Die paradoxe Struktur kommunistischen beziehungstheoretischen Denkens

Lesedauer: 10 Minuten

Notizen zu Bini Adamczaks Beziehungsweise Revolution, 1917, 1968 und kommende

Originaltitel: Anleihen bei anarchistischen Denkweisen zur Kritik der gescheiterten Befreiung und die paradoxe Struktur kommunistischen beziehungstheoretischen Denkens

zuerst veröffentlicht in: transmitter / April 2018

Jonathan Eibisch

Anknüpfend an die Sendung von „recycling“ am 05.03.[1] werde ich an dieser Stelle einige Zeilen darauf verwenden, Kerngedanken der geführten Diskussion zu rekapitulieren, da wir Bini Adamczaks Buch[2] für sehr lesenswert und diskussionswürdig erachten. Neben ihrer historischen Beschäftigung, stellt sie sich der Herausforderung an Leerstellen eines aktuellen links-emanzipatorischen Projektes zu arbeiten, dabei verschiedene politische Strömungen (Feminismus, Anarchismus, Rätekommunismus, Kritische Theorie, Poststrukturalismus) in den Blick zu nehmen und neue Denkweisen zu entwickeln. Ihr Ansatz besteht darin, die revolutionären Sequenzen von 1917 und 1968 gegeneinander zu lesen und einer wechselseitigen Kritik zu unterziehen, um Revolution in als nichtrevolutionär angesehenen Zeiten, also den gegebenen Bedingungen, denkbar zu machen. Dass diese Thematik jedoch nicht lediglich eine des Nachdenkens bleiben, sondern durchaus zum Handeln inspirieren sollte, versteht sich dabei von selbst…

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Eine anarchistische Politik der Autonomie zwischen Politik und Anti-Politik

Lesedauer: 11 Minuten

Darstellung einiger Kernaspekte von Saul Newmans „The Politics of Postanarchism“ (2010)

zuerst veröffentlicht in: Paradox-A / Dez. 2017

von Jonathan Eibisch

Das Werk zur anarchistischen politischen Theorie Saul Newmans ist nun schon wieder einige Jahre alt. Obwohl ich davon ausgehe, dass diejenigen, welche an anarchistischer Theoriebildung interessiert sind und ihre Erneuerungsbewegungen verfolgen durchaus auch auf das Buch von Newman gestoßen sind und sich davon ausgehend ihre Gedanken gemacht haben, ist mir keine Besprechung des Buches auf deutsch bekannt. Ich vermute also weder der einzige noch der erste zu sein, der sich mit den Fragen beschäftigt, welche Annahmen über Politik im anarchistischen Denken bestehen, ob es überhaupt anarchistische politische Theorie gibt und welche Politikformen der Anarchismus anzubieten hat. Gleichzeitig wünsche ich mir, die Debatte darüber, vor allem in Hinblick auf eine strategische Entwicklung des Anarchismus in der BRD (anstatt nur aus reinem „Interesse“ oder als Hobby) auszuweiten und mitzugestalten. Dazu halte ich die Theorie von Newman für sehr wertvoll und durchaus geeignet, um sich darüber bewusst zu werden, was Anarchist*innen eigentlich meinen, wenn sie von „Politik“ sprechen und welche Konsequenzen für ihr Handeln sie daraus ableiten. Würde ich verschiedene Personen fragen die sich selbst als Anarchist*innen bezeichnen, so bin ich mir sicher, äußerst verschiedene und schwammige Antworten darauf zu erhalten. Ist Politik das was in staatlichen Institutionen, dem Parlament oder den Ministerien oder auch in hierarchisch strukturierten Parteien und großen Unternehmen stattfindet und ist sie deswegen aus anarchistischer Perspektive grundsätzlich abzulehnen? Oder handelt es sich um das, was wir in unseren politischen Gruppen und ganz von uns ausgehend tun wenn wir uns in Basiskämpfen engagieren, gelegentlich in der Öffentlichkeit wirken und anarchistische Ideen verbreiten und nicht zu Letzt uns zunächst erst einmal selbst gleichberechtigt und freiwillig organisieren? Ist für uns entscheidend, eine selbstbestimmte und reflektierte „Politik der ersten Person“ zu betreiben und mit Direkten Aktionen unmittelbar auf unsere Umgebung einzuwirken? Oder sollte es bei Politik vor allem darum gehen, „den Massen“ von Menschen (das heißt all jenen, die im demokratischen politischen Prozess unterrepräsentiert sind oder überhaupt nicht vorkommen) Hinweise und Fähigkeiten in die Hände zu geben, damit diese ihre Interessen selbst organisieren und artikulieren können? Unter welchen Umständen sind beispielsweise die Organisierung einer Soliparty, des kollektiven Zusammenlebens oder der Care-Arbeit als äußerst politische Angelegenheiten anzusehen und wann gibt es eher Sinn, sie explizit als weniger politisch zu bezeichnen – aber deswegen keineswegs als weniger wichtig als einen Infostand oder eine Demonstration? „Das Private ist politisch“ ist ein Slogan der „zweiten Frauenbewegung“ der 1970er Jahre der – so vermute ich – dem Politikverständnis der meisten Leser*innen dieses Textes sehr nahe liegen dürfe. Auch wenn ich diesem Ansatz grundsätzlich zustimme frage ich mich jedoch, welche Bedeutung der Begriff „Politik“ noch hat, wenn im Grunde genommen alles als politisch angesehen wird. Und ob dann der Poker und das Geklüngel um die Macht von verschiedenen kapitalistischen Fraktionen innerhalb staatlicher Institutionen noch als Politik zu bezeichnen ist oder nicht im Grunde genommen als etwas ganz anderes – zum Beispiel als „Verwaltung“ – beschrieben werden müsste… Vorstelllungen von Politik gibt es alleine im anarchistischem Denken sehr verschiedene. An dieser Stelle geht es nicht darum, festzulegen, was Politik an sich denn „eigentlich“ und noch weniger, was denn die richtige Politik ist. Vielmehr finde ich es wichtig Diskussionen darüber anzustoßen, was wir jeweils in unseren konkreten Situationen und Zusammenhängen unter Politik verstehen, wo wir sie betreiben wollen oder vielleicht gerade auch nicht.

