Die höflichen anarcho-syndikalistischen, libertär-kommunistischen Revolutionäre

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Da ich ja zuletzt mit dem Syndikalismus gearbeitet habe, führte mich dies unter anderem auch dahin, einen Blick in den vergilbten Band Ökonomie und Revolution (Wien: Monte Verita-Verlag 1986, bzw. Karin Karmer-Verlag 1975) zu werfen. Den ersten Beitrag von Juan Peiró zu Syndikalismus und Anarchismus (1936) kann ich an dieser Stelle überspringen, da im Wesentlichen Grundlagen des anarchistischen Syndikalismus zusammengefasst werden, welche sich ebenso zum Beispiel bei Rocker und anderen finden und daher hier nicht wiedergegeben werden müssen. Nett darin ist beispielsweise jedoch diese aufrüttelnde Formulierung:

„„Die Welt erobert man nicht mit Worten, sondern mit Taten. […] Bis jetzt ist der Anarchismus nicht mehr als ein Kompendium gesprochener Wahrheiten, ein moralischer und intellektueller Wert, ohne daß er die Realität tatsächlich durchdringt – oder besser gesagt, Möglichkeiten und praktische Aufgaben realisiert, die eine künftige Gesellschaft, und sei es auch nur prinzipiell, antizipieren. Es reicht nicht aus, von einer neuen Gesellschaft, die zunächst nur eine Minderheit will, immerzu nur zu reden. Wir müssen mit Taten zeigen, daß die von uns angestrebte Gesellschaft nicht ein Hirngespinst oder eine Utopie ist, was die Feinde einer wirklichen Gerechtigkeit behaupten.“ (40)

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Sozialismus als Schweine-System

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Als ich diese Zeichnung fand, musste ich zunächst herzlich lachen. Selbstverständlich wegen der Moralisierung, die dort drinnen steckt. Jede Herrschaftsordnung ist ein Schweine-System könnte man leicht sagen. Doch was ist mit der „République Sociale“, einer Bezeichnung, die auch Proudhon verwendete? Wenn jedes Schwein das bekommt, was es braucht und verdient hat, ist das dann gerecht? Sicherlich ist das eine Form von Ordnung, vielleicht sogar von einer rationalen und gut gemeinten. Ich hab überhaupt nichts gegen Schweine. Menschen teilen mit ihnen den Großteil ihres Genmaterials. Schweine sind sehr intelligent, sozial und reinlich.

Es sind die miserablen Haltungsbedingungen, welche sie in Konkurrenz setzen, weswegen sie von Dreck umgegeben sind und bösartig werden. Da lässt sich einiges „verbessern“, sicherlich. Aber meine Sehnsucht geht doch eigentlich dahin, ein Wildschwein zu sein. Borstig und ungekämmt, flink und wendig durch das Unterholz und über grüne Wiesen zu rennen. Ich sage nicht, dass dann alles schön wäre? Aber wäre es nicht „Freiheit“? Nun ja, es gibt Argumente für beide Seiten. Denn immerhin entsteht mein romantisches Faible für das Wildschwein-Dasein innerhalb einer technokratischen, durchregulierten, überall institutionalisierten Gesellschaftsform. Die sicherlich auch ihre Vorteile hat, welche ein Großteil nicht missen wollen würde. Würde ich umgekehrt als Wildschwein vielleicht sogar das Schweine-System der sozialen Republik bevorzugen? Das kann gut sein…

Eine Frage, die in diesem Zusammenhang allerdings nicht gestellt wurde, bezüglich jedes der Schweine-Systeme: Steht dahinter nicht doch ein Bauer, der die Dinge so anordnet, wie sie eben sind? Ein dummer und grausamer oder ein kluger und milder?

