Das Konzept der Schwarmintelligenz in der Kriegsführung

Lesedauer: 11 Minuten

veröffentlicht auf schwarzerpfeil.de unter dem vollständigen Titel Das Konzept der Schwarmintelligenz in der Kriegsführung: eine Einführung für Aktivist:innen der Frontlinie

Original erschienen bei ILL WILL editions

Anm.: Ein deutschsprachiger Artikel mit Taktiken der Hongkonger Protestbewegung findet sich hier.

Einführung
Im Folgenden soll eine Einführung in das Konzept des „Schwarms“ als Ansatz der Kriegsführung gegeben werden, wie es von John Arquilla und David Ronfeldt in Swarming and the Future of Conflict thematisiert wird, das im Jahr 2000 im Rahmen des National Defense Research Institute der RAND Corporation veröffentlicht wurde. Es besteht die Hoffnung, dass die aufkommenden Frontalkonflikte der Demonstrant:innen, welche vom Hong Kong Democracy Movement 2019 zu den George Floyd Protesten 2020 migriert ist, die Schwarmintelligenz nutzen können, um die oft zitierte Maxime „be water“ zu erweitern.
Bei der Kriegsführung mittels „Schwarmintelligenz“ („Swarm warfare“) geht es darum, horizontale Kommunikation zu nutzen, so dass Gruppen sowohl autonom als auch gemeinsam handeln können, ohne zentralisierte, hierarchische Befehlsstrukturen. Falls das bekannt klingt, ist es kein Zufall: Arquilla und Ronfeldt zitieren die Strategie der Anarchist:innen und Globalisierungsgegner:innen im Vorfeld der Ereignisse um die Schlacht von Seattle 1999 als ein zeitgenössisches Beispiel für „Schwarmbewegungen“ die während der schriftlichen Ausarbeitung aufkeimten. Ausgehend von den Lehren aus den Entwicklungen in der Kriegsführung am Ende des 20. Jahrhunderts schlägt ihre Arbeit „Battle Swarm“ als Militärdoktrin vor, d.h. als normativen Ansatz zur Führung von Kriegen. Der „Battle-Swarm“ ist daher ein Beispiel dafür, wie unsere Feinde aus unserer Art zu kämpfen lernen, um unsere Erkenntnisse gegen uns anzuwenden. Und doch funktioniert das Lernen in beide Richtungen: Bei der Formulierung des Konzepts der Kriegsführung mittels Schwärmen haben uns unsere Feinde geholfen, indem sie wichtige taktische, strategische und logistische Aspekte identifiziert haben, die wir in unseren Kämpfen verbessern können. Daher sollte die folgende Einführung in Schwarmbewegungen als ein Ansatz zur Konfliktbewältigung genutzt werden, um unsere Taktiken auf der Straße kritisch und kreativ zu überprüfen und zu beurteilen, welche Arten von Kommunikationsinfrastrukturen und -praktiken geeignet sind, unsere Aktionen zu koordinieren [1].



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Die Kunst freiwillig gemeinsam zu sein

Lesedauer: 2 Minuten

Originaltitel: Die Kunst, freiwillig gemeinsam zu sein.

Das Spannungsfeld zwischen Kollektivität und Individualität als Indiz für eine grundlegend paradoxe Form anarchistischen Denkens

Jonathan Eibisch

veröffentlicht in: Marcus Hawel et. al., WORK IN PROGRESS. WORK ON PROGRESS. Doktorand*innen-Jahrbuch 2019 der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Hamburg: VSA, 2019, S. 54-70.

verfügbar open source beim RLS-Studienwerk

aus der Einleitung:

Bereits der Titel dieses Beitrages verrät, dass ich mich im Folgenden – wie auch in meiner Dissertationsschrift insgesamt – auf einer metatheoretischen Ebene bewege, die gleichwohl das sehr konkrete Interesse einer als notwendig erachteten Erneuerung anarchistischer Theorie verfolgt. Die Ausgangsbeobachtung dafür liegt in der auffälligen Vielfalt und Heterogenität innerhalb der anarchistischen Tradition und Denkweise, der Pluralität ihrer Strömungen, wie auch den teilweise widersprüchlich er-scheinenden theoretischen Grundlagen des Anarchismus. Insbesondere in Hinblick auf die verschiedenen individual-anarchistischen und kollektivistischen Stränge im Anarchismus wird überdeutlich, dass dieser in der sozialen Realität von inhärenten Spannungen durchzogen ist, welche sich auf theoretischer Ebene widerspiegeln und manifestieren. Als gemeinsamer Nenner aller Anarchist*innen – von hochgradig kollektivistischen Plattformist*innen bis hin zu extrem individualistischen Egoist*innen – kann in diesem Zusammenhang lediglich die Zielvorstellung gelten, alle Menschen als Individuen zu befreien und die Bedingungen zu schaffen, damit diese jeweils ihre Individualität verwirklichen können. Wird von einer, wenn auch fluiden, Kohärenz anarchistischer Traditionen ausgegangen,1 die zumindest dazu führt, dass sich Anarchist*innen unterschiedlichster Couleur aufeinander beziehen, liegt die Annahme auf der Hand, dass zwischen Individualismus und Kollektivismus innerhalb des Anarchismus ein grundlegendes Spannungsfeld liegt.Daraus ergeben sich die Fragen, wie verschiedene anarchistische Denker*innen mit diesem offensichtlich ungelösten Paradox umgehen und worin sie seine Ursache sehen. Doch bevor ich mich auf die Suche nach Antworten begebe, erscheint mir die Legitimität einer Betrachtung von anarchistischen Paradoxien und Spannungsfeldern, in einem maßgeblich vom Denken der europäischen Moderne geprägten Kontext, erklärungsbedürftig.

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