Erinnerung: Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg 2017

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Das von Ludwig van Beethoven in seiner 9. Sinfonie vertonte Gedicht Friedrich Schillers, war wohl einer der Lieblingssongs Bakunins. Das alle Menschen Geschwister sein werden, gibt Anlass zur Freude und motiviert zum Kampf. Insofern handelt es sich bei ihrer Adaption als Hymne für die EU um eine Instrumentalisierung. Die „Ode an die Freude“ wurde dann auch beim Gipfel selbst in diesem Milliarden-Prestigeobjekt Elbphilharmonie aufgeführt – wenn ich mich recht entsinne gab es dabei auch einige Protest-bedingte Komplikationen. Die Gastgeberregierung wollte damit offenbar das deutsch-europäische Erfolgsmodell des staatlichen Kapitalismus musikalisch untermalen. Bakunin jedenfalls hätte seine helle Freude am Video, welches die Bild-Reporter hier produziert haben. Und zwar einerseits, weil er einer Straßenschlacht mit schwarz vermummten „Autonomen“ sicherlich nicht abgeneigt wäre, andererseits aber, weil er um die Lächerlichkeit dieser Inszenierung gewusst hätte.Was ihn angesprochen hätte, wäre die theatralische Zuspitzung gewesen: Dort die mächtigen, reichen Regierenden, abgeschottet durch Polizei und Militär, abgehoben von den Bedürfnissen und Forderungen der Bevölkerung, welche die ihnen auferlegten Spaltungen überwindet und sich in der Auseinandersetzung gegen die Herrschenden verbündet. Auf der einen Seite, die scheinbare Ruhe und Gelassenheit der von den Sicherheitsapparaten beschützten Regierungen, die in ihrem Kern jedoch an ihren eigenen Widersprüche erodiert, auf der anderen Seite die Protestbewegungen in ihrer ganzen Vielfalt, welche tatsächlich beanspruchen die herrschende Politik und ihr System anzugreifen und zu überwinden. Letzteres wird dann medial als Skandal hingestellt, wobei es tatsächlich weniger die mehr oder weniger militanten Praktiken sind, welche die Protestierenden potenziell) hervorbringen und die als Bürgerschreck dienen sollen, sondern vor allem ihr tief eingegrabener Ungehorsam.

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Einige Notizen zur Staatsherausforderung

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Heinz-Gerhard Haupt zeigt am Beispiel der anarchistischen Attentate die viel zu wenig annerkannte und diskutierte Tatsache, dass Emotionalität und Politik oftmals stark zusammenhängen.

Der emeritierte Professor Heinz-Gerhard Haupt gehört zu jenen, die die Zeichen erkannt haben und mit ihrer historischen Forschung auf ein hochgradig vorurteilsbehaftetes Kapitel der Geschichte zu werfen: Den anarchistischen Attentaten im späten 19. Jahrhundert, die bekanntlich zur Konstruktion des Mythos‘ von Anarchist*innen als besinnungslosen Bombenwerfern und blutrünstigen Mördern dienten. Dass derartige Schreckensbilder jedoch keineswegs allein eine Erscheinung an der Wende zu 20. Jahrhundert waren, sondern sich ihrer in den letzten Jahren immer wieder bedient wurde, verdeutlicht schon allein die Relevanz von Haupts Betrachtungen.

Ob in Russland oder Belarussland Anarchist*innen gefangen genommen oder gefoltert werden, ob die faschistische Türkei im Namen der „Terrorismusbekämpfung“ brutal gegen die kurdische Autonomiebewegung vorgeht, in den USA im Sinne neurechter Rhetorik aus Regierungskreisen ein Verbot „der Antifa“ gefordert wurde und wird oder bei der Berichtserstattung über Ausschreitungen am ersten Mai wieder einmal die „linksautonomen Gewalttäter*innen“ angeprangert werden – staatliche Repression und Innenpolitik braucht ihre fundamentalen Feind*innen, ob sich selbst legitimieren, erhalten und ausbauen zu können.

Waren die anarchistischen Attentate „terroristisch“?

Dass beim real existierenden Rechtsterrorismus dabei deutlich weniger hingeschaut wird, ist allseits bekannt und liegt leider auch im Wesen der Sache, denn dazu müsste den unbequemen Verstrickungen von Polizei, Geheimdiensten und Innenbehörden nachgegangen werden, was den demokratischen Staat in legitimatorische Schwierigkeiten brächte.

