Malatesta: Warum er so gut ist und was er uns heute zu sagen hat

Lesedauer: 18 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #112,. Jan. 2021

von: Jens Störfried

In Widersprüchen denken und handeln zu können – mensch könnte der Ansicht sein, dies träfe vor allem auf unsere als „postmodern“ beschriebene Gesellschaftsform zu. Früher wäre hingegen alles klar gewesen. Also beispielsweise, wer die Freund*innen und wer die Feind*innen sind, welcher Weg zur sozialen Revolution führt, wie eine sozial-revolutionäre Bewegung sich organisieren müsste und dergleichen. Doch wer glaubt, die Dinge wären in der Vergangenheit immer klar und eindeutig gewesen, irrt sich gewaltet und unterliegt der Rückprojektion ihrer* Sehnsucht in eine vermeintlich geordnete Welt. Er* ist entweder Romantiker*in und glaubt an das Märchen einer besseren Vergangenheit oder einer allseits harmonischen, heilen Zukunft. Oder sie* ist Dogmatiker*in und konstruiert Vergangenes und Zukünftiges nach den zu erreichenden Zielvorstellungen, die in der Regel nicht durch gleichberechtigte Diskussion und Entscheidungen, sondern autoritär, festgesetzt werden. In beiden Fällen geht es darum, endlich Ordnung in das Chaos zu bringen, indem die bestehende Herrschaftsordnung überwunden und eine freiwillige Assoziation eingerichtet werden kann. Es geht auch um die Gewinnung von Handlungsmöglichkeiten, das Nutzen von Spielräumen, in einer komplizierten, verrückten und widersprüchlichen Welt.

Die Beschäftigung mit dem berühmten italienischen Anarchisten Errico Malatesta kann uns einen Weg aufzeigen, beides zurück zu weisen: Die Romantik und die Dogmatik. Denn beide gehen an der Wirklichkeit einer komplexen Welt vorbei und führen immer wieder dazu, sich entweder in Traumwelten zu isolieren oder anderen die eigenen Vorstellungen aufdrücken zu wollen. Malatesta ist dagegen durch und durch Pragmatiker – und zwar im eigentlichen Sinne des Wortes. πρᾶγμα (pragma) ist griechisch und bedeutet „Handeln“ und „Tun“. Malatesta orientiert sich an den Handlungen die er wahrnimmt und richtet sich nach der Sache aus, die er anstrebt, verstrickt sich dabei jedoch nicht in absurde Spekulationen, idealistische Konstruktionen oder identitäre Positionen. Interessanterweise ist es eben dieser Modus, durch welchen sein Denken offen und zugleich bestimmt erscheint. Weil er mit seiner offensichtlich großen Sehnsucht nach Anarchie pragmatisch umzugehen gelernt hat und sich durch diese vermutlich selbst kennen gelernt hat, war er in der Lage, über 50 Jahre lang aktiv in der anarchistischen Bewegung seiner Zeit mitzuwirken.

Schon mit 14 wurde er in seiner süditalienischen Heimatstadt Capua in Kampagnien das erste Mal festgenommen, weil er sich über politische Ungerechtigkeiten beschwerte. Mit 18 flog er von der Universität, weil er an einer Demonstration teilgenommen hatte, trat der Internationalen Arbeiterassoziation bei und traf auf Bakunin, der ihn sehr inspirierte. Mit 24 zettelte er einen kleinen Aufstand in zwei Dörfern an und floh anschließend nach Ägypten. Seit dieser Zeit führte Malatesta ein umtriebiges Leben, dass ihn über die Schweiz, Rumänien und Frankreich, für 3 Jahre nach Argentinien und viele Jahre nach London führte, wobei er immer wieder nach Italien zurückkehrte. Nach der Machtergreifung der Faschisten starb er schließlich in Rom unter Hausarrest. Während seiner Lebenszeit propagierte Malatesta den anarchistischen Kommunismus, befand sich fast 10 Jahre lang in Haft, nahm an anarchistischen Konferenzen teil, führte Vortragsreisen durch, bei denen er Leute agitierte und vernetzte und gab vier Zeitungen heraus. Die letzte, Pensiero e Volontà, erreichte eine Auflage von 50000 Stück. – Es wäre wunderbar, wenn heute mehr Menschen einen ähnlichen Weg einschlagen und dies mit einer solch undogmatischen Grundüberzeugung tun würden.

Es geht immer nur ums Eine: Die soziale Revolution

Wie die meisten Anarchist*innen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war Malatesta davon überzeugt, dass die Revolution unweigerlich kommen würde (S. 125). Demnach stellt er nicht die Frage, wie sie initiiert werden, sondern in welche Richtung sie gelenkt werden kann. Weil sie sich nicht als Avantgardepartei organisieren wollten, stand für die kommunistischen Anarchist*innen deswegen allgemein die Propaganda und Bewusstseinsbildung der ausgebeuteten und unterdrückten Klassen im Vordergrund. Das Erkennen der eigenen Situation ist die Voraussetzung für die Selbstermächtigung und Selbstorganisation der Unterdrückten. Daher schreibt er:

„Sobald die Arbeiter ihre gesellschaftliche Situation begreifen, ist es unmöglich, dass sie für alle Zeiten bereit sind, zu arbeiten, zu leiden und ihr ganzes Leben lang für die Unternehmen zu produzieren, mit nichts weiter vor sich als der düsteren Aussicht auf ein Alter ohne gesichertes Heim und ohne gesicherte Nahrung. […] Wer heute Proletarier ist, weiß, dass er in der Regel dazu verurteilt ist, sein ganzes Leben Proletarier zu bleiben, es sei denn, es käme zu einer allgemeinen Änderung der gesellschaftlichen Ordnung. Er weißt, dass diese Änderung nicht ohne die Mitwirkung der anderen Proletarier zustande kommen kann und sucht daher die zu ihrer Durchsetzung erforderliche Stärke in der Einheit aller Proletarier“ (S. 126).

Im Unterschied zu den Marxist*innen betont er jedoch die Heterogenität der proletarischen Klassen, welche Interessengegensätze hervorbringt, die sich auch in den Arbeiterorganisationen widerspiegeln, beispielsweise jene zwischen Arbeitenden und Arbeitslosen, zwischen privilegierten und prekären Arbeiter*innen, zwischen Männern und Frauen, einheimischen und migrantischen Arbeiter*innen, zwischen verschiedenen Berufsgruppen die unterschiedlich von nationalökonomischen Entscheidungen betroffen sind usw.. (S. 145). Malatesta bezieht sich auf das Volk als gemeinsame Bezeichnung für alle Unterdrückten und Ausgebeuteten. Dabei meint er aber nicht „Volk“ als abstrakte Kategorie, wie sie von den demokratisch gesinnten Republikaner*innen als Ausgangsbasis genommen wird. Dahingehend möchte er sie

„ernüchtern und davor warnen, nicht eine Abstraktion, ‚das Volk‘, mit der lebendigen Realität zu verwechseln, die aus den Menschen mit all ihren unterschiedlichen Bedürfnissen, Leidenschaften und oft widersprüchlichen Bestrebungen besteht“ (S. 170).

