Kennt ihre Namen…

Lesedauer: 165 Minuten

Auf der französischsprachigen Website https://militants-anarchistes.info wurden Namen von hunderten Anarchist*innen gesammelt, um die Erinnerung an sie festzuhalten. Als „militant“ sind sie zu bezeichnen, weil sie vermutlich einen großen Teil ihrer Lebenszeit für anarchistische Aktionen und Organisation aufgewendet haben. Und dafür standen sie insbesondere auch im „klassischen“ Anarchismus (vor dem zweiten Weltkrieg) mit ihren Namen ein. In meiner langjährigen Beschäftigung sind mir zahlreiche Anarchist*innen gestoßen, die in meiner Umgebung und in Deutschland insgesamt kaum bekannt sind. Wie viele (bereits verstorbene) Anarchist*innen kannst du aufzählen? Wobei dies nicht daran gemessen werden muss, wer was für die Bewegung „geleistet“ hat, sondern vor allem daran, ob die jeweiligen Personen sich entschieden für den libertären Sozialismus eingesetzt haben. Im Katalog werden – wenn ich das richtig überschaue – mehr als 16580 Personen alphabetisch nach Familiennamen aufgelistet. (Gesamtliste).

Der Katalog ermöglicht die Suche nach Personen nach Ländern und nach Regionen ihrer militanten Aktivitäten, nach Organisationen und Gewerkschaftsföderationen, denen sie angehörten, sowie nach Berufsgruppen, Widerstandskämpfenden und Frauen. Eine Auflistung nach Jahrzehnten ihrer Geburtsjahre wäre noch hilfreich. Nach Ländern sind die Listen für Spanien, Italien und Russland überproportional vertreten. Doch auch für Ägypten, Tschechien oder Syrien lassen sich Personen finden. Für „Allemagne“ sind 316 Personen aufgelistet. Zu den meisten Anarchist*innen ist nicht viel bekannt, außer z.B., wann sie geboren sind, in welcher Region sie aktiv waren oder bspw. dass sie in einem KZ oder im Kampf gegen den Franco-Faschismus umgekommen sind. Bei wenigen finden sich ausführlichere Biographien – und dies sind in der Regel auch die bekannteren Aktivist*innen.

Der Historiker René Bianco (1941-2005), der auch das Zentrum für Anarchismusforschung in Marseille ins Leben gerufen hat, begann den Katalog, der über die Jahre akribisch fortgeführt wurde. Sowohl in der Vergangenheit, als auch in jüngerer Zeit gäbe es vermutlich noch zahlreiche Personen zu ergänzen. Doch mit der bereits aktuell gesammelte Zahl ändert sich die Erzählung über die anarchistische Bewegung grundlegend. Sie war keine marginale Unterströmung häretischer Sozialist*innen, sondern in mehreren Ländern eine relevante Kraft engagierter Aktivist*innen, von denen die meisten ganz normale Arbeiter*innen waren. Beim Katalog geht es nicht darum, Namen um ihrer selbst Willen aufzulisten, sondern die Sichtweise vor allem auf den historischen Anarchismus zu korrigieren.

Ich habe die Namensliste unten eingefügt als Symbol für die Erinnerung an diese Menschen und die Bedeutung der eigenen Geschichtsschreibung.

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Wie kommt die Unruhe in die Welt?

Lesedauer: 2 Minuten

Dieser Film ist nichts für ADHSler*innen. Wer ihn schaut muss schon etwas Ruhe mitbringen. Ob diese durch den kontinuierlichen Takt der Schweizer Uhren vorgegeben oder durchbrochen wird, muss dabei jede*r für sich selbst entscheiden. Der Regisseur Cyril Schäublin produzierte jedenfalls einen Film, der gerade durch seine Beschaulichkeit und Höflichkeit zum Nachdenken anregen soll.

Was als Beschäftigung des Filmemachers mit seiner eigenen mikrohistorischen Familiengeschichte begann, führte diesen unweigerlich zur transnational vernetzten anarchistischen Bewegung, welche am Ende des 19. Jahrhunderts einen Zufluchts- und Vernetzungsort in der Schweiz gefunden hatte. Darüber lässt sich ausgiebig bei Florian Eitel in seinem Buch Anarchistische Uhrmacher in der Schweiz. Mikrohistorische Globalgeschichte zu den Anfängen der anarchistischen Bewegung im 19. Jahrhundert (2018) lesen, auf welchen sich Schäublin auch explizit bezieht.

