Das Letzte, Generation

Lesedauer: 2 Minuten

Als ich im Gespräch erwähnte, wie die Idiotenpresse sich das Maul zerfetzt über die beiden „Aktivist*innen“ der Letzten Generation, entspann sich ein interessantes Gespräch. Wie widerlich ist es, wenn BILD-Journalist*innen und andere Schreibknechte engagierten Menschen auflauern, um reißerische Beiträge über Irrelevantes zu verfassen? So oder so, die Leute zerfetzten sich die Mäuler?

Ziemlich klar ist, dass das Bürgertum mit dem Verweis auf das Wasser-predigen-Wein-saufen zweier junger Klimabewegter vor allem seine eigene Dekadenz abfeiert. Es geht doch nicht um ein erlebnisorientiertes junges Pärchen auf Bali oder die Frage, wem mit welchem eigenen moralischen Anspruch im Verhältnis zu welchem Privileg, wie viele CO2-Äquivalente zustünden. Denn was für eine ekelhafte Logik eines grün-gewaschenen und nicht minder ökologisch zerstörerischen Kapitalismus ist das bitte?

In unserem Gespräch habe ich dennoch festgestellt, dass ich es anders handhabe. Denn das Problem besteht ja gerade darin, dass die betreffenden Fernurlauber*innen nicht im Einklang mit den hypermoralischen Aktionsformen handeln, die sie praktizieren. Sie machen sich nicht nur unglaubwürdig vor dem konservativen Bürgertum und den Arbeiter*innen, die ihre verblödende Presse lesen und hören. Ich persönlich verachte solches Handeln auch. Vor allem seine Rechtfertigung durch die Letzte Generation, welche vertrat, dass die Betreffenden den Urlaub als „Privatleute“ gemacht hätten und nicht als „Klimaaktivist*innen“.

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5 Ethik

Lesedauer: < 1 Minute

… die Diskussion, Verhandlung und Einrichtung zur Ermöglichung eines guten, reichen, schönen, gelingenden Lebens für alle Menschen. Statt religiös, naturalistisch oder philosophisch begründeter Moralsysteme, gibt es in der Ethik keine per se festgelegten Normen und Maßstäbe für „richtiges“ oder „gutes“ Verhalten. Vielmehr sind diese permanenten Aushandlungsprozessen unterworfen, welche zu verschiedenen Graden bewusst gemacht und durch unterschiedliche Interessen beeinflusst werden. Ethik ist im →Anarchismus nicht primär eine Frage der „privaten“ Lebensführung, sondern zielt einerseits auf die Kritik an bestehenden Lebensweisen in der vorfindlichen →Gesellschaftsform ab und verweist andererseits auf die vorhandenen Alternativen zu dieser.

Narzissmus: Wenn die Leere nie gefüllt wird, zerstört sie uns

Lesedauer: 19 Minuten

Ich bekam den Hinweis auf einen Text, der schon vor einer Weile von „carocaramel“ auf Indymedia veröffentlich wurde und der sich hier festzuhalten lohnt. In der Zusammenfassung heißt es:

Einige Überlegungen zum Narzissmus in antiautoritären Szenen. Ohne „professionellen“ Anspruch, aus Erfahrungen geschrieben. Narzisstische Persönlichkeiten und Charaktere sind tatsächlich ein ernstzunehmendes Problem, was der Verwirklichung unserer eigenen Ansprüche, als auch unserer Organisations- und Aktionsfähigkeit entgegensteht.