Der erwähnte Pragmatismus führt Malatesta allerdings tatsächlich nicht dazu, reformistisch zu werden. Kritisiert wurden er und andere jedoch dafür, dass sie graduelle Veränderungen anstrebten. Dagegen argumentiert er das Problem läge nicht

„darin, ob man schrittweise vorgehen soll oder nicht, sondern darin, herauszufinden, welcher Weg am schnellsten und sichersten zur Verwirklichung unserer Ideale führt“ (S. 180).

Jedenfalls wäre „eine Revolution erforderlich, die den Zustand der Gewalt beendet, in dem wir heute leben, und die friedliche Entwicklung zu immer größerer Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität möglich macht“ (Ebd.). Um eine wirkliche, eine soziale Revolution hervorzubringen müsste man

„gemeinsam mit allen vorhandenen fortschrittlichen Kräften, mit allen avantgardistischen Parteien vorgehen, die großen Massen für die Bewegung gewinnen, sie aufrühren und interessieren und es geschehen lassen, dass die Revolution, bei der wir nur ein Faktor unter vielen sein werden, hervorbringt, was sie hervorzubringen vermag“ (S. 181).

Das bedeutet also, dass Malatesta sich mit den anderen Sozialist*innen auseinandersetzt, sie aber eben aus diesem Grund kritisiert. Denn

„während die Anarchisten wissen und sagen was sie wollen, nämlich die Zerstörung des Staates und die freie Organisation der Gesellschaft auf der Grundlage ökonomischer Gleichheit, befinden sich die Reformisten im Widerspruch zu sich selbst, da sie sich als Sozialisten bezeichnen, während sie in Taten darauf abzielen, das kapitalistische System zu humanisieren und es dadurch zu verewigen und somit den Sozialismus negieren, der vor allem Aufhebung der Teilung der Menschen in Proletarier und Besitzende bedeutet“ (S. 127).

Neben den reformistisch orientierten sozialdemokratischen Parteien kristallisierte sich immer stärker der Typ kommunistischer und später leninistischer Avantgarde-Partei heraus, die auf die Vorstellung der „Diktatur des Proletariats“ (ursprünglich von François Noël Babeuf entwickelt) zurückgriffen und von den Anarchist*innen mit den autoritären republikanischen Jakobinern (waren nur Männer, die Revolutionärin und Frauenrechtlerin Olympe de Gouges wurde dafür hingerichtet, dass sie die gleichen Rechte für Frauen forderte) in der französischen Revolution verglichen. Malatesta weist diese Vorstellung jedoch auch aus logischen Gründen zurück, denn in

„Wirklichkeit könnte niemand die revolutionäre Diktatur errichten, wenn nicht zuvor das Volk die Revolution gemacht und so durch Taten bewiesen hätte, dass es fähig ist, sie zu machen; und in diesem Fall würde sich die Diktatur nur der Revolution aufpfropfen, sie irreleiten, ersticken und abtöten“ (S. 135).

Mit der rein politischen Revolution wird immer eine neue Herrschaft errichtet.

„Bei einer sozialen Revolution jedoch, in der sämtliche Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens umgewälzt werden, in der die absolut notwendige Produktion sofort zum Nutzen und Vorteil der Arbeiter wiederaufgenommen werden muss, in der die Verteilung unverzüglich nach dem Grundsatz der Gerechtigkeit geregelt werden muss, hätte eine Diktatur keinerlei Funktion. Entweder würde das Volk in den verschiedenen Gemeinden und Industrien selbst alles in die Hand nehmen oder aber die Revolution wäre gescheitert“ (S. 136).

So verlogen die Demokratie auch sei, weil es keinen Sinn ergäbe, dass das Volk über sich selbst herrschen würde, wobei eigentlich nur die privilegierten Klassen davon profitieren würden, lehnt Malatesta konsequent jede Diktatur ab:

„Die Demokratie ist eine Lüge, ist Unterdrückung, ist in Wirklichkeit Oligarchie, das heißt Regierung Weniger zum Vorteil einer privilegierten Klasse. Wir [also die Anarchist*innen] jedoch können sie im Namen der Freiheit und der Gleichheit bekämpfen, nicht etwas diejenigen, die etwas Schlimmeres an ihre Stelle gesetzt haben oder setzen wollen“ (S. 169).

In seinem Text Zerstörung – und was kommt dann? erläutert Malatesta, dass die soziale Revolution konstruktiv sein muss. Das kapitalistische Monopol soll abgeschafft werden – wenn die öffentliche Versorgung gewährleistet werden kann. Gefängnisse braucht es nicht – wenn einen Umgang mit pädophilen Gewalttätern gefunden wird, die sonst neue Opfer finden und schließlich vom Mob gelyncht werden. Ebenso ist die Prostitution abzuschaffen – was aber nur gelingen kann, wenn Lebensbedingungen für Frauen hergestellt werden, damit sie sich nicht mehr prostituieren müssen. Schließlich propagiert er auch die

„Abschaffung des Gendarmen, der mit Gewalt alle Privilegien schützt und lebendiges Symbol des Staates ist: absolut einverstanden. Um ihn jedoch für immer abschaffen zu können und nicht unter anderem Namen und in anderer Uniform erneut entstehen zu sehen, muss man imstande sein, ohne ihn zu leben, das heißt, ohne Gewalt, ohne Übergriffe, ohne Ungerechtigkeiten, ohne Privilegien“ (S. 197).

Somit weist Malatesta darauf hin, dass Anarchist*innen ihre Ziele nicht umsetzen können, wenn sie nicht darüber nachdenken, welche anderen Institutionen und Beziehungen sie jenen in der Herrschaftsordnung entgegensetzen. Zusammenfassend schreibt er:

„‘Den Nachkommen eine Erde ohne Privilegien, ohne Kirchen, ohne Gerichte, ohne Freudenhäuser, ohne Kasernen, ohne Unwissenheit, ohne törichte Ängste hinterlassen.‘ Ja, das ist unser Traum, und für seine Verwirklichung kämpfen wir. Aber das bedeutet, dass man ihnen eine neue gesellschaftliche Organisation, neue und bessere moralische und materielle Bedingungen hinterlassen muss. Man kann das Terrain nicht freimachen und es leer lassen, wenn drauf Menschen leben sollen: man kann das Böse nicht zerstören, ohne an seine Stelle das Gute oder zumindest etwas weniger Schlechtes zu setzen“ (Ebd.).

Das heißt entweder

„denken wir alle an die Neuorganisation, denken die Arbeiter sofort, während sie das Alte zerstören, an die Neuorganisation, und es wird eine menschlichere, gerechtere, für alle zukünftigen Fortschritte offenere Gesellschaft entstehen; oder aber die ‚Führer‘ werden daran denken, und dann werden wir eine neue Regierung haben, die das tun wird, was alle Regierungen stets getan haben, nämlich die Masse für ihre kläglichen, schlechten Dienste bezahlen lassen, ihr die Freiheit nehmen und sie von Parasiten und Privilegierten aller Art ausbeuten lassen“ (S. 199).