Quelle: https://grandfilm.de/unruh/

In einer pittoresk anmutenden Umgebung, die nicht grundlos Elemente eines volkstümlichen Theaterstückes zu verkörern scheint, stoßen das kapitalistisch-nationalistische und das kommunistisch-anarchistische Lager aufeinander. Ironischerweise erschaffen die Arbeiter*innen in den Uhren-Manufakturen dabei selbst die Messinstrumente, mit denen die Optimierung der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft vorangetrieben wird. Sie führen basisdemokratische Abstimmungen durch, hören Grußworte von Genoss*innen aus verschiedenen Sektionen, sammeln Geld zur Unterstützung von Streiks in Baltimore und Brasilien und verweigern die Produktion von Taschenuhren für das Militär.

Seltsamerweise protestieren sie jedoch nicht dagegen, als eine altersschwache Kollegin von den zwei Dorf-Cops für zehn Tage Zuchthaus abgeholt wird, weil sie die Gemeindesteuern nicht zahlen konnte. Sie erklären ihre Ablehnung gegenüber einem nationalstaatlichen Gedenkfest, gehen aber keineswegs soweit dieses zu sabotieren. Sie verbergen den gesuchten italienischen Anarchisten Carlo Cafiero, haben aber nicht die Stärke, die Fabrik zu übernehmen und in Selbstverwaltung zu überführen. Vielleicht braucht die soziale Revolution einfach noch Zeit – während sie zeitgleich weltweit in direkten Aktionen und Organisierung im Gange ist und ihren Angehörigen eine Selbstsicherheit zu gewähren scheint, welche sie konzentriert daran weiterarbeiten lässt.

Im Endeffekt warten die Zuschauer*innen darauf, dass Pyotr Kropotkin und Josephine Gräbli (welche mehrdeutigerweise den Teil der Uhr einsetzt, welcher „Unruh“ genannt wird) knutschen, weil man verkopftem Ersterem nicht so richtig zutraut, dass er das hinkriegt. Es wird angedeutet, ist aber letztendlich deren Sache.

Interessant ist unter anderem der Aspekt, dass Kropotkin an einer Karte ohne Ländergrenzen und Zentren arbeitet, auf welche Orte so benannt werden soll, wie sie die lokal ansässige Bevölkerung tut, anstatt durch eine staatliche Vermessungsbehörde bezeichnet zu werden.

Alles in allem: Ein nettes, volkstümliches, höfliches Ambiente. Schlüsse für heute lassen sich daraus schon ziehen. Wer den Anarchismus damit als historischen Gegenstand konservieren und entpolitisieren will, dem wird dies auch gelingen. Dies sollte aber nicht dem Regisseur angelastet werden, der mit der Verarbeitung eines Teils seiner Familiengeschichte auch sehr unterschwellig die Fragen in den Raum stellt: Wie kommt die Unruhe in die Welt? Wann steht die Zeit einmal still? Und wann beginnt ein neues Zeitalter, in welchem Menschen über ihre eigene Zeot vollständig verfügen?

Kassiber aus der Vergangenheit

Lesedauer: 3 Minuten

Bei einer meiner Veranstaltungen tauchte Ralf G. Landmesser auf und drückte mir freundlicherweise ein kleines rotes Büchlein in die Hand. Er wies mich darauf hin, dass dieser KalendA von 1995 auch für das kommende Jahr 2023 gültig sei. Vor 27 Jahren befand sich dieser anarchistische Taschenkalender schon in der 13. Ausgabe. Eigentlich gar nicht so lange her – und dennoch haben sich die Zeiten in vielerlei Hinsicht grundlegend geändert.

War es damals beispielsweise auch mit antinationalem Anliegen noch ein Skandal, dass Deutschland „wieder vereint“ wurde, kräht danach heute kein Hahn mehr. Die Proteste am 03.10. in Erfurt wurden dieses Jahr mangels Interesse abgesagt. Auch Themen wie Cannabis-Legalisierung, welche die Genoss*innen dazumal stark beschäftigten, werden heute von institutionalisierten liberalen NGOs und Verbänden verhandelt – freilich ohne, dass es bis heute zu einer Legalisierung gekommen wäre. Auch das Thema Atomkraft und nukleare Bedrohnung sind heute nicht geringer als damals – doch damit lässt sich niemand mehr hinterm Ofen hervor locken…

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Anarchismus-Historiker*innen in Brasilien

