sich bei diesem seltenen Spektakel in Fiume dennoch um einen Vorläufer desselben, vermischt mit sozialistischen, anarchistischen, liberal-demokratischen, in jedem Fall: anti-katholischen Aspekten. So wird beispielsweise die Kaperung von Schiffen mit antiimperialistischen Argumenten gerechtfertigt, als die Versorgung des Freistaats schon in absehbar Zeit im Zusammenbruch begriffen ist.

Kritisch anzumerken ist dahingehend, dass Knipp das eigentliche Ende dieses Experiments gar nicht beleuchtet. Als schwierig erachtet werden muss, dass er Passagen in denen von ungezügelter Erotik die Rede ist, unreflektiert mit der Anwesenheit von Frauen gleichsetzt, welche in dieser Lesart jedoch lediglich als bloßes Beiwerk zum Handeln egozentrischer Männer degradiert werden. Wenngleich dies der Wahrnehmung der nationalistischen Protagonisten durchaus entspricht, wäre es an Knipp gewesen, diese Darstellung zu durchbrechen, anstatt sie (vermutlich ungewollt) zu reproduzieren. In Hinblick auf den Nationalismus und die Kriegstreiberei gelingt es ihm immerhin auch, dessen instrumentelle Einführung und bewusste Förderung darzustellen und zu problematisieren. So interessant die zeitgeschichtliche Darstellung insgesamt ist, scheint der Titel des Buches nur teilweise treffend gewählt: Um die Episode der Republik Fiume selbst geht es schließlich lediglich nur in einem Kapitel explizit und wie Knipp selbst darstellt handelt es sich bei ihr nicht um ein rein faschistische Angelegenheit.

Wenn die Absicht darin bestehen sollte, diese mit der Bedeutung der Pariser Kommune von 1871 für die sozialistische Bewegung zu analogisieren, hinkt der Vergleich meines Erachtens nach in mehrfacher Hinsicht. Immerhin wurde Paris nicht von aufständischen Elitetruppen besetzt, sondern tatsächlich von großen Teilen der Bevölkerung selbst verwaltet, wobei reguläre Nationalgardisten zu dieser überliefen. Zwar spielten beide Ereignisse in von Krieg bedingten Umbruchsituationen, doch ist die Kommune von Paris nicht als Protest gegen die sich verändernden internationalen Machtverhältnisse zu betrachten, sondern als einer gegen autoritäre und zentralisierte Staatlichkeit selbst. In diesem Sinne stellte die Pariser Kommune im Unterschied zu Fiume auch weder einen Verhandlungsgegenstand internationaler Politik dar, noch diente sie zur Stärkung der Nation. Im Gegenteil war sie vielmehr ein – im weiten Sinne sozialistisches – Aufbegehren gegen die erzwungene Nationalstaatlichkeit. Was die Bereiche der Kultur und Lebensgestaltung angeht, wurden in beiden – tendenziell autonomen – Verwaltungsgebilden Frauen zumindest formell gleichgestellt. Im Fall der Pariser Kommune kommt darin tatsächlich ein Vorbild für die Weiterentwicklung des Sozialismus zum Ausdruck. Die Republik Fiume war damit allerdings keines für den Faschismus, welcher bekanntlich ganz im Gegenteil jegliche emanzipatorische Errungenschaften abschaffte. Am ehesten waren – wie Knipp fortwährend betont – der Führerkult, die Manipulation der Masse, die Entfaltung teils hanebüchener Mythologien und die übertriebene Ästhetisierung des Politischen die Wegweiser für den späteren Faschismus und wurden von diesem offenbar auch direkt aufgegriffen.

Dennoch gelingt es dem Autoren überzeugend, gerade die Vermischung verschiedenster ideologischer, mythologischer, politischer Aspekte und Lebensstile in einer Phase der allgemeinen Verunsicherung, der Orientierungslosigkeit und des Umbruchs darzustellen. Der Wert des Buches liegt demnach nicht in der Entdeckung neuer geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern darin, dass er einen Teil italienischer Geschichte lebendig beschreibt und andeutet, welche Lehren aus ihr gezogen werden könnten.

Anarchistische Demokratiekritik

Lesedauer: 14 Minuten

Originaltitel: Immer wieder notwendig: Anarchistische Demokratiekritik

– Eine Besprechung von From Democracy to Freedom. Der Unterschied zwischen Regierung und Selbstbestimmung (CrimethInc, bei Unrast 2018).

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #104, September 2019

von: Jonathan Eibisch

Zum aktuellen Buch von CrimethInc, dass 2018 auf deutsch erschienen ist, gab es zwar schon erste Lesungen des Übersetzungskollektivs.1 Eine ausführlichere Darstellung des Buches lohnt sich dennoch, weil die Grundproblematiken die darin behandelt werden immer wieder auftreten. Auch in anarchistischen Zusammenhängen bestehen unterschiedliche Ansichten in Hinblick auf den Nutzen etwa von „direkter Demokratie“. Nur wenige Vorstellungen, Interpretationen und Praktiken sind verbreitet, die der Falle des Politikmachens entgehen ohne gleichzeitig post-politisch oder „unpolitisch“ zu werden, das heißt die Vorstellung und Hoffnung aufzugeben, dass wir die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend verändern sollten und dies auch können.

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Piratinnen-Abenteuer auf feministisch

Lesedauer: 4 Minuten

Rezension zu Die Irrfahrten der Anne Bonnie von Koschka Linkerhand (Querverlag 2018)

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #104, September 2019

von Simone

Als „Coming-of-Age-Geschichte“, als „Jugendroman“, bezeichnet die Leipziger Autorin Koschka Linkerhand ihren im letzten September erschienenen Roman Die Irrfahrten der Anne Bonnie, der schon einige Jahre zuvor die Grundlage für ein Theaterstück war. Das Setting ist das sogenannte „Goldene Zeitalter“ der Pirat*innen in der Karibik, wie es in der teils historisch fundierten, vor allem aber mythisch umwobenen Piratenlegende (offiziell) von Daniel Defoe im Buch A General History of the Pyrates (1724) bezeichnet worden war. Als Protagonist*innen dienen die Figuren der sich selbst suchenden Anne Bonnie, der mutigen, zwiespältigen Mary Reed und dem Captain „Calico“ Jack Reckham.

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