„Alles gut!“ – „Sag mal geht’s noch, du Alles-Gut-Mensch?“

Lesedauer: 8 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #81 / Sept. 2017

Irmgard die beleidigte Anarchakonservative

Mensch, was brocke ich mir jetzt wieder ein, wenn ich schon zu Beginn des Artikels befürchten muss, manche*n in ihrer*seiner Empfindung, ihrer*seinem Sicherheitsgefühlen – ungewollt! – anzugreifen, in unser Weltbild reinzugrätschen und damit auch ganz mich selbst in Frage zu stellen. Verdammter Regentag, da kann ja nun nichts werden! Selbstzweifel nagen an mir, nagen an dir, die wir beide dann gewohnt sind, sie in Selbstkritik umzudeuten, welcher wir ja doch noch was Positives abgewinnen könnten. Aber darin liegt schon ein grundlegendes Missverständnis: Denn Kritik muss und braucht nicht „konstruktiv“ sein. Deswegen muss unsere Hoffnung dahingehend von vorne herein enttäuscht werden. Immerhin: So eine Ent-täuschung bringt dann vielleicht gelegentlich etwas Klarheit.

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Unter Neurechten – ein bedrückendes Essay

Lesedauer: 10 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #79 / Juli 2017

von Simone

In der literarischen Verarbeitungen der eigenen Vergangenheit stellt der Autor seine Erfahrungen mit einem Kreis der faschistischen „Neuen Rechten“ in Chemnitz dar. Diese bildeten 2002 eine Schülerburschenschaft, gründeten die neurechte Zeitung „Blaue Narzisse“ und gewannen später großen Einfluss als faschistische Intellektuelle, unter anderem auf den völkischen Flügel der AfD unter Björn Höcke sowie die Identitäre Bewegung. Um die Erneuerung des Faschismus zu verstehen, sind Orte und Zeiten zu begreifen, in denen er sich unter einem anti-emanzipatorischen Willen organisiert. Wenn wir uns als ihre grundlegenden Feinde positionieren wollen, gilt es auch die Faschos zu ernst zu nehmen…

Lebensphasenabschnittsumbruchsbedingt komme ich derzeit nicht umhin, über meine eigene Entwicklung und Vergangenes nachzudenken. Reflektierte Menschen sind geschichtliche Wesen, verstehen sich also in ihrem Gewordensein und in den Herausforderungen, die sich für sie im Leben und in ihrer Zeit stellen. Weil sich Zeiten, Räume und Verhältnisse im Wandel befinden, gilt es dauerhaft zu rekapitulieren, was Vergangenes war und wie es zu deuten sei, um vernünftiges Handeln im Hier und Jetzt anzustoßen. Was sich geändert hat sind die politischen Landschaften in den Krisen der neoliberalen globalisierten Herrschaftsordnung in den letzten Jahren. Die autoritäre, antiliberale und antidemokratische Alternative mit ihren neofaschistischen Elementen zeichnet sich klar am Horizont ab und ficht die alte Hegemonie an.

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(M)ein Weg zum Anarchismus

Lesedauer: 8 Minuten

Originaltitel: (M)ein Weg zum Anarchismus – persönliche Reflexion über bisherige politische Sozialisation. Ein Anstoß

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #76 / April 2017

von Simone

Der folgende Text ist bewusst subjektiv und aus der Perspektive eines Eigenbrötlers verfasst. Darin wird über verschiedene Erfahrungen und die Fähigkeiten und Möglichkeiten zu ihrer Interpretation und Reflexion nachgedacht. Unter anderem geht es um die Frage, mit welchen Gruppen sich Menschen identifizieren, wenn sich ihre politische Identität entwickelt und welche Gründe das hat.

