projektionsfläche

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zugeben muss ich leider
dass ich mir nicht bewusst war
in welche situation ich mich begebe
wenn ich mich öffentlich und kontinuierlich zu einem thema äußere
welches wenige menschen viel bewegt

vieles kann ich sehr schlecht und vieles ist nicht meine sache
aber was ich jahrelang gelernt habe
darauf vertraue und darauf baue ich

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rastloser Aktivismus

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Das Leben gönnt dem rastlosen Menschen keine Pause
wie die Krisen der herrschenden Ordnung den Aktivist*innen nicht

Das liegt ja schon im Wesen der Sache:
Würden sie ruhen, wären sie Passivist*innen
und wäre der Mensch nicht rastlos,
dann entweder zufrieden oder tot
/ keine besonders menschlichen Eigenschaften

ob Geldbeschaffung oder Finanzkrise, Liebeskummer oder faschistische Mobilisierung, Einsamkeit oder pandemischer Ausnahmezustand, Streiterei oder Krieg, Krankheit oder Klassenkampf von oben
/ immer ist es ein Gemähre, nie ist’s mal gut
Wie soll man sich bei all der Kriselei nicht gestört fühlen?

Der Mensch nimmt sich zu wichtig im Anthropozän
und zu unwichtig zugleich
So wird der homo crisensis hervorgebracht
und eiert von einer Tortur zur nächsten
damit er sich lebendig fühlt
und sich im rasenden Stillstand im Kreis dreht.

funktional depressiv

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guten tag, was darf ich hier nicht machen?
denn ich habe keinen bock auf ihren laden
kann mich nicht einfügen in ihre abläufe
komme nicht klar, mit ihren hierarchien
verstehe nicht, worauf es hier ankommt
mache mein maul auf,
wenn sie es unangemessen finden – immer

schreibe texte
und keine bewerbungen
schieße mich ab
um meine auferlegten verpflichtungen zu umgehen
sabotiere mich selbst
weil ich angst vor veränderungen habe
arbeite durchgehend
um nicht arbeiten gehen zu können

sehne mich nach deiner nähe und will dich halten
aber du schreckst zurück vor meiner bedürftigkeit
will immer mehr
weil ich mich ungenügend fühle

renne weiter
weil ich angst habe
im stillstand tot umzufallen
esse regelmäßig
weil ich das als notwendigkeit begreife

entwickele projekte
die ich alleine gar nicht umsetzen kann
denke dreivierfünfgleisig
um mich nicht fokussieren zu müssen
kämpfe für eine andere gesellschaft
um keine selbstverantwortung zu übernehmen

„selbstverantwortung“ in dem sinne

innerhalb der bestehenden gesellschaftsform

klarzukommen und mitzumachen

ja, das kann ich nicht gut

und bin doch gerade darin ehrlich und konsequent

Mensch soll sich halt entscheiden (müssen)

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Hier und da herum zu springen
wie ein verlorener Hund, der Nähe sucht
und dennoch Bindungsschwierigkeiten hat
wie Falter, aus dessen Flugbahn
man erst nach längerer Beobachtung halbwegs schlau wird
zieht schnell Verdächtigungen auf sich
selbst wenn die widersprüchliche Bezugnahme zur Szene
und die eigene Wertebasis völlig klar ist

ja umgekehrt ist’s so: wer weiß, wohin sie grundsätzlich gehört

– trotz allen Ringens, aller Zweifel –
hat erst die Möglichkeit
in die Außenwelt zu streunen und zu flattern
muss dazu nicht die Welt bereisen,
sondern kann auch im eigenen Umfeld umtriebig sein

Doch mensch soll sich halt entscheiden (müssen):
Bist du rechthaberisch oder kompromissbereit
streitsüchtig oder versöhnlich?
Bist du hoffnungsvoll oder fatalistisch,
fröhlich oder depressiv?
Bist du offen oder verschlossen,
herzlich oder distanziert?
Bist du cis oder queer,
hetero oder doch bi?
Bist du überzeugt arbeitsfrei oder lohnarbeitend,
proto-proletisch oder post-kleinbürgerlich?
Aktivistin oder Theoretikerin,
Akademiker oder Scharlatan?
Kommunist oder Individualist,
Syndikalistin oder Insurrektionalistin?

Was bist du denn, was machst du denn?
Wer sind deine Leute? Was ist deine Gang?