Denken wir an den „war on terror“, welcher den Auftakt des dritten Jahrtausends bildete und an das unerbittliche Sicherheitsparadigma, nach welchem demokratische Freiheiten und Bürger*innenrechte gerade in den westlichen Demokratien wie den USA, Frankreich und Grossbritannien massiv eingeschränkt und abgebaut wurden, um gegen den islamistischen Terrorismus vorzugehen, gelangen wir zu einer Quintessenz von Haupts historischer Studie: Der Terrorismus gewinnt bereits, wenn Staaten auf ihn mit der Terrorisierung politisch oppositioneller Bewegungen oder missliebiger, verdächtiger Bevölkerungsgruppen reagieren.

Haupt scheint die Welle anarchistischer Gewaltausübung im späten 19. Jahrhundert nicht im engeren Sinne als Terrorismus zu begreifen, wenngleich dies im Klappentext so formuliert wird. Ein Vergleich mit dem heute existierenden Rechtsterrorismus, aber auch mit dem terroristischen Islamismus kann deswegen nicht wirklich gezogen werden. Zu verschieden sind die jeweiligen ideologischen Weltbilder, die sozialen Lagen der Handelnden und die historisch-gesellschaftlichen Konstellationen. Was sich jedoch bedenken und beschreiben lässt – und worin der innovative Aspekte von Den Staat herausfordern besteht -, ist, das asymmetrische Verhältnis zwischen anarchistischen Kreisen und staatlicher Herrschaftsordnung.

Anspruch und Wirklichkeit von Mitteln und Zielen

Somit arbeitet Haupt detailliert heraus, was von vielen Denker*innen der politischen Theorie und Ideengeschichte, als auch Politiker*innen die mit widerständigen Bewegungen umgehen müssen, konsequent verdrängt und geleugnet wird: Dass politische Konstellationen, in denen Gewalt zum Einsatz kommt äusserst komplex und in einem dynamischen Wechselspiel verschiedener Akteur*innen zu betrachten sind. Es stellt sich rasch heraus, dass die tatsächlich von Anarchist*innen durchgeführten Attentate nur ein Bestandteil sind, in einer umfassenden Geschichte von politischer Verfolgung und Unterdrückung, medialen Darstellungen in Zeitungen, wechselnden Strategien der Regierungspolitik, aussenpolitischen Erwägungen und dem Anliegen der Bildung eines Nationalvolkes durch die Konstruktion der Feind*innen der bürgerlichen Nation und Klassengesellschaft.

Haupt stützt sich zu seiner Darstellung auf verschiedene wissenschaftliche Studien, die zum Thema bereits vorhanden sind, auf Literatur von Anarchist*innen und die Zeitungsberichte jener Epoche. Um den Gegenstand einzugrenzen zu können, fokussiert er sich dabei auf die Situationen in Deutschland, Frankreich und Italien. Diese drei Gesellschaften liegen nahe genug beieinander, um sie vergleichen zu können, weisen aber zugleich auch einige Unterschiede auf, sodass die jeweilige Konstellation, in welcher anarchistische Gewalttaten ausgeübt wurden, in variierenden Kontexten betrachtet werden können.

So waren beispielsweise Angriffe auf hohe Repräsentant*innen des Staates deutlich häufiger, als in Frankreich und in Deutschland. In Italien wurden Demonstrationen und Aufstände zu jener Zeit oftmals unter Einsatz des Militärs zerschlagen, während es im Kaiserreich bereits einen ausgebauten Polizeiapparat gegeben hatte, welcher sich im Übrigen auch schon des Spitzelwesens bediente. Spezifisch für Frankreich ist insbesondere die intensive Phase von Bombenanschlägen, nach 1890.

Die Stärke von Haupts Darstellung liegt in ihrer Sachlichkeit, ihrer Detail-Treue und der Einbeziehung explizit anarchistischer Quellen. Sein Urteil über die Welle der Attentate als Ausprägung der „Propaganda durch Taten“, erscheint dabei recht eindeutig und klar: Für die anarchistische Bewegung selbst brachten die Attentate wenig, sondern trugen massgeblich zu ihrer Ausgrenzung durch andere Sozialist*innen, vor allem aber zu ihrer Isolierung auch von proletarischen Milieus bei. Dies bedeutet nicht, dass der ausgeübte Klassenhass sich nicht bisweilen auch stärker verbreiteter Sympathie unter den Arbeiter*innen erfreute, als Sozialdemokraten oder Regierungsparteien lieb gewesen wäre.

