Die Kunst freiwillig gemeinsam zu sein

Lesedauer: 2 Minuten

Originaltitel: Die Kunst, freiwillig gemeinsam zu sein.

Das Spannungsfeld zwischen Kollektivität und Individualität als Indiz für eine grundlegend paradoxe Form anarchistischen Denkens

Jonathan Eibisch

veröffentlicht in: Marcus Hawel et. al., WORK IN PROGRESS. WORK ON PROGRESS. Doktorand*innen-Jahrbuch 2019 der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Hamburg: VSA, 2019, S. 54-70.

verfügbar open source beim RLS-Studienwerk

aus der Einleitung:

Bereits der Titel dieses Beitrages verrät, dass ich mich im Folgenden – wie auch in meiner Dissertationsschrift insgesamt – auf einer metatheoretischen Ebene bewege, die gleichwohl das sehr konkrete Interesse einer als notwendig erachteten Erneuerung anarchistischer Theorie verfolgt. Die Ausgangsbeobachtung dafür liegt in der auffälligen Vielfalt und Heterogenität innerhalb der anarchistischen Tradition und Denkweise, der Pluralität ihrer Strömungen, wie auch den teilweise widersprüchlich er-scheinenden theoretischen Grundlagen des Anarchismus. Insbesondere in Hinblick auf die verschiedenen individual-anarchistischen und kollektivistischen Stränge im Anarchismus wird überdeutlich, dass dieser in der sozialen Realität von inhärenten Spannungen durchzogen ist, welche sich auf theoretischer Ebene widerspiegeln und manifestieren. Als gemeinsamer Nenner aller Anarchist*innen – von hochgradig kollektivistischen Plattformist*innen bis hin zu extrem individualistischen Egoist*innen – kann in diesem Zusammenhang lediglich die Zielvorstellung gelten, alle Menschen als Individuen zu befreien und die Bedingungen zu schaffen, damit diese jeweils ihre Individualität verwirklichen können. Wird von einer, wenn auch fluiden, Kohärenz anarchistischer Traditionen ausgegangen,1 die zumindest dazu führt, dass sich Anarchist*innen unterschiedlichster Couleur aufeinander beziehen, liegt die Annahme auf der Hand, dass zwischen Individualismus und Kollektivismus innerhalb des Anarchismus ein grundlegendes Spannungsfeld liegt.Daraus ergeben sich die Fragen, wie verschiedene anarchistische Denker*innen mit diesem offensichtlich ungelösten Paradox umgehen und worin sie seine Ursache sehen. Doch bevor ich mich auf die Suche nach Antworten begebe, erscheint mir die Legitimität einer Betrachtung von anarchistischen Paradoxien und Spannungsfeldern, in einem maßgeblich vom Denken der europäischen Moderne geprägten Kontext, erklärungsbedürftig.

[…]

Missverständnis individuelle Selbstermächtigung

Lesedauer: 6 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #71 / Nov. 2016

von Irmgard Edelweiß, der beleidigten Anarchakonservativen

(Der folgende Text ist ironisch gemeint. Die Überschrift hingegen nicht, sondern bezeichnet, worauf die Ironie abzielt. Erstrebenswerte kollektive Selbstermächtigung wird hier nicht behandelt. Dem Thema wird sich nicht „seriös“ sondern bitter-böse genähert und der Beitrag hat nicht die Absicht, jegliche Selbstermächtigungserfahrungen oder -konzepte für schlecht zu erklären.)

Ja, es hat Gründe, dass wir uns oftmals völlig hilf- und ratlos in dieser Gesellschaft fühlen, die uns permanent überfordert, irritiert und kaum sinnvolle Handlungsmöglichkeiten eröffnet. Ohnmächtig hocken viele Leute beispielsweise vor der Glotze und ziehen sich die Tagesschau oder andere Nachrichten rein, bei der sie möglicherweise durchaus ein Teil des Ausmaßes des Elends begreifen, in welchem wir uns befinden. Auch die verheerenden Folgekosten unserer Gesellschaftsform lassen sich nie vollends verdrängen. Eine schicksalshafte Katastrophe nach der anderen wird den Zuschauer*innen da präsentiert – und somit eine kollektive Ohnmacht erzeugt, welche sie an den Staat appellieren lässt, statt ihre Angelegenheiten in die eigenen Hände zu nehmen. Unmöglich können in diesem Zusammenhang Selbstwirksamkeitserfahrungen gemacht werden. Diese entstehen nur da, wo es die Einzelnen unmittelbar betrifft und bei ihnen ein Gefühl ihrer Handlungsmacht entsteht, die nicht einfach da ist, sondern sich genommen und erweitert werden muss.

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Und worauf stellt du deine Sache?

Lesedauer: 10 Minuten

Zum 210. Geburtsjahr von Johann Caspar Schmidt alias Max Stirner

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #67 / Juli 2016

von Jens Störfried

Die nur so halb runde Zahl an Jahren möchte ich zum Anlass nehmen, einige Gedanken zu äußern, die mich beim Lesen von Max Stirner inspiriert haben. Genauer genommen war es nicht nur Stirner alleine und für sich, sondern auch seine Interpretation durch Saul Newman[1], die ich für die Entwicklung aktueller anarchistischer Theorien sehr wichtig finde. Jawohl, anarchistische Theorien![2] In diesem Beitrag soll es jedoch nicht darum gehen, den Lebensweg Stirners nachzuzeichnen, seine Rezeptionsgeschichte darzustellen oder seinen Einfluss zu bestimmen. Wer sich dafür interessiert, wird an verschiedenen Stellen fündig.[3] Hier ist also auch nicht der Platz für Einführung in die Gedanken Stirners, sondern es handelt sich um einige Gedanken zu ihm…

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