Anarchistische Motive in Haus des Geldes

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Ja, auch ich habe eine Netflix-Serie gesehen und das ist überaus unspektakulär. Zunächst wollte ich damit einfach abschalten.

Abschaltung durch Anspannung – eine bezeichnende Paradoxie der Gegenwartsgesellschaft. Seit meiner Kindheit stehe ich auf Gangstergeschichten und das ist einer der Hauptgründe, warum mich er Plot von Haus des Geldes angesprochen hat.

Zumal die Serie in einem Land produziert wurde, in dem einerseits nach wie vor die Nachwirkungen der europäischen Wirtschaftskrise und Sparpolitik seit 2008 verarbeitet werden müssen. Und in welchem es andererseits eine lange Tradition militanten, populären Widerstands gibt, denken wir etwa an Francesc „Quico“ Sabaté Llopart oder Lucia Urtubia. Die Gruppe „Los Soldiarios“, um Buenaventura Durutti überfiel 1923 mutmasslich auch die spanische Zentralbank. Insofern baut die Delinquenz des 21. Jahrhunderts auf einer langen Tradition auf und kann auf ihren radikalen politischen Gehalt hin diskutiert werden.

Warum kulturindustrielle Erzeugnisse hier einer Besprechung wert sind

Nach dem Ende der fünften Staffel (erschienen am 3.12.21) wurde mir bewusst, dass in er Serie allerlei explizit anarchistische Motive verarbeitet wurden. Weil es sich zugleich um eine der am meist gesehenen Serien überhaupt handelte, lohnt sich ihre Betrachtung. Zumindest wenn wir den Anspruch haben, uns mit zeitgenössischen kulturellen Phänomenen zu beschäftigen, um zu verstehen, was Leute bewegt. Tatsache ist, dass viele Millionen Menschen die Motive von Haus des Geldes aufgriffen und sich davon offenbar inspiriert fühlten.

Deutlich wird dies beispielsweise an der Wiederaneignung des italienischen Partisanenlieds „Bella Ciao“ durch die Sendung. Gerade weil sie auf ein massenkulturelles Erzeugnis ist, trug die Serie zur Verbreitung anarchistischen Fühlens und Denkens weit mehr bei, als ich es in meinem ganzen Leben werde tun können. (Ob sie es auch qualitativ vertieft, steht dabei allerdings auf einem anderen Blatt…) Vielleicht ist es allein schon mein damit verbundener Neid, der mich zur Frage führt, was die Popularität dieser Heist-Erzählung über die bestehende Gesellschaftsform aussagt.

Der Handlungsrahmen

In Haus des Geldes dringt eine Gruppe von zunächst acht Bankräubern in die spanische Notendruckerei und weiteren Verlauf (ab Staffel 3) in die spanische Zentralbank ein. Statt lediglich Geld mitzunehmen, drucken sie über Tage selber welches beziehungsweise schmelzen die staatlichen Goldreserven ein, um sie zu ergaunern. Um dies umzusetzen, nehmen sie die in den Prestige-trächtigen Gebäuden jeweils Anwesenden als Geiseln. Dabei haben die Räuber, deren Decknamen nach Hauptstädten vergeben wurden, Funkkontakt zum „Professor“, der von einem verborgenen Versteck aus agiert und den Überblick behält. Das Mastermind hinter dem Coup hat den detaillierten Raub mit Unterstützung seines Bruders „Berlin“ und dem Anführer „Palermo“ zwei Jahrzehnte lang ausgetüftelt und die Ganoven schliesslich rekrutiert und vorbereitet.

Neben der aufregenden Hintergrundmusik sorgt der nahtlose Übergang der verschiedenen Szenen, sowie die Offenheit des Handlungsverlaufs für Spannung. Interessant sind die eingefügten Rückblenden zur Vorbereitung der Aktion, sowie den Hintergründen der jeweiligen Charaktere. Verständlicherweise ist der ganze Aktionsverlauf in Abhängigkeit der Handlungen der Gegenseite her zu denken: Verschiedenen Ermittlern, Polizeiführern, Geheimdienstchefs und Soldaten mit ihren jeweils eigenen Beweggründen und Widersprüchen.