Doch zur Vermittlung der anarchistischen Ziele und Konzepte in weitere Kreise der Bevölkerung trugen sie laut Haupt in der Regel ebenso wenig bei, wie zur Organisation der Ausgebeuteten. Vor allem untergruben des anarchistischen Attentate faktisch die emanzipatorischen Ziele der Anarchist*innen – ein Widerspruch, der vielen von ihnen bewusst war, aber mit der Hoffnung in Kauf genommen wurde, die bürgerliche Gesellschaft sei so dermassen marode, verdorben und verachtenswert, dass sie im Grunde genommen bald zusammenbrechen müsste.

Komplexität im Umgang mit Gewalt und Widersprüche des Polizeihandelns

An dieser Stelle wird die Darstellung wirklich interessant: Statt über die eine verfehlte Strategie zu echauffieren oder in die Litanei einer Fetischisierung von „Gewaltlosigkeit“ einzusteigen, sucht Haupt nach den Gründen, dieser Eskalation – die nicht zwangsläufig eine Konfrontation mit den herrschenden Klassen ist, sondern möglicherweise eher ein Substitut für sie darstellt. Im zweiten Hauptkapitel widmet er sich daher der „Prävention und Repression“ um aufzuzeigen, wie die Sicherheitspolitik des modernen Staates erst entwickelt werden musste.

Die anarchistischen Umtriebe – und ihre Attentate dabei vermutlich nur an der Spitze – dienten als Anlass und Gegenstand der Verfeinerung von Herrschaftstechniken unter modernisierten Bedingungen. Regierungspolitik fand sich dabei im Verbund mit Polizei und Justiz im permanenten Widerspruch, einerseits hart und konsequent gegen Angriffe auf den bürgerlich-kapitalistischen Staat umzugehen, dabei jedoch andererseits die Freiheiten und Rechte seiner Bürger*innen nicht zu stark zu untergraben und einzuschränken – und somit den revolutionären Strömungen damit in die Hände zu spielen.

In manchen Zeitungen und liberalen politischen Kreisen und Parteien wurde dabei durchaus die Vorgehensweise beispielsweise des Preussischen Obrigkeitsstaates kritisiert. In Frankreich gab es phasenweise eine regelrechte Faszination der Journalist*innen für Bombenanschläge, sodass sie ganze Drohbriefe im Original abdruckten. In Italien wurden Anschläge auf den König Umberto I. keineswegs so konsequent verfolgt und skandalisiert, wie man erwarten könnte – weil dessen relative Unbeliebtheit dem politische Ziel der nationalen Vereinigung für einige Politiker*innen ein Hindernis darstellte.

Ähnlich sah es beispielsweise auch mit der Praktik der Infiltration aus: Als bekannt wurde, dass verschiedene Anschläge unter dem Wissen oder der Beteiligung von Polizeispitzeln durchgeführt wurden, scheint vielen Leuten bewusst geworden zu sein, dass die Erzählung von den Bomben legenden Anarchist*innen offenbar so einfach nicht ist. Vor allem jedoch schien das Versprechen der Regierungen, mit dem Ausbau der Polizei tatsächlich für die Sicherheit ihrer Bürger*innen zu sorgen, damit zumindest teilweise in Frage gestellt zu werden.

Der Zusammenhang von (hergestellter) Emotionalität und politischer Agenda

Eine weitere Besonderheit von Haupts Buch findet sich in den Ausführungen des dritten Kapitels, in welcher er „staatliche Sicherheitspolitik und Emotionen-Management“ betrachtet. Darin stellt sich gewissermassen heraus, dass der Diskurs über Anschläge und Attentate im Grunde genommen viel bedeutender und wirkmächtiger ist, als diese selbst – zumindest gesamtgesellschaftlich betrachtet und wenn man in diesem Zusammenhang von den Opfern auf den verschiedenen Seiten absieht. Mit Emotionen wurde also schon Ende des 19. Jahrhunderts Politik gemacht.

