Gai Dao #111 erschienen

Lesedauer: < 1 Minute

Die neue Ausgabe der Gai Dao ist erschienen und mit ihr ein offener Brief an Die Plattform. Anarchakommunistische Organisation mit dem Titel Alles nur geklaut? zu finden unter „Texte“.

Darüber hinaus gibt es spannende Beiträge zur Rolle von Anarchist*innen in den Protesten in Belarussland, zu Gerechtigkeit jenseits von Polizei, Justiz und Gefängnis? oder einem schwulenfeindlichen Mord in Ulm 1990.

Gai Dao-Sondernausgabe „Pandemischer Ausnahmezustand“

Lesedauer: 3 Minuten

Schon vor einer Weile erschien die Sonderausgabe der Gai Dao zum „Pandemischen Ausnahmezustand. Statt dies weiter zu kommentieren, spiegele ich unten einfach den Einleitungstext. Downgeloaded werden kann sie hier.

Übrigens haben gewisse Leute, die sich selbst als „Insurrektionalist*innen“ bezeichnen, ein Fakesimile dieser Gai Dao-Sonderausgabe erstellt. Vermutlich, um den Austausch über verschiedene Positionen und Stile anzuregen. So inspirierend manche Gedankengänge aus diesem Spektrum immer wieder sind, beruhen sie jedoch meiner Ansicht nach weitgehend auf problematischen Grundannahmen. Die Autor*innen wissen dies natürlich und so bleibt ihnen zur Rechtfertigung ihrer Positionen lediglich der Verweis auf die vermeintliche „Gesamtscheiße“ und die romantische Verklärung von liberaler Freiheit und des bürgerlichen Individuums. Weil sie es nicht aushalten, mit ihren eigenen Widersprüchen umzugehen und weil ihnen eigentlich kaum wer zuhört, bauen sie sich im konstruktiven Anarchismus einen Strohmann auf, den sie vollpöbeln können. Die Abwertung anderer um die eigene Kränkung zu überwinden, die reflexhafte Abwehr von Kritik und die Ausflucht in die idealistische Traumwelt eines post-zivilisatorischen „puren“ Lebens, lässt sich mustergültig als unbearbeiteter Narzissmus interpretieren. Er birgt die Gefahr, ins Autoritäre umzukippen. Doch wird er mit der individualistischen Leistungs- und Selbstdarstellungsgesellschaft untergehen, die ihn hervorgebracht hat. In dieser Hinsicht erscheint die reine Negation durchaus als erstrebenswert. Wie auch immer, wen das interessiert, findet es hier.

„Gai Dao-Sondernausgabe „Pandemischer Ausnahmezustand““ weiterlesen

Erich Mühsams Beitrag für eine anarchistische Synthese

Lesedauer: 18 Minuten

Originaltitel: Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat – Erich Mühsams Beitrag für eine anarchistische Synthese

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #109, Juli 2020

Mit seinem Traktat Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat. Was ist kommunistischer Anarchismus? schrieb Erich Mühsam eine lesenswerte Schrift, die weite Verbreitung gefunden hat. Der Literat, Aktivist und Lebenskünstler verfasste sie im Jahr 1932, das heißt zwei Jahre vor seiner Ermordung durch die Nazis im KZ Oranienburg am 10. Juli 1934. In diesem Beitrag ordne ich den Text historisch ein, stelle dar, warum sein Autor damit einen Beitrag zum synthetischen Anarchismus formuliert und kritisiere einige Annahmen, um ihren Gehalt weiterzuentwickeln.

von Jens Störfried

„Erich Mühsams Beitrag für eine anarchistische Synthese“ weiterlesen

Bakunins negative Dialektik

Lesedauer: 18 Minuten

Originaltitel: Bakunin, die AfD, mein Vater und die sozialen Bewegungen – Eine Revitalisierung von Die Reaktion in Deutschland (1842)

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #108, Mai 2020

von: Jens Störfried

Einstieg in die sozial-revolutionäre Philosophie

Ein (proto-)anarchistischer Text, der mich vor Jahren begeistert hat, war Die Reaktion in Deutschland von Michael Bakunin. Der reißerische Titel allein war es wert, den mal wieder zu lesen… Und siehe da: Inzwischen verstehe ich das philosophische Gedankenkreisen noch etwas besser und finde es hochaktuell. In dieser Darstellung werde ich allerdings etwas abstrakt bleiben, um die Denkweise Bakunins nachzuempfinden und hoffe, sie dennoch etwas zugänglicher zu machen.