Integere Ethik und inspirierender Populismus

Das Kriminalität und Anarchismus im bürgerlichen Bewusstsein miteinander assoziiert werden, ist allgemein bekannt. Doch nicht das Übertreten von Gesetzen macht die Bankräuber*innen in Haus des Geldes zu Anarchist*innen. Vielmehr versuchen sie strikt nach ihren eigenen Regeln zu handeln. Dabei verstricken sie sich unweigerlich in zahlreiche Widersprüche. Dies verwundert auch nicht, denn immerhin begeben sie sich in eine hochgradig lebensbedrohliche Situation, die sie selbst geschaffen haben und nur die Androhung von Gewalt aufrechterhalten können.

Dabei sind sie von Sicherheitskräften umzingelt, denen der Tod der Beteiligten wie auch der Geiseln zunehmend legitim erscheint, um die Kontrolle wieder zu erlangen. Dagegen ist die oberste Regel der Gangster, dass keine Geisel sterben darf. Dass sie mit diesem höchsten Grundsatz in der Ausnahmesituation immer wieder in Konflikt kommen, zeigt ihr Ringen um ethische Integrität mit welcher die Kälte der staatlichen Militärmaschine und ihrer Logik kontrastiert werden kann.

Und damit sind die Bankräuber*innen erfolgreicher, als ihnen möglicherweise selbst bewusst ist. Sie bewegen ihre Gegner*innen und sogar Feind*innen zur Mässigung und sogar zum Überlaufen: So wechselt die leitende Ermittlerin Raquel Murillo Fuentes die Fronten und beteiligt sich ab Staffel 3 als „Lissabon“ am zweiten Überfall. Ebenso die Geisel „Mónica Gaztambide“ welche sich als „Stockholm“ anschliesst, um mit ihrem alten Leben zu brechen. Selbst die grausame Polizeichefin Alicia Sierra Montes, welche „Rio“ foltert, lässt schliesslich in der fünften Staffel die Waffen fallen. Von ihren eigenen Leuten verraten, erweisen sich die „Kriminellen“ letztendlich als die rechtschaffeneren Menschen, die sogar ihr vergeben können. Trotzdem sie bewaffnet sind, setzen die Anarchist*innen auf Überzeugung und Verführung, welche neben ihrer Entschlossenheit, ihre eigentlichen Stärken bilden.

Dieses Handeln geschieht aber nicht aus einer rein humanistischen Einstellung, sondern ist Teil der Strategie. Denn als wesentliche Voraussetzung für den Erfolg des Bankraubs gilt, dass die Bevölkerung mit den Bankräuber*innen sympathisieren muss. Die moderne Robin Hood Geschichte findet offenbar immer noch Anhänger*innen, welche den demokratischen Schutz der Öffentlichkeit ermöglicht. – Einem „Volk“, dass sich sehr wohl für Fragen gesellschaftlicher Gerechtigkeit interessiert und zurecht auch vom Rachebedürfnis gegenüber den privilegierten Klassen geprägt ist, mit dem es einen emanzipatorischen Umgang zu finden gilt.

Hinzu kommt, dass die Gangster in der Öffentlichkeit stets Masken tragen. Statt der berühmten Anonymous-Gesichter ist für Polizei und Bevölkerung das immer gleiche Zerrbild eines Gesichts von Dalí zu sehen. Niemand oder jede*r könnte also die Gangster sein. Was zählt, sind nicht sie als Personen, sondern, wie sie handeln und was sie verkörpern: Mut, Entschlossenheit, Selbstbestimmung, Gerechtigkeitsstreben und Rache. Das Verhältnis der anarchoiden Aktivist*innen zum Volk ist damit keines der Führung und Bevormundung, sondern eines der Inspiration und Ermutigung. So werden die Zuschauenden zu Teilnehmenden, die aufgefordert sind, ihre eigenen Lebensumstände zu verändern und eine kämpferische Haltung einzunehmen.