Unsichere Menschen sind nicht attraktiv
Mensch soll sich halt entscheiden (müssen)

systematisch produzierte Hoffnungslosigkeit

Lesedauer: 2 Minuten

Diese Gedanken sind leider eher traurig. In einem Gespräch mit einem Freund, merkte ich erneut, wie bei ihm jede Hoffnung auf größere gesellschaftliche Veränderungen versiegt ist. Tatsächlich war und ist er sehr engagiert – weniger in organisierten Gruppen, eher lebenspraktisch bezogen. Eine Person mit vielen Fähigkeiten und dem Herz am richtigen Fleck, wie man so sagt. Jemand, der viel kann und viel wollte. Dann hat er aber miterlebt, wie jahrelange, intensive Bemühungen einfach platt gemacht wurden. Die Entscheidung fiel bewusst darauf mit völlig legalen Mitteln und Öffentlichkeitsarbeit einen Freiraum in einer mittleren Stadt.

ls er endlich aufgebaut wurde, bestand er aber lediglich ein Jahr, bevor er von den Stadtbehörden völlig unnötigerweise illegalisiert wurde. Bauland für Unternehmen oder Luxuswohnungen rauszuhauen, ist den selben Behörden aber kein Problem. Mit institutionalisierter Dummheit, nein, mit institutionalisierter Herrschaft haben wir es hier zu tun. Denn unsere Interessen gelten nichts – wenn nicht nach viel Überzeugungsarbeit gesehen wird, dass sie sich irgendwie kapitalistisch verwerten lassen. Und eine solche Argumentation wäre nun freilich wirklich unsinnig, will man mit der kleinen Insel im Chaos der Vernichtung, doch etwas anderes schaffen; einen Unterschied machen.

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Zugangswährung

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Erfahrungsgemäß finden sich in verschiedenen Milieus und Gruppen
ganz unterschiedliche Normen, Diskussionskulturen und Rituale
oftmals erscheinen die Zugangsvoraussetzungen nicht objektiv hoch
aber so gut wie unmöglich zu erfüllen,
wenn keine zugehörige Person die Bürgschaft
für den Fremdling auf sich nimmt

und ansonsten entscheiden Vorkenntnisse und das Einfügen
in die für Außenstehenden häufig undurchsichtige Sozialstruktur darüber,
wer zu welchem Grad teilhaben kann und Gehör findet

Zugehörigkeit wird somit in ganz verschiedenen Währungen gemessen
wer viel herumgekommen ist und sich beschenken lassen hat,
hat viele Arten von Münzen in seinem Beutel

wer die falschen in die Waagschale wirft,
wird schnell misstrauisch beäugt
die Vielheit darf nicht als Beliebigkeit erscheinen
sonst wird die Fähigkeit zur Selbstverpflichtung in Frage gestellt
und das Vertrauen nicht ausgeweitet oder gar entzogen
also aufgepasst beim Währungsumtausch!

halb außen ganz dabei

Lesedauer: < 1 Minute

verdächtigt wirkt
wer von halbaußen kommt
wer um die leute weiß
aber nicht mit ihnen befreundet ist
wer die debatten kennt
und ihrer flachheit und verbohrtheit gegenüber skeptisch bleibt

wer ernsthaft an die sache glaubt
kann und darf sich mit der gemeinschaft der suchenden
nicht vollends identifizieren

ohne gewisse distanz zur szene
mit ihren intrigen und machtkämpfen,
ihrer anerkennungssucht und den statusbestrebungen
geht der glaube schnell verloren

doch ist die wahrheit zu bedeutend
als sie einem kreis eingeweihter zu überlassen
die umso eifersüchtiger darüber wachen
je ausgeschlossener und angeekelter
sie sich von der gesellschaft fühlen

ihre dogmen und phrasen
werden fast austauschbar
wenn ideologie vor allem zur integration
des eigenen klüngels verkommt
oder bloß zur rechtfertigung
strategieloser praktiken

darauf hinzuweisen
muss misstrauen und abwehrreflexe auslösen

also stellt man sich lieber gleich halb außen
um ganz dabei zu sein

zwei sein

Lesedauer: < 1 Minute

zwei sein können, ohne zu verschmelzen

widersprüchlich sein, wie die gemacht welt,

in der wir uns wiederfinden

gegensätze bilden, ohne sie aufzulösen zu können

und das dazwischen suchen:

gestaltete beziehungen, zwischenräume,

direkte aktionen, soziale revolutionen

multilineare geschichten, hybride subjekte,

präfiguratives handeln, reflektierte aktion,

abreißend aufbauend

auf umwegen zum ziel

Selbstreflexion braucht solidarische Kritik

Lesedauer: 5 Minuten

Goldman macht mir eine Ansage

Dann werde ich also auf die anarchistische Buchmesse fahren um meine Gedanken zu präsentieren und Mitte Juni in den Norden, um ein paar Veranstaltungen zu machen. Eigentlich würde ich nur so etwas machen, Seminare geben und Texte zu meinen Themen produzieren – wenn ich denn davon leben könnte. Das hat zumindest insofern einen gewissen Wert, als das anarchistisches Denken am Leben gehalten, weiter gegeben und auch weiter gedacht wird. Und im deutschsprachigen Raum gibt es nun mal wenige Menschen, die dies als ihre Aufgabe erachten und mit erlernten theoretischen Fähigkeiten verbinden können. Das ist auch verständlich. Der Fame für nicht-institutionell angebundene anarchistische Intellektuelle, die sich nicht als besonders krass inszenieren, sondern besonders bodenständig sein wollen, hält sich sehr in Grenzen. Die paar Fans sind oftmals nicht zahlreicher als die paar Hater, die eine Strohpuppe in mir gefunden haben. Meine Bezahlung ist… nun ja, im Wesentlichen ein moralisch gutes Gefühl, mit meinen Fähigkeiten und meiner Seinsweise etwas sinnvolles gemacht zu haben.

