Proteste im Iran

Lesedauer: < 1 Minute

Selbstverständlich beschäftigten auch mich die Proteste im Iran, ebenso mit ihrer entschlossenen Kraft, wie mit ihrer brutalen Unterdrückung. Dass Frauen und FLINTA darin eine besondere Rolle zukommt verweist nicht zu Letzt auf deren sozial-revolutionären Charakter. Patriarchat, Staat und Kapitalismus sind miteinander verknüpft und im selben Zuge zu überwinden.

Doch es gibt einen Unterschied dazwischen, ob mich bestimmte Themen beschäftigen oder ob ich direkter involviert bin und etwas sinnvolles dazu beitragen kann. Wo das nicht der Fall ist, gibt es sicherlich andere, die sprechen, schreiben und tun sollten.

Hier eine Artikel-Sammlung zu den Protesten: https://libcom.org/tags/iran-protests2022 und hier dieser Bericht von Crimethinc: https://crimethinc.com/2022/09/28/revolt-in-iran-the-feminist-resurrection-and-the-beginning-of-the-end-for-the-regime

Talk about our demonstrations

Lesedauer: 9 Minuten

Eine Reflexion über Demonstrationen als Praxis

Ein Beitrag von mir in der dritten Ausgabe des Bella Ciao-Magazins. Auch im dritten Heft finden sich Fotos und Berichte von verschiedenen links-emanzipatorischen Protestereignissen der letzten Monate aus der BRD.

Bedauerlicherweise macht sich die Inflation auch bei der Redaktion der Bella Ciao bemerkbar. Mit den 6€ Ladenpreis werden die laufenden Kosten nicht gedeckt, auch wenn hier niemand daran verdient. Also überlegt euch, ob ihr ein Abo abschließen und dieses Magazin unterstützen wollt!

Ich habe einen Gastbeitrag verfasst, den ich hier etwas zeitverzögert gerne abbilde. Mein Anliegen damit war die Reflexion über unsere Praktiken, die immer wieder vor der Gefahr stehen zu Selbstzwecken zu werden. Auch Demos sind logische und sinnvolle Mittel, um Menschen zu versammeln, Ansichten zu artikulieren, Diskussionen zu beeinflussen und einen Aktionsraum zu bilden. Dennoch ist von mal zu mal abzuwägen, ob eine Demo immer die richtige Aktionsform ist – und wenn ja, welche Ziele wir konkret mit ihr verfolgen und wie wir sie gestalten wollen….

Demos und ihre Funktionen

In meinem Umfeld und in der linken Szene im weiteren Sinne beobachte ich seit geraumer Zeit die Tendenz, dass der Besuch von Demos und das Engagement in selbstorganisierten Gruppen immer weiter auseinander zu klaffen scheinen. Die neoliberale Individualisierung, der immer schwerer zu entfliehende Zwang zur Lohnarbeit, als auch ein apokalyptisches Zeitgefühl lassen es nicht attraktiv erscheinen, sich langfristiger, verbindlicher und kontinuierlicher Basisarbeit zu widmen. Allgemein spricht nichts gegen das Organisieren und die Teilnahme an Demonstrationen. Im Gegenteil, sich im öffentlichen Raum zu versammeln, zu artikulieren und aktiv zu sein, ist äußerst wichtig für soziale Bewegungen.

Nur neigen viele leider dazu, das Mitlaufen bei der Demo als politische Betätigung schlechthin anzusehen – im schlimmsten Fall sogar als eine Art Ablass dafür zu begreifen, dass sie anderweitig keine Kapazitäten aufbringen könnten, um für eine andere Gesellschaftsform und konkrete Veränderungen zu kämpfen. Mit dieser Aussage lege ich keine Leistungsmaßstäbe an, wie sie uns im Kapitalismus ohnehin gepredigt werde. Aber ich kritisiere jene, welche meinen und auch erzählen, dass sie sich engagieren, während sie tatsächlich nur gelegentliche Demobesucher*innen sind und sich ansonsten auf twitter, facebook und Co. belesen. Kraftvolle Demos sind gut, funktionierende Basisarbeit ist besser. Erstere sollten Ausdruck von Letzterem sein. Viel wichtiger als die spektakulären Ereignisse sind die oft stillen Prozesse.

Es kursiert die Annahme, eine Demo würde für sich genommen „Druck auf die Politik erzeugen“ oder irgendwelche Veränderungen bewirken. Doch das ist leider ein Mythos. Dennoch sage ich nicht, dass Demos gar nichts bringen, im Gegenteil. Allerdings müssen wir uns bewusst machen, wozu sie dienen können und sollen. Darüber machen sich auch viele Leute andere Gedanken. Die folgenden Überlegungen sollen dazu nur eine weitere Anregung sein.

Im Wesentlichen haben Demonstrationen meiner Ansicht nach fünf Funktionen: Erstens dienen sie der Versammlung von ähnlich gesinnten und sympathisierenden Menschen, damit der Pflege unserer Gemeinschaften und eventuell auch der Erweiterung von sozialen Kontakten. Zweitens ermächtigen und bestärken sich Menschen, wenn sie unter einem bestimmten Label und mit ähnlichen Vorstellungen zusammen kommen. Sie wollen sich verstanden und verbunden fühlen – was völlig legitime Bedürfnisse sind. Werden sie erfüllt, kommen die Beteiligten auch im Alltag eher ins Handeln. Demos haben drittens die Funktion der Bewusstseinsbildung und der Selbstverständigung. Das geschieht in Redebeiträgen, in Gesprächen am Rand, durch Parolen, Transpi-Aufschriften und andere Stilmittel. Dies ist nicht allein ein rationaler Vorgang. Viertens soll mit ihnen Kommunikation nach außen und Überzeugung geschehen. Andere Menschen sollen mitbekommen, wofür die Demonstrierenden stehen, welche Wahrheit ihre Perspektive hat und wie sie begründet wird. Der fünfte Punkt besteht in der direkten Aktion. Das kann vieles beinhalten und muss keineswegs notwendigerweise in Glasbruch münden. Entscheidend ist aber, die Form des legitimierten Spaziergangs zu verlassen und sich selbstbestimmt die Straße zu nehmen.