Lesedauer: < 1 Minute

Was es unter anderem noch so gibt: Aktuell einen viertägigen wissenschaftlichen Kongress vor allem zu historischer Erforschung des Anarchismus, der in São Paulo stattfindet. Die beiden Vorgänger fanden 2016 in Buenos Aires (Argentinien) und 2019 in Montevidéu (Uruguai) statt. Das Programm selbst würde mich jetzt nicht vom Hocker hauen, aber allgemein ist es schön zu sehen, das sich Forscher*innen verstärkt dem Anarchismus widmen – und damit auch anarchistische Perspektiven ihren Möglichkeiten nach verbreiten und vertiefen. Darin ist in begrenztem Maß auch die Keimzelle einer (intellektuellen) Gegenbewegung zum global erstarkten Faschismus zu sehen… Ob an einer Uni oder woanders – Ein Kongress zu anarchistischen Theorien im deutschsprachigen Raum steht noch in den Sternen.

https://3congressoanarquista.noblogs.org/

Mehr als ein Aufstand in der Hauptstadt

Lesedauer: 3 Minuten

Die Kommune-Bewegung im Licht einer engagierten Geschichtsschreibung

Einhundertfünfzig Jahre nach der Existenz und Niederschlagung mehrerer selbstverwalteter und autonomer Kommunen in Frankreich beschreiben Detlef Hartmann und Christoph Wimmer diese historischen Ereignisse aus einer – wenn man so will – rätekommunistischen Perspektive. Ähnlich wie es Roman Danyluk hinsichtlich der Bayrischen Räterepublik (1) herausarbeitete, handelte es sich bei den aufständischen Kommunen nicht primär um ein Hauptstadtphänomen, wie nachträglich meist dargestellt. Vielmehr entstanden während der Verwerfungen des deutsch-französischen Krieges in verschiedenen Städten und Provinzen Versuche kommunaler Selbstverwaltung, die sich dezidiert gegen den zentralistischen und kapitalistischen Nationalstaat richteten und dessen Regierung grundlegend in Frage stellten.

Nach einer sozialgeschichtlichen und politischen Einordnung berichten die Autoren von den markantesten Beispielen der Kommunen von Lyon, Le Creusot, Marseille und in Algerien. Darüber hinaus werden Bestrebungen kommunaler Selbstverwaltung in Toulouse, Narbonne, Limoges, Brest und Thiers und auf Martinique erwähnt, während es in zahlreichen weiteren Orten zu Aufständen kam.

Ein plurales Klassensubjekt in Abwehr von modernem Staat und Kapitalismus

Neben diesem historisch-kritischen Blick zeigen Hartmann und Wimmer auch auf, dass es sich bei den Aufständischen und Engagierten für eine autonome Selbstverwaltung um verschiedene soziale Gruppen und Klassen und keineswegs um ein einheitliches politisches Subjekt handelte. Weiterhin spielten zwar Sozialist*innen, Anarchist*innen und Aktivist*innen der Internationalen Arbeiter-Assoziation eine Rolle, gleichwohl wurden die Ereignisse von einer größtenteils spontanen wirklichen Volksbewegung dominiert und vorangetrieben.

Bei der Geschichtsbetrachtung jener Entwicklungen oftmals unterschätzt wurde und wird, wie lange nicht-kapitalistische Formen und gemischte Einkommensquellen für einen großen Teil der Bevölkerung parallel bestanden und dass die französische Kommunebewegung somit auch als explizit antikapitalistisch verstanden werden muss, um erklärt werden zu können. Mit ihr wandte sich die aufständische Bevölkerung auch gegen die bonapartistische Regierungsform, durch welche versucht wurde, unterschiedliche Interessengruppen auszubalancieren, um moderne kapitalistische Verhältnisse und den zentralistischen Nationalstaat gegen die bäuerliche Subsistenzwirtschaft, das Handwerk, die regionale Selbstverwaltung und unterschiedliche regionale Kulturen durchzusetzen. (Darin lässt sich eine gewisse Analogie zur neoliberalen Politik sozialdemokratischer Parteien an der Wende zum 21. Jahrhundert erkennen.)

Kämpfe von Frauen* und Antikolonialismus

Wer sich einigermaßen mit der Geschichte des 19. Jahrhunderts beschäftigt hat, kennt die Entwicklungen im Zuge des mörderischen deutsch-französischen Krieges, der zur deutschen Reichseinigung auf der einen Seite und zur Dritten französischen Republik auf der anderen Seite des Rheins führte. Das prägnante Buch kann in der in ihm entfalteten Perspektive dahingehend als innovativ gelten und stellt einige Aspekte der bolschewistischen Geschichtsverfälschung richtig. Neben dem Fokus auf die politischen Provinzen wird auch den Frauen* in der Kommunebewegung mehr Aufmerksamkeit als in früheren Publikationen geschenkt, ebenso wie Fragen der rassistischen Diskriminierung der Berber*innen und Araber*innen in Algerien mitbedacht werden.