Die Affinitätsgruppe der Verstossenen und ihre leidenschaftliche Genossenschaftlichkeit

Die Gangster selbst bilden mehr als ein Team. Durch zahlreiche schwerwiegende Konflikte hindurch entwickelt eine Affinitätsgruppe, die stärker noch von Freundschaft, dem gemeinsamen Ziel und der gemeinsam gewählten Zwangslage, von genossenschaftlichen Beziehungen geprägt ist. Dieses Gemeinsame entwickeln die Einzelnen erst durch ihre Auseinandersetzungen. Ihre Klassenhintergrund reicht dabei von Proletariern („Denver“ und „Moskau“), über den Ingenieur „Bogotá“ hin zum Möchtegern-Aristokraten „Berlin“. „Palermo“ und „Helsinki“ sind schwul, „Manila“, die später zum Geschehen dazu kommt, ist eine Transfrau. „Tokio“, eine der Hauptfiguren, die auch die Hintergrunderzählstimme spricht, ist trotz ihrer in Szene gesetzten Attraktivität und Scharfsinnigkeit von tiefen Selbstzweifeln geplagt.

Letztendlich handelt es sich bei allen um Anti-Helden, die zum Teil durchaus problematische Verhaltensweisen an den Tag legen. Was sie vereint ist, dass sie sich als Verstossene fühlen, Ausgrenzungserfahrungen gemacht – aber dagegen strukturell vorgehen und somit um ihre Würde kämpfen wollen.

Dass die Auseinandersetzung darum stets auch in den eigenen Reihen zu führen ist, wird durch zahlreiche Konflikte um Geschlechterrollen verdeutlicht. So ruft „Nairobi“ gegen die mackerige Befehlsgewalt in Staffel 2 beispielsweise das Matriarchat aus und übernimmt die Führung. „Palermo“ lässt sich dies nicht bieten, kann aber seinen patriarchalen Führungsstil nicht langfristig durchsetzen, weil er sich schlichtweg nicht mehr als zeitgemäss erweist.

In jedem Fall sind es gerade die Widersprüche in den Charakteren selbst, welche nicht nur den Stoff für eine fesselnde Erzählung geben, sondern eine intensive Identifikation mit ihnen ermöglichen. Ermächtigung und Handlungsfähigkeit können nur von der Widersprüchlichkeit und Gebrochenheit, aber auch von den Sehnsüchten und Hoffnungen aus gelingen, von welcher wir in der bestehenden Gesellschaftsform geprägt sind.

Wenn von Bezugsgruppen und Gruppendynamiken die Rede ist, bleibt die Leidenschaft selbstverständlich nicht aus. Doch mehr als das: In der Erzählung nimmt die Liebe eine herausragende Stellung ein. Für meinen Geschmack fast übertrieben, wird damit nicht vorrangig ein mediterranes „Temperament“ darstellt. Vielmehr steht der Eros als spürbarstes und intensivstes Zeichen dafür, dass Emotionalität in sozialer Revolte eine wichtige Rolle spielen kann und darf.

Die Begegnung zwischen dem Professor und „Lissabon“/Raquel, zwischen „Tokio“ und „Rio“, zwischen „Denver“ und „Stockholm“; die Spannungen zwischen „Helsinki“ und „Palermo“, von Letzterem und „Berlin“; die Irritation zwischen „Denver“ und „Manila“, sowie wiederum zwischen „Stockholm“ und ihrem früheren Geliebten Arturo, als auch das unerfüllte Begehren des Polizisten Ángel Rubio seiner Kollegin Raquel gegenüber.

Mir persönlich sind die Techtelmechtel und Pärchengeschichten zu viel. Doch völlig überzogen ist die Serie ohnehin an allen Ecken und Enden, insbesondere in den Baller-Szenen. Worum es geht ist: Die Rebellion selbst geschieht aus Leidenschaft, um der Leidenschaft willen. Und zwar, weil mit ihr um das Leben selbst gerungen und gekämpft wird, was sich nur eine erotische Dimension hat, sondern sich durch diese auch am intensivsten erzählen lässt.

Die Anti-Anti-Helden der Gegenseite

Übrigens werden in Haus des Geldes auch die Gegenfiguren zu den Anarchist*innen präsentiert. Zum einen handelt es sich dabei um den Sicherheitschef der Zentralbank César Gandía, der sich als Geisel befreit und sich als faschistischer Einzelgänger entpuppt. Wie auch die in Staffel 5 eingesetzten Söldner um den anführenden Kriegsveteran Sagasta, sind diese Mörder, einsame Wölfe, die sich zwar kameradschaftlich verbrüdern, nicht aber solidarisch verbünden können. Weil sie ebenso entschlossen wie die anarchistischen Gangster ein Ziel verfolgen, sich ausserhalb des Gesetzes bewegen und dabei ihr Leben riskieren, stellen sie den diametralen Gegenpol zu ihnen dar. Doch ist ihr Ziel die pure Zerstörung und angetrieben werden sie nicht vom Wunsch nach Selbst-verändernder Befreiung, sondern von Selbsthass und Unterwerfung.

