Zum kommunitaristischen Anarchismus

Lesedauer: 38 Minuten

Ausführliche Zusammenfassung und Besprechung von:

John P. Clark: The Impossible Community. Realizing Communitarian Anarchism, New York/London 2013

Jonathan Eibisch

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Einstieg

So marginal der Anarchismus als soziale Bewegung heute wie eh und je ist – auch wenn er weite Spektren der gesellschaftlichen Linken in ihren Organisationsformen und Diskursen beeinflusst und inspiriert – kann doch festgestellt werden, dass er gelegentlich fundierte Werke hervorbringt. In John Clarks Buch wird anarchistische Theorie, auf eine so tiefgründige, informierte und auf soziale Bewegungen bezogene Weise formuliert, dass sie als Standardwerk gelten sollte. In The Impossible Community wird deutlich: Hier hat jemand gearbeitet, sich auseinandergesetzt und Gedanken entwickelt, statt lediglich Gemeinplätze zu formulieren, Dogmen zu wiederholen oder sich auf kleine Beispiele zu beschränken.

Wie der Titel schon verrät stellt sich Clark in die Tradition eines „kommunitären Anarchismus“, wie ihn beispielsweise Gustav Landauer vorschlug. In der politisch-theoretischen Debatte könnte diese Strömung – im Unterschied zu liberalen Ansätzen, wie archetypisch jenem von John Rawls1 – auch als „kommunitaristischer Anarchismus“ oder „libertären Kommunitarismus“ (S. 1) durchgehen. In seiner Bezugnahme auf Gemeinschaften ist er jedoch, von konservativen2, multikulturalistisch-sozialdemokratischen3 und republikanischen radikal-demokratischen4 Ansätzen abzugrenzen. Das Wertvolle bei Clark ist in diesem Zusammenhang, dass er sich gar nicht groß mit den sich im Kreis drehenden Diskussionen der Mainstream-Politikwissenschaften aufhält. Statt dort krampfhaft anknüpfen zu wollen, gelingt es ihm vielmehr – von Murray Bookchin geprägt und mit vielen anderen Anarchist*innen verbunden – eine eigenständige anarchistische Theorie zu entwickeln, die einen Unterschied macht und trotzdem äußerst fundiert ist.

Aus diesem Grund lohnt sich die Lektüre meiner Ansicht nach unbedingt und ich schreibe darüber, in der Hoffnung, jemand möge es auch übersetzen. Im Folgenden werde ich den Inhalt anhand der zehn im Band zusammengefassten Aufsätze, knapp darstellen, um einen Eindruck zu ermöglichen:

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Die Kunst freiwillig gemeinsam zu sein

Lesedauer: 2 Minuten

Originaltitel: Die Kunst, freiwillig gemeinsam zu sein.

Das Spannungsfeld zwischen Kollektivität und Individualität als Indiz für eine grundlegend paradoxe Form anarchistischen Denkens

Jonathan Eibisch

veröffentlicht in: Marcus Hawel et. al., WORK IN PROGRESS. WORK ON PROGRESS. Doktorand*innen-Jahrbuch 2019 der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Hamburg: VSA, 2019, S. 54-70.

verfügbar open source beim RLS-Studienwerk

aus der Einleitung:

Bereits der Titel dieses Beitrages verrät, dass ich mich im Folgenden – wie auch in meiner Dissertationsschrift insgesamt – auf einer metatheoretischen Ebene bewege, die gleichwohl das sehr konkrete Interesse einer als notwendig erachteten Erneuerung anarchistischer Theorie verfolgt. Die Ausgangsbeobachtung dafür liegt in der auffälligen Vielfalt und Heterogenität innerhalb der anarchistischen Tradition und Denkweise, der Pluralität ihrer Strömungen, wie auch den teilweise widersprüchlich er-scheinenden theoretischen Grundlagen des Anarchismus. Insbesondere in Hinblick auf die verschiedenen individual-anarchistischen und kollektivistischen Stränge im Anarchismus wird überdeutlich, dass dieser in der sozialen Realität von inhärenten Spannungen durchzogen ist, welche sich auf theoretischer Ebene widerspiegeln und manifestieren. Als gemeinsamer Nenner aller Anarchist*innen – von hochgradig kollektivistischen Plattformist*innen bis hin zu extrem individualistischen Egoist*innen – kann in diesem Zusammenhang lediglich die Zielvorstellung gelten, alle Menschen als Individuen zu befreien und die Bedingungen zu schaffen, damit diese jeweils ihre Individualität verwirklichen können. Wird von einer, wenn auch fluiden, Kohärenz anarchistischer Traditionen ausgegangen,1 die zumindest dazu führt, dass sich Anarchist*innen unterschiedlichster Couleur aufeinander beziehen, liegt die Annahme auf der Hand, dass zwischen Individualismus und Kollektivismus innerhalb des Anarchismus ein grundlegendes Spannungsfeld liegt.Daraus ergeben sich die Fragen, wie verschiedene anarchistische Denker*innen mit diesem offensichtlich ungelösten Paradox umgehen und worin sie seine Ursache sehen. Doch bevor ich mich auf die Suche nach Antworten begebe, erscheint mir die Legitimität einer Betrachtung von anarchistischen Paradoxien und Spannungsfeldern, in einem maßgeblich vom Denken der europäischen Moderne geprägten Kontext, erklärungsbedürftig.

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