Wie für alle kommunistischen Anarchist*innen, etwa Peter Kropotkin, Emma Goldman oder Johann Most, spielt für Malatesta dahingehend die Abschaffung des Privateigentums und seine Vergesellschaftung eine entscheidende Rolle.

„Dies müsste die Aufgabe der bevorstehenden Revolution sein, und darauf müssen unsere Bemühungen abzielen. Aber da das gesellschaftliche Leben keine Unterbrechungen gestattet, muss man gleichzeitig daran denken, wie die Gemeinbesitz gewordenen Güter praktisch genutzt und wie allen Mitgliedern der Gesellschaft der Genuss gleicher Rechte garantiert werden kann. Das Problem der Eigentumsverhältnisse wird sich somit genau in dem Augenblick stellen, in dem die Enteignung vorgenommen wird“ (S. 216).

Meiner Ansicht nach interessant ist in diesem Zusammenhang wiederum Malatestas Pragmatismus, mit dem er davon ausgeht, dass während der Revolution vermutlich eine Weile verschiedene Produktions- und Eigentumsformen eine Weile nebeneinander her bestehen. Denn würde

„diese Gesellschaft nicht von allen möglichen Formen freiwilliger Assoziationen und Kooperationen korrigiert und zusammengehalten, wäre sie nicht einmal von vorübergehendem Bestand. Das Dilemma einer jeden Revolution heißt stets: entweder freiwillige Organisation zum Nutzen aller oder zwangsweise Organisation durch eine Regierung zum Nutzen einer herrschenden Klasse“ (S. 220).

Es geht also um Selbstorganisation und kollektive Ermächtigung ohne eine Avantgarde-Partei, welche glaubt „den“ Kommunismus „einführen“ zu können.

„Um in großem Umfang eine kommunistische Gesellschaft zu organisieren, müsste eine radikale Umgestaltung des ökonomischen Lebens, das heißt der Produktions-, Tausch- und Konsumweisen, vorausgehen. Dies kann jedoch nur schrittweise geschehen, in dem Maße, wie die objektiven Umstände es gestatten und die Masse die Vorteile begreifen und selbst die Dinge in die Hand nehmen würde [… Denn] da diese neue Macht die unendlich verschiedenen und oft widersprüchlichen Bedürfnisse und Wünsche nicht befriedigen könnte und da sie sich auch nicht als überflüssig erklären will, indem sie den Betroffenen die Freiheit lässt, zu handeln wie sie wollen und können, würde sie erneut einen Staat herstellen, der, wie alle Staaten, auf die Militär- und Polizeimacht gegründet wäre und – sollte er sich halten können – die alten Herren nur durch neue und fanatischere ersetzen würde. Unter dem Vorwand und vielleicht sogar mit der ehrlichen und aufrichtigen Absicht, die Welt durch ein neues Evangelium zu erneuern, würde man allen eine einzige Regel aufzwingen wollen, würde man jede Freiheit unterdrücken, jede freie Initiative ersticken“ (S. 221f.).

Organisieren und Debattieren im Widerstreit

Malatesta setzte sich also mit den reformistischen sozialistischen Parteien auseinander, ebenso wie mit den kommunistischen Kader-Klüngeln, die einen Umsturz und eine Machtübernahme anstrebten. Er wendete sich jedoch ebenfalls gegen die weit verbreitete Ansicht unter Anarchist*innen, diese bräuchten sich keine Gedanken über eine zukünftige Gesellschaft machen, entweder, weil sich diese ohnehin nicht vorstellen lasse, oder, weil dadurch allein schon wieder autoritäre Führungsansprüche aufkommen würden. Dagegen plädiert Malatesta dafür, Verantwortung zu übernehmen, denn es abzulehnen, sich Gedanken über die Zukunft zu machen, bedeutet letztendlich immer nur reaktiv zu handeln, die Entwicklungen nicht mitzugestalten, sondern anderen das Feld zu überlassen, sodass die soziale Revolution zum Erliegen kommt und letztendlich wieder ein Staat errichtet wird.

Eine Fähigkeit, welche die* Pragmatiker*in auszeichnet, ist, die Perspektive wechseln zu können ohne deswegen die eigene Position aufzugeben. Daher hört Malatesta zu. Er lässt sich die Geschichten von Land- und Fabrikarbeiter*innen erzählen, die von Handwerker*innen, Prostituierten und Obdachlosen. Er möchte verstehen, welche Bedürfnisse und Interessen alle diese verschiedenen Leute haben, nicht jedoch, um sie anzuführen, sondern, um sie in die eigene Praxis einzubauen und den Leuten widerzuspiegeln, in welcher Situation sie sich befinden, damit sie sich zusammen schließen und gemeinsam für eine bessere Gesellschaft kämpfen können.

Damit liegt es auch Nahe, dass Malatesta sich konsequent trans- und antinational orientiert und sich damit gegen Rassismus, Nationalismus und Patriotismus richtet. Weil Menschen anhand ihrer Herkunft oder ihres Aussehens gegeneinander ausgespielt und aufgehetzt werden, besteht

„die Aufgabe derer, die wie wir das Ende jeglicher Unterdrückung und Ausbeutung des Menschen durch den Menschen anstreben, […] darin, ein Bewusstsein des Interessenantagonismus zwischen Herrschern und Beherrschten, zwischen Ausbeutern und Arbeitern zu wecken und innerhalb eines jeden Landes den Klassenkampf sowie die grenzüberschreitende Solidarität aller Arbeiter zu entfalten, gegen jegliches Vorurteil und jegliche Begeisterung für Rasse und Nationalität. Und wir haben dies schon immer getan. Wie haben immer propagiert, dass die Arbeiter aller Länder Brüder sind und dass der Feind – der ‚Fremde‘ – der Ausbeuter ist, ob er nun in der Nähe oder in einem fernen Land geboren ist, ob er dieselbe Sprache oder irgendeine andere spricht. Wir haben unsere Freunde, unsere Kampfgefährten, ebenso wie unsere Feinde immer nach den von ihnen vertretenen Ideen und ihrer Position im sozialen Kampf, niemals aber mit Blick auf Rasse oder Nationalität bestimmt. Wir haben den Patriotismus, ein Relikt der Vergangenheit, das den Interessen der Unterdrücker gute Dienste leistet, immer bekämpft; und wir waren stolz darauf, nicht nur in Worten, sondern im Tiefsten unserer Seele Internationalisten zu sein“ (113).