Unter diesem Blickwinkel ist die berühmte Pariser Kommune vom 18. März bis 28. Mai 1871 eher als ein nachziehendes und weniger radikales Ereignis anzusehen als beispielsweise die Straßenkämpfe in Marseille, die umfassenden Selbstverwaltungsorgane am Industriestandort Le Creusot oder die antikolonialen Bestrebungen in Algerien. Gleichwohl erlitt die Bewegung der Kommunen in der Hauptstadt ihren blutigen Höhepunkt, wo bei ihrer Niederschlagung unter Duldung der deutschen Invasoren mehr als 20.000 Menschen abgeschlachtet wurden, die sich für ein anderes Gesellschaftsmodell einsetzten. Diese Ereignisse sind nicht zu vergessen, waren sie doch ein wesentlicher Faktor dafür, dass sich die radikaleren sozialistischen Strömungen wie die Anarchist*innen einerseits wesentlich reformistischer gaben und sich andererseits zersplitterten und teilweise im Terrorismus verhedderten.

Wie anarchistisch war die Kommune?

Die Autoren deuten an, dass sie das Konzept dezentraler und autonomer Selbstverwaltung nicht als „anarchistisch“ verstanden wissen wollen. Wenngleich es sicherlich nicht anarchistisch vereinnahmt werden darf, frage ich mich doch, warum sie diesem Abwehrreflex verfallen, statt sich positiv auf diese Bezeichnung zu beziehen, die von ihren Positionen und ihrem Politikverständnis her deutlich näher an der Kommunebewegung ist als viele Gruppierungen, die sich als „linksradikal“ verstehen.


Die Kommunen als geschichtlich gewachsenen sozialen Zusammenhang zu sehen, mit einer jeweils eigenen Ausprägung, bildet den Ausgangspunkt dafür, derartige Gemeinwesen der Selbstverwaltung als konkretes Gegenmodell zum kapitalistischen Nationalstaat zu begreifen. (2) Damit landet man keineswegs zwangsläufig in provinzieller Borniertheit, wobei selbstredend auch Lokalpatriotismus zu problematisieren ist, wo er entsteht. In jedem Fall ist die reflektierte und differenzierte Erinnerung an die Kommune-Bewegung des 19. Jahrhunderts ein Baustein für ein emanzipatorisches Geschichtsverständnis. Dazu gehört auch die Betonung dessen, dass die rebellischen Klassen sehr heterogen waren und die Ereignisse um das Jahr 1870 herum nicht als Vorspiel für die Russische Revolution fehlinterpretiert werden dürfen.

Anmerkungen:
(1) siehe https://paradox-a.de/texte/eine-gelungene-geschichte-von-unten/ bzw. Libertäre Buchseiten von März 2022 (Beilage zur GWR 467)
(2) Einen weiter gefassten und umfassenderen Kommunebegriff erarbeitet Ferdinand Stenglein in seiner Dissertation Die Anarchistische Kommune: Depropertisierung und interstitielle Autonomie

Jenseits von staatlichen Strukturen

Lesedauer: 4 Minuten

Der Anfang einer anarchistischen Sicht auf die Menschheitsgeschichte

zuerst veröffentlicht in: GWR #472

Wie ein aktuelles Buch besprechen, welches seit Anfang des Jahres zu Recht schon vielfach rezensiert worden ist? Hörenswerte Beiträge gibt es beispielsweise bei Deutschlandfunk. Kultur, der ARD-Mediathek und SWR2, Zusammenfassungen in linken Zeitungen wie dem ND, im Jacobin Magazin und bei lib.com. Auch die Neue Zürcher Zeitung und die Frankfurter Rundschau berichten wohlwollend. Alleine die Frankfurter Allgemeine stichelt unter der von konservativen Chefredakteuren gesetzten Überschrift „Seht her, der Staat muss gar nicht sein!“ (1), ähnlich wie Die Zeit mit einem entpolitisierenden „Als wir uns noch nichts sagen ließen“ (2). Wer also an einer
Zusammenfassung des Buchs Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit interessiert ist, wird auf jeden Fall fündig.


Infragestellung des Herrschaftswissens durch nicht-staatliche Gemeinschaften


Gerade die süffisanten konservativen Abwehrreflexe sind es, durch welche deutlich wird, dass der Archäologe David Wengrow und der Anthropologe David Graeber mit ihrem umfangreichen 560-Seiten-Werk auf fundierte Weise bislang tradierte Grundannahmen der Wissensproduktion dekonstruieren und in Frage stellen. Eigentlich wundert man sich, warum dieses Projekt niemand früher angegangen ist. Denn wie die beiden anarchistischen Sozialwissenschaftler aufzeigen, strotzen ihre Fachgebiete von skurrilen Axiomen und fragwürdigen Grundannahmen, welche jedoch als selbstverständlich dargestellt werden.