Geburtstag: Murray Bookchin

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Heute vor 100 Jahren wurde der US-amerikanische Anarchist Murray Bookchin (wikipedia) geboren. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Janet Biehl entwickelte er die Konzepte der sozialen Ökologie und das des libertären Kommunalismus. Ersteres inspirierte öko-anarchistische Bewegungen in den USA wie etwas verzögert auch in der BRD in den 1970ern und 1980ern. Letzteres wurde von der kurdischen Autonomiebewegung aufgegriffen und mündete in die Struktur des demokratischen Konföderalismus, welche heute in Rojava praktiziert und weiter aufgebaut wird. Bookchin war der Überzeugung, dass Menschen in einer modernen Gesellschaft ökologisch verträglich leben können, wenn das Herrschaftsverhältnis über die Natur gleichermaßen, wie das von Menschen über Menschen abgeschafft würde. Aus der Perspektive der radikalen Ökologiebewegungen arbeitete er an der Erneuerung eines anarchistischen Revolutionsverständnisses. Weiterhin beschäftigte er sich mit herrschaftsfreier Stadtplanung und wie die kapitalistische Mangelgesellschaft durch einen dezentralen Sozialismus überwunden werden könnte. 1971 war er an der Gründung des Institute for Social Ecology, gewissermaßen einem anarchistischen thinktank – etwas, dass es im deutschsprachigen Raum bedauerlicherweise nicht gibt.

In höherem Alter gelang es Bookchin aber leider nicht mehr mit den Veränderungen der Zeit und der sozialen Bewegungen mitzugehen. Zwar kritisierte er zurecht die esoterischen Tendenzen in der Ökologiebewegung, konstruierte jedoch eine falsche Kluft zwischen Social Anarchism or Lifestyle Anarchism (1995), die vermeintlich unüberbrückbar wäre – als wenn die umfassende Veränderung des eigenen Lebens nicht immer ein Teil des Anarchismus gewesen wäre und die Möglichkeiten zur Entfaltung von Individualität nicht ein Gradmesser für die gesamtgesellschaftliche Emanzipation seien! Unter anderem Bob Black antwortete ihm mit dem Buch Anarchy after Leftism (1997), in welchem er Bookchin fies, aber sehr erheiternd als „grumpy old man“ bezeichnete – und dessen Thesen ziemlich eloquent zerlegt, um seinen Individualanarchismus zu entfalten.

Auch diese Episode verdeutlicht jedoch die Bedeutung, welche Bookchin die die anarchistische Bewegung über einige Jahrzehnte hatte – zumals es wenige Anarchist*innen gibt, die als öffentliche Intellektuelle wirken, eigenständige Konzepte entwickeln und es schaffen, in verschiedene Bevölkerungskreisen Gehör zu finden.

Murray Bookchin starb am 30.06.2006.

Material: Anarchismus – Sozialismus?

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Mit diesem Schema wird deutlich, dass ich den Anarchismus als Hauptströmung des Sozialismus ansehe. Die leite ich einerseits aus der Ideengeschichte ab und andererseits aus der ethischen Wertebasis, die meiner Ansicht nach alle „echten“ Sozialist*innen teilen. Beispielsweise haben sich die anarchistischen in zahlrecihen Debatten und Streits innerhalb des sozialistischen Lagers entwickelt. Als sich der Anarchismus als eigenständige Strömung formierte, geschah dies, um die als ursprünglich angenommenen Organisationsvorstellungen (z.B. den Föderalismus, die Dezentralität) und die Grundanliegen (z.B. der Anti-Nationalismus, Selbstorganisation von unten) entgegen dem hierarchischen Prinzip von sozialistischen Parteien und ihrer Integration in die bestehende politische Ordnung zu verteidigen. John Holloway macht diese Unterscheidungen der Hauptströmungen des Sozialismus in Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen auf und ebenso Erik Olin Wright in Reale Utopien.

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Schatzkiste: Sozialdemokratie und Anarchismus (Rudolf Rocker)

