Die Kommune von Kronstadt (Radio-Interview)

Lesedauer: < 1 Minute

„Kronstadt ist der point of no return der russischen Revolution. Danach war die Sache praktisch gelaufen.“ So fasst Klaus Gietinger in seinem Buch „Die Kommune von Kronstadt“ (Buchmacherei) die Ereignisse zusammen, die sich von Ende Februar bis zum 18. März 1921 in Kronstadt zutrugen. Die Matrosen, die sich als Vorkämpfer der Revolution verstanden, wollten nicht die alleinige Parteienherrschaft der Bolschewiki akzeptieren. Diese schlugen den Aufstand militärisch nieder. Ein Gespräch über die Ereignisse vor 100 Jahren. Zum Buch: https://diebuchmacherei.de/produkt/die-kommune-von-kronstadt/

Ein hörenswertes Interview anlässlich des 100. jährigen Jubiläums bei Radio Corax.

Grundlagen: Leben ohne Chef und Staat

Lesedauer: 5 Minuten

Wie so viele hatte mich vor Jahren Horst Stowassers Leben ohne Chef und Staat. Träume und Wirklichkeit der Anarchisten sehr inspiriert. Das 1986 im Eichborn-Verlag erschienene Buch beinhaltet sieben Auszüge aus der der anarchistischen Praxis. Von der Machno-Bewegung, dem Attentäter Simón Radowitzky in Argentien, dem Pöbel-Agitator Johann Most, südamerikanischen anarchistischen Kommunen, spanischen Enteignern um Buenaventura Durruti, Arbeitskämpfen der Bergarbeiter in Düsseldorf 1920 bis hin zum zeitgenössischen Anarchismus in Mexiko, zeichnet Stowasser verschiedene Beispiele der anarchistischen Wirklichkeit nach. Und dies tut er auf eine lebendige Weise, indem er jeweils zunächst eine „Story“ (beziehungsweise „Anekdoten“) präsentiert, auf den historischen Kontext eingeht und dann – etwas altbacken – eine „Moral“ aus der jeweiligen Geschichte ableitet. Auch wenn er mit dem Buch explizit keinem wissenschaftlichen Anspruch genügen will, verweist Stowasser dazu auf zahlreiche Quellen, die er bis zu Letzt im von ihm gegründeten „Anarchiv“ in Wetzlar sammelte. Wie kaum ein anderer trug Stowasser in den von den 70er bis zu den 2000er Jahren zur Pflege und Weiterentwicklung des anarchistischen Erbes bei und inspirierte damit zahlreiche Menschen. So wurde auch sein Buch Freiheit pur. Die Idee der Anarchie, Geschichte und Zukunft (1995) zu einem wichtigen Grundlagenwerk des Anarchismus im deutschsprachigen Raum (2007 neu herausgegeben unter dem Titel Anarchie! – Idee, Geschichte, Perspektiven [kostenloser Download hier]).

Stowasser war auch als Mitentwickler des sogenannten „Projektanarchismus“ bekannt mit dem er „Wege aus dem Szene-Ghetto“ finden wollte. Er versuchte bis zu seinem Lebensende in der Kommune WEPSE in Neustadt an der Weinstraße seine Vorstellungen umzusetzen, um deutlich zu machen, dass Anarchie eine äußerst praktische Angelegenheit ist.

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Anarchistische Parteinahmen

Lesedauer: 26 Minuten

Der folgende Beitrag von Ralf G. Landmesser wurde mir zugespielt. Anarchistische Parteien – oder „anarchistische Parteien“. Ich habe darüber nachgedacht. Denn es ist ja wichtig, immer wieder mal neu nachzudenken. So konnte ich neu feststellen, dass das mein Ding ist. Wenn eine Anarchistin PolitikPolitik machen will, soll sie sich auf Basisebene bei der Linkspartei einbringen, wo diese was taugt. Wenn ein Anarchist paeteimäßige Anti-Politik machen will, soll er zu DER PARTEI gehen. Mich aber interessiert das nicht. Mich interessieren autonome, selbstorganisierte, emanzipatorische Bewegungen, die Druck auf „die Politik“ ausüben, vor allem aber selbst was anderes verwirklichen. Wie auch immer, als Diskussionsgrundlage taugt die Abhandlung und von historischem Interesse ist sie allemal.