Gegen die Demo-Reflexe

Selbstverständlich können Demos – abhängig von den organisierenden Gruppen, den politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen, der gesellschaftlichen Situation, dem Anlass und dem lokalen Kontext – sehr stark variieren. Schon aus diesem Grund kann es keine an sich gelingende Demo geben – allerdings durchaus welche, die ihre Ziele verfehlen. Weil wir oftmals eher dazu neigen die Aspekte zu benennen, welche uns nicht passen, nerven oder stören, als jene, welche wir gut finden, sollten wir aber auch wertschätzen, was wir hinbekommen. Eine andere Frage ist allerdings, ob es denn überhaupt immer eine Demo sein muss, wenn es darum geht, einen Handlungswunsch auszudrücken.

Gerade im deutschsprachigen Raum scheint mir die Kreativität hinsichtlich des Repertoires an Aktionsformen oftmals ziemlich beschränkt zu sein. Ein Ereignis bestürzt uns, wir fühlen uns ohnmächtig und die Antwort darauf ist sehr schnell eine Demo zu organisieren. Gleiches betrifft Jahrestage oder Gegenproteste. So verständlich das ist, sollten wir ernsthaft überdenken, ob Demonstrationen immer das adäquate Mittel sind, um unsere Anliegen zu verwirklichen. Und wenn wir zum Ergebnis gelangen, dass eine Demo für uns in Bezug auf ein bestimmtes Ereignis Sinn ergibt, führt dies zurück zu den oben erwähnten Absichten, welche mit ihnen verfolgt werden können.

Erst dann stellen wir uns nämlich die Frage, WIE unsere Demo tatsächlich aussehen soll, um Gemeinschaften zu stiften, Menschen zu ermächtigen, Bewusstsein zu bilden, zu kommunizieren, zu überzeugen und direkte Aktionen zu ermöglichen. Und in diesem Zusammenhang gilt es die verdammte Konsummentalität zu überwinden: Nein, dies ist nicht allein die Aufgabe der Demo-Orga. Sondern von allen, die sich daran beteiligen und irgendwelche Kapazitäten haben, sich darauf vorzubereiten. Dann nämlich gestalten wir diese Ereignisse selbst, machen sie also zu unseren eigenen Veranstaltungen.
Welche Demos hast du erlebt, die du richtig gut fandest und aus welchen Gründen war das so? Wie stellst du dir eine Demo vor, die du sinnvoll und kraftvoll findest, an der du dich gerne beteiligen und mitwirken willst? Von welchen Demos warst du genervt und frustriert? Woran lag das und wie lässt sich das verändern? Darüber lohnt es sich weiter nachzudenken.

Spontaneität und Lethargie der Masse

In der BRD wird zu viel herum gelaufen. Das ist nicht schlimm, sollte uns aber zu denken geben. Wer den Umkehrschluss daraus zieht, es müsste einfachmehr Krawall geben, bleibt oftmals ebenfalls bei einer recht eingeschränkten Vorstellung des Demonstrierens stehen. Deswegen gilt es militant zu werden. Das bedeutet, eine im besten Sinne kämpferische und lebendige Haltung zu entwickeln, sich also aktiv und dynamisch in die Ereignisse einzubringen.

Welche Handlungen sich daraus konkret ergeben bleibt dabei offen. Gruppen können kurze Straßentheater inszenieren, Flugblätter an Passant*innen verteilen, den Schatz an Demoslogans erweitern, mit Farbe arbeiten, nach Nazis kundschaften, völlig abseits der Route ein Statement setzen oder was auch immer. Es ist klar, dass dies nur durch organisierte Bezugsgruppen gelingen kann, in denen sich nach Möglichkeit nicht unmittelbar vor Beginn der Demo ein paar Einzelne zusammentun, die sich gar nicht kennen. Vielmehr sollten sich in ihnen Personen verschwören, die Überzeugungen und Aktionsformen teilen, miteinander und nach außen kommunizieren und sich bei allen Vorkommnissen unterstützen bzw. Unterstützung suchen können. Eine Demo ist nur so stark wie unsere genossenschaftlichen Beziehungen zueinander.

Die Teilnahme an Demos wird zwar gelegentlich vorbereitet, viel zu selten aber geschieht ihre Auswertung – egal, ob im eigenen Kreis oder einem größeren halböffentlichen Rahmen. Abgesehen davon, dass Repressionsdrohung zu vermeiden ist und Menschen begrenzte Kapazitäten haben, werden damit aber wichtige Lernprozesse verspielt – sei es in taktischer Hinsicht oder bei der Beziehungsarbeit. Jene Demonstration ist auch eine pädagogische Aktion.