Auf der anderen Seite spielt Arturo Román, den Chefs der Gelddruckerei durch alle Staffeln hindurch eine kontinuierliche Rolle. Seine Charakterzüge werden als derart übertrieben abstossend gezeichnet, dass den Zuschauenden zurecht ein Spiegel vor Augen gehalten wird. Im Grunde genommen ist er weniger Geisel der Bankräuber*innen, sondern jene der entwürdigenden Gesellschaftsform. Anstatt ansatzweise gegen sie aufzubegehren, trägt er sie um seines eigenen Vorteils willen mit und inszeniert sich dazu als Opfer. Schliesslich schreckt er nach dem Überleben des ersten Überfalls Ende der zweiten Staffel noch nicht einmal davor zurück, das Erlebte zu verkaufen, indem er ein Buch darüber schreibt und sich als narzisstischer Coach betätigt. Von seinem egoistischen, verschlagenen, überzogen opportunistischen und verantwortungslosen Verhalten, soll das Publikum zurecht angewidert sein.

Der Angriff auf den staatlichen Kapitalismus

Der letzte Punkt, der Haus des Geldes zu einer anarchistischen Erzählung macht, betrifft die Ziele des Raubes: Notendruckerei und Nationalbank. Beides sind zentrale Steuerungsinstitutionen des staatlichen Kapitalismus. Das heisst, hierbei wird auf die Verschränkung von Staat und Kapitalismus als Facetten einer spezifischen Herrschaftsordnung hingewiesen, die anzugreifen aus vielerlei Gründen legitim ist. Mit dem Widerstand gegen sie werden keine einzelnen Personen geschädigt – im Gegenteil dieser ganz im Sinne – bzw. auch im Klasseninteresse – des Grossteils der Bevölkerung, welche durch Rezension, Inflation, Arbeitszwang, Mieterhöhung und Austeritätspolitik gebeutelt ist.

Was dort an Geld gedruckt und an Gold geschmolzen wird, ist öffentliches Eigentum, dass von den Produzierenden enteignet wurde. Und wenn man – in Anbetracht der nationalen Goldreserven – an die Kolonialgeschichte denkt handelt es sich dabei nicht allein um europäischen Reichtum, sondern um gestohlene Güter und weltweite Ausbeutung. Daher erscheint ihr Raub nur in erster Linie als Akt individueller Rebellion und Kriminalität.

Tatsächlich verstehen zahlreiche Menschen, dass mit dieser Aneignung gesellschaftliche Gerechtigkeit wiederhergestellt werden soll. Die randständigen anarchoiden Gestalten wollen mit dem Raub ihren ausweglosen Lagen entfliegen. Sie setzen lieber ihre eigenen Leben auf’s Spiel, um ein neues Leben in Würde zu beginnen, statt sich in das alte als Opfer hinein zu fügen. Doch im Zuge dessen – und während sie sich in Aktion, aufeinander bezogen, selbst verändern – fällt ihr individuelles Freiheitsstreben mit gesamtgesellschaftlicher Befreiung zusammen. Diese Aufregung kann kein linkes Parteiprogramm der Welt bieten.

Ähnlich wie die nationalen Goldreserven letztendlich eine Illusion von finanzökonomischer Sicherheit bieten (worauf der allerletzte Teil des umfassenden Planes in den letzten beiden Folgen von Staffel 5 baut), hat auch Freiheit keine essentielle Grundlage. Auch wenn Lebensgestaltung nach Massstab der Selbstentfaltung und Selbstbestimmung auf materiellen Grundlagen beruht – die es deswegen allen zur Verfügung zu stellen gilt – beinhaltet Freiheit im anarchistischen Sinne stets auch, ein Wagnis einzugehen und sie sich zu nehmen.