Um sich auf gleichberechtigter Ebene zusammenschließen zu können, reflektiert Malatesta über die anarchistische Bewegung und darüber, was Menschen zum Anarchismus führt. Auf dieser Basis lässt sich dann auch streiten und Kritik formulieren. Dies betrifft zum Beispiel die anti-autoritären Reflexe, welche noch keine Selbstbestimmung darstellen:

„Die anarchistische Bewegung begann als Reaktion gegen den autoritären Geist, der in der Zivilgesellschaft sowie in allen Parteien und allen Arbeiterorganisationen vorherrschte, und sie hat sich fortschreitend durch all die Revolten vergrößert, die sich gegen die autoritären und zentralistischen Tendenzen erhoben haben. So war es natürlich, dass viele Anarchisten von diesem Kampf gegen die Autorität wie hypnotisiert waren, und dass sie, weil sie aufgrund der Beeinflussung durch die eigene autoritäre Erziehung glaubten, dass die Autorität die Seele der gesellschaftlichen Organisation sei, um jene zu bekämpfen, diese bekämpften und verneinten“ (S. 49).

In diesem Zusammenhang verwendet er klare Worte und benennt den fundamentalen

„Irrtum der Anarchisten, die Gegner der Organisation sind, [.. im] Glaube[n], dass ein Organisieren ohne Autorität nicht möglich sei – und, die Hypothese einmal angenommen, es vorziehen, lieber auf jede Organisation zu verzichten als die kleinste Autorität zu akzeptieren“ (S. 51f.).

Letztendlich führt diese Fehlannahme dazu vereinzelt

„zu bleiben, jeder für sich zu agieren oder agieren zu wollen, ohne sich mit anderen zu verständigen, ohne sich vorzubereiten, ohne in einem mächtigen Strang die schwachen Kräfte der Einzelnen zu vereinen, [es] bedeutet, sich zur Machtlosigkeit zu verurteilen, die eigene Energie in kleinen Taten ohne Effizienz zu verschleißen, recht bald den Glauben an das Ziel zu verlieren und in die vollständige Untätigkeit zu sinken“ (S. 55).

Im Gegenteil sei es so, dass sich der Ursprung und die Rechtfertigung für Herrschaft gerade aufgrund von fehlender gesellschaftlicher Organisation ergäbe und die Individuen sich somit von Autoritäten abhängig machen würden (S. 58). Doch

„Freiheit ist kein abstraktes Recht, sondern die Möglichkeit etwas zu tun: dies gilt zwischen uns wie in der allgemeinen Gesellschaft. Es ist in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen, dass der Mensch die Mittel findet, seine Aktivität und Kraft zur Initiative zu entfalten“ (S. 60).

In diesem Sinne lassen sich gemeinsame Zwecke durch wechselseitige Verpflichtungen erreichen.

Das Argument, Organisationen könnten von Repression betroffen sein, während informelle Gruppen eher ungreifbarer wären, lässt er nicht gelten, sondern sieht es eher umgekehrt, dass Repression dann am stärksten ist, wenn Anarchist*innen vereinzelt agieren. Das wichtigste aber ist, dass Malatesta Organisationen allgemein nicht als Selbstzwecke ansieht, sondern sie gegründet und aufrecht erhalten werden, um bestimmte Ziele zu verfolgen. Deswegen sei es

„es natürlich, dass die Organisation die Formen annimmt, die die Umstände nahe- und auferlegen. Das Wichtigste ist nicht so sehr die formale Organisation als der Geist der Organisation“ (S. 61).

Mit diesem Ansatz geht es ihm – im Unterschied zu den Parteisozialist*innen, Plattformist*innen oder Syndikalist*innen nicht darum, alle Anarchist*innen in einer Organisation zu versammeln. Es geht Malatesta darum, sich überhaupt zu organisieren. Er hätte

„gern, dass alle sich verstünden und man in einem starken Strang alle Kräfte des Anarchismus vereinigen könnte; doch glauben wir nicht an die Beständigkeit von Organisationen, die unter Zwang auf Zugeständnisse und Unausgesprochenem gegründet werden und in denen es zwischen den Mitgliedern kein reales Einverständnis oder keine Sympathie gibt. Besser unvereint als schlecht vereint. Aber wir möchten, dass jeder sich mit seinen Freunden vereine und dass es keine isolierten Kräfte gebe, verlorene Kräfte“ (S. 62).

Mit diesen Überlegungen richtet sich Malatesta also gegen die Individualanarchist*innen und verurteilt auch den „individuellen Terror“ in seinem Text Der individualistische Amoralismus und die Anarchie, wobei er sich nie gegen die Anwendung von Militanz als Mittel ausgesprochen hat. Letzteres wird beispielsweise auch in seinem Text Anarchisten haben ihre Prinzipien vergessen deutlich, mit welchem er sich gegen die Unterstützung einer der Staatenbündnisse im Ersten Weltkrieg richtet, für welche sich eine Anzahl prominenter Anarchist*innen aussprachen:

„Ich bin kein ‚Pazifist‘. Ich kämpfe, wie wir alle, für den Triumph von Frieden und Brüderlichkeit unter allen Menschen; doch ich weiß, dass der Wunsch, nicht zu kämpfen, nur dann erfüllt werden kann, wenn keine Seite dies tun möchte, und dass, solange es Menschen gibt, die die Freiheiten anderer verletzten, diese anderen sich verteidigen müssen, wenn sie nicht ewig geschlagen werden wollen; und ebenso weiß ich, dass Angriff häufig die beste, oder die einzige Verteidigung ist. Außerdem denke ich, dass die Unterdrückten immer ein Recht haben, die Unterdrücker anzugreifen. […] Doch was hat der gegenwärtige Krieg mit der menschlichen Emanzipation gemein, um die es geht?“ (112).

Pragmatismus heißt für Malatesta also keineswegs, aus Notwendigkeit das schlechtere Übel zu wählen und sich etwa in diesem Fall auf eine Seite kriegsführender Staaten zu stellen. Im gleichen Modus stellt er sich auch nicht auf die alleinige Seite einer bestimmten Fraktion oder Strömung innerhalb des Anarchismus.

Ohnehin bringt es ihm nichts, sich dort in Grabenkämpfen zu verstricken, denn es gibt weit mehr. Malatesta setzt sich deswegen auch mit der Arbeiter*innenbewegung und den Gewerkschaften auseinander. Seiner Ansicht nach gilt es, in diese hinein zu gehen, ohne deswegen die eigenständigen anarchistischen Gruppen aufzugeben. Ein Ansatz, der ziemlich viel Sinn ergibt und heute auch in Hinblick auf die Klimagerechtigkeitsbewegung, feministische Bündnisse oder im Bereich des Antifaschismus sinnvoll angewendet werden könnte. Pragmatisch sucht Malatesta in den sozialen Bewegungen nach dem Veränderungspotenzial, welches diese mit sich bringen. Dahingehend sieht er in den Arbeiter*innenorganisationen große Chancen, weil in ihnen viele Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen zusammen kommen und sie vom Interesse der Verbesserung ihrer Lebenssituationen ausgehen, anstatt von Zielvorstellungen wie der Anarchie, welche den meisten lediglich als abstraktes Ideal erscheint. Zugleich sind die Gewerkschaften keineswegs per se als sozial-revolutionär anzusehen, weswegen es umso mehr für Anarchist*innen gilt, ihre Vorstellungen dort hinein zu tragen. Hierbei übt Malatesta eine Selbstkritik an der anarchistischen Bewegung. Er meint, „wir“ haben

„aufgrund unserer kritischen Einstellung und unserer seit jeher mangelnden Fähigkeiten, uns mit dem Vorhandenen zu begnügen, nicht immer den besonderen Charakter, die unvermeidlichen Zwänge eines naturgemäß in einer bürgerlichen Ordnung geführten Arbeitskampfes erkannt. Wir haben es nicht verstanden, unsere Taktik als Anarchisten mit diesen Zwängen in Einklang zu bringen und haben zusammenhangslos und unschlüssig gehandelt mit dem Ergebnis, dass wir wir in der Bewegung nicht einen der Überlegenheit unserer Ideen und unserem Initiativgeist entsprechenden Einfluss ausgeübt haben und oft erleben mussten, dass andere aus der von uns begonnenen Arbeit Nutzen zogen“ (140).