Weil eine funktionierende Bezugsgruppenpraxis meiner Wahrnehmung nach bei weitem zu wenig ausgeprägt ist, kommt es dann doch immer wieder zu den bekannten Latschdemos. Auch hier gilt: Die Demo-Orga steckt zwar einige Rahmenbedingungen ab, ist dabei aber weder in der Pflicht die Konsummentalität der Teilnehmenden zu bedienen, noch hat sie das Recht vollends zu bestimmen, was auf der Demo stattfinden darf oder nicht. Dennoch sollten Kommunikationsmöglichkeiten vor, während und nach der Demo ausgeschöpft werden, wenn man nicht gegeneinander, sondern gemeinsam etwas erreichen möchte. Statt der einlullenden passiven Lethargie der Masse gelangen wir zu ihrer selbstbestimmten Spontaneität.

Das Spannungsfeld zwischen Reform und Revolution überwinden

In linksradikalen Kreisen wird oftmals ein Gegensatz von Reform und Revolution konstruiert. Damit wird ein Spannungsfeld zwischen der Forderung nach ganz konkreten Verbesserungen innerhalb des bestehenden politischen, rechtlichen und ökonomischen Systems einerseits und der Überwindung des durch die bestehende Herrschaftsordnung gesetzten Rahmens aufgemacht. Historisch wurde dies ausgiebig im sogenannten Revisionismus-Streit diskutiert. Eduard Bernstein gab die revolutionäre Perspektive vollständig auf, während Karl Kautsky den Fakt, dass die Sozialdemokratie sich bereits vollkommen angepasst hatte, dadurch verschleiern wollte, dass sie sich revolutionärer Phrasen bediente, um ihre Mitglieder zu mobilisieren. Rosa Luxemburg ging einen anderen Weg, indem sie die Partei als Ausdruck der organisierten Arbeiter*innenklasse ansah und mit dieser eine „revolutionäre Realpolitik“ anstrebte. Dagegen entwarf Wladimir Iljitsch Lenin eine „Partei neuen Typs“, welche als straffe Avantgarde-Organisation streng auf die politische Revolution hin ausgerichtet war und die Staatsmacht übernehmen sollte.

Leider viel weniger bekannt als diese sozialdemokratischen und parteikommunistischen Strategien, sind die anarchistischen. Jene entstanden gerade in Kritik sowohl an politischen Reformen, welche nicht aufs Ganze zielen und die von der herrschenden Klasse gesetzten Rahmenbedingungen aufrecht erhalten, als auch an der politischen Revolution, mit welcher von der falschen Annahme ausgegangen wurde, die Staatsmacht könne als neutrales Instrument verwendet und die sozialistische Gesellschaft mittels einer Diktatur eingerichtet werden. Alternativ thematisiert Élisée Reclus in einem Beitrag von 1891 sehr schön, dass „Revolution“ und „Evolution“ keine Gegensätze, sondern vielmehr zwei verschiedene Momente des selben Prozesses seien.

Vielfältige Strategien für anhaltende Veränderungen

Damit wurden vier Wege entwickelt, um grundlegende Gesellschaftstransformation zu erzielen. Erstens – als Abkehr von der Reform – die mutualistische Selbstorganisation, mit welcher darauf gesetzt wurde, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse sich durch Graswurzelarbeit langfristig und radikal verändern lassen Pierre-Joseph Proudhon und Gustav Landauer standen z.B. für diesen Ansatz. Zweitens wurde in Enttäuschung von der politischen Revolution auf den Aufstand ohne konkrete Zielvorstellung gesetzt, etwa von Luigi Galleani. Näher am Politikmachen dran sind dagegen, drittens, organisierte Massenbewegungen, welche zivilen Ungehorsam praktizieren. Sie sind keineswegs nur anarchistisch, aber Anarchist*innen wie Errico Malatesta oder Emma Goldman beteiligten sich aktiv in einer eigenen Strömung in ihnen. Schließlich beziehen sich alle diese Strategien, viertens, auch auf das Konzept der sozialen Revolution, welches sie gewissermaßen zusammenbindet und auf die Gesellschaftstransformation insgesamt hin ausrichtet. Wie insbesondere Peter Kropotkin herausarbeitet, wird damit auch eine konkrete Utopie als positive Vision für eine libertär-sozialistische Gesellschaftsform verbunden. In anarch@-syndikalistischen Ansätzen, z.B. bei Émile Pouget, wird dieser Bezugspunkt aufs Ganze wiederum mit konkreten sozialen Kämpfen im Alltag verbunden.

Es gibt also eine ganze Menge Strategien, um umfassende, radikale und anhaltende Gesellschaftsveränderung zu denken und soziale Kämpfe an ihnen auszurichten. Und wir sollten uns bewusst werden und entscheiden, welche Strategien wir – langfristig und auf bestimmte Situationen bezogen – eigentlich verfolgen. Denn auch dies wird sich auf die Gestaltung unserer Demos auswirken, ihren Charakter und ihre Effekte prägen. Es ist völlig klar, dass es dabei nicht den einen richtigen Weg oder nur eine sinnvolle Strategie geben kann. Tatsächlich vermischen sie sich, was auch völlig okay und bereichernd ist. Irritation und Streit kommen aber auf, wenn die Strategien, Ziele und Praktiken der unterschiedlichen Teilnehmenden sehr verschiedene sind – und wenn dies weder bewusst gemacht noch transparent und ehrlich kommuniziert und diskutiert wird. Und dies wirkt sich logischerweise auch auf die Gestaltung, den Ausdruck von Demonstrationen und die Handlungsoptionen in ihnen aus.