Gespiegelt von bergpartei, die überpartei

anarchistische parteinahmen

 – Zur Geschichte und Perspektive anarchistischer Parteien –
ein A-Laden Experience [ALEx]-Impulsvortrag zur Diskussion von R@lf G. Landmesser 2016 im Baiz, mit Ergänzungen von das beni

Einleitung

„Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten.“

Das kann mensch mit einiger Berechtigung so sehen. Einzufügen wäre: „etwas GRUNDSÄTZLICHES ändern würden“. Kleine Verändrungen – sogar welche mit großen Auswirkungen, die nicht an den Grundfesten des NeoLiberalen Kapitalsystems rütteln, werden im Gegenteil als frische Modernisierungstendenzen gern gesehen und garantieren die notwendige gesellschaftliche Zustimmung. Aber so wahr dieser Spruch ist, so wahr ist auch, dass unsere Lebens- und Alltagserfahrung zeigt, dass Wahlen sehr wohl etwas an eingefahrenen Strukturen und anscheinend fest betonierten Machtverhältnissen etwas ändern können, ja geradezu umstürzlerisch wirken können. Wie weit diese umstürzlerische Wirkung letztendlich von den globalen Mächten toleriert wird und wie lange, steht auf einem anderen Blatt. Immerhin können die Verhältnisse ganz schön in Bewegung geraten und Bewegungen gebären. Dass Wahlen nichts verändern, ist so richtig wie falsch

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100. Todestag von Peter Kropotkin

Lesedauer: < 1 Minute

Peter Kropotkin war einer der einflussreichsten anarchistischen Denker*innen seiner Zeit. Bis heute gilt er als Theoretiker des anarchistischen Kommunismus. Mit seinem wissenschaftlichen Ansatz vertrat er die Auffassung, dass eine anarchistisch-kommunistische Gesellschaft eine realistische Option darstellt und es vor allem der Bewusstseinsbildung und Organisierung der verschiedenen unterdrückten Gruppen und Klassen bedarf, um in die soziale Revolution einzutreten. Bewegend ist auch die Lebensgeschichte des „anarchistischen Fürsten“, welcher als Kind Page des Zaren war, also aus dem russischen Hochadel stammte, diese Position jedoch restlos aufgegeben hatte, um sich der Wissenschaft zu widmen und seine Fähigkeiten der anarchistischen Bewegung zur Verfügung zu stellen. Schriften wie Die Eroberung des Brotes, Worte eines Rebellen, Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt und seine unvollendete Ethik zeugen von der unermüdlichen Grundlagenarbeit, der er nachging, um dem Kampf für Anarchie vom schönen Traum auf den Boden der Tatsachen zu holen. Im hohen Alter ging er in das revolutionäre Russland, wo er ungeheuere Popularität genoss. Zu seiner Beerdigung wurden hunderte von den bolschewistischen Reaktionären inhaftierte Anarchist*innen noch einmal freigelassen und folgten dem Trauermarsch durch Moskau, an welchem mehrere 10000 Menschen teilgenommen haben sollen. Dies wird im historischen Video festgehalten.

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Material: Anarchismus – Sozialismus?

Lesedauer: 3 Minuten

Mit diesem Schema wird deutlich, dass ich den Anarchismus als Hauptströmung des Sozialismus ansehe. Die leite ich einerseits aus der Ideengeschichte ab und andererseits aus der ethischen Wertebasis, die meiner Ansicht nach alle „echten“ Sozialist*innen teilen. Beispielsweise haben sich die anarchistischen in zahlrecihen Debatten und Streits innerhalb des sozialistischen Lagers entwickelt. Als sich der Anarchismus als eigenständige Strömung formierte, geschah dies, um die als ursprünglich angenommenen Organisationsvorstellungen (z.B. den Föderalismus, die Dezentralität) und die Grundanliegen (z.B. der Anti-Nationalismus, Selbstorganisation von unten) entgegen dem hierarchischen Prinzip von sozialistischen Parteien und ihrer Integration in die bestehende politische Ordnung zu verteidigen. John Holloway macht diese Unterscheidungen der Hauptströmungen des Sozialismus in Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen auf und ebenso Erik Olin Wright in Reale Utopien.