Deswegen bietet der Professor in der Szene, die über Leben und Tod der umzingelten Gangster entscheidet, dem Einsatzleiter Tamayo einen Win-win-Deal an: Der Staat erhält seinen Goldschatz und damit die Illusion zurück, auf welchen sich seine Macht gründet. Im Gegenzug wird der Traum und die Sehnsucht genährt, dass es etwas ganz anderes, ein Leben in Freiheit, geben könnte. Daher bleiben sie Räuber*innen, statt Politiker*innen zu werden.

Schlussfolgerungen

Kritisch lässt sich selbstverständlich einwenden, dass in Haus des Geldes letztendlich sogar das Bedürfnis nach Rebellion kommerziell ausgeschlachtet und verkitscht idealisiert wird. Auch von der brutalen, viral gegangenen, südkoreanischen Produktion „Squid Games“ wird behauptet sie sei Kapitalismus-kritisch. Ob die „Kritik“ hier wie dort wirklich auf die gesellschaftlichen Grundlagen zielt oder nur ihre Oberflächenerscheinungen betrifft, ist jedoch durchaus zu hinterfragen. Dabei verstehen die Zuschauenden, dass das Verschanzen in einer staatlichen Notendruckerei oder einer Nationalbank für sie aus verschiedenen Gründen absolut undurchführbar ist.

Doch das ist gar nicht der Punkt, sondern jener, inwiefern die fantastische Erzählung den Zuschauenden Möglichkeiten zur Reflexion (z.B. über ihre Klassenposition), eine Artikulation ihrer Gefühle (z.B. Klassenhass) und Ansatzpunkte zur Veränderung ihres eigenen Handelns (z.B. die Versammlung in Affinitätsgruppen) bietet. Darüber wären weitere Diskussion zu führen.

Die Romantisierung des Raubes und der Delinquenz generell gibt den Rahmen für guten Erzählstoff ab. Dieser ist für die allermeisten Personen, die sich von diesem Genre begeistern lassen, aber nicht deswegen faszinierend, weil sie selbst Räuber*innen werden wollen würden. Ähnlich wie in Krimis kaum wirklich Polizeiarbeit abgebildet wird, lässt sich aus Haus des Geldes kein Handwerkszeug ableiten, dass für Raubzüge gleich welcher Art wirklich von Nutzen wäre. Für den überwiegenden Teil der Kriminellen ist ihr Gewerbe wohl ein äusserst prekäre Erwerbsmöglichkeit, verbunden mit einem hohen Mass an Abhängigkeit und Berufsrisiken.

Eine wichtige Funktion erfüllt die Romantik dann, wenn sie Sehnsüchte anspricht – und damit bewusst macht –, die in uns als Verdrängtes eingeschrieben sind. Zum Beispiel solche nach aufregenden Abenteuern mit einer Gang, nach der Flucht vor der Lohnarbeit bei gleichzeitiger materieller Absicherung oder dem Angriff auf einen übermächtigen Gegner, um unsere Würde wieder zu erlangen. Problematisch ist die Romantik, wenn sie bei lediglich bei der fantastischen Projektion verbleibt, der wir uns kurzzeitig hingeben, um uns dann wieder ohnmächtig zu fühlen und unsere Träume als „utopisch“ abzustempeln. Auch dies sind Aspekte, die sich diskutieren, nicht aber messen lassen.

Schliesslich zeichnet Haus des Geldes noch einen wesentlicher Aspekt aus, der zeitgenössischen linksradikalen und insbesondere anarchistischen Szenen weitgehend fehlt. Und zwar das strategische Handeln, wie es im ausgefuchsten Plan des Professors zum Ausdruck kommt. Nur manche der Aktivist*innen wissen um die Details der Strategie mit ihren verschiedenen Operationen, die eventuell in bestimmten Fällen durchzuführen sind, um auf das grosse Ziel hin zu arbeiten.

Darauf zu vertrauen, dass es einen grösseren und hochgradig komplizierten Plan gibt, ermöglicht es den Beteiligten erst, trotz ihrer Unterschiedlichkeit und Konflikte als Team zu agieren und die Motivation aufzubringen, enorme Belastungen auszuhalten und in Extremsituationen nicht durchzudrehen. Spontaneität und Planung sind dabei keineswegs Gegensätze, sondern bedingen einander sogar. Um strategisch zu denken und zu handeln, braucht es allerdings keine super schlauen, sozial wunderlichen und genialen „Professoren“ im Hintergrund. Völlig genügen würde es, wenn denkende und reflektierte Menschen mit einiger Erfahrung ihr Selbstbild als „kritische Intellektuelle“ endlich aufgeben und sich als Teil einer kämpfenden Bewegung verstehen würden.