Unter anderem legen die Autoren plausibel und nachvollziehbar dar, dass es in früheren Jahrtausenden in ganz verschiedenen Kulturen „komplexe“ Gesellschaften und große Städte gab, die nicht-staatlich organisiert waren. Ebenso führen sie zahlreiche Beispiele wie etwa Teotihuacán an, eine Stadt, auf deren Ruinen die hierarchisch strukturierten Mexica im 12. Jh. ihre eigene Hauptstadt Tenochtitilán errichteten. Wengrow und Graeber arbeiten – sehr ähnlich wie James C. Scott – heraus, dass die (spielerische) Entwicklung der Landwirtschaft und Sesshaftigkeit nicht notwendigerweise zu „Zivilisation“ und politischen Herrschaftsordnungen führte (3). Dies lässt sich etwa anhand der Stadt Çatalhöyük auf der anatolischen Hochebene zeigen, welche 7.400 v. u. Z. erstmals besiedelt wurde.


Mannigfaltige Organisationsweisen von Gemeinwesen

Derartige Entdeckungen sind aber keineswegs eine Verklärung der frühen Menschheitsgeschichte. Das Hauptaugenmerk wird im Buch darauf gelegt aufzuzeigen, dass immer schon sehr verschiedene Formen, die soziale Ordnung zu strukturieren, parallel zueinander bestanden oder aufeinander folgten. So gab es auch die als „frühe Staaten“ geltenden untergegangenen Gemeinwesen des pharaonischen Ägyptens, des Chinas der Shan-Dynastie, des Inka-Reichs oder des Königreichs Benin, in denen die drei Grundformen der Herrschaft – Gewaltkontrolle, Informationskontrolle und individuelles Charisma – gemeinsam auftraten, monopolisiert und rituell eingebettet wurden.


Die Vorstellung von Staatlichkeit wurde allerdings erst mit dem Staatstheoretiker Jean Bodin im 16. Jahrhundert geprägt, während unter Sozialwissenschaftler*innen des 19. und 20. Jahrhunderts wie Rudolf von Jhering keine fundierte Definition dafür entwickelt wurde, wie vergangene politische
Gemeinwesen in verschiedenen Kulturen sonst begriffen werden können. So wurde die herrschaftsideologische Vorstellung tradiert, „komplexe“ Gesellschaften, in denen Städte, Handel,
Ackerbau, Bürokratie und/oder Philosophie existierten, müssten an Kategorien von zurückprojizierter moderner Staatlichkeit gemessen werden.

Die Mythen der hegemonialen Sozialwissenschaften

Solche problematischen Vorannahmen haben zur Folge, dass ein großer Teil der Menschheitsgeschichte fälschlicherweise entweder als Phasen der gleichförmigen Langeweile angesehen oder in vermeintlich finstere Zeitalter verbannt wird (4). Doch dies ist schon deswegen nicht der Fall, weil sich beieinander gelegene soziale Gemeinschaften offenbar häufig gerade in Abgrenzung zueinander definierten und gezielt abweichende Rituale, Produktionsformen, Familienverständnisse, Siedlungsstrukturen usw. entwickelten. Wengrow und Graeber weisen dies am Beispiel der „asketischen“ Yurok und der „aristokratischen“ Kwakiutl, die jeweils an der Nordwestküste des heutigen Kaliforniens lebten, anschaulich nach.

Dieses kontinuierlich auftretende anthropologische Phänomen erfassen sie mit dem von Gregory Bateson adaptierten Konzept der „Schismogenese“ (5). Was vor dem Hintergrund ihrer überzeugenden Gesamtdarstellung als „primitiv“ erscheint, sind also nicht frühe menschliche Gesellschaften, die vom populärwissenschaftlichen Fachkollegen Yuval Noah Harrari gleich in die Richtung von Primaten gerückt werden – und der damit einen bürgerlichen Fatalismus auch gegenüber der zeitgenössischen Herrschaftsordnung propagiert. „Primitiv“ sind aus diesem Blickwinkel beispielsweise die Annahmen, Ungleichheit hätte sich zwangsläufig herausgebildet, egalitär könnten nur kleine Horden von Jäger*innen und Sammler*innen sein, Herrschaft wäre (in einer komplexen Gesellschaft) unvermeidlich, Geschichte sei ein fortlaufender Entwicklungsprozess oder Menschen vor Jahrtausenden hätten sich weniger als heute gezielt Gedanken zur Gestaltung, Organisation und mythologischen Einbettung ihrer Gemeinwesen
gemacht. Vielmehr bestand neben der in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen bestehenden Freiheit, den Lebensort zu wechseln, und der Freiheit, Befehle zu verweigern,
häufig auch eine dritte Freiheit: jene, die soziale Ordnung neu zu arrangieren. Dass sich zahlreiche unserer Zeitgenoss*innen nicht vorstellen können, die Gesellschaftsordnung, in welcher sie leben, grundlegend anders zu gestalten, ist somit nicht vorrangig eine fatalistische Akzeptanz der eigenen Begrenztheit, sondern Ausdruck für die herrschaftliche Zurichtung unserer Vorstellungskraft und Erfahrungen.