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Erinnerung: Hausbesetzung vor 7 Jahren

Lesedauer: < 1 Minute

Gestern vor 7 Jahren besetzten einige Leute die Neugasse 17 in Jena. Das scheint ewig her zu sein und wer sich daran noch erinnert, weiß ich nicht. Allerdings weiß ich, dass diese Aktion einige Menschen sehr geprägt und verschiedene Prozesse in Gang gesetzt hat, die sonst so nicht angelaufen wären. Solche selbstbestimmten rebellischen Akte, mit denen konkrete Utopien verwirklicht werden sollen, verändern die Beteiligten auch nachhaltig und lässt sich daran wachsen. In jedem Fall kam so auch etwas Wirbel in die Kleinstadt. Eben mal etwas anderes, als bei einer Demo mitzulatschen. Die Frage der Raum-Aneignung ist selbstverständlich auch nach wie vor aktuell, weswegen Hausbesetzungen keine Aktionsform sind, die per se aus der Mode gekommen sind. Auch dies ist einer der Gründe, das Bewusstsein und die Skills von direkten Aktionen aufrecht zu erhalten, zu pflegen und weiter zu entwickeln.

Kleine Geschichte der Anarchie (Film)

Lesedauer: 4 Minuten

Weil ich davon ausgehe, dass die meisten Lesenden die Doku „Kein Gott, kein Herr! Eine kleine Geschichte der Anarchie“ bereits gesehen haben, hat die Verlinkung eher dokumentarischen Charakter. Tancrède Ramonet produzierte 2013 den Film, welcher dann 2017 glaube ich auch bei Arte in Deutschland lief. D.h. nicht die gesamt vierteilige Reihe, sondern lediglich die ersten beiden Teilen mit den Titeln „Lust an der Zerstörung (1840–1914)“ und „Erinnerung der Besiegten (1911–1945)“. Die beiden letzte Teile wurden dann trotz des Erfolgs der ersten nicht weiter finanziert, ohne, dass es dafür eine Begründung der öffentlich-rechtlichen Sender gegeben hätte. Allerdings kam mittlerweile über eine Crowdfunding-Kampange die Gelder zusammen.

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Material: Strömungen im Anarchismus

Lesedauer: 2 Minuten

Anarchismus ist in sich sehr plural. Von außen betrachtend wirkt er teilweise widerspüchlich. Ich denke, es gibt jedoch einen Zusammenhang insofern sich meiner Ansicht nach alle Anarchist*innen auf die Verwirklichung der Selbstbestimmung von Einzelnen, auf Autonomie als Organisationsprinzip und auf Theorien der Selbstorganisation beziehen.

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Bakunins negative Dialektik

Lesedauer: 18 Minuten

Originaltitel: Bakunin, die AfD, mein Vater und die sozialen Bewegungen – Eine Revitalisierung von Die Reaktion in Deutschland (1842)

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #108, Mai 2020

von: Jens Störfried

Einstieg in die sozial-revolutionäre Philosophie

Ein (proto-)anarchistischer Text, der mich vor Jahren begeistert hat, war Die Reaktion in Deutschland von Michael Bakunin. Der reißerische Titel allein war es wert, den mal wieder zu lesen… Und siehe da: Inzwischen verstehe ich das philosophische Gedankenkreisen noch etwas besser und finde es hochaktuell. In dieser Darstellung werde ich allerdings etwas abstrakt bleiben, um die Denkweise Bakunins nachzuempfinden und hoffe, sie dennoch etwas zugänglicher zu machen.