Heinz-Gerhard Haupt: Den Staat herausfordern. Attentate in Europa im späten 19. Jahrhundert.Tatsächlich geht sie mit der technischen Umsetzbarkeit der Massenkommunikation einher: Mit der Entstehung von Tageszeitungen. Und mit der Etablierung anarchistischer Publikationen, die zwar vermutlich in bestimmten Kreisen enorm wichtig waren, jedoch meistens nur eine geringe Auflage hatten und nur in wenigen Fällen kontinuierlich über einen längeren Zeitraum erscheinen konnten. Ob bei Demonstrationen und Kundgebungen, vor rauchenden Gebäudetrümmern, bei turbulenten Gerichtsprozessen, in erhitzten Kneipengesprächen und donnernden Moralpredigten – Stimmungen werden eingefangen und verknüpft mit ihre jeweiligen Inhalten festgehalten und medial vermittelt. Damit erzeugt die eingefangene Stimmung und ihre Darstellung wiederum bestimmte Emotionalität. Und mit dieser versuchen die verschiedenen Akteur*innen Politik zu machen.

Dass Emotionalität und Politik zusammenhängen, ist eine Tatsache, die leider selten anerkannt und diskutiert wird. Gerade dies tut Heinz-Gerhard Haupt am Beispiel der anarchistischen Attentate. Regierungskommunikation und bürgerliche Zeitungen bestialisierten die Gewalttäter, anstatt ihre Taten begreifen zu wollen. Sie nutzten die gewaltsamen Widerstandsakte, um sozialistische Bewegungen insgesamt zu delegitimieren, auszugrenzen und zu kriminalisieren. Die Ziele mancher Anarchist*innen, unter der Bevölkerung Schrecken zu verbreiten, Rache zu üben und zum aktiven Widerstand anzustacheln, fielen damit zumindest phasenweise paradoxerweise mit einer Regierungsagenda zusammen, dass genau diese verbreiteten Gefühle des drohenden Chaos und der blindwütigen Zerstörungswut, aufgriff, um die Repression oppositioneller politischer Strömungen und die Sicherheitspolitik auszuweiten und zu verschärfen.

Abschliessend ist die Studie auch deswegen wertvoll, weil sich Haupt mit ihr an einer bestimmten historischen Phase abarbeitet und darin eine spezifische gesellschaftliche Konstellation beleuchtet. Denn dadurch kann festgehalten werden: Attentaten entsprechen weder dem Wesen anarchistischer Ideologie an sich, noch stellen sie deren logische Konsequenz dar. Armut, Unterdrückung und brutale staatliche Repression sozialer Bewegungen lassen Gewalttaten aus ihrem Umfeld verständlich erscheinen.

Sie stellen jedoch ein schlechtes Mittel in einer Situation der Defensive und Isolation dar, welches überdies die eigene Zielsetzung untergraben muss. Darin unterscheiden sich Anarchist*innen von Faschist*innen und Islamist*innen grundlegend. Denn für die Letzteren ist die Gewaltanwendung präfigurativ: Sie verweist auf die totalitäre Gesellschaftsform, welche nur mit Gewalt aufrecht erhalten werden kann.

Heinz-Gerhard Haupt: Den Staat herausfordern. Attentate in Europa im späten 19. Jahrhundert.

Die Kommune von Kronstadt (Radio-Interview)

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„Kronstadt ist der point of no return der russischen Revolution. Danach war die Sache praktisch gelaufen.“ So fasst Klaus Gietinger in seinem Buch „Die Kommune von Kronstadt“ (Buchmacherei) die Ereignisse zusammen, die sich von Ende Februar bis zum 18. März 1921 in Kronstadt zutrugen. Die Matrosen, die sich als Vorkämpfer der Revolution verstanden, wollten nicht die alleinige Parteienherrschaft der Bolschewiki akzeptieren. Diese schlugen den Aufstand militärisch nieder. Ein Gespräch über die Ereignisse vor 100 Jahren. Zum Buch: https://diebuchmacherei.de/produkt/die-kommune-von-kronstadt/

Ein hörenswertes Interview anlässlich des 100. jährigen Jubiläums bei Radio Corax.