Die Perspektive wechseln, indem wir anderen zuhören

Der Perspektivwechsel, durch welchen das Buch äußerst spannend zu lesen ist, gelingt Wengrow und Graeber durch einen naheliegenden, aber selten gegangenen Schritt: Sie beziehen die indigene Geschichtsschreibung ein und dekonstruieren damit das europäische hegemoniale Denken grundlegend. Dazu berufen sie sich paradigmatisch auf einen „Staatsmann“ und Philosophen der irokesisch sprechenden Wendat namens Kondiaronk. In Unterhaltungen zwischen ihm und dem französischen Baron Louis Armand de Lom d’Arce de Lahontan kritisiert Kondiaronk ausgiebig das
Christ*innentum, das Privateigentum, die mangelnde Solidarität, den Gehorsam und die Unterdrückung der Frauen* bei den Europäer*innen.


Derartige Impulse seien es möglicherweise gewesen – so die beiden Autoren –, die erst die zivilisationskritischen Ideen einiger europäischer Aufklärer*innen wie Rousseau inspiriert hatten, an einen idealisierten „Naturzustand“ zu glauben, in welchem die Menschen „wirklich frei“ waren. Diese Menschen gab und gibt es allerdings tatsächlich. Aber ihre soziale Ordnung ist weder „natürlich“ noch an sich „freiheitlich“, sondern das Zwischenergebnis einer absichtsvollen kulturellen und sozialen Entwicklung mit langer Vorgeschichte.

Rest in Power, David Graeber! (1961-2020)

Anmerkungen:
(1) https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/david-graebers-und-david-wengrows-buch-anfaenge-17761501.html
(2) https://www.zeit.de/2022/05/anfaenge-david-graeber-david-wengrow-geschichte
(3) Vgl. James C. Scott, Die Mühlen der Zivilisation, Berlin 2019.
(4) Eine These, die übrigens auch Peter Kropotkin in seinen Büchern Die historische Rolle des Staates (1989) und Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt (1902) vehement vertritt, ähnlich wie Gustav Landauer.
(5) Schismogenese beschreibt die zunehmende Kontrastierung zwischen Personengruppen aufgrund des Bedürfnisses, sich voneinander abzuheben.

El Enthusiasmo

Lesedauer: < 1 Minute

Menschen zeigen diesen Film und sprechen darüber [HIER]. Realisierung und Vertrieb in der BRD über sabcat.

Ein Dokumentarfilm von Luis E. Herrero, Spanien 2018, 80 min, HD, Spanisch/Katalanisch mit deutschen Untertiteln, FSK 12

1975 starb Europas letzter faschistischer Diktator: Francisco Franco. Sein Tod machte in Spanien den Weg frei für eine aufbegehrende Jugend, die vieles nachzuholen hatte. Aber auch die exilierten Kämpfer aus dem Spanischen Bürgerkrieg kehrten zurück. In dieser Phase der sogenannten Transición, dem Übergang von der Diktatur zur bürgerlichen Demokratie, schien alles möglich – selbst der Traum, die Revolution von 1936 zu beenden. Der Film legt den Fokus auf Francos erbittertsten Gegner: die Anarchisten und Syndikalisten. Ihre Organisation, die Gewerkschaft Confederación Nacional del Trabajo (CNT), bis zum Sieg Francos ein entscheidender Faktor in der spanischen Gesellschaft, erlebte eine Renaissance. In nur zwei Jahren wurde aus einer klandestinen Untergrund-Organisation wieder eine Massenbewegung. Sie organisierte Versammlungen mit hunderttausenden Teilnehmern, Libertäre Tage, Streiks und Widerstand gegen den neuen liberalen Kapitalismus. Schnell zerrieb sich dieser Aufbruch allerdings nicht nur in internen Konflikten, sondern wurde auch massiv durch geheimdienstliche Interventionen sabotiert. »El Entusiasmo« ist auch die Geschichte einer Niederlage.