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Kommune der Faschisten

Lesedauer: 4 Minuten

Kersten Knipp: Die Kommune der Faschisten. Gabriele D’Annunzio, die Republik von Fiume und die Extreme des 20. Jahrhunderts

zuerst veröffentlicht auf: kritisch-lesen.de unter dem Titel „Kein faschistisches Paris“

Jonathan Eibisch

Wie in seiner zuvor erschienen zeitgeschichtlichen Studie „Im Taumel. 1918 – ein europäisches Schicksalsjahr“ gelingt es Kersten Knipp auf anschauliche Weise von der historisch-politischen Ausnahmeerscheinung, der zwischen 1919 und 1920 bestehenden Republik von Fiume, wie angekündigt, die Extreme des 20. Jahrhunderts zu beleuchten. In neun Kapiteln verknüpft Knipp die spannende Lebensgeschichte des exzentrischen Dichters Gabriele D’Annunzio, mit den Wirren der stark umkämpften forcierten Nationalstaatenbildung Italiens, dessen permanentes Legitimationsdefizit die Entstehung und schließlich den Aufstieg des historischen Faschismus begünstigte.

Im Stil einer literarischen Collage gelingt es Knipp dabei, der Leserin geschichtswissenschaftliche Studien und zahlreiche Zeitzeugnisse auf nachvollziehbare und kurzweilige Weise zu präsentieren. Dabei überrascht er mit einer Vielzahl an literarischen Einschüben, durch welche das Lebensgefühl der Jahrhundertwende, von der Dekadenz des Fin de Siècle bis zur – von den italienischen Nationalisten empfundenen – Kränkung eines „verstümmelten Siegs“ nach dem Ersten Weltkrieg, in die heutige Zeit gespiegelt wird. Immer wieder sucht Knipp aktuellere Bezugspunkte, indem er etwa die sexuellen, psychedelischen und musikalischen Exzesse der Aufständischen der kroatisch-italienischen Adriastadt – dem heutigen Rijeka – mit der Hippiebewegung der 1968er Jahre parallelisiert.

Insbesondere in seinem Schlusskapitel zum „demagogischen Erbe“, geht Knipp auf den heute vorhandenen Rechtspopulismus, die postdemokratische Ära Berlusconi und das von Beppe Grillo gegründete Movimento 5 Stelle ein. Der nationalistische, mit dem Futurismus sympathisierende, bekennende Kriegsbefürworter D’Annunzio ist zugleich ein selbstdarstellerischer und wankelmütiger Literat. Knipp stellt ihn als Vorläufer und Prototypen eines skrupellosen pseudo-faschistischen Anti-Politikers vor, der Gefühlsregungen über jede sachliche politische Überlegung und Abwägung stellt. Ausführlich zeichnet Knipp nach, wie der kühl berechnende Egozentriker die Schwingungen seiner Zeit gezielt aufnimmt, um in der kapitalistischen Massengesellschaft einen bis ins Extreme gesteigerten bürgerlichen Individualismus zu kultivieren, der sich zaghaft entwickelnden Demokratie mit Verachtung zu begegnen und im Technologiezeitalter hautnah bei der Etablierung des Flugzeugs mit zu fiebern – und bald darauf bei den ersten Formen des Luftkriegs.

Spannend liest sich die Gemengelage verschiedenster miteinander ringender politischer Strömungen und Weltanschauungen etwa von Syndikalismus, radikalem Sozialismus über das liberale Lager, den erzkonservativen Katholizismus bis hin zum Faschismus, welche das Setting abgeben, in welchem D’Annunzio und seine Zeitgenossen sich bewegen.

Mit dem Ausbleiben militärischer und internationaler politischer Erfolge, einer durch den Krieg traumatisierten Jugend, der Mobilisierung unterschiedlichster Mythen, der Instabilität des italienischen Regimes, wie auch den bahnbrechenden technologischen Neuerungen, erklärt Knipp die nationalistische Projektion, mit welcher eine Gruppe Freischärler die Kleinstadt Fiume in die italienische Nation eingliedern und annektieren wollten. Gabriele D’Annunzio sei derjenige, welcher diesen kollektiven Wahn kanalisiert, die Richtung weist und mit seiner Sprache der Illusion kurzzeitig zur Wirklichkeit verhilft. Dieses Vorhaben kann als Protest gegen die Realität internationaler Politik und der Machtverhältnisse in dieser verstanden werden, wie sie 1919 in Paris neu verhandelt worden waren. Nicht zu Letzt wird dabei um die Interpretation des Wilson’schen Diktums eines „Selbstbestimmungsrechtes der Völker“ gerungen. Mit deutlichen Tendenzen zum Faschismus, handelte es sich bei diesem seltenen Spektakel in Fiume dennoch um einen Vorläufer desselben, vermischt mit sozialistischen, anarchistischen, liberal-demokratischen, in jedem Fall: anti-katholischen Aspekten. So wird beispielsweise die Kaperung von Schiffen mit antiimperialistischen Argumenten gerechtfertigt, als die Versorgung des Freistaats schon in absehbar Zeit im Zusammenbruch begriffen ist.