„Bakunins negative Dialektik“ weiterlesen

Das linke Ghetto aus Perspektive eines Schelmes

Lesedauer: 4 Minuten

Erinnerung an Die Glücklichen (Peter-Paul Zahl, Rotbuch-Verlag 1979)

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #105, November 2019

von: Mona Alona

Ein Knastbuch. Wiedermal. 40 Jahre nach seiner Ersterscheinung habe ich Lust an den Schelmenroman Die Glücklichen des anarchistischen Literaten, Druckers und Aktivisten Peter-Paul Zahl zu erinnern, dass er zwischen 1973 und 1979 während seiner zehnjährigen Haft schrieb. Für die Älteren mag es eine Erinnerung sein, bei den Jüngeren weiß ich nicht, ob jemand den Autoren noch kennt, der wegen seiner Antirepressionsarbeit in der Zeit der RAF abtauchte und dann unabsichtlich in einen Schusswechsel mit den Bullen geriet. Zum Leben von Zahl kann an anderer Stelle geschrieben oder nachgelesen werden. Für seinen überaus populären Roman Die Glücklichen ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung, dass er zwischen 1966 und 1972 in West-Berlin lebte und dort die heiße Phase der 68er-Bewegung mitnahm.

„Das linke Ghetto aus Perspektive eines Schelmes“ weiterlesen

Für eine neue anarchistische Theorie!

Lesedauer: 45 Minuten

Jonathan Eibisch

zuerst veröffentlicht in 3 Teilen: Gai Dao # 106, Januar 2020, #107, März 2020, #108, Mai 2020

Zusammenfassung:

Die Ausprägung und Weiterentwicklung anarchistischer Theorie ist ein wichtiger Bestandteil zur Formierung eines sozial-revolutionären Projektes und kein Selbstzweck. In Anschluss an Gedanken zur anarchistischen Synthese gibt dieser Text einen Anstoß zur kollektiven Arbeit an gemeinsamen theoretischen Grundlagen. Damit wird eine nicht-akademische Reflexion über autonome Theorie-Bildung ermöglicht.

Die Geschichte schreitet voran. Es nützt nichts, sich über die Wege zu beschweren, die sie geht. Diese Wege sind das Ergebnis einer langen Evolution. Gleichzeitig wird die Geschichte von Menschen gemacht.

Wenn wir den Verlauf der Geschichte nicht gleichgültig und passiv beobachten, sondern die Ereignisse im Sinne unserer Ideale mitbestimmen wollen, müssen wir uns mit den Tatsachen, vor die sie uns stellt, auseinandersetzen und uns in den historischen Konflikten positionieren.

– Errico Malatesta 1892

Anarchistische Demokratiekritik

Lesedauer: 14 Minuten

Originaltitel: Immer wieder notwendig: Anarchistische Demokratiekritik

– Eine Besprechung von From Democracy to Freedom. Der Unterschied zwischen Regierung und Selbstbestimmung (CrimethInc, bei Unrast 2018).

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #104, September 2019

von: Jonathan Eibisch

Zum aktuellen Buch von CrimethInc, dass 2018 auf deutsch erschienen ist, gab es zwar schon erste Lesungen des Übersetzungskollektivs.1 Eine ausführlichere Darstellung des Buches lohnt sich dennoch, weil die Grundproblematiken die darin behandelt werden immer wieder auftreten. Auch in anarchistischen Zusammenhängen bestehen unterschiedliche Ansichten in Hinblick auf den Nutzen etwa von „direkter Demokratie“. Nur wenige Vorstellungen, Interpretationen und Praktiken sind verbreitet, die der Falle des Politikmachens entgehen ohne gleichzeitig post-politisch oder „unpolitisch“ zu werden, das heißt die Vorstellung und Hoffnung aufzugeben, dass wir die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend verändern sollten und dies auch können.

„Anarchistische Demokratiekritik“ weiterlesen

Piratinnen-Abenteuer auf feministisch

Lesedauer: 4 Minuten

Rezension zu Die Irrfahrten der Anne Bonnie von Koschka Linkerhand (Querverlag 2018)

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #104, September 2019

von Simone

Als „Coming-of-Age-Geschichte“, als „Jugendroman“, bezeichnet die Leipziger Autorin Koschka Linkerhand ihren im letzten September erschienenen Roman Die Irrfahrten der Anne Bonnie, der schon einige Jahre zuvor die Grundlage für ein Theaterstück war. Das Setting ist das sogenannte „Goldene Zeitalter“ der Pirat*innen in der Karibik, wie es in der teils historisch fundierten, vor allem aber mythisch umwobenen Piratenlegende (offiziell) von Daniel Defoe im Buch A General History of the Pyrates (1724) bezeichnet worden war. Als Protagonist*innen dienen die Figuren der sich selbst suchenden Anne Bonnie, der mutigen, zwiespältigen Mary Reed und dem Captain „Calico“ Jack Reckham.

„Piratinnen-Abenteuer auf feministisch“ weiterlesen

Das Elend des deutschen Beamt*innengeistes

Lesedauer: 15 Minuten

Originaltitel: Splitter aus dem Elend des deutschen Beamt*innengeistes.