Beiträge zum „kulturellen Anarchismus“

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In einem Band von 2019 versammeln die herausgebenden Professor*innen Christine Magerski und David Roberts 15 akademische Aufsätze unter dem Thema der anarchistischen Kulturrebellion.

Bild: Oxford Circus Anarchy. / shando. (CC BY-SA 2.0 cropped)

Hierbei folgen sie der universitären Gepflogenheit vor allem über bestimmte Aspekte zu schreiben und zu urteilen, statt etwa zunächst die Perspektive von Anarchist*innen einzunehmen, die auch heute Kultur produzieren. Sprich in „Kulturrebellen – Studien zur anarchistischen Moderne“ wird leider eine recht grobe Konstruktion „des“ Anarchismus vorgenommen, die an vielen Stellen bei einer näheren Kenntnis des Anarchismus als soziale und politische Bewegung zu wünschen übrig lässt. Dementsprechend wird auch in der Einleitung suggeriert, dass er Anarchismus spätestens nach der Niederschlagung der Spanischen Revolution politisch irrelevant geworden wäre und seine Wiederentdeckung im Zuge der 68er-Bewegung vor allem in der kulturellen Dimension stattgefunden hätte.

Es ist unbestritten, das die politische Wirkungsmacht des Anarchismus vor allem im deutschsprachigen Raum nach Ende der 1920er Jahre ziemlich gering war. Dies trifft vor allem zu, wenn man fairerweise die radikalen Flügel der Neuen Sozialen Bewegungen, wie etwa der Anti-AKW-Bewegung oder die zweite Welle der Frauenbewegung nicht pauschal als anarchistisch deklariert. Weiterhin stimmt es, dass anarchistische Tendenzen in kultureller Hinsicht fortwährend einen Stand hatten und Anarchist*innen im Kulturbereich ein Refugium fanden und finden.

Problematisch ist die Rahmung von Magerski und Roberts jedoch deswegen, weil sie implizit zu einer Entpolitisierung des Verständnisses von Anarchismus beitragen und damit die falsche Annahme seiner politische Unzulänglichkeit reproduzieren, gerade indem sie im in der kulturellen Dimension eine gewisse Bedeutung zugestehen. Dieser Blickwinkel ist im Grunde genommen analog zu jenem geformt, welcher anarchistische Aktivist*innen infantilisiert, wenn diese konkrete Utopien formulieren, während sie mit ihm gleichzeitig dämonisiert werden, wo Privateigentum nicht respektiert oder sich gegen staatliche Repression zur Wehr gesetzt wird.

Warum finden sich im Sammelband keine Beiträge zur anarchafeministischen Utopie wie sie in den anspruchsvollen Kompositionen und Musikvideos der Künstlerin Björk zum Ausdruck kommen? Warum wird die Punkbewegung nicht diskutiert? Warum nicht die radikale Kritik, welche die Band Pussy Riot in ihren Performances entwickelte – und die gerade deswegen hochgradig politisch wirkte? Wie ist die performative und konfrontative Aktionsform der „Rebel Clown Army“ zu deuten – Ist sie noch Kunst oder schon Politik? Ist sie avantgardistisch oder populär?

Warum lesen wir darin weder von den kulturellen Ausdrucksformen der zeitgenössischen feministischen Bewegung Lateinamerikas, die ganz zu weiten Teilen anarchistisch inspiriert ist, noch über die historischen Bildungs- und Kulturvereine der libertär-sozialistischen Bewegung? Auf den Punkt gebracht: Warum wird im Sammelband letztendlich die eigentlich interessante Frage umschifft, worin die produktiven Schnittstellen zwischen anarchistisch beeinflussten kulturellen Formen und ihren politischen Implikationen bestehen? Beziehungsweise warum wird nicht dargestellt, welche kulturellen Erzeugnisse Menschen hervorbringen, die sich politisch-weltanschaulich als Anarchist*innen begreifen? Die Antwort ist vermutlich in der Form akademischer Wissensproduktion, sowie der sozialen Position der Beitragenden zu suchen.