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Um 1900 erschien Rudolf Rockers Text Sozialdemokratie und Anarchismus. Insbesondere in Deutschland entstand die anarchistische Bewegung durch Abgrenzung von sozialdemokratischen Parteien und Organisationen. Rocker selbst war dort aktiv und schreibt in seiner Autobiografie ausführlich, wie sein radikaler Flügel durch perfides Parteigeklüngel ausgegrenzt wurde. So fand er später – wie schon zuvor der umtriebige Johann Most und andere – zum Anarchismus, den er entscheidend mit prägte. Der Bezug zur Gewerkschaftsbewegung blieb für ihn hingegen ein Leben lang bestehen; auch, als er erfahren musste, wie die Gewerkschaften bei einem internationalen Kongress in Moskau der Führung der KPdSU unterworfen werden sollte. Die mündete in die Gründung der anarcho-sandikalistischen Internationalen Arbeiterassoziation (IAA), auf einem Kongress 1922, an welcher Rocker maßgeblich beteiligt war. Der Anarchismus – und mit ihm der Anarcho-Syndikalismus – befand sich also in der schwierigen Zwischenposition zwischen Sozialdemokratie und kommunistischen Parteien. Dies führte jedoch auch zur Stärkung seiner Eigenständigkeit.

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Antideutsche Regression

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trigger-Warnung: Der folgende Beitrag entstand in einem Moment des Auskotzens, würde ein anderes Mal vermutlich anders geschrieben werden und wurde nicht noch mal überarbeitet.

Bedauerlicherweise kam es im Bekanntenkreis erneut zu einem ernsten Fall antideutscher Regression. Also zu einem Rückfall in Annahmen und Vorstellungen, die zwar früher schon teilweise falsch waren, teilweise aber auch ihren Grund und ihre Berechtigung hatten. Zunächst einmal gilt, das mich die antideutsche Kritik sehr geprägt hat und ich das nicht missen will. „Antideutscher“ selbst wurde ich dann jedoch nie. Dazu war es mir einfach zu deutsch, die bestehende Herrschaftsordnung zu affirmieren, anderen aus einer Position theoretischer Arroganz und Überheblichkeit zu erklären, was sie richtig oder falsch machen und von Selbsthass getrieben Abwertung anderer zu betreiben. Doch neulich war ich doch sehr überrascht, dass da einige Genoss*innen offenbar spürbar hängen geblieben sind, ich regelrecht einen Rückfall wahrnehmen musste. So etwas kann passieren. Deswegen schreibe ich ein paar Zeilen dazu.

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Auftaktrede zur Landauer-Veranstaltungsreihe

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Eine recht frei runtergeschriebene Rede. Gehalten am 29.10. im Pöge-Haus.

Mensch – Geschichte – Revolution

Zur Aktualität des kommunitären Anarchismus Gustav Landauers

Herzlich Willkommen zur Buchvorstellung von Paul Stephan „Links–Nietzscheanismus. Eine Einführung“.

Als Mitorganisator unserer Veranstaltungsreihe zum kommunitären Anarchismus Gustav Landauers habe ich die Aufgabe übernommen, einige Worte zur Eröffnung zu dieser Veranstaltung und damit unserer Reihe zu sagen. Selbstverständlich werden wir sie durchführen, wenn auch den erschwerten Bedingungen, mit denen wir konfrontiert sind. Anstatt die aktuelle Situation einfach mit dem Anschein von Normalität zu überspielen, möchte ich zu Beginn einige Worte zum Elefanten im Raum loswerden. Die Corona-Pandemie wird zweifellos als Katalysator einer tiefgreifenden Veränderung des gesellschaftlichen Arrangements führen. Ob in Hinblick auf die Frage nach der Gewährleistung von Gesundheit, Arbeitsverhältnissen, Digitalisierung oder den Verwertungsschwierigkeiten des Kapitals im fortschreitenden 21. Jahrhundert werden wir in den nächsten Jahren zahlreiche Veränderungen erleben. Wir können uns nicht krampfhaft an das Alte klammern, denn sein Bestand ist unhaltbar geworden und vom Lauf der historisch-politischen Ereignisse überrollt worden. Peter Kropotkin, einer der wichtigsten Denker*innen des anarchistischen Kommunismus ging davon aus, dass in jeder Krise auch Chancen liegen, dass wir stets Potenziale suchen können, die uns zur Erkämpfung einer freiheitlichen, egalitären und solidarischen Gesellschaft motivieren können. Kommunistische und anarchistische Tendenzen gibt es für Kropotkin es auch in der heutigen Gesellschaft. Sie aufzuspüren und voranzubringen ist die Grundlage, um die neue Gesellschaft in der Schale der alten aufzubauen, zu organisieren, zu erkämpfen. Dies war auch die Herangehensweise des zeitgenössischen anarchistischen Denkers David Graeber, der bedauerlicherweise am 2. September gestorben ist.