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Geh 20 Reflexionen anstellen

Lesedauer: 11 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Lirabelle #16 / Dez. 2017; online auf: http://lirabelle.blogsport.eu/2017/12/12/geh-20-reflexionen-anstellen/

Die vielfältigen Ereignisse in den Tagen des G20-Gipfels in Hamburg bekamen bundesweit, europaweit, wie erwartet große Aufmerksamkeit. Wieder einmal kam es zu einer neuen Stufe von Polizeigewalt, Überwachung und Repression. Als Konsequenz daraus wird von staatstragenden Politiker*innen unter anderem die Ausräucherung von Rückzugsräumen für die „autonome Szene“ gefordert. Endlich sollen eine europaweite Extremist*innen-Datei durchgesetzt und die massive Aufrüstung der Polizei sowie ihr willkürliches Vorgehen gerechtfertigt werden. Im selben Zuge fordern Bewegungslinke fassungslos ein, rechtsstaatliche Prinzipien anzuerkennen und die Gewaltenteilung beizubehalten…

Das Großevent G20-Gipfel wurde wie zu erwarten zu einem prägenden Moment für linke Bewegungen. Mona Alona war im Gefahrengebiet und konzentriert sich in diesem Artikel auf einige diskussionswürdige Aspekte im Zusammenhang mit den Gipfel-Protesten. Noch von den Eindrücken des Gipfels berauscht als auch verstört werden sie nicht chronologisch und bruchstückhaft dargestellt…

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Für eine Erneuerung anarchistischer Theorie!

Lesedauer: 7 Minuten

Originaltitel: So wie es ist, darf es nicht bleiben! Für eine Erneuerung anarchistischer Theorie

Eine persönlich gehaltene Antwort auf Maurice Schuhmann

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #83 / Nov. 2017

„It would be misleading to offer a neat definition of anarchism, since by its very nature it is anti-dogmatic. It does not offer a fixed body of doctrine based on one particular world-view. It is a complex and subtle philosophy, embracing many different currents of thought and strategy. Indeed, anarchism is like a river with many currents and eddies, constantly changing and being refreshed by new surges but always moving wowards the wide ocean of freedom…“ – Peter Marshall, Demanding the Impossible. A history of anarchism

Lieber Maurice Schuhmann,

was schreibst du denn da für Sachen in deinem Artikel „Wider die Vermurxung und Verwässerung des Anarchismus“ in der letzten Gai Dào? Darf ich mich vorstellen, ich bin dein devils advocate, dein Antagonist für diese Debatte.