Dabei sind viele Beiträge im Einzelnen durchaus informiert und für sich genommen interessant. Das zeigt sich beispielsweise in den Texten „Anarchismus – Bohème – Avantgarde. Zum Konnex dreier Denkfiguren der Moderne “ (Christine Magerski), „Von der dadaistischen Anti-Kunst zur politischen Aktion. Erwin Piscators Kampf gegen die Repräsentation “ (Franz-Josef Deiters), „Anarchismus als Fluchtpunkt der ’68er Kulturrevolution “ (Ivana Perica) oder „Wie die Utopie zum anarchistischen Roman wurde. Michael Moorcocks Zeitnomaden-Trilogie und die kritische Utopie “ (Peter Seyferth). Was wiederum Beiträge darin zu suchen haben, welche von Friedrich Nietzsche oder Walter Benjamin handeln oder das Verhältnis von Wahnsinn und Kunst besprechen, bleibt unklar.

Ebenso hat sich Daniel Loicks anschliessender Beitrag zu den „Aufgaben einer anarchistischen Sozialtheorie“ eher im Sammelband verirrt, in dem Verhältnis von Kultur und Politik kein Thema ist. Die drei darin formulierten Gedankenanstösse („Von der gegenseitigen Hilfe zur Sym-Poiesis“, „Von der freien Vereinbarung zur Transformative Justice“ und „Vom Anarcho-Kommunismus zu den feministischen Commons“) sind meines Erachtens nach insofern diskussionswürdig, als dass mit ihnen unterstellt wird, dass die erneuerten Verständnisse nicht selbst schon stark anarchistisch inspiriert wären – und insofern nur zur Erneuerung der politischen Theorie des Anarchismus empfohlen werden können, wenn unterstellt wird, dass diese sich seit Kropotkin nicht weiter entwickelt hätte. Dankenswerterweise stellen sie Vorschläge dar, die zum mitdenken und weiterdenken einladen, statt blosse Wiedergaben zu sein.

Doch zeugen auch Loicks Gedanken von einer ungenügenden Kenntnis anarchistischer Tradition. So ist sein Gedanke der „Sym-Poiesis“ schon bei „naturalistischen“ Anarchist*innen wie Elisée Reclus oder Isaasḱ Puente angelegt. „Freie Vereinbarung“ stellt nicht allein den Modus zur Herstellung von „Gerechtigkeit“ dar, wenn Verletzungen geschehen, sondern die Grundlage des bewusst gestalteten sozialen Miteinanders überhaupt. Schliesslich sind „feministische Commons“ in vielerlei Hinsicht eine sinnvolle zeitgemässe theoretische Entwicklung, selbstverständlich auch gegenüber Kropotkins Konzeption. Über die Tatsache, dass Anarchismus für die Abschaffung des Kapitalismus, der Klassengesellschaft und des Privateigentums steht, sollte Loick seine Leser*innen aber nicht hinweg täuschen. Interessanterweise begeht er mit seinen Empfehlungen den gleichen Fehler wie in seinem Einführungswerk (2017), wo er auf verkürzte Weise im Anarchismus ein liberales und ein soziales Freiheitsverständnis miteinander konkurrieren sieht und den Anarchist*innen dann einen neuartigen, „ästhetischen“ Freiheitsbegriff empfiehlt – welchen jedoch bereits Bakunin 1871 entwickelte. So zeigt sich bei Loick par pro toto (auch wenn er darin deutlich besser als viele andere ist), dass spekulative akademische Interpretationen gegenwärtig wenig zur Aktualisierung der politischen Theorie des Anarchismus beitragen. Den Unterschied würde eine umfassendere Kenntnis anarchistischer Theorie und Tradition, den sympathisierenden Kontakt zu anarchistisch inspirierten Personen (nicht nur in Gedanken und Worten, sondern in Taten und ihrem Leben), sowie die Bereitschaft, entgegen dem langweiligen akademischen Betrieb, Position zu beziehen, machen.

Allgemein sind verschiedene Beiträge zu begrüssen, welche sich anarchistischen Themen, Praktiken und Gegenständen widmen und sie dabei nicht völlig verkennen. Dies trifft grundsätzlich auch auf den Sammelband von Magerski und Roberts zu. Perspektiven, die ich persönlich wirklich für relevant halte, weil sie nicht nur ein besseres Verständnisses der Kultur in der Moderne ermöglichten, sondern zu ihrer selbstorganisierten und selbstbestimmten Mitgestaltung einladen, kommen darin jedoch leider nur sehr wenige vor. Möglicherweise gibt darüber jedoch auch ein Konzert in einem alternativen Zentrum mehr Aufschluss, als die Lektüre eines Buches.