Die Autorin versucht darin ausführlich zu beschreiben, was sie als „Narzissmus“ begreift und in der „antiautoritären/autonomen/anarchistischen Szene“ offenbar erlebt hat zu interpretieren. Dabei scheint es sich um einen persönlichen Verarbeitungsprozess zu handeln. Dieser gibt einige interessante Anstöße, da die Ausgestaltung sozialer Beziehungen in einer „politischen“ Szene neben anderen Aspekten (Organisationsformen, Ideologie, Aktionsfähigkeit etc.) sicherlich ein wichtiger Faktor ist, um Handlungsfähigkeit unter widrigen Umständen zu erlangen. Weiterhin spiegelt sich darin der präfigurative Anspruch wider, erstrebenswerte Beziehungen vorweg zu nehmen. Also muss darüber nachgedacht werden, wie solche in einer besseren Gesellschaft aussehen können. Auf dieser Grundlage können gegenwärtig verbreitete Erscheinungen von problematischen Charakterbildern oder -zügen auch kritisiert werden – um ihre Weiterentwicklung zu ermöglichen. Nicht, um die Welt und die Menschen „wie sie sind“, an dem zu messen, „wie sie sein sollen“. Sondern ausgehend davon, dass es möglich ist, Hier und Jetzt Unterschiede zu machen. Bezogen auf Verhalten und Persönlichkeit kann demnach ein trotziges „So bin ich eben!“ auf eine ernstgemeinte Kritik nicht genügen. Gleichwohl wäre die Vorstellung völlig überzogen, es gälte jetzt „erst einmal“ Verhalten und Charaktere „zu verbessern“, „bevor dann“ organisiert werden könne. Oder auch, dass es sich bei diesem Anliegen um die hauptsächliche „politische“ Tätigkeit handeln würde. Das ist sie sicher nicht. Aber eine unter vielen. In der linksliberal-versifften Szene-Blase wird zwar viel über „political correctness“ definiert und Ein- und Ausschlüsse vorgenommen. Kollektive Bewusstseinsbildung geschieht darüber jedoch meiner Erfahrung nach selbst. Das ist schade, denn die Entwicklung einer anarchistischen Ethik sollte nichts sein, was einzelne Personen mit hohen moralischen Ansprüchen vorgeben – sondern ein andauernder Verständigungsprozess, der sich maßgeblich an unseren Erfahrungen statt an gesellschaftlich verbreiteten Normen oder Gesetzen orientiert.

Wie auch immer, im Beitrag werden denke ich Erfahrungen angesprochen, die sicherlich viele machen und für die es keine einfachen Lösungen gibt. Auch wenn einige Andeutungen gemacht werden, bleibt der Text allerdings größtenteils bei einer Beschreibung und könnte noch etwas tiefer schürfen…

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Für eine neue anarchistische Ethik!

Lesedauer: 47 Minuten

Jonathan Eibisch // November 2019

Zusammenfassung:

Wie lässt sich ein gelingendes, reiches, schönes, erfülltes Leben beschreiben? Wie lassen sich die Bedingungen herstellen, die Ressourcen aneignen, die Fähigkeiten erlernen, um es einzurichten? Und wie kann es schließlich für alle möglich werden – nicht gegen-einander, sondern miteinander, in geteilter Verantwortung für uns selbst, für Andere und für die Mitwelt? Diesen Fragen geht die anarchistische Ethik nach, deren Grundzüge in diesem Text dargestellt werden.

Im Wesentlichen bestehen die Aufgaben der Ethik nicht darin, die Mängel der Menschen hervorzukehren und ihm seine ‚Sünden‘ vorzuwerfen; sie muss in positiver Richtung wirken […]. Sie bestimmt und erläutert einige wenige Grundlagen, ohne die weder Tiere noch Menschen in Gesellschaft leben könnten.

Außerdem aber beruft sie sich auf Höheres: auf Liebe, auf Mut, auf Brüderlichkeit, auf Selbstachtung […]. Gleichzeitig sagt sie dem Menschen, dass, wenn er ein Leben führen wolle, bei dem seine Kräfte sich völlig entfalten könnten, er endgültig dem Gedanken entsagen müsse, dass man leben kann, ohne mit den Bedürfnissen und Wünschen der andern zu rechnen.“

– Peter Kropotkin 1902