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Anarchismus hat es nicht nötig verteidigt, sondern gelebt zu werden

Lesedauer: 6 Minuten

Plädoyer für eine selbstkritisch-solidarische und respektvolle Diskussionskultur sowie eine Entgegnung

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #83 / Nov. 2017

von: Jens Störfried

Mit Freunde las ich die Kritik von Hyman Roth an meiner Rezension, auf welche ich deswegen auch gerne antworte. Meiner Wahrnehmung nach gibt es nämlich zu wenig Auseinandersetzungen über anarchistisches Denken, dass heißt auch seine theoretischen Ausformungen. Sich gegenseitig von anarchistischen Gedanken zu erzählen und sich darin wechselseitig in den eigenen politischen und lebensweltlichen Ansichten zu bestätigen ist legitim und wichtig. Zweifellos handelt es sich aber um etwas anderes, als die Auseinandersetzungen und die selbstkritische Betrachtung der eigenen Argumente und Perspektiven. Werden diese mit Nicht-Anarchist*innen geführt – seien es Menschen, welche vollends in bürgerlichen Denk- Lebenswelten beheimatet sind oder konkurrierende sozialistische Strömungen (denn mit wirklichen politischen Gegner*innen scheint es ja fast nie Debatten zu geben) – tendieren sich selbst als Anarch@s verstehende Menschen dazu, ihre Weltanschauung zu verteidigen. Dass sollten sie auch zu tun, immerhin gibt es unglaublich viel Aufklärungsarbeit dabei zu leisten.

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Wer würdigt wie, wen, warum oder warum nicht?

Lesedauer: 10 Minuten

Von den Schwierigkeiten der Würdigung von Personen in antiautoritären Gruppen

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #71 / Nov. 2017

von Mona Alona

Die folgenden Überlegungen stellen einige nicht abgeschlossenen Gedankengänge dar, die sich aus verschiedenen intensiven und längerfristigen, leider oft unzureichenden bzw. unreflektierten Gruppenprozessen ergeben haben. Sie sind nur eine einzelne Ansicht, können nicht zu generellen Aussagen führen und sind in diesem Sinne als Anstoß zu betrachten. Angeknüpft wird lose an den Text „Grundprobleme von antiautoritären Gruppen in der individualistischen Gesellschaft: Das Bockhaben und die Vermeidung von Vereinbarungen“ (Gaidao #64)

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„Alles gut!“ – „Sag mal geht’s noch, du Alles-Gut-Mensch?“

Lesedauer: 8 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #81 / Sept. 2017

Irmgard die beleidigte Anarchakonservative

Mensch, was brocke ich mir jetzt wieder ein, wenn ich schon zu Beginn des Artikels befürchten muss, manche*n in ihrer*seiner Empfindung, ihrer*seinem Sicherheitsgefühlen – ungewollt! – anzugreifen, in unser Weltbild reinzugrätschen und damit auch ganz mich selbst in Frage zu stellen. Verdammter Regentag, da kann ja nun nichts werden! Selbstzweifel nagen an mir, nagen an dir, die wir beide dann gewohnt sind, sie in Selbstkritik umzudeuten, welcher wir ja doch noch was Positives abgewinnen könnten. Aber darin liegt schon ein grundlegendes Missverständnis: Denn Kritik muss und braucht nicht „konstruktiv“ sein. Deswegen muss unsere Hoffnung dahingehend von vorne herein enttäuscht werden. Immerhin: So eine Ent-täuschung bringt dann vielleicht gelegentlich etwas Klarheit.

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Selbstorganisation statt Wahlspektakel! – Einige schwarz-bunte Gedanken

Lesedauer: 8 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #81 / Sept. 2017

von Simone

Wenn dieser Artikel erscheint, sind es noch drei Wochen bis zur Bundestagswahl. Dabei begrüße ich, dass das Thema auch in einigen anarchistischen Kreisen diskutiert wird. Ich finde das gut, denn immerhin sollten wir uns mit den politischen Geschehnissen um uns herum auseinandersetzen. Ob es uns gefällt oder nicht, gehören Wahlen, die Verschiebungen in der Parteienlandschaft und in politischen Rhetoriken, wie auch die anschließende Veränderung der Zusammensetzung von Ausschüssen etc. eindeutig dazu.