Umgekehrt hingegen gälte es den eminent (anti)politischen, rebellischen Gehalt kultureller Praktiken in anarchistisch beeinflussten Szenen, wieder zu entdecken und im Sinne einer Gegen-Kultur neu zu beleben. Denn all zu oft haben sie sich verselbständigt und sind zu Selbstzwecken verkommen – eben weil sie immer wieder als blosse Subkultur statt im selben Zuge als (Anti)Politik dargestellt und verstanden werden.

Jonathan Eibisch

Christine Magerski / David Roberts (Hrsg.): Kulturrebellen – Studien zur anarchistischen Moderne. Springer VS; 1. Edition 2019. 322 Seiten. ca. SFr. 45.00 ISBN 3658222743

Feministische Realitätszerstückelung

Lesedauer: 5 Minuten

Originaltitel: Die Realitäten zerstückelt, die Männer ent-mannt, alle Konventionen gebrochen und eine Menge Essen verschlungen

Filmempfehlung zu: „Sedmikrasky“ (engl. „Daisies“, dt. „Tausendschönchen“; 1966) von Věra Chytilová

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #85 / Jan. 2018

von Simone

Als „Prager Frühling“ wird von den westlichen Medien die gesellschaftliche Veränderungs- und Aufbruchsbewegung in Tschechien und der Slowakei 1968 bezeichnet. Die Kommunistische Partei ist nach schweren inneren Machtkämpfen auf einen Reformkurs eingeschwenkt und wollte einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ verwirklichen. Dazu kam es allerdings hauptsächlich, weil eine starke Bewegung aus verschiedenen Gruppierungen eine Liberalisierung und Demokratisierung der sozialistischen Gesellschaft einforderte und es nicht zu Letzt auch immer wieder zu wirtschaftlichen Krisen kam, die bei gleichzeitigem kulturellem Aufbruch zu großer Unzufriedenheit führten. Das Jahr 1968 – welches sich dieses Jahr zum 50. Mal jährt – war ein Jahr internationaler Revolten und Umbrüche, nicht nur ein Pariser Ereignis. In der BRD und Italien gab es noch die ganzen Altfaschist*innen in den Institutionen wie Uni, Schule, Stadtverwaltung, Ministerien usw. und die Frage kam auf, wie sich die eigenen Eltern im Krieg verhalten hatten. In den USA gab es die Bürgerrechtsbewegung und militante Auseinandersetzungen für die Rechte von rassistisch unterdrückten Gruppen sowie die Ablehnung des schrecklichen Vietnamkrieges. In den osteuropäischen Ländern wiederum waren nach 1961 eigentlich eine politische „Ent-Stalinisierung“ und wirtschaftliche Reformen versprochen worden.

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„Alles gut!“ – „Sag mal geht’s noch, du Alles-Gut-Mensch?“

Lesedauer: 8 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #81 / Sept. 2017

Irmgard die beleidigte Anarchakonservative

Mensch, was brocke ich mir jetzt wieder ein, wenn ich schon zu Beginn des Artikels befürchten muss, manche*n in ihrer*seiner Empfindung, ihrer*seinem Sicherheitsgefühlen – ungewollt! – anzugreifen, in unser Weltbild reinzugrätschen und damit auch ganz mich selbst in Frage zu stellen. Verdammter Regentag, da kann ja nun nichts werden! Selbstzweifel nagen an mir, nagen an dir, die wir beide dann gewohnt sind, sie in Selbstkritik umzudeuten, welcher wir ja doch noch was Positives abgewinnen könnten. Aber darin liegt schon ein grundlegendes Missverständnis: Denn Kritik muss und braucht nicht „konstruktiv“ sein. Deswegen muss unsere Hoffnung dahingehend von vorne herein enttäuscht werden. Immerhin: So eine Ent-täuschung bringt dann vielleicht gelegentlich etwas Klarheit.

„„Alles gut!“ – „Sag mal geht’s noch, du Alles-Gut-Mensch?““ weiterlesen