Dass es in breit aufgestellten Gewerkschaft unterschiedliche Ansichten und politische Vorstellungen gäbe, würden die Syndikalist*innen ignorieren, welchen das wichtigste ist, dass alle Gewerkschaftsmitglieder werden. Die Parteisozialist*innen wiederum versuchen die Gewerkschaften als ökonomische Kampforganisation für ihre parteipolitischen Ziele einzuspannen, ähnlich, wie auch die Kommunist*innen. Dass es dort verschiedene Positionen gäbe und Anarchist*innen ihre eigene hinein bringen könnten und sollten, widerspricht sich für Malatesta jedoch nicht. Aber klar, es bedeutet, sich mit anderen Ansichten auseinander zu setzen und den leichten Weg der Identitäts-bezogenen Rechthaberei zu verlassen, also in den Auseinandersetzungen um Einfluss, dennoch eine respektvolle Grundlage aufrecht zu erhalten – um gemeinsame Ziele verwirklichen zu können. Wie weit die Zusammenarbeit geht und wo sie für Anarchist*innen nicht mehr geht, ist dabei eine Frage, die sich abhängig von der jeweiligen Konstellation stellt. Beispielsweise können Arbeiter*innenorganisationen genauso korrumpieren und reine Interessenvertretungen werden, anstatt eine andere Gesellschaft erkämpfen zu wollen. Sie bringen oftmals Bürokratien hervor und können die individuelle Initiative lähmen. Sich an ihnen jedoch nicht zu beteiligen, würde den Verzicht auf ihre Beeinflussung bedeuten und diese anderen Fraktionen überlassen.

Die bereits erwähnte Herausbildung von Klassenbewusstsein ist für Malatesta aus anarcho-kommunistischer Perspektive die hauptsächliche Errungenschaft, welche durch die Gewerkschaften möglich werden. Ein „echtes“ Klassenbewusstsein, was die Proletarisierten selbst entwickeln, stehe demnach sinngemäß auch seiner ideologischen Verordnung als Parteidoktrin entgegen. In seinen Worten:

„Die für den Widerstand gegen die Unternehmer gebildeten Arbeiterorganisationen sind das beste Mittel, vielleicht das einzige, das allen zugänglich ist, um in ständigen Kontakt mit den großen Massen zu gelangen, um die Propaganda unserer Ideen zu betreiben, um sie für die Revolution vorzubereiten und für jede vorbereitende oder entscheidende Aktion auf die Straße zu bringen. Sie vermitteln den noch gelehrigen und unterwürfigen Unterdrückten ein Bewusstsein ihrer Rechte und der Stärke, die sie in der Einheit mit ihren Gefährten finden können. In diesen Organisationen begreifen sie, dass der Unternehmer ihr Feind ist, dass die Regierung, schon ihrem Wesen nach Dieb und Unterdrücker, stets bereit ist, die Unternehmer zu schützen und bereiten sich geistig auf den totalen Umsturz der herrschenden Gesellschaftsordnung vor“ (S. 147).

In Bewegung bleiben mit Anarchie als Methode

Propaganda in Massenorganisationen, Beeinflussung der Gewerkschaften durch die Anarchist*innen, politische Arbeit in breiten Bündnissen, trotzdem eigenständige anarchistische Organisationen, die aber keine Kadergruppen sein sollen – das klingt alles ziemlich durchstrukturiert und zielorientiert. Es ist auf jeden Fall ein Stil, der wenige Menschen auch in heutigen politischen Gruppen sehr anspricht, weil sie sich davon ein effektives Handeln erwarten und eine reflektierte Praxis mit einem weiten Horizont, welche sich nicht ständig um die Beteiligten einer Gruppe selbst kreist. Viele Menschen in heutigen „linken Szenen“ (was das sein soll ist ein anderes Thema…) hingegen würden sich von Malatesta zunächst ebenfalls angesprochen, dann aber schnell überrumpelt fühlen.

Denn Malatesta ist ein anarchistischer Revolutionär – und zwar eine*r der allerbesten. Er ist in der Lage, anderen zuzuhören, sich in sie hinein zu versetzen, verschiedene Strömungen zusammen zu bringen, historisch und transnational zu denken, sein Handeln auf das große Ziel hin auszurichten und sich nicht zu scheuen, Widersprüche zuzugeben und zu benennen, dass es bestimmte Dinge zu tun gilt. Auch wenn er sicherlich hier und da Schaffensfreude empfunden und vielleicht begeistert und berührt war von Genoss*innen, die er in verschiedenen Ländern und Jahrzehnten über seine Tätigkeiten kennenlernte, ordnete er seine eigenen Bedürfnisse dem Kampf in der sozialen Revolution unter. Malatesta war ein wirklicher Anti-Politiker. Jemand, der in-zwischen-gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse und politisch-sozialen Kräftekonstellationen handelte und sich dabei immer weiter entwickelte. Deswegen konnte er auch seine eigenen Ansichten entwickeln und trat konsequent für diese ein. Anstatt sich nach aktuell populären Meinungen zu richten, um beliebt oder mächtig zu werden, ging er seinen eigenen Weg und dachte dabei ganz viele andere mit. Er blieb bei der anarchistischen Bewegung und zielte auf die Veränderung des großen Ganzen ab, anstatt sich dem Syndikalismus unterzuordnen, Parteipolitik zu machen, sich allein in Kleingruppenaktivitäten zu verlieren oder sich ins kleinbürgerliche Leben zurück zu ziehen.

Ich muss zugeben, dass mich Malatestas Denken und Leben ziemlich ansprechen. Allerdings ich bin auch gestört. Ich weiß, dass ich und andere eine bessere Gesellschaft brauchen und ich strecke mich nach der Anarchie aus. Dazu stehe ich, aber ich darf das nicht und kann das auch gar nicht anderen Menschen aufdrücken – nicht irgendwelchen Leuten in sozialen Bewegungen, genauso wenig jedoch meinen Genoss*innen oder engsten Gefährt*innen. Sich sozial-revolutionär im anarchistischen Sinne auszurichten bedeutet auch immer, über sich selbst zu reflektieren, andere nicht zu übergehen und ihre Nähe zu suchen, auch wenn die eigene Position eine sehr spezielle und oftmals unverstandene ist. Ich kann mir vorstellen, damit habe ich wiederum etwas mit Malatesta gemeinsam. Denn sowas lernt man, wenn man keine Heimat hat, aber es auch nicht lassen kann, sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen, wenn man im äußeren oder inneren Gefängnis war, fliehen musste, oder in den Abgrund geschaut hat.