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Make it a threat again!

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Ein Beitrag von autonomies.org den ich hier gern teilen möchte. Darin wird zunächst die Rolle des Anarchismus im US-amerikanischen Kontext diskutiert, ausgehend von Trumps feindlichen Äußerungen gegenüber „Anarchist*innen“ und „Antifas“, denen tatsächlich auch der shutdown verschiedener anarchistischer/antifaschistischer facebook-Seiten und twitter-accounts folgte. Das Bild, welches eine durchgebrannte hard-konservative Regierung vom Anarchismus zeichnet, entspricht bei weitem nicht der Realität. Weshalb jedoch scheint in diesen Kreisen nahezu eine obzessive Beschäftigung zu geben? Im Artikel und dem anschließenden Interview mit dem Anthropologen James C. Scott (siehe z.B. Die Mühlen der Zivilisation, 2019 [Link zum Suhrcamp-Verlag]) wird deutlich, dass die größte Gefahr, welche vom Anarchismus für die priviligierten und herrschenden Klassen ausgeht, tatsächlich von der Wahrnehmung und Angst ausgeht, dass diese einer lebenswerte, überzeugende und potenziell popularisierbare Gesellschaftsalternative anzubieten hat…

Why Anarchism is Dangerous

Dana Ward and Paul Messersmith-Glavin

Anarchists frighten privileged elites and their authoritarian followers not simply because the primary goals of the movement have been to abolish the sources of elite power – the state, patriarchy, and capitalism – but because anarchism offers a viable alternative form of social and political organization grounded in workplace collectives, neighborhood assemblies, bottom-up federations, child-centered free schools, and a variety of cultural organizations operating on the basis of cooperation, solidarity, mutual aid, and direct, participatory democracy. Opposed to all forms of hierarchy, domination, and exploitation, anarchists work to create a culture grounded in equal access to resources making the genuine exercise of freedom possible. Over the past century and a half, and particularly in the last two decades, the self-managing principles of anarchism have proliferated around the world and have also become part of the standard operating procedures of protest. Since elites would be rendered redundant in an anarchist egalitarian society, no wonder rulers tremble at the thought of anarchist jurisdictions.

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Mit der Linken sprechen

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hier als pdf downloadbar:

Now also in english translation:

von Jens Störfried

gefunden in: Waschlappen. Zeitschrift für einen pragmatischen Anarchismus, Nr. 9

What the fuck ist links-sein? Ganz ehrlich, ich habe es bisher nicht verstanden. Es ist richtig, die Bezeichnung kommt vom Parlamentarismus, der Anordnung der Sitze dort, wo links die radikalen Republikaner bzw. Demokraten (alle männlich) saßen. Diese Tradition wurde fortgesetzt. Der Begriff „links“ ist keineswegs darauf zu reduzieren. Aber weil ihm nun mal der Parteimuff anhängt, aufgrund seiner Schwammigkeit und wegen seiner Einheitsbreiigkeit bringt es meiner Ansicht nach auch nicht wirklich was, sich auf ihn zu beziehen. So sieht es auch mit der außerparlamentarischen Politik aus. Sie ist schwammig und sie ist Parteipolitik zugeordnet, die in einer Parteiendemokratie wiederum dem Staat zugeordnet ist. Klar, damit lassen sich Dinge erreichen. Aber eben auf der Ebene des politischen Handelns. Selbstorganisation von unten und die Autonomie verschiedener Gruppen sehen anders aus. Dies schließt aber keineswegs aus, dass Anarchist*innen autonome Organisationen gründen, sich in diesen einbringen, sie verbreitern und radikalisieren wollen. Dass dies in der BRD merkwürdig zu sein scheint und sich Anarchist*innen oft als Linke betrachten ist problematisch. Dennoch können sie an linken Massenbewegungen partizipieren. Warum es sich für Anarchist*innen lohnt, sich selbst zu bestimmen und ein Selbstbewusstsein zu entwickeln:

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