Grundlagen: Leben ohne Chef und Staat

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Wie so viele hatte mich vor Jahren Horst Stowassers Leben ohne Chef und Staat. Träume und Wirklichkeit der Anarchisten sehr inspiriert. Das 1986 im Eichborn-Verlag erschienene Buch beinhaltet sieben Auszüge aus der der anarchistischen Praxis. Von der Machno-Bewegung, dem Attentäter Simón Radowitzky in Argentien, dem Pöbel-Agitator Johann Most, südamerikanischen anarchistischen Kommunen, spanischen Enteignern um Buenaventura Durruti, Arbeitskämpfen der Bergarbeiter in Düsseldorf 1920 bis hin zum zeitgenössischen Anarchismus in Mexiko, zeichnet Stowasser verschiedene Beispiele der anarchistischen Wirklichkeit nach. Und dies tut er auf eine lebendige Weise, indem er jeweils zunächst eine „Story“ (beziehungsweise „Anekdoten“) präsentiert, auf den historischen Kontext eingeht und dann – etwas altbacken – eine „Moral“ aus der jeweiligen Geschichte ableitet. Auch wenn er mit dem Buch explizit keinem wissenschaftlichen Anspruch genügen will, verweist Stowasser dazu auf zahlreiche Quellen, die er bis zu Letzt im von ihm gegründeten „Anarchiv“ in Wetzlar sammelte. Wie kaum ein anderer trug Stowasser in den von den 70er bis zu den 2000er Jahren zur Pflege und Weiterentwicklung des anarchistischen Erbes bei und inspirierte damit zahlreiche Menschen. So wurde auch sein Buch Freiheit pur. Die Idee der Anarchie, Geschichte und Zukunft (1995) zu einem wichtigen Grundlagenwerk des Anarchismus im deutschsprachigen Raum (2007 neu herausgegeben unter dem Titel Anarchie! – Idee, Geschichte, Perspektiven [kostenloser Download hier]).

Stowasser war auch als Mitentwickler des sogenannten „Projektanarchismus“ bekannt mit dem er „Wege aus dem Szene-Ghetto“ finden wollte. Er versuchte bis zu seinem Lebensende in der Kommune WEPSE in Neustadt an der Weinstraße seine Vorstellungen umzusetzen, um deutlich zu machen, dass Anarchie eine äußerst praktische Angelegenheit ist.

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Anarchistische Parteinahmen

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Der folgende Beitrag von Ralf G. Landmesser wurde mir zugespielt. Anarchistische Parteien – oder „anarchistische Parteien“. Ich habe darüber nachgedacht. Denn es ist ja wichtig, immer wieder mal neu nachzudenken. So konnte ich neu feststellen, dass das mein Ding ist. Wenn eine Anarchistin PolitikPolitik machen will, soll sie sich auf Basisebene bei der Linkspartei einbringen, wo diese was taugt. Wenn ein Anarchist paeteimäßige Anti-Politik machen will, soll er zu DER PARTEI gehen. Mich aber interessiert das nicht. Mich interessieren autonome, selbstorganisierte, emanzipatorische Bewegungen, die Druck auf „die Politik“ ausüben, vor allem aber selbst was anderes verwirklichen. Wie auch immer, als Diskussionsgrundlage taugt die Abhandlung und von historischem Interesse ist sie allemal.

Gespiegelt von bergpartei, die überpartei

anarchistische parteinahmen

 – Zur Geschichte und Perspektive anarchistischer Parteien –
ein A-Laden Experience [ALEx]-Impulsvortrag zur Diskussion von R@lf G. Landmesser 2016 im Baiz, mit Ergänzungen von das beni

Einleitung

„Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten.“

Das kann mensch mit einiger Berechtigung so sehen. Einzufügen wäre: „etwas GRUNDSÄTZLICHES ändern würden“. Kleine Verändrungen – sogar welche mit großen Auswirkungen, die nicht an den Grundfesten des NeoLiberalen Kapitalsystems rütteln, werden im Gegenteil als frische Modernisierungstendenzen gern gesehen und garantieren die notwendige gesellschaftliche Zustimmung. Aber so wahr dieser Spruch ist, so wahr ist auch, dass unsere Lebens- und Alltagserfahrung zeigt, dass Wahlen sehr wohl etwas an eingefahrenen Strukturen und anscheinend fest betonierten Machtverhältnissen etwas ändern können, ja geradezu umstürzlerisch wirken können. Wie weit diese umstürzlerische Wirkung letztendlich von den globalen Mächten toleriert wird und wie lange, steht auf einem anderen Blatt. Immerhin können die Verhältnisse ganz schön in Bewegung geraten und Bewegungen gebären. Dass Wahlen nichts verändern, ist so richtig wie falsch

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100. Todestag von Peter Kropotkin