Autonomie oder Integration

Reform und Revolution gegeneinander zu stellen, ist konstruierter Widerspruch, den wir auch in der Ausgestaltung unserer Demos praktisch überwinden können. Viel eher lohnt es sich in einem Gegensatz von Autonomie und Integration zu denken. Denn dieses Spannungsfeld zieht sich im Grunde genommen durch alle sozialen Bewegungen und ihre verschiedenen Flügel. Zielen wir mit einer Demonstration vor allem darauf ab, Gehör für unsere partikularen Forderungen zu finden, ein Thema in den Mainstream-Medien zu setzen oder gar eine bestimmte Gesetzesveränderung zu bewirken? Oder wollen wir deutlich machen, dass wir uns selbst organisieren, die erstrebenswerten gesellschaftlichen Verhältnisse bereits praktisch einrichten und eine selbstbestimmte Agenda verfolgen, mit welcher wir auf eine möglichst klare Distanz zum gesetzten Rahmen der politisch und ökonomisch herrschenden Klassen und ihres Verwaltungs- und Zwangsapparates gehen? Hierbei geht es – ebenso wie bei den Transformationsstrategien – nicht in erster Linie darum, wie viel Macht die Aktiven in emanzipatorischen sozialen Bewegungen aktuell haben. Stattdessen ist entscheidend, wie und worauf hin sie ihre Botschaften, Ausdrucks-, Aktions- und Organisationsformen orientieren.

Auch wenn es zunächst etwas befremdlich wirkt – selbstverständlich können wir unser Handeln auch in einer kleinen Bezugsgruppe sozial-revolutionär, aufständisch, zivil-ungehorsam oder mutualistisch-selbstorganisierend ausrichten. Die Frage ist, WIE wir etwa tun und WO wir hin wollen. Und ob unser Handeln mit unseren Strategien, Vorstellungen und Aussagen übereinstimmt. Die Behauptungen, wir lebten in nicht-revolutionären Zeiten, erst müssten wir den Faschismus zurückschlagen oder aktuell wären nur Symbolpolitik oder marginale Reformen möglich, sind Schein-Argumente, die immer zur Integration in den Rahmen der bestehenden politischen Herrschaft dienen – auch wenn sie mit noch so linksradikal klingenden Phrasen und Begründungen vorgetragen werden. Dagegen wird es Zeit, dass wir eine andere Herangehensweise wieder entdecken und nach Autonomie streben.

Allerdings müssen wir uns dabei vor Augen halten, wer in welcher Position ist. Für Migrantinnen ist es beispielsweise entscheidend, dass sie einen Aufenthaltsstatus erhalten, damit sie in der BRD bleiben können – auch wenn das bedeutet, dass sie sich integrieren sollen. Ebenso ist es wünschenswert, wenn Aktivistinnen, die einer Lohnarbeit als Lehrerin, Anwältin, Journalistin, Sanitäterin oder Kulturschaffende nachgehen, ihre Positionen nutzen, um soziale Bewegungen zu stärken – auch wenn dies regelmäßig zu Widersprüchen führt. Dennoch können sie in ihren Aktivitäten für eine libertär-sozialistische Gesellschaftsform kämpfen, anstatt sich mühevoll am starren Rahmen der verwelkenden, zerrütteten Herrschaftsordnung abzuarbeiten. Eine solche Herangehensweise wird sich auch auf den Charakter von Demonstrationen und alle anderen Praktiken auswirken.

Gedanken zu „The Solutions are already here“

Lesedauer: 3 Minuten

Anfang des Sommers drückte mir eine Genossix bei meinem Besuch ein Buch in die Hand, das Anfang des Jahres veröffentlicht wurde: The Solutions are already here. Strategies for ecological revolution from below von Peter Gelderloos. Sie war dem Autoren persönlich begegnet und wirkte überzeugt. Obwohl ich mich direkt in die Lektüre stürzen wollte, dauerte es dann doch eine Weile, bis ich mich dem komplexen Thema widmen konnte.

In fünf Kapiteln verfolgt Gelderloos die anarchistische Herangehensweise, dass es an den Menschen selbst ist, also an uns liegt, unsere Geschichten zu schreiben und die Gesellschaft von unserer unmittelbaren Umgebung ausgehend, radikal zu verändern. Dies bedeutet zu protestieren, zu organisieren und zu gestalten. So umfassend wie die system-immanenten Krisen, welche die staatlich-kapitalistische Gegenwartsgesellschaft durchlaufen, müssen auch die Antworten auf die alltägliche Apokalypse in der wir zu leben gezwungen werden sein. Doch die schlichte und gute Nachricht, der ich mich vollkommen anschließe, ist: Alles was wir brauchen ist bereits da.

In fünf Kapiteln kritisiert der Autor grundlegend das Anthropozän, welches die Herrschaftsordnung eingeleitet hat („A ide-Angle View“) und zeigt auf, wie irrsinnig und heuchlerisch jegliche Bestrebungen zur „sozial-ökologische Transformation“ in der Umsetzung tatsächlich sind (Foxes Building Henhouses“). Er beschreibt, wo und wie aktuell protestiert wurde und welche Perspektiven daraus hervorgehen („The Solutions are already here“), wie sich diese zusammenbringen lassen („Versatile Strategies“) und wie eine grundlegend andere Zukunft aussehen könnte („A truly different future“).

Um einer ökologisch verträglichen Lebensweise Raum zu geben, bedeutet dies in zahlreichen Gegenden weltweit auch militant gegen Konzerne vorzugehen, deren schonungslose Ausbeutung von Mitwelt und Menschen durch staatliche und paramilitärische Repression gedeckt wird und legislativ und juristisch abgesichert wird. Die selben Akteure, welche Umweltaktivist*innen ermorden lassen preisen in ihrer Werbung ihre angeblich nachhaltige Produktionsweisen an, welche z.B. auf Kompensationszahlungen beruhen, die sie inzwischen ohnehin (manchmal) bezahlen müssen.