Über Rudolf Emil Martins Der Anarchismus und seine Träger. Enthüllungen aus dem Lager der Anarchisten (1887) und Die soziale Revolution (1919)

zuerst veröffentlicht auf: Gai Dao #102, Juni 2019

von Jens Störfried

Ein zeitgeschichtliches Theoriefragment

Vor 100 Jahren erschien ein Buch, dessen Titel für Sozialist*innen interessant klingt: Die soziale Revolution: Der Übergang zum sozialistischen Staat. Geschrieben wurde es gerade in der größten Umbruchsphase, dem Gründungsmythos der deutschen Republik, also 1919 nach Ende des Ersten Weltkrieges. Martin begründet darin in Anschluss an den österreichischen Sozialwissenschaftler und Juristen Anton Menger (Die Neue Staatslehre 1903), warum in Deutschland der Staatssozialismus eingeführt werden müsse. Die Verstaatlichung der Wirtschaft, die Festlegung eines Höchstvermögens von 100.000 Mark und die Übernahme der Regierung durch die Sozialdemokrat*innen, erscheinen ihm als pragmatisches Gebot der Stunde zur Erhaltung der deutschen Volkswirtschaft und Regierungsfähigkeit. Denn in den Wirren und Kämpfen der Nachkriegszeit hat Martin eine schmerzhafte Horrorvorstellung: Chaos, der Bürgerkrieg als „Kampf aller gegen alle“, den Staatsbankrott und letztendlich der Zusammenbruch des Staates. In Hinblick auf die beginnenden selbständigen Enteignungen, Fabrikbesetzungen, die Gründung von Arbeiter- und Soldatenräten und den Aufstand der Spartakist*innen (welche er als Anarchist*innen ansieht), bedürfe es seiner Ansicht nach eine umfassende Umstrukturierung der Gesellschaft, um das Schlimmste zu verhindern. Zusammenfassend schreibt er am Ende seines Buches deutlich: „Die einzige Möglichkeit, diese Entwicklung des Sozialdemokratismus zum Anarchismus zu verhindern, besteht in der positiven sozialen Reform, in der Einführung der von Anton Menger und mir vorgeschlagenen Verstaatlichung […]. Nur wenn der Staat durch ein positives Programm alle Teile der breiten Massen zufriedenstellt und die wirtschaftliche Gleichheit um ein bedeutendes vermehrt […] kann er sich den breiten Massen gegenüber als existenzberechtigt legitimieren und die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten“ (Martin 1919: 198f.).

„Das Elend des deutschen Beamt*innengeistes“ weiterlesen

Für eine neue anarchistische Synthese!

Lesedauer: 41 Minuten

Jonathan Eibisch

zuerst veröffentlicht in 4 Teilen in: Gai Dao #100, #101, #102, #103

Zusammenfassung:

Mit diesem Text versuche ich eine Position in eine Strategiendebatte einzubringen, die zum Zeitpunkt seines Erscheinens aktuell ist. Zugleich handelt es sich um einen relativ zeitlosen Text, der das grundlegende Thema betrifft – und dieses neu setzen will -, ob und wie eine pluralistische Organisation möglich ist. Der Inhalt der sozialen Revolution ist keineswegs neu, ebenso wenig wie die Erkenntnisse des synthetischen Anarchismus, dass die verschiedenen Strömungen ihre Berechtigung haben und sie sich darum auf das Gemeinsame besinnen sollten, um Stärke und Selbstbewusstsein entwickeln zu können.

Meist sind es jedoch gerade die scheinbar klaren Einsichten, deren Überprüfung eine tiefe Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zum Vorschein bringt. Dies muss kein Problem sein. Immerhin erweisen sich fundamentale Wahrheiten (wie jene, dass wir aufeinander angewiesen sind und dass Vielfalt unsere Stärke ist), deswegen als wahr, weil wir sie nicht zu fassen kriegen und im Letzten nicht definieren können. Was wir scheuen, sind die ernsten solidarischen Auseinandersetzungen, weil wir verlernt haben, uns konstruktiv zu streiten. Doch nur, wenn wir den Tatsachen ins Augen blicken und uns ent-täuschen lassen, können wir die anarchistische Synthese neu eingehen. Denn ihrem Wesen nach ist sie nicht, sondern ist nur im Werden – das heißt, wenn wir sie bilden.

Nie zuvor war ein Zusammenschluß unserer Kräfte so notwendig wie heute. Heute, wo wir fast allein stehen gegen eine Welt von Feinden mit unserem Ideal der Freiheit, das durch die Entwicklung des [neuen] Faschismus und des [diskreditierten] Bolschewismus eine neue Bedrohung erfahren hat. Beeilen wir uns! Laßt uns nicht einen Tag verlieren! […]

Je zerstreuter unsere Kräfte sind, umso schwächer sind wir. Je stärker solidarische Bande uns vereinen, umso mächtiger wachsen uns die Kräfte. Laßt uns diese elementare Wahrheit nie aus dem Auge verlieren. Sorgt dafür, daß sie die Richtlinie unseres Handelns werde!“

– Sebastien Faure 1928