Eine gelungene Geschichte von unten

Lesedauer: 4 Minuten

Sozialgeschichtliche Analyse der Bayrischen Räterepublik

zuerst veröffentlicht in: Libertäre Buchseiten, in: GWR 467

Wenn Simon Schaupp mit seinem Der kurze Frühling der Räterepublik hundert Jahre nach dieser in die öffentliche Diskussion zur deutschen Revolution 1918/1919 von anarchistisch-linksradikaler Seite eingriff und uns die aufregenden Ereignisse in einer Collage der Zeitzeugnisse von Erich Mühsam, Hilde Kramer und Ernst Toller nahebrachte,(1) so reicht uns der Münchner Roman Danyluk mit Unter sticht Ober nun das dazugehörige sozialgeschichtliche Material nach. Dem Genossen ist eine lebendige und faktenbasierte Darstellung der Bayrischen Räterepublik und ihrer Rahmenbedingungen gelungen, die auch historisch interessierten Lesenden einen Zugang erlaubt, welche sich bisher noch nicht damit beschäftigt haben. Dabei ist das Buch auch ohne Fußnoten stichhaltig und glaubwürdig, wie Historiker*innen bestätigen werden. Mit diesem Stil gleicht Danyluks Schreibweise jener von Eric Hobsbawm,(2) ohne allerdings von dessen marxistischen Vorurteilen eingenommen zu sein.

Heterogenität als Stärke


Der Text gewinnt nicht allein durch seine Sachlichkeit an Glaubwürdigkeit, sondern weil die inneren Widersprüche und Unzulänglichkeiten der kurzlebigen Räterepublik keineswegs geleugnet werden. Darüber hinaus ist es in die lang anhaltende Besprechung dieses historischen Fensters einzuordnen, hebt diese allerdings auf eine neue Stufe. So setzte etwa schon Günter Bartsch der Beschränkung der Räterepublik auf München in der bürgerlichen Geschichtsschreibung entgegen: „Seit der Bayrischen Räterepublik wissen wir, daß der Anarchismus mehr als eine soziale Utopie ist. Er kann aus dem Reich der Abstraktion hervortreten und zu einer mehr oder weniger fest umrissenen Gestalt gerinnen. Dies scheint jedoch immer nur dort und dann möglich zu sein, wo sich verschiedene Richtungen zusammenfinden. […] Bis zu einem gewissen Grade war die Bayrische Räterepublik das erste anarchistische Experiment des 20. Jahrhunderts in einem größeren Maßstab“.(3)

Hinsichtlich der geschichtswissenschaftlichen Perspektive werden mit Unter sticht Ober die mehr oder weniger radikalen linken Erzählungen zur Bayrischen Räterepublik ergänzt, wie sie sich etwa in den diversen Veranstaltungsreihen zu den Jahrestagen widerspiegeln.(4) Dem häufig und wiederholt bedienten Mythos, bei der Bayrischen Räterepublik habe es sich um ein naives – und ergo: „gefährliches“ – Projekt von Künstlerinnen und Literaten gehandelt,(5) setzt Danyluk die Sichtweise einer kollektiv handelnden, aber sehr heterogenen sozialen Bewegung entgegen, ohne deswegen zu leugnen, dass manch idealistischer Wunschtraum die anarchistischen Führungsfiguren der kurzlebigen zweiten Phase der roten Republik beflügelte, bevor jene wiederum von der streng politisch-militärischen Logik der KPD-Funktionäre in der dritten Phase abgelöst wurde. Statt dem lächerlichen Schreckgespenst von Anarchie und Chaos finden sich in der Bayrischen Räterepublik Ansätze für den Aufbau einer libertär-sozialistischen Gesellschaftsform, welche demokratischen Ansprüchen weit eher gerecht zu werden vermag als die oktroyierte parlamentarische Klassengesellschaft.