Ich feiere es, wie Malatesta seinen Stil durchzieht und selbst im kommunistischen Anarchismus ein Quergeist darstellt, anstatt diesen als Dogmengebäude zu akzeptieren. Daher bezeichnet er sich als Kommunisten,

„weil der Kommunismus mir als Ideal erscheint, dem die Menschheit sich in dem Maße annähern wird, wie die Liebe unter den Menschen und der Überfluss in der Produktion sie von der Angst und vor dem Hunger befreien und so das hauptsächliche Hindernis für ihre Verbrüderung zerstören werden. Doch wichtiger als die praktischen Formen der ökonomischen Organisation, welche sich zwangsläufig den Umständen anpassen müssen und sich in ständiger Entwicklung befinden werden, ist der Geist, der diese Organisation beseelt und die Methode, mit der man das Ziel verwirklicht: wichtig ist, dass sie sich vom Geist der Gerechtigkeit und vom Wunsch nach dem Wohl aller leiten lassen und dass man sie stets frei und freiwillig verwirklicht“ (S. 217f.).

Es geht ihm also immer um die große Sache – auch wenn es sicherlich geteilte Ansichten darüber gibt, inwiefern sein humanistisches Anliegen, dass alle Menschen sich liebende Geschwister werden sollen, wirklich erstrebenswert ist.

Anarchie ist für ihn zwar Name und somit auch Projektionsfläche der ganz anderen Gesellschaft, gleichzeitig aber etwas ganz Konkretes – eine Form sich horizontal, freiwillig, autonom und dezentral zu organisieren und dabei dennoch gemeinsam zu werden. Und diese Organisationsweise als Methode soll den Vorstellungen entsprechen, die angestrebt werden. In seiner Grundlagenschrift von 1907 schreibt er daher:

„Im Grunde genommen kann ein Programm, das die Grundlagen der Gesellschaft berührt, nichts anderes tun, als daß es eine Methode andeutet. Und es ist hauptsächlich die Methode, die den Unterschied zwischen den Parteien ausmacht und ihre Wichtigkeit in der menschlichen Geschichte bestimmt. Abgesehen von der Methode, behaupten alle Parteien, daß sie das Glück der Menschheit anstreben — und viele wollen dies sogar aufrichtig; aber jede meint, dies auf einem anderen Wege zu erreichen und organisiert ihre Bestrebungen in einer bestimmten Richtung. Also müssen wir den Anarchismus — die Herrschaftslosigkeit — auch vor allem als eine Methode betrachten“ (Anarchie, S. 139).

Quellen

Philippe Kellermann (Hrsg.), Errico Malatesta. Anarchistische Interventionen. Ausgewählte Schriften (1892-1931), Münster 2014, darin:

  • Die Organisation (1897), S. 49-62
  • Der individualistische Amoralismus und die Anarchie (1913/14), S. 95-110
  • Anarchisten haben ihre Prinzipien vergessen (1916), S. 111-116
  • Die beiden Wege: Reformen oder Revolution? Freiheit oder Diktatur (1920), S. 125-137
  • – Die Anarchisten in der Arbeiterbewegung (1921), S. 150-161
  • – Syndikalismus und Anarchismus (1922), S. 150-161
  • – Demokratie und Anarchie (1924), S. 168-172
  • Gradualismus (1925), S. 177-184
  • Kommunismus und Individualismus (1926), S. 185-192
  • Zerstörung – und was kommt dann? (1926), S. 193-199
  • Einige Betrachtungen über die Eigentumsverhältnisse nach der Revolution (1929), S. 215-223
  • Errico Malatesta, Anarchie (1907/08); verfügbar auf: https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/errico-malatesta/6639-errico-malatesta-anarchie
  • Errico Malatesta. Ungeschriebene Autobiografie, Hamburg 2009.

Gai Dao #111 erschienen

Lesedauer: < 1 Minute

Die neue Ausgabe der Gai Dao ist erschienen und mit ihr ein offener Brief an Die Plattform. Anarchakommunistische Organisation mit dem Titel Alles nur geklaut? zu finden unter „Texte“.

Darüber hinaus gibt es spannende Beiträge zur Rolle von Anarchist*innen in den Protesten in Belarussland, zu Gerechtigkeit jenseits von Polizei, Justiz und Gefängnis? oder einem schwulenfeindlichen Mord in Ulm 1990.

Alles nur geklaut?

Lesedauer: 8 Minuten

Ein Brief an die Genoss*innen von Die Plattform. Anarchakommunistische Föderation

Liebe Genoss*innen,

ich schreibe euch als querulierende Einzelperson und nicht im Namen einer Organisation. Ich mache meinen Kram, beziehe mich auch auf andere und finde Organisation wichtig. Eine immer währende Frage, die ihr ja auch stellt ist dabei: Welche Organisation, unter welchen Umständen? Hierzu gibt es erfreulicherweise unterschiedliche Ansichten.

Ich schreibe diesen offenen Brief an euch, weil ich mich sehr geärgert habe. Aus historisch-ideologischen Gründen. Das ist eine Ebene, die erst mal nichts direkt mit den Kämpfen zu tun hat, in denen emanzipatorische soziale Bewegungen stecken. Mensch kann sich wunderbar über irgendwelche Standpunkte streiten und ideologische Debatten führen – solange sie nicht an den realen Lebensbedingungen, dem Bewusstsein von Menschen und ihrem sozialen Beziehungsgeflecht anknüpfen, ist das erst mal egal. Es handelt sich dann nur um eine Debatte zwischen Nerds, Möchtegern-Kader*innen oder Anhänger*innen anarchistischer Folklore. Dennoch gibt es eine Verbindung zwischen ideologischen Aspekten, historischem Verständnis, inhaltlichen Positionen, Organisationsformen und den Praktiken, die Anarchist*innen hervorbringen. Und meistens waren sie bisher nicht so gut darin, diese Ebenen miteinander zu vermitteln, was übrigens auf alle ihre Strömungen zutrifft. Hier wäre es gut, wenn wir besser werden!

Weil ihr euch Anarchist*innen nennt, adressiere ich euch als solche und meine, ihr solltet euch weiter mit dem auseinandersetzen, wofür ihr eintretet, was ihr vertretet und propagiert. Nicht, damit wir bloß noch mehr Papier oder Bits produzieren. Sondern, damit sich eure Praxis ändert. Wie ihr mich kennt, richtet sich meine Kritik an euch genauso an andere, und ich bin nicht müde, sie auch gegenüber anderen vorzubringen. Ja, ich bin ein elender, besserwisserischer Nervsack. Aber tröstet euch, das kriegen alle mal ab. Beruhigt euch, mir geht‘s doch auch um die Sache!