Kritisch anzumerken ist dahingehend, dass Knipp das eigentliche Ende dieses Experiments gar nicht beleuchtet. Als schwierig erachtet werden muss, dass er Passagen in denen von ungezügelter Erotik die Rede ist, unreflektiert mit der Anwesenheit von Frauen gleichsetzt, welche in dieser Lesart jedoch lediglich als bloßes Beiwerk zum Handeln egozentrischer Männer degradiert werden. Wenngleich dies der Wahrnehmung der nationalistischen Protagonisten durchaus entspricht, wäre es an Knipp gewesen, diese Darstellung zu durchbrechen, anstatt sie (vermutlich ungewollt) zu reproduzieren. In Hinblick auf den Nationalismus und die Kriegstreiberei gelingt es ihm immerhin auch, dessen instrumentelle Einführung und bewusste Förderung darzustellen und zu problematisieren. So interessant die zeitgeschichtliche Darstellung insgesamt ist, scheint der Titel des Buches nur teilweise treffend gewählt: Um die Episode der Republik Fiume selbst geht es schließlich lediglich nur in einem Kapitel explizit und wie Knipp selbst darstellt handelt es sich bei ihr nicht um ein rein faschistische Angelegenheit.

Wenn die Absicht darin bestehen sollte, diese mit der Bedeutung der Pariser Kommune von 1871 für die sozialistische Bewegung zu analogisieren, hinkt der Vergleich meines Erachtens nach in mehrfacher Hinsicht. Immerhin wurde Paris nicht von aufständischen Elitetruppen besetzt, sondern tatsächlich von großen Teilen der Bevölkerung selbst verwaltet, wobei reguläre Nationalgardisten zu dieser überliefen. Zwar spielten beide Ereignisse in von Krieg bedingten Umbruchsituationen, doch ist die Kommune von Paris nicht als Protest gegen die sich verändernden internationalen Machtverhältnisse zu betrachten, sondern als einer gegen autoritäre und zentralisierte Staatlichkeit selbst. In diesem Sinne stellte die Pariser Kommune im Unterschied zu Fiume auch weder einen Verhandlungsgegenstand internationaler Politik dar, noch diente sie zur Stärkung der Nation. Im Gegenteil war sie vielmehr ein – im weiten Sinne sozialistisches – Aufbegehren gegen die erzwungene Nationalstaatlichkeit. Was die Bereiche der Kultur und Lebensgestaltung angeht, wurden in beiden – tendenziell autonomen – Verwaltungsgebilden Frauen zumindest formell gleichgestellt. Im Fall der Pariser Kommune kommt darin tatsächlich ein Vorbild für die Weiterentwicklung des Sozialismus zum Ausdruck. Die Republik Fiume war damit allerdings keines für den Faschismus, welcher bekanntlich ganz im Gegenteil jegliche emanzipatorische Errungenschaften abschaffte. Am ehesten waren – wie Knipp fortwährend betont – der Führerkult, die Manipulation der Masse, die Entfaltung teils hanebüchener Mythologien und die übertriebene Ästhetisierung des Politischen die Wegweiser für den späteren Faschismus und wurden von diesem offenbar auch direkt aufgegriffen.

Dennoch gelingt es dem Autoren überzeugend, gerade die Vermischung verschiedenster ideologischer, mythologischer, politischer Aspekte und Lebensstile in einer Phase der allgemeinen Verunsicherung, der Orientierungslosigkeit und des Umbruchs darzustellen. Der Wert des Buches liegt demnach nicht in der Entdeckung neuer geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern darin, dass er einen Teil italienischer Geschichte lebendig beschreibt und andeutet, welche Lehren aus ihr gezogen werden könnten.