Gegenpol zu bürgerlichen Mythen

Darüber hinaus wird der teilweise unsäglichen bürgerlichen Geschichtsschreibung etwas entgegengesetzt, wie sie beispielsweise in Büchern wie Die letzte Nacht der Monarchie. Wie Revolution und Räterepublik in München Adolf Hitler hervorbrachten reproduziert wird.(6) Immerhin wird schon mit dem Titel suggeriert, dass Sozialist*innen von revolutionären Experimenten die Finger zu lassen haben. Statt zu behaupten, die Konterrevolution, welche die Entstehung des Faschismus stark begünstigte, wäre die logische Folge der rebellischen Umtriebe gegen den Fortbestand der alten Herrschaftsordnung, sieht auch Danyluk, dass das „Grab der ersten demokratischen Republik in Deutschland […] bereits zu deren Beginn ausgehoben [wurde]. Die Reichsexekution gegen die Bayrische Räterepublik hatte vor allem zwei fatale politische Folgen: Zum einen stoppte sie in Bayern den Prozess der Demokratisierung der Gesellschaft und schwächte diejenigen politischen und sozialen Kräfte, die ein nachhaltiges Interesse daran hatten, dem Aufstieg des Rechtsextremismus erfolgreich Paroli zu bieten. Und zum zweiten bot der militärische Feldzug gegen Bayern sowie das anschließende Besatzungsregime im südlichen Teilstaat dem alten Militär und der Reaktion die Möglichkeit zur effektiven Reorganisation. […] Der ‚Sieg‘ über die Emanzipationsbestrebungen der Arbeiter- und Unterklassen war […] teuer erkauft“. (S. 358)

Damit werden in Danyluks differenzierter Untersuchung Optionen und Handlungsspielräume deutlich, die gleichwohl akribisch mit den damaligen sozialstrukturellen und politisch-ideologischen Bedingungen abgeglichen werden. Wertvoll ist sie außerdem, weil der Autor die spezifische Rolle beleuchtet, welche der Antisemitismus auf der Seite des reaktionären Lagers spielte, und weil er, wo es nur möglich ist, die Perspektiven von Frauen mitbedenkt und ihnen Raum gibt.

Konsequenzen für heutige Bewegungen

Doch die Faszination für diesen Kairós-Moment sozial-revolutionärer Kräfte in Deutschland ist für Danyluk keine rein historische. Sein Interesse an der Erarbeitung des Themas ist motiviert von der Frage danach, was wir aus der Geschichte lernen können. Nicht ohne Grund würdigt er deswegen die Erfolge, welche von den zahlreichen in der Räterepublik aktiven Aufständischen erkämpft wurden. Um sie langfristig und umfassend in ein anderes Gesellschaftsmodell zu überführen, waren jedoch die Kräfteverhältnisse nicht günstig genug, konnte die Bauernschaft nicht ausreichend einbezogen werden, war die anti-revolutionäre Grundsatzentscheidung in der SPD-Führung zu einflussreich und fehlte der Räterepublik schlichtweg die Zeit, sich zu entfalten und zu wachsen. Und schließlich veränderte sich in der „bayrischen Hauptstadt […] durch den autoritären Anspruch einer Partei, die alleinige Vorherrschaft zu erlangen, die sozialistische Vielfalt in den maßgeblichen Rätegremien. Soziale Emanzipation kann aber nicht einfach von oben dekretiert werden. Zu ihren Voraussetzungen gehören die Ausweitung – und eben nicht die Einengung – der sozialen Beziehungen und die beständige Erweiterung der gesellschaftlichen Diskussion.


Folgerichtig gestaltet sich die Auseinandersetzung mit den damaligen Ereignissen immer dann als ziemlich spannend, wenn alle Entwicklungsabschnitte der bayrischen Revolution und Räterepublik unvoreingenommen und als ein aufeinander bezogener Zusammenhang betrachtet werden. Nur so lassen sich die jeweils wesentlichen Eigenheiten auf ihren emanzipatorischen Gehalt hin abklopfen, das heißt auf die Tauglichkeit sowohl zur individuellen als auch kollektiven Befreiung des Menschen. Unvoreingenommenheit und die
Vermeidung von Scheuklappen gewährleisten erst, dass in der Rückschau nicht allzu viel Bedeutsames und Bewahrenswertes verloren geht“. (S. 393f.)

Jonathan Eibisch

Anmerkungen:


(1) Jonathan Eibisch: Rezension zu Simon Schaupp, Der kurze Frühling der Räterepublik, Münster 2017, in: GaiDao #88 (April 2018), verfügbar auf: https://issuu.com/fda-ifa/docs/gaidao_nr_88_web.

(2) Siehe z. B. Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, 7. Aufl., München 2004.

(4) Veranstaltungsreihe der RLS zum 90. Jahrestag der „Münchner Räterepublik“ 2009, verfügbar auf: https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Veranstaltungen/2008/90Jahre_Raeterevolution_08.pdf
und: Veranstaltungsreihe „Revolutions-Werkstatt“ der RLS zum 100. Jahrestag 2018/2019; verfügbar auf: http://revolution-baiern.de/

(5) https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/geschichte/muenchner-raeterepublik-sozialistisch-dichter-100.html


(6) Michael Appel: Die letzte Nacht der Monarchie. Wie Revolution und Räterepublik in München Adolf Hitler hervorbrachten, München 2018