Ich bilde mir manchmal ein, damit in manchen Fällen auch die lokalen Szenen zu bestärken, weil sie dann etwas Thematisches nach außen hin anbieten können. Schwierig ist es aber, wenn lokale A-Gruppen gar keine Aktiven hervorbringen, die mit einer gewissen Bildung in der Öffentlichkeit auftreten und sprechen können. Jetzt, wo ich sogar den langen, zermürbenden Weg der Promotion gegangen bin, wäre ich vermutlich sogar in der Position, Genoss*innen in anarchistischer Theorie und Veranstaltungen auszubilden. Soll ich das aber wieder – wie gewohnt – alleine angehen? Es gibt auch Menschen, die auf einem ähnlichen denkerischen Level wie ich unterwegs sind. Diese sind aber wiederum nicht so aktivistisch eingestellt, als dass sie Anarchismus als potenziell sozial-revolutionäre, organisierende, vermittelnde und radikalisierende Kraft innerhalb emanzipatorischer sozialer Bewegungen begreifen. Sie machen vielleicht auch mal eine Veranstaltung, einen Text oder intervenieren in eine Debatte. Darüber hinaus denke ich aber, dass sie sich deutlich besser um sich kümmern und mit der Gegenwartsgesellschaft arrangieren können, als ich. Das ist allerdings erst mal eine Unterstellung von einem chronischen Nörgler.

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Eine (anti-)politische Romanze

Lesedauer: 6 Minuten

Malatesta erweist mir die Ehre

„Lasst euch nicht erzähl’n, ihr hättet ein Problem! Propaganda der Yuppi-Schweine, Arbeit hat man besser keine!“ höre ich, während ich am See liege, ein Seminar vorbereite, daran denke, dass ich Freitag wieder mal einen Vortrag halten werde und auch daran, dass ich meine Diss in ein handliches, verständliches Buch umschreiben müsste. Also ein neues Buch, dessen Lohn darin bestünde, dass vielleicht ein paar hundert Menschen mehr sich mit meinen Gedanken auseinandersetzen und weiterbilden könnten. Machen wir uns nichts vor: Meine Tätigkeiten sind extrem unsexy und stellen ja vor allem eine Prokrastination von Verantwortungsnahme und Lebensgenuss dar. Wieder einmal beschleicht mich dieses erschreckende Gefühl, dass mein Leben an mir vorbei zieht und immer schneller läuft. Und auch wenn ich denke, dass dies vielleicht allen bisweilen mal so geht, frage ich mich doch, ob sich hier nicht der Schraubschlüssel rein werfen ließe. Doch Leben ist Wandel und Stillstand ist Tod – die Konsequenz daraus wäre also das Gegenteil von dem, was ich anstrebe.

Wenn ich ehrlich bin, möchte ich ja nur meine Ruhe. Und ja, ich beneide auch die Menschen, die ihre Arbeit, ihre Familie, ihren geregelten Alltag, ihren Kleingarten haben. Sie sind damit im Durchschnitt sicherlich nicht mehr oder weniger zufrieden als ich, der ich permanent herum renne in meiner kleinen Welt. Oftmals auch nur innerlich. Naja klar, da fehlen eben Dinge. Sie fehlten schon immer, ebenso wie das Zutrauen darin, dass es besser werden könnte und mein Leben mehr wert sein sollte. Gegen einen gesunden Pessimismus ist nichts einzuwenden, denke ich mir. Gegen funktionale Depression schon. Denn andere können die Dinge eben etwas leichter nehmen oder lassen sich das eigene Glück zumindest nicht vermiesen, weil sie es sich wert sind.

Ich weiß, das klingt wohl ganz schön niederschmetternd. Besser aber die Dinge klar zu benennen, als die ganze Zeit um den heißen Brei herum zu reden. Es hat ja Gründe, warum ein Mensch zum Theoretiker und Anarchisten wird. In meinem Fall als anarchistischer Theoretiker kommen dann noch zwei ungünstige Dispositionen zusammen. Da will ich voranschreiten, doch die Meta-Reflexion hindert mich am unmittelbaren Leben, wie ich unterstelle, dass es meine Gesinnungsgenoss*innen könnten. Und als Theoretiker bin ich eben auch nicht mit mir im Reinen, weil ich wieder das Gefühl habe, ich müsste das erwähnte oder ein anderes Buch schreiben. Doch wozu, wenn es niemanden in der eigenen Szene interessiert und es im akademischen Raum ebenfalls nicht gewertschätzt wird?

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