Politische Anthropologie eines Pseudo-Kropotkin

Lesedauer: 5 Minuten

Auf kritisch-lesen.de erschien meine Rezension zu Rutger Bregmans Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit (Rowohlt 2020). Den Titel den die Redaktion gewählt hat, kann ich nur bedingt nachvollziehen, ebensowenig wie die Schlagworte „Tierrecht“ und „Naturschutz“ mit denen die Besprechung getaggt wurde – aber gut, so ist das wohl manchmal im Journalismus. Meine entscheidende These lautet jedenfalls: Bregman adaptiert Kropotkin, auf welchen er bei dieser Thematik sicherlich gestoßen sein müsste, ohne den Ideengeber für eine positive politische Anthropologie und rational begründete Ethik beim Namen zu nennen.

Sozialismus für Mensch und Tier

Nach seinem Bestseller „Utopien für Realisten“ (2017) erschien jüngst ein weiteres populärwissenschaftliches Werk von Rutger Bregman, der als hipper europäischer Nachwuchsintellektueller gehandelt wird. Bestimmte Inhalte popularisieren und damit auch etwas Geld verdienen zu wollen – dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Die staatlich-kapitalistisch-patriarchale Gesellschaftsformation ist beharrlich und die Entwicklung konkreter Utopien aus ihr heraus eine ungeheure Herausforderung. Dahingehend widmet sich Bregman in „Im Grunde gut“ durchaus einem bedeutenden Themenfeld: der politischen Anthropologie, also dem Menschenbild, welches wir unseren Annahmen über Gesellschaft, ihre Integration und potenziellen Transformation zu Grunde legen.

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Ein verdeckter Pseudo-Kropotkin?

Lesedauer: 4 Minuten

erschienen auf: kritisch-lesen.de unter dem von der Redaktion gewählten Titel „Sozialismus für Mensch und Tier“.

Nach seinem Bestseller „Utopien für Realisten“ (2017) erschien jüngst ein weiteres populärwissenschaftliches Werk von Rutger Bregman, der als hipper europäischer Nachwuchsintellektueller gehandelt wird. Bestimmte Inhalte popularisieren und damit auch etwas Geld verdienen zu wollen – dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Die staatlich-kapitalistisch-patriarchale Gesellschaftsformation ist beharrlich und die Entwicklung konkreter Utopien aus ihr heraus eine ungeheure Herausforderung. Dahingehend widmet sich Bregman in „Im Grunde gut“ durchaus einem bedeutenden Themenfeld: der politischen Anthropologie, also dem Menschenbild, welches wir unseren Annahmen über Gesellschaft, ihre Integration und potenziellen Transformation zu Grunde legen.

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Schatzkiste: Revolutionäre Regierung (Peter Kropotkin)

Lesedauer: 25 Minuten

Eine Reihe verschiedener Schriften verfasste Peter Kropotkin zwischen 1879 und 1882. Sie wurden zunächst nacheinander von einer Londoner anarchistischen Gruppe als Broschüren gedruckt und verteilt. 1922 dann brachte Pierre Ramus die erste deutschsprachige Ausgabe heraus. Seitdem hatten sich die Zeiten stark verändert. Denn zum Zeitpunkt der Abfassung der Texte war Kropotkin erfüllt vom Glauben an eine unmittelbar bevorstehende umfassende Revolution. Die Frage für ihn – und vermutlich auch viele seiner sozialistischen Zeitgenoss*innen – war nicht ob die Revolution kommt oder sogar, wie sie herbeigeführt werden könnte, sondern wie sie gestaltet und in welche Richtung sie geleitet werden könnte. Denn die Erfahrungen der großen Französischen Revolution ein Jahrhundert zuvor, wie auch jene in den 1840ern hatten gelehrte, dass revolutionäre Bewegungen keineswegs nur in eine emanzipatorische, egalitäre und solidarische Richtung führen, sondern ebenso zur Etablierung neuer Herrschaftsordnungen und zum Ausbau des Staates dienen können. Im Text schreibt er:

„Eine Regierung zu stürzen – für einen Bourgeoisrevolutionär ist dies das höchste Ziel. Für uns bedeutet dies nur den möglichen Beginn der sozialen Revolution.“

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Zur Frage der Gewalt im frühen Anarchismus

Lesedauer: 59 Minuten

Jonathan Eibisch

Zur Frage der Gewalt im frühen Anarchismus

Ein Abriss anhand der Vorstellungen Michail Bakunins und Pjotr Kropotkins

Am Ausgangspunkt dieser Arbeit stand die Verunglimpfung des Anarchismus‘ der angeblich Gewalt per se befürworten würde oder/und in seiner Konsequenz zu ihr führen würde. Dass schon der frühe Anarchismus maßgeblich auf einer Kritik an der Gewalt aller Herrschaftsverhältnisse – insbesondere des Staates – beruhte, sollte damit totgeschwiegen werden. Was blieb wäre eine Rechtfertigung der staatlichen Gewalt und des bestehenden politischen Systems um jeden Preis. Diese Gedankenfigur ist ein wesentliches Element fast jeder politik-theoretischer Überlegungen. Dem entgegen entstand die vorliegende Abhandlung mit dem Anliegen, im Rahmen der politischen Ideengeschichte eine seltene staatskritische Perspektive einzunehmen. Dem Professor fiel dabei gar nicht das Grundproblem der von ihm gestellten Pseudo-Frage, wie und warum Anarchist*innen Gewalt legitimieren auf: Um diese überhaupt beantworten zu können, brauchte es eine Beschäftigung mit dem Verständnis von und den Überlegungen zu Gewalt bei den frühen Anarchist*innen…
In der Broschüre werden grundlegende Vorstellungen zu Gewalt und anarchistische Grundbegriffe dargestellt, um diese erfassen und beschreiben zu können. Dazu dient die Beschäftigung vor allem mit Bakunin und Kropotkin als bedeutende frühe Theoretiker des Anarchismus‘. Weil ‚Gewalt‘ aber stets mit Herrschaft verknüpft ist und einhergeht, stellt ihre Thematisierung gleichzeitig einen Einstieg in das anarchistische Denken insgesamt dar. In diesem Sinne ist diese Schrift eher als leichter Einstieg zu verstehen, anstatt das sie grundlegend neue Erkenntnisse zu Tage fördert. Dennoch stellt die fortwährende Beschäftigung mit grundlegenden Gedanken einen wichtigen Beitrag dar, damit Handelnde in sozial-revolutionären Bewegungen ein Bewusstsein über sich selbst erlangen und diese in unseren reaktionären Zeiten weiterentwickeln können.

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