Gerade das letzte Kapitel halte ich für notwendig und innovativ, insofern es meistens weniger die Kritik an der bestehenden Gesellschaftsform ist, welche zu ihrer emanzipatorischen Überwindung motiviert, sondern die Hoffnung, dass konviviale, lebenswerte Zukünfte möglich sind. Dass wir ihnen stets nur gebrochen, tastend und widersprüchlich entgegen gehen können, versteht sich dabei von selbst. Und dennoch können wir mit diesem vielfältigen Streben nach Autonomie das Wagnis eingehen, die Gesellschaft neu zu schaffen. So „radikal“ einige Linke auch denken oder sich geben mögen – zu dieser anarchistischen Einsicht gelangen die wenigsten von ihnen.

Hierbei geht es nicht zuerst um die realen Machtverhältnisse, die ideologisch-affektive Verhaftung der Subjekte in der Herrschaftsordnung oder die Gefahr, dass faschistische Kräfte das Vakuum füllen könnten, dass beim Zusammenbruch des Bestehenden entsteht. Mit diesen Realitäten müssen sich selbstverständlich auch Anarchist*innen auseinandersetzen, wenn sie ihre Vorhaben voranbringen wollen. Wichtig ist jedoch die Frage der Perspektive: Wie schauen wir uns die Dinge an? Wie gehen wir an sie heran? Diese schwierig zu bewältigende Perspektiven-Verschiebung ist in sich ein Beitrag zur Umformung der Welt von unserer Seite her – und kann nur so gut funktionieren, wie sie an die materiellen und sonstigen Bedingungen rückgekoppelt ist, unter denen sie vollzogen werden kann.

Gelderloos aktuelles Buch ist dahingehend fundiert, dass er Interviews mit Aktivist*innen aus verschiedenen Teilen der Erde geführt und ihnen dabei gut zugehört hat. Dies überzeugt mich persönlich weit mehr als die Aussage, seine Erkenntnisse wären „wissenschaftlich fundiert“, wie er hinsichtlich „Worshiping Power. An anarchist view of early state formation“ (2013) behauptete. Dass der Autor involviert schreibt, dazu (vermutlich aufgrund seiner umtriebigen Lebenssituation) viel auf Internetquellen zurückgreift und seine Argumentation somit stark am Ziel orientiert ist, welches für ihn bereits feststeht, halte ich für legitim. Wichtig erscheint mir aber, dies transparent zu machen und damit überzeugen zu wollen. Ein wissenschaftlicher Anspruch würde seine stichhaltigen Argumente eher unglaubwürdig machen.

Doch wie erwähnt halte ich The Solutions are already here für lesenswert und am Puls der Zeit. Einmal deutlicher wird mir damit, dass der linken Szene im deutschsprachigen Raum anarchistische Perspektiven und Herangehensweisen gut tun würden.

Heißer Herbst – Wir sind dabei

Lesedauer: 4 Minuten

Antiautoritärer Aufruf sich an den sozialen Protesten gegen die Preissteigerungen in Leipzig zu beteiligen. Kommt am 5.9. zur Demo am Augustusplatz!

Diesen Aufruf habe ich auf Indymedia gefunden und teile ihn zur Dokumentation und weil ich die Stoßrichtung gut finde.

übernommen von der Mobi in sozialen Medien

Die letzten Tage des Monats ist das Geld grade immer alle. Bei jedem von uns. Es ist verdammt bedrückend wenn wir abends nicht mit unseren Freund*innen Bier trinken gehen können, weil wir uns nicht schon wieder was leihen wollen. Wenn der Sportverein gekündigt wird weil die Waschmaschine kaputt gegangen ist. Die Miete steigt vertraglich jedes Jahr aber Hartz4-Satzerhöhung oder der neue Mindestlohn reichen nicht mal um die Inflation auszugleichen. Wir sitzen alle alleine in unseren Wohnungen und fürchten uns vor dem Nebenkostenbescheid im Frühjahr. Diese dauernde Armut macht wütend.An vielen Orten der Welt ist es schon am brodeln. Auch wir können dass hier schon spüren oder zumindest haben wir das Gefühl bald zu explodieren und warten nur noch gespannt darauf, dass es losgeht. Die soziale Spannung ist da. Im Konflikt zwischen Politik/Wirtschaft und den Menschen, die den Scheiß nicht mehr bezahlen wollen, wissen wir welcher Seite unsere Solidarität gilt, auch in Sachsen mit der hier vorherrschenden Rechten Hegemonie.

Solidarität heißt für uns nicht Vereinzelung, heißt nicht Befrieden sozialer Gegensätze. Solidarität heißt für uns Gegenseitige Hilfe, und zusammenstehen gegen Krisen und Unterdrückung.

„Heißer Herbst – Wir sind dabei“ weiterlesen

Protest fotografieren

Lesedauer: 4 Minuten

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-bättle.ch.

In Hochglanz im A5-Format ist ein neues Magazin erschienen, in welchem Protestereignisse im deutschsprachigen Raum fotografisch und mit Berichten festgehalten werden.

Wem ein paar Euro für linke Zine-Kultur und kritischen Journalismus nicht zu schade sind, kann die unregelmäßig erscheinende Bella Ciao[1] von nun an bestellen. Auf 164 Seiten werden von 16 Demos und Aktionen zivilen Ungehorsams berichtet, sowie drei Interviews geführt. Von Freiburg bis Hamburg, von Zwönitz bis Karlsruhe sind darin unterschiedliche linke Ereignisse in der BRD dokumentiert.

