Sozialismus als Schweine-System

Lesedauer: 2 Minuten

Als ich diese Zeichnung fand, musste ich zunächst herzlich lachen. Selbstverständlich wegen der Moralisierung, die dort drinnen steckt. Jede Herrschaftsordnung ist ein Schweine-System könnte man leicht sagen. Doch was ist mit der „République Sociale“, einer Bezeichnung, die auch Proudhon verwendete? Wenn jedes Schwein das bekommt, was es braucht und verdient hat, ist das dann gerecht? Sicherlich ist das eine Form von Ordnung, vielleicht sogar von einer rationalen und gut gemeinten. Ich hab überhaupt nichts gegen Schweine. Menschen teilen mit ihnen den Großteil ihres Genmaterials. Schweine sind sehr intelligent, sozial und reinlich.

Es sind die miserablen Haltungsbedingungen, welche sie in Konkurrenz setzen, weswegen sie von Dreck umgegeben sind und bösartig werden. Da lässt sich einiges „verbessern“, sicherlich. Aber meine Sehnsucht geht doch eigentlich dahin, ein Wildschwein zu sein. Borstig und ungekämmt, flink und wendig durch das Unterholz und über grüne Wiesen zu rennen. Ich sage nicht, dass dann alles schön wäre? Aber wäre es nicht „Freiheit“? Nun ja, es gibt Argumente für beide Seiten. Denn immerhin entsteht mein romantisches Faible für das Wildschwein-Dasein innerhalb einer technokratischen, durchregulierten, überall institutionalisierten Gesellschaftsform. Die sicherlich auch ihre Vorteile hat, welche ein Großteil nicht missen wollen würde. Würde ich umgekehrt als Wildschwein vielleicht sogar das Schweine-System der sozialen Republik bevorzugen? Das kann gut sein…

Eine Frage, die in diesem Zusammenhang allerdings nicht gestellt wurde, bezüglich jedes der Schweine-Systeme: Steht dahinter nicht doch ein Bauer, der die Dinge so anordnet, wie sie eben sind? Ein dummer und grausamer oder ein kluger und milder?

Großbürger kritisiert Kleinbürger – Marx&Proudhon

Lesedauer: 14 Minuten

Originaltitel: Großbürger kritisiert Kleinbürger, weil dessen Klasse nicht ihre Interessen verfolgt

Zum Kleinbürger*innen-Vorwurf von Karl Marx an Pierre-Joseph Proudhon und anarchistischen Umgangsmöglichkeiten damit

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #86 / Feb. 2018

von Jens Störfried

Bei meiner Beschäftigung mit der Kritik am Anarchismus fielen mir in einem vom ZK der SED 1977 herausgegebenen und zusammengestellten Band (neben vielen anderen Dingen wie dem ätzenden Vorwort), zwei zentrale Textstellen ins Auge, die eine wunderbare Diskussionsgrundlage abgeben. Sie verkörpern beispielhaft einen wichtigen, – wenn er aber unreflektiert tausendmal wiederholt wird, total flachen – Vorwurf, welcher Anarchist*innen von Marxist*innen häufig entgegenschlägt: Sie seien Kleinbürger*innen, welche trotz vielerlei revolutionärer Phrasen die eigentlichen historischen Bewegungen und gesellschaftlichen Verhältnisse nicht verstehen könnten und sie falsch interpretieren müssten, da sie nicht die Ideologie des Proletariats vertreten könnten. Der aus großbürgerlichem Hause stammende Karl Marx kann dies jedoch offensichtlich, schließlich entdeckte er den wissenschaftlichen Sozialismus und weiß nun wie der Hase läuft und welche Interessen die*der Proletarier*in im Allgemeinen so hat – auch wenn es ihr*ihm oftmals selbst nicht bewusst ist. Nach einer Vorstellung der Auszüge und einer Zusammenfassung eines Teils von Marx‘ berechtigter Kritik an Proudhon[1], will ich beleuchten, was es mit dem Kleinbürger*innen-Vorwurf auf sich hat und aufzeigen, was eine anarchistische Antwort auf diesen sein könnte. Wer mir dabei widersprechen möchte, soll dies gerne tun.

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