Es ist erforderlich, die Angelegenheit differenziert zu betrachten: Staat ist nicht gleich Staat und kann nicht eben mal abgeschafft werden; Regierung ist nicht einfach im Moment scheiße, sondern strukturell und leider macht es – zumindest kleine – Unterschiede, wer an welchen Hebeln sitzt und die angeeigneten Gelder wie verteilt. Anarchist*innen benötigen eine differenzierte und genaue Staatskritik, mit der es auch möglich ist, Staat als Verhältnis zu begreifen, welches dauerhaften Veränderungen unterliegt. Gleichzeitig macht uns dies nicht zu Reformist*innen oder die grundlegende Kritik bedeutungslos, welche sich – im Verhältnis zu dem, was wir eigentlich wissen und sagen – eher gelegentlich in unseren Handlungen zum Ausdruck kommt.

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Unter Neurechten – ein bedrückendes Essay

Lesedauer: 10 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #79 / Juli 2017

von Simone

In der literarischen Verarbeitungen der eigenen Vergangenheit stellt der Autor seine Erfahrungen mit einem Kreis der faschistischen „Neuen Rechten“ in Chemnitz dar. Diese bildeten 2002 eine Schülerburschenschaft, gründeten die neurechte Zeitung „Blaue Narzisse“ und gewannen später großen Einfluss als faschistische Intellektuelle, unter anderem auf den völkischen Flügel der AfD unter Björn Höcke sowie die Identitäre Bewegung. Um die Erneuerung des Faschismus zu verstehen, sind Orte und Zeiten zu begreifen, in denen er sich unter einem anti-emanzipatorischen Willen organisiert. Wenn wir uns als ihre grundlegenden Feinde positionieren wollen, gilt es auch die Faschos zu ernst zu nehmen…

Lebensphasenabschnittsumbruchsbedingt komme ich derzeit nicht umhin, über meine eigene Entwicklung und Vergangenes nachzudenken. Reflektierte Menschen sind geschichtliche Wesen, verstehen sich also in ihrem Gewordensein und in den Herausforderungen, die sich für sie im Leben und in ihrer Zeit stellen. Weil sich Zeiten, Räume und Verhältnisse im Wandel befinden, gilt es dauerhaft zu rekapitulieren, was Vergangenes war und wie es zu deuten sei, um vernünftiges Handeln im Hier und Jetzt anzustoßen. Was sich geändert hat sind die politischen Landschaften in den Krisen der neoliberalen globalisierten Herrschaftsordnung in den letzten Jahren. Die autoritäre, antiliberale und antidemokratische Alternative mit ihren neofaschistischen Elementen zeichnet sich klar am Horizont ab und ficht die alte Hegemonie an.

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Noch einmal zu Ermächtigung… als Praktiken zur partiellen Emanzipation

Lesedauer: 7 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Lirabelle #15 / Mai 2017

Mit so etwas wie… nun ja, Erleichterung, las Mona Alona den Artikel von Emily Page in der letzten Ausgabe der Lirabelle (#14). Emily schrieb einen „persönlichen Text“, was Mona einerseits an sich gut bzw. auflockernd findet, andererseits auch ein angemessenes Gegengewicht zum Text von Simon Rubaschow (Lirabelle #12) darstellt, den sie kritisiert. Die folgenden Überlegungen setzen sich damit auseinander, worauf aufbauend ein eigenes Verständnis von Ermächtigung skizziert wird.

Wenn auch inzwischen vor fast einem Jahr veröffentlicht, will ich die Kritik an Rubaschow hiermit nochmals bekräftigen und untermauern. Emily widerspricht ihm dankenswerter Weise, tut dies aber derart, eine andere Perspektive aufzuzeigen. Dennoch finde ich ihre Begründungen, warum „Empowerment“ wichtig sei, nicht als ausreichend. Oder anders gesagt, richtet sich ihre Darstellung an Menschen, die sich in ihrem politischen und persönlichen Handeln ermächtigen und einen gemeinsamen Begriff davon haben. Wenn sie[*] zu Beginn schreibt: „Ein Hoch auf Empowerment – egal in welcher Art und Weise“ (#14, S. 35) oder abschließend: „Und deshalb, genau deshalb ist Empowerment genau das Richtige. Und super wichtig“ (#14, S. 37), spricht das auf empowernde Weise jene an, die diese Erfahrungen teilen, führt aber nicht zu einer gemeinsamen Auseinandersetzung darum, was unter Empowerment jeweils verstanden wird. Wir gelangen zu einer – möglicherweise notwendigen – schützenden Selbstbestätigung, nicht aber zu einem „einen Ort der solidarischen, wechselseitigen Kritik auch der Bedürfnisse“ (#12, S. 38), auf den Rubaschow in seinem Text die Hoffnung nicht aufgeben will.

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