Diese Arbeit ist wichtig, um das Geschichtsbewusstsein in emanzipatorischen sozialen Bewegungen aufrecht zu erhalten. Um das Umbruch-Bildarchiv ist eine ähnliche Gruppe organisiert, welche sich seit 1988 dieser Tätigkeit widmet und ihre Homepage vor einiger Zeit auf den neuesten Stand gebracht hat[2]. Mit dem Geschichtsbewusstsein verbunden ist auch das Selbst-Bewusstsein von Aktivitis. Weil die fotografische Dokumentation Reflexion über das eigene Handeln ermöglicht, trägt sie dazu bei, mit den eigenen Ansichten und Anliegen selbstbewusst umzugehen. Nicht zu Letzt auch deswegen, weil längerfristig sichtbar wird, was in verschiedenen Orten in einem Jahr so geschieht.

Ein Spektren-übergreifender Fokus auf den sichtbaren Protest

Der Fokus auf Protestereignisse ist dahingehend sicherlich klassisch. Gruppenprozesse oder Treffpunkte werden von Redaktions-Team in der ersten Ausgabe nicht festgehalten. Dabei ist auch dies wichtig, da die Bedeutung linksradikaler Zentren für die Große, den Organisationsgrad und das Bewusstsein von sozialen Bewegungen oftmals erst in den Blick gerät, wenn sie an eigenen Widersprüchen scheitern, zu bloß subkulturellen Orten verkommen oder durch staatliche Repression zerstört werden.

Ähnliches gilt für (anti-)politische Gruppen oder auch Einzelpersonen, die sich trauen, ihr Gesicht zu zeigen. Sie brauchen dabei nicht als „besonders wichtig“ gelten. Es reicht, wenn sie interessante Geschichten zum Thema zu erzählen haben, die mit ihrem Leben verbunden sind. Zugleich schärft die Konzentration auf Demonstrationen das Profil von Bella Ciao.

Sinnvoll ist ebenso der Spektren-übergreifende Ansatz des Magazins. So sehen und lesen wir etwa von einem sehr „schwarzen“ ersten Mai in Hamburg, wie von einer sehr „roten“ Demonstration zum selben Tag in Frankfurt am Main. Vom Fridays for Future Zentralstreik und Mietendemo, über Ende Gelände und der Blockade des Ausbaus der A100, bis hin zu Antifa und autonomen Demos sind alle dabei.

Die ästhetische Darstellung von Protestereignissen ist eine wichtige Aufgabe, welche nie auf Kosten der Inhalte oder deren Beliebigkeit geschehen sollte. Denn es ist kein Wert an sich, wenn sich irgendwer irgendwohin bewegt, sondern auch dabei gilt es sich zu positionieren. Die Mitglieder des Redaktions-Teams versuchen dahingehend eine Brücke zu schlagen zwischen sympathisierender Bezugnahme und professioneller Distanz. Sie würde ihnen meiner Ansicht nach noch etwas besser gelingen, gäbe es auch eine knappe Sparte zur Debatte darüber, was emanzipatorischer Protest im fortgeschrittenen 21. Jahrhunderts ist und sein kann.

Die Bedeutung von Demonstrationen für soziale Bewegungen

Mit anderen Worten ist es erforderlich, dass wir begreifen und diskutieren, was wir überhaupt auf welchen Demonstration tun. Erstens sind sie ein wichtiges Ausdruckssymbol, das unsere Stärke symbolisieren kann. Zweitens sind Demos Räume der Versammlung, in denen wir das erwähnte Selbst-Bewusstsein entwickeln und daraus auch Motivation und Kraft für die oft unsichtbaren sozialen Kämpfe im Alltag ziehen können. Drittens werden mit ihnen auch aktuelle Probleme und Herausforderungen der sozialen Bewegungen sichtbar: Etwa ein zu geringer Organisationsgrad in Bezugsgruppen, die diesem Anspruch gerecht werden, eine zu große Beliebigkeit und Unsicherheit in den eigenen Inhalten und Visionen oder die Ausbaufähigkeit von kreativem und spontanem Handeln. Und viertens können Demos Orte des Austauschs und der Begegnung unterschiedlicher Menschen sein – wenn sie denn so gestaltet werden, dass dies möglich ist.

In all dieser Hinsicht haben Demonstrationen wichtige Funktionen für die Integration, Verständigung und Stärkung sozialer Bewegungen. Doch für sozial-revolutionäre Bestrebungen sind sie nicht genug bzw. nicht das Eigentliche, gerade weil sich Aktive mit ihnen maßgeblich auf der politischen Ebene bewegen. Ohne im Detail einen Plan zu entwickeln, was es zu tun gälte, kann gesagt werden, dass der Aufbau langfristig funktionierender (anti-)politischer Gruppen und Basisstrukturen ebenso wichtig ist, wie die Ausübung direkter Aktion, die Ausprägung rebellischer Haltungen und Bildungstätigkeiten, inklusive theoretischer Auseinandersetzung. Demonstrationen dürfen also nicht zum Substitut für den langwierigen, anstrengenden und meist unsichtbaren Basisaktivismus im Alltag werden.