Ich fange jetzt gar nicht mit eurem Klassenverständnis an, das ich für verkürzt und seit Alexander Berkmans ABC des Anarchismus (1928) für völlig überholt halte. Er geht darin wie auch andere moderne Anarchist*innen von einer Pluralität proletarisierter Subjekte aus, die in ihrer Unterschiedlichkeit zusammen arbeiten können. Bei einer Vorstellungs-Veranstaltung von „Der Plattform“ hatte ich dagegen eher den Eindruck, ihr geht von einem simplen Dualismus aus, nach welchem hier das Volk und dort die bösen Herrschenden seien. Ebenfalls kritisiere ich bei euch, was ich oben Folklore genannt habe und meiner Ansicht nach zu einer problematischen Identitätskonstruktion führt, die lediglich Spiegelbild der postmodernen Bedingungen ist, unter denen wir leben. Ich möchte an dieser Stelle auch nicht begründen, warum eure Vorstellung von Organisation, wie ich sie wahrnehme, in einem schlechten Sinne letztendlich voluntaristisch ist.

Jetzt aber mal Tacheles reden, klare Worte bitte! Warum um alles in der Welt fotografiert ihr euch bei eurem 3. Kongress Anfang September vor dem Grab von Erich und Zenzl Mühsam? Und wieso bitteschön wählt ihr auf eurem Propaganda-Sticker ein Bild und Zitat von Errico Malatesta?

Ganz ehrlich, ich begreife das nicht. Erich Mühsam hätte über euren verkopften Organisationsversuch geschmunzelt, ihn aber auch kritisiert, weil er sich eben nicht aus real vorfindlichen Kämpfen ableitet. Oder auch, weil der total lust-feindlich rüberkommt. Ja, es muss nicht alles sexy sein und Mühsams Anti-Repressionsarbeit war sicherlich – aus der Notwendigkeit heraus – auch alles andere als dies. In Wort, Tat und der Weise seiner persönlichen politischen Aktivität kann er als Protagonist einer anarchistischen Synthese gelten, zumal er Sebatiens Faures wichtigen Beitrag dazu in seiner Zeitung Fanal veröffentlicht hatte. Mehr dazu findet ihr in meiner Beschäftigung zu seinem Traktat Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat. Was ist kommunistischer Anarchismus? (in: Gai Dao #109, Juli 2020).

Nun gut, damit nun zu Malatesta. Ernsthaft: Was hat der gute Mann denn auf eurem Sticker verloren? Habt ihr tatsächlich so wenig Geschichtsbewusstsein oder captured ihr hier einfach eine prominente Figuren des Anarchismus, weil ihr bei ihnen prägnante Zitate klauen könnt? Zugegeben: Die Wahrheit ist, hätten andere Anarchist*innen ein ausgeprägteres Verständnis ihrer eigenen Geschichte, ein Bewusstsein über sich selbst in der Gesellschaft und würden mal ihre Romantik zurückstellen, wäre die Plattform gar nicht entstanden. Das macht es aber trotzdem nicht richtiger, dass ihr Malatesta für euch vereinnahmen wollt. Ich schreibe diesen Brief an euch, damit der Schwindel mal auffliegt. Malatesta veröffentlichte im Jahr 1927 den Text Ein Projekt anarchistischer Organisation (Un progretto die organizzazione anarchia) in der in Genf erschienen Zeitung Le Réveil Anarchiste. Warum ich das weiß? Es steht in der Textauswahl von ihm, die Philippe Kellermann unter dem passenden Titel Anarchistische Interventionen herausgegeben hat (Unrast-Verlag 2014, S. 200-214).

Da steht Folgendes drin: Malatesta begrüßt die Aufforderung zur Organisierung und teilt auch einige der vorgetragenen Kritikpunkte des plattformistischen Manifests. Die Frage sei nicht, ob Organisation sinnvoll sei, sondern auf welche Art und Weise sie zu gestalten ist. Dafür brauche es vor allem eine Verständigung von Anarchist*innen untereinander (S. 202). (Weil es diese heute nur bedingt und selten undogmatisch gibt, schreibe ich unter anderem diesen Text.) Die Gewerkschaftsbewegung seiner Zeit wäre äußerst wichtig, aber „es wäre eine große und tödliche Illusion zu glauben, wie es viele tun, dass die Arbeiterbewegung aus sich selbst heraus, als Folge ihres eigenen Wesen, zu einer solchen Revolution führen könne oder müsse“ (S. 203) Deswegen brauche es eigenständige anarchistische Organisationen. Diese jedoch müssen ihren eigenen Ansprüchen genügen. Sie müssen antiautoritär sein. (Dass Malatesta „müssen“ schreibt und überhaupt sagt, wie der Hase läuft, ruft bei vielen heutigen Anarch@s vielleicht schon Abwehrreflexe hervor…).

Das Hauptproblem beim Manifest der Plattform bestünde darin, dass es eine „einzige revolutionäre Kollektivität“ propagiere. Die Vereinigung in einem solchen Bündnis wäre aber gar nicht möglich und auch überhaupt nicht wünschenswert, denn zu

„zahlreich sind die Unterschiede im Umfeld und so in den Kampfbedingungen, zu vielfältig die möglichen Aktionsformen, die der eine oder andere bevorzugt, zu viele auch die Unterschiede im Temperament und die persönlichen Unvereinbarkeiten, als dass eine Generalunion, wenn man sie ernst nimmt, nicht ein Hindernis für die individuelle Aktivität und vielleicht auch der Grund für recht schroffe interne Konflikte würde – anstatt ein Mittel, die Kräfte aller zu koordinieren und zu addieren“ (S. 205).

Wie soll mensch beispielsweise mit Leuten zusammenarbeiten, die glauben, allein die Erziehung der Menschen werde Anarchie ermöglichen oder solchen, die der Meinung sind, allein eine gewaltsame Revolution würde sie realisieren (S. 205)? (Ziemlich gute Fragen eigentlich, denn beide Ansichten gibt es heute komischerweise immer noch…). Und wie könnten denn „Personen zusammenhalten, die sich aus speziellen Gründen nicht mögen und nicht wertschätzen und die dennoch gleichermaßen gute und nützliche Kämpfer des Anarchismus sein können“ (S. 205)? Wenn die (historischen) Plattformist*innen gar nicht die Vorstellung hätten, verschiedene Strömungen zu vereinen, warum ließen sie dann die anderen nicht einfach ihre eigenen Organisationsformen finden? Stattdessen meinen sie einen richtigen Weg vorgeben zu müssen und darüber urteilen zu können, wer ein*e „gesundes Element“ libertärer Bewegung ist. (Diese Formulierung aus dem Text der Organisationsplattform ist für einen Dialog auf Augenhöhe eine ziemlich ungesunde Einstellung). Dabei geht es aber nicht um irgendwelche Belanglosigkeiten. Denn die „anarchistische Wahrheit kann und darf nicht das Monopol eines Individuums oder eines Komitees werden, noch darf sie von Entscheidungen tatsächlicher oder erdachter Mehrheiten abhängen“ (S. 206).