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Peter Kropotkin war einer der einflussreichsten anarchistischen Denker*innen seiner Zeit. Bis heute gilt er als Theoretiker des anarchistischen Kommunismus. Mit seinem wissenschaftlichen Ansatz vertrat er die Auffassung, dass eine anarchistisch-kommunistische Gesellschaft eine realistische Option darstellt und es vor allem der Bewusstseinsbildung und Organisierung der verschiedenen unterdrückten Gruppen und Klassen bedarf, um in die soziale Revolution einzutreten. Bewegend ist auch die Lebensgeschichte des „anarchistischen Fürsten“, welcher als Kind Page des Zaren war, also aus dem russischen Hochadel stammte, diese Position jedoch restlos aufgegeben hatte, um sich der Wissenschaft zu widmen und seine Fähigkeiten der anarchistischen Bewegung zur Verfügung zu stellen. Schriften wie Die Eroberung des Brotes, Worte eines Rebellen, Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt und seine unvollendete Ethik zeugen von der unermüdlichen Grundlagenarbeit, der er nachging, um dem Kampf für Anarchie vom schönen Traum auf den Boden der Tatsachen zu holen. Im hohen Alter ging er in das revolutionäre Russland, wo er ungeheuere Popularität genoss. Zu seiner Beerdigung wurden hunderte von den bolschewistischen Reaktionären inhaftierte Anarchist*innen noch einmal freigelassen und folgten dem Trauermarsch durch Moskau, an welchem mehrere 10000 Menschen teilgenommen haben sollen. Dies wird im historischen Video festgehalten.

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Material: Anarchismus – Sozialismus?

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Mit diesem Schema wird deutlich, dass ich den Anarchismus als Hauptströmung des Sozialismus ansehe. Die leite ich einerseits aus der Ideengeschichte ab und andererseits aus der ethischen Wertebasis, die meiner Ansicht nach alle „echten“ Sozialist*innen teilen. Beispielsweise haben sich die anarchistischen in zahlrecihen Debatten und Streits innerhalb des sozialistischen Lagers entwickelt. Als sich der Anarchismus als eigenständige Strömung formierte, geschah dies, um die als ursprünglich angenommenen Organisationsvorstellungen (z.B. den Föderalismus, die Dezentralität) und die Grundanliegen (z.B. der Anti-Nationalismus, Selbstorganisation von unten) entgegen dem hierarchischen Prinzip von sozialistischen Parteien und ihrer Integration in die bestehende politische Ordnung zu verteidigen. John Holloway macht diese Unterscheidungen der Hauptströmungen des Sozialismus in Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen auf und ebenso Erik Olin Wright in Reale Utopien.

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Erinnerung: Hausbesetzung vor 7 Jahren

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Gestern vor 7 Jahren besetzten einige Leute die Neugasse 17 in Jena. Das scheint ewig her zu sein und wer sich daran noch erinnert, weiß ich nicht. Allerdings weiß ich, dass diese Aktion einige Menschen sehr geprägt und verschiedene Prozesse in Gang gesetzt hat, die sonst so nicht angelaufen wären. Solche selbstbestimmten rebellischen Akte, mit denen konkrete Utopien verwirklicht werden sollen, verändern die Beteiligten auch nachhaltig und lässt sich daran wachsen. In jedem Fall kam so auch etwas Wirbel in die Kleinstadt. Eben mal etwas anderes, als bei einer Demo mitzulatschen. Die Frage der Raum-Aneignung ist selbstverständlich auch nach wie vor aktuell, weswegen Hausbesetzungen keine Aktionsform sind, die per se aus der Mode gekommen sind. Auch dies ist einer der Gründe, das Bewusstsein und die Skills von direkten Aktionen aufrecht zu erhalten, zu pflegen und weiter zu entwickeln.

Kleine Geschichte der Anarchie (Film)

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Weil ich davon ausgehe, dass die meisten Lesenden die Doku „Kein Gott, kein Herr! Eine kleine Geschichte der Anarchie“ bereits gesehen haben, hat die Verlinkung eher dokumentarischen Charakter. Tancrède Ramonet produzierte 2013 den Film, welcher dann 2017 glaube ich auch bei Arte in Deutschland lief. D.h. nicht die gesamt vierteilige Reihe, sondern lediglich die ersten beiden Teilen mit den Titeln „Lust an der Zerstörung (1840–1914)“ und „Erinnerung der Besiegten (1911–1945)“. Die beiden letzte Teile wurden dann trotz des Erfolgs der ersten nicht weiter finanziert, ohne, dass es dafür eine Begründung der öffentlich-rechtlichen Sender gegeben hätte. Allerdings kam mittlerweile über eine Crowdfunding-Kampange die Gelder zusammen.

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