Das Selbst-Bewusstsein in emanzipatorischen sozialen Bewegungen entfalten

Dies spricht aber umgekehrt nicht dagegen, sie festzuhalten. Die fotografisch qualitativ wertvollen Bilder, sowie die fokussierten Berichte in Bella Ciao stellen deswegen auch eine Wertschätzung des Handelns von Aktiven in emanzipatorischen sozialen Bewegungen dar. Dies ist ein Gegenbild zum verbreiteten jämmerlichen Selbstverständnis – einem im Endeffekt sozialdemokratischen Rudiment –, mit welchem auch radikale Linke ihre Handlungsmacht an Politiker:innen abtreten und sich letztendlich nicht vom Irrglauben an die nutzbare Staatsmacht lösen können. Doch selbstorganisiert und nach Autonomie strebend, tat und tut sich einiges – gerade wenn die (anti-)politische Aktivität über den Symbolcharakter und das Ereignis des Protestes hinausgeht und langfristig das Leben von Menschen verändert. Dabei sollten „wir“ sollten nie vergessen, das „wir“ auch Erfolge zu verbuchen haben.

Insofern ist es wünschenswert, dass das Bella Ciao-Magazin auf Dauer gestellt und weiter entwickelt werden kann. Die Herausgeber:innen fordern auch zur Beteiligung am Projekt auf, womit auch weitere Ereignisse (beispielsweise der feministische Streik am 8. März, die jährliche Demo zum Frauenknast in Chemnitz oder die pro-kurdische Solidaritätsbewegung) festgehalten werden könnten. Ein Blick in die erste Ausgabe lohnt sich in jedem Fall.

Jonathan Eibisch

Fussnoten:

[1] https://www.bellaciaomagazin.de/

[2] https://umbruch-bildarchiv.org/

sp

Protest fotografieren

Lesedauer: 4 Minuten

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-bättle.ch.

In Hochglanz im A5-Format ist ein neues Magazin erschienen, in welchem Protestereignisse im deutschsprachigen Raum fotografisch und mit Berichten festgehalten werden.

Wem ein paar Euro für linke Zine-Kultur und kritischen Journalismus nicht zu schade sind, kann die unregelmäßig erscheinende Bella Ciao[1] von nun an bestellen. Auf 164 Seiten werden von 16 Demos und Aktionen zivilen Ungehorsams berichtet, sowie drei Interviews geführt. Von Freiburg bis Hamburg, von Zwönitz bis Karlsruhe sind darin unterschiedliche linke Ereignisse in der BRD dokumentiert.

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Erinnerung: Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg 2017

Lesedauer: < 1 Minute

Das von Ludwig van Beethoven in seiner 9. Sinfonie vertonte Gedicht Friedrich Schillers, war wohl einer der Lieblingssongs Bakunins. Das alle Menschen Geschwister sein werden, gibt Anlass zur Freude und motiviert zum Kampf. Insofern handelt es sich bei ihrer Adaption als Hymne für die EU um eine Instrumentalisierung. Die „Ode an die Freude“ wurde dann auch beim Gipfel selbst in diesem Milliarden-Prestigeobjekt Elbphilharmonie aufgeführt – wenn ich mich recht entsinne gab es dabei auch einige Protest-bedingte Komplikationen. Die Gastgeberregierung wollte damit offenbar das deutsch-europäische Erfolgsmodell des staatlichen Kapitalismus musikalisch untermalen. Bakunin jedenfalls hätte seine helle Freude am Video, welches die Bild-Reporter hier produziert haben. Und zwar einerseits, weil er einer Straßenschlacht mit schwarz vermummten „Autonomen“ sicherlich nicht abgeneigt wäre, andererseits aber, weil er um die Lächerlichkeit dieser Inszenierung gewusst hätte.Was ihn angesprochen hätte, wäre die theatralische Zuspitzung gewesen: Dort die mächtigen, reichen Regierenden, abgeschottet durch Polizei und Militär, abgehoben von den Bedürfnissen und Forderungen der Bevölkerung, welche die ihnen auferlegten Spaltungen überwindet und sich in der Auseinandersetzung gegen die Herrschenden verbündet. Auf der einen Seite, die scheinbare Ruhe und Gelassenheit der von den Sicherheitsapparaten beschützten Regierungen, die in ihrem Kern jedoch an ihren eigenen Widersprüche erodiert, auf der anderen Seite die Protestbewegungen in ihrer ganzen Vielfalt, welche tatsächlich beanspruchen die herrschende Politik und ihr System anzugreifen und zu überwinden. Letzteres wird dann medial als Skandal hingestellt, wobei es tatsächlich weniger die mehr oder weniger militanten Praktiken sind, welche die Protestierenden potenziell) hervorbringen und die als Bürgerschreck dienen sollen, sondern vor allem ihr tief eingegrabener Ungehorsam.

Das Konzept der Schwarmintelligenz in der Kriegsführung

Lesedauer: 11 Minuten

veröffentlicht auf schwarzerpfeil.de unter dem vollständigen Titel Das Konzept der Schwarmintelligenz in der Kriegsführung: eine Einführung für Aktivist:innen der Frontlinie

Original erschienen bei ILL WILL editions

Anm.: Ein deutschsprachiger Artikel mit Taktiken der Hongkonger Protestbewegung findet sich hier.