Die Prinzipien und Methoden der Generalunion scheinen nicht mit anarchistischen Vorstellungen überein zu stimmen, meint Malatesta. Er geht noch einen Schritt weiter und bezeichnet das plattformistische Konzept als „autoritär“, weil in ihm Mehrheitsentscheidungen gefällt werden, Exekutivkomitees eingesetzt werden und die individuelle Unabhängigkeit von Einzelnen negiert wird, was letztendlich auch ihre Initiative hemmt. Wenn mensch schon Repräsentativität auf Kongressen anstrebt, ist festzustellen, dass dies der anarchistischen Realität widerspricht, wo die Teilnahme aufgrund von fehlendem Geld, Zeit und Repression faktisch begrenzt ist, sodass Repräsentation verschiedener Gruppen schlichtweg nicht zu gewährleisten ist (S. 208-210). Heruntergebrochen würden das propagierte Ziel der Anarchie daher der vorgeschlagenen Organisationsform widersprechen. (Es ist dabei klar, dass wir uns dabei immer im Widerspruch befinden. Gerade daraus ergibt sich jedoch eine wirkliche Bewegung, die an den realen Verhältnissen andockt und radikal wird, weil sie sie zu überwinden anstrebt.) Entscheidend sind die Versuche, die angestrebten Zielvorstellungen bereits vorwegzunehmen und zwar nicht allein in Hinblick auf ein ethisches Verhalten, sondern insbesondere auch hinsichtlich der Organisationsform:

„Man versteht, dass die Nichtanarchisten meinen, dass die Anarchie, das heißt die freie Organisation ohne Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit oder andersherum, eine nicht zu verwirklichende oder nur in ferner Zukunft realisierbare Utopie ist. Doch es ist unbegreiflich, dass derjenige, der sich zu anarchistischen Ideen bekennt und die Anarchie leben oder sich zumindest ihrer Verwirklichung eher heute als morgen nähern möchte, die grundlegenden Prinzipien des Anarchismus verleugnet – im selben Zuge, in dem er sich vornimmt, für seinen Triumph zu kämpfen“ (S. 211).

Dagegen gilt es an den vorhandenen anarchistischen Organisationsprinzipien festzuhalten, welche in ihrer Ausgestaltung nachvollziehbarer Weise nicht perfekt, sondern immer als Suchbewegung gelingen. Aber: Es sind nun einmal die Basics des Anarchismus:

„Volle Autonomie, volle Unabhängigkeit und folglich volle Verantwortung der Individuen wie der Gruppen; freie Übereinkunft zwischen jenen, die es für nützlich halten, sich für ein Ziel zur Zusammenarbeit zu vereinen; moralische Verpflichtung, die übernommenen Aufgaben zu wahren und nichts zu tun, was dem akzeptierten Programm widerspricht. Auf diesen Grundlagen fügen sich dann die Formen der Praxis, die angemessenen Instrumente, um der Organisation ein reales Leben zu verschaffen“ (S. 212).

Dahingehend ist es nicht möglich, einzelnen Leuten oder Gruppen, Beschlüsse aufzuzwingen.

„In einer anarchistischen Organisation können die einzelnen Mitglieder alle Meinungen vertreten und alle Taktiken benutzen, die nicht im Gegensatz zu den anerkannten Prinzipien stehen und die nicht der Aktivität der anderen schaden. In jedem Fall währt eine Organisation solange wie die Gründe für ein Bündnis stärker sind als die Gründe für einen Dissens: andernfalls löst sie sich auf und lässt den Platz anderen einheitlicheren Gruppierungen“ (S. 213).

Selbstverständlich ist die Kontinuität von Organisationen ein wichtiger Faktor für ihren Erfolg, aber sie lässt sich eben nicht erzwingen – sondern nur aus gemeinsamen Erfahrungen und Auseinandersetzungen weiter entwickeln. (Dagegen hilft auch keine romantische oder ideologische Übertünchung der Konflikte oder „ideologische“ Identitätskonstruktionen.)

„Aber die Dauer einer libertären Organisation muss die Konsequenz aus der geistigen Affinität ihrer Komponenten und aus der Anpassungsfähigkeit ihrer Verfassung an die fortwährende Veränderung der Umstände sein: wenn sie nicht mehr in der Lage ist, eine nützliche Mission zu erfüllen, ist es besser, sie stirbt“ (S. 213).

Und das ist letztendlich auch besser, als die implizite Orientierung an einer bolschewistischen Avantgardepolitik, welche in dieselben Sackgassen führt, wie eben jene.

Okay, liebe Genoss*innen. Es stimmt, jetzt habe ich euch eins reingedrückt und das nervt. Sicherlich ist es auch problematisch, dass ich hier so eine antiautoritäre populäre Person wie Malatesta als Argument anbringe. Das hat dann für manche schon wieder einen autoritären Touch. Zumindest wird es als Klugscheißerei abgestempelt, da bin ich mir sicher. Aber ich habe mich eben auch aufgeregt. Ich finde es nicht fair von euch, dass ihr Mühsam oder Malatesta für eure Propaganda vereinnahmen wollt. Sie haben den Plattformismus nicht vertreten und würden ihn definitiv ablehnen. Da bin ich mir sicher. Und hierbei beziehe ich mich nicht nur auf die hier bzw. in der Juli-Ausgabe zitierten Texte von den beiden, sondern auf die Weise, wie sie als Personen aufgetreten sind und in gekämpft haben. Nämlich nicht anhand einer straighten Linie. Die kann es in komplexen, widersprüchlichen Verhältnissen, einerseits, und wenn mensch eine pluralistische, vielfältige Gesellschaft anstrebt, andererseits, auch bis auf in Ausnahmefällen gar nicht geben. Gerade Mühsams und Malatestas kluger Umgang mit Widersprüchen, verschiedenen Leuten, Gruppen, Traditionen, Gefühlen und Gedanken war es, der sie stark und weise gemacht hat. Sie hatte ihre Grundsätze und Überzeugungen, doch damit agierten sie ausdrücklich undogmatisch. So gelang es ihnen auch, dass sie jeweils bis zum Ende ihres Lebens tatsächlich unermüdlich für die anarchistische Sache gekämpft haben.

Daher habt ihr, werte Genoss*innen, alles Recht der Welt Mühsams oder Malatestas Argumentationen und Positionen zu kritisieren oder abzulehnen. Vielleicht sagt ihr auch, dass ihr gar keine „einzige revolutionäre Kollektivität“ annehmt oder anstrebt. Dann wiederum gibt es aber keinen Sinn, dass ihr euch Plattformist*innen nennt, was ihr aber tut. Also bitte tut nicht so, als könntet ihr euch mit eurer Organisation gerade auf die Überlegungen und Gedankengänge von M&M stützen. Das könnt ihr nämlich nicht. So viel Aufrichtigkeit muss sein. Und über anderes reden wir später noch.

Solidarische Grüße

Jens Störfried