Seitdem ich, in Kontexten wo es Sinn ergibt und wenn mir danach der Sinn stand, angefangen habe mich eindeutig als Anarchist zu positionieren und auch die Ideen des Anarchismus öffentlich zu propagieren, spürte ich doch eigentlich nie das Verlangen, Menschen wirklich davon überzeugen. Das klingt erst mal ziemlich seltsam, finde ich, denn welchen Grund sollte es sonst haben, sich öffentlich zu bestimmten politischen Vorstellungen und Bewegungen zu bekennen, wenn nicht den, andere auf die eigene Seite, in die eigene Gruppe, in das eigene Weltbild holen zu wollen? An einer Klandestinität lag es sicherlich nicht, denn was klandestin ist, dazu äußere ich mich nicht. Umgekehrt halte ich es aber für völlig unsinnig, meine Perspektive zu verbergen, da ich ihrer sicher bin; sie begründen kann; sie mit meinem ganzen Leben zu tun hat. Eine Art „Coolness“ war ebenfalls nicht der Grund, denn ich bin alles andere als cool – ausgenommen einer innerlichen Abgefucktheit, die sich aus einer großen Sensibilität speist und deswegen leider öfters eine Distanz zu den Dingen notwendig macht.

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Pokémon Go Home

Lesedauer: 6 Minuten

Eine sarkastische Kolumne über die Verwirrungen durch Pokémon Go

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #69 / Sept. 2016

von Imgart Edelweiß, der beleidigten Anarchakonservativen

(Entgegnungen, am besten in literarischer Form sind sehr erwünscht!)

Wir saßen vor unserem Haus auf der Couch als wir sie zum ersten Mal bemerkten. Dutzende Menschen, die standen oder auf Geländern saßen und auf in manischer Versessenheit auf ihre smartphones glotzten. Im Grunde genommen keine seltsame Sache in unseren individualisiert, entfremdeten, vernetzten Zeiten. Doch irgendetwas schien seltsam, ungewöhnlich, anders im Verhalten der internetverbundenen und dauerüberwachten Mobilfunknutzer_innen. Es war der zweite Tag an dem Pokémon Go in der BRD rauskam. Desinformiert und von der Mehrheitsgesellschaft abgeschnitten wie stets erfuhr ich erst vom Freund der bei mir saß vom Hype, dessen Ankündigung schon an mir vorbeigegangen war. An dieser Stelle drängt es mich, mich zu outen: Ich verstand meine Umwelt nie und darum ist es eine traurige Tatsache, dass bei mir nicht mal Kindheitserinnerungen wach werden, wenn es um Pokémon geht. Das ist total langweilig, ich weiß. Dabei bin ich nicht mal ohne Fernseher aufgewachsen, sondern hatte früher wohl einfach keine Freund*innen. Oder habe ich mir meine rudimentären Pokémon-Erinnerungen über die Jahre weggesoffen?

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Großevents – der Linken liebstes Kind

Lesedauer: 7 Minuten

Reflexion über meine Motivation daran teilzunehmen

zuerst veröffentlicht in: Lirabelle #11 / Dez. 2015

von Mona Alona

Frankfurt 18. März, Garmisch-Partenkirchen 3.-7. Juni, Berlin 21. Juni – hatte ich nichts anderes, sinnvolleres zu tun, als mir diese und andere antikapitalistischen Events anzuschauen? Wusste ich nicht zuvor schon, was mich jeweils erwarten würde und das es „realistisch“ betrachtet im Grunde genommen keinen Unterschied macht, ob ich mich als einzelne Person beziehungsweise mit einer Bezugsgruppe in routinierte Protestmodi hineinbegebe, die mit verschiedenen Argumenten kritisiert werden können und sollten? Gelegentlich scheint es, als würden Linke, wenn ihnen nichts besseres einfällt um ihre Ohnmachtsgefühle zu kompensieren, das tun, was sie eben gefühlt am besten können: eine Demo zu organisieren, damit sich im Zweifelsfall immerhin alle Aktivist*innen mal wieder treffen und durchzählen können, wie viele es von ihnen denn noch gibt.

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