Einführung
Im Folgenden soll eine Einführung in das Konzept des „Schwarms“ als Ansatz der Kriegsführung gegeben werden, wie es von John Arquilla und David Ronfeldt in Swarming and the Future of Conflict thematisiert wird, das im Jahr 2000 im Rahmen des National Defense Research Institute der RAND Corporation veröffentlicht wurde. Es besteht die Hoffnung, dass die aufkommenden Frontalkonflikte der Demonstrant:innen, welche vom Hong Kong Democracy Movement 2019 zu den George Floyd Protesten 2020 migriert ist, die Schwarmintelligenz nutzen können, um die oft zitierte Maxime „be water“ zu erweitern.
Bei der Kriegsführung mittels „Schwarmintelligenz“ („Swarm warfare“) geht es darum, horizontale Kommunikation zu nutzen, so dass Gruppen sowohl autonom als auch gemeinsam handeln können, ohne zentralisierte, hierarchische Befehlsstrukturen. Falls das bekannt klingt, ist es kein Zufall: Arquilla und Ronfeldt zitieren die Strategie der Anarchist:innen und Globalisierungsgegner:innen im Vorfeld der Ereignisse um die Schlacht von Seattle 1999 als ein zeitgenössisches Beispiel für „Schwarmbewegungen“ die während der schriftlichen Ausarbeitung aufkeimten. Ausgehend von den Lehren aus den Entwicklungen in der Kriegsführung am Ende des 20. Jahrhunderts schlägt ihre Arbeit „Battle Swarm“ als Militärdoktrin vor, d.h. als normativen Ansatz zur Führung von Kriegen. Der „Battle-Swarm“ ist daher ein Beispiel dafür, wie unsere Feinde aus unserer Art zu kämpfen lernen, um unsere Erkenntnisse gegen uns anzuwenden. Und doch funktioniert das Lernen in beide Richtungen: Bei der Formulierung des Konzepts der Kriegsführung mittels Schwärmen haben uns unsere Feinde geholfen, indem sie wichtige taktische, strategische und logistische Aspekte identifiziert haben, die wir in unseren Kämpfen verbessern können. Daher sollte die folgende Einführung in Schwarmbewegungen als ein Ansatz zur Konfliktbewältigung genutzt werden, um unsere Taktiken auf der Straße kritisch und kreativ zu überprüfen und zu beurteilen, welche Arten von Kommunikationsinfrastrukturen und -praktiken geeignet sind, unsere Aktionen zu koordinieren [1].



„Das Konzept der Schwarmintelligenz in der Kriegsführung“ weiterlesen

Schwarze Anarchist:innen

Lesedauer: 7 Minuten

veröffentlicht auf schwarzerpfeil.de

Wie Schwarze Anarchist:innen die Protestbewegung am Leben erhalten

Wie Schwarze Anarchist:innen die Protestbewegung am Leben erhalten

Veröffentlicht am

Deutsche Übersetzung eines Mic-Artikels von Vanessa Taylor

Mit einer Reihe von Aufständen, die die Vereinigten Staaten erfasst haben, hat Präsident Trump seine Verachtung für die Demonstrierenden nicht verheimlicht. Abgesehen von seinen Drohungen gegenüber den Demonstrierenden in Minneapolis und fragwürdigen Exekutivbefehlen, hat Trump seinen Zorn immer wieder auf eine bestimmte Gruppe gerichtet: „Anarchist:innen“. Trumps ständiges Beschwören von Anarchist:innen, um alle Demonstrierende allgemein zu beschreiben, ist ein kalkulierter Versuch, laufende Kämpfe zu delegitimieren – so viel kann man deutlich in einem von Trumps Tweets von Anfang dieser Woche sehen, wo er schrieb, dass die Demonstrierenden in Portland und Seattle „eigentlich … kranke und gestörte Anarchist:innen und Agitator:innen“ waren.

„Schwarze Anarchist:innen“ weiterlesen

Hintergründe zur Rebellion in Belarussland

Lesedauer: 11 Minuten

Aus aktuellem Anlass spiele ich hier einen Text, welcher vom ABC Dresden übersetzt wurde. Da er bereits am 11.08. veröffentlicht wurde und die Runde gemacht hat, handelt es sich eher um eine Dokumentation… Wie bei jeder Umbruchssituation stellt sich bei den lang ersehnten Protesten in Belarussland die Frage, welche Strömungen darin Einfluss gewinnen und in welche Richtung sie dementsprechend Weiterentwicklungen ermöglichen können. Aufgrund der inzwischen 26jährigen Diktatur des Lukaschenko-Regimes, wie auch des früheren „sowjetischen“ Staatskapitalismus, wird der Demokratisierungsprozess sicherlich viele Jahre dauern. Die demokratische Herrschaft westlich-kapitalistischer Staaten bildet vermutlich auch für die meisten progressiven Kräfte das Vorbild. In vielerlei Hinsicht mag es menschenfreundlicher sein. Doch die Enttäuschung darüber ist wie bei der Transformation anderer post-„sowjetischer“ Ländern vorprogrammiert. Auch wenn sich für den Moment logischerweise auf den Sturz eines Diktators konzentriert, gilt es im Grunde genommen, eione ganz neue Gesellschaft aufzubauen…

Wie kam es zur Rebellion gegen die Diktatur in Belarus

Folgenden Text haben wir vom anarchistischen Newsportal pramen.io übersetzt.

Wenn du Leute Anfang 2020 in Belarus gefragt hättest, wie lange die Diktatur von Lukaschenko noch besteht, dann hätten sie dich wie einen Narren angeschaut. In einer respektierten Diktatur werden solche Fragen nicht gestellt, denn alle wissen, was passieren kann. Prinzipiell ist es so, dass die Herrschaft großer Führer eher zeitlos ist. Aber die Situation hat sich in den letzten 8 Monaten so radikal verändert, dass Menschen in Belarus auf die Straße gehen. Zum ersten Mal in der neuen Geschichte Belarus haben die Menschen in mindestens 33 verschiedenen Städten des Landes die Polizei zurückgeschlagen.

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